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gemuet

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

gemüt n.

Bd. 5, Sp. 3293
gemüt, n. coll. zu mut. 11) die form. 1@aa) ahd. gimuati, mhd. gemüete, mnd. gemôde, auch gemôte und gemôt wb. 2, 55a, wie mhd. auch gemuot n. wb. 21, 258a, 48, leidigeʒ gemuot welsch. gast 10672 (var. leidigen gemuot), auch 10683 var.; mnl. gemoede, nnl. gemoed. das ahd. wort übrigens, nur bei Otfried bezeugt, hat bei diesem eine abweichende bed. (s. u. gemütlich), die von mhd. gemüete spricht doch aber aus dem muoti in zusammensetzung unter c. [] 1@bb) fürs nhd. ist zu bemerken, dasz die volle form gemüte sich im gebrauch der dichter erhalten hat, wie sie im 18. jahrh. auch noch in prosa erscheint, in ostmd. mundarten noch heute, und dasz der pl., jetzt gemüter, anfangs auch noch ohne das -r erscheint, gemüte (z. b. Luther u. 2, e), oberd. auch die gemt S. Frank u. 5, b; dem reim zu gefallen auch noch in unserm jh.: von abertausend blüthen ist es ein bunter strausz, von englischen gemüthen ein vollbewohntes haus. Göthe 5, 193 (div., buch Suleika, geheimschrift). 1@cc) im ahd. zeigt es sich ohne das gi- (s. u.ge sp. 1610 γ a. e., auch gehäsz, gelärr), das auch sonst besonders in zusammensetzung ausbleibt, z. b. in heiʒmuoti n. furor Otfried IV, 30, 8, neben heiʒmuot n. und heiʒmuotî f. Graff 2, 696, unmuoti n. 687, widarmôti n. injuria 692; ebenso alts. heitmôdi n., ovarmôdi, ôdmôdi demut, doch auch gimôdi, aber, wie ags. gemêde, in anderm sinne (s. a. e.). 22) das gemüt ist ursprünglich, wie der mut, unser inneres überhaupt im unterschied vom körper oder leib, daher leib und gemüt u. ä., wie leib und seele. 2@aa) mhd. z. b. gemüete und lîp: swer was an gemüete starc und dâ bî kranc an lîbe (im kampfe) .. Lohengrin 4427, wie muot und lîp, z. b.: ouch ensparten si lîp noch den muot (im kampfe). Iwein 5407; wand ir was vil trüebeder lîp und ouch der muot. Nib. 787, 3. ebenso nhd.: ist er mit lyb uf dem weg, mit gemt doheim. Keisersberg chr. bilg. vorr. e 3; da sie nicht meineten ... den zeitlichen fried des leibs, sondern des gemüths. Luther br. 3, 358, gemütsruhe wegen des seelenheils; so ich zu gott ein liebe hett .. ouch bgirig wär by im zu sin, denn zmal (dann) ich gwüsz in gott bin. 'ja mit dem gmt, on den lyb'. Utz Eckstein concil, klost. 8, 788; du darfest nit gedenken, dasz die reichen ein solich creuzlos leben fren, wie es der arm von auszen ansihet, sie seind gemeingklich von leib und gemt krank, voller angst, anfechtung und bösem gewissen. S. Frank spr. 2, 141a (also nicht wie unser gemütskrank); allein sorgen sy, das die begird der vernunft, der leib dem gemt diene. weltb. 194b; dieweil das gemt im leib (ist) wie die unru in der uren und wie der reuter auf dem pferd .. Fischart pod. trostb., klost. 10, 655; sie (die bettler) sein weder mit den gemühtern noch mit den leibern occupirt. Schupp. 697, haben weder geistige noch körperliche arbeit; dieser (Alexander) hatte nur ein grosz gemüthe bei einem kleinen leibe, und jener (Karl der dicke) nur einen groszen leib bei einem kleinen gemüthe. J. G. Meister unvorgr. gedanken von teutschen epigrammatibus Lpz. 1698 s. 149. auch glieder und gemüt: ich sehe aber ein ander gesetz in meinen gliedern, das da widder streitet dem gesetz in meinem gemüte. m. 7, 23 (gr. νοῦς, vulg. mens, vgl. 3, a). 2@bb) so noch im 18. jh. körper und gemüthe, der ganze mensch: wie silber glänzt die reine blühte, ihr lieblicher geruch labt cörper und gemüthe. Brockes 4, 37 u. öfter; so musz er (der mensch) dazu seine organe so harmonisch stimmen .. dasz er so vieles als möglich sich aneignen kann, da ohne aneignung kein nahrungsstoff weder in das gemüth noch in den körper übergeht. W. v. Humboldt ästh. versuche 1, xiii. ähnlich person und gemüth: geneigter leser .. sei versichert, dasz in meiner geringen person ein solches gemüth anzutreffen, welches nur den geringsten schein einer erkänntlichkeit mit immerwährendem danke zu erwiedern bemühet lebt. Felsenburg 1, vorr. a. e. 2@cc) auch bildlich, um das rechte verhältnis zwischen fürst und staat (respublica) klar zu machen: denn diese zwo stücke müssen und sollen sich gegen einander halten und sein wie leib und seele, der fürst ist als das gemüthe, respublica das corpus. Jo. v. Wedel hausbuch 189. 2@dd) natürlich wird der gegensatz auch still vorausgesetzt, z. b. (eigentlich auch in allem folgenden): würt dein gemt also bewert und sölcher masz in gott gericht, so hab ain guote zuoversicht, das du seist in der sälgen zal. Schwarzenberg 155d; herr Jesu Christ, ich weisz, du bist mein bruder von gemühte. J. Rist himml. lied. 4, 238, [] vergl. Eckstein unter a, uns wäre geist deutlicher. so ist man im oder mit dem gemüt anderswo als mit dem leibe, abwesend, wie jetzt im geiste, in gedanken: aber dʒ allerbest end zuositzen (wo du gut und sicher säszest) dʒ wär ainigkait des gemts, wenn du allain wärest in dem gemt, wenn du schon leiblich allain bist .. so bist du doch nit allain, warum? du bist an allen orten im gemt, du bist auf dem markt, du bist in der kuchin u. s. w. Keisersberg gaistl. spinnerin O 3d (zu nonnen gepredigt); du setzst dich nider und wilt gar andechtig sein .. so seind der unnützen gedanken so vil .. da bauwest du ain schlosz, da bistu auf dem markt .. kurz, du bist auf allen jarmarkten im gemte. N 4c; darumb er ging zum helden hin, sprach: herr, ich merk wol, das ir seit mit ewrm gemuot von hinnen weit und sitzt, als sei eüch lang die weil. Teuerd. 53, 10. man thut etwas in seinem gemüt, in gedanken, im geiste: es seind vil erenfrawen, die andere männer nemen in irem gemt, dieweil ire männer leben. Pauli sch. u. ernst 61b. 2@ee) daher auch das gemüt für den mann selber, wo das geistige in frage kommt: me secht, eyn hase sy eyn quat gemOete, dat bewisede sick an dussen schichtmekers. Braunschweiger chr. 2 (städtechr. 16), 340; hie beger ich, das zuhören wolten allein frume, redliche gemüete. Luther post. 1528 240a; ein grosz gemt fragt nicht darnach, wie das glück wtet. S. Frank spr. 1, 16a; lob und rhum, welchem die edelsten gemüter nachtrachten. Opitz poet. 60 Br.; wie gekränket war sie doch (die gattin), da ihr Berkow ward erschossen, Berkow, das feine, geschickte gemüt, dessen gedächtnis noch immerzu blüht. P. Gerhard 270 d.; ich frage hier alle unpassionirte gemühter, ob dieser Butyrolampius hierin nicht rede als ein scurra? Schuppius 583; dasz einer alten vettel ... mehr geglaubet wird als einem redlichen gemühte. 548; des himmels einflusz begeistert die seelen ohne lehrmeister, und die allgemeine verachtung macht, dasz manch hohes gemüthe seine kostbarkeit in der asche eines ewigen stillschweigens verbergen musz. Chr. Weise polit. redner 366, im munde eines phrasenmachers, der lächerlich gemacht wird; hohe gemüther belustigen sich an hohen reden. 316, ebenso; das sind hohe gemüther, welche allezeit etwas sonderliches haben wollen. das.; ha ha he, ich dacht es wol, dasz er mich nicht verstehen würde, das ist der unterscheid zwischen hohen und niedrigen gemüthern. 335; ein durstig gemüthe hat keine beliebung zu dem sonst herrlichen .. wasser. Olearius pers. ros. 1, 42, wie jetzt eine durstige seele; folgender jahre (nach dem mittelalter) ist die poesie meistens unter gemeine hände gerathen und von erläuchten und adelichen gemüthern wenig gebraucht worden. Hoffmannswaldau vorr. b 3b; gute gemüther sehen so gerne den finger gottes in der natur. Göthe 19, 343; dann sauget jedes zärtliche gemüthe aus eurem werk sich melanchol'sche nahrung. 12, 14; Hans war ein mittheilsames gemüth. Spielhagen Hans und Grete 87. s. auch unter 5, c geblüt und gemüt so. 2@ff) auch mein gemüt, wie mhd. mîn muot gleich ich, wie anderseits so häufig mîn lîp: ob eʒ iuwer muot niht vervât für zageheit, sô ist mîn rât, daʒ wir ditz blœde vehten lân und eine wîle ruowen gân. Erec 906 (vergl. übrigens 7, b); dô mîn muot sît wolde vliegen, als ein valke in vröuden gir ... und er (dann) anders wolde denken ... alsô swang er wider dar (zu ihr). MSH. 1, 206a; des vrout sich sîn gemuote. genesis 67, 7 D., in der andern fassung daʒ er sich des iemer froute (freute) fundgr. 2, 49, 4; mein gemüth fleucht und förchtet sich zu erzehlen .. Schuppius 747; lange auf kunst und weitgesuchte dinge zu denken (beim dichten) oder über allen wortsätzen rath zu halten und drüber in den nägeln zu klauen ist kein werk vor meinem (für mein) gemüthe. Hoffmannswaldau vorr. b 7b; erforsche, wie die welt, also auch dein gemühte u. s. w. Wernike 21 (physica und ethica). unterm volke ist noch beliebt z. b. ich war damals recht ruhig in meinem gemüte, auch ich dachte in meinem gemüte (vgl. 4, b), wo der gebildete in mir, bei mir sagt, auch mein gemüt [] ist so aufgeregt, wo der letztere ich oder meine nerven sagt, jenes ist das ältere. auch mit dem gen., z. b.: taub und stumm bei allem flehen .. ist des vaters grosz gemüthe. Göthe 57, 289 (10, 567 H.). 33) es wird lange dem lat. mens gleich gesetzt, aber auch animus, wie ahd. mhd. muot; vergl. in vocc. des 15. jh. mens gemyet, mut Dief. 356a, animus gemt, gemut, mut 36a, im voc. inc. teut. gmute, mens, animus i 8b (h 3b). 3@aa) gleich mens z. b.: renovamini spiritu mentis vestrae, ir sulnt erniuwet werden an iuwerm geiste, der dâ mens heiʒet, daʒ ist ein gemüete, alsô sprichet sant Paulus (Eph. 4, 23). nû sprichet Augustinus, daʒ an dem êrsten teile der sêle, daʒ dâ mens heiʒet oder gemüete u. s. w. Eckhart 317, 35 ff., die bibelworte s. Luther u. 4, c (s. auch u. 2, a m. 7, 23); der erst unrat (der die seele schädigt) ist blinthait des gemts. Keisersb. siben schwerter g 3d, vorher cecitas mentis 3c, nachher aber auch blinthait des gemtz, der verstentnus oder der vernunft 3d; in der 'monarchia der seele' bei Rollenhagen ist vom streit zwischen herzen und vernunft die rede, den das gemüt entscheidet als könig des seelenstaates: bis das zuletzt der könig kümt und sich des regiments annimt, das gemüt oder mens, wie ers (der lehrer) nant und für des menschen seel erkant. Froschmeus. II, 3, 3, 151 (2, 35 d.). auch von gott selbst: Anaxagoras hat vermeint, gott sei ein gemüt on ende, das sich von ihm selbs beweget. Alpinus P. Vergil. 1b, lat. infinitam mentem, griech. νοῦς (vgl. Frank nachher unter b); wie in aines zimermaisters gemet und fantasey steet die visier aines künftigen hawss ... also ist all geschöpf ... in gottes als des schöpfers und werchmaisters gemüet und idea u. s. w. Berth. v. Chiemsee 19, 1, nach Thomas von Aquino in mente aedificatoris, in mente divina (s. Reithmeiers ausg. des Berth. s. 131); aus dem vater als aus götlichem gemet fleust der sun als gottes wort und weishait. 7, 8. im 17. jh.: beschliesze ich es mit des Caesaris worten ... wie dieses könne beschehen, fället mir zwar in das gemüth. Schuppius 730, lat. nonnulla mihi in mentem veniunt Cic. ad Att. 9, 7. man sieht, wie weit es da von dem heutigen begriff noch entfernt war, wie viel umfassender. 3@bb) gleich animus z. b.: auch der heilig Cato lehret, si deus est animus, ist gott ein gemt, so ehre ihn mit dem gemt, mit dem das er ist. S. Frank parad. 120b (nr. 89), bei Cato (1, 1) wechselt aber animus mit mens, im zweiten verse sit pura mente colendus (übers. mit lauterm gemuth Zarnckes deutscher Cato s. 76); des Galenus quod animi mores corporis temperaturam sequantur wird verdeutscht: nach des gemts sitten und gstalt auch der leib sich sittet und halt, das gmt ziecht wie es will den leib u. s. w. Fischart pod. trostb., klost. 10, 654. in wbb.: gemt, verstand, will, animus, cor. Dasypodius 338d; gmt, animus. Maaler 187b; zaghaft, klein gemt, parvus animus, rein lauter gemt, animus castus et purus 167c, das gemt enderen, animo commutari 168a u. s. w. noch bei Kant gleich animus, ganz anders als jetzt: die vereinigung aller sinnenvorstellungen im gemüthe .. unter gemüth versteht man nur das die gegebenen vorstellungen zusammensetzende und die einheit der empirischen apperception bewirkende vermögen (animus), noch nicht die substanz (anima) nach ihrer von der materie ganz unterschiedenen natur. 10, 108. 44) wie weit es da von der heute herrschenden bedeutung entfernt ist, zeigt sich besonders darin, dasz dem gemüt auch das denken, verstand und vernunft zugeeignet werden, und zwar bis nahe an unsere zeit heran. 4@aa) mens, gemut ... intellectus, memoria et voluntas simul sumpta mens dicitur, item superiores illae partes animae dicuntur mens, etiam ratio superior et inferior simul dicuntur mens. Melber o 8b, und was von mens, gilt auch von gemüt (vergl. Eckhart u. 3, a); gemt, verstand, vernunft, mens. Maaler 167d, s. auch Dasyp. u. 3, b; so wirdet das gemt und vernunft durch unkeüschait geirret an rechter erkantnus, nimpt auf für guot das nit guot ist, und das ist blinthait des gemts. Keisersberg siben schw. g 3d; ain unkeüscher mensch wirt nit allain blindes gemüts .. dʒ er in seiner verstentnus (verstand) und vernunft ganz blind würt u. s. w. das., auch blinthait des gemtz, der verstentnus oder der vernunft das., s. dazu die bedeutsame äuszerung Keisersbergs unter 5, a, auch unter 2, a bei S. Frank weltb. 194b vernunft und gemt eigentlich als eins; [] wann du dasselb gslos (schlosz das du dir vorstellst) mit allen ... seinen aigenscheften bringst inwendig in dein gemet, gedechtnus (d. h. vorstellungskraft) und verstand u. s. w. Berth. v. Chiemsee 28, 3, vorher dafür gedächtnus oder verstand, nachher gedächtnus oder vernuft. noch bei Kant ist der verstand im gemüt mit eingeschlossen: unsere erkenntnis entspringt aus zwei grundquellen des gemüths, nämlich sinnlichkeit und verstand. 2, 88 fg. (kr. d. reinen vern. I, 2 einl.) und sehr oft, gemüt ist ihm nämlich noch 'die gesamtheit aller geistigen kräfte und zustände' (Hartenstein), wie bei Eckhart 'die gesamtheit der höheren seelenkräfte' (Kramm bei Zacher 16, 21). auch die vernunft eingeschlossen: der mensch kann nemlich entweder in harmonischem bunde mit der natur fortgehen ... oder er kann sich einsamer in sein gemüth verschlieszen, (d. h.) seine vernunft abgesonderter beschäftigen, seine einbildungskraft mehr mit einem stoffe nähren den er allein aus sich selbst nimmt, seiner empfindung eigen geschaffene gegenstände geben. W. v. Humboldt ästh. vers. 1799 1, 159 (über Herm. u. Dor. cap. 44), d. h. vernunft, einbildungskraft und empfindung alle als thätigkeiten des gemüthes, wie ihm der ganze mensch aus körper und gemüth besteht (s. 2, b). auch nl. gemoed wird noch dem verstand, geest, esprit gleich gesetzt (vergl. c). 4@bb) so denkt denn das gemüt, auch im tiefsten sinne: wenn die geschöpfe (schon) so viel in sich begreifen, dasz der faden des menschlichen gemüths zu kurz fällt (wie beim schiffer der die tiefe der see messen will), ihre geheimnisse zu ergründen, wer will denn und kan die tiefe der gottheit erforschen? Scriver seelensch. 2, 899, wie es nach weisheit strebt: wem Föbus macht ein herz' aus tüchtigen geblühte, dem leibt er gleichfalls ein ein lebendes gemühte, das lust zur weisheit hat. Fleming 95 (Lapp. 161). selbst das rechnen als ein thun des gemüts, im j. 1684 erschien in Jena ein buch von Erh. Weigel von der würkung (thätigkeit) des gemüths die man das rechnen heiszt. gedanken, sinnen, meinung des gemüts, im 16. 17. jh.: sensa, die betrachtungen oder gedanken des gemts. Dasyp. 221d, gedanken des gemuts, sensa, sensus 312d, bei Henisch 1403 sensa mentis, h. e. quae sentiuntur, cogitata, vulgo (d. h. in der schulsprache) conceptus mentis (s. genauer unter gedanke 4, b), vgl. mit dem gemüeth und gedanken einem dinge nachgehen, animo ad aliquid tendere das.; das gemt auf etwas zesinnen gäben (richten). Maaler 168a; mein gemt ist nienen (gar nicht) der meinung. das.; du wirst wenig finden, welche .. nicht unterweilen aus innerster gutwilligkeit .. die innersten gedanken des gemüts reveliren. Schupp. 763. noch im 18. jh.: merkmahle, welche uns den innerlichen zustand des gemüthes in absicht auf seine gedanken und empfindungen nach allen seinen veränderungen zu verstehen geben (gesichtszüge, geberden u. s. w.). Bodmer poet. gem. 283; was für ein groszes gemüth muszte es sein, die idee von dem Messias zu empfangen (concipere) und den göttlichen personen anständig zu denken und zu empfinden! ders. von Klopstock im j. 1748, Körte briefe der Schweizer Bodmer u. s. w. 95, groszer geist wäre der ausdruck für uns; wenn man als hypothese annimmt, dasz dem gemüth im empirischen denken ... ein vermögen der nerven untergelegt sei u. s. w. Kant 10, 110; in dem ersten falle befindet es (das gemüth) sich, wenn es empfindet, in dem zweiten, wenn es denkt. Schiller X, 346, 14 (21. ästh. br.); das gemüth geht also von der empfindung zum gedanken durch eine mittlere stimmung über, in welcher sinnlichkeit und vernunft zugleich thätig sind. 345, 13; vgl.gemütsgedanke, gemütsmeinung. nl. gemoed ist noch auch meinung, überzeugung, z. b. tegen sijn gemoed spreken, gegen seine überzeugung. noch jetzt ist volksmäszig ich dachte in meinem gemüte, z. b. das kann doch nicht sein ernst sein, wie mhd. in mînem muote, z. b. Siegfried, als er der Kriemhild vorgestellt wird, von seinem stillen selbstgespräch: er dâhte in sînem muote:wie künde daʒ ergân, daʒ ich dich minnen solde u. s. w. Nib. 284, 1. auch in sîme gemüete: dô gedâchte er in sŷme gemte, wie das zuogienge, das er das künigrîch möhte an sich geziehen. historienbibel 898 M. 4@cc) für uns jetzt ist auch auffällig, wie geist und gemüt früher gleich gesetzt werden oder sonst in engster beziehung erscheinen, während sie für uns eigentlich zu gegensätzen geworden sind; aber auch geist hat von haus aus nicht die heutige einseitigkeit, eben wie gemüt von der andern seite; als gleich z. b.: so spülget (pflegt) man die seel zuo teilen in das ober teil, das auch [] genant würt dʒ gemt oder der geist, und das under teil, dʒ genant würt die sinlicheit. Keisersberg irrig schaf D 4b; derhalb hebt ers vor ihm auf (gott sein geheimnis vor dem unfähigen und unwürdigen) und verbirgt den geist, das gemt Christi, den verstand der schrift under ein verwendten allegorischen buochstaben u. s. w. (in den parabeln). S. Frank parad. 3b, sachlich zu 7, c gehörig; nun sei getrost und unbetrübt, du mein geist und gemüte. P. Gerhard 271 d. selbst gemüt des geistes und umgekehrt: diu sêle hât an dem gemüete des geistes drîe krefte, die sint himelisch dar an, daʒ sie himelischiu werc vermügent. Eckhart 214, 13 (eine empfangende, schauende und minnende kraft), aber auch daʒ gemüete der sêle, daʒ ist diu eine houbetstat in der sêle. Preger gesch. d. mystik 2, 101 (vergl. u. d, α); ernewert euch aber im geist ewers gemüts und ziehet den newen menschen an. Eph. 4, 23, τῷ πνεύματι τοῦ νοὸς ὑμῶν, vergl. Eckhart u. 3, a. anders geist im gemüte, in einem briefe der Charl. v. Schiller an Göthe vom j. 1810: aber wem (wie ihnen) die götter so viel gegeben, wer den geist im gemüth und die erscheinungen in uns so fein und doch so grosz auszusprechen vermag, bei dem möchte man auch immer sich der wünsche für neue werke nicht enthalten! Göthe-jahrb. 4, 261, sie meint das geistige im gemütsleben, die durchdringung beider statt der sonstigen einseitigkeit. 4@dd) das gemüt ist früher die wohn- und werkstätte der vorstellungen, inneren bilder, ideen (nun auch vielmehr der geist). 4@d@aα) so mhd. und im ältern nhd.: ein kraft ist in der sêle, diu heiʒet daʒ gemüete, die hât got geschaffen mit der sêle wesen, diu ist ein ûfenthalt geistlîcher forme unde vernünftiger bilde. Eckhart 585, 35, forme und bilde sind ideen, vorstellungen (geistlîch gleich unserm geistig); beim künstler: dann solch zufel (was ihnen zufällt aus dem leben) sind bei den künstnern unzelich vil und ihr gemt voller bildnus, das in müglich zu machen (auszuführen) wer. A. Dürer von menschl. proportion 1528 T 1a (danach auch unter künstner 4 das citat zu ergänzen), vergl. u. 3, a aus Berth. v. Chiemsee, wie in aines zimermaisters gemüet und fantasey das bild eines zu bauenden hauses steht, ebenso alle geschöpfe in gottes als des werchmaisters gemüet und idea. 4@d@bβ) daher auge des gemüts, das die bilder in sich sieht (s. u.gedanke 4, a das denken als ein sehen): sunder (wir) zwingen mit gewalt unsren gedank, dʒ er sich abker von disen sichtlichen gestalten zuo den unsichtlichen dingen, die das oug des gemts durch das liecht des heiligen cristenlichen gloubens da sicht. Keisersberg eschengr. b 7b (vorher und nachher ougen des herzens); die dunkelsten gegenstände, wenn wir ihnen näher treten, erhellen sich, und das auge des gemüths bequemt sich nach der trüben lage. Jacobi Allwills briefs. (1826) 22. vergl.gemütsauge, bei Bodmer auch verstandesauge. vergl. blinthait des gemts unter 4, a. 4@d@gγ) noch im ganzen 18. jh. hat das gemüt nicht blosz mit anschauungen, auch mit begriffen und ideen zu thun, z. b. bei Kant, Schiller (vergl. Kant u. a und b): ist die phantasie unthätig und träge oder geht die tendenz des gemüths mehr auf begriffe als auf anschauungen, so bleibt auch der erhabenste gegenstand blosz ein logisches object. Schiller X, 201, 23 (also auch das logische noch dem gemüt gehörig); wessen gemüth nicht schon zubereitet ist, über die wirklichkeit hinaus ins ideenreich zu gehen, für den wird der reichste gehalt leerer schein und der höchste dichterschwung überspannung sein. 453, 31; wir sind aufgelöst in süsze empfindungen von ruhe (beim genieszen der natur), und indem unsere sinne von der harmonie der farben, der gestalten und töne auf das angenehmste gerührt werden, ergötzt sich das gemüth an einem leichten und geistreichen ideengang, und das herz an einem strom von gefühlen. 181, 25, vergl. von verschiedenen vermögen des gemüths 181, 8, wie Kant kr. d. urth. § 49 von den vermögen des gemüths handelt, welche das genie ausmachen; von ideen im gemüt: die stimmung des gemüths zum gefühl des erhabenen erfordert eine empfänglichkeit desselben für ideen. das. § 29; mit dem ersten eintretenden gefühle der ermüdung (beim forschen) verliert sich auch dieses zusammenstimmen der als eingebung sich plötzlich dem gemüth darstellenden ideen mit dem vorsätzlich gewählten gange der untersuchung. Garve vers. 2, 255. 4@ee) bemerkenswert mhd. manic gemüete, manic muot, pluralisch (so muote pl., z. b. mit trüeben muoten singen MSH. [] 1, 39b, vergl. u. 7, f), von verschiedenen oder vielen gedanken, wie maniger gedanc, doch so dasz bei jenem wie diesem stimmung und empfindung eingeschlossen sind oder sein kann: sîn manic gemüete fuogt im daʒ, daʒ er die strâʒe übersach (sich verirrte). Wigal. 161, 30; und gwinnet mir daʒ herzevil manegen trûrigen muot. Kürenberg minn. fr. 8, 24; die merkære habent manegen gedanc. Bernger das. 113, 27. auch nhd. pluralisch von éinem manne, in anderem sinne: seine gemüther waren heiter und jovialisch. Musäus 3, 58, wie sonst geister, lebensgeister. auch die mannliche, dapfere gemt, mares animi Maaler 167c, sind die éines mannes. 4@ff) im 16. jh. auch von einem buche: ursach, das gedachtes buoch (die apokalypse) noch art noch gemüt hat der andern bücher, so von Johanne dem apostel ausgangen. Carlstadt welche bücher heilig und biblisch seind C ija, ton und geist, denk- und sinnesart. 55) es fällt aber zugleich von je her mit seele und herz zusammen oder berührt sich nahe damit, nur dasz auch diese beide bis ins 18. jh. in unserm innenleben einen viel weiteren kreis beherrschen, als jetzt, beide z. b. auch am denken theil haben (vom denken der seele z. b. s. geist 15, e). 5@aa) mit seele: in deiner seelen oder im gemt (ich nim es für eins) da seind drü ding, das empfinden wir alle, intelligentia verstentlichkeit, ratio vernunft, sensus der sinn. Keisersberg brös. 1, 43b, in der zwischenbemerkung liegt doch zugleich, dasz beide nicht immer für eins genommen wurden, s. z. b. u. 4, c bei Eckhart sêle als das weitere, das gemüete ihm angehörend (sachlich besonders bemerkenswert ist bei Keisersberg die berufung auf das empfinden aller), vergl. übrigens gemütlos im 15. jh. für exanimatus; güter des gemüts, die gibt gott, die sind götlicher art ... das seind alle innerliche güter der seel odder des gemüts ... als Bias aus der (eroberten stadt) gieng und nicht truog (mitnahm), fragten in die burger u. s. w. der weis man antwort in: ich trage alles das mein ist, mit mir, vermeinet die güter des gemüts. S. Frank spr. 1, 131b, jetzt güter des geistes; mich hat zu dir getragen die stille neigung selbst, die die gemüther lendt und gleiche regungen in gleiche seelen sendt. Fleming 107 (Lapp. 179). Schiller X, 418, 22 ff. führt aus, wie sich rohe und moralische gemüther und ästhetisch verfeinerte seelen zum guten verhalten. 5@bb) mit herz sonst: also beschlieszen alle lerer der schrift, das das wesen und natur des gebets sei nicht anders dann ein aufhebung des gemüts oder herzen zu gott. Luther 1, 69a; sihe wie sein (Abels) herz gestanden sei .. dargegen sihe nu auch, wie Kains gemüt gestanden ist. über das 1. b. Mose 1527 P 2a fg. (Dietz 2, 74b); die gemt spieglen sich gegen einander. S. Frank spr. 1, 20b, später: es spieglen sich die herzen gegen einander, und ist ie eins des andern spiegel, das du entpfindst in deim herzen, ob ers guot mein und dir wol wölle oder nit 21b; man nennt ein gemüth, in welchem die empfindungen des mitleides und der gefälligkeit regieren, ein gutes herz. Kant 7, 391. auch beide häufend verbunden, was noch jetzt unter umständen geschieht: und sollen sich derhalb (die reichsgewalten) selbst ermundern und aufwecken .. auch was itzt in den herzen und gemuten der gepawer und gemeines mannes steckt, der also zu sprechen allenthalben wtet, hochlich bedenken, raten und helfen u. s. w. gutachten des ausschusses der reichsstände vom j. 1517, Frankf. reichsc. 2, 935; mit ganzem gemt und herzen auf die worte losen (horchen). Maaler 168a; sein gemt und herz auf ein ding legen, insistere mente et animo in rem aliquam. das. aber auch gemüt des herzens, also im herzen wohnend (wie in der seele bei Eckhart u. a), s. u. 7, b. auch alle drei als wesentlich eins gehäuft (vergl. u. a): es (das bad Pfeffers) kreftigt herz, sel und gemt. H. Folz, fastn. 1261; du solt lieben gott deinen herrn von ganzem herzen, von ganzer seelen, von ganzem gemüte. Matth. 22, 37. 5@cc) beliebt war verbunden gemüt und geblüt oder blut, man sah im blute den träger der seele (s. u.geblüt): wie ungleich wir einander seind under augen (d. h. im gesicht) im eüszern schein, so gleich seind wir einander im gemt und bluot. S. Frank parad. 128a (nr. 93). vom menschen selber (s. 2, e): ich mein allein, wo zwei geblt verwandeln sich in ein gemt und sich in trew binden zusammen. H. Sachs III, 3, 4b; [] an ides aufrecht redlich teutsch geplt und gemt (widmung). Fischart ged. 3, 73 Kurz; aber im gegensatz: weilen auch oft mancher, der edel vom geblüt, sich dem gemüth nach zimlich kauterwelsch darein und zur sache schicket. Simpl. 1685 1, 65; das musz das gute gemühte und geblüte in euch verursachen (dasz ihr auch in der ferne so treu nach mir verlanget). Elis. Ch. v. Orl. 1, 487 Holl.; es ist jedoch hierbei zur ehre deutschen geblüts und gemüths anzumerken, dasz ... Fichte reden 89. gemüts- und geblütsfreund Butschky kanz. 805. 66) so ist das wesentliche des begriffes die einheit unsers inneren, in der auch der geist in dem heutigen engeren sinne mit aufgeht als in seinem ganzen, und zwar von der ältesten zeit her bis nahe an unsere zeit heran. es kommt darin mit sinn ganz oder nahe überein, worin auch jener ursprünglichen einheit ein glücklicher ausdruck aus alter zeit her bewahrt geblieben ist bis heute. vergl. 7, h das ich als kern des begriffes. 6@aa) so wechseln denn auch gemüt und sinn oder verbinden sich, beide mit ihrer wechselnden vielseitigkeit der färbung (vgl. Keisersberg u. 5, a), z. b.: im gemüt ires herzen, das ist in irem sinn. Luther 2, 326a (s. u. 5, b); nun sind .. ein teutsches festes gemüth und ein schlipferiger (wandelbarer) welscher sinn anderst nicht als hund und katzen gegen einander geartet. Moscherosch Phil. 1644 678; wie begrüszt' ich so oft mit staunen die fluthen des Rheinstroms .. immer erschien er mir grosz und erhob mir sinn und gemüthe. Göthe 40, 242 (Herm. u. D. 1). von deutschem gemüt, wie da bei Moscherosch, ist schon früher die rede: am (kaiserlichen) hofe sy alles umb geld feil ... und sy alles besser gewesen zu seligen konig Albrechts zijt, der ein konig gewesen von dutschem gemute. Frankf. reichsc. 2, 104, in einem bericht von Frankfurter abgesandten in Nürnberg an ihren rath vom j. 1449, gemeint ist aber einfach redlicher sinn, wie bei Fischart u. 5, c, nicht die heutige engere bedeutung; ebenso: ich bin nicht mit euer elste niepce zufrieden, sie musz kein deutsch gemüte haben, weilen sie nicht dankbar ist. Elis. Ch. v. Orl. 274, obwol das der heutigen bed. die hand reicht. 6@bb) mit sinn mehr oder weniger gleich z. b.: wo dein gemt, da dein gott. S. Frank parad. 132; der fuchs verkert sein haut, aber nit sein gemt. sprichw. 1, 104a, angeborne sinnesart, charakter; wie ein yeder redt, also ist er, das gemt sicht man in der red, wie in eim spiegel den leib. 47b, d. h. auch das innere denken, auch hier kann charakter gedacht werden; kayser Adolphus hat von sich selbst pflegen zu sagen, weil er von geschlecht nur ein graf von Nassau war: das gemüth mache reich, es sey besser ein mann ohne gelt, als gelt ohne einen mann. Lehman flor. 2, 263; das weisz ich, dasz mein treu gemüthe dem pöbel ein gelächter macht. Günther 921. das denken eingeschlossen, wie vorhin bei S. Frank, auch hier bei Günther eben: aber das hören bestimmt nicht die meinung, was uns zuwider wäre, glaubten wir wohl dem künstlichen redner, doch eilet unser befreites gemüth, gewohnte bahnen zu suchen. Göthe 1, 337 (erste epistel), der angeborne sinn, dessen richtung auch unser denken, unsere meinung bestimmt, wie unser thun: treib er ein ehrlich gewerb' in ruh, ich — ich hab kein gemüth dazu. Schiller Wallenst. lager 11. 6@cc) auch im plural natürlich: trewlos sind der menschen gemter. H. Sachs III, 2, 221c (1588); maszen er denn damit aller leute gemüter an sich zoge, wie der magnet das eisen. Riemer polit. stockf. 13; die vergnügung wahrer liebe ist nicht eben so gemein, der gemüther gleiche triebe müssen ihre quellen sein. Günther 288; wie leicht wird es einem groszen, die gemüther zu gewinnen. Göthe 19, 18. auch hier mit jener einheit, denn meinung und denken sind da in gemüt ebenso inbegriffen, wie neigung und wollen, an das wir jetzt zuerst oder allein dabei denken. 77) gemüt galt übrigens auch von den einzelnen verschiedenen äuszerungen, in denen das gemüt (der mut, sinn) mit verschiedener richtung oder art zu tage tritt, bezeichnet daher im besonderen auch mut, stimmung, gesinnung, wille, absicht, neigung, wunsch, streben, charakter u. ähnl. [] 7@aa) gleich mut in unserm engern sinne. 7@a@aα) so ein tapferes gemüthe Olearius pers. ros. 1, 4 (wie jetzt noch tapferer sinn), männlich gemüt u. ä.: mannliche und dapfere gemt, mares animi. Maaler 167d; die toppelsoldner .. stunden für die knecht in das erst glit und traten also frolich mit unerschrocken menlichem gemt gegen iren veinden. Wilw. v. Schaumburg 114; aber aus manlichem gmuet was in gach, ranten über die löcherten brucken (ehe sie wiederhergestellt war) .. jagten den herzogen bis in die stat. 43; unerschrocken gemt Maaler 460c, steif, dapfer und standhaft gmt 187c. auch groszes gemüt: ein grosz gemt fragt nicht, wie das glück wtet (im kampfe). S. Frank spr. 1, 16a; dagegen klein und verzagt gemt Maaler 167c. noch im 17. jh.: wer wird nicht mit gröszerem gemüthe als zuvor seines vaterlandes verderb und schaden, den er nicht verhüten mag, ertragen, wenn er die gewaltige stadt Troja .. siehet im feuer stehen und zu staube und asche werden? Opitz 1, 204, mit mehr mut und fassung. noch im 18. jh.: ein dapfer, grosz gemüth, animus magnus, fortis etc. Aler 893a. 7@a@bβ) doch auch gemüt so für sich, wie mut (schon mhd. muot Erec 906 unter 2, e, herze unde muot Bon. 44, 27), mhd. z. b. gemüete Alph. 179, 4, an gemüete starc u. 2, a, könig Ottokar von Böhmen heiszt ein löuwe an gemüete, ein adelar an güete Bartsch lied. 300 (Haupt 4, 574), wie könig Rudolf adjectivisch alsô ein lewe gemuot 219, MSH. 3, 5b (auch blosz gemoet mutig, nrh. Wierstraat Neusz 862. 2067). mnd.: wol dat erer kleine was an tal, sunder vele van gemôte. wb. 2, 55b, nl. ghemoed courage Kil. auch 'ein neu gemüte', neuer mut, den belagerten Neuszern im j. 1474 wird von den frauen und jungfrauen in den schanzen mut zugesprochen: freulich riefen sy: stait vast, ir fromen ritter ind knecht! dattet manchem stoulzen bloit (blut) ein nuw gemoede brecht. Wierstraat Neusz 624. nhd.: darumb ich dich bit, wöllest mir .. keckheit und gemt verleihen (zum kampfe mit den freiern), wie du dann thetst, da wir für Troia zu feld lagen. Schaidenreiszer Odyss. 178a; und wie man in den redlichen alten zeiten einen mann am gemüth (d. h. männlichem gemüth) und am bart erkennet, also musz heutiges tages hingegen man einen mann nur am fluchen und gottslästern, an boldern und bochen .. erkennen (als seinen kraftäuszerungen). Moscherosch Phil. 1644 s. 174; ach, wo sol ich doch das gemüthe hernehmen, dasz ich dir (auf diese herzbrechenden worte) könne antworten, meine herzallerliebste tochter? Heinr. J. v. Braunschweig Susanna III, 4. 7@a@gγ) daher auch z. b. das gemüt fallen lassen, wie den mut, auch sinken mhd., z. b.: lâ dîn gemüete sinken (als besiegter)! Wartb. 70, 10; das gmt fallen laszen, herz und mut verlieren Maaler 187c, auch niderlaszen, demittere animum 168a; ist gewiss, dasz der krieg mit dem erdcrais entstanden und auch zugleich mit demselbigen und nicht eher sich endigen wird. dennoch musz man das gemüthe nicht fallen lassen u. s. w. Schuppius 780. das gemüt entfällt mir, der mut: da ich das höret, entpfiel mir alles mein gemt. Schaidenr. Od. 137b; und ist meinen gesellen alles ir gemt entfallen. 114a. das bild entspricht dem hohen mut oder gemüt, die steigend gedacht waren (vgl. b, β). 7@bb) stimmung, zustand des gemüts. 7@b@aα) bemerkenswert gemüt des herzens, stimmung, auch gesinnung u. ä., mhd. und noch nhd., also die wohnstätte des gemüts das herz (vergl. 5, b): des jâmert und dar zuo muoʒ schemen sîn herze und des gemüete. Wolfr. Wh. 399, 17; des trûret manic herze, des gemüete stuont ê hô. Neidhart 63, 5, s. Haupts anm. s. 137; auch noch nhd. im 16. jahrh.: seind die feind aller eeren werd, als unsers herz gemuot begert, wir wöllen ir erwarten. Soltau 356, Liliencron 4, 354a. auch von sinn, gesinnung nhd.: von denen auch Maria sagt im magnificat ... er hat zustrewet die da hoffertig sind im gemüt ires herzen. Luther 2, 326a. übrigens auch herz selbst für stimmung: der froh was, waren dise gsellen .. mit dank, mit freud zogens von dannen, ein besser herz als vor bekamen. Haupt 16, 445. 7@b@bβ) mhd. z. b. hôch gemüete, gehobene stimmung, hoher sinn: ir antlütze wart (von dem leid) missevar, daʒ ê in hôhem gemüete baʒ denn ein rôse blüete. Wigal. 195, 23 (var. muote : bluote). [] gemüete hôch tragen (wie den kopf), man soll tragen gemüete ze mâʒe nider unde hô Walther 44, 6 (nicht daʒ gemüete), gewiss im 15. 16. jahrh. noch nachklingend (vergl. u. γ). auch guot gemüete, wie guter mut, glückliche, wohlige stimmung, subst. zu wol gemuot (gegensatz übel gemuot adj., ungemüete misstimmung): vrîheit zieret alleʒ leben und kan wol guot gemüete geben. Boner 59, 72. aber auch blosz gemüete geben, frohe stimmung, freude (wie wir auch blosz stimmung sagen für gute stimmung): eins tages ze einer sumerzît, sô loup und gras gemüete gît .. lieders. 1, 211; brâte bî der güete geben ouch gemüete. König vom Odenwalde 9, 20 (Bech). aber ebenso von übler stimmung und gedanken kurz gemüete, wenn der zusammenhang es angibt: dô wart sîn herze gar betrüebet (über den verlust seines vermögens) und gedôhte wie er wider zuo guote komen möhte, und dô er eines nahtes in sîme gemüete lag, do kam der tiuvel .. Alemannia 2, 205. ähnlich ist manic gemüete, vielerlei, wechselnde gedanken (und empfindungen) unter 4, e, noch deutlicher manigfalt gemüte (zugleich in bezug auf den mut), von den belagerten in Neusz im jahre 1474, nrh.: ir gemoed waren mannichvalt, want men ir leven suchte. Wierstraat 151. 7@b@gγ) nhd. z. b. ein ängstiges gemüth, ängstliche stimmung, gemütsverfassung: dasz er seine geheimnussen keinem habe wollen communiciren und zum allerwenigsten dieselbe, welche ihm vor andern ein ängstiges gemüth gemacht haben. Schuppius 756, man bemerke: nicht das gemüth ängstig gemacht. wie mhd. hôch gemüete vorhin, so nhd., doch mehr von sinn und streben, gesinnung: hochtragne (hochtragenheit) des gmts, elatio et magnitudo animi. Maaler 227c; hochtragen gmt, das nach hohen und groszen dingen stellt, pectora sublimia 227b, mhd. hôchtragende (woraus jenes hochtragen gekürzt ist), und noch nhd.: ich bin so hochtragend in meinem gemüte gewesen. Steinhöwel Es. 55b. 7@b@dδ) gern im gen.: da nun der mann zornig und leidig heim kommen war, fragte ihn das weib, was gemüts er wer und was er thete. buch der liebe 295c, eigentlich wes gemüts, in welcher stimmung er denn wäre; als er nun mit speis und trank wohl angefüllet und freieres gemüths wurde .. Olearius pers. ros. 3, 27; freies gemüthes leben. 7, 20, frei von sorgen, wie es die ausgabe von 1775 gibt. auch gemütes froh, mhd. gemüetes vrô, auch vrî u. ähnl.: got der mach euch gemtes fro. Wittenweiler ring 12b, 41. 7@b@eε) oberd. auch noch (so und so) zu gemüt, wie zu mute, von stimmung: es musz einem sonderbarlich zu gemüth sein, wenn u. s. w. Hebel 2, 251. 7@cc) gesinnung, sinn (wie auch geist 7, c). 7@c@aα) gemüt heiszet er (der apostel), das wir sprechen gesinnet sein, als wenn ich sage, das dünket mich recht, und wie Paulus redet, also halten wirs, also sind wir gesinnet. Luther 2, 329a (326a), zu 1 Petri 1, 13 begürtet die lenden ewres gemüts, zugleich von denken und meinung, wie überhaupt die verschiednen färbungen des begriffes fortwährend in einander spielen; dasz sy nun (d. i. nur) einen geist, liebe, gmt zesammen hättind. Zwingli 1, 628; vergl. bei Göthe: wo man die liberalität aber suchen musz, das ist in den gesinnungen, und diese sind das lebendige gemüth. sprüche in prosa 228. sein gemüt mit den augen verraten, z. b. von den geuchinnen in Murners geuchmatt: sy wichendt mit den ougen nit .. sy haftendt ire ougen still, als eine die verraten will mit den ougen ir gemt. kloster 8, 1023. feindlich gemüt, hostilis animus Maaler 187c u. ähnl.: dasz es nicht gnug sei, dasz ein feind frieden mit uns mache, sondern er musz auch sein feindlich gemüth ablegen. Opel u. Cohn 30 jähr. krieg 389; ob i. f. gnaden in freundschaft oder feindschaft kämen? sie wüsten i. f. gn. gemüt nicht. Schweinichen 1, 357. eheliches gemüt, gesinnung: er machte die rechtliche frag ... ob ein kind, so aus ehelichem gemüth erzeugt worden, dem vattern in der erbschaft nachfolgen könne? Abele unordn. 2, 4, nach lat. maritali affectu vorher, d. h. vor der eheschlieszung, aber nach verbrieftem ehegelöbnis. [] 7@c@bβ) in bezug auf bestimmte einzelne fälle gebraucht nimmt es zugleich die färbung von absicht an, selbst beschlusz, willen u. ä., schon mhd., eigentlich gesinnung oder stimmung in einer einzelnen richtung: diu reine gotes güete, von der doch daʒ gemüete ouch dem jungen kinde quam, daʒ eʒ den tôt gerne nam. Hartm. arm. Heinr. 1038; hett nit entfrembt sich Nycanor und anders gstelt, dann er dett vor, Judas hett nit gmerkt syn gemt. Brant narr. 39, 11; ich weisz aber fast wohl, dasz ('s) e. k. f. g. gemüthe nicht ist, aber die armen leute können nicht fürkomen. Luther br. 3, 94; wir wollen uns aber versehen, das solchs ewer gemüt nicht sei. churf. Joh. Friedrich b. Luther 6, 6a; wo ... ein gesetz wider gemeinen nutz und lieb wer, so soll man dem gesatzgeber in das herz sehen, wie er es doch gemeint hab, so wird man finden, das sein gemt ist gewesen, dʒ es zuo besserung gemeines nutz soll dienen. S. Frank parad. 240b (nr. 178); euwer f. gn. werden euwer f. g. herren vettern gemüth an sich nemen. Fronsp. kriegsb. 3, 186a. im fall einer brautwerbung: zu dem wenn ein vater spricht, ich wil dir mein tochter zum ehelichen weibe geben, so wird dadurch ein gegenwertige zusage eines gegenwertigen gemüts verstanden. Luther 3, 436a; weisz doch ganz Deudschland wol, das unsere sprach gegenwertig gemüt und verheiszung mit diesen worten ausspricht, wenn wir also sagen, ich wil dich haben, ich wil dich nemen. das.; als für kaiser Heinrich um die hand der h. Kunigunde geworben wird, diese aber erklärt, sie habe sich gott gelobt und wolle keinen gemahl, sagt ein bruder zu ihr u. a.: sie (die majestat) hat so ein christlichs gemüth ... wenn eur gmüth derhalb ir fürkhem (klar würde), sie villeicht selbst ein andre nehm u. s. w. Ayrer 132c (665, 34), eur gemüth derhalb, eure gesinnung und absicht in bezug darauf (derhalb). 7@c@gγ) wieder auch im gen. (s. b, δ) und mit inf.: aber wo ihr alle des gemüts weret, als Galmy der ritter, wer nit not euch solchs fürzuhalten (dasz es tapferkeit gilt). Galmy 104, zugleich in der färbung von a, mut, tapfrer sinn; ee und zuvor wir wissen, was (für wes) gemüts die darinn seien. Aimon lij, was sie im sinn haben, im schilde führen; mit inf.: und zum lezten ein gemt habind, die waren Hierusalem zu bawen. Zwingli 1, 559; wann ich bin des gemüts, mich an keins menschen red zu keren. Aimon xij; so bistu auch nicht des gemüths, die gerechtigkeit zu befördern. Ayrer proc. 1, 6. mit diesem inf. noch später: hoffen wir, es werde uns an vornemer leute gunst und liebe, welche wir, nebenst dem gemüte unserem vaterlande zue dienen, einig hierdurch suchen, nicht mangeln. Opitz poet. 58 Br. (8. cap. a. e.); noch im 18. jh.: unglaublich ist es, was ein gebildeter mensch für sich und andere thun kann, wenn er, ohne herrschen zu wollen, das gemüth hat, vormund von vielen zu sein. Göthe 20, 305 (W. M. lehrj. 8, 10 a. e.). 7@c@dδ) bemerkenswert gutes gemüthe für wohlwollen, gute gesinnung gegen jemand (anders u. b, β): bedaurete auch zum öftern der schönen brunette (der er den abschied gab) feine gestalt ... und sonderlich das zu mir getragene gute gemüthe. Felsenburg 1, 55, angewandt auf liebe, der ausdruck musz weit älter sein. im 16. jh. auch schon einfach einem gemüt tragen, eben von liebe: ein blat von grasdas deutet das sie mir kein gmt wil tragen. Forster frische liedl. 1, 89 (Uhland schr. 3, 506). 7@c@eε) auch unser kaiserliches gemüt in kaiserlicher rede scheint zugleich als sinn, gesinnung gemeint: nach dem wir in unserm keyserlichen gemüt betracht, dasz bisz anher grosze embörung .. im heiligen reich geübt u. s. w. reichsordn. 1539 93b; und als wir in unser keyserlich gemüt gesetzt und fürgenommen haben ... unser keyserlich kron, wie sich gebürt, zuholen, auch das jhen, so dem reich entzogen ... widerumb zu erobern u. s. w. 113a u. ö.; vgl.: haben wir mit hoher beschwerd unsers gemüts vernommen 152b. 7@dd) die bed. wille, entschlusz, absicht tritt auch bestimmter auf. 7@d@aα) gemt, verstand, will stellt Dasyp. 338d als eins zusammen, s. u. 3, b, auch u. 4, a die philosophisch gehaltene begriffsbestimmung bei Melber. gemüt und wille verbunden: ab solhem furnemen die stend des reichs der babstlichen heiligkeit erlich ... [] und christlich gemut und willen ... vermerkt u. s. w. Frankf. reichscorr. 2, 979, erklärung der reichsstände vom j. 1518; der stend will und gemut. 981; es hat itzunder keys. maj. ... sein gemut und willen weiter entdeckt. 985; sein gemt oder willen offnen, aufthuon, fateri animum. Maaler 168a; sie sind all eines gemts, sinns und willens, idem animus omnibus. das. 7@d@bβ) ebenso gemüt allein, auch mit inf. (c, γ): zur selbigen zeit ist des keysers Caroli Quinti ernstlich und endlich gemüt gewesen ... Melanchthon vorr. zum corp. doctr. christ. 1; dasz nicht der praedicanten und stadt gemüth sei zu handeln. Luther br. 4, 358; dasz dein gemüht sei uns und die unsern zu vertilgen. Kirchhof mil. disc. 90; sie beruhet auf ihrem gemüt, sich diesen abend nicht trauen zu lassen. Schweinichen 2, 305; dasz sie ihres herrn gemüte von mir vernehmen konnte. 2, 7. dazu sein gemüt anzeigen, selbst schreiben, was uns gar eigen klingt: von diesem allen werdet ihr ihm euer gemüth .. anzeigen. Luther br. 4, 206: und so es e. f. g. gefällig sein wurde, so wollen e. f. g. ihr gemut gnediglich an uns schreiben. Melanchthon ep. 18 ed. Faber; das der churfürst zu Sachsen, die fünf fürsten und sechs stedte vor ausgang des 15. tages des aprilis ir gemüt unter iren insigeln irer maie. zuschreiben und eröffnen (sollen). Augsb. reichsabsch. 1530 bei Luther 5, 109a. 7@d@gγ) auch gemüt und meinung verbunden (willensmeinung): dieweil nun unser chammergericht das öberst und letzt gericht ... und unser gemüt und meinung ist, dasz unsere underthanen im reich nit rechtlos gelassen u. s. w. reichsordn. 1539 160a (reichsabsch. Augsb. 1530 § 76); zog ... darnach hinauf in Bayerland, vielleicht in gemüth und meinung dasselbig einzunehmen. Götz v. Berl. 69. 7@d@dδ) im gen., wie des gemüts sein, der meinung u. ä., so sich seines gemüts erklären, eig. wes (was) gemüts man sei: und verlasz (lasz) uns hie hab und gut, wiltu nicht geben leib und blut. drumb dich bald deines gmüths erkler. Ayrer 86c (441, 27), wozu du dich entschlieszen willst; sie hoffeten, das die hochlöblichen fürsten und stände sich so viel ehender gegen uns würden ihres gemüttes erklären. verh. d. schles. fürsten u. stände 1619 s. 206. 7@d@eε) im canzleistil auch blosz gemüts, wie willens, in der absicht, mit inf.: in was fürnemen und rüstung der Türk steh: gemüts, disen künftigen sommer die kron zu Hungern geweltiglich zu überziehen und under seinen tirannischen gewalt zu bringen. reichsordn. 1539 126a (reichsabsch. 1524 § 30); darauf einen gemeinen reichstag alher .. ausgeschriben und verkündt: gemüts, willens und meinung, allerlei des heiligen reichs .. obligend zu handlen. 152b (reichsabsch. Augsb. 1530 eingang). 7@ee) neigung, die uns wohin zieht oder treibt: ich habe keinen lust noch gemüt zu ihm. buch der liebe 201c; und diese treibt ein hohles wort des herrschers, nicht ihr gemüth. Göthe 8, 300 (Egm. 5); er hat kein gemüth gegen uns Niederländer. 8, 172 (Egm. 1); ich war also eine herrnhutische schwester auf meine eigene hand, und hatte diese neue wendung meines gemüths und meiner neigungen besonders vor dem oberhofprediger zu verbergen. 19, 328 (W. M. lehrj. 6); bair. kain gemet haben zu etwas, neigung, lust, freude Schm. 2, 657, vergl. keinen lust noch gemüt vorhin im 16. jahrh. mhd. übrigens auch für lust, freude überhaupt, wie guot gemüete geben, s. unter 7, b, β. 7@ff) auch von wunsch oder wünschen, gesteigert begierde: er volzôch ir gemüete mit lîbe und mit güete. Wigal. 9546 B. (muote : guote 244, 2 Pf.), 'that, was sie nur wünschte', gleichbedeutend also muote pl. (vergl. u. 4, e); ir wunsch und ir gemüete wart gestellet bî der zît alsô u. s. w. Konrad Silv. 1349, wo gemüete doch nach dem folg. auch als streben zu fassen ist. nhd.: dasz nicht etwa der wirth unerfordert und wider des gasts gmt und gelegenhait mancherlei speis und getrank fürträgt. Schmeller 2, 657 aus der bair. landordn. von 1553, wunsch und umstände; sein gemt und begird etwar auf setzen und gäben, defigere animum in aliquam rem Maaler 168a. 7@gg) auch für begabung, talent diente es: Sallust hatte zu hohen und wichtigen geschäften ein wohlgeschicktes gemütte. Butschky Patm. 357, vergl. unter 2, e Berkow, das feine, geschickte gemüt bei P. Gerhard. anderseits für temperament: [] sîn gemûte was vil scharf, hievon er ernstlîchen warf sîn rede an den gûten man. pass. K. 83, 33. auch für charakter, s. schon S. Frank unter 6, b, bei Schiller unter 8, i gemüt und charakter als gleich wechselnd, wie im Tasso 1, 2: es bildet ein talent sich in der stille, sich ein charakter in dem strom der welt. o dasz er sein gemüth wie seine kunst an deinen lehren bilde! Göthe 9, 113. auch beide verbunden: was in ihm mich gewiss macht, ist seine sinnesart, sein geschmack, sein gemüth und charakter. Fr. Jacobi (1812) 1, 237; dasz der Franzose, mit dem zu groszen triebe der geselligkeit fortflieszend, sein ganzes dasein in andern verspielt und verliert, dasz er gewöhnlich für sich kein eigenes gemüth noch eigenen charakter hat. Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 403, zugleich 'individualität'; das einfache, das stätige, das grosze, was man stärke des gemüthes und charakters nennt, kann sich in ihm nicht befestigen. 404; verstehe ich z. b. das lateinische und griechische gründlich, so habe ich viele aufschlüsse über das gefühl, die ansicht (weltanschauung), den geist, das gemüth und den charakter der Lateiner und Griechen. 384; so spricht er von englischem, französischem gemüth: wenn ein deutsches kind von seinem dritten oder vierten jahre an englisch und französisch spricht ... so musz das gepräge eines englischen und französischen gemüthes sich mehr und mehr in ihm abdrucken. 386; vgl. übrigens gemütscharakter. auch der begriff gewissen kann daraus klingen: gut, rechtchaffen zu sein befiehlt mir das gemüth unbedingt. Fr. Jacobi 1, 301, vergl. Gryphius unter 9, a, β; das nl. gemoed gilt sogar kurzweg für gewissen, z. b. iets tegen zijn gemoed doen, gegen sein gewissen, naar gemoede met iemand handelen, nach gutem gewissen, aufrichtig, vgl. treed in uw gemoed, geht in euch. 7@hh) merkwürdig und bedeutsam leute, denen das gemüete mangelt, die an melancholie krank sind: es ist auch etlich torhait von inmuetichait, als den, den das gemüete mangelt. Vintler 2770, in der ital. vorlage: pazzia di maninconia, come quelli a cui manca la mente (Zingerle s. 350). es wird selbstgefühl, selbstbewusztsein gemeint sein, kürzer gesagt das ich, denn darauf, auf das bewuszte ich, geht z. b. auch Rollenhagens gemüt gleich mens hinaus u. 3, a, und der ganze begriff in seinem kern überhaupt (s. dazu u. geist sp. 2666). 7@ii) daher spricht im 18. jh. die philosophie von verschiedenen kräften oder vermögen des gemüts, dieses im weitesten sinne genommen: dieses musz der poet um so viel fleisziger thun (d. h. auf den wohlklang des verses bedacht sein), weil er für den gröszern und zugleich cörperlichern haufen der menschen schreibet, bei welchen selbst unter den kräften des gemüthes die einbildungen und die neigungen über den edlern verstand herrschen. Breitinger crit. dichtk. 2, 438, d. h. auch der verstand als kraft des gemüts (s. 4, a); dasz man anfänglich beinahe so vielerlei kräfte derselben (substanz) annehmen musz, als wirkungen sich hervorthun, wie in dem menschlichen gemüthe (als substanz gedacht) die empfindung, bewusztsein, einbildung, erinnerung, witz, unterscheidungskraft, lust, begierde u. s. w. Kant kr. der reinen vern. (1787) 677. daher das ganze gemüt auch im gegensatz zu einer einzelnen gemütskraft, z. b. der einbildungskraft: wie man eine .. durch blosze wiszbegier gegebene aufgabe bearbeitet, leicht sie nehmend, nicht mit ganzem gemüthe, sondern nur mit der einbildungskraft sie erfassend. Fichte reden 67 (5. rede). vgl. dazu gemütskraft, gemütsvermögen. 88) die sprachlichen bilder dienen dazu, begriff und wesen des gemütes deutlicher zu zeichnen, wie sie sich im sprachbewusztsein ein- und ausgeprägt haben. 8@aa) es ist unser inneres (s. 2 und 6) nicht nur dem leibe, auch der welt gegenüber, in das man sich z. b. von oder aus der welt zurückzieht, um sich selbst, sein reines ich wieder zu finden (vergl. geist 19, a so): der ist ein freier geist, der nichts von dem bewundert, um das das volk sich plagt, und der von dem nichts fürchtet, das nicht erschrecklich ist und öfters liebenswerth. ein solcher mensch entweicht von der gemeinen menge in sein gemüth hinein u. s. w. Bodmer disc. d. mahlern 3, widmung 2a, natürlich noch im alten sinne als stätte des denkens so gut wie des empfindens, wie noch im folg.; der mensch .. kann sich in sein gemüth verschlieszen u. s. w. W. v. Humboldt ästh. vers. [] 1, 159 (s. u. 4, a). die gegenstände der äuszern welt werden ins gemüth herbeigerufen, in form von inneren bildern (s. 4, d): in der reinen mathematik wird der geist gleichsam am lenkseile der demonstration geführt ... überdiesz brauchen hier die einzelnen gegenstände und thatsachen, deren anschauung dem verstande vorleuchten musz (auf seinem wege des suchens), gar nicht erst ins gemüth herbeigerufen zu werden, welches bei jeder philosophischen meditation das erste und oft das schwerste geschäft ist ... die zeichnung der figur legt ganz vollständig alles .. vor augen. Garve versuche 2, 313 (über die kunst zu denken), vergl. diese fähigkeit, einen gegenstand in seinem gemüthe festzuhalten (als anschauung) 275, man würde nun bewusztsein sagen, vergl. Günther unter 9, a, γ. auch ins gemüt nehmen, von liebe und neigung: noch weniger (als sich selbst) vermag er (der mensch) etwas auszer sich zu lieben auszer also, dasz er es aufnehme in die ewigkeit seines glaubens und seines gemüths und es anknüpfe an diese. Fichte reden 105 (8. rede); ich war ein lichter tropfen thau, und als ich nieder sprühte, warst du ein blumenkelch der au, und nahmst mich ins gemüthe. Rückert ges. ged. (1834) 312, wie mhd. bei minnesingern: sô hât got wol ze mir getân, sît er mich niht wolte erlân, ich næme si in mîn gemüete. minnes. frühl. 51, 18; daʒ ich si nam in mîn gemüete. 50, 21, vergl. 11, 18; die er in sîme herzen truoc, möht (vermöchte) die ûʒ sîme gemüete deheines wîbes güete (trefflichkeit) iemer (überhaupt) benomen hân .. Iwein 6507. auch in den alten wendungen des gemeinen mannes ich dachte in meinem gemüte, ich bin glücklich in meinem gemüte u. dergl. (s. 2, f. 4, b) erscheint ja das gemüt als inneres wie von der welt gesondert. auch hoffnung, einen stillen vorsatz im gemüte haben u. ähnl.: ich habe gute hoffnung in meinem gemüthe für ihn (den kranken Schiller). Ch. v. Stein an die Schillerin, Charl. von Sch. und ihre freunde 2, 276; fischer. was habt ihr im gemüth? entdeckt mirs frei! Tell. ist es gethan, wirds auch zur sprache kommen. Schiller Tell 4, 1. vergl. übrigens geist 19, k. 8@bb) diesz innere hat aber wieder sein innerstes, seine tiefe u. ähnl. 8@b@aα) mhd.: diu verborgenheit des gemüetes ist als ein samenunge alles götlîches guotes und aller götlîcher gâben in dem innersten wesen der sêle (vgl. das gemüete in der sêle wohnhaft 4, c), daʒ ist als ein gruntlôser brunne alles götlîchen guotes. Eckhart 480, 33, in antwort auf die frage, in welher stat oder kraft in der sêle daʒ êwig wort werde aller eigenlîchest (in uns) geborn, worauf einige sprechen: in der verborgenheit des gemüetes, wan dem ist got aller heimlîchest z. 25, vergl. wesentlich dasselbe aus Giselher von Slatheim bei Preger geschichte der mystik 2, 101; waʒ in in (den menschen) vellet von bôsen gedanken, daʒ daʒ zuhant zu nichte werde und daʒ iʒ nit inrûre (rühre) des gemûtes innewendikeit. myst. 1, 250, 29 (dasz es nicht das ich ergreife, sondern im kopfe bleibe). 8@b@bβ) nhd.: kehrte ich dann wieder zu meinem freunde Jacobi zurück, so genosz ich des entzückenden gefühls einer verbindung durch das innerste gemüth. wir waren beide von der lebendigsten hoffnung gemeinsamer wirkung belebt .. so schieden wir in der seligen empfindung ewiger vereinigung. Göthe 26, 295 (aus m. l. 14), gar noch nicht in dem heutigen engerm sinn, so wenig wie vorher: was er mir von dem zustande seines gemüthes mittheilte, konnte ich nicht fassen, um so weniger als ich mir keinen begriff von meinem eignen machen konnte (das gährend und siedend war) 292, es ist das gemüt, das ganze innere in der gährung der geniezeit; welchen unermeszlichen einflusz auf die ganze menschliche entwickelung eines volkes die beschaffenheit seiner sprache haben möge, der sprache welche den einzelnen bis in die geheimste tiefe seines gemüths bei denken und wollen begleitet ... Fichte reden 54; sage mir, worauf deine gedanken, wenn du nicht mehr mit straffer hand sie nach einem ziele hinrichtest, sondern ihnen zur erholung erlaubst, frei zu schweifen, worauf sie sodann fallen .. woran du dich in der innersten tiefe deines gemüths ergötzest. wesen des gelehrten (1806) 101, also gedanken des innersten gemüths, noch nicht wesentlich [] anders als im 17. jahrh. die innersten gedanken des gemüts reveliren Schuppius 763; deine liebe wird mich in die heiligthümer des lebens, in das allerheiligste des gemüths führen. Novalis 1, 168; keine vertrautere gabe vermag der mensch dem menschen anzubieten, als was er im innersten des gemüthes zu sich selbst geredet hat, denn sie gewährt ihm das geheimste was es giebt, in ein freies wesen den offenen blick. Schleiermacher monologen (1810) 1; thue nichts als was dir in freier liebe und lust hervorgeht aus dem inneren des gemüthes. 124. 8@b@gγ) auch dem denker im höchsten sinne hilft die tiefe des gemüts als schatzhaus der verborgensten tiefsten gedanken: dieser (der künftige gelehrte) soll einst nicht blosz über das allgemeingeltende sich aussprechen, wie es ihm ums herz ist, sondern er soll auch in einsamem nachdenken die verborgene und ihm selber unbewuszte eigenthümliche tiefe seines gemüths in das licht der sprache erheben. Fichte reden 124 (9. rede), wie Garve über die kunst zu denken: der denker musz nach vortrefflichen gedanken so wie der bergmann nach edlen metallen graben, sonst kommt er nicht zu dem vortrefflichen, was gleichsam auf dem grunde seiner seele verborgen liegt. versuche 2, 301 (wo für seele auch gemüth stehen könnte), eine vorstellung, der doch Kant nicht gewogen ist: es ist merkwürdig, dasz man sich den ersteren (den gesunden menschenverstand) ... als eine fundgrube in den tiefen des gemüths verborgen liegender schätze vorstellt u. s. w. 10, 136 (anthrop. § 6). auch der tiefste, heiligste wille und entschlusz wohnt in diesem innersten des gemüts: der jüngling schleicht beschämt in sein gemach .. und still in des gemüthes innerstem beschwöret er ein heiliges gelübd (der umkehr). Uhland ged. 364 (die bildsäule des Bacchus). 8@cc) es hat in und neben dieser tiefe aber auch seine weite (vgl. geist 19, g). 8@c@aα) es kann sich ausdehnen in die welt und diese in sich aufnehmen (vergl. unter 10, b, β von erweiterung des gemüts), sowol an der hand der augen, der sinne, als an der hand der gedanken: euer enkel hat ein anziehendes gesicht, es zeigt ein klares und umfassendes gemüth und seine stimme kommt tief aus dem herzen. Novalis 1, 136; auch ists gewiss, dasz der anblick des ruhigen oceans das gemüth eigentlich weite, nicht hebe. Herder Kallig. 3, 50; die weitere fahrt rheinabwärts ging froh und glücklich von statten. die ausbreitung des flusses ladet auch das gemüth ein, sich auszubreiten und nach der ferne zu sehen. Göthe 26, 293 (aus m. l. 14); und wie dort westlich der tag verglüht, dehnt froh und festlich sich mein gemüth. Geibel ges. w. 4, 179; von dem naiven dichter wendet man sich mit leichtigkeit und lust zu der lebendigen gegenwart, der sentimentalische wird immer auf einige augenblicke für das wirkliche leben verstimmen. das macht, unser gemüth ist hier durch das unendliche der idee gleichsam über seinen natürlichen durchmesser ausgedehnt worden, dasz nichts vorhandenes es mehr ausfüllen kann. Schiller X, 492, 21. 8@c@bβ) auch das ewige, ja himmel und erde kann es in sich aufnehmen: der jugend nachtgefährt' ist leidenschaft, ein wildes feuer leuchtet ihrem pfad, der greis hingegen wacht mit hellem sînn und sein gemüth umschlieszt das ewige. Göthe 13, 268 (Epim. 1, 2); wem eins (ein vaterland) überliefert worden ist, und in wessen gemüthe himmel und erde, unsichtbares und sichtbares sich durchdringen und so erst einen wahren und gediegenen himmel erschaffen, der kämpft bis auf den letzten blutstropfen, um den theuren besitz ungeschmälert wiederum zu überliefern an die folgezeit. Fichte reden 105 (8. rede). in einem gedichte der Droste-Hülshoff 'gemüt', das sein innenleben feiert, heiszt es: grün ist die flur, der himmel blau ... so sprich, was ist denn deine gabe, gemüt, der seele iris du? ... du hast die erde, hast den himmel, und deine geister obendrein. leben u. ausgew. dicht. (1883) 274. 276. 8@c@gγ) es gibt nämlich auch im gemüte raum (vgl. geist 19, i): so bald sie (die meisten menschen) nur einmal zu sich selbst kommen, verspüren sie einen solchen öden und leeren raum in ihrem geist und gemüthe, dasz sie nichts mit sich selbst [] zu thun wissen. Bodmer mahler der sitten 1, 224; ins tiefere heiligthum, in des gemüths höheren raum zog mit ihren mächten die seele der welt, zu walten dort bis zum anbruch der tagenden weltherrlichkeit (des christenthums). Novalis 2, 11, weltgeschichtlich, vom gemüth der menschheit (s. 10, f). Kant vergleicht es einmal einer landkarte: dasz das feld .. dunkler vorstellungen im menschen unermeszlich sei, die klaren dagegen nur unendlich wenige puncte derselben enthalten, dasz gleichsam auf der groszen charte unseres gemüths nur wenig stellen illuminirt (beleuchtet) sind, kann uns bewunderung über unser eigenes wesen einflöszen u. s. w. 10, 131 (anthrop. § 5), er nennt es auch das dunkle des gemüths 136 (§ 6), und gemüth geht da zugleich in den heutigen begriff bewusztsein (oder unbewusztsein) über, vgl. a und 9, a, γ. 8@dd) es wird in sich bewegt, in verschiedenster weise. 8@d@aα) es ist in sich bewegt oder still: bist du zornweh und gech (jähzornig) und würst leichtlichen zuo zorn bewegt, flüch ursach (anlasz dazu) und mit gewalt ficht nach stille und heitre deines gemtes. Keisersberg irrig schaf Cijb; still und sanft gmt, tranquillissimus animus. Maaler 187c; das gemt bewegen und ziehen wo hin einer wil, agere, flectere animum. 168a, freilich bewegung nach auszen (s. folg.); und gehören zu einem follständigen kunstgemähl .. ebenmasz der bilder, licht und schatten, die eigentlichen (genauen) bewegungen des gemüthes, so vil solche aus den geberden und dem angesichte erhellen u. s. w. Butschky Patm. 522; das gemüth fühlt sich in der vorstellung des erhabenen in der natur bewegt, da es in dem ästhetischen urtheile über das schöne derselben in ruhiger contemplation ist. Kant kr. d. urth. 109 Kirchm. (§ 27); daher ist hier das gemüth in bewegung, es ist angespannt, es schwankt zwischen streitenden gefühlen, da es dort ruhig, aufgelöst, einig mit sich selbst und vollkommen befriedigt ist. Schiller X, 492, vergl.angespannte und abgespannte gemüther 333, 23; er eilte ins freie, sein ganzes gemüth war rege. Novalis 1, 72. das gemüt rühren, eigentlich in lebhafte bewegung versetzen, s. Göthe unter f. auch stürmisch bewegt, wie die see oder auf der see: die immer fluthende welt des gemüthes in musikalischen strömungen darstellen. Arndt schriften für u. an s. l. Deutschen 1, 415; den tumult von affecten, in dem mein gemüth wie ein nachen auf einer stürmischen see hin und her geworfen ward. Hamann 1, 184; schon mhd.: sie wâren alle vreuden blôʒ (aus der verlorenen schlacht kommend), ir gemûte in zorne vlôʒ. livl. reimchron. 5698. auch verwirrt, unruhig, beunruhigt, in wirrer, unruhiger bewegung: als nun dieses wilde thier (der betrunkene) der gegend kam, wurden sie alle im gemüth verwirret. Olearius pers. baumg. 4, 6; so viel sah er, dasz seines bruders gemüth sich immer tiefer beunruhigte. Jacobi Woldemar 2, 78. von beruhigung der gemüter ist in aufregungen des politischen lebens die rede. die dauernde ruhe auch als 'gleichheit' des gemütes, in lieb und leid: daʒ vîrde ist (als zeichen religiöser durchbildung), daʒ ein mensche sî alle zît in glîcheit des gemûtes in lîbe und in leide. myst. 1, 250, 20, auch im gleichgewicht: mein gemüth ist gottlob sehr ruhig und heiter und in einem gleichgewicht. Hamann 1, 347. vgl.gemütsbewegung, gemütsruhe. 8@d@bβ) von bewegung zugleich nach auszen, streben, wünschen u. ähnl.: sein ganzes gemüth auf etwas richten, sein begehrungsvermögen. Adelung; mit verdeckten worten anzeigen, wo das gemt hinhangt. Henisch 1490, sich strebend hinneigt (vgl. J. Paul unter hinhängen). das gewöhnliche bild dafür ist eben neigen, sich neigen, geneigt (s. d.), mhd. muot, herze ist oder wirdet geneiget in einer richtung: ist dein gemüt in trewen gegen mir geneiget, so gewer mich meiner letzten bitt. b. d. liebe 257c; gmt das zuo bösem geneigt und geartet ist, animus acclivis falsis. Maaler 187c; wann die neigungen des gemüths in ordnung getrieben und der vernunft ganz gehorsam weren. Schuppius 726; pflicht! du erhabener, groszer name, der du ... doch auch nichts drohest, was natürliche abneigung im gemüthe erregte. Kant kr. d. prakt. vern. (1792) 154. vgl. gemütsneigung. 8@d@gγ) mhd. wird die richtung des gemütes auf ein ziel gern mit stên bezeichnet, das auch nhd. noch gebraucht ist, z. b.: nâch lobe stuont sîn gemüete. Walther 107, 35; der begunde in vrâgen zehant, war stüende sîn gemuot. Amis 1335; [] sît dîn gemüete stêt alsô, daʒ du nâch ungemache strebest .. Iwein 544; vergl. das entsprechende gestellet Konrad Silv. unter 7, f, so und so gerichtet (s.gemütsstellung). nhd.: damit sy weren zogen hin wo (hin) ir gemt nun gstanden wer. Gödekes Gengenbach 400; mein gemt stat mir langest auf frässen, jamdudum est animus in patinis. Maaler 168a; zu deiner gütesteht unser gmüthe, an dir wir klebenim tod und leben. geistl. lied von J. Lindeman († 1630). wie stellen vorhin, auch setzen: er (kaiser Karl IV.) rit in die stat mit groszen freuden .. und setzt zu hant sein gemüet, wie er die stat (Nürnberg) möcht hoch erheben mit freiheit und gebewen. S. Meisterlin Nürnb. chron. 153, 20. 8@ee) es steht oder ist hoch oder niedrig, in mutiger freudigkeit oder gedrückter lage, s. mhd. hôch gemüete, in hôhem gemüete, gemüete tragen ze mâʒe nider unde hô 7, b, β; Maria Magdalena dankt einem teufel, der ihr solche hübschheit und hohen sinn gebe: want min gemüde heldestu ho .. ich wil umb dintwillen hoch gemüde tragen. Alsfelder pass. 1839 ff.; es ist besser nidriges gemüts sein mit den elenden, denn raub austeilen mit den hoffertigen. spr. Sal. 16, 19; vgl.hohe und niedrige gemüther bei Chr. Weise unter 2, e. auch in stärkerm bilde gedrücktes gemüt (wie noch gedrückte stimmung): die furcht druckt das gemüte zu boden. Butschky Patm. 340. noch stärker ein nidergeschlagenes, niderträchtiges gemüth, animus abjectus Frisch 1, 677c, das niderträchtig, jetzt ganz verändert, entspricht als gegensatz dem hochtragenden gemüt u. ä. u. 7, b, β, das man oder das sich 'hoch trägt' (wie den kopf), auch hochträchtig (s. d.). die höhe aber auch als schwung, aufschwung in die höhe: nicht blosz .. das erhabene .. auch das unfaszbare für den verstand .. kann .. dem gemüth einen schwung geben. Schiller X, 224, 15 (vgl.gemütsschwung), etwas anders freier schwung der gemüthskräfte, beim dichten Kant kr. d. urth. 176 K., § 48, s. die definition § 49. 8@ff) es ist in sich heiter, klar oder trübe, düster u. ähnl. (wie der himmel, vgl. geist sp. 2692): ficht nach stille und heitre deines gemtes. Keisersberg irr. schaf C 2b (s. u. d, α); ein haiteres gemüth, animus serenus, das gemüth aushaitern, serenare animi nubila (als bewölkt gedacht) Frisch 1, 397c; jetzt erheitern, doch mit vergessen des ursprünglichen bildes: Aurelie .. erhielt noch gröszeren beifall, indem sie die gemüther der menschen rührte, die er (Serlo) zu erheitern und zu erfreuen so sehr im stande war. Göthe 19, 84. dagegen trübe, düster, dunkel, eigentlich wie luft und himmel: so kum her, Bacche, heliger win .. on dich ganz ist dem tisch kein eer .. ein trurig gsicht und dunkel gmt. Brant tischzucht 381 (Zarncke 150a). trübes gemüt wurde gewiss auch gesagt, wie mhd. trüeber muot und noch trübe stimmung, gewöhnlich doch betrübt, z. b. betrübte gemüthe Luther 3, 84b. düsteres, verdüstertes gemüt. auch es wird hell im gemüte: das sind herrliche augenblicke im menschlichen leben, wenn es im gemüthe wieder hell zu werden anfängt, wenn der glaube an gott und vorsehung wieder wach wird und die freude sich wieder einstellt. H. Voss mitth. über Göthe u. Schiller 84. 8@gg) es ist und wird auch so und so gestimmt, eigentlich wie ein saitenspiel, durch äuszere einflüsse oder aus sich: um seinen lehrling, den er in diesen tempel zu führen bereit war, vorher mit dem heiligen schauer zu erfüllen, der das gemüth zu feierlicher aufmerksamkeit stimmen soll. Kant kr. d. urth. 180 Kirchm. anm. (§ 49); stimme auch du dein gemüth zu heiterem vernehmen. F. H. Jacobi ges. w. 1, 298; die stimmung des gemüths zum gefühl des erhabenen erfordert eine empfänglichkeit desselben für ideen. Kant a. a. o. 117 (§ 29); diese verstimmung des gemüths. anthrop. § 22; wenn wir in gewissen moralischen stimmungen des gemüths wünschen können, den vorzug unserer willensfreiheit .. gegen die .. nothwendigkeit des vernunftlosen hinzugeben. Schiller X, 443, 19; das gemüth geht von der empfindung zum gedanken durch eine mittlere stimmung über, in welcher sinnlichkeit und vernunft zugleich thätig sind. 345, 14; ästhetische stimmung des gemüths. 349 u. öfter. dasz dabei ursprünglich an saiten gedacht ist, zeigt folgendes: die kunst des schönen spiels der empfindungen (die von auszen erzeugt werden) .. kann nichts anderes als [] die proportion der verschiedenen grade der stimmung (spannung) des sinnes, dem die empfindung angehört, d. i. den ton desselben betreffen. Kant urtheilskr. 190 (§ 51, 3), wo ton und spannung verraten, dasz ihm dabei noch der gedanke an saiten vorschwebte. noch deutlicher etwas früher: wenn nervigte theile ... aus ihrer verknüpfung gerissen werden (er handelt vom sinnlichen schmerz), so erstrecken sich die traurigen wirkungen davon auf das ganze organische gebäude. der ton wird verändert, es äuszert sich eine misstimmung in allen sennadern. Mendelssohn über die empfindungen (1755) 113, die sennadern sind die nerven (s. unter geäder 4), die nun verstimmt sind wie ein beschädigtes saitenspiel (s. das.) und einen falschen ton geben. daher auch die wendung: ihr herzlicher brief hatte so manche saiten meines gemüths so innig gerührt. F. H. Jacobi ges. w. 1, 382 (wie der spieler die saiten rührt). jetzt denkt freilich wol niemand mehr an saiten bei stimmung, verstimmung u. dergl., auch nicht bei übereinstimmung (harmonie), eigentlich wie bei gleich gestimmten instrumenten: gleich von dem ersten augenblick ihrer bekanntschaft an hatte sich die übereinstimmung ihrer gemüther so schön gezeigt. Göthe 16, 164, auch nicht bei harmonisch, eigentlich in schönem einklang der verschiedenen kräfte: das heitre und in sich harmonische gemüth. Schiller X, 80, 16. 8@hh) auch von nahrung, belebung, krankheit des gemüts u. ä. ist die rede (vgl. geist 19, b, α). 8@h@aα) gmt das nit mag ersettiget werden, insatiabilis animus. Maaler 187c (vgl. durstiges gemüt Olearius unter 2, e, doch von wirklichem durste); es reicht jetzo in das vierte jar, dasz sie (Penelope) unsere gemte mit bloszer hoffnung speiset. Schaidenreiszer Od. 16b; sie (die gattin) war es, die da kont' euch das gemühte speisen mit solcher anmuht, dasz in trübsal und gefahr ihr lieblichs reden euch ein rechtes labsal war. Rist Parn. 657; wenn die cultur des menschen die kunst ist, sein gemüth durch nahrung fruchtbar zu machen. W. v. Humboldt ästh. versuche 1, xiii. 8@h@bβ) dazu erquicken, eigentlich neu beleben, auch beleben u. ähnl.: das gmt erlaben, erquicken, levare animum. Maaler 187c; gleich wie ein ander, nachdem er des tages last und hitze getragen, seine recreation sucht im bretspiel, also suche ich die erfrischung und wiedererquickung meines gemühts in solchen schriften (d. h. sie zu schreiben). Schuppius 612; sein gemüth (sich) erquicken Adelung; sie (die ästhetischen attribute eines begriffes) .. geben eine ästhetische idee .. eigentlich aber um das gemüth zu beleben, indem sie (die idee) ihm die aussicht in ein unabsehliches feld verwandter vorstellungen eröffnet. Kant urtheilskr. 179 K. (§ 49). 8@h@gγ) doch auch krankheit, schon im 15. jahrh.: der vatter liesz die artzat berüfen, die ... kundend krankhait ires libes nit befinden noch dar zuo raten, das och wol billich was, wann es was ain krankhait des gemütes. Apollon. 106, 7 Schr.; vgl. S. Frank unter 2, a, doch in sittlicher auffassung, nicht in heutiger; Uli war in einem hülflosen zustande .. ein nervenfieber hatte ihn erfaszt. wenn man ihm zuvorkommen möchte, sagte der arzt zwar, habe er diese wendung so ungern nicht, viel lieber, als wenn es sich ihm ins gemüth verschlagen hätte. Gotthelf 3, 326. 8@ii) schönheit des gemüts, von der schönheit des antlitzes aufs innere übertragen, schon mhd. schœne an dem muote z. b. die heil. Elisabeth (s. unter geist 22, c schöner geist): also wird die schönheit (einer frau) anders von den begierden, anders von der vernunft angeschauet, welche auch von dieser innerlichen schönheit allgemach zu der jenigen steigen lernet, die dem was allenthalben ist seine schönheit verliehen hat. Opitz 2, 253, er nennt sie auch die blüte des gemüthes daselbst; wie nun ein mensch in einem bilde die kunst und nicht das bild ... liebet, also müssen wir in einem schönen frauenzimmer nicht die gestalt, sondern, wo sie vorhanden ist, die schönheit des gemüthes .. hochhalten u. s. w. 254; wenn ein weib tugend und nahrung in die ehe bringt, so hat der mann übers heiratgut mit fug nicht zu klagen, denn die ist schön und reich genug, die ein geraden leib und schön gemüth zubringt. Lehman flor. 1, 164; selbst die schönheit vom gemüthe bricht (bei ihr) durch blick und antlitz vor. Günther 273; höre, Dorchen! ist deine mutter in ihrer jugend schön gewesen? »schön von gemüthe«. Weisze kom. op. 3, 263; ihr [] reines, schönes, sonst so leichtes und leicht sich helfendes gemüth empfand den druck einer schwermuth. Göthe 16, 164; ich bringe die Knebel mit nach Erfurt, es ist ein schönes gemüth in ihr, wir passen recht zusammen. Charl. v. Stein Ch. v. Schiller und ihre freunde 2, 283; eine gemeinschaft gilt es (in diesem kriege, 1809), die, weit entfernt, in ihrem busen auch nur eine regung von übermuth zu tragen, vielmehr einem schönen gemüthe gleich bis auf den heutigen tag an ihre eigne herrlichkeit nicht geglaubt hat (d. h. das deutsche volk). H. v. Kleist leben u. briefe h. von Bülow s. 254. ein distichon im mus. alm. 1797 s. 154, überschrieben der moralische und der schöne character, lautet: repräsentant ist jener der ganzen geistergemeine, aber das schöne gemüth zählt schon allein für sich selbst. Schiller XI, 167, also gemüt und charakter gleichgesetzt (s. 7, g). 8@kk) auch freiheit, adel des gemüts, d. h. diese standesbegriffe vom äuszern ins innere übertragen: vrî gemüete. Eckhart 252, 8; sîn beste pfrüende ist vrî gemüete, daʒ macht sîns frôen herzen güete. Renner 19495, von dem halb wunderbaren vogel galander (s. d.), vermutlich ein sprichwort im leben entstanden, eine pfründe mit der man von keinem herrn abhängig ist; rîcher ist ein armer man, der vrî gemüete wol mag hân, denn der ist rîch und dienen muoʒ .. der eigen ist, wâ ist des muot? u. s. w. Boner. 59, 64; ze kirchen sol man pflegen gotes güete und obe dem tische haben vrî gemüete. Kolm. meisterl. s. 309; wann (denn) ritter und knecht freis gemt nemen (empfangen) von reiner frawen gt. Hätzl. 119a; weil sie (die liebe) nicht allein den leib, sondern auch das freye theil des menschen, das gemüthe zum sclaven macht. Opitz 2, 251; freies gemüthes leben. Olearius ros. 7, 20, sorgenfrei; als er nun mit speis und trank wohl angefüllet und freieres gemüths wurde. 3, 27 (mhd. gemüetes vrî); wenn es schon ein angenehmer anblick ist, zu sehen dasz eltern ihren kindern eine ununterbrochene sorgfalt widmen, so hat es noch etwas schöneres, wenn geschwister geschwistern das gleiche leisten. dort glauben wir mehr naturtrieb und bürgerliches herkommen, hier mehr wahl und freies gemüth zu erblicken. Göthe 26, 154, frei vom herkommen, aus sich selbst das gute wirkend; es heiszt die natur eines geistes verkennen, wenn man den sinnlichen passionen eine macht beilegt, die freiheit des gemüths positiv unterdrücken zu können. Schiller X, 340; der höchste genusz aber ist die freiheit des gemüths in dem lebendigen spiel aller seiner kräfte. XIV, 4, 19; das gemüth des zuschauers soll auch in der heftigsten passion seine freiheit behalten, es soll kein raub der eindrücke sein, sondern sich immer klar und heiter von den rührungen scheiden, die es erleidet. 11, 8. gegensatz knechtisch, z. b.: zeichen eines niedrigen und knechtischen gemütes. Butschky Patm. 823. adel des gemütes, von dem dichter und denker früh predigen, dasz er allein wahrhaft edel mache (vgl. Freid. 54, 6), z. b.: nieman ist edel, denn den der muot edel macht und niht daʒ guot. Renner 1454; edel macht das gemt, nicht das geblt. Henisch 1490, Lehman flor. 1, 154 (auch adel sitzt im gemüt, nicht im geblüt); adeliches gemüth niemand betrübt. 2, 3; edele gemüther trachten nach lob und ehr, der pöfel nach gelt und gut. 1, 155; ist gewiss, dasz eine solche (buhlerische) liebe ... eine beherrscherin eines knechtischen herzens ist, weil diese flüchtige schönheit mit so vielem aufwarten, flehen, weinen und fuszfallen, dergleichen zu thun ein edles gemüthe in reifes bedenken nimpt, wil bedienet werden. Opitz 2, 253; lob und rhum, welchem die edelsten gemüter nachtrachten. poet. 60 Br. 8@ll) noch manche andre bilder dienen zur verdeutlichung der wechselnden zustände des gemüts, z. b.: ein wild gmt, animus sylvestris. Maaler 187d, wie ein wildes pferd o. ähnl., ein wild gmt zemmen das.; sein gmt regieren, leiten, zemmen, componere animos. das.; dagegen gelindes gemüt, z. b. etwas mit gütigem und gelindem gemüt annehmen Luther bei Dietz 2, 75a. hartes und weiches gemüt: die geistlichkeit, welche durch ihren gewissenszwang die härtesten gemüther zu entsteinern wüste. Lohenstein Arm. 2, 521, auch verbeintes, verknöchertes: welche ein so verbeintes gemüth tragen (dasz sie ihre geheimnisse nicht doch einmal verraten). Schuppius 763, nicht vom empfinden, sondern vom wollen und denken (das gemüt weich s. unter 10, b, δ): [] wie grosz ist des allmächtgen güte! ist der ein mensch, den sie nicht rührt? der mit verhärtetem gemüthe den dank erstickt, der ihm gebührt? Gellert 2, 122. verkertes gemt, gleichsam umgekehrt, 'verdreht', z. b. von den verschworenen des bundschuhs, wenn sie schlösser und städte erst eingenommen hätten: als dann so wolten sy anheben und gar dheinen laszen leben, der sich ir gsatzt und ordnung spert, also was ir gemt verkert. narrenschiff vom bundschuh, Gödekes Gengenbach 400. zerschlagenes gemüt, vom unglück: der herr ist nahe bei denen, die zubrochens herzen sind und hilft denen die zurschlagen gemüt haben. ps. 34, 19; also nimt gnädig an zerschlagene gemühter .. der alles heilen kan. Rist himml. lieder 2, 134. 8@mm) bemerkenswert ist dabei, wie das gemüt und der mensch selbst wechselnd genannt werden (vgl. dazu geist 19, d, β), z. b.: die schmelzende schönheit, wurde behauptet, sei für ein angespanntes gemüth und für ein abgespanntes die energische. angespannt aber nenne ich den menschen u. s. w. Schiller X, 334. im früheren gebrauch wird das gemüt so weit öfter genannt (s. 3, e), wo man nun den menschen selbst oder das ich einsetzt. noch im 17. jahrh. scheint das besonders beliebt, z. b.: jener patricius von Wormbs hatte das gemüht Baconis leichtlich auf sein seiten gezogen. Schuppius 762, viele belege auch im vorigen; noch jetzt lebt das unter dem volke nach, z. b. mein gemüth war so aufgeregt statt ich (oder meine nerven, s. 3, f). so werden bildliche wendungen oft von diesem gebrauch ausgegangen und dann erst auf den menschen selbst übertragen sein, was im einzelnen falle besonders zu untersuchen wäre. auch in den zusammensetzungen ist das zu erkennen, noch im 17. jahrh. z. b. ist gemütsergetzung beliebt, jetzt einfach ergötzung, jenes aber entsprechend der wendung im 16. jahrh. sein gemüt ergetzen: ihr jungen edelleut, ihr habt ewere junge gemüter jetzund mit spielen und kürzweil ergetzt, kompt nun zu dem nachtmal. Schaidenr. Odyss. 222b. vergl. auch z. b. gemütsneigung, gemütscharakter, gemütsmeinung, gemütsverfassung, jetzt einfach neigung, charakter u. s. w. 99) besonders entwickelt sind wendungen mit zu gemüte, namentlich führen, ziehen. 9@aa) das gemüt erscheint da wie ein innerer raum oder eine innere welt für sich (s. 8, a), worein wirkungen aus der äuszeren welt eingehen können oder auch nicht. 9@a@aα) so recht deutlich z. b. in folgendem: soll aber je die liebe recht antreffen, so musz sie die vernunft zum gefehrten haben, musz den euszerlichen sinnen, sonderlich aber den augen, so als zwei unachtsame thürhüter zum oftern allerhand falsche meinungen zu dem gemüthe einlassen, den muth brechen und durch urtheil und verstand von der auswendigen schönheit zu der inwendigen .. dringen können. Opitz 2, 253. vergl. gemütsmeinung. 9@a@bβ) daher es kommt, geht mir etwas zu gemüte: es kompt mir oft zu gemüth jenes Catonis vers: si tibi sint gnati etc. Schuppius 730, fällt mir ein, auch kommt mir zu sinn; wie? oder meint man nicht, dasz er, was bund, versteh, dasz sein versprechen ihm nicht zu gemüthe geh? A. Gryphius 1, 173, nicht blosz in gedächtnis und erinnerung, sondern zugleich mit regung des pflichtgefühls, ins gewissen (s. u. 7, g). so vom innersten gemüte und einer tiefgehenden regung desselben: es ist gewiss, dasz nächst der ehre gottes einem jeden tugendhaften menschen die wolfahrt seines vaterlandes billig am meisten zu gemüte gehen solle. Leibniz erm. an die Teutschen, weim. jahrb. 3, 88. auch kräftiger steigen: nun möchte ihrem vater der (von ihm verübte) betrug zu gemüthe gestiegen sein. Riemer polit. stockf. 320, ähnlich wie zu kopfe steigen, was auch von gedanken und empfindungen zugleich gebraucht wird. dazu etwas zu gemüte fassen, beherzigen: des unglückseligen tags, da ich nicht gnugsam zu gemüth faszte die grosze untreu meiner freunde. Schuppius 756. 9@a@gγ) auch mit in statt zu, wie es fällt mir etwas in das gemüt, fällt mir ein (3, a): vor wehmuth drückt man ja noch wohl ein auge zu, wenn schmerz und ungedult den hasz des lebens zeiget, und seelen ohne trost und kranken ohne ruh der wunsch, kein mensch zu sein, in das gemüthe steiget. Günther 641, [] wo freilich der wunsch nicht sowol von auszen, als von innen aufsteigt, wie auch bei jenem fallen in das gemüth der einfall nicht von auszen, sondern aus dem vorrat des gedächtnisses aufsteigt, d. h. das gemüt berührt sich da nahe mit dem heutigen bewusztsein oder fällt damit zusammen, und so öfter, s. z. b. Kant unter 8, c, γ. 9@bb) sich etwas zu gemüte ziehen, in verschiedenem sinn. 9@b@aα) von einem entschlusse: ich habe mirs anfänglich zu gemüthe gezogen, die (mir) so reichlich verliehene gaben gottes, da dem nechsten mit gedienet sein könte, zu vernichten. Iversen reis. h. von Olearius 143, offenbar von einem mit tiefgehender entschlossenheit gefaszten beschlusse, das gemüt hier als stätte des festen willens (s. 7, d). 9@b@bβ) an sich kommen und tief auf sich wirken lassen: Sinklair. es sind caricaturen ... abbildungen böser weiber. Henriette. desto besser! darunter gehören wir nicht. wir wollen uns unsere leidigen schwestern im bilde so wenig zu gemüthe ziehen, als die in der gesellschaft. Göthe 15, 263 (die guten weiber), das gemüt hier als stätte der stimmung (s. 7, b). 9@b@gγ) so besonders von leid, dem man sich zu sehr hingibt, in das man sich freiwillig vertieft: ist das nicht plage, wenn man mit hunden vor der thüre weggehetzt wird? »ey das darf man sich nicht zu gemüthe ziehen«. Chr. Weise kl. leute 204; von dem schmerz, über dem man vorsätzlich brütet ... sagt man, dasz jemand sich etwas zu gemüthe ziehe. man musz sich aber nichts zu gemüthe ziehen, denn was sich nicht ändern läszt, musz aus dem sinn geschlagen werden. Kant 10, 256; Lucie. als wenns eine sünde wäre (zu tanzen)! das unglück unsrer schwester geht uns nah genug zu herzen ... Sophie. o wir sind auch betrübt, wir ziehens uns nur nicht so zu gemüthe. Göthe 11, 43 (Lila, im eingang). seltsam mit über statt des obj.: weil er ihre cousine genothzüchtigt, worüber sie sich so zu gemüth gezogen, dasz sie in einen teich gesprungen. Lenz 1, 67. 9@b@dδ) auch wie sich zu gemüte führen, sich aneignen (c, γ): die gemählde sind angekommen, den Waterloo ziehe ich mir zu gemüthe und meine mutter den H. Roos. herz. Carl August an Merck in dessen br. 2, 187. 9@cc) ähnlich zu gemüte führen, doch auch anders. 9@c@aα) einem etwas zu gemüte führen, ans herz legen, nahe legen zur beherzigung, nachdrücklich sagen u. ä.: i. f. gn. nahmen mein einwenden mir ganz weg und lieszen mir so viel zu gemüthe führen u. s. w. Schweinichen 3, 39; als nun .. herzog Fridrichs gemahl es vernommen, hat sie den hauptleuten und ausschusz folgends zu gemüth geführt: der mangel und die gefahr were noch nicht so grosz, dasz sie darumb die stadt übergeben solten u. s. w. Zinkgref apophth. 1, 28; alles war auf den Perikles ungehalten, ohne an dasjenige zu denken, was er ihnen vorhin zu gemüte geführet. Heilman Thucyd. 199 (wozu er sie vorher ermahnt hatte Jacobi); als nun Samuel dem volk das bedenkliche einer solchen übereinkunft zu gemüthe führen und ihnen abrathen will .. Göthe 6, 95; wie sie denn überhaupt den anders denkenden zu gemüthe führten, dasz ja ohne feuer nichts heisz werden könne. 22, 178; Göthe will ihr (der frau v. Stael) nun den bandwurm aus Delilles homme de champ zu gemüthe führen (zum schutz der tabakspfeife in Vossens Luise, die sie anfocht). H. Voss mitth. über Göthe u. Schiller 6. 9@c@bβ) sich etwas zu gemüte führen, zu herzen nehmen, in ernste betrachtung ziehen, reiflich überlegen u. ä., aber auch ohne das sich: nach dem im brewen .. alhier zu Leipzig manchfeltige irrung, misbrauch und unordnung eingerissen .. ist durch den rath .. solchs zu gemüte gefürt und diese ordnung gestelt u. s. w. Leipz. stadtordn. 1544 J 4b, brauordn. vom j. 1531; haben wir uns mit inen (der kaiser mit den reichsständen) erinnert und zu gemüth gefürt, nicht allein was von vielen jaren hero für merkliche beschwerung und unrath aus der so schedlichen langwirigen spaltung in jetzgemelter religion in unserer teutschen nation ervolgt u. s. w. Augsb. reichsabschied 1566 3a, das daneben gebrauchte sich erinnern hat eigentlich denselben kräftigen sinn. wol auch sich deutlich vorstellen, wie eben sich erinnern auch: des Engellands anmuhtigkeit nicht zu vil zu gemüht zu führen. Weckherlin 351 (od. 1, 1). 9@c@gγ) aber auch von genusz, in scherzhafter färbung: auch vater Zevs läszt, ohne sich zu rühren, die Danaen sich zu gemüthe führen. Wieland 5, 188 (der verkl. Amor 3, 265). [] selbst von essen und trinken, eben als scherz, im alltagsleben beliebt: sich ein stück brot, eine bouteille wein zu gemüthe führen, als niedriger scherz bei Adelung; und weil ich auch bin zu essen hier, mir das lerchlein zu gemüthe führ. Göthe 13, 78 (Satyros 1); er hat sich etwas zu gemüthe geführt. Lichtenberg 3, 76, d. h. ist betrunken, der scherz mag von dieser verwendung ausgegangen sein (vgl. ein durstig gemüthe Olearius u. 2, e, wie durstige seele); auch der witz in Wielands wendung fuszt auf diesem sinnlichen begriff des 'gemüts' (die Danaen als appetitsbissen). doch auch von seelischem genusz: wenn ein dienstbote sich was gutes zu gemüthe führen oder sich recht rühmen will, so sagt er, er habe in lauter vornehmen häusern gedient. J. Gotthelf 3, 144; und mit groszem behagen führte er sich alle verwunderung zu gemüthe, welche er auf den gesichtern sammelte, und prägte sie tief in sein gedächtnis. 160, was denn zugleich mit dem gebrauch u. β zusammenfällt. übrigens findet auch die wendung von sinnlichem genieszen ihren rechten anhalt an dem rechten begriffe von gemüt, da diesem auch die sinnlichen empfindungen angehören, wie das noch in Kants und Schillers sprache erscheint, s. 10, a, γ. 1010) der neuere engere begriff mit seiner beschränkung auf das empfinden im vergleich mit dem ursprünglichen. 10@aa) das empfinden wird dem gemüt von je her mit zugeschrieben, natürlich, weil es das gesamte innenleben bezeichnete. 10@a@aα) mhd. z. b.: ouch solt du wiʒʒen, daʒ der guote wille (des menschen) gotes niht mac gemissen, mêr daʒ enpfinden des gemüetes daʒ misset sîn underwîlen unde wænet dicke, got sî für gangen (habe ihn verlassen). Eckhart 554, 31, also dem guten willen gott immer gegenwärtig, dem gemüte nicht immer, wenn ihm das empfinden einmal versagt, wie Schiller das schöne dem empfindenden gemüt beilegt, z. b. wenn ein schlafender auch im schlafe und gerade im antlitz die züge zeigt, die ein wohlwollender sanfter geist gebildet hat .. und also die fertigkeit des gemüths in schönen empfindungen an den tag legt X, 80, 23 (man bemerke geist und gemüth eigentlich als gleich), wie es bei Kant empfindungsbedürftig ist: die anekelung seiner eigenen existenz, aus der leerheit des gemüths an empfindungen, zu denen es unaufhörlich strebt, die lange weile. 10, 151 (anthrop. § 12), aber es tritt damit noch nicht aus dem alten vollen begriff heraus, vgl. z. b. das gemüth, welches als ein bloszes vermögen zu empfinden und zu denken vorgestellt ist 163 (§ 22). auch gedanken, noch unausgesprochen und unausgebildet, liegen im gemüth, vorempfunden (vgl. 8, b, γ): so hoffe ich über den hauptpunkt, den ich ihnen heute vorgetragen (was Napoleons macht für Deutschland bedeute), von ihnen recht wohl verstanden worden zu sein, ich hoffe, dasz mehrere hiebei gedacht und gefühlt haben: ich drücke nur deutlich aus und spreche aus mit worten, wie es ihnen von jeher im gemüthe gelegen. Fichte reden 114. 10@a@bβ) daher auch als stätte oder träger aller einzelnen empfindungen, was nach dem obigen weiterer ausführung nicht bedarf; mhd. z. b. im gemüete vrô (auch gemüetes vrô): dô kâmen die armen pilgerîn an ein waʒʒer daʒ was grôʒ .. des wâren die ellenden man in ir gemüete vil vrô. herz. Ernst 4362 Bartsch. misfallen trägt man im gemüte: nu haben wir ie und ie merklich misvallen an der Turken hertichait und übel in unserm gemüt getragen. kais. brief vom j. 1455, Frankf. reichscorresp. 2, 129. später ist die rede von affecten des gemüts, affectus mentis vel animi: die menschen kanst du aus den worten erkennen, welche ausfallen im wein, zorn oder anderm perturbirten affect des gemüts. Schuppius 763; wenn die affecte zu einer auszerordentlichen hitze des geblütes und sonderlich der flüssigen materie in den nerven gestiegen sind, so können sie sich in dem gemüthe, wo sie ihren ursprünglichen sitz haben, nicht verborgen halten. Bodmer poet. gem. 285; jede leidenschaft oder aufwallung des gemüthes. 307; die verschiednen grade, nach welchen die leidenschaften in einem gemüthe vermischet sind. 284; wenn man sein gemüth zur ernsthaftigkeit bringen will. Kant 1, 45; empfindsamkeit .. ist ein vermögen und eine stärke, den zustand sowohl der lust als unlust zuzulassen oder auch vom gemüth abzuhalten. 10, 255; zwei ganz verschiedene empfindungen (wie unlust und mitleid) können nicht zu gleicher zeit in einem hohen grade in dem gemüthe vorhanden sein. Schiller X, 24, 28. [] 10@a@gγ) auch die sinnlichkeit, sinnliche empfindungen wohnen und wirken im gemüte, s. z. b. bei Keisersberg unter 5, a, wie neben intelligentia und ratio auch sensus, der sinn im gemt sind (der sinn für sinnlichkeit ist noch Kant und Schiller geläufig). im 18. jahrh.: was der sinnlichkeit in unserm gemüthe ein übergewicht giebt, musz nothwendiger weise, weil es die sittlichkeit einschränkt, unser vergnügen an rührungen mindern, das allein aus dieser sittlichkeit flieszt. Schiller X, 28, 16, vgl. sittliches gemüth 29, 4; gegen die leiden der sinnlichkeit (leidenschaften) findet das gemüth nirgends als in der sittlichkeit hülfe. 36, 25. 10@a@dδ) auch leidend, von schmerz heimgesucht u. ähnl.: gnâde, frouwe reine, du meine mich armen, lâ dich mînen smerzen von herzen erbarmen, mîn gemüete enbinde geswinde von leide u. s. w. Konrad v. Würzburg MSH. 2, 327a; doch waisz ich, das mir din gegenwirtikait schmerzen bringet in minem gemüt. Apollonius 106, 15 Schröder; kein neid oder gedanken krenkt ir gemüt. S. Frank weltb. 194b; dan sorg und angst dörrt aus das herz, den leib verzert des gmtes schmerz. Fischart flöhh. 218 (2, 9 Kurz); so schnell verändert sich des leidenden gemüthe, der seinen schöpfer denkt als einen gott voll güte. Uz 2, 120, wo man es auch als stimmung nehmen kann (7, b). 10@bb) aber auch diesz gemüt mit seinen empfindungen fällt keineswegs zusammen mit dem nun herrschenden begriffe, ist oft sogar noch weit davon entfernt, noch im ganzen 18. jh. und länger. 10@b@aα) es hat eine macht, mit der es in seiner innenwelt walten und schaffen kann, im bereich der vorstellungen wie der empfindungen: von einer vorstellung abstrahiren zu können, selbst wenn sie sich dem menschen durch den sinn aufdringt, ist ein weit gröszeres vermögen, als das zu attendiren, weil es eine freiheit des denkungsvermögens und die eigenmacht des gemüths beweist, den zustand seiner vorstellungen in seiner gewalt zu haben (animus sui compos). Kant 10, 126 (anthrop. § 3), vgl. s. 137 thätigkeit des gemüths, vorstellungen zu verbinden oder von einander zu sondern (§ 7). in einem schriftchen handelt Kant von der macht des gemüths, durch den bloszen vorsatz seiner krankhaften gefühle meister zu werden. zugleich zum folgenden überleitend: ein gemüth, welches sich so weit veredelt hat, um mehr von den formen als dem stoff der dinge gerührt zu werden .. trägt in sich selbst eine unverlierbare fülle des lebens. Schiller X, 216, 28 ff.; bei allen vorstellungen von objekten, mithin auch der grösze ist das gemüth nie blosz das, was bestimmt wird (durch ihren eindruck), sondern es ist zugleich immer das, was bestimmt. 200, 5, er nennt es nachher das. auch das reine und identische ich, und darauf läuft der begriff hier wirklich hinaus und bleibt damit in seinem ursprünglichen kreise, selbst als dessen mittelpunkt, d. i. der kern des ganzen begriffes von je her; vgl. 7, h. 10@b@bβ) auch der auszenwelt gegenüber wohnt ihm eine kraft bei oder der keim dazu, die einer steigerung fähig ist bis zur höchsten kraftäuszerung, deren der mensch überhaupt fähig ist. es wächst z. b. unter erhebenden eindrücken (wie das herz): die hohe fluth ists, die das schwere schiff vom strande hebt, und jedem einzelnen wächst das gemüth im groszen strom der menge. Schiller Piccolomini 2, 6, worte Illos von Wallensteins heere, dessen auflösung gedroht wird; selbst gefahr und leiden können gerade seine kraft steigern: ein selbstständiges gemüth hingegen (in vergleich mit der gemeinen seele, d. h. gewöhnlichen) nimmt gerade von diesem leiden den übergang zum gefühl seiner herrlichsten kraftwirkung und weisz aus jedem furchtbaren ein erhabenes zu zeugen. Schiller X, 165, 13, vergl. vorher: das gemüth erweitert sich nur desto mehr nach innen, indem es nach auszen gränzen findet. 165, 1. ebenso erweiterung des gemüths durch eindruck des vorgestellten unendlichen Kant kr. d. urth. 105 Kirchm. (§ 26), allerdings durch das denken vermittelt: aber es (das unendliche) auch nur denken zu können, zeigt ein vermögen des gemüths an, welches allen maszstab der sinne übertrifft. 104; nun aber hört das gemüth (dem eindruck des übergroszen ausgesetzt) in sich auf die stimme der vernunft, welche zu allen ... gröszen ... totalität fordert, mithin zusammenfassung in éine anschauung. das. (man bemerke: die vernunft noch im gemüthe); man sieht hieraus auch, dasz die wahre erhabenheit nur im gemüthe des urtheilenden, nicht in dem naturobjecte, dessen beurtheilung diese stimmung desselben veranlaszt, [] müsse gesucht werden. 106 (man bemerke stimmung neben urtheilen); wie wir .. in unserem gemüthe eine überlegenheit über die natur selbst in ihrer unermeszlichkeit fanden. 113 (§ 28); die unbezwinglichkeit seines gemüths durch gefahr. 114, vom krieger. ebenso bei Schiller, z. b.: der anblick unbegrenzter fernen und unabsehbarer höhen, der weite ocean zu seinen (des wandernden) füszen und der gröszere ocean über ihm entreiszen seinen geist der engen sphäre des wirklichen ... wer weisz, wie manchen lichtgedanken oder heldenentschlusz .. nicht schon dieser muthige streit des gemüths mit dem groszen naturgeist auf einem spatziergang gebahr. X, 223, 32. 224, 5, also geist und gemüt noch als eins gesetzt (aber jener eben auch noch nicht blosz als das denkende). 10@b@gγ) so wird ihm selbst ein handeln, handlung beigelegt: dasz das gemüth im ästhetischen zustande zwar .. frey von allem zwang, aber keineswegs frey von gesetzen handelt. Schiller X, 346, 34, vgl.gemüthshandlung 151, 12. auch bei Kant, obwol in etwas anderer färbung: in ansehung des zustandes der vorstellungen ist mein gemüth entweder handelnd und zeigt vermögen (facultas) oder es ist leidend und besteht in empfänglichkeit (receptivitas). 10, 137 (anthrop. § 7). auch bei Schleiermacher z. b. handlungsweise des gemüths über die religion (1878) 74 und öfter. 10@b@dδ) selbst wenn Schiller das gemüt weich nennt, steht er noch nicht auf dem standpunkt des heutigen begriffes: was unsern sinnen in der unmittelbaren empfindung schmeichelt, das öfnet unser weiches und bewegliches gemüth jedem eindruck. X, 349, 31, er meint das menschliche gemüt überhaupt nach der seite seiner 'empfänglichkeit', nicht das eines gemütsmenschen im heutigen sinne. so ist es hier im grunde da noch in demselben begriffe, wie im 16. jh. z. b. bei S. Frank: sterk ist nit in beinen (knochen), sonder im gemt. sprichw. 1, 130a. auch im 19. jahrh. noch stärke, kraft des gemütes: das einfache, das stätige, das grosze, was man stärke des gemüthes und charakters nennt, kann sich in ihm nicht befestigen. Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 404; er (der Franzose) hat alle einzelne (individuelle) kraft und gewalt, allen still wirkenden und gegenwirkenden widerstand verloren, der im gemüthe liegt. 403. 10@cc) dem gemüt gehört insbesondere das gebiet der kunst und des schönen an oder fällt damit zusammen. 10@c@aα) in diesem liegt die rechte arbeitsstätte des gemütes, in seinem reinsten sinne, wobei der begriff bald weiter bald enger genommen wird: freie wirksamkeit des gemüths ist der wirkung des schönen wesentlich. Schiller X, 56; die rechte kunst ist nur diese, welche den höchsten genusz verschafft. der höchste genusz aber ist die freiheit des gemüths in dem lebendigen spiel aller seiner kräfte. XIV, 4, 19 (über den chor in der trag.); und wie sein ganzes thun nur schauen und schein ist, so wird er zwar für den augenblick unterhalten, aber im gemüth nichts erbauen und begründen. 6, 13, vom dichter (er meinte wol die romantiker) mit reger phantasie, aber 'ohne gemüth' (s. 11, c); in den ersten stellen noch im alten weitesten sinne, denn zu den 'kräften allen' gehört auch noch die denkende kraft des gemüts, in der dritten das gemüt in seiner tiefe (s. 8, b), dem allein die tiefe wahrheit der welt, 'das tiefe der menschheit' zugänglich ist, nach der der rechte dichter trachtet: in der schamhaften stille deines gemüthes erziehe die siegende wahrheit, stelle sie aus dir heraus in die schönheit u. s. w. X, 302, 9, s. auch XIV, 5, 21 ff. 11, 27. so bei Göthe, in der einl. zu den Propyläen vom jahre 1798: so ist es, besonders in der neuern zeit, noch viel seltner, dasz ein künstler sowohl in die tiefe der gegenstände als in die tiefe seines eignen gemüths zu dringen vermag, um ... etwas geistig organisches hervorzubringen. 38, 10, und in der schrift der sammler und die seinigen vom jahre 1798 (6. brief): ich. und doch gibt es einen allgemeinen punkt, in welchem die wirkungen aller kunst, redender sowohl als bildender, sich sammeln, aus welchem alle ihre gesetze flieszen. gast. und dieser wäre? ich. das menschliche gemüth. gast. ja ja! es ist die art der neuen herren philosophen, alle dinge auf ihren eigenen grund und boden zu spielen u. s. w. 38, 102, d. h. Göthe tritt da in die ästhetische sprache und denkweise Schillers nach Kant ein (die 'neuen herren philosophen'), es ist wie ein auszug aus des freundes ästhetischen briefen, was der erzähler nachher ausspricht: aber der mensch ist nicht blosz ein denkendes, er ist zugleich ein empfindendes wesen. er ist ein ganzes, eine einheit [] vielfacher, innig verbundner kräfte und zu diesem ganzen des menschen musz das kunstwerk reden, es musz dieser reichen einheit, dieser einigen mannichfaltigkeit in ihm entsprechen, als antwort auf den einwand des gastes: was ich mit dem verstand nicht begreife, existirt mir nicht. 103, also das gemüth einmal als diese 'einheit', dieses 'ganze' des menschen, wie bei Kant und Schiller, zugleich aber als gegensatz zum verstand, d. h. dem einseitigen (s. 11, b). übrigens schon früher, z. b. im Tasso, das gemüt in solcher dichterarbeit: das weit zerstreute sammelt sein gemüth und sein gefühl belebt das unbelebte. Göthe 9, 107, das in der erscheinungswelt zerstreute sammelt es zur einheit in sich, in seiner einheit. auch das geheimnis der form gehört dem gemüt an: lange schon kanntest den stoff du, den einen, des fülle unendlich; fasse nun auch ins gemüth dieses geheimnis der form. Fr. Schlegel ged. 1809 s. 249. 10@c@bβ) die einbildungskraft, die empfangende wie die schaffende, ist eine thätigkeit des gemüts (s. 4, d): die einbildungskraft, als spontaneität des gemüths, verrichtet bei vorstellung der gröszen ein doppeltes geschäft u. s. w. Schiller X, 192, 16; die kunst bleibt allein innerhalb des kreises der einbildungskraft, also innerhalb unsres gemüths. W. v. Humboldt über Herm. u. Dor. 41 (c. 14), auch ihm hatte das wort noch seinen alten sinn, wie bei Kant, Schiller, umfaszte denken und fühlen, herz und geist: was unser gemüth beständig beschäftigt, den gedanken und das gefühl, finden wir hier auf eine wunderbar grosze weise behandelt und ausgebildet. das. 146 (c. 42); indem er (der leser von Herm. und Dor.) nur den begebenheiten einer einzelnen familie zuzuhören glaubt, fühlt er seinen geist in ernste und allgemeine betrachtungen versenkt, sein herz zu wehmuthsvoller rührung hingerissen, sein ganzes gemüth hingegen zuletzt wieder durch einfache, aber gediegene weisheit beruhigt. 3, das ganze gemüth, d. h. geist und herz zusammen als eins. in Kants kritik der urtheilskraft handelt § 49 von den vermögen des gemüths, welche das genie ausmachen (in der kunst), darin: die gemüthskräfte also, deren vereinigung in gewissem verhältnisse das genie ausmachen, sind einbildungskraft und verstand. s. 180 K. 10@c@gγ) übrigens auch auf das nüchternste, z. b. zahlen angewandt ist die einbildungskraft ein vermögen des gemüts, z. b. bei Schiller: um jedoch zu wissen, dasz man (beim aufsteigen von kleinen zu groszen zahlen) nicht zehen, sondern tausend zählt und dasz jede der letzten zehen einheiten hundert andere in sich faszt, musz das gemüth sich mit schnelligkeit der vorhergegangenen synthesen erinnern, durch welche es diese einheiten erzeugt .. nur kann es nicht fehlen, dasz je mehr die zahlbegriffe wachsen, das verfahren des gemüths immer mehr logisch werden und die anschaulichkeit abnehmen musz. X, 196, 25 ff. (zerstr. betr. über ästh. gegenstände), also auch noch logisch, s. 4, b und d, γ. 10@c@dδ) bei den romantikern werden poesie und gemüt einfach als gleich gesetzt, z. b. von Fr. Schlegel in den sog. fragmenten: gemüth ist die poesie der erhabenen vernunft und durch vereinigung mit philosophie und sittlicher erfahrung entspringt aus ihm die namenlose kunst, welche das verworrne flüchtige leben ergreift und zur ewigen einheit bildet. Athenäum 1798 12, 100 (zu seinem begriff von gemüth s. d, γ). Tieck in der vorrede zu den altdeutschen minneliedern (1803): denn es gibt doch nur éine poesie (die durch alle völker und zeiten dahingeht) ... sie ist nichts weiter, als das menschliche gemüth selbst in allen seinen tiefen, jenes unbekannte wesen, welches immer ein geheimnis bleiben wird .. je mehr der mensch von seinem gemüthe weisz, je mehr weisz er von der poesie, ihre geschichte kann keine andere sein als die des gemüths von den ersten offenbarungen und dem wunderglauben der kindheit .. bis in alle ihre verirrungen, die sich wieder zur frühen kindlichen klarheit selber zurückführen .. so ist die wahre geschichte der poesie die geschichte éines geistes u. s. w. krit. schriften 1, 188; das nähert sich denn dem heutigen begriffe, in seinem gegensatze zum bewusztsein u. ä., mit seiner geheimen tiefe, und doch wird schlieszlich noch geist für gemüt als gleich gesetzt, ihr inhalt aber ist eigentlich die welt selbst, d. h. das was die wissenschaft und das denkende bewusztsein eben auch suchen; so kommt Tiecks begriff dem am nächsten, den unter 8, b, γ Garve, Fichte für den denker in anspruch nehmen als nötigen mitarbeiter für seine höchsten aufgaben. und so noch später: die poesie ist das tiefste leben und gemüth selbst, [] daher auch ihre wirkung so viel wahrer und tiefer als die der philosophie u. s. w. Pfizer briefw. zweier Deutschen (1831) 113, vergl. vorher: ächte poesie verendlicht und versinnlicht alles, um auch das geringste in die wahrhafte unendlichkeit einzutauchen .. während die abstracte speculation auch das unendliche durch den begriff zu etwas endlichem und einzelnem herabsetzt. das., dazu: das vermögen des unendlichen im menschen (das der dichter vor allem braucht) ist das gemüth. 115, nachher aber ein deutlicher nachklang des alten begriffes: die einzelne idee, die nur ein ausflusz des menschengemüths ist (nur subjectiv). 117, wie Tieck oben noch geist und gemüt gleich nimmt. 10@c@eε) daher das gemüt für den dichter besonders wesentlich, ja sein innerstes wesen selber, als spiegel seiner welt: obgleich diese beiden bände nicht alles enthalten, was der bekanntmachung würdig war, so drücken sie doch vollkommen das gemüth des verfassers aus, oder seine innere geschichte. Tieck zu Novalis 1, iii; weil jeder befreundete die andeutungen des veränderten gemüths finden und ohne weiteres die geschichte seines lebens .. verstehen wird (wird keine lebensgeschichte beigegeben). das. s. iv, gemeint sind die wandelungen des dichterischen genius; daher ist auch sein roman bewuszt und unbewuszt nur darstellung seines gemüths und schicksals. xxxvii, vgl. Novalis selbst: oft fühl ich jetzt, wie mein vaterland meine frühesten gedanken mit unvergänglichen farben angehaucht hat und sein bild eine seltsame andeutung meines gemüthes geworden ist, die ich immer mehr errathe, je tiefer ich einsehe, dasz schicksal und gemüth namen éines begriffes sind. 1, 235. auch dichterisches, poetisches gemüth in dem besonderen sinne, auch auf andere künste angewandt: so erinnere ich mich eines streites über die landschaftsmalerei, in welchem ich seine (Novalis) ansicht nicht fassen konnte, die aber nachher aus eignem reichen poetischen gemüth der landschaftsmaler Friedrichs groszentheils wirklich gemacht hat. Tieck das. 1, xxxv; sie glaubten jetzt in jedem ausdruck und jeder vorüberschwindenden laune das dichterische gemüth (an sich) zu bemerken. ders. 10@dd) auch auf sittlichem gebiete erscheint das gemüt, wie dort auf dem gebiet des schönen, eben mit seinem empfinden als im höchsten grade wirkend und schaffend, ja schöpferisch. 10@d@aα) z. b. bei Schiller: und die tugend sie ist kein leerer schall ... und was kein verstand der verständigen sieht, das übet in einfalt ein kindlich gemüth. XI, 258 (die worte des glaubens), d. h. was von gutem das philosophische bewusztsein als erkenntnis noch nicht erreicht hat, das ist als wirkende kraft schon vorhanden im gemüt, das noch naiv ist, wie es sonst der dichter wissenschaftlich nennt, d. h. noch bei seiner ungetheilten einheit der natur, sodasz auch da durchaus noch nicht der heutige begriff waltet, sondern der alte (s. 6), wie denn Schiller auch natur und sinn dafür setzt (s. 6, a), z. b. X, 337, 26 (18. ästh. br., anm.); schreibt er doch dem gemüt auch die letzte entscheidung über wahrheiten der vernunft zu: endlich beruht doch die hauptsache auf dem zeugnisse der empfindung und bedarf also einer subjectiven sanction, die nur die beistimmung unbefangener gemüther ihr verschaffen kann. an Göthe 28. oct. 1794, s. dazu die anm. zum 18. ästh. brief. 10@d@bβ) besonders auch das edle gemüt erscheint in schöpferischer thätigkeit: diese geistreiche und ästhetisch freie behandlung gemeiner wirklichkeit ist ... das kennzeichen einer edlen seele. edel ist überhaupt ein gemüth zu nennen, welches die gabe besitzt, auch das beschränkteste geschäft und den kleinlichsten gegenstand durch die behandlungsweise in ein unendliches zu verwandeln. Schiller X, 356, 31 (23. ästh. brief, anm.), nachher: ein edler geist begnügt sich nicht damit, selbst frei zu sein, er musz alles andere um sich her, auch das leblose, in freiheit setzen. 357, 6, wo ebenso gut edles gemüth stehen könnte oder edle seele. 10@d@gγ) auch als schöpferisch im höchsten sinne, das gute frei aus sich 'gebärend' erscheint es (vergl. den geist 19, b, δ gebärend, zeugend): eine sanfte wärme hatte sein ganzes inneres durchdrungen ... ihm ward zu muthe wie dem begnadigten sünder ... ganz und voll durchdrang ihn eine unaussprechliche empfindung, die aus hülfreichem mitleid und schöpferischer zärtlichkeit gemischt war, ein herzliches wollen, ein tiefes entschlieszen und eine göttliche geburtswehe des gemüthes. Immermann Münchh. 4, 48 (85), bei dem entschlusz Oswalds, [] die Lisbeth doch zur seinen zu machen, das gemüth zugleich in seiner heiligsten tiefe (8, b) und zugleich noch als 'ganzes inneres' (6) und eben so die schöpferische quelle des besten, höchsten und tiefsten; vergl. übrigens unter 4, b, wie bei Bodmer das gemüth eine grosze idee 'empfangen' kann, worin dasselbe bild vom gebären enthalten ist, s. dazu unter geist a. a. o. 10@ee) auch in bezug auf dichten und denken erscheint diesz bild vom gemüt als gebärendem schosz, geburtsstätte, schöpferischem urgrund: aus tiefem gemüth, aus der mutter schosz will manches dem tage entgegen. doch soll das kleine je werden grosz, so musz es sich rühren und regen. Göthe 2, 228 (2, 316 H.); vergl. in bezug auf forschendes denken unter 8, b, γ bei Fichte, Garve die betheiligung des gemüts in ähnlicher oder entsprechender vorstellung. jener spruch Göthes ist unter denen, die in der ausg. letzter hand 2, 225 unter dem titel gott, gemüth und welt zusammengefaszt sind, also gemüth noch deutlich im alten vollen sinne. 10@ff) der begriff erfuhr auch dieselbe erweiterung ins allgemeine und allgemeinste, wie seele und geist. 10@f@aα) das menschliche gemüt, gemüt der menschheit als eines lebendigen ganzen: dasz die geschichte der welt zugleich die geschichte des menschlichen gemüths und geistes sein müsse. Tieck krit. schr. 2, 261; s. oben unter c, δ, wie er die éine poesie, die durch alle völker geht, bezeichnet als das menschliche gemüth selbst. so spricht Arnim im anschlusz an die tiefe kunstverehrung unsrer zeit von der zukunft der religion, die dann erst vorhanden sein werde, wenn alle (einzelnen religionen) darin als stufen (der entwickelung oder des aufsteigens) éines erhabenen gemüthes begriffen sein würden, über das sie selbst begeistert ausflorirt. wunderh. (1845) 1, 474. auch gemüt eines volkes u. ä.: weil jede sprache das äuszere abbild des innersten gemüthes eines volkes ist. Arndt schriften für u. an s. l. Deutschen 1, 364; sie ehrten viele italiänische tugenden, aber fürchteten das dunkle südliche gemüth. 366; in kriegen und revolutionen .. erwachen die schlummernden kräfte und offenbaren in groszen leidenschaften, was im gemüth der völker zu grunde liegt. W. Menzel deutsche lit. 1828 2, 180; dazu volksgemüt, wie volksseele, volksgeist, auch unterschieden: so kann und musz auch der volksgeist, sein denken und fühlen aus der höheren region des christenthums wieder herabgelenkt werden in seinen ursprung, das volksgemüth. Auerbach dorfg. 1846 2, 596 (nationalgemüth 597). 10@f@bβ) auch von einem gemüt der welt ist nun die rede, wie längst von einem weltgeist, einer weltseele (s. geist 11, a): du hast in mir den edlen trieb erregt, tief ins gemüth der weiten welt zu schauen. Novalis 1, 3; es bricht die neue welt herein .. der liebe reich ist aufgethan .. das urspiel jeder natur beginnt .. und so das grosze weltgemüth überall sich regt und unendlich blüht. 1, 219; ja selbst wenn Preuszen und Östreich ... Deutschland ganz verlassen und sich völlig davon ablösen sollten, selbst wenn die Rheinprovinzen alle wieder unter französische herrschaft kämen, so bleibt doch der kern der Deutschheit unzerstörbar, denn sie hat als ein theil des ewigen weltgemüthes ewige bedeutung. P. A. Pfizer briefw. zweier Deutschen 156. 10@f@gγ) ebenso nun gemüt der natur, wie geist und seele der natur schon früher: wer also ihr gemüth recht kennen lernen will, musz sie in der gesellschaft der dichter suchen, dort ist sie offen und ergieszt ihr wundersames herz. Novalis 2, 63, in dem aufsatz die natur, vgl. naturgeist s. 62; mag es sein, dasz die natur nicht mehr so fruchtbar ist ... desto mehr haben ihre bildenden, veredelnden und geselligen kräfte zugenommen, ihr gemüth ist empfänglicher und zarter, ihre fantasie mannichfaltiger und sinnbildlicher, ihre hand leichter und kunstreicher geworden u. s. w. 1, 120. dasz der begriff da zugleich schon mehrfach auf den weg zum heutigen eingelenkt hat, ist deutlich. 10@gg) wie fern aber noch um 1800 dem allgemeinen sprachbewusztsein der heutige engere begriff lag, zeigt sicher Adelungs begriffsbestimmung noch in der 2. ausg. (1796), der zwar gemüt und geist schon sondert, bei jenem aber nichts sagt von dem leben in gefühlen und empfindungen, das für uns jetzt das gemütsleben im engeren sinne ausmacht; gemüth ist ihm »die seele, in ansehung der begierden und des willens, so wie sie in ansehung [] des verstandes und der vernunft oft der geist genannt wird.« als beispiele gibt er u. a. sein ganzes gemüth auf etwas richten, sein begehrungsvermögen, sein gemüth gegen jemanden ändern, seine gesinnung, sein gemüth zerstreuen, erquicken, aufmuntern, eine wahrheit seinem gemüthe einprägen, so dasz sie zugleich einen einflusz auf den willen habe, die gegenwart des gemüthes, gegenwart des geistes, so fern sie nicht durch begierden und leidenschaften gehindert wird, was denn alles noch mehr wie 16. 17. jahrhundert klingt. bei Campe (1808) ist es 'das gesammte begehrungsvermögen des menschen, sowohl das vernünftige als das sinnliche', dann aber nachträglich: seit einigen jahren ist es zum modeworte für seele geworden, und: neue schriftsteller gebrauchen es häufig von einem zustande und ausdrucke des sanften liebenden begehrens, worin der geschehene eintritt des umschwungs in spuren zu erkennen ist, wie eigentlich auch schon in Adelungs sonderung von gemüth und geist. 1111) das auftreten des neuern engeren und engsten begriffes ist sicher zu erkennen, wenn geist und gemüt, verstand und gemüt im unterschied oder gegensatz auftreten oder wenn einem das gemüt gar abgesprochen wird; der engere begriff beschränkte es auf gefühl und empfinden, der engste machte diesz empfinden zu einem mehr leidenden als thätigen. 11@aa) gemüt und geist, die beide in ihrer entwickelung merkwürdige wandelungen durchzumachen hatten, in ihrer heutigen ausprägung aber gleich jung, d. h. noch nicht hundert jahr alt sind. 11@a@aα) wie beide von haus aus lange auch als eins erscheinen, s. u. 4, c und geist 16, b, gemüt eigentlich die deutsche, geist die kirchlich-philosophische benennung unsers inneren überhaupt oder auch der sog. oberen seelenkräfte, s. z. b. bei Keisersberg a. a. o. 'gemt oder geist' als das obere theil der seele; auch wenn Luther 'gemüt und leben' verbindet, um die ganze kraft von geist und seele auszudrücken (s. unter geist 19, a, α), so ist das wie sonst 'geist und leben' (s. geist 14, e, ε), vergl.das lebendige gemüt Göthe u. 7, c, α. und auch wo sie begrifflich gesondert werden, erscheinen sie doch in nächster beziehung (s. 4, c), z. b. mhd.: alsô suln sich mit einander halten diu gotes gelider hie mit den tugenden ... éin geist gît éin gemüete, die gotes minnenden geist habent, die minnent daʒ got minnet u. s. w. myst. 1, 341, der geist von oben gibt gleiche gesinnung, die den menschengeist durchdringt, wie bei Zwingli u. 7, c, α éinen geist und gmt haben von einer menge, und wie ähnlich in der br. v. Messina v. 1773 Don Manuel von sich sagt: denn wir sind jetzt éin haupt und éin gemüth, und mein befehl ist auch der seine (des bruders). Schiller XIV, 83. noch wenn Kant 7, 175 erklärt: geist .. heiszt das belebende princip im gemüthe (krit. der urth. § 49), sind beide begriffe eigentlich noch im sinne des 16. jahrh. verwendet; vergl. bei Fischart unter 2, a das gemt im leib wie die unru in der uren, also die bewegende kraft, die lebensquelle, wie sonst der geist. auch wenn Charl. v. Schiller an Göthe rühmt, dasz er den geist im gemüth auszusprechen vermöge (4, c), läszt sich das nach Kants art gemeint denken, von dem sie genug wuszte. 11@a@bβ) die sonderung beider, auch dasz sie sich nicht mehr suchen, sondern ihren weg aus einander gehen, zeigt sich im 18. jahrh., was eigentlich genau zu verfolgen wäre. beide deutlich getrennt z. b. bei Gellert: diese grösze des gemüths (vor dem tod nicht zu zittern) ist unstreitig nur ein antheil sehr weniger menschen, die mit einem hohen masze des geistes ausgerüstet sind. 5, 56 (42), wo doch gemüth noch im alten sinne zu nehmen ist (s.groszes gemüt unter 7, a), für den neueren ist herz sein vielgebrauchter ausdruck, wie im 18. jh. überhaupt. die sonderung zeigt sich besonders darin, dasz man beide nun gern zusammennimmt, um den ganzen geist oder die ganze seele nach ihren zwei richtungen zu bezeichnen (schwerlich schon so gemeint bei Gerhard u. 4, c), s. z. b. Bodmer u. 8, c, γ von der leere, die gewöhnliche menschen leicht in ihrem geist und gemüthe verspüren, er meint wol an gedanken und empfindungen, die er schon gern so zusammen nennt (s.gedanke 3, d); auch neben seele und geist genannt, mit absichtlicher häufung, in den worten des apothekers in Herm. und Dor. zum geistlichen, da dieser das lenken des wagens übernimmt: gerne vertrau' ich, mein freund, euch seel' und geist und gemüth an, aber leib und gebein ist nicht zum besten verwahret u. s. w. Göthe 40, 303; wenn einmal wesen zu diesem zweck sich die hand reichen, dasz sie durch antheil an allem, was geist und gemüth interessire .. sich stärken. Hölderlin 2, 100, brieflich, wie folg.; [] und so ists mehr oder weniger mit den meisten äuszerungen unsers gemüths und geistes. 115; lieblichkeit und hoheit, und ruh und leben, und geist und gemüth und gestalt ist ein seliges eins in diesem wesen. 116, man bemerke die zusammengesuchten gegensätze; überlegt es mit dem geiste und mit dem gemüthe. Fr. Schlegel im j. 1798 an Caroline 1, 231; was ich über ihn (Winckelmann) seit so viel jahren im geist und gemüth herumgetragen, ins enge zu bringen. Göthe 31, 195; mit meiner schwester .. die an solchen dingen mit geist und gemüth theil nahm. 26, 199; viele haben geist oder gemüth oder fantasie, aber u. s. w. Athenäum 12, 93, d. h. eins von dem allen in hervorragendem grade, zugleich ins folgende übergreifend. daneben werden doch um 1800, wo beide sich festsetzten in ihrer neueren ausschlieszlichkeit (ohne doch gleich so durchzudringen), beide auch noch gleich gesetzt, s. z. b. Schiller unter 10, b, β, Tieck unter 10, d, δ, und der geist erscheint auch noch empfindend, oft z. b. bei Schiller (s. geist 17, e), wie anderseits das gemüt auch noch denkend (4, b). 11@a@gγ) die schärfere oder entschiedene trennung zeigt sich sicher erkennbar, wenn z. b. eins ohne das andere auftreten kann: aus demselben grunde ist es einem volke der ersten art (nämlich der lebendigen sprache, wie den Germanen) mit aller geistesbildung rechter eigentlicher ernst .. dagegen einem von der letztern art (mit nicht lebendiger sprache, wie den Romanen) diese vielmehr ein genialisches spiel ist .. die letztern haben geist, die erstern haben zum geiste auch noch gemüth. Fichte reden 55 (4. rede), also das gemüth, volksgemüth und die sprache als schatzhaus des eigensten lebens bis in die urzeit zurück (vgl. 10, c, δ). oder wenn beide in demselben manne scharf geschieden werden: aber nach seinem gemüth wirst du unstreitig mehr fragen, als nach seinem geist und genie. Schleiermacher an seine schwester im j. 1797, Dilthey aus Schl.s leben in briefen 1, 178. es ist also wie mit kopf und herz als gegensätzen, die sich auch erst im 18. jahrh., doch früher als geist und gemüt getrennt haben (s. unter kopf V, 1765 fg.), während im 16. jahrh. kopf auch für das gemütsleben gebraucht wird, wie herz auch für denken und wissen; s. auch sp. 2667 geist und herz in trennung, gleichfalls früher als geist und gemüt, vergl. auch sp. 2658, wie diese trennung in der gesunden natur als ein unheil beklagt wird. 11@bb) noch schärfer erscheint die trennung bei gemüt und verstand, die allerdings auch im 16. jahrh. schon geschieden auftreten, als die beiden bestandtheile der seele, mens und animus (vgl. 5, a): die sel, in welcher aller verstand samt dem gemt stehet. Fischart pod. trostb. 654 Sch., in der sel steck das gemt 657. 11@b@aα) während im 16. jh. die thätigkeit von verstand oder verstendnis auch im ganzen des gemüts inbegriffen sind, ja beide als gleich gesetzt werden (4, a), auch bei Kant und Schiller noch der verstand als eine gemüthskraft erscheint neben der einbildungskraft, so gut wie die vernunft (10, c, β, Schiller 6. ästh. brief), treten sie am ende des 18. jh. aus einander und gegen einander. sie erscheinen nun neben einander, als verschiedene seiten oder richtungen des geistes oder der seele, wie geist und gemüt: wie man das nimmt, versetzte Klingsohr, ein anderes ist es mit der natur für unsern genusz und unser gemüth, ein anderes für unsern verstand, für das leitende vermögen unserer weltkräfte. man musz sich wohl hüten, nicht eins über das andere zu vergessen. Novalis 1, 153; mein verstand geht in die schule bei ihr, und mein uneinig gemüth besänftiget, erheitert sich täglich in ihrem frieden. Hölderlin 2, 117, brieflich; Schlegel bekannte mir aufrichtig, er wäre eifersüchtig auf die Herz .. er sei fast nur auf meinen verstand und meine philosophie eingeschränkt, und sie habe mein gemüth. Schleiermacher br. 1, 184, an seine schwester 1798; auf der bühne rasselten panzer und helm des Götz (in nachahmung Göthes), ohne dessen verstand und gemüth. Tieck krit. schr. 2, 246; das göttliche, das dem sinne als wesenheit erschien, offenbarte sich (im mittelalter) dem verstande zugleich als nothwendigkeit und dem gemüth als liebe. W. Menzel die deutsche lit. 1828 1, 88; in grobe sinnlichkeit entartend stiesz der katholicismus verstand und gemüth von sich. das. 11@b@bβ) aber auch in scharfer trennung, selbst als sich ausschlieszende gegensätze oder gegner: was dem reisenden von empfindung die wilde bizarrerie in der physischen schöpfung so anziehend macht, eben das eröffnet einem begeisterungsfähigen gemüth, selbst in der bedenklichen anarchie der moralischen welt, die quelle eines ganz eigenen vergnügens. wer freilich die grosze haushaltung der natur mit der dürftigen fackel [] des verstandes beleuchtet und immer nur darauf ausgeht, ihre kühne unordnung in harmonie aufzulösen u. s. w. Schiller X, 224, 31 ff., gemüth doch noch zugleich im alten vollen begriffe, wie in den bekannten worten vom kindlichen gemüth gegenüber dem verstand der verständigen (10, d) und wie ähnlich bei Göthe unter 10, c, α, wo gemüth und verstand als scharfe gegensätze erscheinen im kunstgebiete, der vertreter des verstandes dort faszt im streite das erstere mehr in der neueren einseitigkeit, z. b.: wie wollen sie auch den wunderlichen forderungen dieses lieben gemüths genug thun? 38, 105; sie (diese schicksalstragödien) sind unnatürlich, gekünstelt .. sie gehn nicht aus einem drange des gemüths hervor, sondern aus einer berechnung des verstandes, der etwas neues, auszerordentliches erzwingen will. W. Menzel d. lit. 2, 112; fürchtet nicht, dasz der verstand der neuen zeit alles heilige zum gespötte, alle ahnung zum kindertraum, alles schöne zum bedürftigen herabwürdigen wird. wohl ist der verstand .. an sich mehr feind als freund des gemüths und des poetisch sinnlichen lebens u. s. w. Wienbarg ästh. feldzüge (1834) 124. so auch gemüt und scharfsinn als besonderste eigenschaft des verstandes: doctor Crusius gehörte zu denen, welchen der prophetische theil der heiligen schriften am meisten zusagte, indem er die zwei entgegengesetztesten eigenschaften des menschlichen wesens zugleich in thätigkeit setzt, das gemüth und den scharfsinn. Göthe 25, 98 (aus m. l. 7. b.). 11@b@gγ) man sieht an den wenigen beispielen über nur etwa 40 jahre hin, wie sich die beiden 'gemütskräfte', das denken und empfinden, die sonst mehr einig hand in hand giengen, nun trennen wollen und trennen, wie sie aus brüdern zu gegnern, ja feinden werden. der gegensatz ist nun ganz geläufig, ausgeprägt z. b. in der unterscheidung von gemütsmensch und verstandesmensch, während doch die alte einheit, in der alles heil beruht, in wahrheit noch genügend waltet, wenn uns z. b. so oft menschen begegnen, die zugleich verständig und gemütlich heiszen können. übrigens gehörte zum verständnis der ganzen wichtigen bewegung oder verschiebung im quellgebiete unsres geistigen lebens eigentlich die ausführung, wie der begriff verstand sich auch erst seit so kurzer zeit einseitig zugespitzt hat, wie auf der andern seite der begriff gemüt. 11@cc) am schärfsten wird der begriff zugespitzt, wenn man von menschen ohne gemüt spricht, sie gemütlos nennt (wie man nun anderseits leuten auch den verstand abspricht), was mit dem alten begriffe ganz unmöglich war: bei Scherern, den ich gestern sprach, ist mir eine bemerkung wieder eingefallen, die sie mir voriges jahr über ihn machten. es ist eine ganz gemüthlose natur, und so glatt, dasz man sie nirgends fassen kann. bei solchen naturellen ist es recht fühlbar, dasz das gemüth eigentlich die menschheit in dem menschen macht, denn man kann sich solchen leuten gegenüber nur an sachen erinnern und das menschliche in einem selbst ganz und gar nirgends hinthun. Schiller an Göthe 31. juli 1798, doch noch nicht ganz im engeren sinne (der doch nicht ausgeschlossen ist): das gemüth die betheiligung unseres inneren überhaupt an den dingen, in der unsere 'menschheit' zu tage kommt, also wesentlich das lebendige ich überhaupt, das beim gemütlosen seine freiheit noch nicht hat und an den dingen verloren geht; wem hingegen zwar eine rege phantasie, aber ohne gemüth und charakter zu theil geworden, der wird sich um keine wahrheit bekümmern, sondern mit dem weltstoff nur spielen, nur durch phantastische und bizarre combinationen zu überraschen suchen u. s. w. Schiller XI V, 6, 8 (über den chor in der trag.), zu vergleichen ist vorher wem die natur zwar einen treuen sinn und eine innigkeit des gefühls verliehen, aber die schaffende einbildungskraft versagte 5, 30, also gemüth gleich innigkeit des gefühls, und doch weniger mit dem heutigen begriff der bloszen empfänglichkeit, als des dichterischen gemütes unter 10, c, das der wahrheit nachgeht mit schaffender kraft. dagegen schon ganz im heutigen sinne: auch war sie die einzige, die diese begebenheit von nahem ansah und ganz ohne empfindung blieb. ich thue ihr nicht zu viel, wenn ich sage, dasz sie kein gemüth und die eingeschränktesten begriffe hatte. Göthe 19, 300 (neue schr. 1795 5, 268, bek. einer sch. s.). Schleiermacher schreibt im j. 1799 an die Herz: ich habe nie gesagt, dasz ich mit Schlegel einerlei gemüth hätte, nur habe ich gestritten, er hätte keins. Dilthey aus Schl.s leben 1, 203, auch mit den dichtern ohne gemüth bei Schiller wird wesentlich Fr. Schlegel gemeint sein; vgl. Schlegel selbst in gleicher zeit über Schleiermachers verkehr mit der Herz, der ihm auch seine freundschaft [] beschädige: Schl.s geist kriecht ein, er verliert den sinn für das grosze (über diesem gemütsleben), kurz ich möchte rasend werden über die verdammten und winzigen 'gemüthereyen'! an Caroline 1, 232. s. auch Fichte u. a, γ von den Germanen, die zum geiste auch noch gemüth haben, während die Romanen nur geist hätten, also kein gemüth (vgl. vom deutschen gemüth unter f). auch wenig gemüth, z. b. bei H. Heine: er hatte auch von seiner deutschen mutter diejenigen eigenschaften geerbt, welche den witz erst glänzend machen, indem sie ihm zur folie dienen, nämlich die gabe der phantasie, einen dunkeln anflug von gemüth u. s. w. Wienbarg ästh. feldz. 288. 11@dd) einiges weitere zum aufkommen des neuen begriffes. 11@d@aα) er tritt in derselben zeit z. b. auch bei Herder auf, im gegensatz zu Kant (ich weisz nicht, ob auch früher schon), dessen gebrauch des wortes im alten weiten sinne er verwirft: die seele (nicht das gemüth) wird eines gegenstandes inne, durch welchen actus sie ihn als den ihrigen betrachtet. metakritik 1799 1, 79, die worte in parenthese richten sich gegen eine vorher angeführte stelle aus Kants krit. der reinen vern. s. 33 (2. ausg.), wonach ein gegenstand 'das gemüth afficirt'; was hiesze auch den worten nach 'transcendental-ästhetik'? philosophie des gefühllosen gefühls, abstracter formen ohn' allen inhalt. welcher menschlichen seelenkraft gehörten sie denn zu? 'dem gemüth'. dies hat mit den formen der sinnlichkeit (wie raum und zeit) nichts zu schaffen. 1, 129, er hatte einen andern, mehr schon den neueren begriff von gemüth wie gefühl; und welche elende rolle spielt der name gemüth in diesen wie in andern stellen des kritischen probabilismus! 2, 242 anm., d. h. er verstand Kants gebrauch des wortes nicht mehr, der in der hier angefochtenen äuszerung, das fürwahrhalten soll sein 'eine begebenheit in unserm verstande, die auf objectiven gründen beruhen mag, aber auch subjective ursachen im gemüth dessen, der da urtheilt, erfodert' (krit. der r. v. 848) gemüth nicht als gegensatz zum verstand meint, sondern als diesen mit umfassend, als wohn- und arbeitsstätte des ichs überhaupt. Herder selbst braucht jenes mehr vom empfindungsleben: diese geistigen verständnisse mache man allenthalben anschaulich, und das menschliche gemüth wird, auch ohne nennung des heiligen namens, der nie unnütz genannt werden sollte, gottheit erkennen, gottheit verehren. metakrit. 1, 120, also auch ohne namen und folglich ohne 'begriff', als gegenwärtige thatsache des gefühlslebens; dem gemüth, das ihrer fähig und zu ihr gebildet ist, kann und musz sie in allem erscheinen. 124, nämlich die idee von gott, dem grunde aller schönheit, harmonie und ordnung; die grundcharte der empfindungs- und tonarten (der musik) liegt einstimmig in aller gemüth, die nationalmelodien jedes volks enthüllten seinen charakter. Kalligone 1800 1, 118; unser gemüth und ohr wurden (durch die melodie) in eine zeitfolge hingezogen, forthörend. 135. 11@d@bβ) bei jüngeren wortführern der zeit erscheint es immer bestimmter, wenn auch fortwährend zugleich in den alten vollen begriff überschwankend oder mit ihm gemischt; z. b. bei Schleiermacher: die (freunde) aber sind mir sicher, die wirklich mich, mein inneres wesen lieben wollen, und fest umschlingt sie das gemüth und wird sie nimmer lassen. monologen (1810, zuerst 1800) 101, nachher: das geliebte bild das mir im herzen wohnt .. nimmer hat dich mein herz verlassen; liebevoll das gemüth. 107 u. ö. von liebe und freundschaft, und doch oft auch noch vom ganzen geist, wenn z. b. der gemüther wechselanschauung (in liebe) 102 entspricht tausch des denkens und empfindens 61. aus seinen briefen bei Dilthey ergibt sich übrigens, dasz er den engeren begriff erst aufnahm, als er 1796 in den Schlegelschen kreis in Berlin kam (vergl. a, γ). auch die religion wird nun dem gemüt überwiesen (s. schon Herder vorhin von der idee von gott, vergl. gemütlich 4, a): darum ist auch das gemüth für uns wie der sitz so auch die nächste welt der religion. Schleiermacher über die religion (1878, zuerst 1799) 63, und doch wirkt auch da der alte volle begriff nach, wenn es erläuternd weiter heiszt: im innern leben bildet sich das universum ab, und nur durch die geistige natur, das innere, wird erst die körperliche verständlich, also gemüth noch mit dem innern leben überhaupt, der geistigen natur als gleich (s. 52 das innerste des geistes, die ganze innere einheit des geistes, wesentlich dasselbe), wobei freilich dem gefühl, das er vorherrschend braucht, gemüth nur selten, der vorrang eingeräumt ist, auch begriffe, system, wissenschaft als der religion zunächst fremd abgewiesen werden, sodasz vom gemüth [] das geistige im engern sinne ausgeschieden und alles auf unmittelbares gefühl gebaut wird (auch gefühl und unmittelbares bewusztsein 82); wie denn auch das feinste und zärteste in ihr (der religion) nie wissenschaftlich mitgetheilt, sondern nur im gefühl von einem religiösen gemüth kann aufgefaszt werden. 71; bei jenen entladungen himmlischer gefühle, wenn das heilige feuer ausströmen musz aus dem überfüllten gemüth. 15; das religiöse leben selbst, jene frommen erhebungen des gemüths. 13; daneben: ein zur betrachtung aufgeregtes gemüth 20, also auch noch denkend. auch bei Fichte gemüth im gegensatz zum begriff, gleich herz u. ähnl.: erhabner lebendiger wille, den kein name nennt und kein begriff umfaszt, wohl darf ich mein gemüth zu dir erheben .. deine stimme ertönt in mir u. s. w. bestimmung des menschen (1800) 210, nachher daselbst: und die vollendetste harmonie entsteht in meinem geiste, dem also auch das gemüth noch angehört; die fäden, durch welche bisher mein gemüth an diese welt angeknüpft war .. sind (nun) auf ewig zerschnitten .. nicht mehr durch das herz, nur durch das auge ergreife ich die gegenstände u. s. w. 221. so wird es unentbehrlich für das tiefere seelen- und geistesleben, z. b.: schwärmerei nennen es die leute, was sich in ihrem gemüthe so lauter und heilig regt, diese begeisterung und innigkeit für das hohe und schöne? H. Voss mitth. über Göthe u. Schiller 72. 11@d@gγ) die erste erörterung des begriffes von gemüth, die noch bei Kant fehlt, indem er ihn als gegeben und bekannt voraussetzt, hat wol Fr. Schlegel versucht, in den sog. fragmenten (die zwei folgenden werden von Schleiermacher br. 3, 74 Dilth. als gemüthsfragmente bezeichnet und mit freude begrüszt) in vergleichung mit sinn, geist und seele, freilich jugendlich orakelhaft und verschwimmend nach art der fragmente: sinn der sich selbst sieht, wird geist. geist ist innre geselligkeit (geisterverkehr), seele ist verborgene liebenswürdigkeit. aber die eigentliche lebenskraft der innern schönheit und vollendung ist das gemüth. man kann etwas geist haben ohne seele, und viel seele bei weniger gemüth. der instinkt der sittlichen grösze aber, den wir gemüth nennen, darf nur sprechen lernen, so hat er (auch) geist u. s. w. gemüth ist die poesie der erhabenen vernunft u. s. w. (s. 10, c, δ). Athenäum 12, 99; keine poesie, keine wirklichkeit. so wie es trotz aller sinne ohne fantasie keine auszenwelt giebt, so auch mit allem sinn ohne gemüth keine geisterwelt. wer nur sinn hat, sieht keinen menschen, sondern blosz menschliches, dem zauberstabe des gemüths allein thut sich alles auf u. s. w. 102, also vom geist unterschieden und doch in nächster beziehung zu ihm, ja als eigentlicher kern und keim auch des geisterlebens, aber noch nicht in dem heutigen engeren sinne, der durch seele vertreten ist, sondern als die wesentlichste kraft in uns, welche die welt in ihrem kern und wesen erfaszt, zunächst die menschliche vom sittlich-ästhetischen standpunkt aus, d. h. es ist wesentlich Kants und Schillers gemüth unter 10, b ff. in einem versuch schärferer begrifflicher fassung und mit romantisch bunter färbung zugleich, im grunde wieder das ich in seinem geheimnis. doch macht Schlegel auch gebrauch von gemüth im sinn des vorwiegenden empfindens (s. e, β), der nun in den vordergrund treten sollte und hauptsächlich durch die romantiker in gang gekommen scheint. anderseits tritt auch geist erst gegen ende des 18. jh. so entschieden, wie es uns nun geläufig ist, in seinen heutigen engeren sinn ein, was gleichfalls in den kreisen des Athenäums, unter Schlegels führung geschehen zu sein scheint (s. geist 18, b, γ). 11@ee) der begriff wendete sich in dieser zeit einseitig nach der seite des empfindungslebens, und spitzte sich dahin zu bis ins übermasz. 11@e@aα) wie schon mhd. auch von enpfinden des gemüetes die rede ist (womit es gott allein ganz erfaszt, s. 10, a), so spricht Schiller von fertigkeit des gemüths in schönen empfindungen (das.), aber hier wie dort ist das empfinden nichts leidendes in uns, sondern eine in hohem sinn thätige äuszerung des 'gemütes.' Kant bezeichnet es als seiner natur nach empfindungsbedürftig (das.) und theilt sein inneres leben in ein handeln und leiden ein (diesz doch nur im abstract philosophischen sinne, gleich griech. πάσχειν, lat. affici), seine kraft in ein vermögen und empfänglichkeit und Schiller nennt es in letzterm sinn weich (10, b, γ fg.). so ist denn von empfänglichem gemüth die rede, z. b.: begeisterte reden, welche ausgestreut werden aufs ohngefähr, ob ein empfängliches gemüth sie finde und bei sich frucht bringen lasse. Schleiermacher über die rel. 6. auch von [] empfänglichkeit nach einer seite, daher gemüth oder kein gemüth haben für etwas: sie wurden durch diesen ausschlieszenden besitz einer erkenntnis (in religiösen dingen) ein vornehmer .. stand und mochten es wohl leiden, dasz der grosze haufe, für den sie kein gemüth hatten, dem truge ferner preisgegeben ... bliebe. Fichte reden 72 (6. rede); der einzelne mensch, wie viel geist und gemüth er immer für sein volk habe, kann die sprache weder erfinden noch machen .. Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 427. im 18. jh. war übrigens auch noch von empfänglichkeit (s. d.) des verstandes die rede. 11@e@bβ) nach dieser seite neigt besonders das gemüth der frauen, von dem nun gern die rede ist (noch nicht z. b. in Schillers würde der frauen): wie beim manne der äuszre adel zum genie, so verhält sich die schönheit der frauen zur liebesfähigkeit, zum gemüth. Fr. Schlegel Athen. 3, 24; wer wollte noch zweifel tragen, dasz in dem gemüth der frauen damals (zur zeit der minnesinger) ganz eine solche welt gestanden und tausend solcher klänge erklungen haben? J. Grimm über den altd. meistergesang (1811) 8. die frauen jener zeit, die an der neuen bewegung in den geistern und gemütern so lebhaften antheil nahmen, werden den gebrauch selbst wesentlich gefördert haben, auch bis ins übermasz, vgl. unter c Fr. Schlegels ärger über die gemüthereien zwischen der Henr. Herz und Schleiermacher; er (Schelling) hat eine unzählige menge solcher kleiner gedichte, worin die naturphilosophie und sein gemüth innig verwebt sind. Caroline 2, 93, brieflich vom j. 1801. auch im gebiete der kunst das gemüth mit nur 'passivem' empfinden: so sollte die schönheit einen doppelten kreis durchlaufen und sowohl auf den willen wie auf das gefühl ihren zaubervollen einflusz ausüben ... (während nunmehr) der zauberstab der schönheit ... leider keine macht über uns ausübt und nur das luftigere der kunst unsere gemüther bewegt und zur passiven mitempfindung reizt (in epos und tragödie). Wienbarg ästh. feldz. 146, er braucht das wort doch sonst auch noch im früheren sinne, z. b.: immer nur wenige wird es geben, denen die that (des helden) aufs herz schieszt wie ein blitz ... zu ähnlichen thaten beflügelnd, kurz, auf deren gemüth die geschichtliche lebendige schönheit ... geschichtlich und lebendig wirksam ist. 143, auch als wohnsitz des nationalen gesamtbewusztseins: überall, wo wir zurückgehen auf die frühsten zeiten eines volkes, ist es leicht zu merken, wie poesie und historie ungetrennt von einem gemüth aufbewahrt und von einem begeisterten munde verkündet wurde. 39. 11@e@gγ) auf misbrauch des neuen modewortes schon im anfang unsres jahrhunderts (vgl. Campe unter 10 a. e.), gewiss ebenso in der gesellschaft wie in der literatur, deutet eine äuszerung Göthes, erst aus dem nachlasz mitgetheilt, etwa aus den zwanziger jahren: die Deutschen sollten in einem zeitraum von dreiszig jahren das wort gemüth nicht aussprechen, dann würde nach und nach gemüth sich wieder erzeugen. jetzt heiszt es nur nachsicht mit schwächen, eignen und fremden. 49, 79 (spr. in prosa 299), was nach den letzten worten doch mehr noch auf gemüthlich gehen wird (s. dort 5). den neuen begriff des wortes nach der guten seite spricht er in derselben zeit einmal so aus: ein freies walten der einbildungskraft (beim dichter, verlangt ein italienischer romantiker), welche .. besonders dem, was der Deutsche gemüth nennt, dem innern gefühl, worin alle gutartigen menschen übereinkommen, d. h. also der humanität ganz eigentlich zusagen solle. 46, 126 (29, 629 H.), mit dem hinzufügen: genau betrachtet dürfte hier kein streit sein (d. h. zwischen classisch und romantisch), denn die alten haben ja auch unter bestimmten formen das eigentlich menschliche dargebracht, welches immer zuletzt, wenn auch im höchsten sinne, das gemüthliche bleibt, d. h. in dem sinne und der verwendung für die kunst, wie er sie schon im sammler und den seinigen verfocht (10, b, α) und aufs leben angewandt in seiner von Schiller erwähnten äuszerung über den bergrath Scherer unter c. ähnlich in einem spruche aus gleicher zeit, der nach seiner umgebung an ihn selbst gerichtet scheint: ohne umschweife begreife, was dich mit der welt entzweit: nicht will sie gemüth, will höflichkeit. 2, 265 (2, 339 H.), sie will nicht hören, wie dirs 'zu mute ist', die wahrheit deines inneren, mit dem menschlichen vorhin eigentlich zusammenfallend. denn dasz er da nicht etwa den engsten begriff von gemüth für sich in anspruch nimmt, verbürgt zum überflusz eine äuszerung vom j. 1805, die scharf vorgeht gegen die neue [] romantik in der bildenden kunst, die 'durch frömmelei ihr unverantwortliches rückstreben beschönigende kunst', durch die er seine eigenen kunstbestrebungen auf einmal als veraltet verdrängt fühlte: gemüth wird (nun) über geist gesetzt, naturell über kunst, und so ist der fähige wie der unfähige gewonnen. gemüth hat jedermann, naturell mehrere: der geist ist selten, die kunst ist schwer, und dann: das gemüth hat einen zug gegen die religion, ein religiöses gemüth mit naturell zur kunst, sich selbst überlassen, wird nur unvollkommene werke hervorbringen u. s. w. 60, 272 (27, 321 H.); vgl.gefühl habt ihr alle, aber keinen geist 47, 249 (3, 269 H.). 11@ff) auch vom deutschen gemüth, das sich eben damals endlich wiederfand unter dem äuszern druck und der inneren erhebung, ist nun wieder gern die rede und der begriff fand darin eigentlich seine reine vollendung; denn neu war der ausdruck keineswegs, schon im 15. jahrh. zu belegen, s. unter 6, a vom j. 1449, dann aus dem 16. 17. jahrh. bei Fischart und Moscherosch, es sind aber da redlichkeit, festigkeit, zuverlässigkeit die eigenschaften des 'deutschen gemüthes', aber auch dankbarkeit und treue, bei der Elis. Charl. von Orleans, wie man auch von treuem deutschen gemüt spricht. nun aber treten die eigenschaften der tiefe und innigkeit, das reine empfinden dabei in den vordergrund, z. b.: es ist jedoch hierbei zur ehre deutschen geblüts und gemüths anzumerken, dasz .. wir .. in diesem stücke (der mechanischen auffassung des staatsbegriffes) gegen das ausland zurückblieben. Fichte reden 89 (7. rede), durch das dunkle gefühl, es müsse nicht also sein, gehemmt, wie es heiszt; an ihm (Pestalozzi) hätte ich eben so gut, wie an Luther .. die grundzüge des deutschen gemüths darlegen und den erfreuenden beweis führen können, dasz dieses gemüth in seiner ganzen wunderbaren kraft .. noch bis auf diesen tag walte. 121 (9. rede), wo zugleich ausdauernde kraft und liebe in hohem streben inbegriffen werden, von Luther s. in der 6. rede, dabei: dies nun ist ein beleg von deutschem ernst und gemüth. 74; wenn nun aber etwa die ursprüngliche leitung sowohl jener höhern bildung als der nationalmacht .. die verwendung deutschen gutes und deutschen blutes aus der botmäszigkeit deutschen gemüths in eine andere kommen sollte, was würde sodann nothwendig erfolgen müssen? 113 (8. rede); wenn es ein vorzug unseres (deutschen) gemüthes ist, dasz wir den (einzelnen) menschen immer mehr fühlen als das volk (dem er angehört), so sollen wir wohl bedenken .. dasz es um die menschheit des menschen endlich schlecht steht, welcher das volk nicht fühlen lernen will. Arndt schr. für u. an seine lieben Deutschen 1, 391; von jeher fehlte euch (Franzosen) die volle südliche naturkraft und die schwärmerische nordische tiefe des gemüthes. ders., geist der zeit 1806 s. 356; denn die Deutschen vermögen ja, hiesz es, mit ihrem gemüth (ein wort wofür die französische sprache keinen ausdruck hat) das christenthum tiefer aufzufassen als andere nationen. H. Heine die romant. schule 46 (zuerst französisch geschrieben); die tiefe urkraft des volksliedes erschlosz sich unserm freunde in ihrer ganzen herrlichkeit, er sah sich liebend umfangen von der edlen majestätischen herrlichkeit des deutschen volksgemüths, und die liebliche vertreterin desselben sasz in trauter zuneigung an seiner seite. er gelobte sich, ein priester dieses heiligen volksgeistes zu werden. Auerbach dorfg. (1846) 2, 563, vergl. denselben unter 10, f, α von volksgeist und volksgemüth als geschieden; zum gesange zu reifen (treibt michs) was still mich durchglüht, und ein echo zu wecken im deutschen gemüth. Geibel ges. w. 4, 50. 11@gg) gutes gemüt und der jetzt geläufige begriff überhaupt. 11@g@aα) es wird nun besonders angewandt auf menschen von reichem oder weichem gefühlsleben, aber mit der stillen voraussetzung, dasz darüber bei ihnen einerseits scharfes denken, anderseits die thatkraft zu kurz kommen. so spricht man von einem sanften, innigen, tiefen, warmen, weichen gemüt, einem zufriedenen, stillen, duldsamen gemüt, von frommen, sinnigen, redlichen gemütern u. ähnl., auch von schwachen, ängstlichen, furchtsamen gemütern, die z. b. vor einer kalten wahrheit oder einer entschiedenen that zurückscheuen, und starkes, festes, groszes gemüt u. ähnl., die anfangs und lange eben so geläufig waren wie jene, sind dem sprachvorrat entwichen, obwol zum glück nicht dem leben. schwache gemüter sind z. b. leicht bestimmbar durch fremde meinungen: weil es (das publicum) verwöhnt ist, auf die entschlieszungen schwacher gemüther einigen einflusz zu haben. Göthe 19, 301. [] 11@g@bβ) besonders geläufig ist gutes gemüt, jetzt auch mit jenem vorbehalt, aber nicht von jeher, z. b.: schlechte wort und gut gemüth ist das rechte deutsche lied. Böcler (in Straszburg 17. jh.) bei Ranisch lebensb. H. Sachsens s. 287, d. h. einfache, nicht gekünstelte worte und gesunder unverdorbener seeleninhalt, das wird ungefähr gemeint sein, wahrscheinlich zur ablehnung gewisser welscher ausschreitungen in form und inhalt, die sich im 16. 17. jahrh. auch im deutschen liede breit machen wollten; gleichwol findet man auch reiche leute, die gutes gemüthes, gutthätig ... die sich freuen, wenn sie den armen guts thun sollen. Olearius pers. ros. 7, 20; armuth, des besten gemüthes folgemagd. Scriver Gotthold 84; Marie. er hat doch gewiss ein gutes gemüth, der herr baron. Lenz 1, 264, d. h. wird euch nicht betrügen, vgl. unter gemütchen; s. auch 7, c, δ gut gemüte für wohlwollen, liebe, z. b. sein gutes gemüt gegen dem vatterlande Opitz Arg. 2, 206, noch anders 7, b, β für glückliche stimmung. dazu gutmütig. 11@g@gγ) wie aber unterm volke der alte begriff nachlebt, zeigt z. b. eben das gute gemüt; es wird da einer gelobt, er sei von gutem gemüt, man meint aber guten charakter, 'gemütsart' (s. 5, c. 7, g) und er kann dabei gar thatkräftig sein; auch Marie bei Lenz vorhin meint es so, nicht weichheit, sondern bravheit. auch im höhern gebrauch lebt doch vom alten weiteren und kräftigeren begriffe noch manches halb bewuszt nach, was aus zeitgenössischen blättern und schriften zu sammeln wäre. man möchte dem edlen worte, das wirklich unsrer sprache eigenthümlich angehört und den übersetzern gar eigne schwierigkeiten macht, wie der entsprechenden sache ein gesundes wiederaufleben herzlich wünschen. übrigens hat es auch eingang ins dänische gefunden, gemyt, auch gemytlig, auch in schwed. mundarten gemöt, z. b. han har (er hat) ett godt gemöt Rietz 189b. 1212) endlich noch ganz anders, zum theil dunkel. 12@aa) gemüt nemen, von scheffen die zu einer beratung und verständigung zusammentreten: daruf die hoifscheffen (vom richter gefragt, ob die bezirkung richtig geschehen sei) gemuit genommen und sich mit den landscheffen berathen, und haben einmundiglich durch den graeven von Sotzweiler ... thun reden (erklären lassen), ja, die bezirkung sei geschehen wie von alters. weisth. 3, 755, aus dem Saargebiete. das ist ein dort im Rheinlande im rechtsgebrauch verbliebener rest eines wortes, das sich im mnl., auch alts. und ags. entwickelt zeigt: alts. gimôdi gimahlean Hel. 1470, mit dem gegner vor gericht verständigung, einigung suchen und treffen, ags. gemêde einstimmung, zustimmung, dazu ein adj. gemôd concors Ettm. 230, gemôda consentiens, concordatus, auch conjuratus Wright-Wülker vocc. 1, 214, 17, gemôde conjurati 365, 1; mnl. ghemoede (gemoe) einstimmung, zustimmung u. ä., auch adj. gemoet einstimmig, gleichgesinnt u. ä., s. Oudemans 2, 487. 489. es ist also dieselbe bildung, gemüt als collectivum zu mut, aber auf mehrere, zwei oder viele bezogen, die éinen mut, gesinnung, willen u. ä. haben oder finden durch verhandlung und verständigung, besonders deutlich in dem adj. ags. gemôd, mnl. gemoet. 12@bb) daher auch einwilligung, verwilligung, erlaubnis, eigentlich einstimmung, zustimmung, mnd.: so wie (wer) in dat vroinslos kumpt, der en sall daruisz nit, it en si mit urloffe ind gemuede des vaigts ind der scheffen. weisth. 3, 7, westfälisch; so mnl. ghemoede a. a. o., auch z. b. bi gods ghemoede, durch gottes gnade u. ähnl. dann in besonderer anwendung von dispensation, gemüte geben dispensare Scherz 522, der es aus Straszburger gebrauch im 14. jh. belegt: das man keinem uszburger kein gemte geben sülle, er sol sin burgrecht leisten also reht ist, die stelle ausführlicher bei Haltaus 652, gemte geben heiszt die leistung der bürgerpflichten erlassen, z. b. auswärtig wohnenden, edelleuten. 12@cc) und noch anders, westfälisch: engheine besseronge, die man nennet gemuede, sall van recht meher sin, dann ein wedde. weisth. 3, 7; so wie misdoit, also dat hei eine offenbaire wunde sloige, die sall bekennen vunf mark zo gemuede. das.; satisfactio, que dicitur gemuode. 3; also eine gerichtliche busze, doch wol eigentlich befriedigung des verletzten, dasz zwischen den parteien und in der gemeinde versöhnung und friede werde, wie im Hel. 3207 von schuldiger zahlung die rede ist themu manne te gemôdea, zur befriedigung. 12@dd) ein mhd. gemüete, begehren, ansinnen Lexer 1, 848 schlieszt sich an mhd. gemuoten begehren an (s.gemuten 1), während es zugleich an der bedeutung 7, c, β anhalt hat: [] nu rede ich nit mêre,sprach diu alte künigîn, doch hât ir gemüeteerzürnet daʒ herze mîn. Wolfdietrich 61, 4 Holtzm. 12@ee) dunkel ist mir: für die pestilenz oder den schelmen und auch zuo verhten, das dergleichen krankheiten ein ross nit anstoszen, welliche künsten man sonst ein gemuet nannt. Seuter rossarznei 64.
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Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    gemütn.

    Grimm (DWB, 1854–1961) · +1 Parallelbeleg

    gemüt , n. coll. zu mut. 1 1) die form. 1@a a) ahd. gimuati, mhd. gemüete, mnd. gemôde, auch gemôte und gemôt wb. 2, 55 …

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    Gemüt

    Goethe-Wörterbuch

    Gemüt -th; Nom/AkkSg vereinzelt (zT durch Reimzwang bedingt) -e (zB GWB 12,31,3 Jery Bätely ), DatPl -en (im Reim) GWB 6…

  3. 19./20. Jh.
    Konversationslex.
    Gemüt

    Meyers Konv.-Lex. (1905–09)

    Gemüt ist im allgemeinen die innere (seelisch-geistige) Seite unsers Wesens überhaupt, im besondern die Fähigkeit zum Fü…

  4. modern
    Dialekt
    Gemütn.

    Pfälzisches Wb. · +1 Parallelbeleg

    Ge-müt n. : 1. wie schd. Es fährt äim dourch's Gemiet [ WD-Niedkch ]. Des isch'm dief ins G. gange [ Hartmann Unkel 88].…

  5. Spezial
    Gemüt

    Deutsch-Ladinisch (Mischí)

    Ge|müt n. (-[e]s,-er) 1 natöra (-res) f. , anim (-s) m. temperamënt (-nc) m. 2 (Herz) cör m. 3 (Gefühl) sentimënt (-nc) …

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit gemuet

196 Bildungen · 177 Erstglied · 16 Zweitglied · 3 Ableitungen

Ableitung von gemuet

ge- + muet

gemuet leitet sich vom Lemma muet ab mit Präfix ge-.

Zerlegung von gemuet 2 Komponenten

gem+uet

gemuet setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

gemuet‑ als Erstglied (30 von 177)

gemütchen

DWB

gemuet·chen

gemütchen , n. verkleinertes gemüt, z. b. ein gutes gemütchen, mit spöttischem klange, sächsisch, noch jetzt unterm volke: auch fängt der pa…

gemüterarzt

DWB

gemuet·er·arzt

gemüterarzt , m. von Christo Andr. Scultetus bei Lessing 8, 299 , seelenheiland.

gemüterharmonie

DWB

gemuet·er·harmonie

gemüterharmonie , f. wie seelenharmonie, gewöhnlich harmonie oder übereinstimmung der gemüter ( s. DWB gemüt 8, g ): doch, wenn gemütherharm…

gemütet

GWB

gemütet -th- gestimmt Der Vogel ist froh in der Luft g., | Wenn es da unten im Neste brütet GWB 2,225 Sprichw 61 Elke Dreisbach E. D.

Gemüthlich

Adelung

gemueth·lich

Gemüthlich , adv. welches nur im gemeinen Leben üblich ist, und von einer Neigung oder Munterkeit des Gemüthes gebraucht wird, deren Bewegun…

Gemüthlichkeit

Adelung

gemuethlich·keit

Die Gemüthlichkeit , plur. die -en, der Zustand, da einem eine Sache gemüthlich ist; ohne Plural. Ingleichen dergleichen Gefühle oder dunkel…

Gemüthlos

Campe

gemueth·los

○ Gemüthlos , adj . u. adv . kein Gemüth, kein sittliches Gefühl habend. Wie das gemüthlos blinde Element, Folgst du des Herzens wildem Trie…

Gemüthsadel

Campe

gemueth·sadel

○ Der Gemüthsadel , des — s , o. Mz . der Adel des Gemüthes, edle Denk= oder Sinnesart. »Der Gemüthsadel löscht in uns die Menschheit, die a…

Gemüthsārt

Adelung

gemueth·sart

Die Gemüthsārt , plur. die -en, die Art, d. i. die natürliche Beschaffenheit, des Gemüthes, oder des ganzen Begehrungsvermögens; die Gemüths…

Gemüthsbewêgung

Adelung

gemueth·s·bewegung

Die Gemüthsbewêgung , plur. die -en, eine jede merkliche Bewegung oder Richtung des Gemüthes, welche die übrigen Begierden und Vorstellungen…

Gemüthseigenheit

Campe

gemueth·s·eigenheit

◎ Die Gemüthseigenheit , Mz. die — en , eine Eigenheit des Gemüthes; dann, die ganze eigenthümliche Beschaffenheit des Gemüthes, die Gemüths…

Gemüthsergetzung

Campe

gemueth·s·ergetzung

Die Gemüthsergetzung , Mz. die — en , eine Ergetzung des Gemüthes, ein Vergnügen für die niedern Seelenkräfte oder auch für den Geist überha…

Gemüthsfähigkeit

Adelung

gemueth·s·faehigkeit

Die Gemüthsfähigkeit , plur. die -en, die natürliche oder erworbene Fähigkeit des Gemüthes, oder des Begehrungsvermögens. Einige Neuere habe…

Gemüthsfassung

Adelung

gemueth·s·fassung

Die Gemüthsfassung , plur. die -en, die Fassung des Gemüthes, d. i. derjenige Zustand des Gemüthes, welcher aus der genauen Verbindung der S…

Gemüthsfreund

Adelung

gemueth·s·freund

Der Gemüthsfreund , des -es, plur. die -e, Fämin. die Gemüthsfreundinn, plur. die -en, ein Freund, mit welchem wir durch die Übereinstimmung…

Gemüthsgabe

Campe

gemueth·s·gabe

Die Gemüthsgabe , Mz. die — n , natürliche Fähigkeit des Gemüthes, und in weiterer Bedeutung, der Seele; zum Unterschiede von Leibesgaben .

Gemüthsgaben

Adelung

gemueth·s·gaben

Die Gemüthsgaben , sing. inus. die natürlichen Fähigkeiten des Gemüthes, und in weiterer Bedeutung der ganzen Seele; zum Unterschiede von de…

Gemüthskraft

Adelung

gemueth·s·kraft

Die Gemüthskraft , plur. die -kräfte, eine jede Kraft des Gemüthes; zum Unterschiede von der Geisteskraft. In weiterer Bedeutung auch wohl d…

Gemüthskrank

Campe

gemueth·s·krank

Gemüthskrank , adj . u. adv . am Gemüthe krank, die Gemüthskrankheit habend. S. d.

Gemüthskrankheit

Adelung

gemueth·s·krankheit

Die Gemüthskrankheit , plur. die -en, eigentlich eine jede Krankheit, d. i. unvollkommner Zustand, des Gemüthes; in welcher weitern Bedeutun…

Gemüthslage

Campe

gemueth·slage

○ Die Gemüthslage , Mz. die — n , die Lage des Gemüthes, d. h. ein vorübergehender Zustand desselben, der von der Lage der Umstände bestimmt…

Gemüthsneigung

Adelung

gemueth·s·neigung

Die Gemüthsneigung , plur. die -en, die Neigung des Gemüthes zu oder von einem Gegenstande, S. Adelung Gemüthsbewegung .

Gemüthsruhe

Adelung

gemueth·s·ruhe

Die Gemüthsruhe , plur. car. die Ruhe des Gemüthes, d. i. die Abwesenheit herrschender Unlust und unangenehmer Gemüthsbewegungen, welche aus…

Gemüthsstärke

Campe

gemueth·s·staerke

Die Gemüthsstärke , o. Mz . die Stärke des Gemüthes, da es sich unter allen und besonders widrigen Umständen aufrecht erhält.

Gemüthsstimmung

Campe

gemueth·s·stimmung

Die Gemüthsstimmung , d. Mz . ungew. die Stimmung des Gemüthes, der Zustand des Gemüthes, da es für die eine oder die andre Art der Eindrück…

Gemüthstugend

Campe

gemueth·s·tugend

Die Gemüthstugend , Mz. die — en , eine Tugend, gute Eigenschaft und Fertigkeit des Gemüthes. »Durch politische Gesetze (Staatsgesetze) kann…

gemuet als Zweitglied (16 von 16)

gunstgemüt

DWB

gunst·gemuet

-gemüt gnädiger sinn, s. DWB gunst B 2: gott zeiget heut sein gunstgemüthe, wie ihn nach unserm heil verlangt! J. Chr. Männling poet. blumen…

heldengemüt

DWB

helden·gemuet

heldengemüt , n. gemütsart, gesinnung eines helden: maszen denn aus seinem angesichte ein heldengemühte leicht zu erkennen. Butschky kanzl. …

priestergemüt

DWB

priester·gemuet

priestergemüt , n. : denn jeden tag droht ... priestergemüt in Rom ihm ( dem nichtkatholiken ) stäte verdammnisz. Platen 2, 160 .

ruhegemüt

DWB

ruhe·gemuet

ruhegemüt , n. ein gemüt, in dem ruhe herrscht: wolvergnügte ruh-gemüther trachten nicht auf grose güther. Rompler 198 .

schandgemüt

DWB

schand·gemuet

schandgemüt , n. : laster- schand- schelmgemüt, mens maligna, polluta, atra. Stieler 1301 .

schneidergemüt

DWB

schneider·gemuet

schneidergemüt , n. : ich habe gelegenheit genug gehabt, zu bemerken, dasz auch das zarteste schneidergemüt immer courage hat. Ludwig 2, 445…

stiefgemüt

DWB

stief·gemuet

stiefgemüt , n. , stiefväterlich harte gesinnung, sieh stief- 2 b: herr gott, brich doch nicht herfür mit deines eyffers flammen: ... hör au…

volksgemüt

DWB

volk·s·gemuet

-gemüt , n. : in die sache des glaubens, die nur im volksgemüth edel und rein wohnte Zschokke schr. 33, 111 . plur., wobei an die einzelnen …

weibergemüt

DWB

weib·er·gemuet

weibergemüt , n. sprichwörtlich weich und unbeständig: dem gouverneur, der sonst kein wäichhertzig weiber-gemüt hatte ... stunden die augen …

wolf(s)gemüt

DWB

wolfs·gemuet

-gemüt , n. , ( wilde ) gemütsart des wolfs: schon war in dem hund das alte wolfsgemüt erwacht und er sprang den menschen an Watzlik pfarrer…

zivilistgemüt

DWB

zivilist·gemuet

-gemüt , n. : deshalb nehmen wir denn auch ohne weiteres an, dasz der preuszische soldat in allen, dem beschränkten civilistenverstande unbe…

Ableitungen von gemuet (3 von 3)

ungemütlich

GWB

ungemütlich [bisher nicht publizierter Wortartikel]

urgemüte

DWB

urgemüte , n. , gemüt 7 (?) mit ur- C 4 c: jungfräuliches seitenhöhlgen, der jungfräulichkeit ihr seelgen, jungferliches urgemüthe, einer ju…

urgemütlich

DWB

urgemütlich , adj. adv. , gemütlich 4 mit ur- C 4 a. vgl. grundgemütlich: im dorf war es wieder u. v . d. Steinen naturvölker Zentralbrasili…