schlucken,
schwaches verbum ,
mhd. slucken
mhd. wb. 2, 2, 415
b. Lexer
mhd. handwb. 2, 990,
im ahd. (
doch vgl. das schwache masc. sluhho, slucko,
consumtor Graff 6, 786)
und den übrigen alten germanischen sprachen nicht bezeugt. nahe steht mhd. slûchen,
mnd. und neund. slûken,
s. oben schlauchen
sp. 506.
beide führen zurück auf ein starkes verb. ahd. *sliohhan (
oder *slûchan,
nd. slûken
bewahrt starke formen);
auszerhalb des german. sind verwandt λύζω,
λυγμός;
λύγξ,
λυγγάνομαι,
altir. slucit,
sie verschlingen, ro - slogeth,
absorpta est Fick
4 1, 577;
bemerkenswert ist die übereinstimmung in bildung und bedeutung von schlucke, schlücke (
s.schlucke 5)
und lucke, lücke,
von schlockern,
labefacere (
sp. 764)
und lockern,
nd. sluck,
matt, schlaff und dem alten adjectiv luck, lück (
theil 6,
sp. 1224);
diese übereinstimmungen weisen auf alte beziehungen der german. wurzeln sluk-
und luk-.
einer anderen ablautsreihe angehörig, aber im übrigen in analoger weise gebildet und gleichen sinnes mit schlucken
ist das schwache verbum mhd. slicken,
s. oben sp. 676
und unter schleck
sp. 547.
unserem schlucken
entspricht nld. slokken; slocken,
vel slicken,
vorare Kilian.
vielgebrauchte composita sind: auf-, ein-, hinein-, hinunter-, hinter-, nieder-, verschlucken.
neben dem nd. slûken
wird auch slucken,
wol unter hochd. einflusse gebraucht brem. wb. 4, 846. Schambach 195
b. ten Doornkaat Koolman 3, 213
a. Mi 81
a,
schweiz. mit umlaut schlücka Bühler
Davos 1, 135,
ebenso kärnt. schlück'n, verschlück'n Lexer 221,
oder liegt hier das alte schlicken
vor? 11)
schlingen, speise oder getränk hinunter schlingen; während schluck,
m. auf das getränk eingeschränkt ist, bewahrt das verbum die weitere bedeutung; in neuerer sprache meist mit nüancierungen verschiedener art; so bezeichnet es den bloszen physiologischen vorgang, durch den die nahrung dem magen zugefügt wird: beym schlucken wirken vorzüglich die muskeln der zunge, des gaumens und des schlundes. Oken 4, 243; hühnchen liegt an jenem berg und schluckt an einem nuszkern.
wunderhorn 2, 544
Boxberger; nicht schlucken können,
als krankhafter zustand Adelung; das beschwerliche schlucken (
disphagie) Campe; aus mangel der zähne schlucket er nur die brocken. Kramer (1702).
schon in älterer sprache entwickelt sich wie bei schlingen
der nebensinn des unmäszigen, gierigen, hastigen essens oder trinkens: glutire slucken
vel slynghen Dief. 266
c;
ingurgitare, in sich gurgeln
vel schlucken 298
c;
ligurire, schlucken 329
b; schlucken, schlinden, verschlinden,
vorare, gulare Maaler 356
d; schlucken, in den leib schlingen Hulsius
dict. (1616) 285
a; schlukken,
devorare, gurgitare, deglutire Schottel 1402;
pro ein sauffen, ein saugen, ich schlucke,
sorbeo Steinbach 2, 453; er kan weidlich schlucken Kramer (1702);
volksthümliche wendungen: he sluket, as de stork de poggen; he slukt, as wenn he hangen schall. Strodtmann 215; he sluckt as en trechter. Wander 4, 248; ainer schluckt, der ander schland. Hätzlerin 2, 67, 156;
die gierigkeit zeigt sich darin, dasz etwas ungekaut hinuntergeschlungen wird: das sie eʒ in sich truckten und unkiuwes sluckten.
lieders. 3, 402, 146:
scherzhaft: er schluckt ein glas wasser runter ohne zu kauen. Wander 4, 248;
in hündischer art: darmit inn eym schnaps dem maul zuwischet, unnd schluckts hinab ungekauet. Fischart
bienenk. 158
b;
sonst von thieren: sondern er selbst (
der habicht) frasz und schluckt sie in seinen rachen. Kirchhof
wendunm. 1, 79
Österley; er (
der drache) wânde sunder lougen daʒ er in slucken müeste, wan er was in der wüeste gewesen lange ân eʒʒen. Konr. v. Würzburg
troj. krieg 9789; sihe, er schluckt in sich den strom, und achts nicht gros, lest sich düncken, er wölle den Jordan mit seinem munde ausschepffen.
Hiob 40, 18.
von menschenfressern: weil sie vor diesen menschen gegessen, auch ihrer eigenen freunde fleisch, wenn sie gestorben, unter ander wilpret gemischet und in geschlucket. Olearius
pers. reisebeschr. 3, 3 (
s. 80
a).
die bedeutung des eigentlichen hinunterschlingens tritt in neuerer sprache gewöhnlich in den vordergrund, durchaus nicht immer mit dem begriffe des hastigen, gierigen verbunden: Euclio das ist Hans nimmer satt, der wil haben dienstbotten, die da haben ... ein verschlossen maul, sollen aber essen und schlucken nichts. Schuppius 405; also muste ich schlucken, was schwer zu verdauen war.
Simpl. 3, 23
Kurz; von trank: er schenkte beiden ein, stiesz an und schluckte das glas sehr lebhaft hinunter. Göthe 30, 225; (
sie) begannen nun erst ein fleisziges essen, wozu sie den wein in tiefen zügen schluckten. Keller 1, 257;
verächtlich: seht nur nach dem, der wasser schluckt, und einsam in dem winkel muckt, und stumme galle speit. W. Müller
ged. 2, 98;
von speisen: gute weine zu trinken, köstliche speisen zu schlucken. Göthe 36, 54; mandeln zu knuspern! erbsen zu schlucken. 14, 111; nur dürftige biszlein faszte der schnabel, der wirth schluckte die speisen allein. Schiller 11, 190; schluckt nicht seinen leckerbissen mancher grosze zitternd ein. Rost
bei Chr. H. Schmid
biogr. d. dichter 2, 433;
mit beabsichtigter rohheit: (
die pulver) soll ich eurer frau in der schokolade zu schlucken geben. Schiller
Fiesko 3, 3
bühnenbearbeitung. von dingen, die man nur mit einem geringeren oder stärkeren widerwillen herunterbringt: wider willen schluckt' ich das zeug, wie sollt' ich gedeihen? Göthe 40, 23; ich musz den ganzen tag medicamente schlucken;
schärfer von unwillkürlichem einnehmen: staub schlucken,
beim marschieren; wasser schlucken,
bei schlechtem schwimmen. 22)
freiere anwendung, übertragung, bildlicher gebraucht; vom erdboden, der regen, nässe aufsaugt: der bode schluckt Seiler 256
b. Hunziker 224. Bühler
Davos 1, 135;
freier: er verschwand, als hätte ihn der boden geschluckt, eingeschluckt, verschluckt.
von einem gewässer, das ein kleineres in sich aufnimmt: nachdem er (
der Bober) bey Hirschberg den Zacken in sich geschluckt. Opitz 2, 260.
übertragen, für das hinnehmen und verwinden von unannehmlichkeiten, ärger, leid u. s. w.: schlucken und vertöuwen oder leyden,
calamitatem haurire Maaler 356
d; viel zu schlucken haben,
viel auszustehen haben Schöpf 624; e hett scho fill müese schluke. Seiler 256
b; grobheiten schlucken müssen
u. ähnl.; besonders auch in dem sinne, dasz eine aufsteigende empfindung niedergedrückt, bezwungen wird: den arger dal slucken. Mi 81
a (
man beachte unter den belegen die Fieskostelle);
zu diesem gebrauche von schlucken
vergl. die anwendung von verbeiszen, hinunterwürgen
u. ähnl. Stieler
bezeugt einen für uns ungewöhnlichen gebrauch: der arme teufel musz daheime schlucken,
sich übel und elend behelfen (
vgl. schlucker); redst etwan wort in trunkenheit die wiedrumb must schlucken mit leid. Wickram
kunst zu trinken (1537) 2, c 3
a; diesen gelust müssen sie niederschluken. Schiller
Fiesko 1, 5; wir armen Deutschen müssen nun, so lange die deutsche zunge dauert, den jammer einer vierfachen vielzüngigkeit in uns schlucken. J. Paul
komet 3, 198; verzweiflung in sich schlucken. Pestalozzi 7, 275.
ganz anders gewendet von begehrlichem oder unnachlässigem einnehmen, an sich nehmen (
vgl.aufzehren,
verzehren in gleicher übertragung);
von personen: fette einnahmen, gewinne, antheile schlucken: der mein vermögen niederschlang und schluckte. Rückert
poet. werke (1882) 11, 511.
auch auf unpersönliches bezogen: was hat dieser bau an kosten geschluckt
u. ä. in dem sinne von aufzehren und vernichten: swâ übric rîchheît zühte slucket und übric armuot sinne zucket, dâ dunket mich enwederʒ guot. Walther v.
d. Vogelweide 81, 28. 33)
wiederholt, unwillkürlich und krampfhaft aufstoszen, singultire: singultare, schlucken Dief. 536
c;
singultire, schlucken, kluxen Schottel 1402; das schlucken,
singultus Steinbach 2, 453,
vgl. Frisch 2, 202
b,
nd. slukken,
schlucksen brem. wb. 4, 846; ek hebbe't slucken Schambach 195
b; vor das schlucken. Dryander
arznei (1542) 101.
das einfache verbum wird in diesem sinne in neuerer sprache gemieden und durch den schlucken haben, schlucken müssen
ersetzt. redensart: er musz schlucken, es denkt jemand an ihn (
räth man die betreffende person, so hört der schlucken auf).
ungewöhnlich auch für das willkürliche aufstoszen aus überfülltem magen: pro rülpsen, ich schlucke,
ructo Steinbach 2, 453 (
als landschaftlich). 44)
wie schluchzen
die bedeutung von singultire aufweist, so erscheint schlucken
in älterer sprache in dem sinne, den wir gewöhnlich mit schluchzen
verbinden; noch Frisch (2, 202
b)
und Adelung
bezeugen diesen gebrauch: schlucken, wie die kinder bey dem weinen ..
flere cum singultu (
dann im gegensatze hierzu: schlucken, ohne weinen) Frisch
a. a. o.; darumb wird durch dis seufftzen nicht allein das leiblich und kurtzwerende schlucken verstanden. Luther 1, 36
b; wenn gleich das fleisch schlucket und mucket.
briefe 5, 142; ob wohl ihre wort durch so viel seufftzer und schlucken gebrochen waren. A. Gryphius 1, 935; vom fräwlein wurd hiermit jhr fürtrag so geschlossen, darbey geseufftzt, geschluckt, viel thränen auch vergossen. Dietr. v.
d. Werder
Ariost 9, 56, 2 (
vgl. 10, 99, 5); ich sehe seinen schatz, das edle weib vergieszen der augen heiszes nasz, ich höre, wie sie schlukt. Rist
Parnasz 801.