Eintrag · Mhd. Wb. (Benecke/Müller/Zarncke)
gemeine adj.
1. zu einer person oder sache gehörig, oder unter sich zusammengehörig, gemeinsam. zuht und êre ist ir gemeine sie besitzt zucht u. ehre, MS. 1,17. b. den hirten was eʒ ouch gemein die hirten betraf es auch, Bon. 93,6. dem wurme ist diu werlt gemeine, unt blîbet si doch reine Vrid. 14,6. wie solde ein ungefüeger man mit frowen iht gemeines hân MS. 1, 42. b. unser lop was gemein allen zungen Walth. 85,26. fuoge vil liuten sol iemer sîn gemeine das. 116,16. — mit gemeinem râte beiderseitigem, unter sich übereinstimmendem, Nib. 92,2. 217,1. Bon. 70,26. mit gemeinem mute in übereinstimmendem sinne si versageten di helfe Ludw. krzf. 3957. — dô sprach der wolf nu sît gemein, und bîhte ie einr den andern zwein.' tretet zusammen, vereinigt euch, Reinh. s. 393,17, wohl nicht, wie Wackernagel im glossar s. v. annimmt: rückhaltslos sich mittheilend. ir herze wâren reine, in rehter minne gemeine Maria, fundgr. 2,194, 15. ir leben was vil gemeine dô, si wâren mit einander vrô, unde hôhten ir gemüete mit vil gemeiner güete Tristan 1361. — wiltu in gotes dienst treten, sô saltu vil unde vil beten, daʒ ist zu tugenden gemein Pass. K. 348,57, nicht einfach = den tugenden gemein, zum tugendhaftsein gehörig, sondern durch zu wird der begriff des zweckes ausgedrückt: das gehört zu dem bestreben, tugendhaft zu werden.
2. mit jemand umgehend, vertraut, auch, je nach der stellung des einen theils, herablassend. Witolt vorht den heilant, des wart er over alle die lant gemeine sît den recken Roth. 4424. er was zu gote reine, dem volke gar gemeine, sînen gelîchen ebene Herb. 136. von hôhem arde die klâren, ires lebenes reine, den liuten doch gemeine an helfe mit ir gute Ludw. krzf. 1243. er hieʒ in sîn gemeine und selten wesen eine Wigam. 4301. vgl. Schmeller 2, 587 u. gemeine unter ich MEINE.
3. nicht bloss einem, sondern mehreren auf gleiche weise gehörig. so werden allein und gemein oft gegenübergestellt, vgl. comm. z. narrensch. 51,34. bruoder, nu lât gemeine die æle sîn die dinne sint Reinh. im leseb. 209,15. drî gesellen kâmen überein, daʒ eʒ sold alleʒ sîn gemein, ir zerung unde ir spîse guot Bon. 74,2. vgl. 8,2. minne sol sîn gemeine, sô gemeine daʒ si gê dur zwei herze und dur dekeineʒ mê Walth. 51,10. ein gemeineʒ lêhen, ein lehen, das mehreren gemeinschaftlich verliehen ist, feudum commune, Haltaus 639. die zwêne zolner sollen eine gemeine truhen und darzu ir ieder einen sondern slüʒʒel haben bei Schmeller 2, 587. von gemeinem guote,.... der guot mit iemanne hât gemeine Zürch. richtebr. 32. die vischweide ist frî und gemeine der stete überal ör. weisth. 609. si wâren ungescheiden unze an den gemeinen tôt, ihrer beider tod, Greg. 3769. unser gemeine criege, unsere streitigkeiten, die wir unter einander haben, ör. weisth. 607. — hieher stellt man wohl am füglichsten die interessante umschreibung des begriffs 'plural', die Konrad mit hülfe unsers wortes bildet: ob sîn drîvalt gotheit einlich gewesen wære dô, sîn heilic munt der hæte alsô gesprochen zuo der reinen 'ich wil machen einen menschen nâch dem bilde mîn'. sît got unser trehtîn sprach nâch gemeinen sachen, seine worte wählte entsprechend einer gemeinsamkeit, einer antheilnahme mehrerer, 'einen menschen suln wir machen', son was ouch niht aleine sîn gotheit vil reine Silv. 2947. vgl. gemeinicheit.
4. zwei parteien auf gleiche weise zugewandt, unparteiisch. ain schirmer witewen unde weisen, guot unde gemeiner richter Ottocar, bei Haltaus 640. die sollen eid ze got und den heiligen sweren, unser ieglîchem, einem als dem andern, gelîch fürderlich und gemein ze sîn ebenda. also sind die gerihte nit glich noch gemeine das. 638. wir haben ein gemeine glich gerihte ebenda. daʒ wir ouch nu selten vinden ein sô gemeinen rihter allen liuten ân gevær Teichn. 309. gemeine liute werden besonders die superarbitri genannt, die erwählt wurden, wenn die von beiden parteien gewählten schiedsrichter sich nicht einigen konnten, Haltaus a. a. o. vgl. auch das. 650 fg. stammt die lat. bezeichnung lat. communes personæ aus dem deutschen worte, oder daher, weil, wie es hiess: illi duo sunt una persona communis (et communiter se tenere debent), oder ist dies letztere, wie ich glaube, eine spätere unrichtige deutung des ausdrucks? beispiele s. bei Haltaus 640. — streitige gegenstände werden einstweilen einem dritten anvertraut, d. h. in ein gemeine hant legen, beispiele bei Haltaus 638 fg. Schmeller 2,587. lat. in communem manum committere.
5. allen ohne unterschied gemeinsam, für alle bestimmt, allen gehörig, überall verbreitet, von allen ausgehend, allgemein. swelch mate ist gemeine, der gras ist gerne kleine Vrid. 120,27. sô schelte man ir keine und sî ir lop gemeine das. 103,16. iu solde versmâhen daʒ gemeine nâch gâhen, an dem alle theil haben, Iw. 175. der gemeine tôt, der niemanden schont, büchl. 1,1532 (oder auch hier: unser beider? wie Greg. 3769). Gotfrid eines gemeinen tôdes starp Ludw. kreuzf. 54. der gemeine tôt hât si genomen Hahn ged. 91,47 (oder heisst es auch hier: der gemeinsame?). minne ist ein gemeineʒ wort, und doch ungemeine mit den werken Walth. 14,6, alle führen das wort im munde, aber wenige verstehen den dienst der minne. ich sage iu, waʒ uns den gemeinen schaden tuot das. 48,25. nû mugen si doch bedenken die gemeinen nôt das. 58,23. und ob der einer stirbt, sô werd ein ander zehant mit einem gemeinen râte, an dem jeder bürger sich betheiligt, an sîn stat erwelt Heimb. handf. 278. wir hân mit gemeinem râte gesetzet Zürch. richtebr. 24. wanne sie sullen kein gut haben mit sundirheit, und ir gemeine gut, daʒ ist des bâbistes und der kristenheit myst. 213,11. die dritten sint gar arm; die hânt niuwen des gemeinen gebetes, das ein jeder in seiner gewalt hat, das. 279,38. alsô got einen gemeinen înfluʒ hât in allen krêatûren, wan daʒ fûr inmochte nicht geburnen noch keine krêatûre mochte nicht gewirken noch sich bewegen sunder den gemeinen înfluʒ gotis das. 142, 15. eʒ was ain gemainer liumbd ein allgemein verbreitetes gerücht, Zürch. jahrb. 90,19. vulgare i. manifestare gemeyn machen Diefenb. gl. 288. — über die bedeutung von daʒ gemeine reht, welches im gegensatze zu particularem rechte u. zu privilegien, aber von verschiedenen gesetzsammlungen gesagt wird, vgl. Haltaus 641 fg. — wanne di sêle umme dise stucke gevert in daʒ vegefûr, sô gewinnet si nimmer ruwe. tôrechte pfaffen und tôrechte leien sprechin, si ruwen ûffe aller sêlen tage und in der gemeint wochen myst. 235, 12. es ist septimana communis, die heilige gemeine woche; sie fing am nächsten sonntage nach Michaelis an u. durch die ganze woche wurden für alle seelen messen gelesen. in der gemeine wochen im j. 1387, Frisch I, 656. a. u. namentlich Scherz 520 fg. — gemeine liep daʒ dunket mich gemeineʒ leit Walth. 71,16. ein gemeine wîp widerstât werdes ritters lîp, an der jeder theil hat, die sich jedem hingiebt, frauenb. 650,5. vgl. das. 650,10. dô ving si der richter und hiʒ si opheren den apgoten, oder her wolde si machen zu einer gemeinen vrowen allen lûten myst. 21,20. vgl. anm. u. mehr beispiele bei Haltaus 646. Scherz 520. Schmeller 2,587. er hieʒ si füeren in ein gemeine hûs, wie auch wir wohl noch ein bordel “ein öffentliches haus” nennen; dass gemeine hûs noch keineswegs nothwendig einen unsittlichen begriff enthält, beweist das compositum gemeinhûs, s. o. 1,738. a. bei Scherz 355. vgl. das. 519. daʒ gemeine frawen haus, im jahre 1395, bei Haltaus 646.
6a. für alle eingerichtet, gemeinverständlich. diz ist die gemeinste glôse ubir diz êwangelium und di grobiste, di ich dar uber gehôrt habe myst. 34,30. vgl. die anm. beide worte sind hier noch fern von tadelndem nebenbegriffe. ein ander vrâge ist, ab der vater von himelrîche sîn êwigen wort muge gesprechen in der sêle, daʒ is die sêle nit enpfinde oder wiʒʒe. diz merket. dise lûte sint zweierleie. di einen sint gemeine lûte und grobe lûte.... iʒ sint ander lûte, di sint vernunftige lûte und sint stêtlîche wonde in der inrekeit irre sêle... myst. 44,22.
6b. gewöhnlich, nichts besonderes bedeutend. daʒ daʒ sô gemein ist worden, daʒ die liut einander morden; daʒ ist ê gar seltsam gewesen. daʒ geschiht nu alle wochen, daʒ halt niem für ihte hât. eʒ ist gar ein gemeine tât Teichn. 307. ê was eʒ ein grôʒiu schant, der ein lügnær was genant. daʒ ist nû gemeiner louf, daʒ halt niemen ahtet drouf das. 309. etwan was ir gemains geschray 'wolûf mit mir zem malvensei', nu lernens wasser lappen Hätzl. 1, 29,76.
7a. alle umfassend, sämmtlich, gesammt. er samte eine grôʒe rote von der gemeinen pfafheit Pass. K. 45,45 (was möglicherweise schon 'aus der niederen geistlichkeit' heissen könnte, vgl. die bedeut. nr. 8.). des selben frides wart daʒ gemain lant frô Zürch. jahrb. 85,7. der gemeine lantman, die versammlung der zum besuche des gerichts verpflichteten u. berechtigten, vgl. RA. 769. weitere beispiele vergleiche bei Schmeller 2,587. under al dem liute 'got gebe dir heil hiute' sprach ein gemeiner munt jedermannes mund, Er. 753. er vant dâ heime mit gemeinem munde niuwan laster unde spot arm. Heinr. im leseb. 355,14. nû sprach ein gemeiner munt, eʒ wære reht unde zît das. 358,10. dô antworten sîne liute mit gemainem munde Zürch. jahrb. 75,5. si antwurten an der stunde mit gemeinem munde Mai 119,36. sie sprachen all mit gmeinem mundt Kalenb. im leseb. 950,7.
7b. zur gemeinde gehörig. di übertiure des geltes sol er legen hintz einem gemeinen piderben burger an Merân mer. stadtr. 419. er sol diu pfant heiʒen antworten hinz einem gemeinen gastgeber an Merân ebenda. hier heisst gemeine augenscheinlich: zur stadtgemeinde gehörend.
8. zur grossen menge gehörig, den niedrigen ständen, einer niederen stufe angehörend. nu ist ein vrâge, ab di sêle in eime gemeinen, gewöhnlichen niedern, grâde der gnâden daʒ êwige wort gebern muge, oder ab si bedorfe eines sunderlîchen grâdis darzu myst. 22,34; diese stelle ist lehrreich, um den übergang der bedeutung von 5 zu 8 zu veranschaulichen. etelîche sprechen, unser vrowe di lege noch in deme gemeinen hûse, dô si unsen herren inne gebar, wan si alsô arm was daʒ sie keine herberge gehaben mochte das. 51,12. hier kann gemeine nur 'ärmlich, niedrig' heissen. dô wart daʒ gemain volk sprechen Zürch. jahrb. 90,17. daʒ gemeine volk ouch des verdrôʒ, daʒ di fursten niht enstriten Ludw. kreuzf. 1559. si reiʒtin unde jaiten di gemeine dît dar ûf, daʒ si in vorevler gûf sich von dem kunege spîltin Jerosch. Pf. 139. c. man sach si niddir houwen der gemeinen dîte vil das. 156. c. 'das dütet frömbde geste': so redt der gemeine man, das ist ein sprichwort im volke, leseb. 921, 9. der adel wolt vornen dran: die andern gmeinen knechte mustend dahinden stân das. 923,34.
9. allen preisgegeben. als der bischof von Hildesheim in die acht erklärt ward, sang man: se worden gemaket gemeine, grot unde kleine, kleine unde grot, de mag man alle slan dot; se sind gemeine so ein hund, an on schal men nicht breken tor stund, bei Frisch 1, 656. a.