gote,
m. ,
angehöriger des untergegangenen german. volksstamms der Goten. herkunft und form. die antike überlieferung (Schönfeld
wörterbuch d. agerm. personen- und völkernamen [1911] 120)
zeigt zunächst die form Gutones Pytheas
bei Plinius
nat. hist. 37, 35;
Γούτωνες Strabon 7, 1, 3 (
ci. für Βούτωνες, Βούτονες); Gutones Plinius 4, 99;
Γύθωες Ptolemaeus 3, 5, 8; Gotones Tacitus
annal. 2, 62; Gothones
Germania 43; sodann
*Γοῦθθοι im gen. pl. Γούθθωι,
parthisch Gut
inschrift um 270
bei Persepolis, s. Junker PBB 74 (1952) 297; Goti, Gothi
bzw. Γόθοι, Gotthi
bzw. Γότθοι,
selten Gotti
bzw. Γόττοι seit dem 3.
jh.; in einheimischer überlieferung findet sich nach Krause
der name in Gutani
gen. pl. auf dem goldring von Pietroassa (
wahrscheinlich 4.
jh.)
runeninschriften im älteren Futhark (1937) 172; Arntz
u. Zeiss
d. einheim. runendenkmäler d. festlandes (1939) 52—97
und in ana Gutþiudai '
im Gotenland' (
wörtlich '
im Gotenvolk',
vgl. an. Suípióð
für Schweden
und dergl.)
im bruchstück eines kalenders bei Streitberg
d. got. bibel 472 (
die richtige übersetzung gab zuerst Loewe
zs. f. dt. altert. 59 [1922] 248
f.).
danach ist der name der Goten gotisch als Gutans
und Gutos
anzusetzen. lautlich identisch damit ist agutnisch Gutar (
gen. Gutna
und Guta),
der name der bewohner der insel Gotland. gegen die an sich nicht unwahrscheinliche annahme, dasz aus Gutaz '
Gote'
lit. gudas '
Weiszrusse, Kleinrusse, Pole oder russ. Litauer',
lett. guds '
weiszrussischer flösser'
entlehnt sei, spricht das d
des baltischen wortes; diese schwierigkeit sucht Ed. Hermann
nachr. d. Göttinger akademie d. wissensch. phil. hist. kl. (1941) 244
durch die annahme volksetymologischen anschlusses (
etwa an lit. gudrus '
klug, schlau'), E.
Schwarz Goten, Nordgermanen, Angelsachsen (1951) 32
f. durch die sehr kühne vermutung zu beheben, dasz der name schon vor der lautverschiebung im 5.
jh. v. Chr. von Goten von der insel Gotland entlehnt sei. auch dafür, dasz Danzig
und Gdingen
auf den namen der Goten
zurückzuführen sei, treten beide forscher, wiewohl mit bedenken, ein. im anord. und westgerm. ist das u
der wurzelsilbe regelrecht zu o
geworden: an. gotar (
gen. gotna,
wonach auch der nom. gotnar) '
helden' (
nach anderer auffassung '
Goten'), goti '
rosz',
ags. Gotan '
Goten'.
die westgerm. vocalisierung ist von Tacitus
an für die lat. u. griech. form maszgebend geworden, selbst bei dem Goten Jordanes.
danach dann auch Gothiscandza,
wie nach Jordanes
cap. 4
die aus der insel Scandza auswandernden Goten die küste des festlandes nach sich selbst benannten, was von Müllenhoff
dt altertumskunde 2 (1906) 396
als erfindung bezeichnet wurde, meist als '
gotisches ende' (
*in gutisk andja '
am gotischen ende, sc. küste'),
von A. Kock
Svensk hist. tidskr. 25, 19
und G. Neckel
zs. f. deutschkunde (1931) 155
jedoch wahrscheinlicher als gutisk-Skandia '
gotisches Scandia'
gedeutet wird. *Gutans, gotar, Goten
steht im ablaut zu an. Gautar,
schwed. götar,
ags. géatas '
Gauten, bewohner von Väster- und Östergötland' (
von wo die Goten ausgewandert sind, s. Schwarz
Goten, Nordgermanen, Angelsachsen [1951] 18; 150).
weitere anknüpfung ist unsicher, am wahrscheinlichsten ist eine urspr. bedeutung '
männer' (
vgl. norw. gut '
junge, junger mann, mann')
zu giutan '
gieszen'
als '
semen emittere',
vgl. gr. ἄρσην '
männlich'
zur wurzel ers '
flieszen'
und Hellquist
3325,
wo parallelen für die selbstbenennung von völkern als '
männer, menschen'
gegeben werden. im dt. tegegnet der name zuerst im frühnhd.; ob schreibungen mit tt(h)
auf die urspr. kürze des vokals weisen, läszt sich nicht entscheiden: neben die gotthen Ruland
dict. (1586) 526
a; Faber
thes. (1587) 367
b; Decimator
thes. (1608) 567; Pitiscus
lex. lat.-belg. (1726) 660; die gotther Hedio
Cuspinian (1541) 140; gotten Luther (
s. u.) auch gothen Reyher
thes. (1668) 2, 2889; Steinbach
dt. wb. 1 (1734) 623;
für die unsicherheit kennzeichnend: die Gothoner sind eben die Guttoner, von welchen wir droben aus dem Pythia gehöret, das bey jhnen der bernstein gefunden und verkaufft worden: vnd dieselben werden mit andern nahmen auch Gothen, Geten und Gotten geheiszen Micraelius
Pommerland 1 (1639) 15.
seitdem wohl zweifellos mit langem wurzelvokal. bedeutung und gebrauch. erst die besinnung der deutschen humanisten auf die vergangenheit des eigenen volkes führt zur wiederentdeckung der Germanen. weil von den in der völkerwanderungszeit hervortretenden Germanenstämmen die Goten
dem schicksal der Mittelmeervölker, die damals allein eine literarische kultur besaszen, die stärksten spuren eingegraben haben, finden sie zunächst von allen die gröszte beachtung. das wort wird fast ausschlieszlich pluralisch verwendet. 11)
im weiteren sinne: Germanen schlechthin ohne scharfe stammes- und volksmäszige scheidung. aufs frühnhd. beschränkt; von den Cimbern: ich acht vnd halt es mit Johan Carion vnd Procopio, das die Cimbri oder Cimmerij die Gothi seien ausz Gothland der insel, ein teutsch volck, ... haben aber durch so vil krieg vnd fäll den namen Cimbri verlorn und werden itz Gete oder Gothi genent, ausz der insel Getica oder Gothica S. Franck
Germ. chron. (1538) 8
b; bisz dise greulichkeyt vnnd hitzige brunst in den barbarischen Gothen veraltet
ebda 9
a; dasz die Gothen aus der insul Scanzia ... alles mit ihrer cimbrischen Gothenmacht ihnen unterthänig gemachet J. Tröster
d. alt u. neu teutsche Dacia (1666) 14;
von den Alemannen: es hat auch Gratianus ein mercklich schlacht mitt den Gothiern gethan bey Straszburg S. Franck
Germ. chron. (1538) 45
b. 22)
im engeren sinne: das germanische volk der Goten.
im 16.
jh. ohne scharfe trennung von anderen germanischen völkern, so dasz die entscheidung der bedeutungszugehörigkeit zu 1)
oder 2)
weithin offenbleiben musz: also sties er (
gott) ... das königreich ynn Kriechen durch die Römer, die Römer durch die Gotten und Türcken (
ab) (1526) Luther 19, 360
W.; demnach thet er ein plütige schlacht mit den teutschen Gotthis bey Constantinopel ... die Gotthi eylten hinach S. Franck
Germ. chron. (1538) 44
b; zuo diser zeyt begerten die Gother (
sic!) in Thracia christen zuo werden; da ward jhn Arrius gepredigt
ebda 45
a; eine (
tochter) gab er (
Dietrich von Bern) Alarico der Gotthen künig; dann es hetten die Gotti in Hispania ein künig
ebda 51
b; (
Aurelian) der hat auch die Göther gar strengklich überwunden Hedio
chron. (1543) 141.
die bedeutungsverschärfung entwickelt sich an der fast formelhaften verbindung mit den Wenden (
vgl. 3),
d. h. Vandalen: wie er (
Christus) denn wol kan seine feinde durch andere feinde straffen, die Juden durch die ROemer, die Romer durch Gotthen und Wenden (1535) Luther 41, 114
W.; (
gott) lies die stad Rom durch die Gotten und Wenden jnn kurtzen jaren vier mal erobern, endlich verbrennen und schleiffen
ebda 51, 290; in eruptionibus deren Hungern, Gothen, Wenden, Abern und anderer mechtiger völker und nationen
Zimmer. chron. (
21881) 1, 21
Bar. sogar noch: die wissenschaften wandern, wie die Gothen und Wenden, und auch der geschmack wandert von ost zum west (1767) Gleim in:
br. dt. gelehrter an Klotz (1773) 112.
das encyclopädisch-antiquarische interesse des barock verfestigt diese einschränkung des gebrauchs: ... wohin der Scyten pferd den schnellen fusz einsetzt; was Susa vorgenommen; wie weit der barbar sey; wie weit der Gothe kommen Gryphius
trauersp. 33
lit. ver.; der Scyth hat erstlich dich (
Siebenbürgen), der Gothe und Sarmat: eh er hier setzte sich S. v. Birken
bei: J. Tröster
poln. adlernest (1666) ):( 10
a.
deutlich wird das vor allem durch die zusammenstellung mit anderen germanischen stammesnamen: der Gothe, Cimber, Sachs, Däne, Wahle, Franke, Schwabe Schottel
haubtspr. (1663) a 1
b; welcher gestalten vor diesem aus dem lateinischen durch die Gothen und Lamparter das italianisch und durch die teutsche Francken das frantzösisch umbgegossen worden (1673) Grimmelshausen
Simpliciana 185
ndr.; durch den einfall der Gothen und Longobarden in Italien J. Fr. Christ
leben Cranachs in: fränk. acta erud. 1 (1726) 342.
seitdem eindeutig auf das volk der Goten
bezogen: indem sie es bey ihm mit den gelehrten sachen, nicht besser als vordem die alten Gothen machen (1729) Abel
Boileau's satyr. ged. 5, 176; dergestalten überschwemmte eine zweyte sündflut die wissenschaften, und die mönche vollendeten (
in Rom), was die Goten angefangen hatten Drollinger
ged. (1743) 240; die kriege der barbaren und das feuer der Gothen haben den künsten geschadet Chr. Ad. Klotz
beytr. z. gesch. d. geschmacks (1767) 159; (
spottvers auf Goethes namen) der von den göttern du stammst, von Goten oder vom kothe, Goethe, sende sie mir Herder
bei Göthe 27, 311
W.; so erweis uns, dasz die Goten schon wirklich so gebaut haben (1773) Göthe 37, 147
W.; sie (
die Nickolskirche zu Leipzig) ist im äuszeren, wie die religion, die in ihr gepredigt wird, antik, im innern nach dem modernsten geschmack ausgebaut. aus der kühnheit der äuszeren wölbungen sprach uns der götze der abendtheuerlichen Gothen zu; aus der edeln simplicität des innern wehte uns der geist der verfeinerten Griechen an H. v. Kleist
br. an s. braut 62
Bied.; mit den Gothen beginnt eben der vorherrschende einflusz des germanischen stammes und deutschen sinnes in der geschichte ... des abendlandes (1805) Fr. Schlegel
s. w. (1846) 6, 181; und den flusz hinauf, hinunter ziehn die schatten tapfrer Goten, die den Alarich beweinen, ihres volkes besten toten (1820) Platen
w. 1, 6
Redlich; gebt raum, ihr völker, unserm schritt, wir sind die letzten Gothen
F. Dahn
kampf um Rom (1901) 4, 18; ungeachtet der Goten auf der rechten seite des unteren flusses Müllenhoff
altertumskde 2 (1906) 3; ein kind ... mag von den Langobarden geboren werden in Oberitalien, oder in Spanien, oder in Afrika, oder von den Goten an der Wolga, sein volk bleibt immer sein volk Anna Seghers
d. toten bleiben jung (1950) 500. 33)
in speziellerer bedeutung. im formelhaften titel der Schwedenkönige: an doctor Martin Luther x Gustaff von gots gnaden zu Schweden, der Gotten vnd Whenden ... konig (1541) Gustav v. Schweden
bei Luther
br. 9, 430
W. durch die züge Gustav Adolfs und die schwedische herrschaft in Norddeutschland (
bis 1815)
bekannt: auf ihrer durchläuchtigsten frauen, ... der Schweden, Gothen und Wenden königin usw. ankunft in Leipzig (1631) P. Fleming
dt. ged. 326
Lapp.; geschichte Gustafs III., königs der Schweden und Gothen E. L. Posselt (1793)
titel. ohne diese verbindung später historisierend: (
Frankreich) sah sich schon damals, als er (
Gustav Adolf) den Lechstrom passierte, nach fremden bündnissen um, den sieghaften lauf des Gothen zu hemmen Schiller 8, 301
G. 44)
nur selten verbindet sich mit Gote
die abfällige wertung der italienischen renaissance des 15.
jhs., von der die bauwerke aus der zeit der Germanen- und der mittelalterlichen deutschen herrschaft gegenüber der klassischen kunst der antike als roh, verworren, barbarisch geringschätzig verachtet (
näheres s. gotisch B)
und die Germanen für die zerstörungen an den heimischen bauten verantwortlich gemacht wurden, wobei die Goten
wie unter 1)
als die repräsentanten der Germanen mit unklarem einschlusz der mittelalterlichen Deutschen erscheinen. diese auffassung übernehmen die deutschen humanisten aus dem ursprungsland: quam foede disciplinas omnis confuderint isti Gothi, quanto supercilio suam inscitiam perdoceant, quam stolida peruicacia et propriam tueantur ignorantiam et alienam eruditionem aspernentur (1505) Erasmus v. Rotterdam
op. epist. 1, 409
Allen; quo tandem jure, ô vos Gothi, è vestris egressi limitibus, non modo Latinorum provincias occupatis (disciplinas loquor liberales), verum etiam ipsam urbem rerum dominam, Latinitatem audetis incessere?
ders., op. omnia 10 (1706) 1706.
vgl. frz. ostrogot '
ungeschliffener mensch' Gamillscheg
etym. wb. (1928) 655.
im deutschsprachigen schrifttum zunächst nur gebraucht, um mit überlegener ironie die einstellung des Italieners zum Deutschtum zu charakterisieren: (
vgl. gotisch B,
sp. 1002
f.): (
der papst:) und förcht, die jungen Gothen (
die deutschen bestien) fast werden mir auch kommen zu gast (
um 1634) Opel-Cohn
dreiszigj. krieg (1862) 338; (
Winckelmann) ist in der zahl der wenigen, die den deutschen namen auch in gegenden (
Italien) schätzbar gemacht haben, wo man ihn sonst unter dem namen der Gothen zu begreifen gewohnt ist (1777) Herder 8, 439
S.; der nächste abschnitt (
von Lloyd Georges kriegserinnerungen) befaszt sich mit der italienischen front, wo der teutonische schlag, wie ihn L. G. nennt, im october 1917 mit der 12. Isonzoschlacht ... geführt wurde und den 'Goten' die möglichkeit erstand, einen triumphmarsch auf Rom anzutreten
dt. allg. ztg. v. 25. 7. 1934
nr. 341.
vereinzelt steht ein gotisch B
entsprechender ernsthafter gebrauch zu abschätziger wertung des eigenen volks: die Gothen in der tonkunst haben sich noch nicht verloren, ob schon die vernunft und die natur die stücke unserer besten meister beleben. wir sehen solche tonkünstler, die sich eine ehre daraus machen, unverständlich und unnatürlich zu setzen. sie häufen die figuren. sie machen ungewöhnliche auszierungen. sie werden dabey so künstlich, dass sie sich selbst nicht verstehen. folglich entfernen sie sich beständig von der natur und von den absichten ihrer stücke. sind dieses nicht wahre Gothen in der tonkunst? Scheibe
critischer musicus 4 (1737) 755; morgen reise ich von hier (
Hannover) nach dem Münsterlande, wo Gothen und Vandalen wohnen, und wo die leute gar keine liebhaber der schönen wissenschaften sind (1770) Jacobi in:
br. dt. gelehrter an Klotz (1773) 179.
hierher wohl mundartl. im sinne von '
aufsässiger kerl, krakeeler, unruhstifter': ich wer mich in obacht nehmen und wer mich zu solchen Gothen setzen Gerhart Hauptmann
die weber (1892) 60.
vom dichter 10. 3. 1944
brieflich als in Bad Salzbrunn '
oft gebrauchtes mildes schimpfwort'
für '
einen nicht bösartigen, aber plumpen und unbeweglichen menschen'
erläutert. 55)
zusammensetzungen, erst seit ausgang des 18.
jhs. üblich werdend. 5@aa)
zu rein sachlicher feststellung im sinne von 2:
gotenapostel: der Gotenapostel Ulfilas
F. Kluge
unser deutsch (1919) 19;