willkür,
f. II.
herkunft und form. I@11)
zu wille
m. und kür
f. (
daher: des allgewaltigen willens kür Göthe 15, 299
Weim.);
jüngere bildung, nicht vor dem 12.
jh., ähnlich wie mhd. willeklage
freiwillige klage und mnd. willemôt
m. freier wille Schiller-Lübben;
ferner vgl. mhd. wunschleben, wunschwint. —
mhd. wille- (willen-, wil-) kür (-kur, -kure, -kor, -kore)
f.;
mnd. willekor
m.; afries. wilkere
m., f.; ndl. willekeur
f.; schwed. vilkor
bedingung, umstände, lebensverhältnisse; dän. norw. vilkaar
mit ähnlicher bedeutungsentwicklung wie im schwed. (
neunorw. vilkor
altentheil Falk-Torp). —
den lebenden hd. und md. mundarten fremd; dagegen ndd. wilköre
f. Dähnert; wallkör Schmidt-Petersen. I@22)
der ton liegt von jeher auf der ersten silbe;
die kürzung des ersten bestandtheils wille-
zu wil-
ist schon im spätmhd. die regel, auszer im md., vgl. willekore Wigand Gerstenberg
chron. 150; willekor Michelsen
rechtsdenkm. aus Thüringen 196. —
ungefähr gleichzeitig hat sich für den zweiten bestandtheil die dehnung des noch im mhd. kurzen Stammvocals durchgesetzt. —
länger, bis ins 16.
jh., hält sich wenigstens theilweise die endung, so noch wilkore Luther, wilköre Luther, C. Spangenberg; wilkuore Schwarzenberg; wilküre Widmann (
belege unten). I@33)
die lautverhältnisse für den zweiten bestandtheil liegen ähnlich wie bei dem stammwort ahd. churi,
mhd. kür,
vgl. oben th. 5, 2783
f.;
das ältere md. bevorzugt o
und ö (o
bei Alberus, Luther; ö
bei Luther, C. Spangenberg),
das oberdt. u
und ü (u
bei S. Franck, Boltz, Murner, Fischart, Stumpf;
altbair. wilchûr Schmeller 2, 891; ü
bei B. v. Chiemsee, Nas, H. Sachs,
aber auch bei Luther, Mathesius). ü
ist völlig durchgedrungen im 17.
jh., so bei Rollenhagen, Zinkgref, Zesen, Ziegler, Lohenstein, Birken, Schottel, Grimmelshausen;
nur vereinzelt findet sich noch u
bei Weckherlin, Zinkgref, Dentzler (1716) 353
b, Iselin
schr. 1, 69. 75; ö
hält sich in der ndd. volkssprache. I@44)
das geschlecht ist wie bei kür
in der alten sprache auch männlich, namentlich ndd. (
s. oben)
und md., so bei Luther
2. Cor. 9, 7;
werke 8, 157; 7, 669
Weim.; Chr. Wolff
vern. gedanken v. d. gesell. leben 619; Ramler
einleit. 4, 46; Abbt 1, 310;
aber auch M. J. Schmidt
gesch. d. Deutschen 3, 71;
nach Adelung
auch manchmal n., was aber nicht zu belegen ist; nach Braun (1793)
nur f. —
die plural bildung ist ursprünglich stark, so noch willkür
pl. Comenius
janua 198; willküre Hippel
lebensl. 3
II, 179;
aber dann wie bei kür
f. auch schwach, namentlich in der alten rechtssprache, s. unten II A 2,
in der allein der plural noch anwendbar ist. I@55)
ableitungen: willküren
v., willkürig, willkürlich
adj. IIII.
bedeutung und gebrauch. die grundbedeutung ist '
freie wahl oder entschlieszung'
; in den glossarien gerne für arbitrium Diefenbach
gloss. 44
c;
alte vorläufer und gleichbedeutend sind willige (
oder frîe, eigen) kür,
oben th. 5, 2786;
in der alten sprache deckt es sich noch vielfach mit dem stammwort kür
f. in den bedeutungen '
verfügung, absicht, schiedsgerichtsentscheidung u. a.',
s. o. a. a. o.; in der neueren sprache hat es sich fühlbar nach der schlechten seite verschoben und damit die alten verwendungen fast ganz eingebüszt, die von ausdrücken wie belieben, ermessen, gutdünken, selbstbestimmung, wahl
u. a. übernommen wurden. II@AA.
ältere verwendungen, ohne tadelnden sinn. II@A@11)
das handeln nach gutdünken und freiem ermessen oder die fähigkeit zu solchem handeln; wilkor
potestas, delectus, propositum cordis Alberus 204
b;
freie wahl, freier wille Rädlein 1, 1062
b: ihrer (
der hexen) willküre ungewitter, regen, hagel und blitz dieneten Nigrinus
von zäuberern 240; (
das beste kunstwerk) nimmt uns unsre willkür, wir können mit dem vollkommenen nicht schalten und walten, wie wir wollen Göthe 47, 21
Weim.; (
farben,) welche durch willkür hervorgebracht werden II 1, 325; da die sprache .. nicht ganz erzeugnis der willkür der redenden ist W. v. Humboldt 4, 29; der dom .. ist doch ein ganzes, organisches, der auszer dem bereich aller willkür liegt Droste-Hülshoff
briefe 26. II@A@1@aa)
gleichbedeutend und gerne in verbindung mit freiheit, freie wahl u. ä.: das ist sein ernstlich gebot, und wil keine freiheit odder wilkore draus gemacht haben Luther 32, 496, 25
Weim.; aus kraft der freiheit und der göttlichen willkür des menschen Schleiermacher
über die religion 50; aus wilkur und freiem gemüth S. Franck,
s. unten; die willkur oder waal, die euch gefellt, wurd euch zuogelassen Boltz
Terenz 116
b; kein freie wilkör oder erwelung haben Fundling
anzaigung B 6;
ferner mit macht, gefallen, lust, geschmack: es stünd in der künigin macht und wilkur S. Franck
chron. 164
b; zu deinem gefallen und eigener willkür Luther,
s. unten; der mächtigen lust und willkur Weckherlin,
s. unten; nach herzenslust und willkür Göthe 12, 304
Weim.; mit den andern verfährt man nach geschmack oder willkür 30, 248;
ebenso mit gutachten, bedacht, einsicht, absicht: nach eigener willkür und bedacht Ringwaldt
Evangelia Nv a; dasz man deren entscheidung der willkür und den gutachten der kriegführenden parteien überläst Fleming
vollk. t. soldat 314 § 3; sich nach eigener einsicht und willkür zu bestimmen Adelung
lehrg. 2, 709; ohne willkür und absicht Herder 5, 6;
als gegensatz zu noth, zwang: da (
ward) dem bapst gewilfart mer aus not dann aus wilkur und freiem gemüth S. Franck
chron. 182
b; (
die fabelwesen) handeln .. nicht aus willkür, sondern aus nothwendigkeit Herder 15, 558; der erfolg .. steht auszer dem bereich des zwanges und der willkür Riehl
dt. arbeit 226; zu
naturgesetz, gesetz überhaupt, pflicht, befehl: denn es ist nitt ein frei wilköre oddr radt, sondern ein nöttig naturlich ding, dasz alles, was ein man ist, musz ein weib haben Luther 10
II, 276, 18
Weim.; durch ir eigen pflicht oder wilköre 23, 344
f. Weim.; insonderheit, dünkt mich, demüthiget es den menschen, dasz er mit den süszen trieben, die er liebe nennt, und in die er so viel willkür setzt, beinah ebenso blind wie die pflanze den gesetzen der natur dienet Herder 13, 53; er handle nicht aus eigner willkür, sondern auf befehl des bischofs Göthe 23, 271
Weim.; das geschäft verlangt ernst und strenge, das leben willkür 20, 41; II@A@1@bb)
in der wissenschaftlichen sprache gegenübergestellt einerseits dem (
mehr oder minder bewuszten und vernünftigen)
willen: es ist kein wille ohne willkür Fichte
sittenlehre (1798) 206; das grosze gehirn ist der ort der motive, woselbst durch diese der wille zur willkür wird,
d. h. eben durch motive näher bestimmt wird Schopenhauer
werke2 2, 290;
s. auch sp. 146
die abgrenzung gegen wunsch
und wille
nach Kant (1868) 7, 10; —
andrerseits den blinden naturtrieben und unbewuszten reflexen: willkür ist im gegensatz zum trieb der selbständige wille, die wahlfähigkeit Eisler
philos. wb. 3, 1839; die grenze zwischen reflex und willkür ist schwer zu ziehen Eulenburg
realencycl. 20, 279; —
aber auch gleichgestellt dem willen,
s. o. den beleg aus Eisler,
sowie dem selbstbewusztsein: daher nennen wir auch dieses unser ich in dem gemeinen bewusztsein die willkür Solger
vorl. über ästhet. 54 § 12. II@A@1@cc)
dasz das wort ursprünglich nicht blosz keinen tadelnden sinn hat, sondern sogar lobend gebraucht werden kann, zeigen folgende belege: man geht fürs vaterland freiwillig in den tod, und diese willkür musz uns eben ruhm erwerben Hoffmannswaldau
und and. Dt. auserl. ged. 2, 170; es (
das heirathen) kömmt so wenig ungefehr, als von der klugen willkür her Weichmann
poesie der Niedersachsen 6, 71; ich habe .. mich an der willkür eines gemüths voll grazie sehr ergötzt Göthe IV 7, 33
Weim.; doch im inneren scheint ein geist gewaltig zu ringen, wie er durchbräche den kreis, willkür zu schaffen den formen I 3, 90; ehre die eigenthümlichkeit und die willkür deiner kinder Schleiermacher
Athenaeum 112, 110. II@A@1@dd)
meist von menschen, aber auch von der natur, von thieren u. ä.: so fahr ich nach der willkür des windes und der wellen S. Geszner
schr. 1, 166; thiere erweitern nach willkür ihren verbreitungsbezirk A. v. Humboldt
kosmos 1, 376; der willkür der jagenden rosse überlassen Ebner-Eschenbach 1, 128.
vom geistigen und künstlerischen schaffen und dessen erzeugnissen, im sinne von freiheit im gegensatz zu '
gebundenheit, vorschrift, strengem ernst': bei ihrem allvermögen konnte sie (
die kunst) sich also etwas willkür und spiel erlauben H. Meyer
gesch. d. bild. künste 2, 125; (
bei solchem romane) fällt die willkür der erfindung fort Gutzkow
ritter vom geiste 2 1, 8; die meisten leiche der minnesinger zeigen buntheit, freiheit und willkür der form Böhme
gesch. d. tanzes 237.
von gott im sinne von '
allmacht': (
gott,) in desz wilkuor alle dieser werlt herschung befestet ist Brunfels
almanach ewig dürende (
Cöln 1544) A 2
b; dann mein zeitliches wie lange es wären soll, dasz stehet in meines gottes macht, willkür und händen Prätorius
glückstopf 44; Lessing 3, 115, 109; Ranke
werke 1, 158; in der göttlichen willkür Gottsched
neuest. aus d. anm. gelehrs. 3, 172; Schiller 10, 138; Schleiermacher I 3, 83; einer höheren willkür .. überlassen Forster
schr. 8, 163. II@A@1@ee)
in adjectivischen verbindungen wie mit
eigenlicher willekür
trojan. krieg v. 2414; zu eigener w. Luther
s. unten f); aus eigner w. Hagedorn
werke 1, 20; erwöhlen von
freier wilchûr Schmeller 2, 891; ich gab dem ersten freien wilkur: wer übel thuet, das der daran verlur
altdt. passionssp. aus Tirol 229
Wackernell; die frei wilkur S. Franck
chron. (1531) d 4; durch eine freie willkür Nicolai
literaturbr. 3, 185; Ranke 35/36, 54; nach
aller willkür Hohberg
georg. 1, 344; nach
reiner willkür Döllinger
ac. vortr. 1, 11;
auch mit lobenden beiwörtern: kluge willkür Weichmann
s. oben c); der
schöpferischen willkür Novalis
schr. 2, 38; eine gewisse
verständige willkür in der lebensart kann keinem säugethier abgesprochen werden Brehm
thierleb. 1, 23. II@A@1@ff)
in verbalen verbindungen, wie die willkür (
freie wahl)
haben Güntzel 877, Adelung, Spreng
Äneis 108 a; die w.
behalten Clemen
reform.-flugschr. 4, 236; einem die w.
heimsetzen, vorbehalten Schmeller 2, 891; einem die w.
lassen: ob man .. solche .. vermanung wolle auf der canzel .. thun odder für dem altar, las ich frei eim iglichen seine wilkore Luther 19, 96
Weim.; (
die stadt) im frei wilkur liesz, eelich vermehelet werden oder nit Murner
an den adel 38
ndr.; zu seiner willkühre und gefallen
anheimstellen Widmann
Fausts leben 113
Keller; der ... willkür ... heimzustellen Heräus
ged. 271; der w.
überlassen Lohenstein
Ibrahim sultan (1680)
anm. zu abh. I
v. 401; Schwabe
belustig. 1, 512; Schiller 3, 444; sie solten des volks wilkür
untergeben werden A. U. v. Braunschweig
Octavia 3, 938; wenn mir got in mein wilkur
setzte, dasz ich jetzt alt mich wider erjüngern möcht S. Franck
sprichw. 1, 149
b; das du wilt in dein wilkor setzen, das solt du nicht thun Luther 20, 286
Weim.; solche wort gottes sind nicht
in unser frei wilköre
gestellet 30
II, 61; das sie dir in dein wilkür stel H. Sachs 13, 323
Keller-Götze; ob wir .. in dieser disputation .. verharren, oder unser vorige .. materi wieder anfahen söllen, stelle ich
zuo deiner willkuore Schwarzenberg
Cicero 45; Thomasius
kl. t. schr. 2(1707) 368; eczliche stände haben es auf eines jeden willkür gestellet
acta publ. 2, 291; so spricht er auch, dasz ... nicht gebotten werdt, das sacrament zuo entpfahen, sundern werdt
in eines ietzwedern willkürr
verlassen Nas
antipap. 3, 251
b; in eure willkür es jedoch wird frei gelassen, zu bleiben auch allhier Werder
ras. Rol. 246; da er sich selbst in eure willkür giebt Arnim 18, 242;
mit nichtpersönlichem subject: das mustu thun und
steht nit in deinem willkore Luther 10 i 1, 363
Weim.; 32, 53
und 361: denken schlechtes nicht anders, denn dasz sie frei seien und stehe in irem wilköre, die kinder zuo ziehen, wie sie es gelüstet 30
II, 61, 25; Schweinichen
denkwürdigkeiten 3; Zinkgref
apophthegm. 19; Birken
ostl. lorbeerhäyn 21; Lohenstein
Arminius 1, 9
a; Bodmer
crit. poet. schr. 2, 16; Niebuhr
röm. gesch. 1, 428; denke nicht, dasz solches zu deinem gefallen und eigener wilköre stehe Luther 30
I, 156, 15
Weim.; (die zusammenordnung der verse) ... bestehet ... zuförderst
auf des dichters willkür A. Buchner
anltg. z. dt. poet. 164; Lohenstein
Ibrahim sultan 72; stehen
bei des dichters willkür Zesen
vermehrter Helik. 1, 217;
beruhet auf unserm willkür Ch. Wolff
vernünft. gedank. v. gott 140; dies sollte ganz in ihrer willkür
bleiben Gries
Ariosts ras. Roland 3, 63; da der verlust mehr oder weniger in der willkür des geistes
ligt Schiller 1, 145; wenn das thun lediglich in der willkür (
des erben) liegt
bürgerl. gesetzb. § 2075; das gewissen des menschen
ist nach eines iden willkür Butschky
Pathmos 65. II@A@1@gg)
mit einer näheren bestimmung der sache, über die eine freie wahl besteht, II@A@1@g@aα)
in form eines abhängigen fragesatzes: es soll in ihrem wilkore stehen, was got sei odder nit sei Luther 10
I, 1, 240
Weim.; II@A@1@g@bβ)
als infinitiv mit zu: ein igliche stat ... ihm frei wilkör liesz, ehelich zu werden odder nit 6, 440; hat ihnen ... die freie wilköre, ihres gefallens testament zu machen, genomen C. Spangenberg
mansfeld. chron. 73
a; Lohenstein
Arminius 2, 272
b; II@A@1@g@gγ)
als substantiv mit über: da ein gutwilliger vater ihr ganz die willkür über ihre hand vergönnte Meiszner
Alcibiades 1, 7. II@A@1@hh)
in präpositionalen verbindungen; schon mhd. mit, nâch willekür Lexer 3, 891: wir sündigen
aus aigner wilkür B. v. Chiemsee
t. theolog. 297; mer ausz forcht umb frids willen, dann ausz wilkur der cardinälen S. Franck
chron. 308
b; Zesen
rosenmând 143;
Z. Werner
Luther 58; ein itzlicher
nach seiner freien wilkur eintweder er legt zuo, eintweder er legt ab
erste dt. bibel 4, 248; ein iglicher nach seinem wilkör Luther 2.
Cor. 9, 7; irer willkur nach Fischart
podagr. trostbüchl. 91
Hauffen; lasz uns nach Amors willkur wandeln auf der jugent spur Zinkgref
ged. 44; er konnte nach seiner wilkür leben Göthe 22, 100
Weim.; gebe jeder nach willkür etwas brosam und wein Voss
Odüssee 308;
von freier wilchûr Schmeller 2, 891;
zu eigener willkür Luther
s oben f). II@A@1@ii)
vereinzelt im plural: der mensch ist an eine regel gebunden, das heiszt: seine willküre hängen vom gesetz ab Hippel
lebensl. 3
II, 179;
vgl. auch wan in des königs freien wilkür und mächten stünde, den krieg anzufangen oder unterwegen zu lassen Chemnitz
schwed. krieg 1, 21. II@A@22)
aus der grundbedeutung entwickeln sich sonderverwendungen, die sich theilweise von jener völlig loslösen; II@A@2@aa) '
freie verfügung',
ähnlich wie beim grundwort kür
f., s. oben th. 5, 2786: ich verschreibe ihnen ... tausend dukaten zu ihrer willkür Stephanie
lustsp. 32; das vermögen deiner mutter wollte ich ihrer willkür nicht verweigern Iffland
theatr. werke 1, 166. II@A@2@bb) '
neigung' (
schon mhd. Lexer), '
absicht' (
vgl.kür a. o. o., sowie die paarung ohne w. und absicht,
oben 1 a); '
überlegung': von der klugen willkür Weichmann,
s. oben 1 c; '
freier entschlusz',
s. den beleg aus Hoffmannswaldau
u. and. Dt. ged., oben 1 c; '
wunsch, hoffnung, erwartung': seins hörtzen wunsch unt willekur, wie ör's nach lust begöret, willig hast im gewöret Schede
psalm. 74
ndr.; so danken wir doch der erzürneten gottheit, dasz sie uns noch mit der angenehmen hoffnung und willkür beseliget, als ein wahlreich den schmerzlichen verlust durch ein anderes gütiges haupt zu ersetzen Ziegler
asiat. Banise 52. II@A@2@cc) '
zustimmung';
mhd. mit willekore der meisten Lexer 3, 891;
ähnlich mnd. Schiller - Lübben 5, 717;
vgl. auch willekôrbrêf
einwilligungsschein: man sal ouch keine sache vor die rethe brengen noch schriben, esz sie danne mit willekor der meisten mennige ime sitzenden rathe
gesetzsammlgn. der stadt Nordhausen 72
Förstemann; wie solches durch einhellige willkür der ganze kaufman beliebet Micrälius
Pommerland iv 8; mehr mit gewalt dann gter willkur eingesetzt (
als abt) Stumpf
Schwytzerchron. 518
a. II@A@2@dd)
namentlich eine '
gegenseitige abmachung': des giengen auch baid barteien mit wüllkür auf den priarch zu ainer guetigkait
chron. d. dt. städte 5, 11 (
Augsburg 14.
jh.).
vor allem die '
anrufung eines schiedsgerichts, das schiedsgericht selbst oder dessen entscheidung'
; vgl. arbitrium, oben II
einleitung, willküren
v., willkürer
m., willkürrichter
m., unten; ähnlich wie kür
f. (
th. 5, 2786),
vgl. korlûte, kiesemann, kürer
ebd.: es mag auch der arbiter, so er die wilkor auf sich genommen hat, durch die obernhandt zuom urtail gezwungen werden, aber nit der arbitrator
der neu laienspiegel (
Straszb. 1518) 112
a.
ferner ein durch gegenseitige übereinstimmung entstandener '
vertrag',
ähnlich wie gemeine kür
im gegensatz zu eigen kür,
oben th. 5, 2786;
vor allen dingen die nach loslösung der städte von der landesherrlichen gewalt durch rath und gemeinde neu festgesetzten '
stadtrechte',
auch küren, buerkören, einungen, skraarecht, statuta, plebiscita, coniuratio
u. s. w. genannt Stobbe
gesch. d. dt. rechtsquellen 1, 490
ff; mhd. die willekor und gesetze Lexer;
mnd. Schiller-Lübben;
prerogatia Diefenbach
gloss.; ferner '
satzungen von corporationen und zünften'
; allerhand '
sonderrechte',
z. b. schiffahrt betreffend; meist im plural und namentlich ndd.: unde um dat der koplude vele kam van Lübeke, des makeden de ratmanne van Wismar, Rostok, Stralsund, Gripeswold enen wilkore (
vertrag), dat man neman scholde korn foren ute dem lande by groter pene Nitzsch
dt. studien 249; da baten sie, die alten löblichen wilküren, der stadt gegeben, widerumb aufzurichten Hennenberger
erclerung 124; der hoemeister ... setzet den rath zu Thorn ab und kuhr einen andern, wider der stadt wilkür (
privileg) 301; er wolte uns bei unsern alten privilegien, statuten, willküren .. handhaben Gr. Möller
annales 1578 (
acta boruss. 2, 850); zunftmeister, durch welche die willkür vorgetragen werden zu bestätigung durch einen rathschlusz Comenius
janua (1644) 198; die alten reichshandlungen, die landesordnungen und willküre der städte Leibniz
dt. schr. 1, 472; bis dahin konnten sie (
die tribus) nur willküren für sich selbst beschlieszen gleich jeder andern corporation, nur für die ihrigen verbindlich Niebuhr
röm. gesch. 1, 685.
im ordensland auch von '
zwangsweise auferlegten bestimmungen': das recht der städte hat der hochmeister durch eine allgemeine städtische willkür geregelt, die nicht ohne seinen willen geändert werden darf Treitschke
hist. u. pol. aufs. 52, 37; er allein entscheidet über die freiheit des handels und die zulassung der fremden, er bestimmt die willkür für die weichselschiffahrt
ebd. gerne und ohne scharfe abgrenzung gepaart mit gesetz
u. ä.: vormals, liebes vaterland, hieltst du eigne schätze, ordnung, freiheit, ahnenrecht, willkür und gesetze Neumark
neuspr. t. palmb. 28; der (
frohnherr), mit diensten des rechts und der willkür uns wie die pferd abquälet Voss
ged. 2, 29; bald nach der gründung der neuen staaten fieng man an, die bisherigen deutschen gewohnheitsrechte und willküren niederzuschreiben Eichhorn
staats- und rechtsgesch. 1, 99.
in der juristischen fachsprache aber von eigentlichen, allgemeingültigen landesgesetzen
scharf geschieden: weil sie (
die Israeliten) ... lauter gesetze und wenige willküren, sprachen, abschiede oder .. plebiscita hatten Möser
Osnabr. gesch. 2 1, 24; nämlich bisher war (
wenn plebiscite alle Quiriten verbinden sollten) beistimmung des senats und bestätigung der curien erfordert gewesen; nun genügte jene, um eine willkür zum gesetz zu erheben Niebuhr
röm. gesch. 3, 171; 2, 248; nach dem ausgang desselben (
des kampfgerichts) wurde ... der rechtssatz als freie willküre ausgesprochen Eichhorn
a. o. o. 2, 154.
diese scheidung tritt besonders zu tage in dem alten grundsatz willkür bricht landrecht,
d. h. wo besondere private abmachungen bestehen, finden die sonst gültigen, gesetzlichen bestimmungen keine anwendung: wer sich einer sache edder eines dinges vor dem richter edder vor den rathluten edder vor andern fromen luthen edder borgern vorwillekort (
freiwillig einigt), da mag her nicht me vor geschwere, wanne willekore brichet lantrecht Michelsen
rechtsdenkm. aus Thüringen 196; willekor bricht alle recht
rechtsbuch nach distinctionen 4, 46, 69
Ortloff; Hübner
zeitungslex. 31 (1824/28) 4, 947
a;
vgl. auch Wander 5, 246.
der spruch ist für den heutigen sprachgebrauch unverständlich, sodasz wir eher geneigt wären, ihn in sein gegentheil zu verkehren: das recht, das uns gesetze giebt, die keine willkür bricht Uhland
ged. 2102. II@BB.
neuer gebrauch, meist mit tadelndem sinn; vgl. auch unten die entwicklung von willkürig
und willkürlich. II@B@11) '
das gesetzlos-individuelle, principienlose, unmethodische wollen und handeln' (Eisler
philos. wb. 3, 1839,
woselbst noch weitere definitionen des begriffs)
; zu der grundvorstellung '
der freien wahl oder selbstbestimmung'
treten demnach weitere vorstellungen wie '
eigenmächtigkeit': durch fremde willkür .. ist in der gedruckten partitur ... eine phrase von zwei tacten in einen zusammengezogen O. Jahn
Mozart 3, 104
anm. 34; '
launenhaftigkeit, unberechenbarkeit, zufälligkeit': dadurch dasz sie ... nur aus reiner willkür und laune handelt
F. Schlegel
werke 4, 26; es mag dies willkür oder laune gewesen sein Gentz
schr. 1, 23; die persönlichen schicksale der junker und jüngeren officiere hingen von der gunst und willkür der regimentschefs .. ab Meinecke
Boyen 1, 22; (
ein recht hängt ab) von seiner willkür und gnade Niebuhr
röm. gesch. 1, 116; in staaten .., wo zufall und willkür .. mächtiger sind als gerechtigkeit Arndt
werke 1, 153; ein .. spiel der willkür Jhering
geist des röm. rechts 54; '
mangelhafte überlegung, unklare vorstellungen' (
schon von Adelung
bemerkt), '
mangel an ordnung': (
ein) gesetz, welchem sie ihre eigene willkür und wahn unterworfen Winckelmann
werke 12, iv; hier unten eitel willkür und verwirrung Grillparzer (1874) 7, 27 (
bruderzwist I); es kommt aus dieser unklarheit und willkür Gervinus
gesch. d. dt. dicht. 2, 24; von einem geiste träumerischer willkür und schrankenlosigkeit besessen Keller 1, 176; '
rücksichtslosevergewaltigung, zügellosigkeit, unsittlichkeit': den heiligen kampf .. der gerechtigkeit gegen willkür und ungerechtigkeit Haller
restaur. d. staatswiss. 1, lxi; durch willkür und unrecht .. erschüttert Immermann 18, 105; willkür und frechheit des geschmacks Göthe 44, 351
Weim.; die reichen handelten oft nach leidenschaft und willkür Tieck
schr. 20, 191; werkzeuge der willkür und gewalt Arndt
schr. f. u. an s. l. Dt. 1, 272; willkür und tyrannei Raumer
gesch. d. Hohenst. 1, 12; gegen seine eigene sinnlichkeit und willkür Strausz
schr. 6, 66; Keller 3, 88; '
einseitige subjectivität': die willkür des subjectiven Hegel 13, 111; die willkür der subjectivität (
bei Jean Paul) Ruge
briefw. u. tageb. 2, 419; in diesen tagen ungebundener persönlicher willkür Treitschke
aufs. 5 2, 35; nach persönlicher willkür Bismarck
ged. u. erinn. 1, 180
volksausg.; durch willkür eines einzelnen .. auferlegt Freytag 14, 5 (
techn. d. dramas).
als gegensatz erscheinen weniger die die willensfreiheit aufhebenden äuszeren gewalten (
s. oben A 1 b),
als die vernunft, das sittengesetz und die auf beiden beruhende ordnung: ich sehe, ... wie gesetze und bürgerliche einrichtungen der willkür weichen Knigge
umgang 2, 21; ob willkür drinn, ob drinn die satzung herrsche H. v. Kleist 3, 89; in die verwohnten gemächer der willkür sollte die gerechtigkeit einziehen Dahlmann
frz. revol. 21;
ferner der durch vernunft und sittlichkeit geleitete wille und die berechtigte willensfreiheit: und vor dem willen schweigt die willkür stille Göthe (
s. den beleg und einen ferneren oben sp. 142); ... dich, der willkür hasserin, freiheit Klopstock
oden 2, 88; alle freiheitsapostel, sie waren mir immer zuwider, willkür suchte doch nur jeder am ende für sich Göthe 1, 320
Weim.; willkür kann nicht hervorgehen aus dem adel des freien willens B. v. Arnim
Brentanos frühlingskr. 173; freiheit ohne schranke ist willkür Brunn
kl. schr. 3, 299. II@B@1@aa)
den ausgangspunct zu der neueren verwendung konnten fälle bilden, wo der zusammenhang, vor allem die mit dem wort verbundenen ergänzungen, den verschlimmernden sinn mit sich brachten; so schon mhd.: mit eigenlicher willekür swachent ir mich âne reht
troj. krieg v. 2414; nâch sîner vînde willekur Lexer 3, 891; durch menschlich gewalt und willkör Luther 7, 635
Weim.; würde auch das echt- und rechtwesen der sprachen zu schädlicher wilkür stehen und an stat der festen, ungewisse gründe herzuwachsen Schottel
haubtspr. 97, § 53; warumb aber unsere teutsche sprach der griechischen, lateinischen und anderer sprachen gesatzen und willkür underworfen sein ... solle, das kan ich noch nicht verstehen Weckherlin 1, 295
Fischer; der mächtigen lust und willkhur 2, 92; und wir lassen .. dessen nachkommen .. die willkür über unser leben und kinder ausüben? Lohenstein
Arminius 1, 18
a; unabhängig von allem willkür und eigendünkel Ramler
einltg. 1, 60; die gutsherrliche willkür war sein (
des leibeigenen) gesetze Möser
patr. phant. 2, 101; das spiel der willkür eines schlechten oder schwachen menschen Knigge
roman m. lebens 3, 12; brüder müssen nicht, was ihren unterhalt betrifft, von der willkür ihrer brüder abhangen Stolberg
werke 6, 135. II@B@1@bb)
in der zweiten hälfte des 18
jhs. ist die umwandlung vollzogen, sodasz das wort auch abgesehen von dem zusammenhang oder der umgebung meist einen üblen beigeschmack hat: willkür bleibet ewig verhaszt den göttern und menschen Göthe 50, 281
Weim.; ähnlich Schiller 12, 539; mit der ehre, dem leben, dem vermögen des volks können die groszen nach willkür umspringen Schiller 4, 142; die willkür trifft so gräszlich wie die feuersbrunst beim feste Chamisso 5, 282; das ganze land, der ganze hof .. könnten und müszten bezeugen, dasz er nichts aus willkür gethan Klinger
werke 9, 182; das volle bewusztsein (
bei Luther) einer von keiner willkür abhängenden ... überzeugung Ranke
werke 1, 335. II@B@1@cc)
die näheren bestimmungen entsprechen der veränderten bedeutung: II@B@1@c@aα) jede art von souveräner willkür Strausz
Schubarts leben 1, xvii; ungebundene w. Treitschke (
s. oben, sp. 210); die vollkommenste w.
briefe von u. an Herwegh 29; bare w. Peschel
völkerk. 516; der despotischen w. Schiller 4, 44; mit stolzer w. 14, 29; in frecher w. Droysen
Alex. d. Gr. 9; mit völlig schamloser w. Savigny
röm. recht 1, 25; die schnödeste w. Börne
schr. 6, 59; die böse w. Keller 6, 353; aus boshafter w. Ritter
erdk. 2, 1029; mit der grausamsten w. Arndt
schr. f. u. an s. l. Dt. 1, 235; von gedankenloser w. erzeugt E. Th. A. Hoffmann
werke 4, 46; die lüsterne w. Herder 26, 236;
aber auch den gipfel der willkür erreichen Dahlmann
gesch. v. Dänem. 1, 19; II@B@1@c@bβ) der w. preisgegeben sein Wieland
Agathon (1766/67) 2, 89; der w. bloszstellen Müllner
dram. werke 8, 103; der w. der bischöflichen officialen überlassen Ranke
werke 8, 135; der w. thor und thür öffnen J. Grimm
kl. schr. 3, 170; die w. entfesseln Justi
Winckelmann 1, 102; seine w. beschränken Göthe 21, 109
Weim.; jede w. des bürgers bändigen Treitschke
aufs. 1, 125; der w. eine schranke ziehen Ranke
werke 14, 121; von der w. abhängen 30, 30. II@B@22)
der aus solchem handeln hervorgehende verworrene und unbefriedigende zustand: hier mit des rohrbachs silberschleife züglend der grenzen verwirrte willkür Stägemann
kriegsgesänge 31; man fühlt das fremdartige und die willkür der zusammenstellung A. W. Schlegel
Athenaeum 1, 172. II@CC.
auch für den neueren sprachgebrauch sind aber noch fälle der verwendung ohne tadelnden sinn möglich, namentlich in einem zusammenhang, der jeden gedanken an eine unberechtigte willkür
ausschlieszt, so vor allem mit beziehung auf gott, die natur, die thiere, dann vielfach vom künstlerischen schaffen und in der wissenschaftlichen sprache, ferner meist in den verbindungen nach willkür, in eines willkür stehen, liegen (
belege oben A 1).
in manchen anderen fällen ist es schwer zu entscheiden, ob das wort im neutralen oder im schlimmen sinn gemeint ist: (
schön und häszlich sind namen,) die dem, was ein jeder liebt, willkür und gewohnheit gibt Petrasch
lustsp. 1, 208; wie uns die willkür unserer natur hin und her treibt Göthe 23, 178
Weim.; willkür .. ist die seele aller verfassung
F. H. Jacobi 6, 215; zu ausgedehnter, umfassender, gewaltiger willkür sind sie (
die menschen) herangewachsen Fichte
werke 2, 272; der ausgang folgte nicht aus der einfachsten natur der sache, sondern aus der willkür des autors Ludwig
schr. 5, 89.
das nebeneinander beider verwendungen läszt sich zu einem wortspiel verwenden: (
ein fürst) der dem recht sein recht läszt widerfahren und die willkür aus freier willkür von dem thron verbannt Raupach
dram. werke ernster gatt. 5, 8.