ungerecht,
adj. adv. ,
i. a. gth. von gerecht.
g. ungaraihtei,
f., kein ungaraihts
bezeugt; ahd. ungereht, ungreht Graff 2, 411;
mhd. ungereht,
adv. ungerehte; [
mnd. ungericht;]
mnl. ongerecht;
nl. ongerecht (
von personen veraltet, von sachen noch dichterisch). Staub-Tobler 6, 228; Fischer 3, 394; Schmeller 2, 30; Westenrieder 602; Unger-Khull 610
a; Sartorius
Würzb. 184. Müller - Fraureuth 1, 407
b; 2, 598
b; Crecelius 845;
lux. 315
b. ungeracht Schmitz
Eifel 1, 232
b. Höfler 499
b.
vgl. ungericht,
auch unrecht, ungerechtig, -lich,
ungerechtsig, nütgerecht (Staub-Tobler 230), unberechtigt, ungerechtfertigt (
s. u.).
bedeutungen, die keine beziehung auf rechtliche oder sittliche pflichten haben (1—4),
sind heute schriftsprachlich i. a. unüblich oder veraltet, während umgekehrt z. b. in schweiz. ma. die eigentlich nhd. bed. nirgends recht volksthümlich ist. 11)
gth. von gerecht 1: fiur habet io ungrehten gang samo so
der halzo Graff 2, 411; Notker (
ps. 100, 4; 35, 11,
vielleicht auch das rechtsspw. Graf-Dietherr 408, 44,
weisth. 1, 133)
fühlt noch die sinnliche bed.; eiectus, i. via indirecta, dispendiosa ungerechter weg Diefenbach 197
b; ungeracht, ungerade; geracht oder ungeracht? = gerade oder ungerade? Schmitz 232
b; gerecht 1 a
entsprechend, ungesund. verwachsen (Staub-Tobler 228;
vgl.gerecht 2),
unpäszlich (
vgl.nütgerecht, nütgerechts, nütgerechtsig),
geistig schwach, blöde (
ebd.; vgl. anderseits recht '
einfältig, dumm' Schmeller
cimbr. 221
b),
bes. vom vieh fehlerhaft, krank (Staub-Tobler 229; wann man sagt, ein viehe sey u., so nimm Hohberg 2, 282; eine
ungerechte kuh Gotthelf 12, 256),
vom euter; ungerechts
krankhafte zustände (Staub-Tobler 229); ungerechte,
f., krankheit der rinder, bei der sie die freszlust verlieren und den harn verhalten Unger-Khull 610
a. 22)
gth. von gerecht 2,
unrichtig, falsch: all ungerecht weg und steig
öst. weisth. 11, 369, 25; zaun 6, 136, 36 (
vgl. 5; unrechten z.
unter gerecht 5 a '
unrechtmäszig gesetzt');
v. münze, masz, gewicht (
mhd., mnl., Schmeller 2, 30 '
in der ä. spr.', Staub - Tobler 229, Unger - Khull 2, Crecelius 845): was sie aber metzen, vierling, diethewffel oder elen u. finden
Nürnb. polizeiordn. 184
B.; waag
öst. weisth. 6, 423, 40; muntz Fries
Würzb. chr. 296; masz, gewicht Kramer (1702) 2, 283
a; u. wägen, messen
ebd.; von steinen mnl. wb. 5, 651, 1;
ware Sachs 17, 422, 25
G.; Lehman 1, 456; traid
th. 4, 1, 2, 3639;
von betrügerisch gestrecktem tuch Zedler 49, 1452,
vgl. 6;
von unbrauchbarer, gefälschter milch Staub - Tobler 229, 2;
im aberglauben ungerechten segen Ringwaldt
handbüchlin d 6
a (falscher segen
th. 10, 1, 104;
vgl.unrecht);
durch bösen blick oder durch arge lobrede verschrien, bes. von neugebornen kindern Unger-Khull 3,
vgl.dem ungerechten (unglückseligen) Fischer 3, 395.
falsa iusticia diu ist ungereht Notker
ps. 18, 9; allen ungereht,
m., Gottfried
Trist. 9882;
th. 10, 1, 213, 3 b
δ; zu ungerehte
mhd. wb. 2, 617
b; z' ung'rehtem
unrichtiger weise, verkehrt (
dann auch unbilliger weise, grundlos) Staub-Tobler 5;
vgl. 3;
mnl. wb. 5, 651, 1;
vom spiel Staub-Tobler 229, 2; sölte darum jr meinung grecht und unsere ungrecht syn Zwingli
d. schr. 1, 77; ob ein gerechte oder ungerechte stadtuhr besser Guarinonius 78; straffen eines falschen ungerechten meineyds Fronsperger
kr. 1, c 2
r; ein ungerechter schwur Triller
betr. 1, 309 (
man legte später rechtlich-sittliches hinein, ebenso bei u. preisz, lohn Kramer 1702, 2, 283
a u. a.); ungerechter anfang gewint den krebsgang Lehman 1, 24; wir haben die ungerechten begriffe von der satyre Rabener 1, 119;
verdunkelt: die ungerechtesten allgemeinsätze Herder 15, 548;
mehrdeutig: es ist eine für jene zeit unberechtigte, um
nicht zu sagen ungerechte (
falsche, aber auch eine solche, die den grundlagen gerechter sittlicher beurtheilung widerspricht) moral, die den Lübschen staatsmännern daraus einen vorwurf macht, dasz die .. reichsgewalten ... für sie ... nichts bedeuteten Nitsch
d. stud. 240. gerecht 2 f
entsprechend: des Emsers testament sei gerecht und des Luthers u. Aventin 1, 201, 11. gerecht 2 g
entsprechend '
incorrect': usz ungerechten buchern Reuchlin
augensp. 17
b.
persönlich: vnde man das nicht dorinne, so wAere ich u. (
so läge meinerseits ein fehler vor)
handelsr. d. d. ord. 273, 7
S.; doch bist du nit ungerecht (
hast recht) Hätzlerin 163
a, 87; wo ich an eynichem stuck unwarhafftig und u. erfunden werd H. v. Cronberg 134
ndr.; Murner
adel 28
ndr.; Sachs 9, 106, 25
K.; Fischart
Eulensp. 3674;
vgl. der herr ist gerecht
aus der spr. der poln. juden bei Heynatz.
mit witziger anspielung auf die biblischen gerechten und ungerechten: der menschenfreundliche erste erbauer jenes obdaches hat .. keinen unterschied gemacht zwischen gerechten und ungerechten,
d. h. mit führern versehenen und führerlosen
richtigen und '
wilden',
bergsteigern H. v. Barth
kalkalpen 546. 33)
gth. von gerecht 3,
nicht passend von kleidung mhd., mnl., vgl. nicht gerecht Stieler 1554;
allgemein vergeistigt und versittlicht: ich nie keyn ungerechts an im gespürt (
heute nichts unrechtes) Wickram 1, 29, 13;
unordentliches obers. 2, 598
b;
auch von gemüthsstörungen Staub-Tobler 228;
undeutlicher im wortspiel: besser ein ungerechter (
fauler, ungünstiger, schlimmer, falscher th. 3, 1369) frid als ein gerechter krieg
Garg. 331
ndr.; Graf-Dietherr 529, 336; 423, 161
auf vergleich bezogen; dasz Hesiodus alle beschäftigungen billige, sie möchten noch so ungerecht (
nicht wohl anstehend) und schimpflich seyn Lessing 8, 20, 25. 44)
noch mehr verkümmert ist heute die gerecht 4
entsprechende bed.: unwillfährig v. einem knechte Ottokar
reimchr. 60854; ich hab sye (
die ärztin, der die jungfrau ihre heimliche liebe zu wissen thun will) .. nye in einem stuck u. gegen mir befunden Wickram 1, 255, 20; er war mir recht ergeben, als wie der treuste knecht, und war im ganzen leben mir niemals ungerecht Tieck 4, 189 (
sittl. bed. drängt da hinein). 55)
gth. von gerecht 5,
nicht dem recht, dem gesetz oder der billigkeit entsprechend, unrechtmäszig, widerrechtlich, unberechtigt, nichtig u. dgl.; in jüngeren beispielen oft nicht ohne sittl. nebensinn; s. d. rechtswb.: gewalt
mhd., mnl.; welche jnen ungerechten gewalt angelegt hetten Xylander
Pol. 72; macht Weichmann
Nieders. 1, 112; tyranney Dürer
tageb. 84;
von kampf, gewinn, ordeel ende recht
mnl. wb. 5, 652; titl Brandis
landeshauptleute 32; donationes
städtechr. 3, 49; statuten, testament, verjährung, verkauf Zedler 49, 1450;
vom recht (
s.recht,
n., III 1 b): den glauben und die recht, die sie gemacht und geticht haben, das sey alles u. und valsch Schiltberger
reiseb. 96, 34;
gs. rechtes recht Eyering 1, 336; rechtsfertigung Albertinus
zeitk. 18; ungerechte rechte Fichte 6, 59; Mommsen
r. g. 1, 252; die ungerecht gerechtigkayt Nas
antip. 2, 175
a;
vgl. 2; wal Tschudi 1, 100; krieg Steinhöwel
Äsop 63
K.; besitzung Tschudi 1, 6;
für usurpation Frisch (1730) 623; ungerechts oder verirts gut
öst. weisth. 6, 307, 41; Kehrein
kirchenl. 1, 115, 5, 10; mit solchem ungerechten erworbenen gute
R. Fuchs (1650) 126; u. erarbeitet gut gedeyet nicht Lehman 1, 49; Ludwig 3, 181; ungerecht gut kompt nicht an dritten erben Lehman 1, 110; seynd adlers federn Treuer
Däd. 1, 53; Schellhorn 100; Göthe
Faust 2823; Brentano 2, 255; 5, 228; machet euch freunde mit dem ungerechten mammon
Luc. 16, 9;
th. 6, 1519; von ungerechten mammons gter Fischart
nachtrab 6, 117
K.; Kramer (1702) 2, 283
a; Göthe IV 8, 359, 6
W.; Arnim 16, 100; Ranke 4, 29; schätze Brentano 1, 332; ungerechtes (
widerrechtlich und durch betrug zu erwerbendes) geld Keller 8, 301; pfenning
s.gerecht 5 f; Kirchhofer 174; heller Schellhorn 100; gulden Fischer
schw. wb. 3, 394
u. s. w.; Graf - Dietherr 364, 368; ein ungerechter bissen brod Kramer (1702) 2, 283
a; mit ungerechten verworrenen handlungen Lehman 2, 700; was recht ist im orient und ungerecht im occident Fischart
nachtrab 21, 694
K.; hte dich fr ungerechter
sache Dom. leb. 129
K.; Lehman 2, 572; die ungerechteste sache Fouqué
gefühle 1, 133 (durch .. ungerechte sachen Opitz 3, 308
nur umschreibend für ungerechter weise,
s.sache 8); ungerecht (
eigennütziges, unehrliches) bemühen
bearb. L. des narrenschiffs bei Zarncke 5
var.; vgl. gth. v. gerecht 9 d; nachdruck
Königsb. dichterkr. 255
ndr.; mittel Schiller 12, 455; verdacht Adelung; strafe, anspruch
u. s. w.; angriff Forster 8, 44; haft Platen 4, 323; doktortitel Voss
antis. 1, 368; zinsverlust
handwb. d. staatsw. 2, 816; zurücksetzung
im dienste Scherer
kl. schr. 1, 5; vorzüge
privilegien Meinecke
Boyen 1, 68;
verallgemeinert: pracht Gryphius
trauersp. 39
P.; vorwürfe Gottschedin
br. 1, 123; versprechen Zedler 49, 1450; unmuth Herder 17, 163; verlangen Giseke-Gärtner 173; kälte Göthe IV 1, 140, 19
W.; thränen Schubart
br. 1, 99; mitgefühl Keller 1, 99
u. s. w. (
dafür in n. spr. gern ungerechtfertigt Ranke 15, 127; Raabe
hungerp. 2, 98; Jhering
geist 3, 1, 46;
bgb. § 323, 3); ich bigeren nüt ungerechts
nichts unbilliges, mache keine unberechtigten ansprüche Staub-Tobler 229, 3
b;
unverdient: so ungerechten tod Birken
lorbeerh. 72; Stranitzky
ollap. 19, 37
ndr.; demüthigung Stephanie 3, 9; ungerechter fluch (
maledictum frustra prolatum, prov. 26, 2) trifft nicht Schulze
bibl. sprw. 70.
so auch das adv. u. tadeln Göthe 23, 47, 7
W.; anklagen Nicolai
Noth. 1, 162; verdächtigen, strafen, beanspruchen
u. s. f.; leiden Savigny
beruf 95; ungerechter weise Kramer (1702) 2, 383
a; Herder 18, 241; sie äuszerte sich, und nicht ungerecht (
nicht unberechtigt, grundlos), misztrauisch Holtei
erz. schr. 21, 83; wie man Klopstock dunkelheiten und kühnheiten vorwarf, so geschah es auch Posteln, und eben so gerecht oder u. Gervinus
g. d. d. dicht. 3, 504.
persönlich: den ongerechten bapst H. Gholtz
leb. bilder (1557) v 5
b; ein reicher ist ungerecht oder eines ungerechten erb Petri 2, y 1
v; Agricola
bergw. 17; besitzer Frisch (1730) 623; ein ungerechter (
unrechtmäszig handelnder, '
welcher einem jeden das seinige zu entziehen trachtet' Zedler,
vgl. 8, 9) nachbar Gottsched
ged. 1, 315;
widerrechtlich handelnd, gewaltthätig: sind sie denn einen augenblick vor den ungerechten rittern sicher, die ihre unterthanen ... anfallen Göthe 8, 31, 13
W.; dem ungerechten feind Ranke 14, 8;
schwächer und enger: du u'gerächts stick mannsen,
zu schabernack geneigt, obers. 1, 407
b,
das sittliche mischt sich ein (
vgl. noch Herder 17, 164; Hegel 12, 57; Treitschke
d. gesch. 4, 196).
nach un IV C 3: diser gerechten und ungerechten dingen Boltz
Ter. 111
a; mit gerechten und ungerechten waffen Göthe 45, 170, 26
W. (
anders: die waffen der ungerechtigkeit
s. u.). 66)
gth. von gerecht 6 (
den anforderungen eines lebenskreises, faches u. s. w. nicht entsprechend):
vom tuch s. gerecht 6 b
und gth. von gerecht 2;
der naturgeist thut viel andere ding, die ungerechten leuthen (
nicht wahrhaft naturkundigen) nicht zu offenbaren seind Paracelsus 2, 669.
mit starkem sittl. beiklang: den ungerechten hauszhalter
Luc. 16, 8; Kramer (1702) 2, 283
a; D.
F. Strausz 6, 5; verwalter, vormund Zedler 49, 1450; man hat auch jagdbücher, die ... ein rechtes ärgernisz geben, wenn ihnen ... gar zu ungerechte wörter fürkommen Heppe
lehrpr. 21; ungerechte witterung heisset dahier eine solche ausdünstung ... die dem hunde entweder nicht angenehm oder seiner sache schädlich ist 43.
vgl.gerecht 2. bühnenungerecht Eichendorff
z. gesch. des dramas 124.
auf 2
zurückweisend: so ist das leben selbst; sieht man es nach seinen phänomenen, resultaten, ausladungen an .., so ist es ungleichmäszig und zufällig, diskontinuierlich und ungerecht; von innen her gesehen aber ist all dieses ... die kontinuierliche, notwendige, angemessene entwicklung eines einheitlichen keimes Simmel
Rembrandt 61. 77)
gth. von gerecht 7: ungerehter stân
ungerechtfertigt, schuldig sein Lexer 2, 1859; u. wesen
sächs. weltchr. 362, 24
Weil.; findet der zechner den pauersman ungerecht, so
öst. weisth. 6, 485, 38; ein ungerechter man, der ungerecht,
der verbrecher 6, 109, 36; 28, 4; die ungerecht,
die im unrecht ist 11, 5; auf ungarächta kösta
auf kosten dessen, der den prozesz verlieren wird Sartorius
Würzb. 184; der ungerechten hand geneigt
ein oberrh. revol. 130;
vgl. die gute
und die ungerechte sache Niebuhr
r. g. 2, 21; und sahe zween ebreische menner sich mit einander zancken und sprach zu dem ungerechten
2 Mos. 2, 13; Auerbach (1858) 13, 188;
die oberkeyt soll das schwerdt über dem ungerechten dapffer und hart brauchen Montanus 35; und in solcher that werden sie beide zusamen, der mann mit sampt dem weibsbild u. und straffwirdig erfunden Schweickhart zu Helfenstein
Basilius (1591) 1085; es ist
niemand so u., den es nicht unbillig dünkt (
auch den ärgsten übelthäter dünkt es unbillig), wenn man ihm unrecht thut Keller 6, 48
aus dem alten recht (Schiller-Lübben 5, 70
b); was u. herkömmt, soll man recht machen (was herkumpt ungerecht, das sol man machen gerecht
weisth. 1, 133) Graf-Dietherr 408, 44. 88)
gth. von gerecht 8,
und zwar von gott, natur, glück, schicksal, fürst, regierung, behörde u. s. f.: vom könig Ottokar
reimchr. 79699; 81304;
gott Ebräer 6, 10;
erst. d. bib. 2, 253, 2; wie solte wol die natur so u. seyn? Hippel 1, 190; o du ungerechtes ... glück J. Rist
friedej. T. 198; regierung Lehman 1, 273; räthe Göthe 8, 225
W.; hat dich der papst ... nicht zweimal u. wollen aufhängen lassen? 43, 256, 4
W.; ich war ... streng in meinem dienstverkehr, ohne gerade böse oder u. zu sein Keller 4, 62;
vom richter, seiner thätigkeit und deren ergebnis: ist denn gott (
als richter) auch u.
Röm. 3, 5; ienen ungerechten richter Kirchhof
wend. 2, 31; Logau 215, 43;
seine strafe Zedler 49, 1450; nichts ist böser als der ungerechte richter Graf-Dietherr 409, 59 (der unrecht r.); ungerechtes urtheil Kramer (1702) 2, 283
a; spruch, vertheilung
u. s. w.; auch den ungerechten kelch,
den Sokrates nach u. urtheil trinken musz Wieland I 1, 263; mit ungerechten juristen-list Abr. a S. Clara
mercks Wien 84; u. richten Grimm
sag. 2, 19; urtheilen, strafen
u. s. w.; in bildlicher und erweiterter anwendung (
s.gerecht 8 b)
kommt der rechtliche hintergrund nicht mehr zum bewusztsein: es ist nimmer nichts ungerechters dann ein unerfarner mensch Boltz
Ter. 86
b; ungerechte ignoranten
disc. d. mahlern 2, 155;
vom kunstrichter Bodmer
s. crit. poet. schr. 1, 78; doch, böse welt, wie ungerecht! ihm so was übel auszulegen! Lessing 1, 11, 37; sprich nur wider dich selbst edel und ungerecht! Klopstock
od. 1, 130, 30;
vgl.gerecht 9 d; drum endige dein schweigen und dein weigern; es fordert diesz kein ungerechter mann Göthe
Iphigenie 288; sollte man diese meine ansicht für hypochondrisch oder u. halten IV 28, 176
W.; dann ging es gewöhnlich auf den director los, dasz er ... gegen den einen und den andern u. sei 21, 89, 22
W.; in vorurtheilen und vorlieben u. befangen IV 40, 218
W.; es wäre u. .. zu schweigen 49, 410, 3
W.; ungerechtester tadel 40, 131
W.; das ungerechteste
der verkennung Rückert 3, 141; gesinnung J. Grimm
kl. schr. 1, 69; absprechen Meyr
a. d. Ries 1, 98; vertheilung Gutzkow
ritter v. g. 1, 26; beurtheilung, einschätzung Bismarck
gedanken 1, 131; 1, 33
u. dgl.; yhr habt ... huic (
Christus) u. gethan Luther 29, 252, 7
W.; da du dich beclagest, wie dir ungerecht geschehe Hutten 2, 189, 23 (
zur function vgl. das subst. ungerecht); ungrecht (
unrecht) geben Fischart
nachtrab 29, 825
K.; mich dünkt, ihr beyde seyd zu ungerechten theilen kommen Weise
erzn. 175
ndr.; um weder gegen ew. exc. u. zu werden noch Lessing 18, 236; man ward immer bitterer und ungerechter Göthe 22, 17, 2
W.; IV 8, 75
W.; ihre erbitterung macht sie u. Schiller 3, 46; er war u. genug ... zu verabscheuen Schubart
leb. 1, 175; warum bist du so u. zu sagen Pückler
br. 1, 193; sei nicht u. H. Schmidt
alte u. n. gesch. 391. 99)
gth. von gerecht 9, u.
als sittliche eigenschaft (
die älteren belege lehren, dasz geistliche lit. an der ausbildung dieser bed. wesentlichen antheil hatte; in der n. schriftspr. ist wechselbeziehung zwischen dem sittlichen und dem rechten nicht auszuschlieszen; die ethik des 18.
jhs. leitet die rechtl. bed. aus der sittl. ab Walch 2739, Zedler 49, 1450
ff.; zum unterschied von 7, 8: ich log, verleumdete, betrog oder stahl nicht, wie ich es als kind gethan, aber ich war undankbar, ungerecht und hartherzig unter dem scheine des äuszeren rechtes Keller 2, 60;
es kann etwas u.,
aber nach höheren gesichtspunkten berechtigt und sittlich sein Göthe 33, 315
W.; man kann rechtlich
denken, doch u.
urtheilen; unrechtlich
kann ungerecht
steigern; der wolf ein ungerechtes vieh Henrici 2, 367; es würde ... fremd klingen, zu sagen, man handle gegen ein thier u. A. G. Kästner
verm. schr. 2, 20).
gth. von gerecht 9 a: ungerehtez herza
pravum Notker
ps. 100, 4; so bist du ungreht an dinemo herzen 35, 11 (
vgl. 1); ungrehtostun
vitiosissimam Graff 2, 411;
mhd., mnl. böse, gottlos, sündig, lasterhaft, unsittlich, gewissenlos u. dgl. Tauler
pred. 116, 12
V.; mnl. wb. 5, 651, 2 (
auch schon über den biblischkirchlichen gesichtskreis hinausreichend); daz ungerecht (
var. die ungerechtigkeit) der leut
cod. Tepl. 2, 3 (
Röm. 1, 18); voll alles ungerechten
Röm. 1, 29; 2
Petr. 2, 8 (Zedler 49, 1450)
u. o.; das ungerecht gemet mag nit redlich handeln
Züricher bib. (1531)
Jes. Sir. 1 d; hierausz sicht man, wie menschlich gschlecht ist worn verderbt und ungerecht durch Adams fall Sachs 18, 220, 22
G.; gott aber wandt das ubel ab, dem bludhund (
Paulus) ein erkendnis gab seins ungerechten eiffers Ringwaldt
ev. g 8
a; du bist getreu, ich ungerecht Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 444
b; '
fertigkeit besitzend, die erfüllung seiner sittl. pflichten zu unterlassen; doch nur in der biblischen schreibart' Adelung; kennst den Judas du, den ungerechten mann? Ludwig 3, 441; ungerecht habe ich mich ... meiner weltlichen geburt gerühmt Freytag 9, 88.
subst. der ungerechte, die ungerechten: grosse werg sint gemeine dem gerehten und dem ungerehten Tauler 408, 5
V.; der seinen sune macht scheinen uber die guoten und die ubeln und regent auf die gerechten und die ungerechten
erst. d. bib. 1, 21, 41 (
Math. 5, 45),
ebenso Luther,
s.gerecht 9 a; Christus ist für uns gestorben, der gerecht für die ungerechten (1
Petr. 3, 18) A. v. Eybe
sp. d. sitten g v
a; die ungerechten nehmen ein bös ende
b. d. weish. 3, 19; Petri 2, r iv
v; Lipperheide 897
b; der ungerechte (
ἄνομος 2
Thess. 2, 8) Zedler 49, 1451;
dichterisch verallgemeinert oder in gemüthlichem scherz tadelnd: mit eines ungerechten blut bespritzt, gehst du ins ew'ge leben herrlich ein Göthe
Mahomet 1085 den schwarm der ungerechten (
die nicht anhänger der mystischen religion sind) Voss
ged. 6, 226; der pantoffel ... fällt auf das haupt ... des ungerechten Ebner-Eschenbach 3, 6; Keller 4, 215; 5, 237.
gth. von gerecht 9 b: ein gott von lauter gnade ist ein ungerechter gott J. A. Cramer
aufs. 1, 115,
mit dem gth. von gerecht 8
sich kreuzend. gth. von gerecht 9 c (
mnl. wb. 5, 651, 2): der ungerechte graff D. v.
d. Werder
ras. Rol. 45; ungerechte muhme! ... halte deine grausamkeit zurücke Chr. Weise
d. gr. jugend ü. ged. 212
ndr.; bey ihr (
der poesie) trägt der wolf die kennzeichen des mächtigen und ungerechten mannes Ramler
einl. 1, 18; der köstliche braten war vom gierigen wolfe, dem ungerechten, verschlungen Göthe
Reineke Fuchs 1, 135;
von Polyphem einen mann ... grausam und ungerecht Voss
Od. 9, 215, 157
B.; ich bin einmal ein ungerechter brudermörder worden Grabbe 1, 128.
die kaum zu überbietende stärke dieser bed. ist der n. spr., soweit sie nicht an 5
rührt, i. a. abhanden gekommen; verblassend in der dichtung: die götter geben auch den ungerechten gewalt und gut glück den heimtückischen Göthe 12, 59
W. veraltet: u. machen
peccatis imbuere, contaminare sceleribus, semina injusticiae spargere Stieler 1553.
mit benutzung der ra. schlecht und gerecht (
vgl.schlecht 8 f
und 16): die welt ist schlecht und ungerecht, läszt niemand ungeschoren Heine 1, 292. über seinem ungerechten fürnehmen A. U. v. Braunschweig
Oct. 1, 135; wandel Kramer (1702) 2, 280
a; das unheilige musz vertilgt und das ungerechte mit der wurzel ausgerottet werden E.
M. Arndt 1, 249.
gth. v. gerecht 9 d (
s. auch Klopstock
oben, Göthe
Iph. 288
u. dgl.)
mit engerer beziehung auf treu und glauben, mein und dein: der ungerechte borget, der gerechte bezalt Petri 2, p iii
r (
vgl. ps. 37, 21); ein ungerechter müller Prätorius
v. katzenveite c 6 r; der tod des ungerechten geitzhalses Canitz 85; besser arm und ehrlich, als ungerecht und herrlich Düringsfeld
sprw. (1875) 1, 91
b (
vgl. spr. Sal. 16, 8);
betrügerisch, lügnerisch Staub-Tobler 6, 229, 3 (
vgl. ungerechtsig); ungerechte hAendel Fischart
ehzuchtb. 242, 11
H.; weil bey diesen ungerechten leufften fast alle aufrichtigkeit .. abschied genommen Butschky
Pathm. 20; ungerechte handlung
actio injusta, wodurch dem andern das seinige nicht gelassen wird Zedler 49, 1450;
in solchen ausdrücken (
vgl.ungerechte bereicherung
u. dgl.)
zum gth. v. gerecht 5
zurücklenkend, wie denn wieder der sittliche gesichtspunkt den rechtlichen durchdringt. so allgemein: lieber ungerächt als u.
spruch im Berliner rathhause Lipperheide 897
b;
vgl. gth. von gerecht 7
ende (recht
und rache
s. Logau
unter gerecht 7 a, gerecht
u. gerächt Nietzsche
Zarath. 137
kriegsausg.). 1010)
gth. v. gerecht 10
im sinne der rechtfertigungslehre: der da den ungerechten gerecht macht Gengenbach 189
Gödeke; vgl. niemand ist on ungerechtigkeit, sondern all zumal für gott ungerecht Luther 18, 485, 30
W.; J. Strausz
beychtpüchlin (1523) b j
a. 1111)
mundartlich auch '
entsetzlich, nicht zum aushalten, schrecklich'
von sachen Staub-Tobler 6, 229, 4.
ähnlich we
i gêt et? schlecht ann onggerecht '
sehr schlecht'
lux. 315
b, 382
b. nütgerecht
hat bes. auch die bedd. '
nichtswerth, muthwillig'
ausgebildet Staub-Tobler 6, 230. —