gedächtnis,
n. subst. verb. zu gedenken. II.
Die form. I@aa)
ahd. nur einmal kithêhtnissi
devotio Graff 5, 163 (
Nyerup symb. 257),
auch mhd. noch nicht häufig gedæhtnisse
u. ä.; im 15.
jahrh. auch zur erleichterung der häufung -chtn-
einerseits gedechtenisse
memoria Dief. 355
c,
cogitatio 130
b,
anderseits ebenda gedachnus,
nd. gedechnisse;
niederd. sonst gedechtnisse, gedechtenisse 130
b,
gewöhnlich doch dechtnisse,
auch dechnisse Sch.
u. L. 1, 493
b, Dief. 487
c,
wie dacht
gleich gedacht (
s. d. 3),
auch md., rhein. dechtnis
memoriale Dief. 355
c,
recordium 487
c,
schweiz. dächtnus Maaler 85
c (II, 1,
e. 4,
d).
nl. gedachtenis
f., dichterisch gedachtnis. I@bb)
in der endung mit ü (u)
für i
mhd. gedæhtnüsse Megenberg 4, 31,
noch im 15.
jh. gedechtnus, gedachtnus Dief. 130
b, keiser Karl gotlicher gedechtnüs
Nürnb. chr. 3, 376,
und noch im 17.
jh.: ich habe gar ein schlim gedachtnusz. Elis. Charl. v. Orl. 3, 351,
vgl. Conlin
u. II, 5,
g. auch mit voller endung: welche auswendig zu lernen weder zeit noch gedächtnüsse wir genung hätten. Schuppius 417 (
de lana capr.),
als gen. f., wie auch als dat.: der welt zur gedächtnisse hinterlaszen Rist
Parnass, zuschr. a 2
b,
es gehört zu dem damaligen trachten nach wiederherstellung (
sp. 1601).
übrigens auch noch im 15.
jh., wie schon unter a: (
freiheiten)
die selger gedechtnisse unser lieber vater keiser Karle ... der gemeinen paffheit geben.
Frankf. reichscorr. 1, 228,
vom j. 1411 I@cc)
das geschlecht schwankt zwischen n. und f., wie bei andern auf -nis,
bis in sehr neue zeit, s. z. b. kenntnis, erkenntnis
und hier die beispiele u. II;
auch bei demselben schriftsteller, z. b. bei Luther
nah beisammen das und die gedechtnis,
s. Dietz 2, 30
a,
während z. b. Maaler 160
b nur die gedAechtnus
nennt, Stieler 294
nur das gedächtnüs,
aber noch Steinbach 1, 247 das
und die gedächtnis,
obwol er in den beispielen schon das erste allein gebraucht; das f. hielt sich am längsten in der formelhaften verwendung II, 3,
f. I@dd)
die umlautlose form, noch nl. in geltung, auch mnd. einzeln (
s. dachtnisse II, 1,
b)
fehlt auch hochd. mundartlich nicht, sieh gedachtnus
bei der herz. v. Orl. unter b, und schon im voc. inc. teut. nur gedachtnus h 3
b,
vergl.kanntnus
neben kenntnis (
s. d.).
wie lange sich die ursprüngliche länge des vocals gehalten hat, ist schwer zu sagen, vgl. z. b. mit alem. au
für â: kunst der gedauchtnus,
ars memorativa Schmeller
2 1, 485. I@ee)
die bildung ist vom part. gedâht
entnommen, wobei doch das subst. gedâht (
s.gedacht)
mitwirken mochte, da es in der bedeutung mit gedächtnis
wesentlich zusammenfällt. daneben gieng aber lange, vom praes. gebildet, gedenknis (
s. d.),
wie neben kenntnis, kanntnus
ein praesentisches kennis (
s. kenntnis).
Erwähnenswert auch eine nebenform bedechtnis cogitatio Dief. 130
b,
reminiscentia 491
c,
recordatio 487
c,
z. b. hess., nebst bedenken
gleich gedenken: do hie (
er) mer ein bedechtenis wolde lan (
hinterlassen), do bi ich möchte bedenken sin bisz an das ende des lebens min.
Alsf. pass. 5469;
vgl. über wechsel von ge-
und be-
sp. 1623. IIII.
Bedeutung und gebrauch. II@11)
es ist ursprünglich ein gedenken
aller art, d. h. lebhaftes, inniges, deutliches o. ä. denken, besonders als zustand bezeichnet. II@1@aa)
daher ahd. für andacht, devotio (I,
a),
wie auch das nahe liegende gidâht
u. ä. für devotio steht, s. Graff 5, 161
ff., und unser andacht
ist ja eigentlich dasselbe, nur durch an-
bestimmter bezeichnet, steht aber ebenso auch jetzt volksmäszig noch für lebhaftes denken überhaupt. für andächtiges denken, gedenken noch im 15. 16.
jahrh.: wir wellen haben (
halten) ein osterspil .. wie got ist erstanden .. das welle wir tun in seiner ere, dasz sich sein gedechtenis mere in allen guten herzen.
schles. osterspiel, fundgr. 2, 298, Wackernagel
leseb. (1839) 1015, 5; wenn ich Carlstadischer lere nach das gedechtnis und erkentnis (
denkende erforschung) Christi mit solcher brunst und ernst übete, das ich blut schwitzte .. da möcht ich mich zu tode gedenken .. was hülfe mich das alles? Luther 3, 86
a; mit den prechtigen worten brünstig gedechtnis, hitzig erkentnis, empfindlicher schmack des leidens Christi effet er uns.
das. s. auch weiter 2,
c. II@1@bb)
ähnlich ist und ebenso fern liegt dem heutigen begriffe gedächtnis des todes,
doch noch im 17.
jh. gangbar: vyf dechtnisse sint .. gud .. yegen alle bekoringe (
versuchung). de erste dachtnisse is des unentvleentliken dodes.
mnd. wb. 1, 493
b; gedechtnus des tods sündt nit. S.
Frank spr. 1, 34
a; kinder mehren zwar die sorgen und arbeiten des lebens, aber sie machen die gedächtnus des todes sänfter. Schuppius 730;
es ist wie mhd. des tôdes gehügede. II@1@cc)
ein gedenken mehr an künftiges als gegenwärtiges, oder an vergangenes,. das jetzt in gedächtnis
vorwiegt (
s. 3),
ist es auch im folgenden, von liebesgedanken: vorgasz, das he der jungfrowen vater was, und dâchte si zu habene zu einer êlichen frowen. zu letzt, dô he das grûsame gedêchtenis in sîme herzen nicht lenger erlîden konde ..
Apoll. v. Tyrus, h. von C. Schröder 25, 21,
die quälenden gedanken, würden wir sagen. II@1@dd)
ursprünglich auch wie gedanke selber, und so noch in der volksmäszigen redensart es ist nur ein gedächtnis von einem manne, kinde,
d. h. sehr schwächlich, klein u. ähnl. Rüdiger
zuwachs 2, 77,
gleichsam nur ein gedachter mann, auch idee
und gedanke
wird so gebraucht. selbst für das denken und den geist: concipere aliquid mente, gedenken, im verstand und gedächtnus fassen. Frisius 813
b. II@1@ee)
auch zu gedenken
erwähnung thun gedächtnis
für erwähnung: mentio, gedechnisse. Dief. 356
c, 15.
jahrh., dächtnus mit worten Frisius 814
b, Maaler 85
c;
mentio fit de passione, gedechtnis. Melber o 8
b;
mhd.: gedêhtnusse würt der lebendigen der heiligen und der dôten,
als übersetzung von commemoracio fit sanctorum vivorum et mortuorum. Haupt 7, 159.
nhd.: gedechtnis in der schrift heiszt nicht (
blosz), das man eines gedenke (sonst were Judas, Pilatus, Herodes imer im gedechtnis), sondern das man ihn rhumet und lobet und ein gut geschrei von ihm hat. Luther
bei Dietz 2, 30
b.
auch in der formel löblicher, seliger gedächtnis (
s. 3,
f)
ist das erwähnen inbegriffen. II@22)
seine hauptsächliche entwickelung scheint es in der philosophischen schulsprache gehabt zu haben. II@2@aa)
es erscheint da unter den sog. drei obern kräften der seele, die man auch den drei personen oder kräften der gottheit verglich: hiebei haben sich unsere lerer beide alt und new seer gebrochen (
abgemüht) .. und gesagt, das dreierlei krefte in der seelen seien, nemlich gedechtnis, verstand und wille, damit sie ehnlich sei der heiligen dreifaltigkeit, dem vater, son und heiligem geist (
die auch als gewalt, weisheit und liebe aufgefaszt wurden). Luther 4, 13
b,
das 1.
cap. des 1.
b. Mosis ausgelegt. es war in der kath. dogmatik aus der scholastischen psychologie überliefert: daʒ derselb geist noch drei merklich kreft hat, benenntlich gedächtnus, vernuft und willen. Berthold v. Chiemsee
t. theol. 27, 8; gedächtnus, vernuft und freien willen. 27, 9. 28, 9; das erst oder obrest teil der seelen das stat in dreien kreften, das ist in der vernunft oder verstentnis, im willen und in der verstentlichen gedechtnis, welcher dreier kreft halb gott, die heilige treiheit, den mönschen geschaffen hat nach seinem bild. Keisersberg
irrig schaf 4
c D 4
b.
bei Megenberg 1, 1
sind drei kräfte der seele in der hirnschal,
in drei kämerlein
vertheilt, vorn fantastica oder imaginaria,
die zuo gevæht diu pild aller bekantleicher ding,
die ihr die sinne zuführen, in der mitte intellectualis, daʒ ist vernunft,
aber daʒ dritt kämerlein ist ze hinderst in dem haupt (
vgl. gedächtnisbein), und in dem ist der sêl kraft, diu dâ haiʒt memorialis, daʒ ist gedæchtnüss 4, 31,
diese behüet und besleuʒt getriuleich diu dinch (
genauer ihre pilde) und durchbrüeft und durchmerkt si reht als ain sichereu slüʒʒeltragerin, dar umb sicht man oft, daʒ ein mensch sein gedæchtnüss verleust, wenne er sêr gewunt wirt hinden in daʒ haupt. 5, 5
ff. II@2@bb)
dasz damit nicht blosz gedächtnis
im heutigen engeren sinne gemeint war (
s. 5),
sondern der gedankenvorrat überhaupt, oder was man philosophisch nun auch bewustseinsinhalt o. ä., auch schon kurz bewustsein nennt, zeigt z. b. folg. (
s. auch noch unter 5,
c): was der mensch von auswendig begreift und in sein gedächtnis oder verstand füert,
nachher dafür gemüet, gedechtnus und verstand,
die z. b. ein gesehenes schlosz im bilde nun in sich haben. Berthold
theol. 28, 3; zuo obrist im haup (
für haubt,
mit rückwärts gewendeter angleichung) sein hinden verporgene cellel der gedechtnus, als (
wie, gleichsam) menschlichs regiments camer, darein legt der geist was er durch die sinn gelernt und gemerkt (
wahrgenommen) hat. 41, 5,
der mikrokosmus als ein '
regiment',
staat gedacht (
bei Megenberg
als ein haushalt),
die gedechtnus
als das regierungsarchiv (
vgl.kammer 2,
b),
ein bild welches auch Rollenhagen II, 3, 3
im capitel von der seelen regiment
als monarchia
trefflich ausführt, wo das gedächtnis
als memorial
erscheint (
vgl. dazu 4,
d): darnach halten die schreiber auch ihrs königreiches alten brauch, verzeichnen diese sachen all (
die der mensch erfährt) in des königs (
des geistes) memorial, mit bilden und nicht mit buchstaben
u. s. w. froschmeus. Ff 2
b,
am rande: das gedechtnis oder memoria;
die schreiber
sind die gedanken,
von der vernunft, des königs vertrautem rath (des reichs weiser rat Berthold 41, 5)
heiszt es, sie sagt den gedanken ihr urtheil, die schreibens auch mit allem heil in vorgenants memorial. Ff 3
b,
daher ebenda als die drei kräfte unter a auch vernunft, gedanken, will
genannt werden. II@2@cc)
dasz aber auch das denken selber, das thätige arbeiten mit dem gedankenvorrat, nicht ein bloszes bewahren desselben, sache der gedächtnis
war, zeigt folg.: daselbs (
in der ged.) bet er (
der geist) die kraft seines gedenkens, was er bisher than oder füran zethuon fürgenomen hab oder noch zethuon sei. Berth. 41, 5; got hat dem menschen geben die ander kraft, benenntlich gedächtnus und fantasei, mit der er hindersich sol gedenken und betrachten (
nachdenken), von wann und was, auch wohin er gewidembt (
bestimmt) sei. 27, 9; (
die unsterblichkeit des geistes beweist auch sein) inwendig gedenken und versteen .. welhem sein haup schwach ist, der hat schwache gedechtnus und klaine vernuft. 28, 13,
d. h. kraft zum denken. so geben vocc. des 15.
jahrh. gedechtnis
auch für cogitatio Dief. 130
b,
meditatio 353
b,
der voc. inc. teut. stellt es zuletzt: gedachtnus,
memoria, memoriale (
s. unter a und 4,
d),
reminiscentia, recordatio, meditatio. h 3
b;
noch bei Kil.
nl. ghedachtenisse,
memoria et meditatio, cogitatio, mens. mhd.: alliu werc, diu diu sêle wirket, diu wirket si mit den kreften. swaʒ si verstêt, daʒ verstêt si mit der vernunft. sô si gedenket, daʒ tuot si mit dem gedêhtnisse. Eckhart 4, 31;
s. aus Megenberg
unter a das durchbrüefen und durchmerken
als aufgabe des ged., auch bei dems. 134, 23
vom vernünftigen gedæhtnüss.
s. auch gedacht, gedächte
in gleicher bedeutung, und gedächtnis 1,
a von andächtigem nachdenken. II@2@dd)
bemerkenswert ist dabei, wie der inhalt der gedächtnis
als '
bilder'
bezeichnet wird, wie noch im 16.
jh. bei Rollenh.
u. b (
vgl.gedanke II, 4,
a),
so mhd.: als diu gedêhtnüsse den kreften der sêle ûʒ giuʒet den
schatz der bilde. Eckhart 585, 39,
der vernunft und dem willen gleichsam hinschüttet zur verarbeitung, ihre vorstellungen von der auszenwelt und die gedanken, vgl. bei Herm. v. Fritzlar: swaʒ geoffinbâret sol werden in der sêle, daʒ offinbârt sich in bilden, und dise bilde nimet (
empfängt) daʒ gehügnisse, und gibet si der vernunft, und di vernunft reichet eʒ vort dem willen
u. s. w. myst. 1, 15, gehügnisse
gleich gedæhtnisse (
wie auch für memoria
noch im 15.
jh. gehügnisse Dief. 355
c).
daher noch im 17.
jahrh. ins gedechtnus bilden,
infigere memoriae Henisch 377,
und dasselbe ist eigentlich auch einbilden,
dem bewusztsein in bildform einprägen, welches einprägen
selbst urspr. die vorstellung eines bildes enthält. Daher auch geradezu gleich der phantasie oder wenig verschieden (
s. schon u. c): zuo obrist im haubt steet inwendig das hirn mit seinen cellen, durch die der geist würcht (
thätig ausübt) sein inwendig kreft, nemlich fantasey und gedAechtnus, auch list (
denkkraft) oder vernuft. Berthold
theol. 27, 5; mitten im haup ligt das hirn mit seiner fantasey, als dises regiments canzlei (
s. unter b), dorinn werden brief begriffen und guoter verstand gebraucht, wie zeregieren sei. daselbs sitzt des reichs weiser rat, benentlich die vernuft. 41, 5,
vernunft und verstand arbeiten in und mit der fantasei, der gedächtnus, dem bildervorrat der seele, wie Bodmer
poet. gem. 13
die einbildungskraft
als die schatzmeisterin der seele
bezeichnet, bei welcher die sinnen ihre gesammelten bilder in sichere verwahrung legen,
vergl.schatz der bilde
vorhin bei Eckhart.
auch in Wolffs
system werden die einbildungskraft und das gedächtnis
noch wie schwestern gesellt, s. z. b. ged. von d. menschen thun u. lassen § 505,
vgl. bei Gottsched
weltweish., theor. th. § 887
ff. von der einbildungskraft und dem gedächtnisse,
bes. 897
ff., wo das gedächtnis die kraft ist, begriffe,
die wir früher empfunden (
durch die sinne aufgenommen, also mehr bilder)
wiederzuerkennen als die unsrigen mit hülfe der einbildungskraft. II@2@ee)
und bis in neue zeit findet sich gedächtnis
als lebhaftes vorstellen, auch ganz fern von worten, an die wir jetzt dabei zuerst denken (
s. 5,
e),
wol aber mit empfindungen gepaart (
für deren wiedererinnerung die sprache noch gar kein wort hat): derowegen thät ich auch wie ein unvernünftig viehe (
hausthier) und dachte wenig an meinen guten vorsatz .. gottes gegenwart zu vermeidung der sünde immer in meinem gedächtnüs zu haben.
Simpl. 3, 415
Kz.; alle bilder meiner sinnen sind mir ekel und verdrusz .. nichts ergetzt mich mehr auf erden als das weinen in der nacht, wenn es unter viel beschwerden dein gedächtnis munter macht ('
erweckt'). Günther 263,
an seine Lenore: im dicksten wald, bei finstern buchen, wo niemand meine klagen hört, will ich dein holdes bildnis suchen, wo niemand mein gedächtnis stört. ich will dich sehen, wie du giengest, wie traurig, wann ich abschied nahm, wie zärtlich, wann du mich umfiengest, wie freudig, wann ich wieder kam. Haller 225,
beim absterben seiner Mariane, deutlich zugleich als wiederfühlen, wiederschmecken von empfindungen, wie noch deutlicher im folgenden: in die nacht der freude fliehet meine seele wieder hin! hört und schmeckt, und fühlt und siehet mit dem feinem innrem sinn! o gedächtnis! schon in dir liegt ein ganzer himmel mir! Gökingk
lied. zw. lieb. 17; es war die frucht der groszen alpen-reise, die ich
an. 1728 .. gethan hatte. die starken vorwürfe (
gewaltigen gegenstände) lagen mir lebhaft im gedächtnis. Haller 21,
vorbemerkung zu den Alpen, man würde jetzt anschauung
oder bewustsein
brauchen; doch erinnerte sie sich in Gottfrieds chronik dergleichen unmenschen (
d. h. tyrannen) in kupfer abgebildet gesehen zu haben, den könig Cambyses
u. s. w., wie ihr solches noch im gedächtnis geblieben war. Göthe 48, 92 (
aus m. l., 18.
b.),
anschauung, vorstellung. auch von tönen: den sänger selbst hab ich nicht gesehen, aber seine veilchenblaue seide (
d. h. das lied im Freischütz) klang mir tagelang noch im gedächtnis. Heine
verm. schr. 2, 149. II@33) gedächtnis
als subst. zu gedenken,
sich erinnern, zurückdenken. II@3@aa)
als genauester ausdruck erscheint widergedächtnis,
da gedächtnis
ursprünglich alles gedenken, auch an zukünftiges ist: in dem nachtmal oder widergedechtnus Christi. Zwingli
vom touf n 1
b; die widergedechtnus oder nachtmal Christi. 2
a; das die messe ... ein widergedechtnis des opfers sei. Luther 6, 328
a; war es (
das fest) wiedergedächtnis einer that, welche Trojaner an Griechen .. verübt? J. v. Müller
allg. gesch. 1, 100,
zugleich nach 4,
erinnerungsmittel. ähnlich ist erinnerung
eig. ein unvollständiger ausdruck für wiedererinnerung, rückerinnerung,
wie für gedenken
sich erinnern auch jetzt noch zurück denken
gesagt wird, im 15.
jh. hinter sich gedenken Dief. 491
c,
memoria hinderdenkung Melber o 8
b, wider denken Dief.
nov. gl. 316
a,
dem eben jenes widergedechtnus
entspricht. aber schon seit der mhd. zeit galt auch das einfache wort, wie erinnerung
seit dem 15.
jahrh.; auch beide gesellt, z. b.: dieweil derselb schmerz (
des gebärens) nur ein kurzer übergang und die freud, so bald hernach zu folgen pflegt, langwiriger und gröszer, die alles vor erlitten leid aufhebt, also das auch die gedechtnus und erinnerung darvon nicht überbleibt.
Garg. 103
a (
Sch. 182). II@3@bb)
von der erinnerung, so weit einer oder man zurückdenken, wessen er sich erinnern kann, z. b. als quelle und beweis von rechtssatzungen, herkommen (
vgl.gebrauch 3,
d),
neben urkunden genannt: daʒ wir in vesten und besteten mit dem brief alle die recht, sie sein geschribn oder nicht geschribn .. eʒ sei in iren büchern oder in iren briefen oder mit gedachtnus herchomen (
überliefert) bei unsern vorvätern. Haltaus 890,
vom j. 1379; wir bestetigen, becreftigen und confirmiren in auch solchen slegeschacz der dreier pfennige (
als einnahme der stadt), der sie éinen lenger den menschen gedechtnis gehat, einen in unser liber her und vater gnediclich gegeben
u. s. w. Leipz. urk. 1, 377; auch sagen gemelte schultheisz und schöpfen, ihnen sei guet wissens, das obgemelte junkern alle frevel, buszen (
so und so erledigt) .. und sonsten sei solche buesz .. bei ihren tagen und gedächtnus nie weiter kommen (
an ein höheres gericht).
weisth. 1, 481; die öfnung (
rechtserklärung), die der Chr. Chramer getan hat zu Prien an ehaft täding (
in ordentlicher gemeindeversammlung) zu langer zeit, als pei 30 oder 40 jaren gedächtnus. 6, 168; und sagte also, wie dasz der wald und allmend im Hägbach ihre wäre .. länger denn zweier mann gedächtnusse, mehr denn hundert jahre. 1, 398,
als plur. zu ein mannes gedächtnis,
menschengedenken (
s. vorhin menschen gedechtnis): schrot und korn an silber und gold ist von einem manns gedechtnus aufs ander immer gefallen (
überliefert worden). Mathes.
Sar. 168
b;
auch sid (
seit) menschlicher gedächtnus,
post hominum memoriam. Maaler 160
c,
so weit man zurückdenken kann; s. weiter unter gedenken.
Schriftliche aufzeichnung zur unterstützung dieses gedächtnisses (
vgl. 4,
d): die amechte (
zünfte) im rathe sullen mit einander rechenschaft tuen uf einen tag ... und so sal man das beschriben, was ein iczlich amecht blibende gibt, uf das man die wirde der amechte von jare zu jare in gedechtnisse halde.
scr. rer. pruss. 4, 335;
vgl. dazu 4,
d. II@3@cc)
auch kurz gedächtnis
für allgemeines gedächtnis, erinnerung aller (
wie schon unter b),
dauerndes andenken; zwar auch vollständig z. b.: solches aus der gedechtnus der menschen zu reiszen. Fronsperger
kriegsb. 1, 136
a,
aber ganz gewöhnlich auch allein: der fürnembst under allen die in gedächtnus sind,
deren man ein wissen hat. Maaler 160
b; es ist zur gedächtnus aufgeschriben,
memoriae proditum est. 160
c; ist in gedächtnus gegeben,
memoriae proditum est. Tacius
bei Fronsp. 3, 275
b;
im j. 1585
in Basel ward uf einem drocknen grien, so sunsten iederzit mit wasser des Rhins bedeckt wirt, ein schieszen gehalten zuo einer gedechtnus solches cleinen Rhins (
niedrigen wasserstandes).
Basler chron. 1, 187,
damit man auf lange hinaus des seltnen ereignisses dabei gedenken sollte; das glückhaft schiff von Zürich ... einer statt und gemein Zürich
u. s. w. zu gedächtnus, rum und ehren. Fischart 2, 179
Kz.; do hat sich ain lecherlicher handel begeben, den ich von gedechtnus, auch gueten schwanks wegen zu vermelden nit wol underlaszen kan.
Zimm. chr. 3, 378; Alexander hat nicht zugeben wollen, dasz ein ander mahler als der weltberühmte künstler Apelles mit dem pinsel sein bildnis abreiszen, auch kein anderer bildhauer als der hocherfahrner Lysippus dasselbe in marmor .. graben oder der neugierigen welt zur gedächtnisse hinterlaszen solte. Rist
Parn., zuschr. a 2
b; deinen namen nu so grosz und dein lob so hoch erhaben will ich mit einem geschosz in die gedächtnus graben. Weckherlin 380 (
od. 1, 8); dasz ihr, ohn heuchelei und list (
gesagt), verdienet der gedechtnus tempel. 344; welche, wann es bei ihnen stünde, wündschen wolten, das auch gedächtnis der poeterei und aller guten künste vertilget und ausgerottet würde. Opitz
poet. A 2
b; dasz auch dero (
meisterwerke) gedächtnus ausgethan und vernichtet worden. Sandrart
acad. 1, 1; ich möchte, wie ein dichter, den weithinsehenden Apoll und die töchter des gedächtnisses, die alleswissenden Musen anrufen (
um von Griechenland würdig zu reden). Herder
ideen 3, 135 (13.
b., einleitung),
nach Ovid, s. gedächtnismutter; reiche froh den pfennig hin, häufe nicht ein gold-vermächtnis, eile freudig vorzuziehn gegenwart vor dem gedächtnis. Göthe 5, 69 (
div.).
jetzt steht andenken
dafür, eben auch kurz für allgemeines oder dauerndes andenken. II@3@dd)
die dauer oder kraft oder frische des gedenkens wird auch bes. bezeichnet: man sagt, das die Teutschen ir guete tat (
tapfere thaten) singen, die Franzosen spilen, das alles bald vergessen (
wird), aber die Lateinischen beschreiben, das beleibt in ewiger gedechtnus.
Wilw. 3;
exegi monimentum aere perennius Horat., ich hab ein buoch vollendet, das mir ein ewige gedächtnus wirt bringen. Frisius 834
b; mein stern, der mich das erstemal zu ihr vermittelte, war der jenige, den die schüler zu immerwährendem gedächtnüs um selbige zeit des jahrs herumtragen, damit anzuzeigen, dasz die 3 weisen
u. s. w. Simpl. 1, 331
Kurz (3, 21); zu ewiger gedechtnus. Weckherlin 80 (
ps. 20, 6); auf den andern tag (
nach dem turnier) hetten die frauen, die vom schwäbischen adel bei dem turniershof waren, ein ... banket zuegericht, darzue sie die ganzen gesellschaft des Eingehürns luden .. sie wolten auch das (
die herrlichkeiten des festes) hernach zu langer gedächtnus iren kinden zu erkennen geben, begerten darauf ains iedlichen namen und geschlecht zu wissen (
zur anlegung eines gedenkbuches).
Wilw. v. Sch. 55.
auch in
groszer gedächtnus,
vielen gegenwärtig im geiste: Cato, der viel hübscher lehren thet, die noch in groszer gedächtnus seind.
buch d. liebe 313
a.
besonders aber frisch wird hinzugefügt, eigentlich wol die farbenfrische der bilder bezeichnend, noch wie frisch und neu: darnach nit lang begab sich der beirisch krieg. von dem vil zu schreiben ist on not, dan er ist in frischer gedechtnus.
Wilw. v. Schaumb. 199,
wie jetzt in frischer erinnerung; (
die pracht der krönung) tuet nit not zu schreiben, dan es ist noch in frischer gedechtnus. 70,
frisch in der vorstellung aller; als ihr noch alle in frischer gedechtnis habet.
buch d. liebe 243
d; ein gute melodei und schöner text erfrischet leib und seel, und ist ein organum oder instrument, das der heilige geist brauchet, die herzen damit zu erfrischen .. und die einfeltigen in frischer gedechtnis der wolthaten Christi zubehalten. Selneccer
christl. psalmen Lpz. 1587 A ij
b; diesz wird dem geneigten leser in frischem gedächtnis noch schweben. Wieland 5, 20.
dazu einem die ged. erfrischen,
jetzt auffrischen: dasz die gedächtnis ihm dadurch erfrischet werde, wie er drei monat lang gelebt hab in der heerde. Werder
Ariost xvii, 58, 5. II@3@ee)
der gegenstand der gedächtnis im gen., der ja schon beim zeitwort gedenken
gilt (
bei andenken
wird dafür auch an
wiederholt); ich hab des ein frisch gut gedechtnis. Luther
b. Dietz 2, 30
a; so soltu das gedechtnis der Amalekiter austilgen.
5 Mos. 25, 19; lieder .. womit sie (
die alten Deutschen) allein der alten geschichte gedächtnus beibehalten. Micrälius
Pommern 1, 35; jetzo macht die gedächtnus meiner vorigen glückseligkeit die empfindlichkeit meiner mühseligkeiten schärfer. Schuppius 734; dasz man die bilder anbete, ist verboten. aber dasz man sie zum zierath und zur gedächtnis einer oder andern historien sich dabei zu erinnern aufhänge, das ist nicht verboten. 47 (
Sal. 6); wenn du einem eine lügen vorbringest .. so kan dirs zwar vergeben werden, aber dessen gedächtnis bleibet in der leute sinn. Olearius
ros. 8, 125; er stand, das gedächtnis seines todes zu stiften. Klopstock
Mess. 4, 1157 (
vgl. 4,
a). mein gedächtnis
u. ä., wie meiner gedenken
u. ä.: ich werde ir gedechtnis aufheben.
5 Mos. 32, 26; und er nam das brot .. das thut zu meinem gedechtnis.
Luc. 22, 19; solchs thut zu meinem gedechtnis.
1 Cor. 11, 24
fg.; du sihest ja, dasz gott dein gedächtnis von dem erdboten ausrotten wolle. Schuppius 173; hat seinem fürsten und dem ganzen lande also vorgestanden, dasz sein gedächtnüs bei den nachkommen ist gesegnet blieben. 342; vertilgt sei sein gedächtnis von der erde! Gotter 2, 495;
Verrina. ich bin ein alter mann. verliere ich diese (
tochter), darf ich keine mehr hoffen. mein gedächtnis löscht aus. Schiller 151
a (
Fiesco 1, 11). II@3@ff)
ein mann löblicher gedächtnis,
jetzt ruhmvollen andenkens,
dessen man mit ruhm gedenkt (
zugleich: ihn mit ruhm erwähnt, s. 1,
e),
u. ähnl.: Franz von Sickingen, loblicher gedechtnus. Wickram
rollw. 54, 13; weiland milter und hochlöblicher gedechtnus keiser Maximilian unser anherr.
landfr. v. 1524,
reichsordn. 1539 104
a; von keiser Hendrich dem ersten, hochlöblicher gedächtnus. Reutter
kriegsordn. vorr.; weiland keisers Caroli, hochlöblichster gedächtnus. Fischart
bienk. 191
a; keiser Karl gotlicher gedechtnü
s. Nürnb. chr. 3, 376,
divae memoriae; fraw Künigund .. säliger gedächtnü
s. Schwarzenb. 149
a,
piae memoriae, aber der deutsche ausdruck enthält eigentlich mehr: dasz man seiner gedenkt, seinen namen nennt mit beigefügtem wünsche, '
dasz er selig sei' (
vgl. z. b. Walther 14, 34. 52, 18,
dazu 83, 13); ich gedenk herzog Friderichs, seliger gedechtnis. Luther 8, 41
b; herzog George unseliger gedechtnis.
bei Dietz 2, 30
a (
vgl. die lâʒe got unsælic sîn
Trist. 2594); mein herr, landgraf Johann, hochseliger gedächtnis. Schuppius 253.
gerade hier ist das fem. formelhaft fortgeführt worden bis ins 18.
jh., noch Ludwig 704,
der nur n. ansetzt, gibt doch a. e. mein vater gottseliger gedächtnis.
ursprünglich doch ebenso auch mit n.: unser gnediger herre der herzog seliges gedechtnisses.
Leipz. urk. 1, 107,
vom j. 1428,
wie bei Adelung
wieder dein verstorbener bruder seligen gedächtnisses (
weil er das fem. überhaupt verwarf).
dasselbe meint übrigens die kürzere wendung z. b. mein vater selig,
noch im volksmunde. II@44)
auch für ein hilfsmittel der erinnerung, zeichen des andenkens, '
denkmal',
gedenkfest u. ä. II@4@aa) sein
oder ein gedächtnis stiften, einem ein ehrengedächtnüs stiften Stieler 294,
durch eine stiftung mancherlei art, vgl. Klopstock
unter 3,
e; der Etzende hat auf seinem todbette befohlen, man sol doch sein gedechtnis in dem gesellschaftssaale zu Cöthen stiften, und wird mir das geld auch förderlichst übermachet werden.
erzschr. der fruchtbr. ges. 186,
in einem gemälde (
vgl. unter c).
in witziger anwendung: kannst ihr (
der '
jungfer schwester',
d. h. der tochter des herbergsvaters) auch gleich deinen schlafkreuzer geben und deines namens gedächtnis stiften, dasz man in drei viertel jahren deiner gedenkt.
weim. jahrb. 4, 274,
ironisch grobianische belehrung des losgesprochnen lehrlings. II@4@bb)
gedächtnisfeier, jahrtag, festtag zum andenken eines heiligen oder stifters, eines eräugnisses, im 15.
jahrh. auch jargedechtnus
anniversarium Dief. 36
b; das gedächtnis begehn, halten: wenn sie das gedächtnis der opferung Abrahams begehen. Olearius
pers. ros. 7, 20; als umb Galli, wie von alter herkommen, des loblichen graf Mangolts von Rordorf gedechtnus oder jarzeiten gehalten und die herrschaft zu Mösskirch sampt aller priesterschaft und den umbgesesznen nachpaurn vom adel darzu berueft ..
Zimm. chron. 3, 489; und begeht noch einmal, uns zum hohne des ungerochnen mords und der geraubten krone gedächtnis! Gotter 2, 12.
auch von der stiftung selber: ein sehr reicher mann .. hat sich entschlossen, seinen letzten willen zu begreifen und allen seinen freunden noch bei lebendigem leib eine gedächtnis zu benamen (
bestimmen), sich seiner darbei im besten zu erinnern. Harsdörfer
Nath. u. Joth. 1, R 5
a.
s. auch widergedechtnis
u. 3,
a. II@4@cc)
zeichen der erinnerung, z. b. im anschlusz an die bibelstellen unter 3,
e: ihm sagte der gottmensch: Judas, steh auf! und gab ihm den kelch, des todes gedächtnis! Klopstock
Mess. 4, 1187.
im 15.
jahrh. wird monimentum
auch mit gedechtnis
erklärt Dief. 366
c,
im 16.
jh.: ein gedächtnus,
d. i. allerlei gedenkzeichen so uns an etwas manet, als seülen, greber, bilder (
s. unter a), bcher (
s. unter d)
etc. Frisius 834
b, Maaler 160
b,
vgl. gedächtnissäule, gedächtnisbild.
daher völlig gleich unserm denkmal,
denkstein, denkbild: der in (
Äsop) in allen ehrn entpfieng, mit groszen gschenken von im liesz, ihm ein gdechtnis aufrichten hiesz. Waldis
Es. 1, 14
Kurz. auch mitgebrachtes geschenk, als zeichen dasz man eines lieben in der ferne gedacht: so hatte er von seinem maul über vierzig gulden zuruck gelegt, des willens, darvon seiner ehefrauen und lieben kindern einen kirchtag (
s. d.), denkmahl oder gedächtnus mit sich nach haus zubringen. Abele
unordn. 2,
vorr. 8
a. II@4@dd)
schriftliches gedächtnis:
id monumentis approbare conatur Plin., durch alte schriften und dächtnus. Frisius 834
b,
gleich dem heutigen schriftliche denkmäler,
die auch im späteren latein memoriae
hieszen. auch als gedenkbuch, um einzutragen was gegen vergessen gesichert werden soll (
vgl. unter e):
memoriale, gedechtenisse
u. ä. in vielen vocc. des 15.
jh. Dief. 355
c;
vgl. das gedächtnis im regiment der seele als memorial
bei Rollenhagen
unter 2,
b. Auch gleich dem heutigen denkschrift
im diplomatischen gebrauch, in Frankfurts reichscorrespondenz 1, 603
steht ein memoriale pro mag. Alberto ad dominum papam,
eine anweisung des königs Ruprecht für seinen gesandten zur verhandlung mit dem pabste (
vergl. s. 583),
deutsch s. 592
ein gedechtnis an marggr. Procop,
weisung für die verhandlungen mit dem markgrafen vom j. 1401,
s. 613
ebenso ein gedechtnis von der botschaft wegen gein Frankenriche,
s. 605
ein gedechtnisse mit den Swiczern (
zur verhandlung mit ihnen);
auch im städtischen canzleigebrauch s. 309
ein gedechtnis umb friden zu Costenz
vom j. 1417,
eine denkschrift der reichsstädte in den verhandlungen über den landfrieden. es sind zusammenfassungen der verhandlungsstoffe in scharf und kurz gefaszten puncten oder artikeln mit nummern (punctation, articulation),
oder wie es Melber
ausdrückt: memoriale, ein gedechtnis in einer summ zubehalten.
varil. o 8
b.
vgl. gedächtnisbuch. II@4@ee)
die entstehung dieses gebrauchs unter 4
läszt sich an folg. wendung erkennen: zeiget sie im zu einer gedächtnus ihres vatters ring.
buch d. l. 199
b (
zu c); hat sie iren kindern zu einer gedechtnus (
der turniere) ein schön turniertuech würken laszen, in dem schlagen sich beider eheleut acht anen.
Flersh. chron. 14, 15,
teppich mit bildern (
zu a und c); und solt diesen tag haben zum gedechtnis, und solt in feiren dem herrn zum fest.
2 Mos. 12, 14 (
zu b); schreibe das zum gedechtnis in ein buch.
2 Mos. 17, 14; das (
den schiedsspruch) wir von bete wegen zu einem gedechtnis in der statt buch laszen schriben. Michelsen
rechtsd. 397 (
zu d); empfieng er von jeglichem ein gut hand-uhrlein zum gedächtnis. Olearius
pers. reis. 1, 17.
darin läuft ein doppelter gedanke zusammen: zum behuf der erinnerung, und: als mittel der erinnerung, das letztere am deutlichsten beim unbestimmten art.; ähnlich jetzt andenken. II@55) gedächtnis
im heutigen engeren sinne, wesentlich im festhalten von gesehenem, gehörtem, erfahrenem, besonders von gelerntem, gelesenem, im allgemeinen mehr ein nichtvergessen, als ein lebhaftes vorstellen, gedenken. II@5@aa)
mit inbegriffen ist das freilich auch im vorigen schon oft; auch z. b. mhd. und in Bertholds
begriffe (
s. 2,
a ff.): dar umb ist daʒ rephuon gar vergeʒʒen und klainer gedæhtnüss. Megenberg 215, 17; aber des geistes hoch kreft, benenntlich gedechtnus und vernuft, sein an kain leiblich glid gar gepunden. deshalb raichen dieselben bed kreft weiter dann all menschlich sinn. doch nachdem die gedächtnus in des haups hindern cellelein erhalten sol werden, wo dieselben cellel ungeschickt (
sind oder werden), leidet die gedächtnus mangel oder si ist gar verloren, dadurch der mensch vergessen oder gar albar wirt. Berth.
theol. 41, 7.
auch von der gedächtniskunst (
s. d.),
ars memorativa, ist schon früh die rede, aus dem alterthum her, z. b.: die vier lewen (
hat er aufgezeichnet) so vil er von ieglicher predig behalten in seinem haupt hat mit beistand der gnade gots und kunst der gedechtnis, die er kunt hat. J. Pauli
von sich selber in Keisersbergs
brösamlin 49. II@5@bb)
das gedächtnis
activ, als ein thätiges festhalten. II@5@b@aα)
als wiedererinnerung im einzelnen falle (
vergl. widergedechtnus 3,
a)
in folge des festhaltens, gedächtnis haben (
vgl. unter β),
sich erinnern, im 16.
jahrh.: o du Marce, gedächtnus hab, zuo Rom ist deiner vätter grab. fuog dich dahin zu kind und weib, daselbst bei deinen freünden bleib. Schwarzenberg 118
b,
vergisz nicht, denke daran, du weiszt doch wol noch. II@5@b@bβ)
als dauerndes festhalten, bleibende erinnerung (
die im gegebenen falle lebendig wird): nur spät und wenig aufschreiben (
im unterrichte), aber was aufgeschrieben wird, sei das lebendigste, beste, und was am meisten der ewigkeit des gedächtnisses würdig ist. Herders
reisejourn., lebensb. 2, 222,
deutlich noch nicht als gabe oder gedächtnis, inhalt, sondern als thun, als gedenken. so auch hier gedächtnis haben,
auch von thieren: ein fögelin, das hat ein nest, es flügt aus und in. wenn es nun nit gedechtnis hette von seim nest, so künt es das nest nit mer finden. Keisersberg
brös. 1517 1, 43
b;
noch jetzt kein gedächtnis haben für etwas,
z. b. er hat kein gedächtnis für empfangene wolthaten, für zahlen,
doch mehr schon als naturgabe gedacht (
s. d); wo der antheil sich verliert, verliert sich auch das gedächtnis. Göthe 49, 64. II@5@b@gγ)
mehr vom gedächtnisinhalt: doch merke dir: in jener stunde .. hieng an seinem hals ein goldnes kettchen .. 'ich verwahre das gedächtnis'. Göthe 10, 33 (
Elpenor 1, 6);
es heiszt sonst das gedächtnis,
z. b. einer wolthat, im herzen, im treuen herzen bewahren Beckers
weltg. 1, 301,
wie auch das andenken
noch ins herz versetzt wird (
s. u.gedanke II, 3,
b). sein gedächtnis verlieren,
alles vergessen (
sein '
bewustsein'
verlieren, s. 2,
b): man sagt im sprichwort, kein alter habe sein gedächtnis so gar verloren, dasz er nicht wissen solte, wo er seinen schatz hingethan hätte. Scriver
seelensch. 2, 940;
auch vergessen: und vergasz .. das gedächtnis meiner mühselig vergangenen lebenstage. Olearius
ros. 5, 15. II@5@cc)
das gedächtnis
wird wie ein raum oder gefäsz behandelt, in dem die dinge oder ihre bilder verwahrt sind, in das sie kommen u. dgl.: in gedächtnus haben,
memoria tenere, in gedächtnus fassen,
mandare memoriae. Dasyp. 312
c; da er gesagt, wer er were .. und da bi meldet alte und trüwe früntschaft .. sahe in der abbt stolzlich an über die agseln und sagt, der ding hett er nichts mer in gedechtnüs, wenn (
da) er kum gedecht, mit wem er gestert gehandelt hett. A. Tünger
fac. s. 143,
lat. síbi memoria fixum esse
s. 67; ich wil aber vleisz thun, das ir allenthalben habt nach meinem abschied solches in gedechtnis zu halten. 2
Petr. 1, 15 (
var. im gedächtnis),
doch zugleich oder mehr andenken nach 3,
c, griech. τὴν τούτων μνήμην ποιεῖσθαι; dadurch (
durch wiederholtes lesen) er benante stück also fein und vollkommenlich in gedechtnus behielt ...
Garg. 174
b (
Sch. 320); in guoter gedächtnus haben,
memoriter cognoscere. Maaler 160
c; es kompt mir das sprichwort der weltweisen in gedächtnus .. Schuppius 727,
wo jetzt in allen fällen der art. mit notwendig ist, auszer bei der wendung in gutem gedächtnis (
s. nachher),
aber im gedächtnis haben, behalten, festhalten, bewahren, ins ged. fassen, prägen, einprägen (bilden
s. Henisch 2,
d, graben Weckh. 3,
c),
kräftig bohren,
tief und fest einprägen: die ewig nie erörterten (
d. h. bis zum grunde erledigten) streitpunkte der religion (
nur) als mittel der verstandesbildung und der geistesübung den kindern ins gedächtnis bohren. Pestalozzi 5, 62,
wo doch auch noch mehr das '
bewustsein' (
s. 2,
b),
als das blosze wortgedächtnis gemeint sein musz. im gedächtnis rechnen,
wie sonst im kopfe,
mit festhalten der zahlen in den bloszen gedanken: der bramin rechnet ungeheure summen im gedächtnis. Herder
ideen 2, 302 (10, 3). im gedächtnis haben
u. ä.: ich hab es noch recht wol
oder gut im gedächtnis, auch in gutem gedächtnis,
jetzt doch mehr andenken,
vgl. unter 3,
d in groszer, frischer gedächtnis,
wo mit dem fehlen des bestimmten artikels mehr das gedenken
als ein thun, denn als ein gefäsz gedacht ist. es ist mir ganz aus dem gedächtnis gekommen Ludwig 704,
daher einem etwas wieder ins gedächtnis bringen
ders., auch rufen, zurückrufen. aus dem gedächtnis erzählen
u. ä.: ich will, lieber Boie, auch aus meinem gedächtnis einzele züge für die wenigen sammeln, denen das bild eines würdigen mannes (
wie Klopstocks) geisteswollust gewährt. alles ist mir ganz gegenwärtig
u. s. w. Sturz 1, 181. II@5@dd)
das gedächtnis als gabe des fassens und festhaltens, gedächtniskraft (
s. d.)
ist ein frisches (
vergl. schon 3,
d), kurzes, gutes, schlechtes, scharfes, hinfälliges Stieler 294, treues, untreues
u. ä.: wer liegen (
lügen) wil, der sol ein gut gedechtnis haben, sprechen die Griechen. Luther
b. Dietz 2, 30
b; gute gedächtnus haben,
vigere memoria, bös gedächtnus haben,
nicht wol behalten können. Henisch 1403,
wieder ohne artikel, s. unter c; wer sich liegens wil understahn (
der lügner), der musz ein frisch gedechtnus han. Waldis
Es. III, 79, 30; frawen und jungfrawen mit langem haar und kurzer gedächtnus. Fischart
groszm. 85 (
Sch. 613),
sprichwörtlich, doch gewöhnlich heiszt es kurzer mut, sinn,
s. unter kurz V, 2825 (
δ),
sodasz gedächtnus
hier zugleich noch das denken überhaupt meinen wird; Caroline. ich erinnere michs nicht.
baron. sie haben ein kurzes gedächtnis. Göthe 15, 9 (
aufger. 1, 2),
vergl. katzengedächtnis. gutes
und schlechtes,
auch schlimmes (El. Charl.
unter I,
b), weites (
s. g), glückliches Göthe 5, 31, glänzendes
u. a. besonders auch treues
oder untreues,
das uns verläszt, im stiche läszt
u. ä. (
wie ein untreuer diener): die gedächtnus versagt ihm. Aler 852
b; mein gedächtnis ist mir sehr untreu. Gellert (1839) 9, 16,
im gespräch mit Friedrich d. gr., dem er eine seiner fabeln auswendig sagen soll; auf einmal verliesz mich mein gedächtnis (
bei der leichenrede) .. man glaubte, ich wäre vor betrübnis von meinem gedächtnisse verlassen worden. 10, 189; hätte er ein festeres und getreueres gedächtnis gehabt. 10, 190. starkes, schwaches: dasz ich alle tage eine ganze vorlesung machen und wörtlich niederschreiben musz ... mein äuszerst schwaches gedächtnis nöthigt mich dazu. Schiller
an Körner 2, 133.
auch gedächtnis
kurz für gutes, festes gedächtnis, als dem dichter nötig angenommen: (
Günther) ein entschiedenes talent, begabt mit sinnlichkeit, einbildungskraft, gedächtnis, gabe des fassens und vergegenwärtigens .. Göthe 25, 81.
dazu ortsgedächtnis, wort- und sachgedächtnis (J. Paul
Lev. 323), personengedächtnis
u. a. II@5@ee)
da ist doch zum theil schon das blosze wort gedächtnis gemeint, als gabe des auswendiglernens, aber eben darin ist der begriff endlich ausgelaufen und in vergleich mit dem gedächtnis
als innigem gedenken 1,
a (
vgl. auch von bildern
als inhalt des ged. 2,
d)
am entgegengesetzten ende angelangt, wesentlich durch das treiben der schule, wo manche lehrer noch jetzt, ja jetzt wieder eigentlich den ganzen geist als gedächtnis behandeln (
vgl. u. g): einer schlägt darzu für das lexicon Dasipodii, ein ander den Calepinum ... welche auswendig zu lernen weder zeit noch gedächtnüsse (
gen. fem.) wir genung hätten. Schuppius 417 (1700
s. 395)
in dem discurs de lana caprina, der eben von den schäden des schul- und gelehrtenwesens handelt. als wortgedächtnis auch: ich will, so viel mir das gedächtnis hilft, seine eigene worte brauchen, auf welche ich sehr genau achtung gegeben habe. Bodmer
crit. br. 164; es wird gut sein, wenn sie seine eignen worte ins gedächtnis fassen, weil sich Berengarius .. darauf beziehet. Lessing 8, 379.
dasz einer sich entschuldigt, kein gedächtnis
für namen, jahrzahlen, büchertitel u. dergl. zu haben (
auch namengedächtnis, zahlengedächtnis),
hört man oft, auch von solchen die ein reiches wissen haben. spricht man doch selbst bei gedächtnis
als andenken an grosze männer u. ähnl. (3,
e. f)
jetzt gern vom gedächtnis
seines namens
statt seiner selbst. II@5@ff)
der misbrauch dieses sog. mechanischen gedächtnisses über sein gesundes bereich hinaus wird von den einsichtigen angefochten, z. b.: vielmehr ist nichts anders zu erwarten, als dasz diese leute, die von ihnen (
den bisherigen '
critikern',
d. h. ästhet. theoretikern) unterrichtet werden, allein lernen werden, aus dem gedächtnisse machinalische schlüsse zusammenzufügen
u. s. w. Bodmer
von der einbildungskraft (Mörikofer
schweiz. lit. 96),
das gedächtnis, dem sich auch regeln und dergleichen abstracta einprägen lassen; ein schlimmer scribent häufet worte zusammen, ohne dasz er zuvor gedanken und ideen in dem kopf mache, er beschreibt die sachen mit beiwörtern, die er nicht aus ihrer qualität nimmt, sondern aus dem gedächtnis holt.
derselbe disc. d. mahlern (Danzel
Gottsched 208); eigentlich zu reden ist ihre wissenschaft (
der gelehrten um der gelehrsamkeit willen) nur ein schaum und schein der wissenschaft, eben darum weil sie nicht auf das innerliche wesen der dinge gehet .. sie dringet nicht tiefer, als dem gedächtnisse möglich ist, und dieses vertritt dabei die stelle des verstandes.
mahler d. sitten 1, 408; die angesehenen und berühmten pedanten verstehen kraft des gedächtnisses, was sie niemals überleget haben. 410,
wo auch höheres als worte oder regeln in das todte gedächtnis mit inbegriffen wird; weil (
während) das gedächtnis darinnen (
in der seele) vortrifft (
überwiegt), so fehlet es an den höhern kräften des verstandes. und wo die strahlen der warmen einbildungskraft spielen, da pflegen die zarten bilder (
schwachen schatten) des gedächtnisses hinwegzuschmelzen. Drollinger 194,
nach Pope; er hatte die geschicklichkeit, mir alle diese wahrheiten (
der religion) nicht so wol in das gedächtnis, als in den verstand zu prä
gen. Gellert
schwed. gräfin 5; bei unserm frühzeitigen ... lesen, wodurch wir so viel materialien erhalten, ohne sie zu verdauen, was die folge hat, dasz das gedächtnis gewohnt wird, die haushaltung für empfindung und geschmack zu führen. Lichtenberg (1800) 1, 177.
vergl. auch gedächtnisbürde, gedächtnisgelehrter, gedächtniswissenschaft. II@5@gg)
beim gemeinen manne gilt aber gedächtnis
noch für die kraft des lernens und den besitz des gelernten überhaupt (
wie auch noch für die phantasie als erinnerung),
d. h. als rest des älteren weiteren begriffes, wie er z. b. im folgenden erscheint: eʒ (
der elefant) hât guot gedæhtnüss, und dâ von lernt eʒ leiht, daʒ eʒ sitig wirt ze allem dem, dâ zuo man sein bedarf. Megenberg 134, 17,
ohne art., wie unter c; hast du nicht viel natürliche gaben, keinen scharfsinnigen verstand, kein weites und gutes gedächtnis? Scriver
seelensch. 2, 246; (
der '
doctor püffel'
lernte so eifrig) es hätte ihm mögen das hirn zerspalten, es hätte ihme mögen die gedächtnus zerklieben. Conlin 2, 184; er hatte aber einen schweren kopf, eine stotternde sprache und ein langsames gedächtnis, bezeigte auch wenig lust zum studieren. Rabener (1755) 1, 132; so preist man oft den sohn, der in den kinderjahren durch schnell gedächtnis früh den groszen mann verspricht.
taschenb. f. dichter 6, 27 (1776).