gemüt,
n. coll. zu mut. 11)
die form. 1@aa)
ahd. gimuati,
mhd. gemüete,
mnd. gemôde,
auch gemôte
und gemôt
wb. 2, 55
a,
wie mhd. auch gemuot
n. wb. 2
1, 258
a, 48, leidigeʒ gemuot
welsch. gast 10672 (
var. leidigen gemuot),
auch 10683
var.; mnl. gemoede,
nnl. gemoed.
das ahd. wort übrigens, nur bei Otfried
bezeugt, hat bei diesem eine abweichende bed. (
s. u. gemütlich),
die von mhd. gemüete
spricht doch aber aus dem muoti
in zusammensetzung unter c. [] 1@bb)
fürs nhd. ist zu bemerken, dasz die volle form gemüte sich im gebrauch der dichter erhalten hat, wie sie im 18.
jahrh. auch noch in prosa erscheint, in ostmd. mundarten noch heute, und dasz der pl., jetzt gemüter,
anfangs auch noch ohne das -r
erscheint, gemüte (
z. b. Luther
u. 2,
e),
oberd. auch die gemt S. Frank
u. 5,
b; dem reim zu gefallen auch noch in unserm jh.: von abertausend blüthen ist es ein bunter strausz, von englischen gemüthen ein vollbewohntes haus. Göthe 5, 193 (
div., buch Suleika, geheimschrift). 1@cc)
im ahd. zeigt es sich ohne das gi- (
s. u.ge
sp. 1610
γ a. e., auch gehäsz, gelärr),
das auch sonst besonders in zusammensetzung ausbleibt, z. b. in heiʒmuoti
n. furor Otfried IV, 30, 8,
neben heiʒmuot
n. und heiʒmuotî
f. Graff 2, 696, unmuoti
n. 687, widarmôti
n. injuria 692;
ebenso alts. heitmôdi
n., ovarmôdi, ôdmôdi
demut, doch auch gimôdi,
aber, wie ags. gemêde,
in anderm sinne (
s. a. e.). 22)
das gemüt
ist ursprünglich, wie der mut,
unser inneres überhaupt im unterschied vom körper oder leib, daher leib
und gemüt
u. ä., wie leib
und seele. 2@aa)
mhd. z. b. gemüete
und lîp: swer was an gemüete starc und dâ bî kranc an lîbe (
im kampfe) ..
Lohengrin 4427,
wie muot
und lîp,
z. b.: ouch ensparten si lîp noch den muot (
im kampfe).
Iwein 5407; wand ir was vil trüebeder lîp und ouch der muot.
Nib. 787, 3.
ebenso nhd.: ist er mit lyb uf dem weg, mit gemt doheim. Keisersberg
chr. bilg. vorr. e 3; da sie nicht meineten ... den zeitlichen fried des leibs, sondern des gemüths. Luther
br. 3, 358,
gemütsruhe wegen des seelenheils; so ich zu gott ein liebe hett .. ouch bgirig wär by im zu sin, denn zmal (
dann) ich gwüsz in gott bin. 'ja mit dem gmt, on den lyb'. Utz Eckstein
concil, klost. 8, 788; du darfest nit gedenken, dasz die reichen ein solich creuzlos leben fren, wie es der arm von auszen ansihet, sie seind gemeingklich von leib und gemt krank, voller angst, anfechtung und bösem gewissen. S. Frank
spr. 2, 141
a (
also nicht wie unser gemütskrank); allein sorgen sy, das die begird der vernunft, der leib dem gemt diene.
weltb. 194
b; dieweil das gemt im leib (
ist) wie die unru in der uren und wie der reuter auf dem pferd .. Fischart
pod. trostb., klost. 10, 655; sie (
die bettler) sein weder mit den gemühtern noch mit den leibern occupirt. Schupp. 697,
haben weder geistige noch körperliche arbeit; dieser (
Alexander) hatte nur ein grosz gemüthe bei einem kleinen leibe, und jener (
Karl der dicke) nur einen groszen leib bei einem kleinen gemüthe. J. G. Meister
unvorgr. gedanken von teutschen epigrammatibus Lpz. 1698
s. 149.
auch glieder
und gemüt: ich sehe aber ein ander gesetz in meinen gliedern, das da widder streitet dem gesetz in meinem gemüte.
Röm. 7, 23 (
gr. νοῦς,
vulg. mens,
vgl. 3,
a). 2@bb)
so noch im 18.
jh. körper und gemüthe,
der ganze mensch: wie silber glänzt die reine blühte, ihr lieblicher geruch labt cörper und gemüthe. Brockes 4, 37
u. öfter; so musz er (
der mensch) dazu seine organe so harmonisch stimmen .. dasz er so vieles als möglich sich aneignen kann, da ohne aneignung kein nahrungsstoff weder in das gemüth noch in den körper übergeht. W. v. Humboldt
ästh. versuche 1, xiii.
ähnlich person
und gemüth: geneigter leser .. sei versichert, dasz in meiner geringen person ein solches gemüth anzutreffen, welches nur den geringsten schein einer erkänntlichkeit mit immerwährendem danke zu erwiedern bemühet lebt.
Felsenburg 1,
vorr. a. e. 2@cc)
auch bildlich, um das rechte verhältnis zwischen fürst und staat (respublica)
klar zu machen: denn diese zwo stücke müssen und sollen sich gegen einander halten und sein wie leib und seele, der fürst ist als das gemüthe, respublica das corpus. Jo. v. Wedel
hausbuch 189. 2@dd)
natürlich wird der gegensatz auch still vorausgesetzt, z. b. (
eigentlich auch in allem folgenden): würt dein gemt also bewert und sölcher masz in gott gericht, so hab ain guote zuoversicht, das du seist in der sälgen zal. Schwarzenberg 155
d; herr Jesu Christ, ich weisz, du bist mein bruder von gemühte. J. Rist
himml. lied. 4, 238,
[] vergl. Eckstein
unter a, uns wäre geist
deutlicher. so ist man im
oder mit dem gemüt
anderswo als mit dem leibe, abwesend, wie jetzt im geiste,
in gedanken: aber dʒ allerbest end zuositzen (
wo du gut und sicher säszest) dʒ wär ainigkait des gemts, wenn du allain wärest in dem gemt, wenn du schon leiblich allain bist .. so bist du doch nit allain, warum? du bist an allen orten im gemt, du bist auf dem markt, du bist in der kuchin
u. s. w. Keisersberg
gaistl. spinnerin O 3
d (
zu nonnen gepredigt); du setzst dich nider und wilt gar andechtig sein .. so seind der unnützen gedanken so vil .. da bauwest du ain schlosz, da bistu auf dem markt .. kurz, du bist auf allen jarmarkten im gemte. N 4
c; darumb er ging zum helden hin, sprach: herr, ich merk wol, das ir seit mit ewrm gemuot von hinnen weit und sitzt, als sei eüch lang die weil.
Teuerd. 53, 10.
man thut etwas in seinem gemüt,
in gedanken, im geiste: es seind vil erenfrawen, die andere männer nemen in irem gemt, dieweil ire männer leben. Pauli
sch. u. ernst 61
b. 2@ee)
daher auch das gemüt
für den mann selber, wo das geistige in frage kommt: me secht, eyn hase sy eyn quat gemOete, dat bewisede sick an dussen schichtmekers.
Braunschweiger chr. 2 (
städtechr. 16), 340; hie beger ich, das zuhören wolten allein frume, redliche gemüete. Luther
post. 1528 240
a; ein grosz gemt fragt nicht darnach, wie das glück wtet. S. Frank
spr. 1, 16
a; lob und rhum, welchem die edelsten gemüter nachtrachten. Opitz
poet. 60
Br.; wie gekränket war sie doch (
die gattin), da ihr Berkow ward erschossen, Berkow, das feine, geschickte gemüt, dessen gedächtnis noch immerzu blüht. P. Gerhard 270
Göd.; ich frage hier alle unpassionirte gemühter, ob dieser Butyrolampius hierin nicht rede als ein scurra? Schuppius 583; dasz einer alten vettel ... mehr geglaubet wird als einem redlichen gemühte. 548; des himmels einflusz begeistert die seelen ohne lehrmeister, und die allgemeine verachtung macht, dasz manch hohes gemüthe seine kostbarkeit in der asche eines ewigen stillschweigens verbergen musz. Chr. Weise
polit. redner 366,
im munde eines phrasenmachers, der lächerlich gemacht wird; hohe gemüther belustigen sich an hohen reden. 316,
ebenso; das sind hohe gemüther, welche allezeit etwas sonderliches haben wollen.
das.; ha ha he, ich dacht es wol, dasz er mich nicht verstehen würde, das ist der unterscheid zwischen hohen und niedrigen gemüthern. 335; ein durstig gemüthe hat keine beliebung zu dem sonst herrlichen .. wasser. Olearius
pers. ros. 1, 42,
wie jetzt eine durstige seele; folgender jahre (
nach dem mittelalter) ist die poesie meistens unter gemeine hände gerathen und von erläuchten und adelichen gemüthern wenig gebraucht worden. Hoffmannswaldau
vorr. b 3
b; gute gemüther sehen so gerne den finger gottes in der natur. Göthe 19, 343; dann sauget jedes zärtliche gemüthe aus eurem werk sich melanchol'sche nahrung. 12, 14; Hans war ein mittheilsames gemüth. Spielhagen
Hans und Grete 87.
s. auch unter 5,
c geblüt und gemüt
so. 2@ff)
auch mein gemüt,
wie mhd. mîn muot
gleich ich, wie anderseits so häufig mîn lîp: ob eʒ iuwer muot niht vervât für zageheit, sô ist mîn rât, daʒ wir ditz blœde vehten lân und eine wîle ruowen gâ
n. Erec 906 (
vergl. übrigens 7,
b); dô mîn muot sît wolde vliegen, als ein valke in vröuden gir ... und er (
dann) anders wolde denken ... alsô swang er wider dar (
zu ihr).
MSH. 1, 206
a; des vrout sich sîn gemuote.
genesis 67, 7
D., in der andern fassung daʒ
er sich des iemer froute (
freute)
fundgr. 2, 49, 4; mein gemüth fleucht und förchtet sich zu erzehlen .. Schuppius 747; lange auf kunst und weitgesuchte dinge zu denken (
beim dichten) oder über allen wortsätzen rath zu halten und drüber in den nägeln zu klauen ist kein werk vor meinem (
für mein) gemüthe. Hoffmannswaldau
vorr. b 7
b; erforsche, wie die welt, also auch dein gemühte
u. s. w. Wernike 21 (physica und ethica).
unterm volke ist noch beliebt z. b. ich war damals recht ruhig in meinem gemüte,
auch ich dachte in meinem gemüte (
vgl. 4,
b),
wo der gebildete in mir, bei mir
sagt, auch mein gemüt
[] ist so aufgeregt,
wo der letztere ich
oder meine nerven
sagt, jenes ist das ältere. auch mit dem gen., z. b.: taub und stumm bei allem flehen .. ist des vaters grosz gemüthe. Göthe 57, 289 (10, 567
H.). 33)
es wird lange dem lat. mens
gleich gesetzt, aber auch animus,
wie ahd. mhd. muot;
vergl. in vocc. des 15.
jh. mens gemyet, mut Dief. 356
a,
animus gemt, gemut, mut 36
a,
im voc. inc. teut. gmute,
mens, animus i 8
b (h 3
b). 3@aa)
gleich mens
z. b.: renovamini spiritu mentis vestrae, ir sulnt erniuwet werden an iuwerm geiste, der dâ mens heiʒet, daʒ ist ein gemüete, alsô sprichet sant Paulus (
Eph. 4, 23). nû sprichet Augustinus, daʒ an dem êrsten teile der sêle, daʒ dâ mens heiʒet oder gemüete
u. s. w. Eckhart 317, 35
ff., die bibelworte s. Luther
u. 4,
c (
s. auch u. 2,
a Röm. 7, 23); der erst unrat (
der die seele schädigt) ist blinthait des gemts. Keisersb.
siben schwerter g 3
d,
vorher cecitas mentis 3
c,
nachher aber auch blinthait des gemtz, der verstentnus oder der vernunft 3
d;
in der '
monarchia der seele'
bei Rollenhagen
ist vom streit zwischen herzen und vernunft die rede, den das gemüt
entscheidet als könig des seelenstaates: bis das zuletzt der könig kümt und sich des regiments annimt, das gemüt oder mens, wie ers (
der lehrer) nant und für des menschen seel erkant.
Froschmeus. II, 3, 3, 151 (2, 35
Göd.).
auch von gott selbst: Anaxagoras hat vermeint, gott sei ein gemüt on ende, das sich von ihm selbs beweget. Alpinus
P. Vergil. 1
b,
lat. infinitam mentem,
griech. νοῦς (
vgl. Frank
nachher unter b); wie in aines zimermaisters gemet und fantasey steet die visier aines künftigen hawss ... also ist all geschöpf ... in gottes als des schöpfers und werchmaisters gemüet und idea
u. s. w. Berth. v. Chiemsee 19, 1,
nach Thomas von Aquino in mente aedificatoris, in mente divina (
s. Reithmeiers
ausg. des Berth. s. 131); aus dem vater als aus götlichem gemet fleust der sun als gottes wort und weishait. 7, 8.
im 17.
jh.: beschliesze ich es mit des Caesaris worten ... wie dieses könne beschehen, fället mir zwar in das gemüth. Schuppius 730,
lat. nonnulla mihi in mentem veniunt
Cic. ad Att. 9, 7.
man sieht, wie weit es da von dem heutigen begriff noch entfernt war, wie viel umfassender. 3@bb)
gleich animus
z. b.: auch der heilig Cato lehret, si deus est animus, ist gott ein gemt, so ehre ihn mit dem gemt, mit dem das er ist. S. Frank
parad. 120
b (
nr. 89),
bei Cato (1, 1)
wechselt aber animus
mit mens,
im zweiten verse sit pura mente colendus (
übers. mit lauterm gemuth Zarnckes
deutscher Cato s. 76);
des Galenus quod animi mores corporis temperaturam sequantur
wird verdeutscht: nach des gemts sitten und gstalt auch der leib sich sittet und halt, das gmt ziecht wie es will den leib
u. s. w. Fischart
pod. trostb., klost. 10, 654.
in wbb.: gemt, verstand, will,
animus, cor. Dasypodius 338
d; gmt,
animus. Maaler 187
b; zaghaft, klein gemt,
parvus animus, rein lauter gemt,
animus castus et purus 167
c, das gemt enderen,
animo commutari 168
a u. s. w. noch bei Kant
gleich animus,
ganz anders als jetzt: die vereinigung aller sinnenvorstellungen im gemüthe .. unter gemüth versteht man nur das die gegebenen vorstellungen zusammensetzende und die einheit der empirischen apperception bewirkende vermögen (animus), noch nicht die substanz (anima) nach ihrer von der materie ganz unterschiedenen natur. 10, 108. 44)
wie weit es da von der heute herrschenden bedeutung entfernt ist, zeigt sich besonders darin, dasz dem gemüt
auch das denken, verstand und vernunft zugeeignet werden, und zwar bis nahe an unsere zeit heran. 4@aa)
mens, gemut ...
intellectus, memoria et voluntas simul sumpta mens dicitur, item superiores illae partes animae dicuntur mens, etiam ratio superior et inferior simul dicuntur mens. Melber o 8
b,
und was von mens,
gilt auch von gemüt (
vergl. Eckhart
u. 3,
a); gemt, verstand, vernunft,
mens. Maaler 167
d,
s. auch Dasyp.
u. 3,
b; so wirdet das gemt und vernunft durch unkeüschait geirret an rechter erkantnus, nimpt auf für guot das nit guot ist, und das ist blinthait des gemts. Keisersberg
siben schw. g 3
d; ain unkeüscher mensch wirt nit allain blindes gemüts .. dʒ er in seiner verstentnus (
verstand) und vernunft ganz blind würt
u. s. w. das., auch blinthait des gemtz, der verstentnus oder der vernunft
das., s. dazu die bedeutsame äuszerung Keisersbergs
unter 5,
a, auch unter 2,
a bei S. Frank
weltb. 194
b vernunft
und gemt
eigentlich als eins; [] wann du dasselb gslos (
schlosz das du dir vorstellst) mit allen ... seinen aigenscheften bringst inwendig in dein gemet, gedechtnus (
d. h. vorstellungskraft) und verstand
u. s. w. Berth. v. Chiemsee 28, 3,
vorher dafür gedächtnus oder verstand,
nachher gedächtnus oder vernuft.
noch bei Kant
ist der verstand
im gemüt
mit eingeschlossen: unsere erkenntnis entspringt aus zwei grundquellen des gemüths, nämlich sinnlichkeit und verstand. 2, 88
fg. (
kr. d. reinen vern. I, 2
einl.)
und sehr oft, gemüt
ist ihm nämlich noch '
die gesamtheit aller geistigen kräfte und zustände' (Hartenstein),
wie bei Eckhart '
die gesamtheit der höheren seelenkräfte' (Kramm
bei Zacher 16, 21).
auch die vernunft
eingeschlossen: der mensch kann nemlich entweder in harmonischem bunde mit der natur fortgehen ... oder er kann sich einsamer in sein gemüth verschlieszen, (
d. h.) seine vernunft abgesonderter beschäftigen, seine einbildungskraft mehr mit einem stoffe nähren den er allein aus sich selbst nimmt, seiner empfindung eigen geschaffene gegenstände geben. W. v. Humboldt
ästh. vers. 1799 1, 159 (
über Herm. u. Dor. cap. 44),
d. h. vernunft, einbildungskraft und empfindung alle als thätigkeiten des gemüthes,
wie ihm der ganze mensch aus körper
und gemüth
besteht (
s. 2,
b).
auch nl. gemoed
wird noch dem verstand, geest,
esprit gleich gesetzt (
vergl. c). 4@bb)
so denkt denn das gemüt,
auch im tiefsten sinne: wenn die geschöpfe (
schon) so viel in sich begreifen, dasz der faden des menschlichen gemüths zu kurz fällt (
wie beim schiffer der die tiefe der see messen will), ihre geheimnisse zu ergründen, wer will denn und kan die tiefe der gottheit erforschen? Scriver
seelensch. 2, 899,
wie es nach weisheit strebt: wem Föbus macht ein herz' aus tüchtigen geblühte, dem leibt er gleichfalls ein ein lebendes gemühte, das lust zur weisheit hat. Fleming 95 (
Lapp. 161).
selbst das rechnen als ein thun des gemüts,
im j. 1684
erschien in Jena ein buch von Erh. Weigel von der würkung (
thätigkeit) des gemüths die man das rechnen heiszt. gedanken, sinnen, meinung des gemüts,
im 16. 17.
jh.: sensa, die betrachtungen oder gedanken des gemts. Dasyp. 221
d, gedanken des gemuts,
sensa, sensus 312
d,
bei Henisch 1403
sensa mentis, h. e. quae sentiuntur, cogitata, vulgo (
d. h. in der schulsprache)
conceptus mentis (
s. genauer unter gedanke 4,
b),
vgl. mit dem gemüeth und gedanken einem dinge nachgehen,
animo ad aliquid tendere das.; das gemt auf etwas zesinnen gäben (
richten). Maaler 168
a; mein gemt ist nienen (
gar nicht) der meinung.
das.; du wirst wenig finden, welche .. nicht unterweilen aus innerster gutwilligkeit .. die innersten gedanken des gemüts reveliren. Schupp. 763.
noch im 18.
jh.: merkmahle, welche uns den innerlichen zustand des gemüthes in absicht auf seine gedanken und empfindungen nach allen seinen veränderungen zu verstehen geben (
gesichtszüge, geberden u. s. w.). Bodmer
poet. gem. 283; was für ein groszes gemüth muszte es sein, die idee von dem Messias zu empfangen (
concipere) und den göttlichen personen anständig zu denken und zu empfinden!
ders. von Klopstock im j. 1748, Körte
briefe der Schweizer Bodmer u. s. w. 95, groszer geist
wäre der ausdruck für uns; wenn man als hypothese annimmt, dasz dem gemüth im empirischen denken ... ein vermögen der nerven untergelegt sei
u. s. w. Kant 10, 110; in dem ersten falle befindet es (
das gemüth) sich, wenn es empfindet, in dem zweiten, wenn es denkt. Schiller X, 346, 14 (21.
ästh. br.); das gemüth geht also von der empfindung zum gedanken durch eine mittlere stimmung über, in welcher sinnlichkeit und vernunft zugleich thätig sind. 345, 13;
vgl.gemütsgedanke, gemütsmeinung.
nl. gemoed
ist noch auch meinung, überzeugung, z. b. tegen sijn gemoed spreken,
gegen seine überzeugung. noch jetzt ist volksmäszig ich dachte in meinem gemüte,
z. b. das kann doch nicht sein ernst sein,
wie mhd. in mînem muote,
z. b. Siegfried, als er der Kriemhild vorgestellt wird, von seinem stillen selbstgespräch: er dâhte in sînem muote:wie künde daʒ ergân, daʒ ich dich minnen solde
u. s. w. Nib. 284, 1.
auch in sîme gemüete: dô gedâchte er in sŷme gemte, wie das zuogienge, das er das künigrîch möhte an sich geziehen.
historienbibel 898
M. 4@cc)
für uns jetzt ist auch auffällig, wie geist und gemüt
früher gleich gesetzt werden oder sonst in engster beziehung erscheinen, während sie für uns eigentlich zu gegensätzen geworden sind; aber auch geist
hat von haus aus nicht die heutige einseitigkeit, eben wie gemüt
von der andern seite; als gleich z. b.: so spülget (
pflegt) man die seel zuo teilen in das ober teil, das auch
[] genant würt dʒ gemt oder der geist, und das under teil, dʒ genant würt die sinlicheit. Keisersberg
irrig schaf D 4
b; derhalb hebt ers vor ihm auf (
gott sein geheimnis vor dem unfähigen und unwürdigen) und verbirgt den geist, das gemt Christi, den verstand der schrift under ein verwendten allegorischen buochstaben
u. s. w. (
in den parabeln). S. Frank
parad. 3
b,
sachlich zu 7,
c gehörig; nun sei getrost und unbetrübt, du mein geist und gemüte. P. Gerhard 271
Göd. selbst gemüt des geistes
und umgekehrt: diu sêle hât an dem gemüete des geistes drîe krefte, die sint himelisch dar an, daʒ sie himelischiu werc vermügent. Eckhart 214, 13 (
eine empfangende, schauende und minnende kraft),
aber auch daʒ gemüete der sêle, daʒ ist diu eine houbetstat in der sêle. Preger
gesch. d. mystik 2, 101 (
vergl. u. d, α); ernewert euch aber im geist ewers gemüts und ziehet den newen menschen
an. Eph. 4, 23,
τῷ πνεύματι τοῦ νοὸς ὑμῶν,
vergl. Eckhart
u. 3,
a. anders geist im gemüte,
in einem briefe der Charl. v. Schiller
an Göthe vom j. 1810: aber wem (
wie ihnen) die götter so viel gegeben, wer den geist im gemüth und die erscheinungen in uns so fein und doch so grosz auszusprechen vermag, bei dem möchte man auch immer sich der wünsche für neue werke nicht enthalten!
Göthe-jahrb. 4, 261,
sie meint das geistige im gemütsleben, die durchdringung beider statt der sonstigen einseitigkeit. 4@dd)
das gemüt
ist früher die wohn- und werkstätte der vorstellungen, inneren bilder, ideen (
nun auch vielmehr der geist). 4@d@aα)
so mhd. und im ältern nhd.: ein kraft ist in der sêle, diu heiʒet daʒ gemüete, die hât got geschaffen mit der sêle wesen, diu ist ein ûfenthalt geistlîcher forme unde vernünftiger bilde. Eckhart 585, 35, forme
und bilde
sind ideen, vorstellungen (geistlîch
gleich unserm geistig);
beim künstler: dann solch zufel (
was ihnen zufällt aus dem leben) sind bei den künstnern unzelich vil und ihr gemt voller bildnus, das in müglich zu machen (
auszuführen) wer. A. Dürer
von menschl. proportion 1528 T 1
a (
danach auch unter künstner 4
das citat zu ergänzen),
vergl. u. 3,
a aus Berth. v. Chiemsee,
wie in aines zimermaisters gemüet und fantasey
das bild eines zu bauenden hauses steht, ebenso alle geschöpfe in gottes als des werchmaisters gemüet und idea. 4@d@bβ)
daher auge des gemüts,
das die bilder in sich sieht (
s. u.gedanke 4,
a das denken als ein sehen): sunder (
wir) zwingen mit gewalt unsren gedank, dʒ er sich abker von disen sichtlichen gestalten zuo den unsichtlichen dingen, die das oug des gemts durch das liecht des heiligen cristenlichen gloubens da sicht. Keisersberg
eschengr. b 7
b (
vorher und nachher ougen des herzens); die dunkelsten gegenstände, wenn wir ihnen näher treten, erhellen sich, und das auge des gemüths bequemt sich nach der trüben lage. Jacobi
Allwills briefs. (1826) 22.
vergl.gemütsauge,
bei Bodmer
auch verstandesauge.
vergl. blinthait des gemts
unter 4,
a. 4@d@gγ)
noch im ganzen 18.
jh. hat das gemüt
nicht blosz mit anschauungen,
auch mit begriffen
und ideen
zu thun, z. b. bei Kant, Schiller (
vergl. Kant
u. a und b): ist die phantasie unthätig und träge oder geht die tendenz des gemüths mehr auf begriffe als auf anschauungen, so bleibt auch der erhabenste gegenstand blosz ein logisches object. Schiller X, 201, 23 (
also auch das logische noch dem gemüt gehörig); wessen gemüth nicht schon zubereitet ist, über die wirklichkeit hinaus ins ideenreich zu gehen, für den wird der reichste gehalt leerer schein und der höchste dichterschwung überspannung sein. 453, 31; wir sind aufgelöst in süsze empfindungen von ruhe (
beim genieszen der natur), und indem unsere sinne von der harmonie der farben, der gestalten und töne auf das angenehmste gerührt werden, ergötzt sich das gemüth an einem leichten und geistreichen ideengang, und das herz an einem strom von gefühlen. 181, 25,
vergl. von verschiedenen vermögen des gemüths 181, 8,
wie Kant
kr. d. urth. § 49 von den vermögen des gemüths
handelt, welche das genie ausmachen;
von ideen
im gemüt: die stimmung des gemüths zum gefühl des erhabenen erfordert eine empfänglichkeit desselben für ideen.
das. § 29; mit dem ersten eintretenden gefühle der ermüdung (
beim forschen) verliert sich auch dieses zusammenstimmen der als eingebung sich plötzlich dem gemüth darstellenden ideen mit dem vorsätzlich gewählten gange der untersuchung. Garve
vers. 2, 255. 4@ee)
bemerkenswert mhd. manic gemüete, manic muot,
pluralisch (
so muote
pl., z. b. mit trüeben muoten singen
MSH. [] 1, 39
b,
vergl. u. 7,
f),
von verschiedenen oder vielen gedanken, wie maniger gedanc,
doch so dasz bei jenem wie diesem stimmung und empfindung eingeschlossen sind oder sein kann: sîn manic gemüete fuogt im daʒ, daʒ er die strâʒe übersach (
sich verirrte).
Wigal. 161, 30; und gwinnet mir daʒ herzevil manegen trûrigen muot. Kürenberg
minn. fr. 8, 24; die merkære habent manegen gedanc. Bernger
das. 113, 27.
auch nhd. pluralisch von éinem manne, in anderem sinne: seine gemüther waren heiter und jovialisch. Musäus 3, 58,
wie sonst geister, lebensgeister.
auch die mannliche, dapfere gemt,
mares animi Maaler 167
c,
sind die éines mannes. 4@ff)
im 16.
jh. auch von einem buche: ursach, das gedachtes buoch (
die apokalypse) noch art noch gemüt hat der andern bücher, so von Johanne dem apostel ausgangen. Carlstadt
welche bücher heilig und biblisch seind C ij
a,
ton und geist, denk- und sinnesart. 55)
es fällt aber zugleich von je her mit seele
und herz
zusammen oder berührt sich nahe damit, nur dasz auch diese beide bis ins 18.
jh. in unserm innenleben einen viel weiteren kreis beherrschen, als jetzt, beide z. b. auch am denken theil haben (
vom denken
der seele
z. b. s. geist 15,
e). 5@aa)
mit seele: in deiner seelen oder im gemt (ich nim es für eins) da seind drü ding, das empfinden wir alle, intelligentia verstentlichkeit, ratio vernunft, sensus der sinn. Keisersberg
brös. 1, 43
b,
in der zwischenbemerkung liegt doch zugleich, dasz beide nicht immer für eins genommen wurden, s. z. b. u. 4,
c bei Eckhart sêle
als das weitere, das gemüete
ihm angehörend (
sachlich besonders bemerkenswert ist bei Keisersberg
die berufung auf das empfinden aller),
vergl. übrigens gemütlos
im 15.
jh. für exanimatus; güter des gemüts, die gibt gott, die sind götlicher art ... das seind alle innerliche güter der seel odder des gemüts ... als Bias aus der (
eroberten stadt) gieng und nicht truog (
mitnahm), fragten in die burger
u. s. w. der weis man antwort in: ich trage alles das mein ist, mit mir, vermeinet die güter des gemüts. S. Frank
spr. 1, 131
b,
jetzt güter des geistes; mich hat zu dir getragen die stille neigung selbst, die die gemüther lendt und gleiche regungen in gleiche seelen sendt. Fleming 107 (
Lapp. 179). Schiller X, 418, 22
ff. führt aus, wie sich rohe
und moralische gemüther
und ästhetisch verfeinerte seelen
zum guten verhalten. 5@bb)
mit herz sonst: also beschlieszen alle lerer der schrift, das das wesen und natur des gebets sei nicht anders dann ein aufhebung des gemüts oder herzen zu gott. Luther 1, 69
a; sihe wie sein (
Abels) herz gestanden sei .. dargegen sihe nu auch, wie Kains gemüt gestanden ist.
über das 1.
b. Mose 1527 P 2
a fg. (Dietz 2, 74
b); die gemt spieglen sich gegen einander. S. Frank
spr. 1, 20
b,
später: es spieglen sich die herzen gegen einander, und ist ie eins des andern spiegel, das du entpfindst in deim herzen, ob ers guot mein und dir wol wölle oder nit 21
b; man nennt ein gemüth, in welchem die empfindungen des mitleides und der gefälligkeit regieren, ein gutes herz. Kant 7, 391.
auch beide häufend verbunden, was noch jetzt unter umständen geschieht: und sollen sich derhalb (
die reichsgewalten) selbst ermundern und aufwecken .. auch was itzt in den herzen und gemuten der gepawer und gemeines mannes steckt, der also zu sprechen allenthalben wtet, hochlich bedenken, raten und helfen
u. s. w. gutachten des ausschusses der reichsstände vom j. 1517,
Frankf. reichsc. 2, 935; mit ganzem gemt und herzen auf die worte losen (
horchen). Maaler 168
a; sein gemt und herz auf ein ding legen,
insistere mente et animo in rem aliquam. das. aber auch gemüt des herzens,
also im herzen wohnend (
wie in der seele bei Eckhart
u. a),
s. u. 7,
b. auch alle drei als wesentlich eins gehäuft (
vergl. u. a): es (
das bad Pfeffers) kreftigt herz, sel und gemt. H. Folz,
fastn. 1261; du solt lieben gott deinen herrn von ganzem herzen, von ganzer seelen, von ganzem gemüte.
Matth. 22, 37. 5@cc)
beliebt war verbunden gemüt und geblüt
oder blut,
man sah im blute den träger der seele (
s. u.geblüt): wie ungleich wir einander seind under augen (
d. h. im gesicht) im eüszern schein, so gleich seind wir einander im gemt und bluot. S. Frank
parad. 128
a (
nr. 93).
vom menschen selber (
s. 2,
e): ich mein allein, wo zwei geblt verwandeln sich in ein gemt und sich in trew binden zusammen. H. Sachs III, 3, 4
b;
[] an ides aufrecht redlich teutsch geplt und gemt (
widmung). Fischart
ged. 3, 73
Kurz; aber im gegensatz: weilen auch oft mancher, der edel vom geblüt, sich dem gemüth nach zimlich kauterwelsch darein und zur sache schicket.
Simpl. 1685 1, 65; das musz das gute gemühte und geblüte in euch verursachen (
dasz ihr auch in der ferne so treu nach mir verlanget). Elis. Ch. v. Orl. 1, 487
Holl.; es ist jedoch hierbei zur ehre deutschen geblüts und gemüths anzumerken, dasz ... Fichte
reden 89. gemüts- und geblütsfreund Butschky
kanz. 805. 66)
so ist das wesentliche des begriffes die einheit unsers inneren, in der auch der geist
in dem heutigen engeren sinne mit aufgeht als in seinem ganzen, und zwar von der ältesten zeit her bis nahe an unsere zeit heran. es kommt darin mit sinn ganz oder nahe überein, worin auch jener ursprünglichen einheit ein glücklicher ausdruck aus alter zeit her bewahrt geblieben ist bis heute. vergl. 7,
h das ich als kern des begriffes. 6@aa)
so wechseln denn auch gemüt
und sinn
oder verbinden sich, beide mit ihrer wechselnden vielseitigkeit der färbung (
vgl. Keisersberg
u. 5,
a),
z. b.: im gemüt ires herzen, das ist in irem sinn. Luther 2, 326
a (
s. u. 5,
b); nun sind .. ein teutsches festes gemüth und ein schlipferiger (
wandelbarer) welscher sinn anderst nicht als hund und katzen gegen einander geartet. Moscherosch
Phil. 1644 678; wie begrüszt' ich so oft mit staunen die fluthen des Rheinstroms .. immer erschien er mir grosz und erhob mir sinn und gemüthe. Göthe 40, 242 (
Herm. u. D. 1).
von deutschem gemüt, wie da bei Moscherosch,
ist schon früher die rede: am (
kaiserlichen) hofe sy alles umb geld feil ... und sy alles besser gewesen zu seligen konig Albrechts zijt, der ein konig gewesen von dutschem gemute.
Frankf. reichsc. 2, 104,
in einem bericht von Frankfurter abgesandten in Nürnberg an ihren rath vom j. 1449,
gemeint ist aber einfach redlicher sinn, wie bei Fischart
u. 5,
c, nicht die heutige engere bedeutung; ebenso: ich bin nicht mit euer elste niepce zufrieden, sie musz kein deutsch gemüte haben, weilen sie nicht dankbar ist. Elis. Ch. v. Orl. 274,
obwol das der heutigen bed. die hand reicht. 6@bb)
mit sinn
mehr oder weniger gleich z. b.: wo dein gemt, da dein gott. S. Frank
parad. 132; der fuchs verkert sein haut, aber nit sein gemt.
sprichw. 1, 104
a,
angeborne sinnesart, charakter; wie ein yeder redt, also ist er, das gemt sicht man in der red, wie in eim spiegel den leib. 47
b,
d. h. auch das innere denken, auch hier kann charakter gedacht werden; kayser Adolphus hat von sich selbst pflegen zu sagen, weil er von geschlecht nur ein graf von Nassau war: das gemüth mache reich, es sey besser ein mann ohne gelt, als gelt ohne einen mann. Lehman
flor. 2, 263; das weisz ich, dasz mein treu gemüthe dem pöbel ein gelächter macht. Günther 921.
das denken eingeschlossen, wie vorhin bei S. Frank,
auch hier bei Günther
eben: aber das hören bestimmt nicht die meinung, was uns zuwider wäre, glaubten wir wohl dem künstlichen redner, doch eilet unser befreites gemüth, gewohnte bahnen zu suchen. Göthe 1, 337 (
erste epistel),
der angeborne sinn, dessen richtung auch unser denken, unsere meinung
bestimmt, wie unser thun: treib er ein ehrlich gewerb' in ruh, ich — ich hab kein gemüth dazu. Schiller
Wallenst. lager 11. 6@cc)
auch im plural natürlich: trewlos sind der menschen gemter. H. Sachs III, 2, 221
c (1588); maszen er denn damit aller leute gemüter an sich zoge, wie der magnet das eisen. Riemer
polit. stockf. 13; die vergnügung wahrer liebe ist nicht eben so gemein, der gemüther gleiche triebe müssen ihre quellen sein. Günther 288; wie leicht wird es einem groszen, die gemüther zu gewinnen. Göthe 19, 18.
auch hier mit jener einheit, denn meinung und denken sind da in gemüt
ebenso inbegriffen, wie neigung und wollen, an das wir jetzt zuerst oder allein dabei denken. 77) gemüt
galt übrigens auch von den einzelnen verschiedenen äuszerungen, in denen das gemüt (
der mut, sinn)
mit verschiedener richtung oder art zu tage tritt, bezeichnet daher im besonderen auch mut, stimmung, gesinnung, wille, absicht, neigung, wunsch, streben, charakter u. ähnl. [] 7@aa)
gleich mut in unserm engern sinne. 7@a@aα)
so ein tapferes gemüthe Olearius
pers. ros. 1, 4 (
wie jetzt noch tapferer sinn), männlich gemüt
u. ä.: mannliche und dapfere gemt,
mares animi. Maaler 167
d; die toppelsoldner .. stunden für die knecht in das erst glit und traten also frolich mit unerschrocken menlichem gemt gegen iren veinden.
Wilw. v. Schaumburg 114; aber aus manlichem gmuet was in gach, ranten über die löcherten brucken (
ehe sie wiederhergestellt war) .. jagten den herzogen bis in die stat. 43; unerschrocken gemt Maaler 460
c, steif, dapfer und standhaft gmt 187
c.
auch groszes gemüt: ein grosz gemt fragt nicht, wie das glück wtet (
im kampfe). S. Frank
spr. 1, 16
a;
dagegen klein und verzagt gemt Maaler 167
c.
noch im 17.
jh.: wer wird nicht mit gröszerem gemüthe als zuvor seines vaterlandes verderb und schaden, den er nicht verhüten mag, ertragen, wenn er die gewaltige stadt Troja .. siehet im feuer stehen und zu staube und asche werden? Opitz 1, 204,
mit mehr mut und fassung. noch im 18.
jh.: ein dapfer, grosz gemüth,
animus magnus, fortis etc. Aler 893
a. 7@a@bβ)
doch auch gemüt
so für sich, wie mut (
schon mhd. muot
Erec 906
unter 2,
e, herze unde muot Bon. 44, 27),
mhd. z. b. gemüete
Alph. 179, 4, an gemüete starc
u. 2,
a, könig Ottokar von Böhmen heiszt ein löuwe an gemüete, ein adelar an güete Bartsch
lied. 300 (Haupt 4, 574),
wie könig Rudolf adjectivisch alsô ein lewe gemuot 219,
MSH. 3, 5
b (
auch blosz gemoet
mutig, nrh. Wierstraat
Neusz 862. 2067).
mnd.: wol dat erer kleine was an tal, sunder vele van gemôte.
wb. 2, 55
b,
nl. ghemoed
courage Kil.
auch 'ein neu gemüte',
neuer mut, den belagerten Neuszern im j. 1474
wird von den frauen und jungfrauen in den schanzen mut zugesprochen: freulich riefen sy: stait vast, ir fromen ritter ind knecht! dattet manchem stoulzen bloit (
blut) ein nuw gemoede brecht. Wierstraat
Neusz 624.
nhd.: darumb ich dich bit, wöllest mir .. keckheit und gemt verleihen (
zum kampfe mit den freiern), wie du dann thetst, da wir für Troia zu feld lagen. Schaidenreiszer
Odyss. 178
a; und wie man in den redlichen alten zeiten einen mann am gemüth (
d. h. männlichem gemüth) und am bart erkennet, also musz heutiges tages hingegen man einen mann nur am fluchen und gottslästern, an boldern und bochen .. erkennen (
als seinen kraftäuszerungen). Moscherosch
Phil. 1644
s. 174; ach, wo sol ich doch das gemüthe hernehmen, dasz ich dir (
auf diese herzbrechenden worte) könne antworten, meine herzallerliebste tochter? Heinr. J. v. Braunschweig
Susanna III, 4. 7@a@gγ)
daher auch z. b. das gemüt fallen lassen,
wie den mut,
auch sinken
mhd., z. b.: lâ dîn gemüete sinken (
als besiegter)!
Wartb. 70, 10; das gmt fallen laszen,
herz und mut verlieren Maaler 187
c,
auch niderlaszen,
demittere animum 168
a; ist gewiss, dasz der krieg mit dem erdcrais entstanden und auch zugleich mit demselbigen und nicht eher sich endigen wird. dennoch musz man das gemüthe nicht fallen lassen
u. s. w. Schuppius 780. das gemüt entfällt mir,
der mut: da ich das höret, entpfiel mir alles mein gemt. Schaidenr.
Od. 137
b; und ist meinen gesellen alles ir gemt entfallen. 114
a.
das bild entspricht dem hohen mut
oder gemüt,
die steigend gedacht waren (
vgl. b, β). 7@bb)
stimmung, zustand des gemüts. 7@b@aα)
bemerkenswert gemüt des herzens,
stimmung, auch gesinnung u. ä., mhd. und noch nhd., also die wohnstätte des gemüts
das herz (
vergl. 5,
b): des jâmert und dar zuo muoʒ schemen sîn herze und des gemüete. Wolfr.
Wh. 399, 17; des trûret manic herze, des gemüete stuont ê hô. Neidhart 63, 5,
s. Haupts
anm. s. 137;
auch noch nhd. im 16.
jahrh.: seind die feind aller eeren werd, als unsers herz gemuot begert, wir wöllen ir erwarten. Soltau 356, Liliencron 4, 354
a.
auch von sinn, gesinnung nhd.: von denen auch Maria sagt im magnificat ... er hat zustrewet die da hoffertig sind im gemüt ires herzen. Luther 2, 326
a.
übrigens auch herz
selbst für stimmung: der froh was, waren dise gsellen .. mit dank, mit freud zogens von dannen, ein besser herz als vor bekamen. Haupt 16, 445. 7@b@bβ)
mhd. z. b. hôch gemüete,
gehobene stimmung, hoher sinn: ir antlütze wart (
von dem leid) missevar, daʒ ê in hôhem gemüete baʒ denn ein rôse blüete.
Wigal. 195, 23 (
var. muote : bluote).
[] gemüete hôch tragen (
wie den kopf),
man soll tragen gemüete ze mâʒe nider unde hô Walther 44, 6 (
nicht daʒ gemüete),
gewiss im 15. 16.
jahrh. noch nachklingend (
vergl. u. γ).
auch guot gemüete, wie guter mut,
glückliche, wohlige stimmung, subst. zu wol gemuot (
gegensatz übel gemuot
adj., ungemüete
misstimmung): vrîheit zieret alleʒ leben und kan wol guot gemüete geben. Boner 59, 72.
aber auch blosz gemüete geben,
frohe stimmung, freude (
wie wir auch blosz stimmung
sagen für gute stimmung): eins tages ze einer sumerzît, sô loup und gras gemüete gît ..
lieders. 1, 211; brâte bî der güete geben ouch gemüete. König vom Odenwalde 9, 20 (Bech).
aber ebenso von übler stimmung und gedanken kurz gemüete,
wenn der zusammenhang es angibt: dô wart sîn herze gar betrüebet (
über den verlust seines vermögens) und gedôhte wie er wider zuo guote komen möhte, und dô er eines nahtes in sîme gemüete lag, do kam der tiuvel ..
Alemannia 2, 205.
ähnlich ist manic gemüete,
vielerlei, wechselnde gedanken (
und empfindungen)
unter 4,
e, noch deutlicher manigfalt gemüte (
zugleich in bezug auf den mut),
von den belagerten in Neusz im jahre 1474,
nrh.: ir gemoed waren mannichvalt, want men ir leven suchte. Wierstraat 151. 7@b@gγ)
nhd. z. b. ein ängstiges gemüth,
ängstliche stimmung, gemütsverfassung: dasz er seine geheimnussen keinem habe wollen communiciren und zum allerwenigsten dieselbe, welche ihm vor andern ein ängstiges gemüth gemacht haben. Schuppius 756,
man bemerke: nicht das gemüth ängstig gemacht.
wie mhd. hôch gemüete
vorhin, so nhd., doch mehr von sinn und streben, gesinnung: hochtragne (
hochtragenheit) des gmts,
elatio et magnitudo animi. Maaler 227
c; hochtragen gmt,
das nach hohen und groszen dingen stellt, pectora sublimia 227
b,
mhd. hôchtragende (
woraus jenes hochtragen
gekürzt ist),
und noch nhd.: ich bin so hochtragend in meinem gemüte gewesen. Steinhöwel
Es. 55
b. 7@b@dδ)
gern im gen.: da nun der mann zornig und leidig heim kommen war, fragte ihn das weib, was gemüts er wer und was er thete.
buch der liebe 295
c,
eigentlich wes gemüts,
in welcher stimmung er denn wäre; als er nun mit speis und trank wohl angefüllet und freieres gemüths wurde .. Olearius
pers. ros. 3, 27; freies gemüthes leben. 7, 20,
frei von sorgen, wie es die ausgabe von 1775
gibt. auch gemütes froh,
mhd. gemüetes vrô,
auch vrî
u. ähnl.: got der mach euch gemtes fro. Wittenweiler
ring 12
b, 41. 7@b@eε)
oberd. auch noch (
so und so) zu gemüt,
wie zu mute,
von stimmung: es musz einem sonderbarlich zu gemüth sein, wenn
u. s. w. Hebel 2, 251. 7@cc)
gesinnung, sinn (
wie auch geist 7,
c). 7@c@aα) gemüt heiszet er (
der apostel), das wir sprechen gesinnet sein, als wenn ich sage, das dünket mich recht, und wie Paulus redet, also halten wirs, also sind wir gesinnet. Luther 2, 329
a (326
a),
zu 1 Petri 1, 13 begürtet die lenden ewres gemüts,
zugleich von denken und meinung, wie überhaupt die verschiednen färbungen des begriffes fortwährend in einander spielen; dasz sy nun (
d. i. nur) einen geist, liebe, gmt zesammen hättind. Zwingli 1, 628;
vergl. bei Göthe: wo man die liberalität aber suchen musz, das ist in den gesinnungen, und diese sind das lebendige gemüth.
sprüche in prosa 228. sein gemüt mit den augen verraten,
z. b. von den geuchinnen in Murners
geuchmatt: sy wichendt mit den ougen nit .. sy haftendt ire ougen still, als eine die verraten will mit den ougen ir gemt.
kloster 8, 1023. feindlich gemüt,
hostilis animus Maaler 187
c u. ähnl.: dasz es nicht gnug sei, dasz ein feind frieden mit uns mache, sondern er musz auch sein feindlich gemüth ablegen. Opel
u. Cohn 30
jähr. krieg 389; ob i.
f. gnaden in freundschaft oder feindschaft kämen? sie wüsten i.
f. gn. gemüt nicht. Schweinichen 1, 357. eheliches gemüt,
gesinnung: er machte die rechtliche frag ... ob ein kind, so aus ehelichem gemüth erzeugt worden, dem vattern in der erbschaft nachfolgen könne? Abele
unordn. 2, 4,
nach lat. maritali affectu
vorher, d. h. vor der eheschlieszung, aber nach verbrieftem ehegelöbnis. [] 7@c@bβ)
in bezug auf bestimmte einzelne fälle gebraucht nimmt es zugleich die färbung von absicht an, selbst beschlusz, willen u. ä., schon mhd., eigentlich gesinnung oder stimmung in einer einzelnen richtung: diu reine gotes güete, von der doch daʒ gemüete ouch dem jungen kinde quam, daʒ eʒ den tôt gerne nam. Hartm.
arm. Heinr. 1038; hett nit entfrembt sich Nycanor und anders gstelt, dann er dett vor, Judas hett nit gmerkt syn gemt. Brant
narr. 39, 11; ich weisz aber fast wohl, dasz ('s) e. k.
f. g. gemüthe nicht ist, aber die armen leute können nicht fürkomen. Luther
br. 3, 94; wir wollen uns aber versehen, das solchs ewer gemüt nicht sei.
churf. Joh. Friedrich
b. Luther 6, 6
a; wo ... ein gesetz wider gemeinen nutz und lieb wer, so soll man dem gesatzgeber in das herz sehen, wie er es doch gemeint hab, so wird man finden, das sein gemt ist gewesen, dʒ es zuo besserung gemeines nutz soll dienen. S. Frank
parad. 240
b (
nr. 178); euwer
f. gn. werden euwer
f. g. herren vettern gemüth an sich nemen. Fronsp.
kriegsb. 3, 186
a.
im fall einer brautwerbung: zu dem wenn ein vater spricht, ich wil dir mein tochter zum ehelichen weibe geben, so wird dadurch ein gegenwertige zusage eines gegenwertigen gemüts verstanden. Luther 3, 436
a; weisz doch ganz Deudschland wol, das unsere sprach gegenwertig gemüt und verheiszung mit diesen worten ausspricht, wenn wir also sagen, ich wil dich haben, ich wil dich nemen.
das.; als für kaiser Heinrich um die hand der h. Kunigunde geworben wird, diese aber erklärt, sie habe sich gott gelobt und wolle keinen gemahl, sagt ein bruder zu ihr u. a.: sie (
die majestat) hat so ein christlichs gemüth ... wenn eur gmüth derhalb ir fürkhem (
klar würde), sie villeicht selbst ein andre nehm
u. s. w. Ayrer 132
c (665, 34), eur gemüth derhalb,
eure gesinnung und absicht in bezug darauf (derhalb). 7@c@gγ)
wieder auch im gen. (
s. b, δ)
und mit inf.: aber wo ihr alle des gemüts weret, als Galmy der ritter, wer nit not euch solchs fürzuhalten (
dasz es tapferkeit gilt).
Galmy 104,
zugleich in der färbung von a, mut, tapfrer sinn; ee und zuvor wir wissen, was (
für wes) gemüts die darinn seien.
Aimon lij,
was sie im sinn haben, im schilde führen; mit inf.: und zum lezten ein gemt habind, die waren Hierusalem zu bawen. Zwingli 1, 559; wann ich bin des gemüts, mich an keins menschen red zu keren.
Aimon xij; so bistu auch nicht des gemüths, die gerechtigkeit zu befördern. Ayrer
proc. 1, 6.
mit diesem inf. noch später: hoffen wir, es werde uns an vornemer leute gunst und liebe, welche wir, nebenst dem gemüte unserem vaterlande zue dienen, einig hierdurch suchen, nicht mangeln. Opitz
poet. 58
Br. (8.
cap. a. e.);
noch im 18.
jh.: unglaublich ist es, was ein gebildeter mensch für sich und andere thun kann, wenn er, ohne herrschen zu wollen, das gemüth hat, vormund von vielen zu sein. Göthe 20, 305 (
W. M. lehrj. 8, 10
a. e.). 7@c@dδ)
bemerkenswert gutes gemüthe
für wohlwollen, gute gesinnung gegen jemand (
anders u. b, β): bedaurete auch zum öftern der schönen brunette (
der er den abschied gab) feine gestalt ... und sonderlich das zu mir getragene gute gemüthe.
Felsenburg 1, 55,
angewandt auf liebe, der ausdruck musz weit älter sein. im 16.
jh. auch schon einfach einem gemüt tragen,
eben von liebe: ein blat von grasdas deutet das sie mir kein gmt wil tragen. Forster
frische liedl. 1, 89 (Uhland
schr. 3, 506). 7@c@eε)
auch unser kaiserliches gemüt
in kaiserlicher rede scheint zugleich als sinn, gesinnung gemeint: nach dem wir in unserm keyserlichen gemüt betracht, dasz bisz anher grosze embörung .. im heiligen reich geübt
u. s. w. reichsordn. 1539 93
b; und als wir in unser keyserlich gemüt gesetzt und fürgenommen haben ... unser keyserlich kron, wie sich gebürt, zuholen, auch das jhen, so dem reich entzogen ... widerumb zu erobern
u. s. w. 113
a u. ö.; vgl.: haben wir mit hoher beschwerd unsers gemüts vernommen 152
b. 7@dd)
die bed. wille, entschlusz, absicht tritt auch bestimmter auf. 7@d@aα) gemt, verstand, will
stellt Dasyp. 338
d als eins zusammen, s. u. 3,
b, auch u. 4,
a die philosophisch gehaltene begriffsbestimmung bei Melber. gemüt
und wille
verbunden: ab solhem furnemen die stend des reichs der babstlichen heiligkeit erlich ...
[] und christlich gemut und willen ... vermerkt
u. s. w. Frankf. reichscorr. 2, 979,
erklärung der reichsstände vom j. 1518; der stend will und gemut. 981; es hat itzunder keys. maj. ... sein gemut und willen weiter entdeckt. 985; sein gemt oder willen offnen, aufthuon,
fateri animum. Maaler 168
a; sie sind all eines gemts, sinns und willens,
idem animus omnibus. das. 7@d@bβ)
ebenso gemüt
allein, auch mit inf. (
c, γ): zur selbigen zeit ist des keysers Caroli Quinti ernstlich und endlich gemüt gewesen ... Melanchthon
vorr. zum corp. doctr. christ. 1; dasz nicht der praedicanten und stadt gemüth sei zu handeln. Luther
br. 4, 358; dasz dein gemüht sei uns und die unsern zu vertilgen. Kirchhof
mil. disc. 90; sie beruhet auf ihrem gemüt, sich diesen abend nicht trauen zu lassen. Schweinichen 2, 305; dasz sie ihres herrn gemüte von mir vernehmen konnte. 2, 7.
dazu sein gemüt anzeigen,
selbst schreiben,
was uns gar eigen klingt: von diesem allen werdet ihr ihm euer gemüth .. anzeigen. Luther
br. 4, 206: und so es e.
f. g. gefällig sein wurde, so wollen e.
f. g. ihr gemut gnediglich an uns schreiben. Melanchthon
ep. 18
ed. Faber; das der churfürst zu Sachsen, die fünf fürsten und sechs stedte vor ausgang des 15. tages des aprilis ir gemüt unter iren insigeln irer maie. zuschreiben und eröffnen (
sollen).
Augsb. reichsabsch. 1530
bei Luther 5, 109
a. 7@d@gγ)
auch gemüt und meinung
verbunden (
willensmeinung): dieweil nun unser chammergericht das öberst und letzt gericht ... und unser gemüt und meinung ist, dasz unsere underthanen im reich nit rechtlos gelassen
u. s. w. reichsordn. 1539 160
a (
reichsabsch. Augsb. 1530 § 76); zog ... darnach hinauf in Bayerland, vielleicht in gemüth und meinung dasselbig einzunehmen. Götz v. Berl. 69. 7@d@dδ)
im gen., wie des gemüts sein,
der meinung u. ä., so sich seines gemüts erklären,
eig. wes (was) gemüts
man sei: und verlasz (
lasz) uns hie hab und gut, wiltu nicht geben leib und blut. drumb dich bald deines gmüths erkler. Ayrer 86
c (441, 27),
wozu du dich entschlieszen willst; sie hoffeten, das die hochlöblichen fürsten und stände sich so viel ehender gegen uns würden ihres gemüttes erklären.
verh. d. schles. fürsten u. stände 1619
s. 206. 7@d@eε)
im canzleistil auch blosz gemüts,
wie willens,
in der absicht, mit inf.: in was fürnemen und rüstung der Türk steh: gemüts, disen künftigen sommer die kron zu Hungern geweltiglich zu überziehen und under seinen tirannischen gewalt zu bringen.
reichsordn. 1539 126
a (
reichsabsch. 1524 § 30); darauf einen gemeinen reichstag alher .. ausgeschriben und verkündt: gemüts, willens und meinung, allerlei des heiligen reichs .. obligend zu handlen. 152
b (
reichsabsch. Augsb. 1530
eingang). 7@ee)
neigung, die uns wohin zieht oder treibt: ich habe keinen lust noch gemüt zu ihm.
buch der liebe 201
c; und diese treibt ein hohles wort des herrschers, nicht ihr gemüth. Göthe 8, 300 (
Egm. 5); er hat kein gemüth gegen uns Niederländer. 8, 172 (
Egm. 1); ich war also eine herrnhutische schwester auf meine eigene hand, und hatte diese neue wendung meines gemüths und meiner neigungen besonders vor dem oberhofprediger zu verbergen. 19, 328 (
W. M. lehrj. 6);
bair. kain gemet haben zu etwas,
neigung, lust, freude Schm. 2, 657,
vergl. keinen lust noch gemüt
vorhin im 16.
jahrh. mhd. übrigens auch für lust, freude überhaupt, wie guot gemüete geben,
s. unter 7,
b, β. 7@ff)
auch von wunsch oder wünschen, gesteigert begierde: er volzôch ir gemüete mit lîbe und mit güete.
Wigal. 9546
B. (muote : guote 244, 2
Pf.), '
that, was sie nur wünschte',
gleichbedeutend also muote
pl. (
vergl. u. 4,
e); ir wunsch und ir gemüete wart gestellet bî der zît alsô
u. s. w. Konrad
Silv. 1349,
wo gemüete
doch nach dem folg. auch als streben zu fassen ist. nhd.: dasz nicht etwa der wirth unerfordert und wider des gasts gmt und gelegenhait mancherlei speis und getrank fürträgt. Schmeller 2, 657
aus der bair. landordn. von 1553,
wunsch und umstände; sein gemt und begird etwar auf setzen und gäben,
defigere animum in aliquam rem Maaler 168
a. 7@gg)
auch für begabung, talent diente es: Sallust hatte zu hohen und wichtigen geschäften ein wohlgeschicktes gemütte. Butschky
Patm. 357,
vergl. unter 2,
e Berkow, das feine, geschickte gemüt
bei P. Gerhard.
anderseits für temperament: [] sîn gemûte was vil scharf, hievon er ernstlîchen warf sîn rede an den gûten man.
pass. K. 83, 33.
auch für charakter, s. schon S. Frank
unter 6,
b, bei Schiller
unter 8,
i gemüt
und charakter
als gleich wechselnd, wie im Tasso 1, 2: es bildet ein talent sich in der stille, sich ein charakter in dem strom der welt. o dasz er sein gemüth wie seine kunst an deinen lehren bilde! Göthe 9, 113.
auch beide verbunden: was in ihm mich gewiss macht, ist seine sinnesart, sein geschmack, sein gemüth und charakter. Fr. Jacobi (1812) 1, 237; dasz der Franzose, mit dem zu groszen triebe der geselligkeit fortflieszend, sein ganzes dasein in andern verspielt und verliert, dasz er gewöhnlich für sich kein eigenes gemüth noch eigenen charakter hat. Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 403,
zugleich '
individualität'; das einfache, das stätige, das grosze, was man stärke des gemüthes und charakters nennt, kann sich in ihm nicht befestigen. 404; verstehe ich z. b. das lateinische und griechische gründlich, so habe ich viele aufschlüsse über das gefühl, die ansicht (
weltanschauung), den geist, das gemüth und den charakter der Lateiner und Griechen. 384;
so spricht er von englischem, französischem gemüth: wenn ein deutsches kind von seinem dritten oder vierten jahre an englisch und französisch spricht ... so musz das gepräge eines englischen und französischen gemüthes sich mehr und mehr in ihm abdrucken. 386;
vgl. übrigens gemütscharakter.
auch der begriff gewissen kann daraus klingen: gut, rechtchaffen zu sein befiehlt mir das gemüth unbedingt. Fr. Jacobi 1, 301,
vergl. Gryphius
unter 9,
a, β; das nl. gemoed
gilt sogar kurzweg für gewissen, z. b. iets tegen zijn gemoed doen,
gegen sein gewissen, naar gemoede met iemand handelen,
nach gutem gewissen, aufrichtig, vgl. treed in uw gemoed,
geht in euch. 7@hh)
merkwürdig und bedeutsam leute, denen das gemüete mangelt,
die an melancholie krank sind: es ist auch etlich torhait von inmuetichait, als den, den das gemüete mangelt. Vintler 2770,
in der ital. vorlage: pazzia di maninconia, come quelli a cui manca la mente (Zingerle
s. 350).
es wird selbstgefühl, selbstbewusztsein gemeint sein, kürzer gesagt das ich, denn darauf, auf das bewuszte ich, geht z. b. auch Rollenhagens gemüt
gleich mens
hinaus u. 3,
a, und der ganze begriff in seinem kern überhaupt (
s. dazu u. geist
sp. 2666). 7@ii)
daher spricht im 18.
jh. die philosophie von verschiedenen kräften
oder vermögen des gemüts,
dieses im weitesten sinne genommen: dieses musz der poet um so viel fleisziger thun (
d. h. auf den wohlklang des verses bedacht sein), weil er für den gröszern und zugleich cörperlichern haufen der menschen schreibet, bei welchen selbst unter den kräften des gemüthes die einbildungen und die neigungen über den edlern verstand herrschen. Breitinger
crit. dichtk. 2, 438,
d. h. auch der verstand als kraft des gemüts (
s. 4,
a); dasz man anfänglich beinahe so vielerlei kräfte derselben (
substanz) annehmen musz, als wirkungen sich hervorthun, wie in dem menschlichen gemüthe (
als substanz gedacht) die empfindung, bewusztsein, einbildung, erinnerung, witz, unterscheidungskraft, lust, begierde u.
s. w. Kant
kr. der reinen vern. (1787) 677.
daher das ganze gemüt
auch im gegensatz zu einer einzelnen gemütskraft, z. b. der einbildungskraft: wie man eine .. durch blosze wiszbegier gegebene aufgabe bearbeitet, leicht sie nehmend, nicht mit ganzem gemüthe, sondern nur mit der einbildungskraft sie erfassend. Fichte
reden 67 (5.
rede).
vgl. dazu gemütskraft, gemütsvermö
gen. 88)
die sprachlichen bilder dienen dazu, begriff und wesen des gemütes
deutlicher zu zeichnen, wie sie sich im sprachbewusztsein ein- und ausgeprägt haben. 8@aa)
es ist unser inneres (
s. 2
und 6)
nicht nur dem leibe, auch der welt gegenüber, in das man sich z. b. von oder aus der welt zurückzieht, um sich selbst, sein reines ich wieder zu finden (
vergl. geist 19,
a so): der ist ein freier geist, der nichts von dem bewundert, um das das volk sich plagt, und der von dem nichts fürchtet, das nicht erschrecklich ist und öfters liebenswerth. ein solcher mensch entweicht von der gemeinen menge in sein gemüth hinein
u. s. w. Bodmer
disc. d. mahlern 3,
widmung 2
a,
natürlich noch im alten sinne als stätte des denkens so gut wie des empfindens, wie noch im folg.; der mensch .. kann sich in sein gemüth verschlieszen
u. s. w. W. v. Humboldt
ästh. vers. [] 1, 159 (
s. u. 4,
a).
die gegenstände der äuszern welt werden ins gemüth herbeigerufen,
in form von inneren bildern (
s. 4,
d): in der reinen mathematik wird der geist gleichsam am lenkseile der demonstration geführt ... überdiesz brauchen hier die einzelnen gegenstände und thatsachen, deren anschauung dem verstande vorleuchten musz (
auf seinem wege des suchens), gar nicht erst ins gemüth herbeigerufen zu werden, welches bei jeder philosophischen meditation das erste und oft das schwerste geschäft ist ... die zeichnung der figur legt ganz vollständig alles .. vor augen. Garve
versuche 2, 313 (
über die kunst zu denken),
vergl. diese fähigkeit, einen gegenstand in seinem gemüthe festzuhalten (
als anschauung) 275,
man würde nun bewusztsein
sagen, vergl. Günther
unter 9,
a, γ.
auch ins gemüt nehmen,
von liebe und neigung: noch weniger (
als sich selbst) vermag er (
der mensch) etwas auszer sich zu lieben auszer also, dasz er es aufnehme in die ewigkeit seines glaubens und seines gemüths und es anknüpfe an diese. Fichte
reden 105 (8.
rede); ich war ein lichter tropfen thau, und als ich nieder sprühte, warst du ein blumenkelch der au, und nahmst mich ins gemüthe. Rückert
ges. ged. (1834) 312,
wie mhd. bei minnesingern: sô hât got wol ze mir getân, sît er mich niht wolte erlân, ich næme si in mîn gemüete.
minnes. frühl. 51, 18; daʒ ich si nam in mîn gemüete. 50, 21,
vergl. 11, 18; die er in sîme herzen truoc, möht (
vermöchte) die ûʒ sîme gemüete deheines wîbes güete (
trefflichkeit) iemer (
überhaupt) benomen hân ..
Iwein 6507.
auch in den alten wendungen des gemeinen mannes ich dachte in meinem gemüte, ich bin glücklich in meinem gemüte
u. dergl. (
s. 2,
f. 4,
b)
erscheint ja das gemüt
als inneres wie von der welt gesondert. auch hoffnung,
einen stillen vorsatz im gemüte haben
u. ähnl.: ich habe gute hoffnung in meinem gemüthe für ihn (
den kranken Schiller). Ch. v. Stein
an die Schillerin, Charl. von Sch. und ihre freunde 2, 276;
fischer. was habt ihr im gemüth? entdeckt mirs frei!
Tell. ist es gethan, wirds auch zur sprache kommen. Schiller
Tell 4, 1.
vergl. übrigens geist 19,
k. 8@bb)
diesz innere hat aber wieder sein innerstes,
seine tiefe
u. ähnl. 8@b@aα)
mhd.: diu verborgenheit des gemüetes ist als ein samenunge alles götlîches guotes und aller götlîcher gâben in dem innersten wesen der sêle (
vgl. das gemüete
in der sêle
wohnhaft 4,
c), daʒ ist als ein gruntlôser brunne alles götlîchen guotes. Eckhart 480, 33,
in antwort auf die frage, in welher stat oder kraft in der sêle daʒ êwig wort werde aller eigenlîchest (
in uns) geborn,
worauf einige sprechen: in der verborgenheit des gemüetes, wan dem ist got aller heimlîchest
z. 25,
vergl. wesentlich dasselbe aus Giselher von Slatheim
bei Preger
geschichte der mystik 2, 101; waʒ in in (
den menschen) vellet von bôsen gedanken, daʒ daʒ zuhant zu nichte werde und daʒ iʒ nit inrûre (
rühre) des gemûtes innewendikeit.
myst. 1, 250, 29 (
dasz es nicht das ich ergreife, sondern im kopfe bleibe). 8@b@bβ)
nhd.: kehrte ich dann wieder zu meinem freunde Jacobi zurück, so genosz ich des entzückenden gefühls einer verbindung durch das innerste gemüth. wir waren beide von der lebendigsten hoffnung gemeinsamer wirkung belebt .. so schieden wir in der seligen empfindung ewiger vereinigung. Göthe 26, 295 (
aus m. l. 14),
gar noch nicht in dem heutigen engerm sinn, so wenig wie vorher: was er mir von dem zustande seines gemüthes mittheilte, konnte ich nicht fassen, um so weniger als ich mir keinen begriff von meinem eignen machen konnte (
das gährend und siedend war) 292,
es ist das gemüt,
das ganze innere in der gährung der geniezeit; welchen unermeszlichen einflusz auf die ganze menschliche entwickelung eines volkes die beschaffenheit seiner sprache haben möge, der sprache welche den einzelnen bis in die geheimste tiefe seines gemüths bei denken und wollen begleitet ... Fichte
reden 54; sage mir, worauf deine gedanken, wenn du nicht mehr mit straffer hand sie nach einem ziele hinrichtest, sondern ihnen zur erholung erlaubst, frei zu schweifen, worauf sie sodann fallen .. woran du dich in der innersten tiefe deines gemüths ergötzest.
wesen des gelehrten (1806) 101,
also gedanken des innersten gemüths,
noch nicht wesentlich [] anders als im 17.
jahrh. die innersten gedanken des gemüts reveliren Schuppius 763; deine liebe wird mich in die heiligthümer des lebens, in das allerheiligste des gemüths führen. Novalis 1, 168; keine vertrautere gabe vermag der mensch dem menschen anzubieten, als was er im innersten des gemüthes zu sich selbst geredet hat, denn sie gewährt ihm das geheimste was es giebt, in ein freies wesen den offenen blick. Schleiermacher
monologen (1810) 1; thue nichts als was dir in freier liebe und lust hervorgeht aus dem inneren des gemüthes. 124. 8@b@gγ)
auch dem denker im höchsten sinne hilft die tiefe des gemüts
als schatzhaus der verborgensten tiefsten gedanken: dieser (
der künftige gelehrte) soll einst nicht blosz über das allgemeingeltende sich aussprechen, wie es ihm ums herz ist, sondern er soll auch in einsamem nachdenken die verborgene und ihm selber unbewuszte eigenthümliche tiefe seines gemüths in das licht der sprache erheben. Fichte
reden 124 (9.
rede),
wie Garve
über die kunst zu denken: der denker musz nach vortrefflichen gedanken so wie der bergmann nach edlen metallen graben,
sonst kommt er nicht zu dem vortrefflichen, was gleichsam auf dem grunde seiner seele verborgen liegt.
versuche 2, 301 (
wo für seele
auch gemüth
stehen könnte),
eine vorstellung, der doch Kant
nicht gewogen ist: es ist merkwürdig, dasz man sich den ersteren (
den gesunden menschenverstand) ... als eine fundgrube in den tiefen des gemüths verborgen liegender schätze vorstellt
u. s. w. 10, 136 (
anthrop. § 6).
auch der tiefste, heiligste wille und entschlusz wohnt in diesem innersten des gemüts: der jüngling schleicht beschämt in sein gemach .. und still in des gemüthes innerstem beschwöret er ein heiliges gelübd (
der umkehr). Uhland
ged. 364 (
die bildsäule des Bacchus). 8@cc)
es hat in und neben dieser tiefe aber auch seine weite (
vgl. geist 19,
g). 8@c@aα)
es kann sich ausdehnen in die welt und diese in sich aufnehmen (
vergl. unter 10,
b, β von erweiterung
des gemüts),
sowol an der hand der augen, der sinne, als an der hand der gedanken: euer enkel hat ein anziehendes gesicht, es zeigt ein klares und umfassendes gemüth und seine stimme kommt tief aus dem herzen. Novalis 1, 136; auch ists gewiss, dasz der anblick des ruhigen oceans das gemüth eigentlich weite, nicht hebe. Herder
Kallig. 3, 50; die weitere fahrt rheinabwärts ging froh und glücklich von statten. die ausbreitung des flusses ladet auch das gemüth ein, sich auszubreiten und nach der ferne zu sehen. Göthe 26, 293 (
aus m. l. 14); und wie dort westlich der tag verglüht, dehnt froh und festlich sich mein gemüth. Geibel
ges. w. 4, 179; von dem naiven dichter wendet man sich mit leichtigkeit und lust zu der lebendigen gegenwart, der sentimentalische wird immer auf einige augenblicke für das wirkliche leben verstimmen. das macht, unser gemüth ist hier durch das unendliche der idee gleichsam über seinen natürlichen durchmesser ausgedehnt worden, dasz nichts vorhandenes es mehr ausfüllen kann. Schiller X, 492, 21. 8@c@bβ)
auch das ewige,
ja himmel und erde
kann es in sich aufnehmen: der jugend nachtgefährt' ist leidenschaft, ein wildes feuer leuchtet ihrem pfad, der greis hingegen wacht mit hellem sînn und sein gemüth umschlieszt das ewige. Göthe 13, 268 (
Epim. 1, 2); wem eins (
ein vaterland) überliefert worden ist, und in wessen gemüthe himmel und erde, unsichtbares und sichtbares sich durchdringen und so erst einen wahren und gediegenen himmel erschaffen, der kämpft bis auf den letzten blutstropfen, um den theuren besitz ungeschmälert wiederum zu überliefern an die folgezeit. Fichte
reden 105 (8.
rede).
in einem gedichte der Droste-Hülshoff 'gemüt',
das sein innenleben feiert, heiszt es: grün ist die flur, der himmel blau ... so sprich, was ist denn deine gabe, gemüt, der seele iris du? ... du hast die erde, hast den himmel, und deine geister obendrein.
leben u. ausgew. dicht. (1883) 274. 276. 8@c@gγ)
es gibt nämlich auch im gemüte
raum (
vgl. geist 19,
i): so bald sie (
die meisten menschen) nur einmal zu sich selbst kommen, verspüren sie einen solchen öden und leeren raum in ihrem geist und gemüthe, dasz sie nichts mit sich selbst
[] zu thun wissen. Bodmer
mahler der sitten 1, 224; ins tiefere heiligthum, in des gemüths höheren raum zog mit ihren mächten die seele der welt, zu walten dort bis zum anbruch der tagenden weltherrlichkeit (
des christenthums). Novalis 2, 11,
weltgeschichtlich, vom gemüth der menschheit (
s. 10,
f). Kant
vergleicht es einmal einer landkarte: dasz das feld .. dunkler vorstellungen im menschen unermeszlich sei, die klaren dagegen nur unendlich wenige puncte derselben enthalten, dasz gleichsam auf der groszen charte unseres gemüths nur wenig stellen illuminirt (
beleuchtet) sind, kann uns bewunderung über unser eigenes wesen einflöszen
u. s. w. 10, 131 (
anthrop. § 5),
er nennt es auch das dunkle des gemüths 136 (§ 6),
und gemüth
geht da zugleich in den heutigen begriff bewusztsein (
oder unbewusztsein)
über, vgl. a und 9,
a, γ. 8@dd)
es wird in sich bewegt, in verschiedenster weise. 8@d@aα)
es ist in sich bewegt oder still: bist du zornweh und gech (
jähzornig) und würst leichtlichen zuo zorn bewegt, flüch ursach (
anlasz dazu) und mit gewalt ficht nach stille und heitre deines gemtes. Keisersberg
irrig schaf Cij
b; still und sanft gmt,
tranquillissimus animus. Maaler 187
c; das gemt bewegen und ziehen wo hin einer wil,
agere, flectere animum. 168
a,
freilich bewegung nach auszen (
s. folg.); und gehören zu einem follständigen kunstgemähl .. ebenmasz der bilder, licht und schatten, die eigentlichen (
genauen) bewegungen des gemüthes, so vil solche aus den geberden und dem angesichte erhellen
u. s. w. Butschky
Patm. 522; das gemüth fühlt sich in der vorstellung des erhabenen in der natur bewegt, da es in dem ästhetischen urtheile über das schöne derselben in ruhiger contemplation ist. Kant
kr. d. urth. 109
Kirchm. (§ 27); daher ist hier das gemüth in bewegung, es ist angespannt, es schwankt zwischen streitenden gefühlen, da es dort ruhig, aufgelöst, einig mit sich selbst und vollkommen befriedigt ist. Schiller X, 492,
vergl.angespannte
und abgespannte gemüther 333, 23; er eilte ins freie, sein ganzes gemüth war rege. Novalis 1, 72. das gemüt rühren,
eigentlich in lebhafte bewegung versetzen, s. Göthe
unter f. auch stürmisch bewegt, wie die see oder auf der see: die immer fluthende welt des gemüthes in musikalischen strömungen darstellen. Arndt
schriften für u. an s. l. Deutschen 1, 415; den tumult von affecten, in dem mein gemüth wie ein nachen auf einer stürmischen see hin und her geworfen ward. Hamann 1, 184;
schon mhd.: sie wâren alle vreuden blôʒ (
aus der verlorenen schlacht kommend), ir gemûte in zorne vlôʒ.
livl. reimchron. 5698.
auch verwirrt, unruhig, beunruhigt,
in wirrer, unruhiger bewegung: als nun dieses wilde thier (
der betrunkene) der gegend kam, wurden sie alle im gemüth verwirret. Olearius
pers. baumg. 4, 6; so viel sah er, dasz seines bruders gemüth sich immer tiefer beunruhigte. Jacobi
Woldemar 2, 78.
von beruhigung der gemüter
ist in aufregungen des politischen lebens die rede. die dauernde ruhe auch als '
gleichheit'
des gemütes, in lieb und leid: daʒ vîrde ist (
als zeichen religiöser durchbildung), daʒ ein mensche sî alle zît in glîcheit des gemûtes in lîbe und in leide.
myst. 1, 250, 20,
auch im gleichgewicht: mein gemüth ist gottlob sehr ruhig und heiter und in einem gleichgewicht. Hamann 1, 347.
vgl.gemütsbewegung, gemütsruhe. 8@d@bβ)
von bewegung zugleich nach auszen, streben, wünschen u. ähnl.: sein ganzes gemüth auf etwas richten,
sein begehrungsvermögen. Adelung; mit verdeckten worten anzeigen, wo das gemt
hinhangt. Henisch 1490,
sich strebend hinneigt (
vgl. J. Paul
unter hinhängen).
das gewöhnliche bild dafür ist eben neigen, sich neigen, geneigt (
s. d.),
mhd. muot, herze ist
oder wirdet geneiget
in einer richtung: ist dein gemüt in trewen gegen mir geneiget, so gewer mich meiner letzten bitt.
b. d. liebe 257
c; gmt das zuo bösem geneigt und geartet ist,
animus acclivis falsis. Maaler 187
c; wann die neigungen des gemüths in ordnung getrieben und der vernunft ganz gehorsam weren. Schuppius 726; pflicht! du erhabener, groszer name, der du ... doch auch nichts drohest, was natürliche abneigung im gemüthe erregte. Kant
kr. d. prakt. vern. (1792) 154.
vgl. gemütsneigung. 8@d@gγ)
mhd. wird die richtung des gemütes auf ein ziel gern mit stên
bezeichnet, das auch nhd. noch gebraucht ist, z. b.: nâch lobe stuont sîn gemüete. Walther 107, 35; der begunde in vrâgen zehant, war stüende sîn gemuot.
Amis 1335;
[] sît dîn gemüete stêt alsô, daʒ du nâch ungemache strebest ..
Iwein 544;
vergl. das entsprechende gestellet Konrad
Silv. unter 7,
f, so und so gerichtet (
s.gemütsstellung).
nhd.: damit sy weren zogen hin wo (
hin) ir gemt nun gstanden wer. Gödekes
Gengenbach 400; mein gemt stat mir langest auf frässen,
jamdudum est animus in patinis. Maaler 168
a; zu deiner gütesteht unser gmüthe, an dir wir klebenim tod und leben.
geistl. lied von J. Lindeman († 1630).
wie stellen
vorhin, auch setzen: er (
kaiser Karl IV.) rit in die stat mit groszen freuden .. und setzt zu hant sein gemüet, wie er die stat (
Nürnberg) möcht hoch erheben mit freiheit und gebewen. S. Meisterlin
Nürnb. chron. 153, 20. 8@ee)
es steht oder ist hoch oder niedrig, in mutiger freudigkeit oder gedrückter lage, s. mhd. hôch gemüete, in hôhem gemüete, gemüete tragen ze mâʒe nider unde hô 7,
b, β; Maria Magdalena dankt einem teufel, der ihr solche hübschheit und hohen sinn gebe: want min gemüde heldestu ho .. ich wil umb dintwillen hoch gemüde tragen.
Alsfelder pass. 1839
ff.; es ist besser nidriges gemüts sein mit den elenden, denn raub austeilen mit den hoffertigen.
spr. Sal. 16, 19;
vgl.hohe
und niedrige gemüther
bei Chr. Weise
unter 2,
e. auch in stärkerm bilde gedrücktes gemüt (
wie noch gedrückte stimmung): die furcht druckt das gemüte zu boden. Butschky
Patm. 340.
noch stärker ein nidergeschlagenes, niderträchtiges gemüth,
animus abjectus Frisch 1, 677
c,
das niderträchtig,
jetzt ganz verändert, entspricht als gegensatz dem hochtragenden gemüt
u. ä. u. 7,
b, β,
das man oder das sich '
hoch trägt' (
wie den kopf),
auch hochträchtig (
s. d.).
die höhe aber auch als schwung,
aufschwung in die höhe: nicht blosz .. das erhabene .. auch das unfaszbare für den verstand .. kann .. dem gemüth einen schwung geben. Schiller X, 224, 15 (
vgl.gemütsschwung),
etwas anders freier schwung der gemüthskräfte,
beim dichten Kant
kr. d. urth. 176
K., § 48,
s. die definition § 49. 8@ff)
es ist in sich heiter, klar oder trübe, düster u. ähnl. (
wie der himmel, vgl. geist
sp. 2692): ficht nach stille und heitre deines gemtes. Keisersberg
irr. schaf C 2
b (
s. u. d, α); ein haiteres gemüth,
animus serenus, das gemüth aushaitern,
serenare animi nubila (
als bewölkt gedacht) Frisch 1, 397
c;
jetzt erheitern,
doch mit vergessen des ursprünglichen bildes: Aurelie .. erhielt noch gröszeren beifall, indem sie die gemüther der menschen rührte, die er (
Serlo) zu erheitern und zu erfreuen so sehr im stande war. Göthe 19, 84.
dagegen trübe, düster, dunkel,
eigentlich wie luft und himmel: so kum her, Bacche, heliger win .. on dich ganz ist dem tisch kein eer .. ein trurig gsicht und dunkel gmt. Brant
tischzucht 381 (Zarncke 150
a). trübes gemüt
wurde gewiss auch gesagt, wie mhd. trüeber muot
und noch trübe stimmung,
gewöhnlich doch betrübt,
z. b. betrübte gemüthe Luther 3, 84
b. düsteres, verdüstertes gemüt.
auch es wird hell im gemüte: das sind herrliche augenblicke im menschlichen leben, wenn es im gemüthe wieder hell zu werden anfängt, wenn der glaube an gott und vorsehung wieder wach wird und die freude sich wieder einstellt. H. Voss
mitth. über Göthe u. Schiller 84. 8@gg)
es ist und wird auch so und so gestimmt, eigentlich wie ein saitenspiel, durch äuszere einflüsse oder aus sich: um seinen lehrling, den er in diesen tempel zu führen bereit war, vorher mit dem heiligen schauer zu erfüllen, der das gemüth zu feierlicher aufmerksamkeit stimmen soll. Kant
kr. d. urth. 180
Kirchm. anm. (§ 49); stimme auch du dein gemüth zu heiterem vernehmen.
F. H. Jacobi
ges. w. 1, 298; die stimmung des gemüths zum gefühl des erhabenen erfordert eine empfänglichkeit desselben für ideen. Kant
a. a. o. 117 (§ 29); diese verstimmung des gemüths.
anthrop. § 22; wenn wir in gewissen moralischen stimmungen des gemüths wünschen können, den vorzug unserer willensfreiheit .. gegen die .. nothwendigkeit des vernunftlosen hinzugeben. Schiller X, 443, 19; das gemüth geht von der empfindung zum gedanken durch eine mittlere stimmung über, in welcher sinnlichkeit und vernunft zugleich thätig sind. 345, 14; ästhetische stimmung des gemüths. 349
u. öfter. dasz dabei ursprünglich an saiten gedacht ist, zeigt folgendes: die kunst des schönen spiels der empfindungen (die von auszen erzeugt werden) .. kann nichts anderes als
[] die proportion der verschiedenen grade der stimmung (spannung) des sinnes, dem die empfindung angehört,
d. i. den ton desselben betreffen. Kant
urtheilskr. 190 (§ 51, 3),
wo ton
und spannung
verraten, dasz ihm dabei noch der gedanke an saiten vorschwebte. noch deutlicher etwas früher: wenn nervigte theile ... aus ihrer verknüpfung gerissen werden (
er handelt vom sinnlichen schmerz), so erstrecken sich die traurigen wirkungen davon auf das ganze organische gebäude. der ton wird verändert, es äuszert sich eine misstimmung in allen sennadern. Mendelssohn
über die empfindungen (1755) 113,
die sennadern
sind die nerven (
s. unter geäder 4),
die nun verstimmt sind wie ein beschädigtes saitenspiel (
s. das.)
und einen falschen ton geben. daher auch die wendung: ihr herzlicher brief hatte so manche saiten meines gemüths so innig gerührt.
F. H. Jacobi
ges. w. 1, 382 (
wie der spieler die saiten rührt).
jetzt denkt freilich wol niemand mehr an saiten bei stimmung, verstimmung
u. dergl., auch nicht bei übereinstimmung (harmonie),
eigentlich wie bei gleich gestimmten instrumenten: gleich von dem ersten augenblick ihrer bekanntschaft an hatte sich die übereinstimmung ihrer gemüther so schön gezeigt. Göthe 16, 164,
auch nicht bei harmonisch,
eigentlich in schönem einklang der verschiedenen kräfte: das heitre und in sich harmonische gemüth. Schiller X, 80, 16. 8@hh)
auch von nahrung, belebung, krankheit des gemüts u. ä. ist die rede (
vgl. geist 19,
b, α). 8@h@aα) gmt das nit mag ersettiget werden,
insatiabilis animus. Maaler 187
c (
vgl. durstiges gemüt Olearius
unter 2,
e, doch von wirklichem durste); es reicht jetzo in das vierte jar, dasz sie (
Penelope) unsere gemte mit bloszer hoffnung speiset. Schaidenreiszer
Od. 16
b; sie (
die gattin) war es, die da kont' euch das gemühte speisen mit solcher anmuht, dasz in trübsal und gefahr ihr lieblichs reden euch ein rechtes labsal war. Rist
Parn. 657; wenn die cultur des menschen die kunst ist, sein gemüth durch nahrung fruchtbar zu machen. W. v. Humboldt
ästh. versuche 1, xiii. 8@h@bβ)
dazu erquicken,
eigentlich neu beleben, auch beleben
u. ähnl.: das gmt erlaben, erquicken,
levare animum. Maaler 187
c; gleich wie ein ander, nachdem er des tages last und hitze getragen, seine recreation sucht im bretspiel, also suche ich die erfrischung und wiedererquickung meines gemühts in solchen schriften (
d. h. sie zu schreiben). Schuppius 612; sein gemüth (
sich) erquicken Adelung; sie (
die ästhetischen attribute eines begriffes) .. geben eine ästhetische idee .. eigentlich aber um das gemüth zu beleben, indem sie (
die idee) ihm die aussicht in ein unabsehliches feld verwandter vorstellungen eröffnet. Kant
urtheilskr. 179
K. (§ 49). 8@h@gγ)
doch auch krankheit, schon im 15.
jahrh.: der vatter liesz die artzat berüfen, die ... kundend krankhait ires libes nit befinden noch dar zuo raten, das och wol billich was, wann es was ain krankhait des gemütes.
Apollon. 106, 7
Schr.; vgl. S. Frank
unter 2,
a, doch in sittlicher auffassung, nicht in heutiger; Uli war in einem hülflosen zustande .. ein nervenfieber hatte ihn erfaszt. wenn man ihm zuvorkommen möchte, sagte der arzt zwar, habe er diese wendung so ungern nicht, viel lieber, als wenn es sich ihm ins gemüth verschlagen hätte. Gotthelf 3, 326. 8@ii)
schönheit des gemüts, von der schönheit des antlitzes aufs innere übertragen, schon mhd. schœne an dem muote
z. b. die heil. Elisabeth (
s. unter geist 22,
c schöner geist): also wird die schönheit (
einer frau) anders von den begierden, anders von der vernunft angeschauet, welche auch von dieser innerlichen schönheit allgemach zu der jenigen steigen lernet, die dem was allenthalben ist seine schönheit verliehen hat. Opitz 2, 253,
er nennt sie auch die blüte des gemüthes
daselbst; wie nun ein mensch in einem bilde die kunst und nicht das bild ... liebet, also müssen wir in einem schönen frauenzimmer nicht die gestalt, sondern, wo sie vorhanden ist, die schönheit des gemüthes .. hochhalten
u. s. w. 254; wenn ein weib tugend und nahrung in die ehe bringt, so hat der mann übers heiratgut mit fug nicht zu klagen, denn die ist schön und reich genug, die ein geraden leib und schön gemüth zubringt. Lehman
flor. 1, 164; selbst die schönheit vom gemüthe bricht (
bei ihr) durch blick und antlitz vor. Günther 273; höre, Dorchen! ist deine mutter in ihrer jugend schön gewesen? »schön von gemüthe«. Weisze
kom. op. 3, 263; ihr
[] reines, schönes, sonst so leichtes und leicht sich helfendes gemüth empfand den druck einer schwermuth. Göthe 16, 164; ich bringe die Knebel mit nach Erfurt, es ist ein schönes gemüth in ihr, wir passen recht zusammen. Charl. v. Stein
Ch. v. Schiller und ihre freunde 2, 283; eine gemeinschaft gilt es (
in diesem kriege, 1809), die, weit entfernt, in ihrem busen auch nur eine regung von übermuth zu tragen, vielmehr einem schönen gemüthe gleich bis auf den heutigen tag an ihre eigne herrlichkeit nicht geglaubt hat (
d. h. das deutsche volk). H. v. Kleist
leben u. briefe h. von Bülow s. 254.
ein distichon im mus. alm. 1797
s. 154,
überschrieben der moralische und der schöne character,
lautet: repräsentant ist jener der ganzen geistergemeine, aber das schöne gemüth zählt schon allein für sich selbst. Schiller XI, 167,
also gemüt
und charakter
gleichgesetzt (
s. 7,
g). 8@kk)
auch freiheit, adel des gemüts, d. h. diese standesbegriffe vom äuszern ins innere übertragen: vrî gemüete. Eckhart 252, 8; sîn beste pfrüende ist vrî gemüete, daʒ macht sîns frôen herzen güete.
Renner 19495,
von dem halb wunderbaren vogel galander (
s. d.),
vermutlich ein sprichwort im leben entstanden, eine pfründe mit der man von keinem herrn abhängig ist; rîcher ist ein armer man, der vrî gemüete wol mag hân, denn der ist rîch und dienen muoʒ .. der eigen ist, wâ ist des muot?
u. s. w. Boner. 59, 64; ze kirchen sol man pflegen gotes güete und obe dem tische haben vrî gemüete.
Kolm. meisterl. s. 309; wann (
denn) ritter und knecht freis gemt nemen (
empfangen) von reiner frawen gt.
Hätzl. 119
a; weil sie (
die liebe) nicht allein den leib, sondern auch das freye theil des menschen, das gemüthe zum sclaven macht. Opitz 2, 251; freies gemüthes leben. Olearius
ros. 7, 20,
sorgenfrei; als er nun mit speis und trank wohl angefüllet und freieres gemüths wurde. 3, 27 (
mhd. gemüetes vrî); wenn es schon ein angenehmer anblick ist, zu sehen dasz eltern ihren kindern eine ununterbrochene sorgfalt widmen, so hat es noch etwas schöneres, wenn geschwister geschwistern das gleiche leisten. dort glauben wir mehr naturtrieb und bürgerliches herkommen, hier mehr wahl und freies gemüth zu erblicken. Göthe 26, 154,
frei vom herkommen, aus sich selbst das gute wirkend; es heiszt die natur eines geistes verkennen, wenn man den sinnlichen passionen eine macht beilegt, die freiheit des gemüths positiv unterdrücken zu können. Schiller X, 340; der höchste genusz aber ist die freiheit des gemüths in dem lebendigen spiel aller seiner kräfte. XIV, 4, 19; das gemüth des zuschauers soll auch in der heftigsten passion seine freiheit behalten, es soll kein raub der eindrücke sein, sondern sich immer klar und heiter von den rührungen scheiden, die es erleidet. 11, 8.
gegensatz knechtisch,
z. b.: zeichen eines niedrigen und knechtischen gemütes. Butschky
Patm. 823.
adel des gemütes, von dem dichter und denker früh predigen, dasz er allein wahrhaft edel mache (
vgl. Freid. 54, 6),
z. b.: nieman ist edel, denn den der muot edel macht und niht daʒ guot.
Renner 1454; edel macht das gemt, nicht das geblt. Henisch 1490, Lehman
flor. 1, 154 (
auch adel sitzt im gemüt, nicht im geblüt); adeliches gemüth niemand betrübt. 2, 3; edele gemüther trachten nach lob und ehr, der pöfel nach gelt und gut. 1, 155; ist gewiss, dasz eine solche (
buhlerische) liebe ... eine beherrscherin eines knechtischen herzens ist, weil diese flüchtige schönheit mit so vielem aufwarten, flehen, weinen und fuszfallen, dergleichen zu thun ein edles gemüthe in reifes bedenken nimpt, wil bedienet werden. Opitz 2, 253; lob und rhum, welchem die edelsten gemüter nachtrachten.
poet. 60
Br. 8@ll)
noch manche andre bilder dienen zur verdeutlichung der wechselnden zustände des gemüts, z. b.: ein wild gmt,
animus sylvestris. Maaler 187
d,
wie ein wildes pferd o. ähnl., ein wild gmt zemmen
das.; sein gmt regieren, leiten, zemmen,
componere animos. das.; dagegen gelindes gemüt,
z. b. etwas mit gütigem und gelindem gemüt annehmen Luther
bei Dietz 2, 75
a. hartes
und weiches gemüt: die geistlichkeit, welche durch ihren gewissenszwang die härtesten gemüther zu entsteinern wüste. Lohenstein
Arm. 2, 521,
auch verbeintes,
verknöchertes: welche ein so verbeintes gemüth tragen (
dasz sie ihre geheimnisse nicht doch einmal verraten). Schuppius 763,
nicht vom empfinden, sondern vom wollen und denken (
das gemüt weich
s. unter 10,
b, δ):
[] wie grosz ist des allmächtgen güte! ist der ein mensch, den sie nicht rührt? der mit verhärtetem gemüthe den dank erstickt, der ihm gebührt? Gellert 2, 122. verkertes gemt,
gleichsam umgekehrt, '
verdreht',
z. b. von den verschworenen des bundschuhs, wenn sie schlösser und städte erst eingenommen hätten: als dann so wolten sy anheben und gar dheinen laszen leben, der sich ir gsatzt und ordnung spert, also was ir gemt verkert.
narrenschiff vom bundschuh, Gödekes
Gengenbach 400. zerschlagenes gemüt,
vom unglück: der herr ist nahe bei denen, die zubrochens herzen sind und hilft denen die zurschlagen gemüt haben.
ps. 34, 19; also nimt gnädig an zerschlagene gemühter .. der alles heilen kan. Rist
himml. lieder 2, 134. 8@mm)
bemerkenswert ist dabei, wie das gemüt und der mensch selbst wechselnd genannt werden (
vgl. dazu geist 19,
d, β),
z. b.: die schmelzende schönheit, wurde behauptet, sei für ein angespanntes gemüth und für ein abgespanntes die energische. angespannt aber nenne ich den menschen
u. s. w. Schiller X, 334.
im früheren gebrauch wird das gemüt
so weit öfter genannt (
s. 3,
e),
wo man nun den menschen selbst oder das ich einsetzt. noch im 17.
jahrh. scheint das besonders beliebt, z. b.: jener patricius von Wormbs hatte das gemüht Baconis leichtlich auf sein seiten gezogen. Schuppius 762,
viele belege auch im vorigen; noch jetzt lebt das unter dem volke nach, z. b. mein gemüth war so aufgeregt
statt ich (
oder meine nerven,
s. 3,
f).
so werden bildliche wendungen oft von diesem gebrauch ausgegangen und dann erst auf den menschen selbst übertragen sein, was im einzelnen falle besonders zu untersuchen wäre. auch in den zusammensetzungen ist das zu erkennen, noch im 17.
jahrh. z. b. ist gemütsergetzung
beliebt, jetzt einfach ergötzung,
jenes aber entsprechend der wendung im 16.
jahrh. sein gemüt ergetzen: ihr jungen edelleut, ihr habt ewere junge gemüter jetzund mit spielen und kürzweil ergetzt, kompt nun zu dem nachtmal. Schaidenr.
Odyss. 222
b.
vergl. auch z. b. gemütsneigung, gemütscharakter, gemütsmeinung, gemütsverfassung,
jetzt einfach neigung, charakter
u. s. w. 99)
besonders entwickelt sind wendungen mit zu gemüte,
namentlich führen, ziehen. 9@aa)
das gemüt
erscheint da wie ein innerer raum oder eine innere welt für sich (
s. 8,
a),
worein wirkungen aus der äuszeren welt eingehen können oder auch nicht. 9@a@aα)
so recht deutlich z. b. in folgendem: soll aber je die liebe recht antreffen, so musz sie die vernunft zum gefehrten haben, musz den euszerlichen sinnen, sonderlich aber den augen, so als zwei unachtsame thürhüter zum oftern allerhand falsche meinungen zu dem gemüthe einlassen, den muth brechen und durch urtheil und verstand von der auswendigen schönheit zu der inwendigen .. dringen können. Opitz 2, 253.
vergl. gemütsmeinung. 9@a@bβ)
daher es kommt, geht mir
etwas zu gemüte: es kompt mir oft zu gemüth jenes Catonis vers: si tibi sint gnati
etc. Schuppius 730,
fällt mir ein, auch kommt mir zu sinn; wie? oder meint man nicht, dasz er, was bund, versteh, dasz sein versprechen ihm nicht zu gemüthe geh? A. Gryphius 1, 173,
nicht blosz in gedächtnis und erinnerung, sondern zugleich mit regung des pflichtgefühls, ins gewissen (
s. u. 7,
g).
so vom innersten gemüte und einer tiefgehenden regung desselben: es ist gewiss, dasz nächst der ehre gottes einem jeden tugendhaften menschen die wolfahrt seines vaterlandes billig am meisten zu gemüte gehen solle. Leibniz
erm. an die Teutschen, weim. jahrb. 3, 88.
auch kräftiger steigen: nun möchte ihrem vater der (
von ihm verübte) betrug zu gemüthe gestiegen sein. Riemer
polit. stockf. 320,
ähnlich wie zu kopfe steigen,
was auch von gedanken und empfindungen zugleich gebraucht wird. dazu etwas zu gemüte fassen,
beherzigen: des unglückseligen tags, da ich nicht gnugsam zu gemüth faszte die grosze untreu meiner freunde. Schuppius 756. 9@a@gγ)
auch mit in statt zu,
wie es fällt mir
etwas in das gemüt,
fällt mir ein (3,
a): vor wehmuth drückt man ja noch wohl ein auge zu, wenn schmerz und ungedult den hasz des lebens zeiget, und seelen ohne trost und kranken ohne ruh der wunsch, kein mensch zu sein, in das gemüthe steiget. Günther 641,
[] wo freilich der wunsch nicht sowol von auszen, als von innen aufsteigt, wie auch bei jenem fallen in das gemüth
der einfall nicht von auszen, sondern aus dem vorrat des gedächtnisses aufsteigt, d. h. das gemüt
berührt sich da nahe mit dem heutigen bewusztsein
oder fällt damit zusammen, und so öfter, s. z. b. Kant
unter 8,
c, γ. 9@bb) sich
etwas zu gemüte ziehen,
in verschiedenem sinn. 9@b@aα)
von einem entschlusse: ich habe mirs anfänglich zu gemüthe gezogen, die (
mir) so reichlich verliehene gaben gottes, da dem nechsten mit gedienet sein könte, zu vernichten. Iversen
reis. h. von Olearius 143,
offenbar von einem mit tiefgehender entschlossenheit gefaszten beschlusse, das gemüt
hier als stätte des festen willens (
s. 7,
d). 9@b@bβ)
an sich kommen und tief auf sich wirken lassen: Sinklair. es sind caricaturen ... abbildungen böser weiber.
Henriette. desto besser! darunter gehören wir nicht. wir wollen uns unsere leidigen schwestern im bilde so wenig zu gemüthe ziehen, als die in der gesellschaft. Göthe 15, 263 (
die guten weiber),
das gemüt
hier als stätte der stimmung (
s. 7,
b). 9@b@gγ)
so besonders von leid, dem man sich zu sehr hingibt, in das man sich freiwillig vertieft: ist das nicht plage, wenn man mit hunden vor der thüre weggehetzt wird? »ey das darf man sich nicht zu gemüthe ziehen«. Chr. Weise
kl. leute 204; von dem schmerz, über dem man vorsätzlich brütet ... sagt man, dasz jemand sich etwas zu gemüthe ziehe. man musz sich aber nichts zu gemüthe ziehen, denn was sich nicht ändern läszt, musz aus dem sinn geschlagen werden. Kant 10, 256;
Lucie. als wenns eine sünde wäre (
zu tanzen)! das unglück unsrer schwester geht uns nah genug zu herzen ...
Sophie. o wir sind auch betrübt, wir ziehens uns nur nicht so zu gemüthe. Göthe 11, 43 (
Lila, im eingang).
seltsam mit über
statt des obj.: weil er ihre cousine genothzüchtigt, worüber sie sich so zu gemüth gezogen, dasz sie in einen teich gesprungen. Lenz 1, 67. 9@b@dδ)
auch wie sich zu gemüte führen,
sich aneignen (
c, γ): die gemählde sind angekommen, den Waterloo ziehe ich mir zu gemüthe und meine mutter den H. Roos.
herz. Carl August
an Merck in dessen br. 2, 187. 9@cc)
ähnlich zu gemüte führen,
doch auch anders. 9@c@aα) einem
etwas zu gemüte führen,
ans herz legen, nahe legen zur beherzigung, nachdrücklich sagen u. ä.: i.
f. gn. nahmen mein einwenden mir ganz weg und lieszen mir so viel zu gemüthe führen
u. s. w. Schweinichen 3, 39; als nun .. herzog Fridrichs gemahl es vernommen, hat sie den hauptleuten und ausschusz folgends zu gemüth geführt: der mangel und die gefahr were noch nicht so grosz, dasz sie darumb die stadt übergeben solten
u. s. w. Zinkgref
apophth. 1, 28; alles war auf den Perikles ungehalten, ohne an dasjenige zu denken, was er ihnen vorhin zu gemüte geführet. Heilman
Thucyd. 199 (wozu er sie vorher ermahnt hatte Jacobi); als nun Samuel dem volk das bedenkliche einer solchen übereinkunft zu gemüthe führen und ihnen abrathen will .. Göthe 6, 95; wie sie denn überhaupt den anders denkenden zu gemüthe führten, dasz ja ohne feuer nichts heisz werden könne. 22, 178; Göthe will ihr (
der frau v. Stael) nun den bandwurm aus Delilles homme de champ zu gemüthe führen (
zum schutz der tabakspfeife in Vossens Luise, die sie anfocht). H. Voss
mitth. über Göthe u. Schiller 6. 9@c@bβ) sich
etwas zu gemüte führen,
zu herzen nehmen, in ernste betrachtung ziehen, reiflich überlegen u. ä., aber auch ohne das sich: nach dem im brewen .. alhier zu Leipzig manchfeltige irrung, misbrauch und unordnung eingerissen .. ist durch den rath .. solchs zu gemüte gefürt und diese ordnung gestelt
u. s. w. Leipz. stadtordn. 1544 J 4
b,
brauordn. vom j. 1531; haben wir uns mit inen (
der kaiser mit den reichsständen) erinnert und zu gemüth gefürt, nicht allein was von vielen jaren hero für merkliche beschwerung und unrath aus der so schedlichen langwirigen spaltung in jetzgemelter religion in unserer teutschen nation ervolgt
u. s. w. Augsb. reichsabschied 1566 3
a,
das daneben gebrauchte sich erinnern
hat eigentlich denselben kräftigen sinn. wol auch sich deutlich vorstellen, wie eben sich erinnern
auch: des Engellands anmuhtigkeit nicht zu vil zu gemüht zu führen. Weckherlin 351 (
od. 1, 1). 9@c@gγ)
aber auch von genusz, in scherzhafter färbung: auch vater Zevs läszt, ohne sich zu rühren, die Danaen sich zu gemüthe führen. Wieland 5, 188 (
der verkl. Amor 3, 265).
[] selbst von essen und trinken, eben als scherz, im alltagsleben beliebt: sich ein stück brot, eine bouteille wein zu gemüthe führen,
als niedriger scherz bei Adelung; und weil ich auch bin zu essen hier, mir das lerchlein zu gemüthe führ. Göthe 13, 78 (
Satyros 1); er hat sich etwas zu gemüthe geführt. Lichtenberg 3, 76,
d. h. ist betrunken, der scherz mag von dieser verwendung ausgegangen sein (
vgl. ein durstig gemüthe Olearius
u. 2,
e, wie durstige seele);
auch der witz in Wielands
wendung fuszt auf diesem sinnlichen begriff des '
gemüts' (
die Danaen als appetitsbissen).
doch auch von seelischem genusz: wenn ein dienstbote sich was gutes zu gemüthe führen oder sich recht rühmen will, so sagt er, er habe in lauter vornehmen häusern gedient. J. Gotthelf 3, 144; und mit groszem behagen führte er sich alle verwunderung zu gemüthe, welche er auf den gesichtern sammelte, und prägte sie tief in sein gedächtnis. 160,
was denn zugleich mit dem gebrauch u. β zusammenfällt. übrigens findet auch die wendung von sinnlichem genieszen ihren rechten anhalt an dem rechten begriffe von gemüt,
da diesem auch die sinnlichen empfindungen angehören, wie das noch in Kants
und Schillers
sprache erscheint, s. 10,
a, γ. 1010)
der neuere engere begriff mit seiner beschränkung auf das empfinden im vergleich mit dem ursprünglichen. 10@aa)
das empfinden wird dem gemüt
von je her mit zugeschrieben, natürlich, weil es das gesamte innenleben bezeichnete. 10@a@aα)
mhd. z. b.: ouch solt du wiʒʒen, daʒ der guote wille (
des menschen) gotes niht mac gemissen, mêr daʒ enpfinden des gemüetes daʒ misset sîn underwîlen unde wænet dicke, got sî für gangen (
habe ihn verlassen). Eckhart 554, 31,
also dem guten willen gott immer gegenwärtig, dem gemüte nicht immer, wenn ihm das empfinden einmal versagt, wie Schiller
das schöne dem empfindenden gemüt
beilegt, z. b. wenn ein schlafender auch im schlafe und gerade im antlitz die züge zeigt, die ein wohlwollender sanfter geist gebildet hat .. und also die fertigkeit des gemüths in schönen empfindungen an den tag legt X, 80, 23 (
man bemerke geist
und gemüth
eigentlich als gleich),
wie es bei Kant
empfindungsbedürftig ist: die anekelung seiner eigenen existenz, aus der leerheit des gemüths an empfindungen, zu denen es unaufhörlich strebt, die lange weile. 10, 151 (
anthrop. § 12),
aber es tritt damit noch nicht aus dem alten vollen begriff heraus, vgl. z. b. das gemüth, welches als ein bloszes vermögen zu empfinden und zu denken vorgestellt ist 163 (§ 22).
auch gedanken, noch unausgesprochen und unausgebildet, liegen im gemüth,
vorempfunden (
vgl. 8,
b, γ): so hoffe ich über den hauptpunkt, den ich ihnen heute vorgetragen (
was Napoleons macht für Deutschland bedeute), von ihnen recht wohl verstanden worden zu sein, ich hoffe, dasz mehrere hiebei gedacht und gefühlt haben: ich drücke nur deutlich aus und spreche aus mit worten, wie es ihnen von jeher im gemüthe gelegen. Fichte
reden 114. 10@a@bβ)
daher auch als stätte oder träger aller einzelnen empfindungen, was nach dem obigen weiterer ausführung nicht bedarf; mhd. z. b. im gemüete vrô (
auch gemüetes vrô): dô kâmen die armen pilgerîn an ein waʒʒer daʒ was grôʒ .. des wâren die ellenden man in ir gemüete vil vrô.
herz. Ernst 4362
Bartsch. misfallen trägt
man im gemüte: nu haben wir ie und ie merklich misvallen an der Turken hertichait und übel in unserm gemüt getragen.
kais. brief vom j. 1455,
Frankf. reichscorresp. 2, 129.
später ist die rede von affecten des gemüts,
affectus mentis vel animi: die menschen kanst du aus den worten erkennen, welche ausfallen im wein, zorn oder anderm perturbirten affect des gemüts. Schuppius 763; wenn die affecte zu einer auszerordentlichen hitze des geblütes und sonderlich der flüssigen materie in den nerven gestiegen sind, so können sie sich in dem gemüthe, wo sie ihren ursprünglichen sitz haben, nicht verborgen halten. Bodmer
poet. gem. 285; jede leidenschaft oder aufwallung des gemüthes. 307; die verschiednen grade, nach welchen die leidenschaften in einem gemüthe vermischet sind. 284; wenn man sein gemüth zur ernsthaftigkeit bringen will. Kant 1, 45; empfindsamkeit .. ist ein vermögen und eine stärke, den zustand sowohl der lust als unlust zuzulassen oder auch vom gemüth abzuhalten. 10, 255; zwei ganz verschiedene empfindungen (
wie unlust und mitleid) können nicht zu gleicher zeit in einem hohen grade in dem gemüthe vorhanden sein. Schiller X, 24, 28.
[] 10@a@gγ)
auch die sinnlichkeit, sinnliche empfindungen wohnen und wirken im gemüte, s. z. b. bei Keisersberg
unter 5,
a, wie neben intelligentia und ratio auch sensus, der sinn im gemt
sind (der sinn
für sinnlichkeit ist noch Kant
und Schiller
geläufig).
im 18.
jahrh.: was der sinnlichkeit in unserm gemüthe ein übergewicht giebt, musz nothwendiger weise, weil es die sittlichkeit einschränkt, unser vergnügen an rührungen mindern, das allein aus dieser sittlichkeit flieszt. Schiller X, 28, 16,
vgl. sittliches gemüth 29, 4; gegen die leiden der sinnlichkeit (
leidenschaften) findet das gemüth nirgends als in der sittlichkeit hülfe. 36, 25. 10@a@dδ)
auch leidend, von schmerz heimgesucht u. ähnl.: gnâde, frouwe reine, du meine mich armen, lâ dich mînen smerzen von herzen erbarmen, mîn gemüete enbinde geswinde von leide
u. s. w. Konrad v. Würzburg
MSH. 2, 327
a; doch waisz ich, das mir din gegenwirtikait schmerzen bringet in minem gemüt.
Apollonius 106, 15
Schröder; kein neid oder gedanken krenkt ir gemüt. S. Frank
weltb. 194
b; dan sorg und angst dörrt aus das herz, den leib verzert des gmtes schmerz. Fischart
flöhh. 218 (2, 9
Kurz); so schnell verändert sich des leidenden gemüthe, der seinen schöpfer denkt als einen gott voll güte. Uz 2, 120,
wo man es auch als stimmung nehmen kann (7,
b). 10@bb)
aber auch diesz gemüt
mit seinen empfindungen fällt keineswegs zusammen mit dem nun herrschenden begriffe, ist oft sogar noch weit davon entfernt, noch im ganzen 18.
jh. und länger. 10@b@aα)
es hat eine macht, mit der es in seiner innenwelt walten und schaffen kann, im bereich der vorstellungen wie der empfindungen: von einer vorstellung abstrahiren zu können, selbst wenn sie sich dem menschen durch den sinn aufdringt, ist ein weit gröszeres vermögen, als das zu attendiren, weil es eine freiheit des denkungsvermögens und die eigenmacht des gemüths beweist, den zustand seiner vorstellungen in seiner gewalt zu haben (animus sui compos). Kant 10, 126 (
anthrop. § 3),
vgl. s. 137 thätigkeit des gemüths, vorstellungen zu verbinden oder von einander zu sondern (§ 7).
in einem schriftchen handelt Kant von der macht des gemüths, durch den bloszen vorsatz seiner krankhaften gefühle meister zu werden.
zugleich zum folgenden überleitend: ein gemüth, welches sich so weit veredelt hat, um mehr von den formen als dem stoff der dinge gerührt zu werden .. trägt in sich selbst eine unverlierbare fülle des lebens. Schiller X, 216, 28
ff.; bei allen vorstellungen von objekten, mithin auch der grösze ist das gemüth nie blosz das, was bestimmt wird (
durch ihren eindruck), sondern es ist zugleich immer das, was bestimmt. 200, 5,
er nennt es nachher das. auch das reine und identische
ich, und darauf läuft der begriff hier wirklich hinaus und bleibt damit in seinem ursprünglichen kreise, selbst als dessen mittelpunkt, d. i. der kern des ganzen begriffes von je her; vgl. 7,
h. 10@b@bβ)
auch der auszenwelt gegenüber wohnt ihm eine kraft bei oder der keim dazu, die einer steigerung fähig ist bis zur höchsten kraftäuszerung, deren der mensch überhaupt fähig ist. es wächst
z. b. unter erhebenden eindrücken (
wie das herz): die hohe fluth ists, die das schwere schiff vom strande hebt, und jedem einzelnen wächst das gemüth im groszen strom der menge. Schiller
Piccolomini 2, 6,
worte Illos von Wallensteins heere, dessen auflösung gedroht wird; selbst gefahr und leiden können gerade seine kraft steigern: ein selbstständiges gemüth hingegen (
in vergleich mit der gemeinen seele,
d. h. gewöhnlichen) nimmt gerade von diesem leiden den übergang zum gefühl seiner herrlichsten kraftwirkung und weisz aus jedem furchtbaren ein erhabenes zu zeugen. Schiller X, 165, 13,
vergl. vorher: das gemüth erweitert sich nur desto mehr nach innen, indem es nach auszen gränzen findet. 165, 1.
ebenso erweiterung des gemüths
durch eindruck des vorgestellten unendlichen Kant
kr. d. urth. 105
Kirchm. (§ 26),
allerdings durch das denken vermittelt: aber es (
das unendliche) auch nur denken zu können, zeigt ein vermögen des gemüths an, welches allen maszstab der sinne übertrifft. 104; nun aber hört das gemüth (
dem eindruck des übergroszen ausgesetzt) in sich auf die stimme der vernunft, welche zu allen ... gröszen ... totalität fordert, mithin zusammenfassung in éine anschauung.
das. (
man bemerke: die vernunft
noch im gemüthe); man sieht hieraus auch, dasz die wahre erhabenheit nur im gemüthe des urtheilenden, nicht in dem naturobjecte, dessen beurtheilung diese stimmung desselben veranlaszt,
[] müsse gesucht werden. 106 (
man bemerke stimmung
neben urtheilen); wie wir .. in unserem gemüthe eine überlegenheit über die natur selbst in ihrer unermeszlichkeit fanden. 113 (§ 28); die unbezwinglichkeit seines gemüths durch gefahr. 114,
vom krieger. ebenso bei Schiller,
z. b.: der anblick unbegrenzter fernen und unabsehbarer höhen, der weite ocean zu seinen (
des wandernden) füszen und der gröszere ocean über ihm entreiszen seinen
geist der engen sphäre des wirklichen ... wer weisz, wie manchen lichtgedanken oder heldenentschlusz .. nicht schon dieser muthige streit des gemüths mit dem groszen naturgeist auf einem spatziergang gebahr. X, 223, 32. 224, 5,
also geist
und gemüt
noch als eins gesetzt (
aber jener eben auch noch nicht blosz als das denkende). 10@b@gγ)
so wird ihm selbst ein handeln, handlung
beigelegt: dasz das gemüth im ästhetischen zustande zwar .. frey von allem zwang, aber keineswegs frey von gesetzen handelt. Schiller X, 346, 34,
vgl.gemüthshandlung 151, 12.
auch bei Kant,
obwol in etwas anderer färbung: in ansehung des zustandes der vorstellungen ist mein gemüth entweder handelnd und zeigt vermögen (facultas) oder es ist leidend und besteht in empfänglichkeit (receptivitas). 10, 137 (
anthrop. § 7).
auch bei Schleiermacher
z. b. handlungsweise des gemüths
über die religion (1878) 74
und öfter. 10@b@dδ)
selbst wenn Schiller
das gemüt weich nennt, steht er noch nicht auf dem standpunkt des heutigen begriffes: was unsern sinnen in der unmittelbaren empfindung schmeichelt, das öfnet unser weiches und bewegliches gemüth jedem eindruck. X, 349, 31,
er meint das menschliche gemüt überhaupt nach der seite seiner '
empfänglichkeit',
nicht das eines gemütsmenschen
im heutigen sinne. so ist es hier im grunde da noch in demselben begriffe, wie im 16.
jh. z. b. bei S. Frank: sterk ist nit in beinen (
knochen), sonder im gemt.
sprichw. 1, 130
a.
auch im 19.
jahrh. noch stärke, kraft des gemütes: das einfache, das stätige, das grosze, was man stärke des gemüthes und charakters nennt, kann sich in ihm nicht befestigen. Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 404; er (
der Franzose) hat alle einzelne (
individuelle) kraft und gewalt, allen still wirkenden und gegenwirkenden widerstand verloren, der im gemüthe liegt. 403. 10@cc)
dem gemüt gehört insbesondere das gebiet der kunst und des schönen an oder fällt damit zusammen. 10@c@aα)
in diesem liegt die rechte arbeitsstätte des gemütes, in seinem reinsten sinne, wobei der begriff bald weiter bald enger genommen wird: freie wirksamkeit des gemüths ist der wirkung des schönen wesentlich. Schiller X, 56; die rechte kunst ist nur diese, welche den höchsten genusz verschafft. der höchste genusz aber ist die freiheit des gemüths in dem lebendigen spiel aller seiner kräfte. XIV, 4, 19 (
über den chor in der trag.); und wie sein ganzes thun nur schauen und schein ist, so wird er zwar für den augenblick unterhalten, aber im gemüth nichts erbauen und begründen. 6, 13,
vom dichter (
er meinte wol die romantiker)
mit reger phantasie, aber '
ohne gemüth' (
s. 11,
c);
in den ersten stellen noch im alten weitesten sinne, denn zu den '
kräften allen'
gehört auch noch die denkende kraft des gemüts, in der dritten das gemüt in seiner tiefe (
s. 8,
b),
dem allein die tiefe wahrheit der welt, '
das tiefe der menschheit'
zugänglich ist, nach der der rechte dichter trachtet: in der schamhaften stille deines gemüthes erziehe die siegende wahrheit, stelle sie aus dir heraus in die schönheit
u. s. w. X, 302, 9,
s. auch XIV, 5, 21
ff. 11, 27.
so bei Göthe, in der
einl. zu den Propyläen vom jahre 1798: so ist es, besonders in der neuern zeit, noch viel seltner, dasz ein künstler sowohl in die tiefe der gegenstände als in die tiefe seines eignen gemüths zu dringen vermag, um ... etwas geistig organisches hervorzubringen. 38, 10,
und in der schrift der sammler und die seinigen vom jahre 1798 (6.
brief):
ich. und doch gibt es einen allgemeinen punkt, in welchem die wirkungen aller kunst, redender sowohl als bildender, sich sammeln, aus welchem alle ihre gesetze flieszen.
gast. und dieser wäre?
ich. das menschliche gemüth.
gast. ja ja! es ist die art der neuen herren philosophen, alle dinge auf ihren eigenen grund und boden zu spielen
u. s. w. 38, 102,
d. h. Göthe
tritt da in die ästhetische sprache und denkweise Schillers
nach Kant
ein (
die '
neuen herren philosophen'),
es ist wie ein auszug aus des freundes ästhetischen briefen, was der erzähler nachher ausspricht: aber der mensch ist nicht blosz ein denkendes, er ist zugleich ein empfindendes wesen. er ist ein ganzes, eine einheit
[] vielfacher, innig verbundner kräfte und zu diesem ganzen des menschen musz das kunstwerk reden, es musz dieser reichen einheit, dieser einigen mannichfaltigkeit in ihm entsprechen,
als antwort auf den einwand des gastes: was ich mit dem verstand nicht begreife, existirt mir nicht. 103,
also das gemüth
einmal als diese '
einheit',
dieses '
ganze'
des menschen, wie bei Kant
und Schiller,
zugleich aber als gegensatz zum verstand,
d. h. dem einseitigen (
s. 11,
b).
übrigens schon früher, z. b. im Tasso, das gemüt
in solcher dichterarbeit: das weit zerstreute sammelt sein gemüth und sein gefühl belebt das unbelebte. Göthe 9, 107,
das in der erscheinungswelt zerstreute sammelt es zur einheit in sich, in seiner einheit. auch das geheimnis der form gehört dem gemüt
an: lange schon kanntest den stoff du, den einen, des fülle unendlich; fasse nun auch ins gemüth dieses geheimnis der form. Fr. Schlegel
ged. 1809
s. 249. 10@c@bβ)
die einbildungskraft, die empfangende wie die schaffende, ist eine thätigkeit des gemüts (
s. 4,
d): die einbildungskraft, als spontaneität des gemüths, verrichtet bei vorstellung der gröszen ein doppeltes geschäft
u. s. w. Schiller X, 192, 16; die kunst bleibt allein innerhalb des kreises der einbildungskraft, also innerhalb unsres gemüths. W. v. Humboldt
über Herm. u. Dor. 41 (
c. 14),
auch ihm hatte das wort noch seinen alten sinn, wie bei Kant, Schiller,
umfaszte denken und fühlen, herz und geist: was unser gemüth beständig beschäftigt, den gedanken und das gefühl, finden wir hier auf eine wunderbar grosze weise behandelt und ausgebildet.
das. 146 (
c. 42); indem er (
der leser von Herm. und Dor.) nur den begebenheiten einer einzelnen familie zuzuhören glaubt, fühlt er seinen geist in ernste und allgemeine betrachtungen versenkt, sein herz zu wehmuthsvoller rührung hingerissen, sein ganzes gemüth hingegen zuletzt wieder durch einfache, aber gediegene weisheit beruhigt. 3,
das ganze gemüth,
d. h. geist
und herz
zusammen als eins. in Kants
kritik der urtheilskraft handelt § 49 von den vermögen des gemüths, welche das genie ausmachen (
in der kunst),
darin: die gemüthskräfte also, deren vereinigung in gewissem verhältnisse das genie ausmachen, sind einbildungskraft und verstand.
s. 180
K. 10@c@gγ)
übrigens auch auf das nüchternste, z. b. zahlen angewandt ist die einbildungskraft ein vermögen des gemüts, z. b. bei Schiller: um jedoch zu wissen, dasz man (
beim aufsteigen von kleinen zu groszen zahlen) nicht zehen, sondern tausend zählt und dasz jede der letzten zehen einheiten hundert andere in sich faszt, musz das gemüth sich mit schnelligkeit der vorhergegangenen synthesen erinnern, durch welche es diese einheiten erzeugt .. nur kann es nicht fehlen, dasz je mehr die zahlbegriffe wachsen, das verfahren des gemüths immer mehr logisch werden und die anschaulichkeit abnehmen musz. X, 196, 25
ff. (
zerstr. betr. über ästh. gegenstände),
also auch noch logisch, s. 4,
b und d, γ. 10@c@dδ)
bei den romantikern werden poesie und gemüt einfach als gleich gesetzt, z. b. von Fr. Schlegel
in den sog. fragmenten: gemüth ist die poesie der erhabenen vernunft und durch vereinigung mit philosophie und sittlicher erfahrung entspringt aus ihm die namenlose kunst, welche das verworrne flüchtige leben ergreift und zur ewigen einheit bildet.
Athenäum 1798 1
2, 100 (
zu seinem begriff von gemüth
s. d, γ). Tieck in der
vorrede zu den altdeutschen minneliedern (1803): denn es gibt doch nur éine poesie (
die durch alle völker und zeiten dahingeht) ... sie ist nichts weiter, als das menschliche gemüth selbst in allen seinen tiefen, jenes unbekannte wesen, welches immer ein geheimnis bleiben wird .. je mehr der mensch von seinem gemüthe weisz, je mehr weisz er von der poesie, ihre geschichte kann keine andere sein als die des gemüths von den ersten offenbarungen und dem wunderglauben der kindheit .. bis in alle ihre verirrungen, die sich wieder zur frühen kindlichen klarheit selber zurückführen .. so ist die wahre geschichte der poesie die geschichte éines
geistes u. s. w. krit. schriften 1, 188;
das nähert sich denn dem heutigen begriffe, in seinem gegensatze zum bewusztsein u. ä., mit seiner geheimen tiefe, und doch wird schlieszlich noch geist
für gemüt
als gleich gesetzt, ihr inhalt aber ist eigentlich die welt selbst, d. h. das was die wissenschaft und das denkende bewusztsein eben auch suchen; so kommt Tiecks
begriff dem am nächsten, den unter 8,
b, γ Garve, Fichte
für den denker in anspruch nehmen als nötigen mitarbeiter für seine höchsten aufgaben. und so noch später: die poesie ist das tiefste leben und gemüth selbst,
[] daher auch ihre wirkung so viel wahrer und tiefer als die der philosophie
u. s. w. Pfizer
briefw. zweier Deutschen (1831) 113,
vergl. vorher: ächte poesie verendlicht und versinnlicht alles, um auch das geringste in die wahrhafte unendlichkeit einzutauchen .. während die abstracte speculation auch das unendliche durch den begriff zu etwas endlichem und einzelnem herabsetzt.
das., dazu: das vermögen des unendlichen im menschen (
das der dichter vor allem braucht) ist das gemüth. 115,
nachher aber ein deutlicher nachklang des alten begriffes: die einzelne idee, die nur ein ausflusz des menschengemüths ist (
nur subjectiv). 117,
wie Tieck
oben noch geist
und gemüt
gleich nimmt. 10@c@eε)
daher das gemüt
für den dichter besonders wesentlich, ja sein innerstes wesen selber, als spiegel seiner welt: obgleich diese beiden bände nicht alles enthalten, was der bekanntmachung würdig war, so drücken sie doch vollkommen das gemüth des verfassers aus, oder seine innere geschichte. Tieck
zu Novalis 1, iii; weil jeder befreundete die andeutungen des veränderten gemüths finden und ohne weiteres die geschichte seines lebens .. verstehen wird (
wird keine lebensgeschichte beigegeben).
das. s. iv,
gemeint sind die wandelungen des dichterischen genius; daher ist auch sein roman bewuszt und unbewuszt nur darstellung seines gemüths und schicksals. xxxvii,
vgl. Novalis
selbst: oft fühl ich jetzt, wie mein vaterland meine frühesten gedanken mit unvergänglichen farben angehaucht hat und sein bild eine seltsame andeutung meines gemüthes geworden ist, die ich immer mehr errathe, je tiefer ich einsehe, dasz schicksal und gemüth namen éines begriffes sind. 1, 235.
auch dichterisches, poetisches gemüth
in dem besonderen sinne, auch auf andere künste angewandt: so erinnere ich mich eines streites über die landschaftsmalerei, in welchem ich seine (
Novalis) ansicht nicht fassen konnte, die aber nachher aus eignem reichen poetischen gemüth der landschaftsmaler Friedrichs groszentheils wirklich gemacht hat. Tieck
das. 1, xxxv; sie glaubten jetzt in jedem ausdruck und jeder vorüberschwindenden laune das dichterische gemüth (
an sich) zu bemerken.
ders. 10@dd)
auch auf sittlichem gebiete erscheint das gemüt,
wie dort auf dem gebiet des schönen, eben mit seinem empfinden als im höchsten grade wirkend und schaffend, ja schöpferisch. 10@d@aα)
z. b. bei Schiller: und die tugend sie ist kein leerer schall ... und was kein verstand der verständigen sieht, das übet in einfalt ein kindlich gemüth. XI, 258 (
die worte des glaubens),
d. h. was von gutem das philosophische bewusztsein als erkenntnis noch nicht erreicht hat, das ist als wirkende kraft schon vorhanden im gemüt,
das noch naiv ist, wie es sonst der dichter wissenschaftlich nennt, d. h. noch bei seiner ungetheilten einheit der natur, sodasz auch da durchaus noch nicht der heutige begriff waltet, sondern der alte (
s. 6),
wie denn Schiller
auch natur
und sinn
dafür setzt (
s. 6,
a),
z. b. X, 337, 26 (18.
ästh. br., anm.);
schreibt er doch dem gemüt auch die letzte entscheidung über wahrheiten der vernunft zu: endlich beruht doch die hauptsache auf dem zeugnisse der empfindung und bedarf also einer subjectiven sanction, die nur die beistimmung unbefangener gemüther ihr verschaffen kann.
an Göthe 28.
oct. 1794,
s. dazu die anm. zum 18.
ästh. brief. 10@d@bβ)
besonders auch das edle gemüt
erscheint in schöpferischer thätigkeit: diese geistreiche und ästhetisch freie behandlung gemeiner wirklichkeit ist ... das kennzeichen einer edlen seele. edel ist überhaupt ein gemüth zu nennen, welches die gabe besitzt, auch das beschränkteste geschäft und den kleinlichsten gegenstand durch die behandlungsweise in ein unendliches zu verwandeln. Schiller X, 356, 31 (23.
ästh. brief, anm.),
nachher: ein edler
geist begnügt sich nicht damit, selbst frei zu sein, er musz alles andere um sich her, auch das leblose, in freiheit setzen. 357, 6,
wo ebenso gut edles gemüth
stehen könnte oder edle seele. 10@d@gγ)
auch als schöpferisch im höchsten sinne, das gute frei aus sich '
gebärend'
erscheint es (
vergl. den geist 19,
b, δ gebärend, zeugend): eine sanfte wärme hatte sein ganzes inneres durchdrungen ... ihm ward zu muthe wie dem begnadigten sünder ... ganz und voll durchdrang ihn eine unaussprechliche empfindung, die aus hülfreichem mitleid und schöpferischer zärtlichkeit gemischt war, ein herzliches wollen, ein tiefes entschlieszen und eine göttliche geburtswehe des gemüthes. Immermann
Münchh. 4, 48 (85),
bei dem entschlusz Oswalds, [] die Lisbeth doch zur seinen zu machen, das gemüth
zugleich in seiner heiligsten tiefe (8,
b)
und zugleich noch als '
ganzes inneres' (6)
und eben so die schöpferische quelle des besten, höchsten und tiefsten; vergl. übrigens unter 4,
b, wie bei Bodmer
das gemüth
eine grosze idee 'empfangen'
kann, worin dasselbe bild vom gebären enthalten ist, s. dazu unter geist
a. a. o. 10@ee)
auch in bezug auf dichten und denken erscheint diesz bild vom gemüt
als gebärendem schosz, geburtsstätte, schöpferischem urgrund: aus tiefem gemüth, aus der mutter schosz will manches dem tage entgegen. doch soll das kleine je werden grosz, so musz es sich rühren und regen. Göthe 2, 228 (2, 316
H.);
vergl. in bezug auf forschendes denken unter 8,
b, γ bei Fichte, Garve
die betheiligung des gemüts in ähnlicher oder entsprechender vorstellung. jener spruch Göthes
ist unter denen, die in der ausg. letzter hand 2, 225
unter dem titel gott, gemüth und welt
zusammengefaszt sind, also gemüth
noch deutlich im alten vollen sinne. 10@ff)
der begriff erfuhr auch dieselbe erweiterung ins allgemeine und allgemeinste, wie seele
und geist. 10@f@aα)
das menschliche gemüt,
gemüt der menschheit als eines lebendigen ganzen: dasz die geschichte der welt zugleich die geschichte des menschlichen gemüths und geistes sein müsse. Tieck
krit. schr. 2, 261;
s. oben unter c, δ,
wie er die éine poesie, die durch alle völker geht, bezeichnet als das menschliche gemüth selbst.
so spricht Arnim
im anschlusz an die tiefe kunstverehrung unsrer zeit
von der zukunft der religion, die dann erst vorhanden sein werde, wenn alle (
einzelnen religionen) darin als stufen (
der entwickelung oder des aufsteigens) éines erhabenen gemüthes begriffen
sein würden, über das sie selbst begeistert ausflorirt.
wunderh. (1845) 1, 474.
auch gemüt eines volkes
u. ä.: weil jede sprache das äuszere abbild des innersten gemüthes eines volkes ist. Arndt
schriften für u. an s. l. Deutschen 1, 364; sie ehrten viele italiänische tugenden, aber fürchteten das dunkle südliche gemüth. 366; in kriegen und revolutionen .. erwachen die schlummernden kräfte und offenbaren in groszen leidenschaften, was im gemüth der völker zu grunde liegt. W. Menzel
deutsche lit. 1828 2, 180;
dazu volksgemüt,
wie volksseele, volksgeist,
auch unterschieden: so kann und musz auch der volksgeist, sein denken und fühlen aus der höheren region des christenthums wieder herabgelenkt werden in seinen ursprung, das volksgemüth. Auerbach
dorfg. 1846 2, 596 (nationalgemüth 597). 10@f@bβ)
auch von einem gemüt der welt
ist nun die rede, wie längst von einem weltgeist,
einer weltseele (
s. geist 11,
a): du hast in mir den edlen trieb erregt, tief ins gemüth der weiten welt zu schauen. Novalis 1, 3; es bricht die neue welt herein .. der liebe reich ist aufgethan .. das urspiel jeder natur beginnt .. und so das grosze weltgemüth überall sich regt und unendlich blüht. 1, 219; ja selbst wenn Preuszen und Östreich ... Deutschland ganz verlassen und sich völlig davon ablösen sollten, selbst wenn die Rheinprovinzen alle wieder unter französische herrschaft kämen, so bleibt doch der kern der Deutschheit unzerstörbar, denn sie hat als ein theil des ewigen weltgemüthes ewige bedeutung. P. A. Pfizer
briefw. zweier Deutschen 156. 10@f@gγ)
ebenso nun gemüt der natur,
wie geist
und seele der natur
schon früher: wer also ihr gemüth recht kennen lernen will, musz sie in der gesellschaft der dichter suchen, dort ist sie offen und ergieszt ihr wundersames herz. Novalis 2, 63,
in dem aufsatz die natur,
vgl. naturgeist
s. 62; mag es sein, dasz die natur nicht mehr so fruchtbar ist ... desto mehr haben ihre bildenden, veredelnden und geselligen kräfte zugenommen, ihr gemüth ist empfänglicher und zarter, ihre fantasie mannichfaltiger und sinnbildlicher, ihre hand leichter und kunstreicher geworden
u. s. w. 1, 120.
dasz der begriff da zugleich schon mehrfach auf den weg zum heutigen eingelenkt hat, ist deutlich. 10@gg)
wie fern aber noch um 1800
dem allgemeinen sprachbewusztsein der heutige engere begriff lag, zeigt sicher Adelungs
begriffsbestimmung noch in der 2.
ausg. (1796),
der zwar gemüt
und geist
schon sondert, bei jenem aber nichts sagt von dem leben in gefühlen und empfindungen, das für uns jetzt das gemütsleben im engeren sinne ausmacht; gemüth
ist ihm »
die seele, in ansehung der begierden und des willens, so wie sie in ansehung [] des verstandes und der vernunft oft der geist
genannt wird.«
als beispiele gibt er u. a. sein ganzes gemüth auf etwas richten,
sein begehrungsvermögen, sein gemüth gegen jemanden ändern,
seine gesinnung, sein gemüth zerstreuen, erquicken, aufmuntern, eine wahrheit seinem gemüthe einprägen,
so dasz sie zugleich einen einflusz auf den willen habe, die gegenwart des gemüthes,
gegenwart des geistes, so fern sie nicht durch begierden und leidenschaften gehindert wird, was denn alles noch mehr wie 16. 17.
jahrhundert klingt. bei Campe (1808)
ist es '
das gesammte begehrungsvermögen des menschen, sowohl das vernünftige als das sinnliche',
dann aber nachträglich: seit einigen jahren ist es zum modeworte für seele
geworden, und: neue schriftsteller gebrauchen es häufig von einem zustande und ausdrucke des sanften liebenden begehrens, worin der geschehene eintritt des umschwungs in spuren zu erkennen ist, wie eigentlich auch schon in Adelungs
sonderung von gemüth
und geist. 1111)
das auftreten des neuern engeren und engsten begriffes ist sicher zu erkennen, wenn geist
und gemüt, verstand
und gemüt
im unterschied oder gegensatz auftreten oder wenn einem das gemüt
gar abgesprochen wird; der engere begriff beschränkte es auf gefühl und empfinden, der engste machte diesz empfinden zu einem mehr leidenden als thätigen. 11@aa) gemüt
und geist,
die beide in ihrer entwickelung merkwürdige wandelungen durchzumachen hatten, in ihrer heutigen ausprägung aber gleich jung, d. h. noch nicht hundert jahr alt sind. 11@a@aα)
wie beide von haus aus lange auch als eins erscheinen, s. u. 4,
c und geist 16,
b, gemüt
eigentlich die deutsche, geist
die kirchlich-philosophische benennung unsers inneren überhaupt oder auch der sog. oberen seelenkräfte, s. z. b. bei Keisersberg
a. a. o. 'gemt oder geist'
als das obere theil der seele; auch wenn Luther 'gemüt und leben'
verbindet, um die ganze kraft von geist und seele auszudrücken (
s. unter geist 19,
a, α),
so ist das wie sonst 'geist und leben' (
s. geist 14,
e, ε),
vergl.das lebendige gemüt Göthe
u. 7,
c, α.
und auch wo sie begrifflich gesondert werden, erscheinen sie doch in nächster beziehung (
s. 4,
c),
z. b. mhd.: alsô suln sich mit einander halten diu gotes gelider hie mit den tugenden ... éin geist gît éin gemüete, die gotes minnenden geist habent, die minnent daʒ got minnet
u. s. w. myst. 1, 341,
der geist von oben gibt gleiche gesinnung, die den menschengeist durchdringt, wie bei Zwingli
u. 7,
c, α éinen geist und gmt haben
von einer menge, und wie ähnlich in der br. v. Messina v. 1773
Don Manuel von sich sagt: denn wir sind jetzt éin haupt und éin gemüth, und mein befehl ist auch der seine (
des bruders). Schiller XIV, 83.
noch wenn Kant 7, 175
erklärt: geist .. heiszt das belebende princip im gemüthe (
krit. der urth. § 49),
sind beide begriffe eigentlich noch im sinne des 16.
jahrh. verwendet; vergl. bei Fischart
unter 2,
a das gemt im leib wie die unru in der uren,
also die bewegende kraft, die lebensquelle, wie sonst der geist.
auch wenn Charl. v. Schiller
an Göthe rühmt, dasz er den geist im gemüth
auszusprechen vermöge (4,
c),
läszt sich das nach Kants
art gemeint denken, von dem sie genug wuszte. 11@a@bβ)
die sonderung beider, auch dasz sie sich nicht mehr suchen, sondern ihren weg aus einander gehen, zeigt sich im 18.
jahrh., was eigentlich genau zu verfolgen wäre. beide deutlich getrennt z. b. bei Gellert: diese grösze des gemüths (
vor dem tod nicht zu zittern) ist unstreitig nur ein antheil sehr weniger menschen, die mit einem hohen masze des geistes ausgerüstet sind. 5, 56 (42),
wo doch gemüth
noch im alten sinne zu nehmen ist (
s.groszes gemüt
unter 7,
a),
für den neueren ist herz
sein vielgebrauchter ausdruck, wie im 18.
jh. überhaupt. die sonderung zeigt sich besonders darin, dasz man beide nun gern zusammennimmt, um den ganzen geist oder die ganze seele nach ihren zwei richtungen zu bezeichnen (
schwerlich schon so gemeint bei Gerhard
u. 4,
c),
s. z. b. Bodmer
u. 8,
c, γ von der leere, die gewöhnliche menschen leicht in ihrem geist und gemüthe
verspüren, er meint wol an gedanken und empfindungen, die er schon gern so zusammen nennt (
s.gedanke 3,
d);
auch neben seele
und geist
genannt, mit absichtlicher häufung, in den worten des apothekers in Herm. und Dor. zum geistlichen, da dieser das lenken des wagens übernimmt: gerne vertrau' ich, mein freund, euch seel' und geist und gemüth an, aber leib und gebein ist nicht zum besten verwahret
u. s. w. Göthe 40, 303; wenn einmal wesen zu diesem zweck sich die hand reichen, dasz sie durch antheil an allem, was geist und gemüth interessire .. sich stärken. Hölderlin 2, 100,
brieflich, wie folg.; [] und so ists mehr oder weniger mit den meisten äuszerungen unsers gemüths und geistes. 115; lieblichkeit und hoheit, und ruh und leben, und geist und gemüth und gestalt ist ein seliges eins in diesem wesen. 116,
man bemerke die zusammengesuchten gegensätze; überlegt es mit dem geiste und mit dem gemüthe. Fr. Schlegel im
j. 1798
an Caroline 1, 231; was ich über ihn (
Winckelmann) seit so viel jahren im geist und gemüth herumgetragen, ins enge zu bringen. Göthe 31, 195; mit meiner schwester .. die an solchen dingen mit geist und gemüth theil nahm. 26, 199; viele haben geist oder gemüth oder fantasie, aber
u. s. w. Athenäum 1
2, 93,
d. h. eins von dem allen in hervorragendem grade, zugleich ins folgende übergreifend. daneben werden doch um 1800,
wo beide sich festsetzten in ihrer neueren ausschlieszlichkeit (
ohne doch gleich so durchzudringen),
beide auch noch gleich gesetzt, s. z. b. Schiller
unter 10,
b, β, Tieck
unter 10,
d, δ,
und der geist
erscheint auch noch empfindend, oft z. b. bei Schiller (
s. geist 17,
e),
wie anderseits das gemüt
auch noch denkend (4,
b). 11@a@gγ)
die schärfere oder entschiedene trennung zeigt sich sicher erkennbar, wenn z. b. eins ohne das andere auftreten kann: aus demselben grunde ist es einem volke der ersten art (
nämlich der lebendigen sprache,
wie den Germanen) mit aller geistesbildung rechter eigentlicher ernst .. dagegen einem von der letztern art (
mit nicht lebendiger sprache, wie den Romanen) diese vielmehr ein genialisches spiel ist .. die letztern haben geist, die erstern haben zum geiste auch noch gemüth. Fichte
reden 55 (4.
rede),
also das gemüth,
volksgemüth und die sprache als schatzhaus des eigensten lebens bis in die urzeit zurück (
vgl. 10,
c, δ).
oder wenn beide in demselben manne scharf geschieden werden: aber nach seinem gemüth wirst du unstreitig mehr fragen, als nach seinem geist und genie. Schleiermacher
an seine schwester im j. 1797, Dilthey
aus Schl.s leben in briefen 1, 178.
es ist also wie mit kopf
und herz
als gegensätzen, die sich auch erst im 18.
jahrh., doch früher als geist
und gemüt
getrennt haben (
s. unter kopf V, 1765
fg.),
während im 16.
jahrh. kopf
auch für das gemütsleben gebraucht wird, wie herz
auch für denken und wissen; s. auch sp. 2667 geist
und herz
in trennung, gleichfalls früher als geist
und gemüt,
vergl. auch sp. 2658,
wie diese trennung in der gesunden natur als ein unheil beklagt wird. 11@bb)
noch schärfer erscheint die trennung bei gemüt
und verstand,
die allerdings auch im 16.
jahrh. schon geschieden auftreten, als die beiden bestandtheile der seele,
mens und animus (
vgl. 5,
a): die sel, in welcher aller verstand samt dem gemt stehet. Fischart
pod. trostb. 654
Sch., in der sel steck das gemt 657. 11@b@aα)
während im 16.
jh. die thätigkeit von verstand
oder verstendnis
auch im ganzen des gemüts
inbegriffen sind, ja beide als gleich gesetzt werden (4,
a),
auch bei Kant
und Schiller
noch der verstand
als eine gemüthskraft
erscheint neben der einbildungskraft,
so gut wie die vernunft (10,
c, β, Schiller 6.
ästh. brief),
treten sie am ende des 18.
jh. aus einander und gegen einander. sie erscheinen nun neben einander, als verschiedene seiten oder richtungen des geistes oder der seele, wie geist
und gemüt: wie man das nimmt, versetzte Klingsohr, ein anderes ist es mit der natur für unsern genusz und unser gemüth, ein anderes für unsern verstand, für das leitende vermögen unserer weltkräfte. man musz sich wohl hüten, nicht eins über das andere zu vergessen. Novalis 1, 153; mein verstand geht in die schule bei ihr, und mein uneinig gemüth besänftiget, erheitert sich täglich in ihrem frieden. Hölderlin 2, 117,
brieflich; Schlegel bekannte mir aufrichtig, er wäre eifersüchtig auf die Herz .. er sei fast nur auf meinen verstand und meine philosophie eingeschränkt, und sie habe mein gemüth. Schleiermacher
br. 1, 184,
an seine schwester 1798; auf der bühne rasselten panzer und helm des Götz (
in nachahmung Göthes), ohne dessen verstand und gemüth. Tieck
krit. schr. 2, 246; das göttliche, das dem sinne als wesenheit erschien, offenbarte sich (
im mittelalter) dem verstande zugleich als nothwendigkeit und dem gemüth als liebe. W. Menzel
die deutsche lit. 1828 1, 88; in grobe sinnlichkeit entartend stiesz der katholicismus verstand und gemüth von sich.
das. 11@b@bβ)
aber auch in scharfer trennung, selbst als sich ausschlieszende gegensätze oder gegner: was dem reisenden von empfindung die wilde bizarrerie in der physischen schöpfung so anziehend macht, eben das eröffnet einem begeisterungsfähigen gemüth, selbst in der bedenklichen anarchie der moralischen welt, die quelle eines ganz eigenen vergnügens. wer freilich die grosze haushaltung der natur mit der dürftigen fackel
[] des verstandes beleuchtet und immer nur darauf ausgeht, ihre kühne unordnung in harmonie aufzulösen
u. s. w. Schiller X, 224, 31
ff., gemüth
doch noch zugleich im alten vollen begriffe, wie in den bekannten worten vom kindlichen gemüth
gegenüber dem verstand der verständigen (10,
d)
und wie ähnlich bei Göthe
unter 10,
c, α,
wo gemüth
und verstand
als scharfe gegensätze erscheinen im kunstgebiete, der vertreter des verstandes dort faszt im streite das erstere mehr in der neueren einseitigkeit, z. b.: wie wollen sie auch den wunderlichen forderungen dieses lieben gemüths genug thun? 38, 105; sie (
diese schicksalstragödien) sind unnatürlich, gekünstelt .. sie gehn nicht aus einem drange des gemüths hervor, sondern aus einer berechnung des verstandes, der etwas neues, auszerordentliches erzwingen will. W. Menzel
d. lit. 2, 112; fürchtet nicht, dasz der verstand der neuen zeit alles heilige zum gespötte, alle ahnung zum kindertraum, alles schöne zum bedürftigen herabwürdigen wird. wohl ist der verstand .. an sich mehr feind als freund des gemüths und des poetisch sinnlichen lebens
u. s. w. Wienbarg
ästh. feldzüge (1834) 124.
so auch gemüt
und scharfsinn
als besonderste eigenschaft des verstandes: doctor Crusius gehörte zu denen, welchen der prophetische theil der heiligen schriften am meisten zusagte, indem er die zwei entgegengesetztesten eigenschaften des menschlichen wesens zugleich in thätigkeit setzt, das gemüth und den scharfsinn. Göthe 25, 98 (
aus m. l. 7.
b.). 11@b@gγ)
man sieht an den wenigen beispielen über nur etwa 40
jahre hin, wie sich die beiden '
gemütskräfte',
das denken und empfinden, die sonst mehr einig hand in hand giengen, nun trennen wollen und trennen, wie sie aus brüdern zu gegnern, ja feinden werden. der gegensatz ist nun ganz geläufig, ausgeprägt z. b. in der unterscheidung von gemütsmensch
und verstandesmensch,
während doch die alte einheit, in der alles heil beruht, in wahrheit noch genügend waltet, wenn uns z. b. so oft menschen begegnen, die zugleich verständig
und gemütlich
heiszen können. übrigens gehörte zum verständnis der ganzen wichtigen bewegung oder verschiebung im quellgebiete unsres geistigen lebens eigentlich die ausführung, wie der begriff verstand
sich auch erst seit so kurzer zeit einseitig zugespitzt hat, wie auf der andern seite der begriff gemüt. 11@cc)
am schärfsten wird der begriff zugespitzt, wenn man von menschen ohne gemüt
spricht, sie gemütlos
nennt (
wie man nun anderseits leuten auch den verstand
abspricht),
was mit dem alten begriffe ganz unmöglich war: bei Scherern, den ich gestern sprach, ist mir eine bemerkung wieder eingefallen, die sie mir voriges jahr über ihn machten. es ist eine ganz gemüthlose natur, und so glatt, dasz man sie nirgends fassen kann. bei solchen naturellen ist es recht fühlbar, dasz das gemüth eigentlich die menschheit in dem menschen macht, denn man kann sich solchen leuten gegenüber nur an sachen erinnern und das menschliche in einem selbst ganz und gar nirgends hinthun. Schiller
an Göthe 31.
juli 1798,
doch noch nicht ganz im engeren sinne (
der doch nicht ausgeschlossen ist):
das gemüth
die betheiligung unseres inneren überhaupt an den dingen, in der unsere '
menschheit'
zu tage kommt, also wesentlich das lebendige ich überhaupt, das beim gemütlosen
seine freiheit noch nicht hat und an den dingen verloren geht; wem hingegen zwar eine rege phantasie, aber ohne gemüth und charakter zu theil geworden, der wird sich um keine wahrheit bekümmern, sondern mit dem weltstoff nur spielen, nur durch phantastische und bizarre combinationen zu überraschen suchen
u. s. w. Schiller XI V, 6, 8 (
über den chor in der trag.),
zu vergleichen ist vorher wem die natur zwar einen treuen sinn und eine innigkeit des gefühls verliehen, aber die schaffende einbildungskraft versagte 5, 30,
also gemüth
gleich innigkeit des gefühls,
und doch weniger mit dem heutigen begriff der bloszen empfänglichkeit, als des dichterischen gemütes
unter 10,
c, das der wahrheit
nachgeht mit schaffender kraft. dagegen schon ganz im heutigen sinne: auch war sie die einzige, die diese begebenheit von nahem ansah und ganz ohne empfindung blieb. ich thue ihr nicht zu viel, wenn ich sage, dasz sie kein gemüth und die eingeschränktesten begriffe hatte. Göthe 19, 300 (
neue schr. 1795 5, 268,
bek. einer sch. s.). Schleiermacher
schreibt im j. 1799
an die Herz: ich habe nie gesagt, dasz ich mit Schlegel einerlei gemüth hätte, nur habe ich gestritten, er hätte keins. Dilthey
aus Schl.s leben 1, 203,
auch mit den dichtern ohne gemüth
bei Schiller
wird wesentlich Fr. Schlegel gemeint sein; vgl. Schlegel
selbst in gleicher zeit über Schleiermachers verkehr mit der Herz, der ihm auch seine freundschaft [] beschädige: Schl.s geist kriecht ein, er verliert den sinn für das grosze (
über diesem gemütsleben), kurz ich möchte rasend werden über die verdammten und winzigen 'gemüthereyen'!
an Caroline 1, 232.
s. auch Fichte
u. a, γ von den Germanen, die zum geiste auch noch gemüth
haben, während die Romanen nur geist
hätten, also kein gemüth (
vgl. vom deutschen gemüth
unter f).
auch wenig gemüth, z. b. bei H. Heine: er hatte auch von seiner deutschen mutter diejenigen eigenschaften geerbt, welche den witz erst glänzend machen, indem sie ihm zur folie dienen, nämlich die gabe der phantasie, einen dunkeln anflug von gemüth
u. s. w. Wienbarg
ästh. feldz. 288. 11@dd)
einiges weitere zum aufkommen des neuen begriffes. 11@d@aα)
er tritt in derselben zeit z. b. auch bei Herder
auf, im gegensatz zu Kant (
ich weisz nicht, ob auch früher schon),
dessen gebrauch des wortes im alten weiten sinne er verwirft: die seele (nicht das gemüth) wird eines gegenstandes inne, durch welchen actus sie ihn als den ihrigen betrachtet.
metakritik 1799 1, 79,
die worte in parenthese richten sich gegen eine vorher angeführte stelle aus Kants
krit. der reinen vern. s. 33 (2.
ausg.),
wonach ein gegenstand 'das gemüth afficirt'; was hiesze auch den worten nach 'transcendental-ästhetik'? philosophie des gefühllosen gefühls, abstracter formen ohn' allen inhalt. welcher menschlichen seelenkraft gehörten sie denn zu? 'dem gemüth'. dies hat mit den formen der sinnlichkeit (
wie raum und zeit) nichts zu schaffen. 1, 129,
er hatte einen andern, mehr schon den neueren begriff von gemüth
wie gefühl; und welche elende rolle spielt der name gemüth in diesen wie in andern stellen des kritischen probabilismus! 2, 242
anm., d. h. er verstand Kants
gebrauch des wortes nicht mehr, der in der hier angefochtenen äuszerung, das fürwahrhalten soll sein 'eine begebenheit in unserm verstande, die auf objectiven gründen beruhen mag, aber auch subjective ursachen im gemüth dessen, der da urtheilt, erfodert' (
krit. der r. v. 848) gemüth
nicht als gegensatz zum verstand
meint, sondern als diesen mit umfassend, als wohn- und arbeitsstätte des ichs überhaupt. Herder
selbst braucht jenes mehr vom empfindungsleben: diese geistigen verständnisse mache man allenthalben anschaulich, und das menschliche gemüth wird, auch ohne nennung des heiligen namens, der nie unnütz genannt werden sollte, gottheit erkennen, gottheit verehren.
metakrit. 1, 120,
also auch ohne namen und folglich ohne '
begriff',
als gegenwärtige thatsache des gefühlslebens; dem gemüth, das ihrer fähig und zu ihr gebildet ist, kann und musz sie in allem erscheinen. 124,
nämlich die idee von gott, dem grunde aller schönheit, harmonie und ordnung; die grundcharte der empfindungs- und tonarten (
der musik) liegt einstimmig in aller gemüth, die nationalmelodien jedes volks enthüllten seinen charakter.
Kalligone 1800 1, 118; unser gemüth und ohr wurden (
durch die melodie) in eine zeitfolge hingezogen, forthörend. 135. 11@d@bβ)
bei jüngeren wortführern der zeit erscheint es immer bestimmter, wenn auch fortwährend zugleich in den alten vollen begriff überschwankend oder mit ihm gemischt; z. b. bei Schleiermacher: die (
freunde) aber sind mir sicher, die wirklich mich, mein inneres wesen lieben wollen, und fest umschlingt sie das gemüth und wird sie nimmer lassen.
monologen (1810,
zuerst 1800) 101,
nachher: das geliebte bild das mir im herzen wohnt .. nimmer hat dich mein herz verlassen; liebevoll das gemüth. 107
u. ö. von liebe und freundschaft, und doch oft auch noch vom ganzen geist, wenn z. b. der gemüther wechselanschauung (
in liebe) 102
entspricht tausch des denkens und empfindens 61.
aus seinen briefen bei Dilthey
ergibt sich übrigens, dasz er den engeren begriff erst aufnahm, als er 1796
in den Schlegelschen kreis in Berlin kam (
vergl. a, γ).
auch die religion wird nun dem gemüt
überwiesen (
s. schon Herder
vorhin von der idee von gott,
vergl. gemütlich 4,
a): darum ist auch das gemüth für uns wie der sitz so auch die nächste welt der religion. Schleiermacher
über die religion (1878,
zuerst 1799) 63,
und doch wirkt auch da der alte volle begriff nach, wenn es erläuternd weiter heiszt: im innern leben bildet sich das universum ab, und nur durch die geistige natur, das innere, wird erst die körperliche verständlich,
also gemüth
noch mit dem innern leben
überhaupt, der geistigen natur
als gleich (
s. 52 das innerste des geistes, die ganze innere einheit des geistes,
wesentlich dasselbe),
wobei freilich dem gefühl,
das er vorherrschend braucht, gemüth
nur selten, der vorrang eingeräumt ist, auch begriffe, system, wissenschaft
als der religion zunächst fremd abgewiesen werden, sodasz vom gemüth
[] das geistige im engern sinne ausgeschieden und alles auf unmittelbares gefühl
gebaut wird (
auch gefühl und unmittelbares bewusztsein 82); wie denn auch das feinste und zärteste in ihr (
der religion) nie wissenschaftlich mitgetheilt, sondern nur im gefühl von einem religiösen gemüth kann aufgefaszt werden. 71; bei jenen entladungen himmlischer gefühle, wenn das heilige feuer ausströmen musz aus dem überfüllten gemüth. 15; das religiöse leben selbst, jene frommen erhebungen des gemüths. 13;
daneben: ein zur betrachtung aufgeregtes gemüth 20,
also auch noch denkend. auch bei Fichte gemüth
im gegensatz zum begriff,
gleich herz
u. ähnl.: erhabner lebendiger wille, den kein name nennt und kein begriff umfaszt, wohl darf ich mein gemüth zu dir erheben .. deine stimme ertönt in mir
u. s. w. bestimmung des menschen (1800) 210,
nachher daselbst: und die vollendetste harmonie entsteht in meinem geiste,
dem also auch das gemüth
noch angehört; die fäden, durch welche bisher mein gemüth an diese welt angeknüpft war .. sind (
nun) auf ewig zerschnitten .. nicht mehr durch das herz, nur durch das auge ergreife ich die gegenstände
u. s. w. 221.
so wird es unentbehrlich für das tiefere seelen- und geistesleben, z. b.: schwärmerei nennen es die leute, was sich in ihrem gemüthe so lauter und heilig regt, diese begeisterung und innigkeit für das hohe und schöne? H. Voss
mitth. über Göthe u. Schiller 72. 11@d@gγ)
die erste erörterung des begriffes von gemüth,
die noch bei Kant
fehlt, indem er ihn als gegeben und bekannt voraussetzt, hat wol Fr. Schlegel
versucht, in den sog. fragmenten (
die zwei folgenden werden von Schleiermacher
br. 3, 74
Dilth. als gemüthsfragmente
bezeichnet und mit freude begrüszt)
in vergleichung mit sinn, geist
und seele,
freilich jugendlich orakelhaft und verschwimmend nach art der fragmente: sinn der sich selbst sieht, wird geist. geist ist innre geselligkeit (
geisterverkehr), seele ist verborgene liebenswürdigkeit. aber die eigentliche lebenskraft der innern schönheit und vollendung ist das gemüth. man kann etwas geist haben ohne seele, und viel seele bei weniger gemüth. der instinkt der sittlichen grösze aber, den wir gemüth nennen, darf nur sprechen lernen, so hat er (
auch) geist
u. s. w. gemüth ist die poesie der erhabenen vernunft
u. s. w. (
s. 10,
c, δ).
Athenäum 1
2, 99; keine poesie, keine wirklichkeit. so wie es trotz aller sinne ohne fantasie keine auszenwelt giebt, so auch mit allem sinn ohne gemüth keine geisterwelt. wer nur sinn hat, sieht keinen menschen, sondern blosz menschliches, dem zauberstabe des gemüths allein thut sich alles auf
u. s. w. 102,
also vom geist
unterschieden und doch in nächster beziehung zu ihm, ja als eigentlicher kern und keim auch des geisterlebens, aber noch nicht in dem heutigen engeren sinne, der durch seele
vertreten ist, sondern als die wesentlichste kraft in uns, welche die welt in ihrem kern und wesen erfaszt, zunächst die menschliche vom sittlich-ästhetischen standpunkt aus, d. h. es ist wesentlich Kants
und Schillers gemüth
unter 10,
b ff. in einem versuch schärferer begrifflicher fassung und mit romantisch bunter färbung zugleich, im grunde wieder das ich in seinem geheimnis. doch macht Schlegel
auch gebrauch von gemüth
im sinn des vorwiegenden empfindens (
s. e, β),
der nun in den vordergrund treten sollte und hauptsächlich durch die romantiker in gang gekommen scheint. anderseits tritt auch geist
erst gegen ende des 18.
jh. so entschieden, wie es uns nun geläufig ist, in seinen heutigen engeren sinn ein, was gleichfalls in den kreisen des Athenäums, unter Schlegels
führung geschehen zu sein scheint (
s. geist 18,
b, γ). 11@ee)
der begriff wendete sich in dieser zeit einseitig nach der seite des empfindungslebens, und spitzte sich dahin zu bis ins übermasz. 11@e@aα)
wie schon mhd. auch von enpfinden des gemüetes
die rede ist (
womit es gott allein ganz erfaszt, s. 10,
a),
so spricht Schiller
von fertigkeit des gemüths in schönen empfindungen (
das.),
aber hier wie dort ist das empfinden
nichts leidendes in uns, sondern eine in hohem sinn thätige äuszerung des '
gemütes.' Kant
bezeichnet es als seiner natur nach empfindungsbedürftig (
das.)
und theilt sein inneres leben in ein handeln
und leiden
ein (
diesz doch nur im abstract philosophischen sinne, gleich griech. πάσχειν,
lat. affici),
seine kraft in ein vermögen
und empfänglichkeit
und Schiller
nennt es in letzterm sinn weich (10,
b, γ fg.).
so ist denn von empfänglichem gemüth
die rede, z. b.: begeisterte reden, welche ausgestreut werden aufs ohngefähr, ob ein empfängliches gemüth sie finde und bei sich frucht bringen lasse. Schleiermacher
über die rel. 6.
auch von [] empfänglichkeit nach einer seite, daher gemüth
oder kein gemüth haben
für etwas: sie wurden durch diesen ausschlieszenden besitz einer erkenntnis (
in religiösen dingen) ein vornehmer .. stand und mochten es wohl leiden, dasz der grosze haufe, für den sie kein gemüth hatten, dem truge ferner preisgegeben ... bliebe. Fichte
reden 72 (6.
rede); der einzelne mensch, wie viel geist und gemüth er immer für sein volk habe, kann die sprache weder erfinden noch machen .. Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 427.
im 18.
jh. war übrigens auch noch von empfänglichkeit (
s. d.) des verstandes
die rede. 11@e@bβ)
nach dieser seite neigt besonders das gemüth der frauen,
von dem nun gern die rede ist (
noch nicht z. b. in Schillers
würde der frauen): wie beim manne der äuszre adel zum genie, so verhält sich die schönheit der frauen zur liebesfähigkeit, zum gemüth. Fr. Schlegel
Athen. 3, 24; wer wollte noch zweifel tragen, dasz in dem gemüth der frauen damals (
zur zeit der minnesinger) ganz eine solche welt gestanden und tausend solcher klänge erklungen haben? J. Grimm
über den altd. meistergesang (1811) 8.
die frauen jener zeit, die an der neuen bewegung in den geistern und gemütern so lebhaften antheil nahmen, werden den gebrauch selbst wesentlich gefördert haben, auch bis ins übermasz, vgl. unter c Fr. Schlegels
ärger über die gemüthereien
zwischen der Henr. Herz und Schleiermacher; er (
Schelling) hat eine unzählige menge solcher kleiner gedichte, worin die naturphilosophie und sein gemüth innig verwebt sind.
Caroline 2, 93,
brieflich vom j. 1801.
auch im gebiete der kunst das gemüth
mit nur '
passivem'
empfinden: so sollte die schönheit einen doppelten kreis durchlaufen und sowohl auf den willen wie auf das gefühl ihren zaubervollen einflusz ausüben ... (
während nunmehr) der zauberstab der schönheit ... leider keine macht über uns ausübt und nur das luftigere der kunst unsere gemüther bewegt und zur passiven mitempfindung reizt (
in epos und tragödie). Wienbarg
ästh. feldz. 146,
er braucht das wort doch sonst auch noch im früheren sinne, z. b.: immer nur wenige wird es geben, denen die that (
des helden) aufs herz schieszt wie ein blitz ... zu ähnlichen thaten beflügelnd, kurz, auf deren gemüth die geschichtliche lebendige schönheit ... geschichtlich und lebendig wirksam ist. 143,
auch als wohnsitz des nationalen gesamtbewusztseins: überall, wo wir zurückgehen auf die frühsten zeiten eines volkes, ist es leicht zu merken, wie poesie und historie ungetrennt von einem gemüth aufbewahrt und von einem begeisterten munde verkündet wurde. 39. 11@e@gγ)
auf misbrauch des neuen modewortes schon im anfang unsres jahrhunderts (
vgl. Campe
unter 10
a. e.),
gewiss ebenso in der gesellschaft wie in der literatur, deutet eine äuszerung Göthes,
erst aus dem nachlasz mitgetheilt, etwa aus den zwanziger jahren: die Deutschen sollten in einem zeitraum von dreiszig jahren das wort gemüth nicht aussprechen, dann würde nach und nach gemüth sich wieder erzeugen. jetzt heiszt es nur nachsicht mit schwächen, eignen und fremden. 49, 79 (
spr. in prosa 299),
was nach den letzten worten doch mehr noch auf gemüthlich
gehen wird (
s. dort 5).
den neuen begriff des wortes nach der guten seite spricht er in derselben zeit einmal so aus: ein freies walten der einbildungskraft (
beim dichter, verlangt ein italienischer romantiker), welche .. besonders dem, was der Deutsche gemüth nennt, dem innern gefühl, worin alle gutartigen menschen übereinkommen,
d. h. also der humanität ganz eigentlich zusagen solle. 46, 126 (29, 629
H.),
mit dem hinzufügen: genau betrachtet dürfte hier kein streit sein (
d. h. zwischen classisch und romantisch), denn die alten haben ja auch unter bestimmten formen das eigentlich menschliche dargebracht, welches immer zuletzt, wenn auch im höchsten sinne, das gemüthliche bleibt,
d. h. in dem sinne und der verwendung für die kunst, wie er sie schon im sammler und den seinigen verfocht (10,
b, α)
und aufs leben angewandt in seiner von Schiller
erwähnten äuszerung über den bergrath Scherer unter c. ähnlich in einem spruche aus gleicher zeit, der nach seiner umgebung an ihn selbst gerichtet scheint: ohne umschweife begreife, was dich mit der welt entzweit: nicht will sie gemüth, will höflichkeit. 2, 265 (2, 339
H.),
sie will nicht hören, wie dirs '
zu mute ist',
die wahrheit deines inneren, mit dem menschlichen
vorhin eigentlich zusammenfallend. denn dasz er da nicht etwa den engsten begriff von gemüth
für sich in anspruch nimmt, verbürgt zum überflusz eine äuszerung vom j. 1805,
die scharf vorgeht gegen die neue [] romantik in der bildenden kunst, die '
durch frömmelei ihr unverantwortliches rückstreben beschönigende kunst',
durch die er seine eigenen kunstbestrebungen auf einmal als veraltet verdrängt fühlte: gemüth wird (
nun) über geist gesetzt, naturell über kunst, und so ist der fähige wie der unfähige gewonnen. gemüth hat jedermann, naturell mehrere: der geist ist selten, die kunst ist schwer,
und dann: das gemüth hat einen zug gegen die religion, ein religiöses gemüth mit naturell zur kunst, sich selbst überlassen, wird nur unvollkommene werke hervorbringen
u. s. w. 60, 272 (27, 321
H.);
vgl.gefühl habt ihr alle, aber keinen geist 47, 249 (3, 269
H.). 11@ff)
auch vom deutschen gemüth,
das sich eben damals endlich wiederfand unter dem äuszern druck und der inneren erhebung, ist nun wieder gern die rede und der begriff fand darin eigentlich seine reine vollendung; denn neu war der ausdruck keineswegs, schon im 15.
jahrh. zu belegen, s. unter 6,
a vom j. 1449,
dann aus dem 16. 17.
jahrh. bei Fischart
und Moscherosch,
es sind aber da redlichkeit, festigkeit, zuverlässigkeit die eigenschaften des '
deutschen gemüthes',
aber auch dankbarkeit und treue, bei der Elis. Charl. von Orleans,
wie man auch von treuem deutschen gemüt
spricht. nun aber treten die eigenschaften der tiefe und innigkeit, das reine empfinden dabei in den vordergrund, z. b.: es ist jedoch hierbei zur ehre deutschen geblüts und gemüths anzumerken, dasz .. wir .. in diesem stücke (
der mechanischen auffassung des staatsbegriffes) gegen das ausland zurückblieben. Fichte
reden 89 (7.
rede), durch das dunkle gefühl, es müsse nicht also sein, gehemmt,
wie es heiszt; an ihm (
Pestalozzi) hätte ich eben so gut, wie an Luther .. die grundzüge des deutschen gemüths darlegen und den erfreuenden beweis führen können, dasz dieses gemüth in seiner ganzen wunderbaren kraft .. noch bis auf diesen tag walte. 121 (9.
rede),
wo zugleich ausdauernde kraft und liebe in hohem streben inbegriffen werden, von Luther s. in der 6.
rede, dabei: dies nun ist ein beleg von deutschem ernst und gemüth. 74; wenn nun aber etwa die ursprüngliche leitung sowohl jener höhern bildung als der nationalmacht .. die verwendung deutschen gutes und deutschen blutes aus der botmäszigkeit deutschen gemüths in eine andere kommen sollte, was würde sodann nothwendig erfolgen müssen? 113 (8.
rede); wenn es ein vorzug unseres (
deutschen) gemüthes ist, dasz wir den (
einzelnen) menschen immer mehr fühlen als das volk (
dem er angehört), so sollen wir wohl bedenken .. dasz es um die menschheit des menschen endlich schlecht steht, welcher das volk nicht fühlen lernen will. Arndt
schr. für u. an seine lieben Deutschen 1, 391; von jeher fehlte euch (
Franzosen) die volle südliche naturkraft und die schwärmerische nordische tiefe des gemüthes.
ders., geist der zeit 1806
s. 356; denn die Deutschen vermögen ja, hiesz es, mit ihrem gemüth (ein wort wofür die französische sprache keinen ausdruck hat) das christenthum tiefer aufzufassen als andere nationen. H. Heine
die romant. schule 46 (
zuerst französisch geschrieben); die tiefe urkraft des volksliedes erschlosz sich unserm freunde in ihrer ganzen herrlichkeit, er sah sich liebend umfangen von der edlen majestätischen herrlichkeit des deutschen volksgemüths, und die liebliche vertreterin desselben sasz in trauter zuneigung an seiner seite. er gelobte sich, ein priester dieses heiligen volksgeistes zu werden. Auerbach
dorfg. (1846) 2, 563,
vergl. denselben unter 10,
f, α von volksgeist
und volksgemüth
als geschieden; zum gesange zu reifen (
treibt michs) was still mich durchglüht, und ein echo zu wecken im deutschen gemüth. Geibel
ges. w. 4, 50. 11@gg) gutes gemüt
und der jetzt geläufige begriff überhaupt. 11@g@aα)
es wird nun besonders angewandt auf menschen von reichem oder weichem gefühlsleben, aber mit der stillen voraussetzung, dasz darüber bei ihnen einerseits scharfes denken, anderseits die thatkraft zu kurz kommen. so spricht man von einem sanften, innigen, tiefen, warmen, weichen gemüt,
einem zufriedenen, stillen, duldsamen gemüt,
von frommen, sinnigen, redlichen gemütern
u. ähnl., auch von schwachen, ängstlichen, furchtsamen gemütern,
die z. b. vor einer kalten wahrheit oder einer entschiedenen that zurückscheuen, und starkes, festes, groszes gemüt
u. ähnl., die anfangs und lange eben so geläufig waren wie jene, sind dem sprachvorrat entwichen, obwol zum glück nicht dem leben. schwache gemüter
sind z. b. leicht bestimmbar durch fremde meinungen: weil es (
das publicum) verwöhnt ist, auf die entschlieszungen schwacher gemüther einigen einflusz zu haben. Göthe 19, 301.
[] 11@g@bβ)
besonders geläufig ist gutes gemüt,
jetzt auch mit jenem vorbehalt, aber nicht von jeher, z. b.: schlechte wort und gut gemüth ist das rechte deutsche lied. Böcler (
in Straszburg 17. jh.)
bei Ranisch
lebensb. H. Sachsens s. 287,
d. h. einfache, nicht gekünstelte worte und gesunder unverdorbener seeleninhalt, das wird ungefähr gemeint sein, wahrscheinlich zur ablehnung gewisser welscher ausschreitungen in form und inhalt, die sich im 16. 17.
jahrh. auch im deutschen liede breit machen wollten; gleichwol findet man auch reiche leute, die gutes gemüthes, gutthätig ... die sich freuen, wenn sie den armen guts thun sollen. Olearius
pers. ros. 7, 20; armuth, des besten gemüthes folgemagd. Scriver
Gotthold 84;
Marie. er hat doch gewiss ein gutes gemüth, der herr baron. Lenz 1, 264,
d. h. wird euch nicht betrügen, vgl. unter gemütchen;
s. auch 7,
c, δ gut gemüte
für wohlwollen, liebe, z. b. sein gutes gemüt gegen dem vatterlande Opitz
Arg. 2, 206,
noch anders 7,
b, β für glückliche stimmung. dazu gutmütig. 11@g@gγ)
wie aber unterm volke der alte begriff nachlebt, zeigt z. b. eben das gute gemüt;
es wird da einer gelobt, er sei von gutem gemüt,
man meint aber guten charakter, '
gemütsart' (
s. 5,
c. 7,
g)
und er kann dabei gar thatkräftig sein; auch Marie bei Lenz
vorhin meint es so, nicht weichheit, sondern bravheit. auch im höhern gebrauch lebt doch vom alten weiteren und kräftigeren begriffe noch manches halb bewuszt nach, was aus zeitgenössischen blättern und schriften zu sammeln wäre. man möchte dem edlen worte, das wirklich unsrer sprache eigenthümlich angehört und den übersetzern gar eigne schwierigkeiten macht, wie der entsprechenden sache ein gesundes wiederaufleben herzlich wünschen. übrigens hat es auch eingang ins dänische gefunden, gemyt,
auch gemytlig,
auch in schwed. mundarten gemöt,
z. b. han har (
er hat) ett godt gemöt Rietz 189
b. 1212)
endlich noch ganz anders, zum theil dunkel. 12@aa) gemüt nemen,
von scheffen die zu einer beratung und verständigung zusammentreten: daruf die hoifscheffen (
vom richter gefragt, ob die bezirkung richtig geschehen sei) gemuit genommen und sich mit den landscheffen berathen, und haben einmundiglich durch den graeven von Sotzweiler ... thun reden (
erklären lassen), ja, die bezirkung sei geschehen wie von alters.
weisth. 3, 755,
aus dem Saargebiete. das ist ein dort im Rheinlande im rechtsgebrauch verbliebener rest eines wortes, das sich im mnl., auch alts. und ags. entwickelt zeigt: alts. gimôdi gimahlean
Hel. 1470,
mit dem gegner vor gericht verständigung, einigung suchen und treffen, ags. gemêde
einstimmung, zustimmung, dazu ein adj. gemôd
concors Ettm. 230, gemôda
consentiens, concordatus, auch conjuratus Wright-Wülker
vocc. 1, 214, 17, gemôde
conjurati 365, 1;
mnl. ghemoede (gemoe)
einstimmung, zustimmung u. ä., auch adj. gemoet
einstimmig, gleichgesinnt u. ä., s. Oudemans 2, 487. 489.
es ist also dieselbe bildung, gemüt
als collectivum zu mut,
aber auf mehrere, zwei oder viele bezogen, die éinen mut, gesinnung, willen u. ä. haben oder finden durch verhandlung und verständigung, besonders deutlich in dem adj. ags. gemôd,
mnl. gemoet. 12@bb)
daher auch einwilligung, verwilligung, erlaubnis, eigentlich einstimmung, zustimmung, mnd.: so wie (
wer) in dat vroinslos kumpt, der en sall daruisz nit, it en si mit urloffe ind gemuede des vaigts ind der scheffen.
weisth. 3, 7,
westfälisch; so mnl. ghemoede
a. a. o., auch z. b. bi gods ghemoede,
durch gottes gnade u. ähnl. dann in besonderer anwendung von dispensation, gemüte geben
dispensare Scherz 522,
der es aus Straszburger gebrauch im 14.
jh. belegt: das man keinem uszburger kein gemte geben sülle, er sol sin burgrecht leisten also reht ist,
die stelle ausführlicher bei Haltaus 652, gemte geben
heiszt die leistung der bürgerpflichten erlassen, z. b. auswärtig wohnenden, edelleuten. 12@cc)
und noch anders, westfälisch: engheine besseronge, die man nennet gemuede, sall van recht meher sin, dann ein wedde.
weisth. 3, 7; so wie misdoit, also dat hei eine offenbaire wunde sloige, die sall bekennen vunf mark zo gemuede.
das.; satisfactio, que dicitur gemuode. 3;
also eine gerichtliche busze, doch wol eigentlich befriedigung des verletzten, dasz zwischen den parteien und in der gemeinde versöhnung und friede werde, wie im Hel. 3207
von schuldiger zahlung die rede ist themu manne te gemôdea,
zur befriedigung. 12@dd)
ein mhd. gemüete,
begehren, ansinnen Lexer 1, 848
schlieszt sich an mhd. gemuoten
begehren an (
s.gemuten 1),
während es zugleich an der bedeutung 7,
c, β anhalt hat: [] nu rede ich nit mêre,sprach diu alte künigîn, doch hât ir gemüeteerzürnet daʒ herze mî
n. Wolfdietrich 61, 4
Holtzm. 12@ee)
dunkel ist mir: für die pestilenz oder den schelmen und auch zuo verhten, das dergleichen krankheiten ein ross nit anstoszen, welliche künsten man sonst ein gemuet nannt. Seuter
rossarznei 64.