kaum ,
aegre, vix. ahd. chûmo,
mhd. kûme,
mnd. kûme,
mnl. cume (
nnl. erloschen),
den andern deutschen sprachen fremd. ahd. chûmo
hat die form eines adv., ein adj. dazu aber nicht vorhanden; den stamm aber bieten das adj. chûmîg
infirmus, aeger, deficiens, fractus, saucius, chûmida
infirmitas, chûma
f. quaerimonia, chûmian, chûmôn
lugere, gemere, conqueri, flere, auch refl. sih chûmian;
noch mhd. kûmen
lugere, lamentari, kûmen unde klagen, kûmen unde wuofen (12.
jh.) Haupt 1, 286. 287, sich kûmen,
sich ängstlich bemühen. Ein adj., das gramm. 1, 748
aus kûme
vermutet ward, ist noch nicht gefunden, das kûme
Trist. 23, 12,
das gramm. 3, 600
und im mhd. wb. dafür angesetzt wird, ist scharf angesehen nichts als das gewöhnliche adv. (swie kûme eʒ sî,
wie knapp es auch sei, nämlich dasz er die rute berühre, gleich 'swie kûme erʒ gerüere').
Im nd. indess hat sich ein adj. bis heute erhalten, küm
schwach von alter, stöhnend, krank, ôld un kü
m. brem. wb. 2, 893, Schambach 116
a (
hier auch adv. küme
kümmerlich, knapp),
im Lippischen gedrückt, betrübt Fromm. 6, 217,
in der grafschaft Mark engbrüstig (quimen, quinen,
kränklich, schwach sein) Woeste
volksüberl. 101. 104.
ein alts. cûmian
entspricht dem ahd. chûmian;
jenes noch in mnl. cûmen
klagen, nnl. kuymen (Kilian),
noch jetzt nrh. kümme
ächzen, wehklagen Aachener mundart 135,
auf der Eifel sich keimen Schmitz 227
a (
vgl. keimern),
dem ahd. verbum gleicht noch schwäb. 'kaumen,
rotzen' Schmid 307,
d. i. laut weinen; vgl. els. verkômt
abgehärmt (verkompt
altd. bl. 1, 30).
merkwürdig auch eine nordische spur des wortes, schwed. landsch. kaum
n. jammer, kauma
jammern. Rietz 314
a.
Auch ein schweiz. wort aus dem Entlibuch und Solothurn erscheint in form und sinn sehr alt: kum, kumig,
adv. kränklich, unbehaglich, 'sist mir kum',
mihi aegre est. Stalder 2, 142.
Diesz kum
leidend, nd. küm
alterschwach, ahd. chûmîg
weisen auf den punkt, woher kaum
entstanden. anstrengung (
erschöpfung)
und krank sein haben öfter éine bezeichnung, z. b. in lat. laborare,
gr. κάμνειν,
μογεῖν,
bei beiden ist stöhnen und ächzen (
und chûmian
lugere stimmt lautverschoben zu lat. gemere
seufzen). chûmo
hiesz wol zuerst mit höchstem kraftaufwand, dann mit kaum ausreichender kraft, mit schwachen kräften, mühsam; wäre es ein abgeschwächter instrumentalis chûmû,
labore? das dazu nötige masc. chûm
könnte in etkum 3, 1174
belegt sein. es wäre ganz wie unser mit mühe,
franz. à peine
kaum, stärker 'mit müh und not',
s. dazu 1;
so mag gr. μόγις kaum irgendwie von μόγος mühe, not oder einer älteren nebenform erwachsen sein, während lat. aegre
kaum deutlich adv. zu aeger
ist, dem mhd. müelîche
entsprechend. auch das mhd. kûme
fühlte man natürlich als adv., daher mit andern adv. verbunden, z. b.: sô gibest dû (
bauer) dînen dienest sô kûme und sô trâge (
adv. zu træge). Berthold 151, 27 (49
Kl.), kûme
gleich aegre,
verdrieszlich, mit mühseligem widerwillen. Das täglich vielgebrauchte wort ist nicht bei der einen form geblieben, es ward erweitert in kaumet (
s. d.), kaumend, kaumends, kaumenden,
s. auch käumerlich.
für au
erscheint auch â, ô: darnach huob sich ain grosze wolfaile von allerlai getraid, des man cham gedacht (
sich kaum erinnerte).
Augsb. chron. (1418)
in Mones
anz. 6, 377; kam einer spannen lang.
Heidelb. urk. von 1411
das. 4, 257; sie kommen kam von irem leben.
fabel des 15. jh. bei Grimm
Reinh. fuchs s. 369; und schluog mich das ich kam entran.
fastn. sp. 332, 27. pirglaken, prem und meten hart (
hörte) man kam an den steten. Beheim,
Wiener 184, 20
u. oft; diesz kâm
ist wesentlich südostschwäb., bair. und östr., noch heute, es geht aber zurück auf eine mhd. erscheinende nebenform koume (
wb. 1, 908
a, 44),
die noch bei Keisersberg
erscheint, koum (
s. nachher),
und im vocal zu verkômt
oben stimmt. schweiz. kôm: von schrecken ich kom reden mocht. J. Lenz
Schwabenkrieg 3
a (kum 28
a); mit groszer not si kom entrannen. 80
b;
auch österreichisch, in einem liede aus Wien, 16.
jh.: der zehend kom verstuond. Körners
hist. volksl. 130,
und selbst thüringisch, in einer chron. des 15.
jh.: es trugen auch die manne uf diese zeit korze cleider so das sie eren schemen (
pudenda) kome bedacktin. Haupt 8, 469;
auch in einem rhein. voc. 15.
jh. kom Dief. 624
c.
eine schlechte form kumme
steht das. aus einem md. voc., und im Eulenspiegel von 1519,
bei Lappenberg
s. 92. kaume,
mit alter endung, hat noch Hoffmannswaldau: bald einer der sich kaume rührt.
sterb. Socr. (1700) 142. 11)
Die alte bedeutung '
mit mühe', mit groszer müy und arbeit
wie es Maaler 241
c erklärt, ist mhd. meist noch sichtbar, oft sehr kräftig, nhd. ziemlich selten (
vgl. 5,
b)
; wenn dem Siegfried die erste zusammenkunft mit Kriemhild bevorsteht und er erst in der kirche die messe ruhig mit abwarten musz: vil kûme beite Sîfrit daʒ man dô gesanc.
Nib. 300, 1,
so ist das noch deutlich: '
mühsam, nur mit anstrengung'
wartete er geduldig die messe aus, oder auch, wie bei Berthold
vorhin, '
nur mit verdrusz',
aegre. nach unserm gefühl scheint aber können
dabei zu fehlen: kaum konnte S.
erwarten,
und so häufig, z. b.: in (
den stein der Brünhild) truogen kûme zwelfe der küenen helde unde snel. 425, 4; der künec beite kûme daʒ man von tische gie. 608, 1, '
konnten kaum tragen, konnte es kaum erwarten'
denken wir unwillkürlich in folge der schwächung unsres kaum; dô schluog der starke rise dem ritter edel ein wund, das er kaum mit eim beine auf dem Trachensteine stund.
hürn. Seifr. str. 108,
kaum mit dem einen beine noch stand halten konnte; ich hab (
berichtet ein niederer teufel in der versammlung seinem herrn) xl ganzer iar einen münch angefochten in der einöde zuo sünden, und hab in koum (
nur mit mühe) in diser nacht darzuo bracht, das er in unkeüscheit gefallen ist. Keisersberg
hell. löw a 5
b,
es ist das mhd. koume,
vgl. auf derselben seite z. b. 'auf einem brautlouf'; gar kum (
schwer) ein wund wider genist (
heilt) die me dan einst ufgbrochen ist. Brant
narr. 84, 13; kum loszt sich strofen (
zurechtweisen) der verkert. 54, 11; und ist uns bange, das wir kaum odem holen.
Jesa. 26, 18,
wie ahd. ih chûmo geâtemôn Notker
ps. 142, 7 ('dasz wir kaum odem hohlen können'
citiert Adelung
jene stelle, es steht wol in neueren bibeln so); stilleten sie kaum das volk, das sie inen nicht opferten.
apost. 14, 18; da wir aber langsam schifften und in viel tagen kaum gegen Gnidum kamen, denn der wind wehrete uns. 27, 7; wir treffen das kaum, so auf erden ist, und erfinden schwerlich, das unter handen ist: wer wil denn erforschen das im himel ist?
weish. Sal. 9, 16,
können kaum das mit unserm verständnis erlangen; dise stuck des hausrahts sind am ärgsten, die man kaum (
nur mit mühe) zuwegen pringt oder nicht geringlich (
leicht) mögen erhalten werden. Fischart
ehz. 534
Sch. Aber auch schon mit können: ir müst den galgen raiten, des kan ich kaum erpeiten (
erwarten).
fastn. sp. 428, 13; wie lieblich sind alle deine werk, wiewol man kaum ein fünklin davon erkennen kan.
Sirach 42, 23; er (
der teufel) vermag wunderbarliche ssze insenden, also das ein mensch koum anders glouben mag weder (
als) das solliche sszikeit von gott sei. Keisersberg
irrig schaf D 4
a; so konnten sie kaum aufrecht stehn. Gellert (1784) 1, 7; wenn alles sich verhält wie du mir sagest, kann ich mich selber kaum in Nathan finden. Lessing 2, 313.
Das können
fehlt aber auch in neuerer zeit noch zuweilen: alles öl war ausgetrunken und des lebens letzter funken glimmt' am dürren tachte kaum. Bürger (1789) 1, 216; wir leben nicht, uns träumet des daseins dunkler traum. man sieht gebild' und reimet die schattenbilder kaum. Voss (1825) 3, 216; stille lebte sie (
Ophelia) vor sich hin, aber kaum verbarg sie ihre sehnsucht, ihre wünsche, Göthe 19, 92; kaum halt ich mich, dasz ich dich nicht beim kopf mit beiden händen fasse. 11, 126; du bists! ich glaub es kaum. 12, 242; kaum gebiet ich dem kochenden blute. Schiller 490
b ihre wonne faszt sie kaum. 61
b; kaum entrissen wir den unglückselgen seines grimmes händen. 446
a; kann sich — verzeihen sie mir diesen zweifel — ihr edler stolz zu diesem amte borgen? kaum glaub ich es. 282
a.
diesz blosze kaum
ist besonders kräftig, wesentlich dichterisch, wo es nicht in ein anderes kaum
übergeht, z. b. in ich glaube es kaum,
d. i. nicht so recht, so völlig. das alte starke kaum
wird dagegen jetzt meist ausgedrückt durch (nur) mit mühe, mühsam, mit müh und not, mit groszer not,
volksm. kräftiger mit genauer
oder knapper not, mit knapper müh und not;
ein früherer ersatz, schwerlich,
ist jetzt selbst schon wieder verblaszt fast bis auf die stufe des heutigen kaum
herunter. 22) Kaum
selbst ist so gut wie unter die partikeln eingetreten und hat sich, da eine verneinung ihm stets leise inwohnte, dem nicht
nahe gestellt, als eine vorstufe des vollen nicht;
sein unterschied von diesem ist je nach betonung oder zusammenhang verschieden abschattiert, oft aber fast aufgehoben. auch das zeigt sich schon mhd.; wie nämlich da mit weitgreifender ironie (
litotes)
für starke dinge absichtlich schwache wendungen gebraucht werden, lützel, kleine
für gar nicht, vil selten
für niemals u. a., so war auch kûme
als ironisches nicht
gebraucht, s. die stellen im mhd. wb. So entschieden verneint es jetzt nicht mehr, kaum jemals
ist '
vielleicht niemals',
oder '
so gut wie niemals',
oder '
eigentlich niemals',
allenfalls '
höchstens einmal',
es schwebt zwischen '
niemals'
und '
nur einmal',
ohne eins von beiden zu sein, also kaum
ungefähr gleich '
beinahe nicht': ich wage kaum das zu hoffen,
d. i. hoffe es nicht so recht, nur halb oder kaum halb; kain guot chomt von der puochen, dann das man die schwein damit mest, der man aun urlaub (
ohne erlaubnis zu melden) kaum genennen dar (
wagt, darf).
Hätzl. 172
a,
der gen. der
ist herbeigeführt durch das in kaum
verborgene nicht (
s. d.); das ist kaum denkbar, kaum zu begreifen
gleich fast undenkbar; man braucht die feder kaum anzurühren, so springt der deckel auf,
man braucht sie nur so leise anzurühren, dasz man sie beinahe gar nicht berührt; er ist ein harter charakter, ich hab ihn kaum einmal weich gesehen; wenn einer zum kornhaufen kam, der zwenzig masz haben solt, so waren kaum (
knapp) zehen da.
Haggai 2, 17; und so der gerechte kaum erhalten wird, wo wil der gottlose und sünder erscheinen? 1
Petr. 4, 18; indem sie kaum sich ihrer bewuszt in der angst der freude dahinsank. Klopstock
Mess. 14, 121; diese betrachtung sollte uns fast bewegen, von der einkleidung des gegenwärtigen werks gar nichts zu sagen. kaum dieses, dasz es aus briefen bestehe. Lessing 5, 62,
das ist noch einen grad weniger als 'höchstens dieses'; der Franzose hat doch wenigstens noch eine bühne, da der Deutsche kaum buden hat. 6, 214, kaum
im verdrusz statt höchstens
gesagt; wie? das fragst du mich? ich weisz ja kaum von wem die rede war. 2, 241; wo bist du, Saladin? wie spielst du heut (
schach)? 'nicht gut? ich dächte doch'.
Sittah. für mich — und kaum. 2, 226; kaum will mir die nacht noch frommen, denn die träume selber kommen nun in trauriger gestalt. Göthe 1, 101; wo jenseits auf höhen .. der feind einen kaum übersehbaren (
fast unübersehbaren) halbzirkel bildete. 30, 78; den schnellempfundnen ersten, kaum verstandnen blick. 41, 252; kaum gibt wahres gefühl noch durch verstummen sich kund. Schiller 76
b; kaum warf noch einen bleichen schimmer die hoffnung auf den finstern weg. 49
a; noch schlummerts tief in lagers raum, die sterne steigen auf und nieder, die todtenstille regt sich kaum. Körner
leier u. schw. 14; die bäche gehen rauschend nieder durch die dämmernde einsamkeit, kaum noch hört man einen hirten singen. Eichendorff
ged. 397.
Daher kaum mehr, '
beinahe nicht mehr',
statt des gewöhnlichen kaum noch,
in jenem wird das verneinende in kaum
gefühlt: dasz ihr flugs der bansch (
bauch) so wehe thate, dasz sie kaum mehr keuchsen kunte. Schoch
stud. D 4
a; diese güldnen zeiten der deutschen handlung kommen wol niemals wieder, sie werden kaum mehr geglaubt. Möser
patr. phant. (1778) 1, 260.
gehäuft kaum noch mehr,
im munde der Recha die mit höchster ungeduld spricht: ihr habt euch sehr verweilt, mein vater, er wird kaum noch mehr zu treffen sein. Lessing 2, 242. 33)
Schon in einigen dieser beispiele nimmt der begriff leise eine neue wendung, das kaum
geht von der sache ab mehr auf die meinung, das urtheil des sprechenden über, es wird wie schwerlich, wol, gewiss
und viele andere ein mittel, der ausgesprochenen ansicht eine bestimmte stärke zu geben, den grad zu bestimmen wie weit sie gelten solle; aus dem '
beinahe nicht'
wird '
nicht leicht', '
wol nicht', '
nach meiner meinung nicht'
u. s. w.: ich west dich kaum pasz zu bedeuten dan ein merwunder bei sunst leuten. H. Folz
in den fastn. sp. 1275,
ich wüszte dich, so viel ich kann, nicht besser zu vergleichen; deshalb er (
Jesus) uns hatt mit fleisz underwisen und gereizet zu beten. es ist koum ein werk, darzuo er uns also fleisziklich gereizet hat. Keisersberg
irrig sch. H 3
a; ich acht und halt, kaum (
schwerlich) dein gestalt im ganzen reich wird funden.
Ambr. lb. 43, 29; nu stirbet kaum jemand umb des rechtes willen.
Röm. 5, 7; ach gott! wie doch mein erster war, find ich nicht leicht auf dieser welt den andern! es konnte kaum ein herziger närrchen sein. Göthe 12, 155, nicht leicht
und kaum
könnten da geradezu die stellen tauschen; in Deutschland war es noch kaum jemand eingefallen jene ungeheure privilegierte masse zu beneiden. 48, 71,
das ist so ziemlich '
ich glaube nicht dasz ...'; 'die gegenwärtge zeit ist noch an mehrern wunderdingen fruchtbar'.
königin. an gröszern kaum. Schiller 281
b.
So besonders bei zahlen- oder gröszenbestimmungen, die man im aussprechen noch beschränkt: mancher mit sunden guot gewint, dar umb er in der hellen brint. sin erben achten das gar klein, sie hülfen im nit mit eim stein, sie lösten in kum mit eim pfund. Brant
narr. 3, 21, '
nicht einmal ein pfund, glaub ich'
würden sie an seine auslösung wenden; halts mit jederman freundlich, vertrawe aber unter tausent kaum einem.
Sirach 6, 6; es sind kaum zehn mann gesund wiedergekommen.
so oft in der heutigen gelehrtensprache, z. b. ein beweis wird sich kaum finden; der erste satz ist richtig, kaum der zweite; die construction ist richtig, aber kaum entsprechen ihr die thatsachen.
das ist nichts als ein unsicheres oder vorsichtiges nicht, '
nach meiner überzeugung nicht'.
In 'ich glaube kaum'
und ähnlichen ist kaum
oft der rest des abhängigen satzes, der aus dem zusammenhange klar ist, z. b. wird nicht bald friede werden?
antwort: ich glaube kaum,
d. i. ich glaube, 'kaum',
glaube, er wird kaum werden. auch blosz kaum
in der antwort: 'kann man denn zu gut von den menschen denken?' Vult lachte und sagte 'kaum!' J. Paul
flegelj. (1804) 1, 120. 44)
Eigen ist ein jetzt vergessenes kaum nicht
als starkes '
beinahe'
; denn da kaum
ist '
beinahe nicht',
so hebt ein wirklich zutretendes nicht
jenes gedachte auf, und bleibt '
beinahe': man sagt, und ist kaum nicht war, das mehr Schweizer in Frankreich als in ihrem land werden auferstehn (
beim jüngsten gericht). Fischart
Garg. 27
b (37),
er meint '
und es wird so ziemlich richtig sein'; ob mich nun wol dergleichen unbillige widerwertigkeit, die ich ohne meinen verdienst tragen musz, oftermals kaum nicht zwinget wie Nero zu sagen 'vellem nescire literas', jedoch habe ich
u. s. w. Opitz
poeterei vorr. A 2
b; hier ist nichts denn finstre nacht, blinde schatten, schwarze hölen, da (
wo) die einversperrten seelen kaum nicht werden ümgebracht. Fleming 297.
Doch findet sich auch kaum
mit einer negation so, dasz nach alter deutscher weise (
s. kein 4)
die beiden verneinungen einander nicht aufheben, sondern verstärken: nichts mag kaum sein so ungelegen (
schwierig), welchs nicht die arbeit bring zuwegen. Fischart
gl. schiff 43; aber S. Urbans plag, ihren (
ihr) keiner kaum entfliehen mag.
groszm. 90 (618
Sch.). 55)
Verstärkungen. 5@aa)
mhd. war kûme
der steigerung fähig, kûmer (kiumer
fundgr. 1, 380
a), kûmest,
z. b.: du wirdest als kûme rîch mit der unê als mit der ê, oder kûmer. Berthold 279, 2 (80
Kl.). 5@bb)
wie diesz als kûme, '
so kaum',
hiesz es auch vil kûme, wie kûme, swie kûme, kûme genuoc Stricker
Karl 8123.
mit dem ausrufend steigernden wie
noch im 15.
jh., bei Wittenweiler: wie chaum bestuond er auf der erd und mochte recht gesprechen 'ja'!
ring 32
d, 31, '
mit welcher mühe!'
im 16.
jh. häufig gar kaum,
vix aegre Maaler 241
c,
noch im 17.,
nun auch verloren: dar umbe sô mugen sie die rechten wârheit gar kûme oder villîchte nimmer mêr begrîfen.
theologia deutsch cap. 13; si sprach, ich bin her chomen gar kaum mit groszer eil.
Hätzl. 15
b; wa ein mönsch ursach hat zuo sünden (die da gar manigfaltig ist), so enthalt sich ein mönsch gar koum. Keisersberg
klappermaul B 1
b; erberkeit muosz verr hinden stan und kumbt gar kum uf grünen zwig. Brant
narr. 83, 9; durch lieb kam er in grosze not, er ist gar kaum entrunnen. Uhlands
volksl. 252; weil wir durch unser sünd entwicht sind nun gar kaumb wirdig und werdt. H. Sachs
bei Göz 4, 103; wo ist das grosze bild der sonnen zu Rhodis, das seinen daumen auch gar kaum umbklaftern liesz? Opitz 3, 283. fast kaum
führt Heynatz
antib. 1, 405
an aus dem '
deutschen Barre' 3, 444: die Deutschen hatten dergestalt abgemattete pferde, dasz sie sich fast kaum halten konnten,
diesz fast
oberd. gleich sehr. 5@cc)
eine neuere verstärkung ist nur kaum: Saladin verfügt von zeit zu zeit auf abgelegnen wegen nach dieser veste sich, nur kaum begleitet. Lessing 2, 220; jener denkt nur kaum mit seinen augen, dieser sieht auch mit seinen gedanken. 8, 244; machen sie sich gefaszt mehr als eine nachricht zu lesen, wovon die geschichtschreiber der kirche nur kaum murmeln. 8, 374; Miller, ich weisz nur kaum noch, wie ich in sein haus kam — was war die veranlassung? Schiller 209
a.
es scheint jetzt auch vergessen. 5@dd)
verdoppelt kaum kaum,
oder kaum und kaum: der miethling flohe weg, der wilde wolf brach ein und liesz mich schwaches vieh kaum kaum noch übrig sein. Fleming 30; ich war kaum kaum kommen,
modo accesseram, und noch kühner 'kaum-
kaumlich wollte es angehen,
difficulter atque aegre fiebat' Stieler 941 (
s. kaumlich); dasz man vom baum den schattenbaum kaum kaum noch unterscheiden kann. Brockes 7, 116; dem noch von auszen erschien, im leben, die himmlische gottheit, die der neuere kaum, kaum noch im herzen vernimmt. Schiller 84
a,
das komma zwischen beiden kaum
dürfte dem sinne nach nicht stehn; kaum, und kaum, kann ich es nun erwarten, was er mir zuerst befehlen wird. Lessing 2, 252 (
Nathan 2, 7),
da sind die kommata wol bedacht, sie stehn schon in der 1.
ausg. des Nathan 1779
s. 104; weil unsre hauslust manches trieb, was kaum und kaum in schranken blieb. Voss (1825) 4, 154. kaum, und aber kaum,
vix, ac ne vix quidem. Stieler 941.
vortrefflich ist eine verstärkung in der schwäb. mundart, unkaum Schmid 333,
mit dem un
wie in unwirsch, unkosten
u. a. 66)
Von der zeit. kaum
mit seinem knappen masz auf die zeit angewandt hat eine weitere entwickelung veranlaszt, die mhd. noch unbekannt scheint. das schiff soll eben abstoszen, man will noch eben mitfahren: steig ein, es ist kaum ein augenblick zeit übrig;
der eingestiegne sagt dann: ich hatte kaum noch zeit über die landungsbrücke zu kommen, so schnell stiesz das schiff ab,
er hatte sie aber doch noch, eben knapp abgeschnitten; dann aber sagt er mit einer übertreibung wie sie die erregung mit sich bringt: ich war kaum über die landungsbrücke, als man sie abnahm und das schiff abstiesz,
oder nachdrücklich vorangestellt: kaum war ich hinüber, so nahm man sie ab.
kurz kaum
gewann auf solche weise die bedeutung von '
eben erst' (
wie ähnlich nur),
aber weit schärfer als diesz. so denn 6@aa)
allein: ich bin kaum (
oder kaum erst) von der reise zurückgekommen und musz schon wieder fort,
deutliche übertreibung; kaum angelangt ward er von der polizei gefaszt; er spielt und gewinnt oft, aber kaum gewonnen geht das geld wieder fort; 'ist B. nicht hier?' er ist kaum fort,
eben erst weggegangen. sein antlitz, kurz zuvor so welk, so todtenbleich, wird feuerroth, sein puls, der kaum so träge und muthlos schlich, verdoppelt seine schläge. Wieland
Oberon 8, 13, kurz zuvor
und kaum
völlig gleichbedeutend; das meer, so fürchterlich kaum aufgebirgt, sinkt wieder bis zur glätte des hellsten teichs.
das. 8, 31; denn vor andern verlieh der schmeichlerin Amor die gabe, freude zu wecken, die kaum still wie zu asche versank. Göthe 1, 272; du übst die alten zauberlieder, du lockst ihn der kaum ruhig war. 1, 70,
da mischen sich die zeitliche und die ursprüngliche bed.: '
eben erst'
und '
mit mühe'.
ganz eigen ist folg. gesagt: (
alles schläft), mich hälts wach, dasz es kaum ist wie ich noch mit dir zusammen war. Bettine
br. 1, 146,
kurze zeit erst her ist. 6@bb)
verstärkt durch noch,
wie von dem 'noch nicht'
entnommen, das in dem kaum noch
versteckt ist: und eilt den alpen zu das erste gras zu finden, wo kaum noch (
eben erst) durch das eis der kräuter spitze sprieszt. Haller (1777) 34; und ihr, noch kaum so sanft wie Amors holde braut, giebt die verzweiflung itzt die augen von Medusen. Wieland
Oberon 5, 44; die schranken sind noch kaum geöffnet, und man wollte die wettläufer lieber schon bei dem ziele sehen. Lessing 7, 451; wir haben eine übersetzung vom Shakespear. sie ist noch kaum fertig geworden, und niemand bekümmert sich schon mehr darum. 7, 68; kaum hatt' er noch das geld empfangen, so rief der witzge delinquent ... Gellert (1784) 1, 212; hier auf dem strohe liegt die erst entbundene frau des reichen besitzers, die ich mit stieren und wagen noch kaum, die schwangre, gerettet. Göthe 40, 245. 6@cc)
mit einer conjunction: als nu Isaac volendet hatte den segen uber Jacob, und Jacob kaum hin aus gegangen war von seinem vater Isaac, da kam Esau sein bruder von seiner jaget.
1 Mos. 27, 30; doch wenn sich kaum die lauen lüfte rühren, ist blum und gras und mensch nicht mehr zu spüren. Canitz (1734) 178; wenn kaum die lerchen noch den frühen tag begrüszen ... entreiszt der hirt sich schon aus seiner liebsten küssen. Haller (1777) 34; nachdem er kaum aus dem gefängnis entlassen ist, stiehlt er schon wieder. 6@dd)
ebenso dann ohne conjunction im vordersatze: er hat kaum ausgetrunken, springt im sein herz entzwei. Uhlands
volksl. 218; das volk het kaum ihr wunsch verricht, verlor das schiff sich aus dem gsicht. Fischart
gl. schiff 527; kaum war der vater todt, so kömmt ein jeder mit seinem ring ... Lessing 2, 278; kaum ist das erste blatt in Frankreich abgezogen, so feuchtet Deutschland schon zur übersetzung bogen. J. B. Michaelis 1, 121; kaum kamen die letzten in sichern port, so rollte das letzte getrümmer fort. Bürger
ged. (1789) 2, 94; doch dem war kaum das wort entfahren, möcht ers im busen gern bewahren. Schiller 59
a; kaum seh ich mich im ebnen plan, flugs schlagen meine doggen
an. 66
b.
da entspinnt sich die bed. '
sobald als ..'
und zwar in der schärfsten bezeichnung die möglich ist. noch kürzer und schärfer wird der vordersatz gefaszt durch das blosze part. praet. (
gramm. 4, 909): kaum gesprochen, so geschah es. Herder
Cid 54; kaum gesagt, da entflog zu dem binsigen sumpfe der knabe. Voss
Luise 1, 210; kaum gesagt, so enteilte Marie, die geschäftige hausmagd.
idyll. 13, 147; kaum gedacht, kaum gedacht, wird der lust ein end gemacht. W. Hauff. 6@ee)
aber nóch einfacher wird in erregter und dichterischer rede die ganze periode gefaszt. in tiefster bewegung, mit aufhebung aller satzzeichen, jammert Gretchen: ich bin ach kaum alleine, ich wein, ich wein, ich weine, das herz zerbricht in mir. Göthe 12, 190,
sobald ich nur allein bin, so weine ich, dasz u. s. w.; beinah ebenso kann der gemeine mann sagen: ich bin kaum alleine, kommt auch der störenfried schon.
auch in des Epimenides erwachen einmal mit kahlem nachsatz und ohne die sonst dabei nötige umstellung: kaum ist ein groszes werk gethan, ein neues war (
da war e. n.) schon ausgedacht. 13, 273.
gewöhnlich tritt da und
ein als band des nachsatzes: ich seh es kaum und das unglück ist geschehen,
da war das unglück schon geschehen: kaum hat der vögel chor zu singen angefangen, und uns ist alle lust in lauter leid versetzt. Morhof
ged. 203; kaum viermal hat der mond erneuert seinen schein, und sieht man wie der tod den lebensfaden schneide. 349.
Im vordersatze tritt in gewissen fällen dürfen (
d. i. brauchen)
aushilflich ein: des kleinen wiege stand zu nacht an meinem bett, es durfte kaum sich regen, war ich erwacht. Göthe 12, 163,
d. i. sobald es sich kaum regte, eigentlich: es brauchte sich beinahe nicht zu regen, noch ehe es sich wirklich regte. das ist volksmäsziges und hausdeutsch, z. b. von einem verzogenen kinde: er darf kaum lallen (
oder winken
u. ä.), wird ihm sein wunsch erfüllt.
ebenso ich darf nur, blosz ... 6@ff)
man hat ernstlich den versuch gemacht diesz kaum
vollends zur conjunction zu erheben, so Hurter im
leben k. Ferdinands II. 7, 233: kaum der herzog gestorben war, wurden die katholiken theils vertrieben theils mishandelt,
und öfter daselbst; sagt man in Österreich so? den übergang dazu bildet kaum dasz ..
für '
als kaum ..',
manche andere conjunction ist nur durch ein solches ursprünglich verbindendes, dann übergangnes dasz
dazu geworden, wie damit, nachdem, währenddem, trotzdem: kaum dasz der zofe hand den langen anputz endet ... so lächelt alles schon in ihrem angesicht. Zachariä
verwandl. 3, 7; kaum dasz ich Bacchus den lustigen habe, kommt auch schon Amor der lächelnde knabe. Schiller 50
b. 77)
Dieses kaum dasz
dient aber auch auszer solchem periodenbau, mit einer elliptischen wendung wie ähnlich nur dasz .., blosz dasz .. (2, 815),
in dem kaum, nur
ist dann ein ganzer gedanke, satz verborgen: ärmliche kleider, kaum dasz sie die blösze decken; kaum, dasz sich je ein paar also geliebet hat! Morhof
ged. 208,
das komma steht im druck: es ist kaum möglich, kaum dagewesen
oder ähnlich; die zählte sie mit wenig freude und sprach: kaum dasz ichs dulden kann — bei allen weibchen die ich weide treff ich nur einen widder
an. Hagedorn 3, 36; die sonne stieg indesz blutroth zum horizonte, kaum dasz ihr trüber stral auf Leipzig blicken konnte. Zachariä
renomm. 6, 18,
d. i. '
kaum so viel vermochte sie noch, dasz ...'; und kaum dasz sie zur zier dergleichen thut, als widerstände sie. Wieland 23, 259; kaum dasz er ganz von weiten, so viel ich mich erinnere, an einer einzigen stelle, auf seine liebe gegen die alte religion zielt. Lessing 3, 282; kaum dasz ich mich halte, nicht auffahre, zu dir hinrenne und mir deine einwilligung erzwinge. Göthe 18, 98; es ist sehr trübe, groszer lehrer, kaum dasz hie und da ein sternchen durchblinkt. 14, 133; kaum dasz er seinen triumph in gegenwart Ottiliens verbarg, so sprach er sich gegen Charlotten laut aus. 17, 299,
das geht zugleich über in '
während er kaum (
mit mühe, beinahe nicht) ...'; gewiss nicht. kaum dasz ich zweimal sie gesehn. Schiller 269
b wie jauchzt meine seele und singet in sich! kaum dasz ichs verhehle, so glücklich bin ich. Eichendorff
ged. 288; ich wäre um ein haar den berg hinab gekollert, kaum dasz ich noch in einen dornstrauch greifen konnte,
geht über in '
wenn ich nicht noch .. hätte greifen können'; ich weisz nicht wie das stroh feuer gefangen hat, kaum dasz ein kleines fünkchen in die nähe hin flog; jetzt ist die luft milde wie im sommer, und kaum dasz hier und da ein regentag das wolkenlose blau des klaren himmels unterbricht. W. v. Humboldt
an eine freundin 2, 96.
diese wendungen gehören vorzugsweise der gesprochenen sprache an, sie haben etwas heftiges, die gemütsbewegung malend. Dann auch ohne dasz
und satz: die wunde ist schlecht geheilt, er musz sich ängstlich in acht nehmen, kaum ein kleiner diätfehler und der schmerz ist wieder da; kaum ein schöner tag, so war er gleich von so schwüler hitze ... dasz sich ein gewitter zusammenzog und wieder kühle und regen herbeiführte. W. v. Humboldt
a. a. o. 1, 362. 88)
auch durch ellipse erklärt sich ein seltener gebrauch von kaum,
wo es als '
doch wenigstens'
auftritt und seine natur ganz zu verleugnen scheint. in Leipzig, Dresden, Bautzen sagt man ganz gewöhnlich: nein, nein, ich gehe gleich mit, da hab ich kaum das vergnügen deinen bruder kennen zu lernen; ich ärgere mich nicht über das regenwetter, da rück ich kaum mit meiner arbeit vor; lasz nur das alte haus einfallen, da musz er kaum ein neues bauen, da kann ers kaum nicht wieder flicken lassen.
ebenso in Thüringen, Schlesien: gut, da brauch ichs kaum nicht zu sagen; wenn dus nicht nimmst, behalt ichs kaum. Weinhold 42
b.
schon Rädlein 529
b nahm es auf, mit sternchen als dial. bezeichnet: kaum,
dann, doch, z. b. so haben wir kaum noch eine kleine lust gehabt.
bei schriftstellern ist es äuszerst selten; Gellert
hat es aus dem munde eines bauern: er sagte dasz er einen kleinen sohn hätte .. der ihm des abends, wenn er von der arbeit käme .. etwas daraus vorlesen sollte (
aus Gellerts fabeln), so würde er kaum nicht in die schenke gehen.
briefe 1756
s. 133, 14.
brief (
werke 1840 3, 102, 1784 4, 129).
es wird meist mit einem ganz besondern ton gesprochen; der fall ist allemal ein solcher dasz man sich in eine beschränkung, etwas unangenehmes, unerwartetes, neues zufrieden oder fröhlich schickt, indem man daraus einen andern auch nicht gehofften gewinn berechnet. das kaum
enthält eine auslassung, eigentlich: mags immer regnen, da rück ich doch mit meiner arbeit vor, wozu ich ohne das kaum gekommen wäre;
davon bleibt allein kaum
und springt in den hauptsatz, wie partikeln und betheuerungen gern springen. sehr ähnlich, wo nicht gleich ist übrigens schon ein mhd. kûme,
z. b. Parz. 433, 4 waʒ denne, belîbe ich kûme!
d. i. offenbar: thut nichts, wenn ich nur eben noch bleiben kann, genauer: wenn ich zwar kaum, aber doch noch unterkommen finde. 99)
blosz willkür ist es, wenn sich im 17. 18.
jh. kaum
als adj. gebraucht findet: mit kaumer (
verdruckt kummer) noth Rädlein 529
b,
wie mit genauer noth; er kann mit kaumer noht die augen von ihr kehren, wenn über tisch er sitzt. Neumark
lustw. 150,
es ist das, wie wenn wir theilweise
u. ä. jetzt als adjectiv brauchen.