strom,
m. ,
strömung; flusz, groszer flusz. II.
herkunft und form. I@11)
gemeingermanisches wort: ahd. straum, stroum,
mhd. stroum, strôm, strâm,
stram, strân;
frühnhd. strām, strōm;
as. mnd. nd. strôm;
afries. strâm;
mndl. ndl. stroom;
ags. me. engl. stream;
an. straumr (
woraus finn. rauma '
meerenge'
entlehnt ist),
norw. straum,
dän. strøm,
schw. strö
m. got. nicht bezeugt (
dafür aƕa; runs).
gebildet mittels ma-
suffix von der in allen idg. sprachen auszer dem italischen lebendigen wurzel sreu '
flieszen',
siehe über diese Walde-Pokorny 2, 702
f. mit germ. strauma-
völlig gleiche bildungen fehlen in den verwandten sprachen. dafür stehen in diesen die (
theils neutralen, theils masculinen) men-
bildungen gr. ῥεῦμα '
das flieszende, flusz, strom',
thrak. Στρύμων,
air. srúaim '
flusz',
abret. strum '
copia (
lactis)',
lit. dial. straumuo '
strom, wildbach',
wozu die weiterbildungen lit. sriaumé
und lett. stràume '
strom, strömung',
poln. strumień '
bach, giessbach',
vgl. über die baltoslavischen worte Trautmann
bsl. wb. 280. I@22)
aus ahd. straum (
gl. 1, 22, 26; 201, 30)
ahd. mhd. stroum (
gl. 1, 604, 21; 313, 45; 59;
minnes. 3, 334
a v. d. H.; Herbort 2244; 2181)
entwickelt sich seit dem 13.
jahrh. im bair. und nördl. ostfränk. strâm,
das sich bis ins 17.
jahrh. hält (Moser
frühnhd. gr. § 79, 9; Michels
mhd. el.-b.4 § 98
u. anm. 2; Weinhold
bair. gr. § 40),
im schwäb. strôm (Weinhold
al. gr. § 42; 124),
im ripuar. und moselfränk. wie im ostthür., obsächs. und ostmd. strôm (Michels
mhd. el.-b.4 § 98; Paul-Gierach
mhd. gr. § 100
anm.). ou,
meist als au,
erhalten bzw. neu gebildet im westfäl., mittelsten md. und al.; die nd., ost- und westmd. und schwäb. form strôm
setzt sich nach kurzem kampf mit strâm
im frühnhd. (
letzte belege in der litteratursprache: C. Spangenberg
mansfeldische chronica (1572) 376
a; Dreyfelder
hist. d. hauses Est (1580) 273
a; Spreng
Aeneis (1616) 5
b; 164
b usw.; Ferber
eigentl. u. wahrhafte beschr. (1610) F 4
a)
im 17.
jahrh. als schriftsprachlich allgemein durch. Pauls
anderer herleitung von strom
aus strâm (
dt. gr. 1, 212),
da im spätmhd. in theilen des bair. und schwäb. â > ô
wird, widerspricht Moser § 75, 6.
für die auffällige verdrängung des regulären diphthongs ou, au
aus der hochsprache und seine ersetzung durch den mundartlichen monophthong seit mhd. zeit ist wohl der an- bzw. gleichklang des oft fälschlich mit strom '
fluctus'
zusammengestellten, in wahrheit aus anderer wurzel schlieszlich bis zu lautlichem zusammenfall im frühnhd. entwickelten strâm, strôm '
streifen, (
licht-)
strahl' (
s. dies)
von einflusz gewesen; haben sich doch daraus sogar bedeutungsüberschneidungen entwickelt, s. II A 5.
heutige mundartliche verbreitung von ō, ā, ou: Behaghel
gesch. d. dt. spr. 5§ 285, 1—8.
in den mundartenwbb. selten belegt: strom Fischer
Samld.; Schumann
wortsch. v. Lübeck 24; Woeste
westfäl. ma.; Hunziker
Aargauer wb.; stroom Boy P. Möller
Sylter ma.; strām Crecelius
oberhess. wb.; Schmeller
d. maa. Baierns 70; 331 (
ostlech.); stro
um
wb. d. luxemb. ma.; Follmann
wb. d. dt.-lothr. maa.; strm Schöpf
tirol. id. I@33)
in altem ablautverhältnis dazu steht wohl die form mit ū: Walde-Pokorny 2, 703; Paul-Gierach § 56, 2. strum:
gl. 4, 114, 50;
mhd. wb. 2, 2, 704
a; Lexer 2, 1253. u-
formen auch in einigen maa.: Schmidt-Petersen
fries.; Jensen
nordfries. wb.; Christa
Trierer ma.; Lenz
vgl. wb. d. nhd. spr. u. d. Handschuhsheimer dial. I@44)
ursprünglich starkes masc. der a-decl., pl. ahd. strouma (Graff 6, 754);
erst im 12.
jahrh. vereinzelt rudentibus struomin
vel hellistromin
gl. 1, 793, 13;
noch mhd. selten umgelautet: Lexer 2, 1223/4;
mhd. wb. 2, 2, 673.
im 16.
jahrh. wird der umlaut als functionszeichen des plurals fest; letzte belege für umlautlosigkeit: dat., acc. stramen Luther 10, 3, 408, 8
W.; Frisius 1202
a,
und acc. stromen
ebd. 1114
a;
volksb. v. dr. Faust 48, 27; 54, 2
usw. 2Petsch; Ortelius
schawplatz des erdbodems (1572) 1
a; die strahme Frisch (1741) 2, 349
a. daneben findet sich übergang in die schwache decl., wohl wieder unter einwirkung des gleichklingenden strâm, strôm '
streifen, strahl' (
s.stram).
schon mhd.: ......... der sunden teich ich schwimme in ierem stramen (: namen)
Germania 5, 363; und sprach: nu wachset immer mer und mannigvaltigt ewern samen und erfüllt des wassers stramen Vintler 6989
Zingerle; vornehmlich in frühnhd. quellen süddt. herkunft: acc. den stramen Güthel
eyn selig new iar (1522) S 3
a; die gantze bibel verteutscht (
Zürich 1531) 4
D; Herold-Forer
Gesners thierb. (1563) 81; Heyden
Plinius (1565) 173;
volksb. v. dr. Faust 71, 1; Spreng
Aeneis (1610) 164
b; dat. dem stramen
hertzog Aymon (1535) F 3
b; Fabri
eigentl. beschr. (1556) 177
a; Franck
weltb. (1567) 2, 2, 28
a; gen. der ursprung desz aegyptischen land-strohmens Nili
Parnassus boicus 4 (1725), 244.
pl. die stromen, stramen
volksb. v. dr. Faust 52, 32; 54, 2
u. s. w. daneben üblicher, oft in denselben quellen, starke flexion: schwamm inn vollem stram Fischart
gesch. 281
neudr.; des meeres stram Spreng
Aeneis 5
b. I@55)
orthographie. seit dem 17.
jahrh. dringt, zunächst sporadisch, h
zur bezeichnung der vocallänge in die schreibung; strohm
ist dann vom ende des 17.
bis in die zweite hälfte des 18.
jahrh. die gewöhnliche form. '
weil das wort schon umfang genug hat' (Adelung
kl. wb. ... zur dt. orthogr. (1788) 384;
vgl. Paul
dt. gr. 1, 319),
wird h
im letzten drittel des 18.
jahrh. schnell fallen gelassen und begegnet im anfang des 19.
jahrh. nur noch vereinzelt; als einer der letzten hält Niebuhr
röm. gesch. (1811) 1, 54; 62; 112; 157
u. s. w. an strohm
fest. IIII.
bedeutung und gebrauch. II@AA.
eigentlich: vom flieszenden oder offenen wasser auf der erdoberfläche. II@A@11)
die dauernd gleichsinnige bewegung des wassers auf der erdoberfläche, motus aquarum continens, '
strömung'.
so im ahd. und mhd. geläufig: fluxus Dief.
gl. 178
a; 240
c; motus aquarum Dief.
gl. 240
c; ml.-hd.-böhm. wb. 127
a; gurges gl. 4, 114, 50;
zfda 5, 416, 87; Dief.
gl. 267
b; 271
b; nov. gl. 199
a. ebenso im nhd. bis ins 18.
jahrh.: cursus aquae Kilian (1623) O o 2
c; das geschwind fliessen eines wassers,
le fil de l'eau d'une rivière Hulsius-Ravellus
dict. (1616) 314
a; Frisch
nouv. dict. (1730) 540;
Chomel (1757) 8, 1734. die mittere flut (lauff) eines wassers Kramer (1719) 2, 208
c. im zeitalter des rationalismus führt der drang nach sprachlicher begriffsdifferenzierung zur einschränkung von strom
auf die concretisierte strömung, den (
groszen)
flusz (
s.A 2).
letzte theoretische zeugnisse für strom =
motus aquarum sind: Schwan
nouv. dict. (1784) 2, 737
a; Benzler
wasserbau-lex. (1792) 1, 157/8; Röding
allg. wb. d. marine (1792) 2, 746;
für die bedeutg. '
motus aquarum'
wird strömung
neu gebildet (
s. d.). strom =
strömung ist seit dem beginn des 19.
jahrh. nur noch geläufig in zusammensetzungen (golfstrom, stromschnelle, stromstrich),
erstarrten präpositionalen verbindungen (wider den str.
u. s. w., s. A 1 c)
und in den maa., in denen es freilich nicht häufig zu sein scheint: Schöpf
tirol. id.; Schmeller 2, 813; Martin-Lienhart;
wb. d. lux. maa.; Vilmar
kurhess. id. 402; Hentrich
Eichsfeld 78; Schumann
Lübeck 24; Möller
Sylter ma. 255
b; Siebs
Helgoland 290
a; ten Doornkaat-Koolman; Schmidt-Petersen
fries. bemerkenswerth: '
heute ist das wort bei uns vielleicht nicht mehr gebräuchlich' Crecelius
oberhess. wb. 819/20 (
vgl. sp. 6). II@A@1@aa)
die durch das gefälle hervorgerufene, meist deutlich wahrnehmbare, ununterbrochene natürliche bewegung flieszender gewässer auf dem lande; strömung in flüssen, bächen: ouch vant ich einen brunnen kalt ... der eine mülen mit gewalt wol tribe an sînem stroume Konrad v. Würzburg
klage d. kunst 1, 8; Wîzil ist eins wassers nam unde hât vil snellen strâm Nikolaus v. Jeroschin 3740.
so auch mnd.: dat (
water Edesa) so dep is unde so stark enen strom heft Korner
bei Schiller-Lübben
mnd. wb. 4, 440
b. so im nhd. bis ende des 18.
jahrh. geläufig: hergegen fallen der Pfo ... und etliche mehr mit groszer ungestüme in das meer, behalten jren strom und geschmack sehr weit Uffenbach
atlas minor (1609) 305; ward ich eines groszen baums gewahr, dessen aeste unweit vor mir aus dem wasser herfür reichten, der strom ging streng und recta darauf zu Grimmelshausen
Simpl. 320
neudr.; (
Ilm) meine ufer sind arm, doch höret die leisere welle, führet der strom sie vorbei, manches unsterbliche lied Schiller 11, 111
G.; das
blut sprang reichlich hervor und mit der schlängelnd anspielenden welle vermischt folgte es gekreiseltem strome nach Göthe I 25, 297
W. besonders klar bei scharfer gegenüberstellung von wasser '
flusz' (
vgl. th. 3, 1855; 13, 2300)
und strom '
strömung': als ich drausz wolt im wasser (
Nil) baden, spaciert also an den gestaten mit Eliseba, der jungkfrawen, da wardt sie in dem stram anschawen ein kestlin, war gemacht von ror H. Sachs 10, 91, 29
lit. ver.; danket gott, dasz ich ... mocht auf dem wasser davon kommen, auf dem strom, der auf die stadt zuging (1576) Schweinichen
denkw. 113,
und mit abhängigem gen.: als nun der Chaumigrem ... die meiste verhinderung durch den strohm des flusses gespüret hatte Ziegler
asiat. Banise 572; wenn ich auf meinem vorwerk bin, so folge ich oftmalen dem sanften strohm einer klaren bache
discourse der mahlern 2, 1; legt sie sich vor die mündung eines flusses, so schwellt sie den strom zurück maler Müller
werke 1, 48.
im 19.
jahrh. ganz vereinzelt; mit mundartlichem unterton: ... bemerkt, dasz dieser Nil Abid ... sehr reiszenden strom habe Ritter
erdk. 1, 489; ... in den flieszenden gräben ... mehrere arten von Potamogeton, ... welches oft so überaus zahlreich ist, dasz es den strom des wassers aufhält Allmers
marschenbuch 1/2, 116. II@A@1@bb)
die durch verschiedene ursachen (
windwirkung, temperaturverhältnisse des weltmeers)
hervorgerufene bewegung des meereswassers in dauernd gleicher richtung, meeresströmung: endlich kam wir in kurtzer zeyt zu der insel Bachi mit nam auff einem klar, glasz-lautern stram H. Sachs 4, 244
lit. ver.; fürbasz kamen wir zu einer menge der inseln on zal ... wir fanden auch fürbasz ein strom von so heiszem wasser, das wir die hend nit darin erleiden mochten Franck
weltb. (1534) 223
a; strom,
aestus maris Wachter
gl. germ. (1737) 1632; das wasser des oceans bewegt sich auf dreierlei art, oder hat dreierlei ströhme ... die ströhme auf der tiefe vom pol nach dem äquator ..., die ströhme auf der oberfläche des meeres nach den polen
allg. dt. bibl. 44 (1780) 153.
in besonderer prägung bei der wiederaufnahme der griechischen vorstellung des Okeanos: die von Herodot verspottete scheibenründung mit dem umkreisenden strom Okeanos Voss
antisymb. 2, 10; das ganze ringsum ist vom strom des oceans umschlossen Göthe I 41, 312
W. gern in sachlicher oder formelhafter verbindung mit wind: vor dem strom und für dem winde ist gut siegeln Bas. Faber
thesaurus (1587) 880
a; hatten aber einen wiedrigen wind und strohm Schultz
ostindische reise (1676) 256
b; am besten segelt sich's mit strom und winde zugleich Klopstock
gelehrtenrep. 415; als wir die schiff um Maleia lenkten, da warf uns plötzlich die flut und der strom und der nordwind fern von Kythera Voss
Odyssee 153, 81
Bernays; gegen strom und wind legt man nur kleine strecken zurück Göthe IV 12, 383
W. das simplex stirbt im 19.
jahrh. ab (
später beleg: man findet auch in der offenen see ströme, welche die schiffe ... von ihrer fahrt abbringen Eberhard
synon. [1795] 1, 236)
und wird durch strömung
verdrängt: in den meeren finden sich oft strömungen,
d. h. heftige bewegungen des wassers ... diese ströme führen daher fahrzeuge von ihrem wege ab. die ursache dieser strömungen oder ströme ... Krünitz
encykl. 176 (1841) 95; 96.
heute nur noch lebendig in den eigennamen bestimmter meeresströmungen: Golf-, Brasil-, Labradorstrom
u. s. w. II@A@1@cc)
präpositionale verbindungen, die ihre aus dem wesen der strömung sich ergebende häufigkeit formelhaft werden läszt (
vgl.B 4). II@A@1@c@aα)
in vollem strom gehen, flieszen
fluere pleno alveo Faber
thes. 41
a; 327
a; 892
a; Frisch (1741) 2, 349
a; Hederich
2 (1777) 2912.
nur bis zum 18.
jahrh. lebendig: schwamm inn vollem stram, zur seiten, die zwär, im kreisz, auf dem rucken Fischart
gesch. 281
neudr., mit anderem charakteristischen adj.: er fur ... mitten im rechten stramen (=
in der stärksten strömung) wider berg (=
stromauf)
hertzog Aymon (1535) F 3
b. ganz isoliert steht: auf diesem blättlein schwamm ein weib im höchsten strom mit halbem leib Lenz
gedichte 223, 2
Weinhold. II@A@1@c@bβ)
nach dem str., in der richtung der strömung: er rüstet viel flötz zu, mit beraitschafft von allerley fewerwerck und brinnender materien, desz fertiger nach des wassers strame (=
stromab) auff die feindliche Armada einzutringen Dreyfelder
hist. d. hauses Est (1580) 273
a; darauff gehen nun bederseits, von Straszburg und Basel in Schweitz, von Wormbs, Speyer, nach dem strumb also auch schiff herwiderumb ausz Holland, Seeland und Brabandt Mangold
marckschiff (1596) B 4 a.
später, unserm sprachgebrauch näher, umgestellt: holet stillschweigend eine wasser-kanne voll wasser, aus einem flusse, es musz aber dem strome nicht entgegen, sondern dem strome nach geschöpffet werden Schmidt
gestr. rockenphilosophia (1706) 1, 8; er musz ohnverzüglich I. maas flußwasser dem strohme nach ... schöpfen Heppe
aufrichtiger lehrprinz (1751) 385.
seitdem ausgestorben; ersetzt durch die bereits daneben bestehende wendung II@A@1@c@gγ)
mit dem strom: man mag auch solches (
fischköder) wohl in garnsecken und reusen binden, sonderlich in den flieszenden wassern, da der fisch mit dem stram unterwerts die witterung haben kann, gehet er dem schmagkwasser ohne das nach (1569/70)
haushaltung in vorwerken 190, 12;
ebda 197, 19; 20; 27; endlich verlieszen wir diese elende stadt, und trieben mit dem strom das feine dorff Pekkinsa vorbey Neuhof
gesandschaft der ostind. gesellsch. 2(1669) 84
a. lexikalisch: mit dem str. fahren, schiffen Orsäus
nomenclator method. (1623) 181; Stieler (1691) 2213; Kramer (1702) 64
b; 526
c; 1015
c. seit dem 19.
jahrh. mit vorliebe in übertragenem gebrauch (
s.B 4 b);
dagegen noch lebendig in der seemannssprache Lüpkes
seemannsspr. 69, 100. II@A@1@c@dδ)
wider (
gegen)
den strom häufiger, weil bedeutsamer als bewegung gegen die strömung: secundo flumine navigo ich schiff das wasser hinab
adverso flumine widern strom Alberus (1540) Z 3
b. wider den strom fahren, schiffen: Hulsius (1618) 2, 27
a; 254
b; Voigtel (1795) 3, 375
a. bis in den anfang des 19.
jahrh., zuletzt freilich mit archaischem unterton, durch wider,
seitdem durch das daneben gebräuchliche entgegen, gegen
ausgedrückt; beides nebeneinander Heinsius (1822) 4, 891
a; Campe 4 (1810) 718
b; sie vuren uf gein strame in dem cleinen prame
väterbuch 10787; man soll zur arbeit Christus ins boot nehmen, alsdann kan man wider den strom fahren und fisch fangen Lehmann
floril. polit. (1662) 1, 48; Damöt schwimmt wie ein fisch, er legt sich auf den bauch ... so kan er allemal den strom entgegen schwimmen Rost
gelernte liebe A 8
a; diese schiffe werden auf der Donau blosz gebraucht, um gegen den strom gezogen zu werden Nicolai
reise d. Deutschld. (1783) 2, 413.
auffallend: Ulnspegel is mal an de Au lank gan, ümmer gegen den strom an G. Fr. Meyer
plattdt. volksmärchen 119.
zum ausdruck der unmöglichkeit oder widernatürlichkeit eines vorgangs: kehre dann nur ... zurück, wenn der flusz, der dich dahinreiszt, sich gegen seinen strom wendet! Klinger
werke 5, 159; so, jung, ... nu lop dal na de Au un smiet din makwark dar rin. wenn dat gegen den strom an swömmt, dann warrst du keen schoster G. Fr. Meyer
plattd. volksmärchen u. schwänke (1925) 118;
in ironischer übertreibung schreibt der volksmund nur dem bösen weib mit seinem stereotypen widerspruchsgeist diese fähigkeit zu: einer sucht sein ertrunken weib wider den strom Montanus
schwankb. 526
lit. ver. besonders beliebt mit schwimmen: hast du kraft dazu gewonnen, magst du immer unverhohlen schwimmen gen den strom des flusses Brentano
ges. schr. 3, 140;
die sprichwörtliche verwendung: es ist bösz schwimmen gegen den strom Lehmann
floril. polit. (1662) 3, 74; tegen den strôm is quât swemmen
in cursum Rheni moliri corpore durum Tunnicius
sprichw. nr. 888
Hoffmann; contra fluminis tractum niti difficile es ist schwer, gegen den str. anstreben Lüpkes
seemannsspr. 164, 57
führt zu immer stärkerer verdünnung des sinnlichen gehalts bis zur abgeblaszten redensart. in dieser sinnentleerten form wird die feste präpositionale verbindung zur sprachlichen scheidemünze, bei der durch die häufigkeit ihres gebrauchs die ursprüngliche bedeutung immer schwerer erkennbar wird: s. B 4 a. II@A@1@dd)
verallgemeinert und stark abgeblaszt: reiszende wasserfluth, flieszende wassermenge, sich bewegendes wasser ohne die scharfe vorstellung der strömung. diese umschichtung der betrachtungsweise, in der an die stelle der bewegung das bewegte tritt, schon seit ältester zeit: limpha gl. 1, 201, 30 (
vgl. gurges sub A 1); (
stillung des sturms) nis nu lang te thiu that thia stromos sculun stilrun uuerthan
Heliand 2255; er wânte ûf die erden treten und lief ûf dem strâme (
gegenüberstellung: erde —
wasser)
passional 223, 61
K.; dô treip mich hitze unde sweiʒ under einen kalden boum. der kleinen weʒʒerlîn stroum hette in umbe gangen Herbort v. Fritzlar 2181.
im älteren nhd.: da sie (
Balenen) auch zu weit herausz geschwummen, von mangel wegen des wassers nicht mögen wieder in die tieffe kommen, so fassen sie in sich ein grosze menge wassers, brechen dasselbige für ihnen selbs herausz, und flötzen sich mit dem wallwasser wider in den strom Heyden
Plinius (1565) 312;
mare sinuosum, ... so seinen strom in die krümme umbher zeucht Faber
thes. 765
a; ihr gleicht ... nicht Ganges, wenn sein strom ausz seinen gräntzen rinnt und reiszt die bäume fort Treuer
dt. Dädalus (1675) 1, 881; der Ganges, welcher ... mit seinem wunderbreiten strohm das niderste Indien berührt Abr. a
s. Clara
Judas (1689) 2, 99; ... der hirt alsdenn verzagt die heerde vor sich her, der strom (
des über die ufer getretenen flusses) den hirten jagt König
gedichte (1745) 9, 4.
in jüngerer zeit recht ungewöhnlich: es neigt ein weidenbaum sich übern bach und zeigt im klaren strom sein graues laub (
ganz abgeblaszt =
wasser)
Shakespeare 3, 318; ich spacierte damals an den ufern der Elbe, sah in den str. (
vielleicht zu 2 ?) Schiller 3, 402
G. der plural unterstreicht die abstrahierende verallgemeinerung, darum häufig: denn so du durch wasser gehest, wil ich bey dir sein, das dich die ströme nicht sollen erseuffen
Jes. 43, 2; wie eine strenge bach, wenn sich die ström ergieszen und häuser, bäum und vieh hinführen in die see Gryphius
trauersp. 24
P.; völlig ungesehen: Donau, die mit ihren strömen weit sich zieht nach osten Rückert 1, 126. II@A@22)
flieszendes gewässer in seiner ganzheit; concretisierte strömung; bach, flusz, groszer flusz. bereits altd.: amne stroume
gl. 1, 313, 45;
alveus 1, 22, 26; 604, 21; Dief.
gl. 27
a; kinden unde wiben geschit noch von Parise maniger leit unde me ... danne in dem stroume von sande oder von griʒʒe deheines dinges fliʒʒe Herbort v. Fritzlar 2244; item als dann des richs straum der Mein under und obendig Franckfurd von alder bissher von des heiligen richs wegen fry gewest ist (1417)
Frankfurts reichscorresp. 1, 305
Janssen. die bedeutungen 1 '
strömung'
und 2 '
flusz, flieszendes gewässer'
laufen seit alters bis zu dem durch den trieb nach stärkerer differenzierung verursachten absterben der ersten im 19.
jahrh. (
vgl. sp. 2)
nebeneinander her. dabei scheint der gebrauch strom '
flusz'
lange auf eine kleine literarische oberschicht beschränkt und der gesprochenen sprache fremd gewesen zu sein (
vgl. th. 3, 1855:
entsprechend flusz):
vgl. für ποταμός,
amnis got. aƕa, runs;
ahd. aha
gl. 1, 22, 30; 4, 32, 56; 112, 21.
im mhd. und frühnhd. dafür ganz üblich 'wasser' (
vgl. sp. 2/3
mehrfach unter 1 a,
und th. 13, 2300).
so noch heute offenbar in den maa.: die wenigen, die strom
bezeugen, meist nur in der bedeutung 1 (
sp. 2);
ausdrücklich: 'wâter ...
jedes stehende oder flieszende gewässer, also auch der flusz, wofür unser plattd. kein eigenes wort hat' Schambach 288
b; Danneil 245
a. in dieser starken beschränkung auf die schriftsprache macht strom =
flieszendes gewässer im nhd. eine allmähliche wandlung seines begriffsinhalts durch. es bezeichnet wie im altd. zunächst jedes flieszende gewässer, ohne berücksichtigung seiner grösze, durchaus synonym zu flusz;
dabei wird bis ins 18.
jahrh. die enge verbindung mit bedeutung 1
gefühlt: wenn das wasser nur klein ist, man es einen bach nennet; wenn es grosz ist, einen flusz: und wenn es mit vieler schnelle und heftigkeit flieszet, einen strom Stosch
versuch in richt. best. (1772) 2, 12;
une rivière rapide Schwan
nouv. dict. (1784) 2, 737
a. es erfolgt eine leise begriffseinschränkung und zugleich -veränderung auf den groszen flusz: schiffreicher strom Stieler (1691) 2213; grosze und schiftragende ströme und flüsse
allg. haushaltgs.-lex. (1749) 1, 500. eigentlich verdienen nur diejenigen groszen flüsse diesen nahmen, deren lauf vorzüglich schnell und reiszend ist; allein in weiterm verstande gibt man ihn oft allen groszen flüssen, so wie man hingegen auch reiszende bäche im gemeinen leben häufig ströhme zu nennen pflegt Adelung 4, 834 (1780).
daher definieren systematische theoretiker in dieser übergangszeit strom
als ganz groszen, schnell flieszenden flusz: Stosch (1772) 2, 13; Eberhard
synon. (1795) 1, 235/6; Campe (1810) 4, 719
a. strom
als '
groszen flusz'
ohne erwähnung seiner wassergeschwindigkeit notieren zuerst Kramer
hoch-nd. wb. (1719) 2, 208
c; Fäsch
kriegs-lex. (1735) 861
b; flumen majus Frisch (1741) 2, 349
a; später oft mit einengung auf die groszen flüsse, die unmittelbar ins meer münden Eberhard (1795) 1, 236; Heinsius (1822) 4, 891
a; Oken
allg. naturgesch. (1839) 1, 555
u. s. w. diese bedeutung wird im 19.
jahrh. zumal durch die eindeutiger scheidungen bedürftige junge geographische wissenschaft (
vgl. unten)
und durch das öffentliche recht (A 3,
sp. 14/5)
immer systematischer herausgearbeitet, sodasz sie in der schriftsprache des 20.
jahrh. zur allein möglichen geworden ist: strom, die gröszte gattung natürlicher wasserläufe Lueger
lex. d. ges. technik 6
3 (1929) 442; flüsse: die in bestimmten rinnen der erdoberfläche sich bewegenden, von den bächen einer- und den strömen anderseits durch die grösze unterschiedenen wasseradern Kende
geogr. wb. (1928) 59
a. die bedeutungsentwicklung von strom
aus '
schnell flieszendes gewässer ohne rücksicht auf seine grösze'
im frühnhd. über '
groszer flusz mit starker strömung'
zu '
groszer, breiter flusz ohne rücksicht auf seine strömung'
in jüngster zeit mit der umkehr der bedeutungsaccente läuft parallel dem innerhalb des nhd. zeitraums erfolgenden langsamen zurücktreten des charakteristischen bildes der obd. wasserläufe mit ihrer durch die oberflächengestalt gegebenen starken strömung zu gunsten der nd. mit geringem gefälle, aber stattlicher breitenausdehnung, ist also ein sprachlicher niederschlag der vor allem auf politischen ursachen beruhenden verlagerung des geistigen schwerpunkts in Deutschland von süden nach norden seit 1450
bis zur gegenwart. II@A@2@aa) strom =
flieszendes gewässer, im hinblick auf seine grösze. II@A@2@a@aα)
vom 16.
bis 18.
jahrh. kann strom
jede art von wasserläufen bezeichnen. für besonders kleine wasserläufe, bäche: eim güszwasser ... das ... rauscht her mit ungestümmigkeyt und weret doch ein kurtze zeyt. wann bald der regen lesset nach, so wirt sein lauff auch mat und schwach; und verseigt endtlich dieser stram H. Sachs 7, 376, 16
lit. ver.; es musz ein general sehr accurate topographische charten haben, die ihnen ... auch sogar den geringsten busch, strohm und defilé specifique zeugen Fleming
vollk. teutsche soldat (1726) 167; ein kleiner strom scheidet ihre güter von einander Gottsched
dt. schaubühne 1, 471.
synonym für flusz: sie lauffen ... so lange, bis dasz sie zu einem flusse kam(en). der Ferrau eben da in dieses stromes strande ... mit widerwillen ist er etwas da geblieben, weil in den strom, den umb und umb die wirbel trieben, sein helm gefallen war Dietrich v.
d. Werder
ras. Roland (1636)
ges. 1,
str. 13
f.; nun gleitete der kahn ... den flusz hinab, ... sanfte ufer zu beiden seiten gewährten einen zwar einfachen doch behäglichen anblick. das kornfeld näherte sich dem strom Göthe I 25, 296
W. ebenso für grosze flüsse, die auch heute als strom
bezeichnet würden: est alveus in quem duo fluvii confluunt, ein strom darein zwey wasser zusammen flieszen Faber
thes. (1587) 327
b. sein merkmal ist die schiffbarkeit: dasz denen keyserlichen alle zufuhr zu lande, auf der achse, oder auch auf den strömen ... geschehen müsse Chemnitz
schwed. krieg 1, 23, 2; sie müssen die fuhrleute auf denen strasen, und die schiffe auf denen ströhmen, mit keiner schatzung ... beschwehren Fleming
vollk. teutsche soldat 266.
von bestimmten groszen flüssen: Weichsel: Swantepol ... thete auch ... denen, die sich des strohmes gebrauchten, manchen groszen schaden Schütz
hist. rerum pruss. (1592) E 3
b, Donau: dasz derjenige strom, der das neue Rom beflieszet Anton Ulrich v. Br.
Octavia 1, iv
b;
mit charakteristischer, aber seltener vereinigung des ursprünglichen und des neu sich durchsetzenden typischen kennzeichens des stroms: brücke ... über diesen starken und breiten strom Birken
Donaustrand (1664) 100,
Wolga: vor Ladoga ... hat dieser strohm einen fall Olearius
persian. reisebeschr. (1696) 12
b.
im 18.
jahrh. gern vom Nil: es weicht Egyptens strom, wenn deiner sich ergiesset, und über deine wangen fliesset. Warnecke
poet. versuch (1704) 21; hier liefen sie von der see her in den Nil ein, bemeisterten sich des stroms Heilmann
gesch. d. Pelop. krieges (1760) 120.
eine differenzierung nach der grösze ist also noch nicht eingetreten; die bedeutung der starken strömung für die verwendung von strom
tritt jedoch bereits stark zurück; es werden auch typische niederungsflüsse mit kaum wahrnehmbarer strömung als strom
bezeichnet. II@A@2@a@bβ)
im 19.
jahrh. wird die vorher im wesentlichen nur theoretische unterscheidung der gewässerbezeichnungen nach der grösze praktisch wirksam; als bezeichnung einer kleinen wasserader, eines bachs ist strom
unmöglich. es begegnet, fast ausnahmslos ohne rücksicht auf die strömung, zwar noch häufig als synonymon zu flusz: warfen sie zum fenster hinaus in den vorbeiflieszenden strom ... dann ward ... das fasz bergab gekullert, bis es in den flusz rollte
kind. u. hausm. nr. 13; das englische heer ... wollte über den flusz Spey gehen ... der herzog ging den 12. ... über den strom A. v. Arnim
werke 12, 167; lichtlein schwimmen auf dem strome (
der Tepl bei Carlsbad) Göthe I 3, 48
W.; selbst die kleinen wehrabstürze des stroms (
der Saale bei Halle) Fouqué
lebensgesch. 18; die Spree, ... ein strom schiffbarer als die Elbe, dabei ohne alle tücke und gefahr Arnim
bei Görres
ges. br. 3, 55; einen büchsenschusz nördlich ... drängt sich ein mäszig breiter, fischreicher strom durch die heide (
in Holstein), abwärts einem landsee zu Storm
werke (1899) 1, 203.
doch wird die theoretisch längst festgelegte differenzierung beider worte nach der grösze des gewässers jetzt immer schärfer empfunden, am deutlichsten spürbar bei geographen und in reisebeschreibungen: der norden und nordosten (
Australiens) ... hat zahlreiche wasserläufe von beträchtlicher breite, ... aber keinen wahren strom. eine anzahl von flüssen erweist sich hier als schiffbar auf ein paar dutzend meilen ins inland hinein, aber keiner erschlieszt in wahrheit das innere Ratzel
völkerk. 2, 5; der Ogowe ist hier kein flusz, sondern ein system von strömen. drei oder vier arme schlingen sich durcheinander Schweitzer
zw. wasser u. urwald 22;
grotesk in der verachtung wissenschaftlicher genauigkeit: der flusz, — oder, wenn wir verbindlicher uns ausdrücken wollen: der strom zeigte sich trotz des heiszen tages nicht allzu belebt Holtei
erz. schr. 7, 158.
beliebt ist die hinzufügung eines charakteristischen adj. oder adv., das immer die lineare erstreckung unterstreicht, selten daneben auf die schnelligkeit der strömung hinweist: eine felsgrotte, die ein breiter abstürzender strom beschlosz maler Müller
werke (1811) 1, 29; ein kühner schwimmer, dem kein deutscher strom zu breit und zu reiszend Fr. L. Jahn
werke 2, 5;
fast als feste epitheta ornantia erscheinen die schon im 18.
jahrh. auftauchenden grosz: die mündungen der groszen ströme Haller
Alfred (1773) 78, 10; wahrscheinlich, dasz Jupiter ... mit groszen strömen und meeren bedeckt ist Schubert
verm. schr. 4, 31; grosze ströme wie in Amerika der Mississipi oder der Amazonas Peschel
völkerk. (1874) 223,
öfter durch vorstellungsstärkere adj. ersetzt: ein breites, von bedeutenden strömen, namentlich der Tiber, durchschnittenes ... gebiet Mommsen
röm. gesch. 1
2, 5; da flosz der mächtige strom (
Düna) vor ihren augen Holtei
erz. schr. 1, 114; der Ogowe stellt ... einen stattlichen strom dar. in seinem unterlauf ist er ein bis zwei kilometer breit Schweitzer
zw. wasser u. urwald 3.
besonders gern breit: den 19. (
giengs) über die Elbe bis auf Halle. als wir den breiten strohm passiert hatten Bräker
sämtl. schr. (1789) 1, 116; beide fliegen (
im traum) ... über eine gewaltige, grüne wüste mit breiten strömen und wäldern, das ist Sibirien Thiesz
d. verdammten 460
volksausg. darüber hinaus ist zweierlei für den (
norddeutschen)
tieflandflusz charakteristisch, windungen: wie auf einem in krümmungen und windungen dahinflieszenden strom die aussicht derselben gegend in jedem augenblick wechselt O. Jahn
Mozart 4, 16; ein gemach, welches ... eine prangende fernsicht über wälder, hügel und die windungen des stromes bot Th. Mann
königl. hoheit (1925) 8,
und schiffbarkeit (
vgl. oben Holtei
und A. v. Arnim): wir waren erstaunt, den strom so leer von groszen handelsschiffen zu finden Solger
nachgel. schr. 1, 26; ein hübsches landhaus mit freier aussicht über den belebten strom (
Elbe) G. Hauptmann
buch d. leidenschaft 2, 138. II@A@2@a@gγ)
eine besondere note gewinnt strom
als bezeichnung des Rheins; er wird schlechthin der strom (
Deutschlands)
genannt, gelegentlich schon in älterer zeit: als die kouflüte für Brisach hinab kament, da wurden si verraten uf des heiligen richs stramen zuo schif (1473) Dieb. Schilling
Berner chronik 1, 98, 15
Tobler, hauptsächlich aber in neuerer zeit dann, wenn die zugehörigkeit vornehmlich seines linken ufers zu Deutschland von westen her bedroht ist. abhängig von dem allgemeinen erwachen des nationalbewusztseins, beginnt diese verwendung mit dem vormarsch der französischen revolutionsheere: treu wie dem Schweizer gebührt, bewach ich (
Rhein) Germaniens grenze, aber der Gallier hüpft über den duldenden strom (1796) Schiller 11, 110
G.; vor dem 3.
coalitionskriege 1804/5: die quelle der begeisterung scheint sich sichtbar vor unsern augen zu ergieszen, und der alte vaterländische strom erscheint uns wie ein mächtiger strom naturverkündender dichtkunst Fr. Schlegel
sämtl. werke 6, 212,
in der erhebung gegen Napoleon 1813: 'der Rhein Deutschlands strom, aber nicht Deutschlands grenze' Arndt,
bei der kriegsgefahr 1840: wer will des stromes hüter sein? Schneckenburger
dt. lieder (1870) 19,
Rheinlandjahrtausendfeier unter fremder besatzung 1925: geschick des deutschen staates, dessen macht nun (925) am untrennbaren eigentum an beiden ufern des deutschen stromes haftete Wentzcke
rheinkampf 1, 15; 'der strom. rheinische bilder aus zwei jahrtausenden' Beumelburg. II@A@2@bb)
das bild des stroms
vornehmlich im hinblick auf die strömung, gespiegelt in seinem gefühlsgehalt für den menschen. II@A@2@b@aα)
die den menschen bedrückende, elementare naturkraft des stroms,
die ihm furcht einflöszt, die sein werk oft zerstört, der er machtlos gegenübersteht. diese auffassung knüpft spürbar an die bedeutung 1 '
reiszende strömung'
an. II@A@2@b@a@aaαα)
das gewaltsame des stromes
bestimmt gefühlsgehalt und sprachgebrauch [
visuelle wahrnehmung im gegensatz zu ββ)]: ströme tretten über ufer, schwellen sich und lauffen aus Birken
ostländ. lorbeerhayn (1657) 307; ... wie ein wütender strom die umgrenzenden auen uferlos überschwemmt und wälder und felsen dahin stürzt Wieland I 1, 138
akad. ausg.; so wird vom aufgeschwoll'nen strome fortgerissen der junge rosenstrauch! Gleim
briefw. 1, 50
Körte. ihm wird eine dem menschen feindliche gesinnung untergelegt: er trug euch ... auf flügeln ... die ungetreuen ström' hinüber Lessing 3, 11, 189
L.-M.; der tradition nach muszten die verstorbne über dunkle, furchtbare ströme, oder gar über den ocean Herder 15, 467
S. der mensch sucht sich künstlich vor der gewalt des stroms
zu schützen; zunächst vergeblich: nicht anders als ein strom, wenn er sich losgedämmet, alsdann zwey arme macht und alles niederschwemmet Besser
schr. 1, 37
König; er eilt wütend hinein, gleich einem strome, der den damm durchrissen hat Ramler
einl. in d. schönen wiss. 2, 144;
später mit erfolg: weil er den besten anschlag gab, wie man dem einreiszen eines stromes vorzubeugen lehrte Lichtenberg
nachlasz 17, 22; zwängten ein den ungestümen strom durch pfahlgeflecht und dämme Weber
Dreizehnlinden136 11.
das allmähliche zurücktreten der obd. zugunsten der nd. ströme
in der anschauung spiegelt sich in den verben und beiworten. auch hier herrschen zunächst die charakteristika des naturhaft-wilden vor: die ströme sich erheben, die wasser brausen sehr Rumpius
bei Fischer-Tümpel
kirchenlied 1, 202; die ströme schossen mächtig daher maler Müller
werke 1, 17;
um 1800
wird reiszend
fast zum stehenden beiwort: ... er sitzt und harfeniert der verwüstung; aber der reiszende strom nimmt auch die lieder hinweg Göthe I 1, 337
W.; rasch fliegt der kahn mit dem reiszenden strom Pückler
briefw. u. tageb. 156.
im 19.
jahrh. aber wird durch den technischen fortschritt das gefährliche der reiszenden strömung stark gemildert. daher büszt der strom
das furchterregende ein: die thatsache seiner wahrnehmbaren strömung kann objectiv beobachtet werden: ... wie ein vogel singend über den schnellsten strom ohne mühe fliegt Göthe I 22, 317, 28
W.; zur linken ... die ... hoch angeschwollene Oder, mehr ein haff jetzt als ein strom Fontane
ges. werke I 6, 350; die ehre eines tüchtigen schwimmers ..., welcher in möglichst gerader richtung über einen stark ziehenden strom schwimmt G. Keller
ges. werke 3, 22.
diese beruhigung des gefühls, die dadurch verstärkt wird, dasz in der allgemeinen anschauung das bild der nd. ströme das der obd. immer mehr verdrängt hat, erscheint in vollkommener umkehr der thatsachen sprachlich als beruhigung und verlangsamung des gefälles, der strömung selbst: bei dem zuge der ströme durch die gebirgslande Ritter
erdk. 1
2, 76; so standen diese gestalten am zahlreichsten an dem ziehenden strom G. Keller
ges. werke 4, 99; dadrunten wo die ströme gehn, die städte und die münster stehn Schneckenburger
dt. lieder (1870) 32.
fortsetzung dieser entwicklung β)
αα). II@A@2@b@a@bbββ)
akustische momente färben vorstellung und ausdruck; dieselbe innere entwicklung wie in αα): und da Araxes läufft, da seine ströme sausen, hartneckicht, brückelosz, mit wüstem sturm und brausen Opitz
teutsche poemata 180
neudr.; was anders ist ein hallender strom, (wer mag immer rieseln hören?) und wieder was anders ein betäubender Klopstock
gramm. gespr. (1794) 27;
gegen ende des 18.
jahrh. gemildert zu dem beliebten '
rauschen': unterirdische ströme umrauschen es Herder 19, 64
S.; ein strom entrauscht umwölktem felsensaale dem ocean sich eilig zu verbinden Göthe I 2, 3
W.; noch rauschen die ströme ins meer Hölderlin
ges. dicht. 2, 68, 12
Litzmann. stärker in dieser zeit und später nur in jugendlicher übertreibung: hör auf, du strom, durchs feld zu brausen Schiller 1, 29
G. und ohne wirkliche anschauung: deutsche ströme sausen Körner
werke 1, 110
Hempel, oder in pomphaftem epigonenstil: stellt sich ein redner in den lauf des sturmes, ein sänger an des stromes donnerfall? Raupach
dram. werke ernster gattung 5, 126.
weitere entwicklung β)
αα). II@A@2@b@a@ggγγ)
der (
breite) strom
als etwas hemmendes, trennendes: arbeit und fleisz, das sind die flügel, so füren vber stram und hügel Fischart
gl. schiff 82
neudr.; weder hügel auf ihrem wege, noch enge thäler noch wälder, noch ströhme trennen ihre vollkommenen linien Bodmer
abhdl. v. d. wunderbaren 38; ... (
ihr) setzt vergeblich zwischen euch und euren überwinder jetzt berge, ströme jetzt Ramler
gedichte (1772) 122; was für berge, für wüsten, was für ströme trennen uns denn noch? Lessing 3, 10, 172
L.-M.; im 19.
jahrh. verliert der strom
diesen charakter durch die häufigkeit der brücken und erhält ihn nur bei ihrer zerstörung: gleichsam die brücke hinter sich abwerfend, auf welcher man über den strom gekommen ist Savigny
vom beruf unserer zeit (1814) 140. II@A@2@b@bβ)
die entscheidende wandlung in der vorstellung des stroms
im 19.
jahrh. II@A@2@b@b@aaαα)
durch die im 19.
jahrh. vollzogene verlegung des geistigen schwerpunkts nach dem norden ist der nordd. grosze flusz zum typus des stroms
geworden (
sp. 6/7)
und damit die beziehung zur ursprünglichen bedeutung '
strömung'
im bewusztsein verloren gegangen: das gefälle des stroms
ist ruhig, oft kaum merkbar [
anbahnung dieser entwicklung: b)
α)
αα)]: und den strom in abendstunden sanft hinunter gleiten sehn Göthe I 1, 55, 19
W.; ich sehe z. b. ein schiff den strom hinab treiben Kant 3, 169, 31
akad. ausg.; man empfand, dasz der wilde wasserfall ... selbst in seinen mannichfaltigen strudeln schöner sey, als der in abgemessenen kanälen so einförmig einherschleichende strom Kretschmann
sämtl. werke 1, 2; am quai jagte wagen an wagen vorbei, indesz der strom ... träge seine ... wellen rollte v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 3, 58.
das geräusch des modernen stroms
als breiten flusses ist bei stärkerem gefälle gering: das murmeln der ströme kommt aus der ferne Göthe I 37, 66
W., dem typischen strom
fehlt es ganz: all mein sehnen will ich, all mein denken in der Lethe stillen strom versenken Schiller 11, 9
G.; wenn die ströme schweigend rollen Strachwitz
gedichte (1850) 7; lautlos wie der strom da drunten durch sonnenlicht und schattenstreifen glitt Sperl
bildschnitzer v. Würzburg (1925) 177,
sodasz seit der mitte des 19.
jahrh. der strom
dem menschen nur noch einen visuellen, keinen akustischen eindruck vermittelt. er kann nun sogar als verbindendes glied zwischen menschen wirken; sehr eigenartig: für mein gefühl ist man noch immer in der nähe seiner lieben, so lange die ströme von uns zu ihnen laufen Göthe I 24, 9, 6
W. II@A@2@b@b@bbββ)
durch die technischen fortschritte der neuzeit, die im jahrh. der stromregulierungen schnellen, untiefen u. s. w. beseitigen und durch verbesserten deichbau die überschwemmungsgefahr einschränken, verliert der strom
seine den menschen erschreckende elementare naturgewalt und wird ihm zum segenspender, weil er ihn sich dienstbar zu machen versteht: der mensch ... leitet ströme zusammen und führt sie in sandwüsten hin, die er dadurch in lachende fluren verwandelt Schlözer
vorstellung seiner universalhist. (1772) 10;
daher empfindet er ihn nunmehr als sich freundlich gesonnen: der freud'ge strom verrät ihn nicht des schilfes grünen gittern Freiligrath
ges. dicht. (1870) 5, 11.
dadurch erst wird die voraussetzung geschaffen, dasz auch er zum gegenstand des im 18.
jahrh. allgemein erwachten naturgefühls wird. nunmehr lernt der mensch die schönheit des flieszenden wassers sehen, für den strom
naturgemäsz beschränkt auf seine typisch moderne, nordd. ausprägung: in weiten beeten, grosz und hehr tritt hier der schöne strom einher Blumauer
gedichte (1782) 5; die ströme sind die augen einer landschaft Novalis
schr. 4, 169
Minor; ihr pappeln! erlen! weiden der grünbewachsnen ufer des lieblichsten stromes maler Müller
werke 1, 350; freundlich grüszend und verheiszend lockt hinab des stromes pracht Heine
werke 1, 33
Elster. auf anderer linie das erlebnis seiner farbwirkung: ein tiefer blauer strom schimmerte aus der grünen ebene herauf Novalis
schr. 4, 161
Minor; o Elsasz, o Elsasz, du schönes grünes land, nimm überm blauen strome die warme bruderhand! Schneckenburger
deutsche lieder 23.
noch bezeichnender für den unmerklich flieszenden nordd. strom
die spiegelung des lichts auf der glatten wasserfläche: seine hohen thürme spiegelten sich ... in dem vorbeyflieszenden strome Klinger
werke (1809ff.) 4, 3; Goethes gleichnis, dasz der gang des echten romanes wie ein breiter, schöner, ruhiger strom die ufer spiegeln müsse, paszt nicht mehr Alexis
d. hosen d. h. v. Bredow (1846) 1, viii; im abendschimmer stand der strom Hölderlin
ges. dichtg. 1, 41
Litzmann; und schreitet erst der sommer durch den hag, ... dann lacht die flur, und ihre ströme blitzen Arno Holz
das werk (1924) 1, 284.
von starkem ästhetischen reiz der nächtlich-dunkle strom: wie von einer hexe, welche nächtlich einsam auf einem strome in dunklem kahne dahin schiesze G. Keller
werke 5, 233; vor meinem geiste sah ich es flieszen und gleiten wie einen stillen dunklen strom unablässig Seidel
vorstadt-gesch. 2(1880) 103 (
vgl. die schluszbeispiele von B 2 a;
sp. 24). II@A@2@cc) strom
in festen grammatischen verbindungen. II@A@2@c@aα)
in der zusammenrückung mit dem eigennamen giebt strom
die gattung an, der er angehört (
vgl. gr. ὁ Νῖλος ποταμός). Rinstram, R(h)einstrom:
städtechr. 3, 36, 23; 37, 5; 4, 345, 28; Platter 52
Boos; volksb. v. dr. Faust 262, 19
Petsch; Rist
friedewünsch. Teutschl. (1648) 49, Donaustrom: Lazius
d. khunigreichs Hungern chorographica beschr. (1556) A 3
b; Lubenau
reisen (1628) 1, 109
Sahm, '
ausführliche und grundrichtige beschreibung des ganzen Elb-stromes'
Nürnbg. 1687, Jordanstram: Fabri
eigentl. beschr. (1557) 84
a, Tyberstrom: Anton Ulrich v. Br.
Octavia (1677) iv
b, Nilstrom: Brown
pseudodoxia (1680) 674.
auch von mittelgroszen flüssen: Weserstrom:
versuch eines brem.-nieders. wb. 4, 1059, Mainstram:
städtechr. 3, 53, 4, Isarstrom:
Parnassus boicus 1, 3 (1722), Limmatstram: Fischart
gl. schiff 64.
aufzählungen: Stieler 2213; Kramer 2, 1015
c. diese verwendung hauptsächlich üblich bis zum 17.
jahrh., später selten; stets mit absichtlicher unterstreichung: Rheinstrom Rückert 1, 142; im süden und westen sperrte der breite grenzgraben des Rheinstromes das land ab W. H. Riehl
naturgesch. d. volkes 1, 150,
oder in erhöhter diction: nachdem sie sich lange im wellenlosen spiegel des farbenschimmernden Neckarstromes (
bei Heidelberg) gelabt hatten Lienhard
westmark 178. II@A@2@c@bβ)
die genitivverbindung, zumal in den fest gewordenen formeln wassers, meeres strom
und mit dem eigennamen eines gewässers umschreibt nur noch als stilistische floskel den im genitiv stehenden begriff. syntaktisch wohl aus der bedeutung '
strömung'
entstanden; doch läszt sie sich wegen der starken sinnentleerung nirgends reinlich von der modernen bedeutung '(
groszer)
flusz'
absondern. schon alt: het mi (
Petrus) than tharod gangan te thi obar thesen gebenes strom drokno obar diap uuater, ef thu min drohtin sis
Heliand 2936; die helden ylten von dan über des wilden wages stran us dem engen lande
Göttweiger Trojanerkr. 15880.
mhd. beispiele dafür: mhd. wb. 2, 2, 673
a; Lexer 2, 1223;
Germania 8, 474;
beitr. 47, 60
Paul u. Braune. in dieser formelhaften sinnentleertheit nur frühnhd.: Rausch das bley von stund an nam und füeret es über des möres stram
Bruder Rausch, weimar. jb. 5, 412, 488; der erden kloss und meres stram mit aller irer behaltunge hat uns der mechtig aller werlte herzoge befolhen (
gegensatz: festland —
meer)
ackermann a. B. 8, 4
Bernt-Burdach; die andre (
schiffe) aber allesamen schickt er hin auf desz wassers stramen Spreng
Aeneis (1610) 164
b (
vgl. dagegen jüngeres strom des wassers
bei Allmers
als voll sinnhaltig unter 1 a).
im nhd. dagegen gewuchert hat die genitivverbindung mit dem eigennamen eines flusses: als an dem himmelklaren strom des Alpheus wir plätschernd noch im abendstrahle scherzten Göthe I 17, 40
W.; ihre zwillingsknaben befahl er im strohm der Tiber zu ersäufen Niebuhr
röm. gesch. 1, 151; während der wagen etwas langsamer vorbeifuhr wegen des breiten stromes der Eisach, die auf der andern seite des wegs dahinschosz Heine
werke 3, 240
Elster. die alltagsferne dieser verwendung beweist der vorwiegend poetische gebrauch: ... die drei legionen, die, in Sicambrien, am strom der Lippe stehn H. v. Kleist 2, 341
E. Schmidt, zumal mit vorausstellung des abhängigen genitivs als des eigentlichen begriffsträgers: die völker so des Nils fruchtbaren strom bewohnen Pietsch
schriften (1740) 8
Bock; mich sahst du thronen an der Newa strom Schiller 4, 10
G. II@A@2@dd) strom
in besonderen vorstellungsverbindungen, gegensatzpaaren, aufzählungen. II@A@2@d@aα) der eisbedeckte strom;
als sachliches kennzeichen des winters: schaue, wie die halbe welt sich in warme pelze hüllet; wenn der schnee das flache feld und das eis die ströme füllet Gottsched
gedichte2 (1751) 282.
zunächst vornehmlich als symbol des trügerischen, schwankenden, unsicheren: wer auf menschen sein vertrauen setzet, der baue ... auf einen gefrohrnen strohm Lohenstein
Arminius 2, 1519
a; du hast ein gutes vertrauen zu dem strome, der die eisscholle trug H. v. Kleist
briefe an seine braut 146, 11
Biedermann. auf das erwachte naturgefühl der klassik und romantik wirkt die befreiung des stroms
vom eise in ihrer beziehung zur menschlichen seele: vom eise befreit sind strom und bäche durch des frühlings holden belebenden blick ... denn sie (
menschen) sind selber auferstanden ... sind sie alle ans licht gebracht Göthe I 14, 49
W.; o süszer mai, der strom ist frei, ich steh verschlossen A. v. Arnim
werke 22, 51
Grimm. der vorgang selbst wird nun als ästhetischer reiz empfunden: hast du nie den eisgang eines groszen stromes gesehn? es ist eins der imposantesten schauspiele in der natur Bismarck
briefe an braut u. gattin 631. II@A@2@d@bβ)
die vorstellung, dasz das wasser der ströme durch blut roth gefärbt wird, als gewaltsame übertreibung für starkes blutvergieszen in ausgesprochen barockem sprachstil: wie würd das christenblut ... so wenig vergossen werden; mit welchem doch ... alle ström und felder gefärbt ... werden!
Z. Weidner
teutscher nation weisheit (1653) 3, 27; der strom flosz gantz gefärbt von edlen, die das schwerdt der Persen hat verderbt Gryphius
trauersp. 165, 427
lit. ver.; dann wird sich das wasser der ströme in blut verwandeln Klinger
werke (1809ff.) 3, 23. II@A@2@d@gγ)
die ebenfalls übertreibende vorstellung des ströme-austrinkens als ausdruck eines übermenschlichen, hochmüthigen unterfangens geht auf die alttestamentliche vorstellung von ungeheuren wasserthieren zurück: sihe, er (
der Behemoth) schluckt in sich den strom, und achts nicht grosz, lest sich dünken, er welle den Jordan mit seinem munde ausschepffen
Hiob 40, 18;
sie ist daher weniger stark vom modestil abhängig: wie gings dem kürbis-kopf, der mit dem groszen hauffen und seiner kriegesmacht die ströme wollt' aussauffen? Rachel
satir. gedichte 77
neudr.; und käme Xerxes mit den heeren, die, ströme trinkend auszuleeren, der durst in dürren wüsten zwang Gottsched
neueste gedichte (1750) 35;
lieblingsvergleich Göthes: doch sind wir schon durch so vieles grose durchgegangen dasz wir wie Leviathane sind die den strom trincken und sein nicht achten IV 4, 121
W.; vgl. 33, 322, 7.
auch übertragen auf abstractionen: aber doch unter desz sich mit allem fleisz bemühen, den Euphratem und strom desz bäpstischen ehrgeitzes und betrugs gar auszusauffen und zu vertrucknen Philipp Nicolai
teutsche schr. (1617) 1, 1, 223
a. II@A@2@d@dδ)
gleichfalls biblisch: 'wie mit einem strom tränken': du tränckest sie mit wollust als mit einem strom
ps. 36, 9.
beschränkt auf das frühnhd.: und du (
gott) trenckest mit wollust sie (
die menschen) als mit eim feisten strom allhie H. Sachs 18, 155, 29
lit. ver. und die barockzeit: die betrübte seele jauchzt in ihrer höle, denn du tränkst sie wie ein strom, machst sie heilig satt und fromm Silesius
heil. seelenlust 126
neudr.; hast ... meinen mund befeuchtet ... und, wie mit einem strom, mich durstigen getränkt Rompler
erstes gebüsch 4. II@A@2@d@eε)
neutestamentlich Jesu gleichnis: wer an mich gleubet, ... von des leibe werden ströme des lebendigen wassers flieszen
Joh. 7, 38.
in der späteren litteratur nur in beziehung auf diese stelle: ob er (
Christus) auch in seinem gemüthe befinde, dasz der strohm des lebendigen wassers göttlicher liebe von ihm fliesze J. Böhme
schr. (1620) 4, 78; wenn wir uns in dem himmlischen Jerusalem wiedersehen werden ..., wo wir sehen werden den lauteren strom des lebendigen wassers Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 1, 69. II@A@2@d@zζ) strom
in gegensatzpaaren und vergleichen, ursprünglich zur hervorhebung einer eigenschaft, meist seiner grösze. II@A@2@d@z@aaαα)
gegensatz und vergleich mit kleinen und kleinsten wassermengen, seit frühnhd. zeit: da werden meine bechlin zu groszen strömen und meine ströme werden grosze see
Sir. 24, 44; wer ersaufen soll, der ersaufe in einem bach oder mitten im strom, so ist er eben sowohl ersoffen Luther
werke 29, 30
Erlanger ausg. sprichwörtlich: viele bäche machen einen strom Eyering
proverb. (1604) 3, 282; Wander 4, 923; Lüpkes
seemannsspr. 123, 10; Fischer
schwäb. wb. 5, 1876; deswegen bleibt es immer wahr, dasz auch der gröszte strom nichts anders sey, als eine sammlung kleinerer gewässer Gerstenberg
schlesw. lit. br. 1, 8
lit.-denkm. der mensch liebt den strom
weniger als den bach, die quelle; er ist ihm, gemäsz der älteren vorstellung, zu gewaltig und vernichtend: quelle du bist mir werther denn des lauten felsenstürzenden stroms erzürnte woge Stolberg
ges. werke 1, 35; ich liebe mehr den bach ... als einen strom, der wälzend erd und steine ... hinterläszt Ayrenhoff
werke (1814) 5, 83, 21,
oder nicht ursprünglich, sauber, klar genug: heute tauche nicht ein, ... heute trinkt von den quellen blosz Argos, und nicht von dem strome A. W. Schlegel
im Athenäum 1, 133; wer möchte nicht lieber aus der quelle trinken, als weitab aus dem strome? Görres
ges. briefe 3, 221. II@A@2@d@z@bbββ) strom
und felsen, gebirge;
zunächst zur betonung des gegensätzlichen charakters der beiden materien, des flüssigen, beweglichen, dauernd veränderlichen und des unbeweglichen, starren, harten. sprichwörtlich alt: die steinberge entstân dem strome
saxosi montes fluviis amnique resistunt Tunnicius
sprichw. nr. 1338
Hoffmann; wie so ganz verändert ... der zerrissne strom am felsen zum schaum aufwallt! Meiszner
skizzen (1778) 1, 18; dann will ich ... ihm entgegen stehn, wie ein fels dem strom maler Müller
werke 1, 66.
da beide trennend wirken, steigert ihre zusammenstellung die schwierigkeiten; ihre überwindung bedeutet eine beachtliche leistung: uber stram und hügel Fischart
s. 2 b
α γγ); ihre wagenburg ... hinüberführend über ströme und gebirge Mommsen
röm. gesch. 2, 174; bergab, bergauf nach flinkem lauf leicht wie die luft durch strom und kluft Lenau
sämtl. werke 196
Barthel. auch ohne besonderen accent nebeneinander gestellt: allein folgt denn daraus, dasz die erde im ganzen mit ihren gebürgen und strömen und meeren nicht ihre gestalt aus wasser könne gewonnen haben? Herder 5, 133
S.; felsen und ströme sind von halbgöttern belebt Göthe II 6, 361
W. II@A@33) strom
als juristischer begriff. II@A@3@aa)
das juristische merkmal des stroms
besteht in seiner freiheit; als regale des königs: der strom musz frei sein zu allen zeiten Graf-Diether 130, 372; Wander 4, 921;
s. Frankf. reichscorr. 1, 305
sub 2,
sp. 6.
doch bleibt diese freiheit in älterer zeit oft blosze forderung, sodasz strom
frühnhd. bei unfreien wasserläufen geradezu '
stromabgabe, zins für die benutzung des stromwassers'
bedeuten kann: bey seynem leben hat dye stat an barem geld solchen vorath, dasz man auf rent gap groszes gelt, ... dye stroem lys er erhogren nycht, wye ytzt an wayden auch geschycht (
um 1570) Friedwald
elbing.-preusz. gesch. 359
b Toeppen; vgl. mecklenbg. urkundenbuch 1, 184 (
urk. von 1210).
dazu adj.-ableitung stromfrei,
s. dies sub 1,
sp. 61.
in neuerer zeit wird diese rechtseigenschaft des stroms
bezeichnet als '
öffentlichkeit': die fischerei in öffentlichen strömen ... wurde durch privilegien einzelnen personen ... verliehen Eichhorn
dt. staats- u. rechtsgesch. 2
3, 561; ströme sind natürlich-flieszende gewässer, welche öffentliche verkehrsstraszen bilden. das merkmal ist, dasz sie geeignet sind zur schiffahrt ... (
sie) stehen als verkehrsstraszen unter dem öffentlichen rechte des staates Stengel-Fleischmann
wb. d. dt. staats- u. verwaltungsrechts 3, 558
a. diese eigenschaft regt, sehr ungewöhnlich, Ranke
zum vergleich für die gerechtigkeit an: s. B 2 b),
sp. 25. II@A@3@bb)
in der wohl unter dem einflusz der sonderbedeutungen 4 b
und c
erfolgten anwendung dieser rechtsvorstellung auf seen und offene wasserflächen entwickelt zu der bedeutung '
hoheitsgebiet (
auf dem wasser),
rheede, offener ankerplatz der schiffe': strom heiszt in der schiffssprache oft soviel als rheede Jacobsson
technol. wb. (1784) 4, 327
b. so auch holl. Fäsch
kriegs-lex. (1735) 862
a; Sicherer-Akfeld
ndl.-hd. wb. 1067
b; welcher gestalt ... Lübeck für langen vilen jaren von römischen kaisern priveligirt und begebet seie des Dartzouwer sehes bis in die Radegast als ihr eigenen strohme zu gebrauchen, genieszen und zu befischen 6. ix. 1569; auff eins erbaren rats und dieser guten stadt freien stromen und gerechtigkeiten 13. vii. 1587
in urkunden des Lübecker staatsarchivs. 1578
nennt herzog Adolf von Holstein die heutige Lübecker bucht unser freier strom
ebda Holsat. 4, 3, 39. II@A@44)
abgelegenere eigentliche bedeutungen: sämtlich nur im älternhd. lebendig; versteinerungen davon heute lediglich in geogr. eigennamen erhalten. II@A@4@aa) '
fluszarm; neben-, seitenarm eines flusses',
wie sonst, weit häufiger 'strang' (
s. d.; Lexer 2, 1224): die von Ingelstat haben sie nit einlassen wöllen. also seindt sie auf einen wördte khomen, welcher zwischen der Thonaw und einem straum, der aus der Th. darumbher fleuszt ligen und sich verschanzt und haben die brucken uber den straum abgeworffen (1546) Schertlin v. Burtenbach
br. (1852) 130
Herberger; dasz aber etliche alte scribenten fürgeben, wie von dem flusz Nilo ... zur zeit der sündflut ... die bäch und sträm also mit gedignem goldt besämbt und beflöst hab Ercker
beschr. aller mineral. ertzt (1580) 42
a; die Elbe selbst (
nach der zerstörung Magdeburgs) ... gering und klein ist worden, und die Elb fast nicht mehr scheint zu sein. die ströme, so von ihr und zu ihr wider kommen, ... für leid sie ihren flusz all ausgethränet han, dasz keiner fast nicht mehr ein mühle treiben kann
propempticon Tillycum 1631
bei Opel-Cohn,
30 jähr. krieg 261.
auch bestimmter: '
mündungsarm'
bei deltabildung: der flusz Nilus teilt sich in siben straamen oder runsz aus Frisius (1556) 1202
a (
vgl. Wilhelm v. Österreich 6184);
von der Donaumündung Birken
s. th. 11, 2, 255
unter V b; ... vom wilden volk am Don, erzähle, wo diesen flusz das meer aus sieben strömen trinke Ayrenhoff
werke (1814) 5, 101.
in dieser specialisierung bis zur gegenwart vorhanden: strom, ein arm von einem flusz ... die Waal ..., ein Rhein-strom oder strang Frisch (1741) 2, 349
a; Querstrom, Rickstrom, Pankstrom:
nebenarme der Swine. II@A@4@bb)
mit entgegengesetzter verlagerung des sinnaccentes '
fahrtrinne, tief'
; durch begriffsverengung aus der bedeutung '
strömung'
entwickelt, da der lauf der stärksten strömung die gröszte wassertiefe und damit die fahrtrinne bestimmt. nicht nur von groszen flüssen, sondern auch für küstennahe meerestheile gebraucht: a medio gurgitis, quod dicitur vulgariter strom (
südlicher theil der Peene) (
ende des 14.
jahrh.)
pommersches urkundenbuch (1881) 2, 187,
noch heute so genannt; gab man aber die innenstadt auf und begab sich an den 'strom', wie die Swine regelmäszig genannt wurde Fontane
ges. werke II 2, 60/1.
noch in der gegenwart längs der deutschen küste in eigennamen häufig, an der Ostsee: Strom, '
name des tiefs bei Pillau' Frischbier
preusz. wb. 2, 382
b; Friherrnstrom '
fahrwasser der Trave' Schumann
Lübeck 24; Gellenstrom, Vierendehlstrom
bei Rügen; ebenso an der Nordsee: Flackstrom
bei Meldorf; Texel-, Vliestrom
in Westfriesland. auch von flüssen: Damanscher strom:
fahrtrinne der Oder nördlich Stettin. in älterer zeit wohl nicht nur mit beschränkung auf das mündungsgebiet groszer flüsse: zum 10. bitten sie, das ein stram auf und ab, wie vor alters, mit den schiffen mag gehalten werden, auf das den armen leuten durch den schiffern so merklichen schaden nicht zugefügt werde (
vermuthlich durch störung der ruhigen fischerei an den ufern der Oder) (1540)
ständeakten Joachims II. 1, 88
Friedensburg; (
die kieser, d. h. fischer im kietz von Frankfurt a. O.) haben auch derhalben eigene wasser, darinnen niemants fischen tharf dan allein die kieser ... die fischer, die nicht kiser sint, sollen nindert fischen, allein im strame der Ader (16.
jahrh.) Riedel
codex diplom. Brandenb. I 23, 393. II@A@4@cc) '
meerenge, meeresarm, meerbusen': enger strom oder arm desz meers, der an und ablaufft Frisius (1558) 489
a; ähnlich Frisch (1741) 2, 349
a. die durch ebbe und fluth veranlaszte, an meerengen besonders scharf erkennbare periodische bewegung des meerwassers wird hier sprachlich der durch strömungen veranlaszten dauernd gleichsinnigen bewegung des meerwassers gleichgesetzt, während die sprache sonst beide dinge verschieden benennt. die gedankliche verknüpfung wird deutlich: stroom
aestus, maris crescentis et decrescentis commotio Kilian (1623) O o 2
c. doch schwindet, entsprechend der bedeutungsentwicklung unter 2,
im bewusztsein schon früh der sachliche anlasz für diese bezeichnung, sodasz strom '
meerenge, meerbusen'
schlechthin ohne beachtung der darin stattfindenden wasserbewegung bedeutet: Euripus, ein enger strom des meers, zwischen Italia und Sicilia Alberus (1540) Y y 3
b; fretum, angustia maris, πορθμός, ein enger strom im meer, oder, der ort des meeres, da es enge ist Faber (1587) 339
a; meerstrom
brachium vel sinus maris Stieler (1691) 2213; strom
aestuarium, sinus, brachium maris Dentzler (1716) 280
a. so litterarisch in älterer zeit: wo sy (
hirsche) uber ein stramen desz meers von einer insel zu der anderen schwümmend Herold-Forer
Gesners thierb. (1563) 81
a; wenn sie uber einen strom des meers, ihrer nahrung halber, setzen wöllen (
maria trameant gregatim nantes ... hoc maxume notatur a Cilicia Cyprum traicientibus) Heyden
Plinius (1565) 173; wir kamen den von Garasu zu hülff mit viertzig mannen unsers schiffs, fuhren in einem kleinen schifflin dahin. das flecklin lag auff einem stramen des meers, welchs sich 2. meil wegs landtwerts in strecket Franck
weltbuch (1567) 2, 2, 28
a; hierher wohl auch zum vergleich für die dichtkunst: wie ein strohm, der seinen flusz aus dem meere genommen, und solchen wiederum hinein sendet Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustwald (1657) 7.
noch heute an der ostseeküste lebendig in namen von meerbusen, -armen: Barther, Zingster, Prerower strom
bei Zingst, Rassower, Gahlitzer strom
bei Rügen. II@A@4@dd) '
küste, gestade'.
übertragung auf das landgebiet, das an dem strom
in den bedeutungen 3 b
und 4 c
liegt? nach langer irrfart an dem strom der insel Cuba des wir kein end mochten faren, warden wir ... gezwungen wider zuruck zukören Franck
weltb. (1534) 223
a; wohl auch hierher sträme
f. '
ufer, seegestade' Schrader
dt.-franz. wb. (1784) 2, 1320.
verallgemeinert: '
landstrich, landschaft',
gegend überhaupt, ohne geographische beziehung zum. meer oder zu flüssen: tractus ... strich, glend, gegne, gelägenheit, strom, landschafft Frisius (1556) 1321
b; ähnlich und davon abhängig: Maaler (1561) 393
b; Roth
dict. (1572) Q 3
b; Kilian (1605) 538
a; '
wie revier
von riviere' Frisch (1741) 2, 349
a. II@A@55) '
wasserstrahl; dünner strahl einer flüssigkeit'
; erst im spätmhd. entstanden durch bedeutungsüberschneidung von strôm, strâm <
ahd. mhd. stroum '
strömung, wasserlauf'
mit dem zwar wurzelfremden, durch lautlich-dialectische entwicklung aber gleich klingenden strâm, strôm <
mhd. strâm '
streifen, lichtstrahl' (
vgl. dies und strömlein,
sp. 63);
beiden ist die scharf abgegrenzte einbettung in ein anderes medium gemeinsam. die hauptmasse der belege für diese compromiszbedeutung liegt in frühnhd. zeit, solange stram, strom
als '
streifen, lichtstrahl'
lebendig war; später nur vereinzelt, manchmal auch wohl in übertragener bedeutung (
vgl. unter B).
die zuordnung einzelner belege bleibt zweifelhaft: z. b. auch hett sie beinah der anlaufend stram des weins in abgrund seines magens geschwemmt Fischart
geschichtkl. 378
neudr.; wenn sein (
des Bobers) strom von hohen felsen schieszt Stoppe
Parnasz (1735) 401; von sturz zu sturzen wälzt er jetzt in tausend dann abertausend strömen sich ergieszend Göthe I 15, 7
W. eigenthümlich für die ungetheiltheit der wasserader: das wasser (
des Nils) ... rinnt in einem stramen herab bis unter Chayr, da teilet sich der flusz in zwei teil Fabri
eigentl. beschr. (1556) 177
a; das wasser (
der Donauquelle) läuft mit einem einigen und nicht in pfützen geteilten strom Birken
Donaustrand (1664) 13.
für quellwasser: ich habe ... noch meinen mund genetzet aus Agenippen strom Rachel
satir. gedichte 14
neudr.; es wendet nach dem strome des quells sich der lautenklang des wehenden bachs Klopstock
oden (1889) 1, 182, 5 (
vgl. strömlein).
dagegen deutlich '
wasserstrahl'
in der loslösung vom erdboden: diser kaiser ... sprach (
zu dem meer): seid ich dein ... gewalt sol haben, so beweis auch mir dein gehorsam. an stund schosz ein stram wassers im in sein schosz Füetrer
bayer. chr. 153
Spiller; maniger lief hindern zaun und liesz von im ein straun, als hetts ein alter esel taun Hätzlerin
liederbuch 262; so schmackt ir basz des brünlins strom dann der gut griechisch wein zu Rom Scheit
fröhl. heimfahrt, v. 117
Strauch. später nur vereinzelt: den (
wal-) fisch, der ströme bläst Haller
ged. 4
Hirzel; dort spein vier schwimmende tritone ... den dicken strom gen himmel, die flut des wasserfalls Dusch
verm. werke (1754) 151; stürzte der strom des kältesten wassers (
aus der pumpe) über die schreienden nackten kinder Steffens
was ich erlebte 1, 32.
in dieser verwendung noch in maa. lebendig: damit er (
der hausbrunnen) nie versiege und einen starken strom liefere Schramek
Böhmerwaldbauer (1915) 116; use schucke (
pumpe) smit'n mächtigen strâmen af Beck
idiot v. Nordsteimke, nd. jb. 24, 123
a. —
in frühnhd. zeit auch ins geistliche übertragen (
vgl. oben stram B 3): leitet die selige stramen der ewigen weisheit ... in die selige brünne und teyler Israelis Mathesius
werke 3 (1906), 7, 25; der grosze rohe rote drach werd ihr (
der kirche) und ihrem kind zusetzen, manchen grewlichen strom nach ihr schieszen, ob er sie möchte ersäufen Artomedes
christl. auslegung 2
4(1620), 290. II@BB.
übertragen. zu voller üppigkeit sprachlichen lebens gelangt das wort in der beschränkung auf die bedeutung A 2 '
flieszendes gewässer, (
groszer)
flusz'
erst in den letzten jahrh. der nhd. zeit dadurch, dasz die dreiheit der übertragung auf andere concreta (B 1),
des vergleichs concreter wie abstracter dinge mit dem strom (B 2)
und der metaphorischen anwendung auf geistig-seelische vorgänge (B 3)
in immer mächtigerer verzweigung neben den eigentlichen verwendungen (A)
sich ausbildet. im mhd. und frühnhd. in einzelnen fällen schon angebahnt, entspricht die zeitliche folge, in der diese drei logischen gruppen der bildlichen übertragung zuerst als allgemein üblich auftreten, ganz im groben ihrer immer stärkeren sachlichen entfernung von der eigentlichen bedeutung. compliziert wird die genaue beobachtung und festlegung dieser sprachlichen entwicklung durch die verschiedene vorstellung, die zeiten, landschaften und persönlichkeiten vom typischen wesen des stroms
haben, sodasz das tertium comparationis, das zur übertragung, zum vergleich und zur bildlichen verwendung geführt hat, alle abschattungen dieser vorstellung von der gewaltsamen, alles mit sich fortreiszenden, unwiderstehlichen bis zur imponierend-groszartigen, ästhetisch-reizvollen, gewaltlosen und kaum spürbaren, nur durch ihre masse wirkenden bewegung in dauernd gleichsinniger ablaufsrichtung zeigen kann. entsprechend der allgemeinen vorstellungsverschiebung von strom
in der bedeutung '
wasserlauf in seiner ganzheit' (A 2)
wird auch hier die langsame verlagerung des dominierenden vorstellungscentrums vom strom
in der süd-nord-richtung, freilich um vieles verschwommener, erkennbar. II@B@11)
übertragung auf andere concreta. II@B@1@aa)
auf andere flüssigkeiten; ursprünglich hyperbolisch, daher in voll sinnhaltiger bedeutung üblich geworden in zeiten und bei dichtern barocker stilgebung. II@B@1@a@aα)
blut: übertreibend, um den eindruck eines unerhörten blutvergieszens oder blutverlustes zu erwecken. bereits mhd.: daʒ bluot über velt ran ... swaʒ gebeines dar unter (
den schilden) was, ... die muosen alle in den stran (: man)
Rolandslied 4347
Wesle; do des plutes stran (
Jesu blut) durch Longinum den ritters man hie trang pis auff der erden plan Folz
meisterlieder 3, 84
DTdM 12.
syntaktisch ist im nhd. die verbindung strom von blut
üblich; gewöhnlich steht daneben bis ins 19.
jahrh. die genitivverbindung strom blut(e)s,
an deren stelle dann die seit dem 17.
jahrh. begegnende einfache zusammenrückung strom blut
tritt. den hyperbolischen charakter der übertragung verstärkt die häufige pluralische verwendung. seit dem barock geläufig: liesz er noch einen entsetzlichen sturm auf die festung wagen, in welchem es schien, nicht als ob er willens wäre, im triumphe hinein zu reiten, sondern auff einem gantzen strohm von blute hinein zu schiffen Ziegler
asiat. Banise 607; ... ströme blutes stürzen von ihr aller orten Brentano
ges. schr. 3, 113; ach bleib mir hold und gutes muths, bis mich die ströme deines bluts gantz rein gewaschen haben P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
kirchenlied 3, 406
b; sage ich euch, dasz dieses gewand in strömen eures blutes gewaschen werden wird Niebuhr
röm. gesch. 3, 515.
die bewegung verlangsamt sich: Roland ... hieb ihm das haupt herunter, ein groszer strom von blute lief ins tiefe tal hinunter Uhland
gedichte (1898) 1, 266; ströme blutes werden flieszen v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 2, 123.
anders: der strom des bluts in mir hat stolz bis jetzt in eitelkeit geflutet, nun kehrt er um, und ebbt zurück zur see
Shakespeare 6, 357; Faust ... schlief zwischen den starren eisbergen, um die innere hitze zu dämpfen und des blutes feurigen strom zu löschen Aurbacher
ein volksbüchlein 2 (1839) 31.
zu selbständiger vorstellung, bei der der zusammenhang mit der eigentlichen bedeutung nicht mehr empfunden wird, in der verbindung mit verben entwickelt, die bei eigentlichem strom
nicht begegnen, sondern von einfachem blut
herüber genommen sind: es sind durch diesen kot mehr ströme bluts vergossen Weichmann
poesie d. Niedersachsen 1, 58; alle gewalt ... ist, mit ströhmen blut, die sie vergieszet, nicht fähig, den namen eines einzigen weisen aus den büchern der unsterblichen zu löschen Nicolai
lit.-briefe 7, 14; ströme von blut wurden bei dieser reibung zweier kriegerischer völkermassen vergossen Freytag
ges. werke 18, 159; was kostet unser fried? o wie viel ströme blut! Logau
sämtl. sinnged. 268
lit. ver.; und hast du dir aus strömen feindesbluts die angestammte krone kühn erobert ... Schiller 13, 194
G. II@B@1@a@bβ)
thränen, zähren. erst seit dem 18.
jahrh. zu belegen: wer weisz des menschen hertz, wenn thränen-volle ströhme flieszen ... geschichts aus freuden oder schmertz v. Ettner u. Eiteritz
mediz. maulaffe (1719) 15.
ursprünglich zur kennzeichnung des gewaltsamen, reiszenden, heftigen (
vgl.strom =
wasserlauf im älternhd.),
mit besonderer steigerung pluralisch, als concreter ausdruck einer starken seelischen erschütterung: endlich seufzte er tief — ein strom von tränen schosz auf das gemälde hin Iffland
theatral. werke 3, 281; vergeblich stürzten ströme von thränen, so oft meines Franz Wessely jemand erwähnte J. v. Müller
sämtl. werke 6, 63; wie ich dem strohm meiner freudenthränen freyen lauf liesz Bräker
sämtl. schr. 1, 280;
anders: sie warf sich nieder und schlosz meine füsze an ihr herz und wusch sie mit einem strome von thränen Brentano
ges. schr. 4, 95.
wieder unbildhaft durch verbindung mit verben, die zu einfachem thränen
gesetzt werden, nur als übertreibende mengenbezeichnung: sie vergieszt einen strom von thränen Gottsched
d. neueste aus d. anmut. gelehrsamkeit 1, 59,
als stehende wendung bis zur gegenwart geläufig. noch häufiger: er brach in einen strom von thränen aus Miller
Siegwart (1777) 1, 142; Göthe I 21, 133
W. in der litteratur unzählige male zu belegen. völlig entsinnlicht zur bezeichnung der menge; das augenmerk ist auf den seelischen vorgang gerichtet: als ich mich selbst wieder fühlte, erleichtert ein strom von thränen mein gepresztes herz Wieland
Agathon (1766) 1, 17. endlich ward er so wehmütig, dasz er sich durch einen strom von thränen luft schaffen muszte Forster
sämtl. schr. 1, 295. II@B@1@a@gγ)
andere flüssigkeiten. theoretisch möglich ist die übertragung von strom
auf alle flüssigkeiten, wenn deren stromähnliche schnelle bewegung oder, jünger und nordd., ihre langsam sich fortwälzende breite menge charakterisiert werden soll. da diese übertragungen erst spät auftauchen und nicht durch reichliche nachahmung zu wortschablonen geworden sind, bleibt hier gewöhnlich strom
in hyperbolischer übersteigerung der sinnhaltigen anschauung nahe: bald wird man ströme milch auf allen auen sehen Ramler
lyr. gedichte (1772) 328;
mit verben, die dem einfachen object zukommen, wieder zur bezeichnung der ungewöhnlichen menge: dem nächststehenden ast wird ein gröszerer strom nahrungssafft durch die wurzel zudringen Erhart
pflanzenhistorie (1753) 1, 261; es ist mir ein ganzer strom dinte über das papier gelaufen Caroline 2, 104
Waitz. die moderne, nordd. auffassung des stroms
führt zur übertragung auf gletscher: dieses gewaltige eismeer, dessen erstarrte ströme sich ... mit den massen des ... Berninagletschers vereinen Scheffel
ges. werke (1907) 3, 103;
es wird schlieszlich nur noch die bedeutende breitenerstreckung, keinerlei bewegung in solchem strom
gesehen: ein neuer strom von eis, gleichsam ein riesenhaft aufgethürmter und aufgewölbter wall, lag quer durch den weichen schnee Stifter
sämtl. werke (1901ff.) 5, 1, 237.
stärkere verwischung der übertragung in der richtung von oben nach unten (
vgl. blut, thränen)
beim regen: als ein gewitter ... mit einem strom von regen die hier auf uns geladene blutschuld von uns abwusch Bürger
briefe 4, 68
Strodtmann; blitze fuhren vom himmel und ströme wasser ergossen sich brüder Grimm
dt. sagen (1891) 1, 30.
selten sinnentleert: ... und mitten im strome des nektars atmend wechselten sie küsse, begeisterten blicks Mörike
werke 1, 99
Göschen. II@B@1@bb)
übertragung auf zähflüssige, gasförmige oder feste stoffe; erst in nhd. zeit möglich. II@B@1@b@aα)
zunächst von der gleichmäszigen, unwiderstehlichen, breit sich hinwälzenden bewegung der lavamassen eines ausbrechenden vulkans: dannenhero die sonne ... aus einem flüszenden flammen-meere bestünde, welches ... wie die feuerspeyenden berge grosze ströme glutt von sich ausstiesze Lohenstein
Arminius 1, 567
b; die glut des feurigen stromes, welcher die stadt Herkulanum bedecket Gottsched
d. neueste aus d. anmut. gelehrsamkeit 8, 325; wie der grosze feuerreiche strom dort den kleinern hineinschlingt maler Müller
werke 1, 186;
alsdann für einen lang und breit sich hinziehenden feuerstreifen überhaupt: der geist sagt: ... diese feuwrige strömen were die mawr, so gott dahin gelegt, den garten zuverwahren und umbzuschrencken
volksb. v. dr. Faust 169
neudr.; erwiderten unsern grusz (
artilleriefeuer) mit einem solchen strom von feuer und kugeln Bürger
briefe 4, 69
Strodtmann; das heil'ge öl, das du auf's haupt ihm gossest, wird unter'm fluch zum strom von feuergluthen Rückert
werke (1867) 1, 38. II@B@1@b@bβ)
auf luft, gas übertragen zur kennzeichnung der ungestümen, heftigen bewegung in einer richtung, meist verbunden mit dem merkmal der breite: winde sind nichts anders als ströhme oder ... ein flieszen der luft
allg. haushalt.-lex. (1749
ff.) 3, 737; dieser grausame erschreckliche und ungestüme wind ist hernach stracks uber den Thorandischen waldt in einem strom drey pfluggewände breit hinauszgezogen
theatrum diabolorum (1587) 1, 107
a; in derselben gegend umbher, da dieser strom (=
wirbelsturm) fürgezogen
ebda 106
b; höre, wie die winde pfeifen, wenn ihr strom, dem alles weicht, ganze hügel aufzuhäufen, in die lockern flocken streicht Gottsched
gedichte2 (1751) 282; die ermatteten glieder zu baden in den erfrischenden strömen der lüfte! Schiller 14, 49
G. deutlich von beständig flieszender luft: dieser untere strom der luft von den polen zum äquator wird sich also ... durch einen beständigen ostwind fühlbar machen v. Schubert
verm. schr. 2, 88; während in einem anderen frostfreieren striche ein warmer luftstrom sich bewegte, der schon als strom nützte Ratzeburg
standortgewächse (1859) 191.
entfernt sich von der ursprünglichen bedeutung des wortes dadurch, dasz es meist nur noch die plötzliche starke luftbewegung ohne rücksicht auf ihre dauer und erstreckung bezeichnet; die verben passen niemals zu eigentlichem strom: (
ein palast) mit schönen gruppen der herrlichsten fremden blütenbäume ... in solchem reichtum besetzt, dasz mit jeder türöffnung ein wahrer strom der süszesten wohlgerüche herausquoll Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 436; ein strom bewegter nachtluft trieb erfrischend gegen uns an Storm
werke (1899) 2, 152; er sog den in einem starken strom heraufziehenden duft begierig ein Fontane
ges. werke I 4, 356.
ganz scharf für die heftige bewegung in einem abgegrenzten, relativ kleinen bett derselben oder anderer materie: die nasenöffnungen (
des pferdes) weit gedehnt vom strom des athems Böttiger
kl. schr. 2, 166
Sillig; blies die backen auf und stiesz einen strom luft aus denselben hervor Immermann
werke 1, 99
Hempel; gern in der chemie: Engelhart leitete durch eine wässerige lösung von blutroth einen strom chlorgas Sömmerring
vom baue d. menschl. körpers 6, 15; unterbrechen wir den strom des brennbaren gases Liebig
chem. briefe (1844) 98.
als akustische wahrnehmung seltsam: er wachet und horcht den strömen des windes Denis
lieder Sineds (1772) 46, 3. II@B@1@b@gγ)
flutendes, gleichsam wie in einem anderen medium flieszendes, scharf abgegrenztes licht: oder hörst du (
sonnenlicht) dich lieber einen reinen etherischen strohme heiszen? Gottsched
beytr. z. crit. historie (1732) 1, 293.
fast stets wird dabei die schnelle, gleichsinnige bewegung beobachtet: wie ein ätherscher strom in schimmernden gestaden sanft wellend flieszt Wieland
natur der dinge 6, 39; dort aber wo ein strom vom äther leuchtend flieszt
ebda 381;
in geistiges übergehend: das thierische am menschen ... kann durch die liebe ... wie mit einem strom himmlischen lichtes übergossen werden Scherer
kl. schr. 1, 22.
physikalisch für scharfe, rasch sich bewegende lichterscheinungen: dem physiker, welcher ... die ungleich langen ströme der durch interferenz sich vernichtenden ... lichtquellen miszt A. v. Humboldt
kosm. (1845) 1, 19.
als ästhetischer reiz in moderner naturempfindung unter betonung des starken, unwiderstehlichen flutens in einer richtung: die untergehende sonne sandte einen vollen strom rothgoldenen lichtes (
ins zimmer) Seidel
vorstadt-gesch. 2 (1880) 71; die sonne ... gosz ströme von purpur über den forst G. Hauptmann
bahnwärter Thiel (1892) 26. II@B@1@b@dδ)
übertragen auf aufgelöstes, lang wallendes haar, bei dem eine bewegung in längsrichtung nicht stattfindet, sondern nur optisch als solche erscheint: dem bleichen agstein gleich ist der strom ihrer haaren Weckherlin
ged. 703; als er löst die demantkrone aus dem strom des silberhaares Brentano
ges. schr. 3, 287; ... ein zügelfreies rosz ... ... die mähn' ein spiel des winds, ein spiel des windes seines schweifes strom Stolberg
ges. werke 5, 10, 3.
wesentlich wird dabei in neuerer zeit das merkmal der (
relativen)
breite: eine fülle äuszerst schwarzer haare ist aufgelöst und schneidet in breitem, niedergehendem strome den faltenreichen schnee des nachtgewandes Stifter
sämtl. werke 1, 218; eine heldenhafte, ritterliche gestalt ... ein voller schneeweiszer bart flosz in zwei breiten strömen auf den brustharnisch herunter W. H. Riehl
gesch. u. nov. 1 (1923), 134. —
so auch von anderen dingen, die durch das ihnen eigene dauernde hin- und herschwanken den eindruck sich fortsetzender bewegung hervorrufen, mit deutlich moderner vorstellung des stroms: so wie ich mich durch einen breiten strom von wallendem getreide durchgewunden ... Blumauer
gedichte (1782) 140; sie kann ... mit einem strom von rauschender und rieselnder seide hinter sich her ... einhertreten, wie die eitelkeit Lichtenberg
verm. schr. (1801) 3, 342.
noch anders in anknüpfung an die älternhd. bedeutung von strom =
wasserlauf: es ist zum brautkleid wie bestellt. der weisze grund; ein bild der unschuld: und die goldnen ströme, die aller orten diesen grund durchschlängeln Lessing 3, 131
L.-M. II@B@1@b@eε)
bei festen körpern, die in scharfer abgrenzung sich bewegen. dabei kann die grösze und der grad ihrer bewegung ganz verschieden sein. in anlehnung an die eigentliche bedeutung: bei wütendem sturm, der ströme von staub über uns und die felder in der gegend hergosz Novalis
schr. 2, 59
Minor. das tertium comparationis ist lediglich die unaufhörlichkeit der bewegung; bereits in geistiges übergehend: wer die körner wollte zählen, die dem stundenglas entrinnen, würde zeit und ziel verfehlen, solchem strome nachzusinnen Göthe I 4, 17
W. noch entfernter: jeder körper sendet ... nach allen seiten ströme solcher atome Lange
gesch. d. materialismus (1866) 58.
vom steingeröll in den bergen, das unwiderstehlich in derselben richtung sich vorwärts schiebt oder fällt, in deutlicher beziehung zur modernen vorstellung des stroms;
daher jung: so mächtig drängte die masse des flieszenden gerölles mir nach, dasz ich mich immer bald genöthigt sah, durch ein paar seitensprünge dem gewaltbereiche des stromes mich zu entziehen Barth
nördl. Kalkalpen (1847) 103; die ungeheuren senkrechten felsen ..., zwischen ihren schluchten ein paar mächtige ströme von steingerölle hervorschiebend gegen den weichen grünen teppich des rasens Stifter
sämtl. werke 1, 257.
die bildhaftigkeit schon früh oft äuszerst gering: ... und jede hand schosz einen strom von donnerstrahlen Ramler
fabellese (1783) 1, 10; (
der fackelzug) funkelte wie ein strom von sternen Göthe I 25, 24
W.; so ungern ich nun auch in dem leicht verrinnenden strom der flugschriften etwas von dem meinigen sehe Thibaut
über d. nothwendigkeit eines allg. bürg. rechts (1814) 404.
nur noch bezeichnung der groszen masse, die sich vorwärts bewegt: wer wolt nicht einen strom von gold gern sehen flieszen? Weckherlin
ged. 1, 473; er führt des goldes ströme in seines königs haus Novalis
schr. 4, 123
Minor; ströme von gold verschlang dieser krieg Ranke
sämtl. werke 1, 204. II@B@1@b@zζ)
die zeitlich jüngste, zugleich üppigste übertragung auf menschen-, volksmassen, die sich in einer richtung bewegen. dabei spiegelt sich in dieser seit dem 18.
jahrh. geläufigen übertragung deutlich die wandlung in der vorstellung des ausgangsbegriffs '(
groszer)
flusz'
wider, sodasz oft dessen typische beiworte begegnen. im 18.
und frühen 19.
jahrh. in parallele zu der unwiderstehlichen, fortreiszenden gewalt des damals typischen bildes vom strom,
sachlich stark übertreibend, von einer in groszer geschwindigkeit einseitig sich fortwälzenden, alles mit sich reiszenden menschenmenge: wenige von diesen kamen durch, und die sich an die pforten gehangen hatten, konnten in den reiszenden strom nicht eindringen Dusch
verm. krit. u. satyr. schr. (1758) 161; man waffnet, man erregt sich. rasend stürzt in ungeheurem strom es (
das volk) brüllend her Göthe I 9, 356
W.; hinweggerissen hatte sie der strom des volkes Schiller 13, 179
G.; in dieser älteren auffassung vom strom
besonders gern auf heere übertragen; in dieser specialisierung die ältesten belege, schon aus dem 17.
jahrh.: alleine was solte diese handvoll volck gegen dem strome eines siegenden heeres ausrichten? Lohenstein
Arminius 1, 43
a; und wenn ein Berwick gleich erliegt, scheint Deutschland doch zu matt, der Franzen strom zu wehren Gottsched
neueste ged. (1750) 26.
dieser strom
überschwemmt alles: bewaffnet naht der stadt ein haufe von rebellen. ihr wilder strom, der rings die fluren überschwemmt, droht dieser mauern sturz Gotter
gedichte (1788) 2, 417; was ist nicht seit dem 6 october ... alles vorgegangen, und schon hat sich der strom, der bey uns durchbrach, auch bis über sie weggewälzt Göthe IV 19, 227, 1
W.; ihm widerstand leisten zu wollen, ist wahnwitz: drey edle Franzosen, ... die allein sich dem strome seines siegenden heeres entgegen stemmten Bode
Montaignes ged. u. mein. (1793) 1, 2; wie hätten jetzt noch unterhandlungen den daherflutenden strom aufhalten können? Ranke
sämtl. werke 3, 292.
erst dem 19.
jahrh. erscheint ein solcher versuch infolge der sich wandelnden stellung des menschen zum strom
ausführbar: Napoleon ... eilte über die schlesische grenze, und immer noch wird der strom aufgehalten, wo er sich zeigt Laube
ges. schr. 8, 40; die vereinigung Österreichs und Preuszens sei der einzige damm, welchen man dem strome entgegensetzen könne, der ganz Europa zu überfluthen drohe Häusser
dt. gesch. (1854) 1, 181.
seitdem bereits in ansätzen zu leiser sinnverdünnung als blosze redeformel: in drei strömen sollten sie (
die heere) in den breisgau hinab Laube
ges. schr. 15, 399; erst hielt des perserheeres strom noch gegen an Droysen
Aischylos3 (1868) 200.
allmählich verlangsamt sich die bewegung dieses stroms,
er '
flieszt': wodurch der sonst den groszen städten zuflieszende strom tausend kleinere abflüsse litte Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 4, 549; gegen abend flosz der strom ab E.
M. Arndt
s. w. 1, 127
R.-M.; sehr anschauungskräftig nordd.: es soll ein dunkler schweigender strom gewesen sein, dieser studentenzug Varnhagen v. Ense
tagebücher 2, 228.
trotzdem bleibt die bewegung dieses langsam dahinflutenden stroms
unwiderstehlich, weil gleichzeitig wie bei der eigentlichen bedeutung seine breite und damit die wucht seiner masse wächst; daher bleibt der widerstand gegen ihn schwer: um den strom der ungeheuren menschenmenge zu theilen Börne
ges. schr. 5, 210; wie schwer ist doch der touristische strom aus dem gewohnten bette abzuleiten! Barth
aus d. nördl. Kalkalpen 397;
doch ist es möglich, ihn aufzuhalten: (
die) umcirkelten balladensänger ..., die in allen winckeln einen theil des stroms von volk stagnieren machen Lichtenberg
briefe 1, 205; der strom der deutschen reisenden nach Italien wurde ... unterbrochen Justi
Winckelmann 2, 1, 5.
gewöhnlich folgt ihm der einzelne und die menge: die alten Deutschen folgten einem anderen strome der völker Herder 14, 274
S.; Hendrika fuhr in keine messe mehr, in keine beichte, selbst dem strom der ganzen stadt zu dem neuen jungen domherrn folgte sie nicht Gutzkow
zauberer v. Rom 4, 72; wo von physikern, chemikern, zoologen oder anatomen merkwürdige demonstrationen angekündigt ... wurden, befand ich mich stets im strome der neugierigen, welche sich hinzudrängten G. Keller
ges. werke 3, 28.
im 19.
jahrh. führt die beliebtheit dieser übertragung zu bildunscharfer formel: ... jedem einzelnen wächst das gemüth im groszen strom der menge Schiller 12, 111
G.; man sehe, welche ströme von reisenden jetzt München zuwandern Stifter
sämtl. werke 14, 49; vom strome der alpenfreunde so förmlich gemieden ... zu sehen Barth
aus d. nördl. Kalkalpen 634.
das verbum ist überall im hinblick auf das jeweilige attribut zu strom
gewählt; sinnwidrigkeiten werden nicht mehr als unmöglich empfunden: rings der menschen ströme wanken A. v. Arnim
werke 22, 13
Grimm. II@B@1@cc)
heraldisch: wellenlinie, leicht geschlängelte linie im wappen. ursprünglich: typisiertes abbild eines wasserlaufs Bernd
hauptstücke d. wappenwissenschaft 2 (1849) 124; v. Querfurth
krit. wb. d. herald. terminologie (1872) 172.
dieses emblem begegnet auf wappenschilden nicht selten: kayser Heinrich ... beschriebe ... einen landtag zu Stendal, ... und machte alle seine hoffdiener ... zu eitel edelleuten, ... gab inen strom und kriegsrüstung zum waffen (=
wappen) und helmzeichen, wie solchs der edelleut waffen vielfeltig mitbringen H. Ammersbach
chur-brandenburg. chronik (1682) 72.
dazu stromweise: fluvius, undosa simili sectione distinctus, tinctura opposita (schwartz und weisz, strohmweisz abgetheilt) Spener
operis heraldici pars spec. (1690) 493; wellen- oder strom-weise geschoben oder gezogen, ist von dem schlangenweise gezogenen (
querbalken im wappenschild) darinnen unterschieden, dasz die biegungen nicht so krumm sind Trier
einl. zu der wapen-kunst (1714) 135.
seit dem 18.
jahrh. veraltet, ersetzt durch wellenweise: Gritzner
hdb. d. herald. terminologie (1890) 308
b; vgl. Schumacher
kurtzgef. teutsche wapen-kunst (1694) 17; Schmeizel
einl. zur wappenlehre (1734) 136
c; 141
c; Beckenstein
kurtze einl. zur wappenkunst (1731) 46; 51.
auch in zss., die sich anscheinend länger halten: 'wellen-balken
oder auch querstrom heiszt der balken mit wellenförmig gezogenen begrenzungslinien' Gritzner 26, '
schrägstrom, dessen begrenzungen wellenlinien bilden'
ebd. 53; 50. II@B@22)
vergleich von dingen mit einem strom.
dabei bleibt die vorstellung des stroms
unmittelbarer; es können sich nicht, wie in B 1,
neue vorstellungscomplexe entwickeln, die sich von der ursprünglichen bedeutung immer weiter entfernen. solche vergleichung begegnet während der ganzen nhd. epoche; als subjecte können dabei naturgemäsz alle dinge unter B 1
dienen. II@B@2@aa)
concreta. der vergleich mit dem strom
wird gebraucht, um das mit groszer geschwindigkeit gepaarte unwiderstehlich fortreiszende eines vorgangs zu veranschaulichen. von mächtig flutenden menschenmassen: dann so was news ankompt zu Rom, laufft zu das volck gleich wie ein strom Fischart
nachtrab 81, 3112
Kurz; (
Cimbern und Teutonen) ergossen sich gleich anfangs wie ein reiszender strom
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 1, 51; (
der feind stürzt) gleich den strömen brausend auf uns ein H. v. Kleist
Amphitryon 89.
ungewöhnlich vom einzelnen menschen: er schosz durchs feld, wie ein empörter strom, des wogensturz die brücken niederwirft Bürger
werke 1, 159, 105
Bohtz. von anderen dingen: aus dessen (
des todes) augen, wie ein strom, des Orkus rothe blitze sprühen! Ramler
fabellese 1, 102; bis dem (
frosch-) weibchen die wehen ankommen, und sie ihren laich wie einen strom aus dem geburtsgliede schieszen läszt Reimarus
wahrheiten d. nat. religion 3 (1766) 426, 22; das blut stürzte wie ein strom hervor Laube
ges. schr. 4, 199.
die bewegung verlangsamt sich; nur ihre stetigkeit und gleichförmige dauer dient als vergleichsmoment. schon verhältnismäszig früh: und man wird auf der ebne her die flamme sehn wie ströme flieszen Dietrich v.
d. Werder
buszpsalmen (1632) B 4
b; wir ... trocknen uns die thränen ab, die strömen gleich hervorgedrungen Gottsched
gedichte (1751) 228; ... itzt flossen strömen gleich die unterworfne völker in die stadt Wieland I 1, 388, 287
akad. ausg. farb- und lichteindrücke dagegen erzwingen erst seit dem allgemeinen erwachen des naturgefühls den vergleich [
vgl. die schluszbeispiele von A 2 b
β)
ββ)]: wie ein heller strom brachen sie aus ihren schluchten gegen den blinkenden damm der feindlichen glieder Eichendorff
sämtl. werke (1864) 2
2, 249; durch die regungslose sommernacht flutete, wie ein strom, der ihn suchte, das licht von einer schimmernden weiblichen gestalt zu ihm (
am fenster) hinauf, die aus dem dunkel des nachbarhauses auf die helle terrasse getreten war Binding
opfergang 33
inselbücherei. II@B@2@bb)
abstracta. entsprechend den geistig-seelischen vorgängen, die mit einem strom
vergleichen werden, ist der vorstellungsinhalt verschieden. bei klangvorstellungen wird der vergleich gewählt zum ausdruck des reiszenden, unwiderstehlichen flieszens: bis endlich, wie ein strohm, ein frohes ach! aus meiner brust, nebst diesen worten brach Brockes
ird. vergnügen in gott 4, 167; denn die lehrer, so du hegst (
Leipzig), lassen ihr gelehrtes wissen auf das lehrbegierge volck, gleich wie starke ströhme flieszen Henrici
ernst-scherzh. u. satir. ged. 1, 85; (
der wahre redner) wird bald erhaben und prächtig, wie ein gewaltiger strom seyn J. A. Cramer
nord. aufseher 1, 56; die mannliche beredsamkeit des Demosthenes, die wie ein gewaltiger strom daher rauschte Zimmermann
v. d. nationalstolze (1758) 159.
diese vorstellung naturgemäsz [
vgl.A 2 b
β)
αα)]
im 19.
jahrh. vereinzelt: wer sie (
elfenmusik) angehört hat, kann nicht beschreiben, mit welcher gewalt sie die seele entzücke: gleich einem strom dringe sie mächtig entgegen Scherer
kl. schr. 1, 521;
dagegen üblich zur bezeichnung der dauernden gleichförmigkeit ohne besondere schnelligkeit, also nordd.-moderne vorstellung vom strom: seine beredsamkeit flosz wie ein sanfter strohm Eschenburg
beispielsammlg. zur theorie 8
b, 167; ihr gespräch ergosz sich wie ein einförmiger, aber klarer strom über die neuesten politischen zeitbegebenheiten Eichendorff
sämtl. werke 2, 70; wie ein strom flossen ihr die worte von den lippen Holtei
erz. schr. 18, 81.
seltsam als lichteindruck: der gesang flieszt dahin wie ein silberheller strom zwischen leuchtenden blumen E. Th. A. Hoffmann
sämtl. werke 1, 30
Grisebach. der gleichförmig ruhige, aber unaufhaltsame flusz des stroms,
der nie zur selben stelle wiederkehrt, führt zum vergleich mit dem dauernd gleichförmigen zeitablauf. noch mit starkem nachdruck auf der geschwindigkeit: du lessest sie (
tausend jahre) da hin faren wie einen strom
ps. 90, 5.
auf dieser psalmstelle beruht die häufigkeit dieses vergleichs: gott lob! es ist, von meinen jahren, auch das, so man gefährlich hält, das drey und sechzigste, vergangen, und wie ein strohm, dahin gefahren Brockes
ird. vergnügen in gott 8, 265;
im wortlaut ferner stehend: o wenn noch stets bey ihr ich dieser zeit genossen die schneller als ein traum, und wie ein strom verflossen Besser
schr. 2, 380
König; die zeit ist nicht gleichsam ein behälter, worin alles wie in einen strom gestellt ist, der flieszt Hegel
werke 7, 1, 54.
schlieszlich werden starke gefühlserregungen mit dem strom
verglichen; in älterer zeit bis zum 19.
jahrh. zur charakteristik des gewaltsamen, unwiderstehlichen: durch eine wuth, die sich wie ein strom über ein so abergläubisches volk ergosz, entstanden christliche mönche und anachoreten Zimmermann
über d. einsamkeit 2, 86; herr, lasz des zornes grimm auf sie, wie ströme, flieszen Rompler v. Löwenhalt 1.
gebüsch (1647) 15; und feurte sich an, die gedanken tönen zu lassen, wie ein strom sich ergieszt, wie die donnerwolke daher rauscht Klopstock
Messias 5, 436; der deutsch-nationale aufschwung, welcher der französischen kriegserklärung folgte, vergleichbar einem strome, der die schleusen bricht Bismarck
gedanken u. erinn. 2, 104
volksausg.; seit dem 19.
jahrh. zur kennzeichnung der ruhigen, steten, unaufhörlichen bewegung: keine adern und sehnen erhitzen und regen diesen körper, sondern ein himmlischer geist, der sich wie ein sanfter strom ergossen, hat gleichsam die ganze umschreibung dieser figur erfüllt Solger
Erwin (1815) 2, 103, 18; nicht einem strome, einem wasserfalle gleicht hier das leben; es flieszt nicht, es stürzt mit betäubendem geräusch Börne
ges. schr. 5, 20,
zu der sich gern farbeindrücke gesellen: ihr inniges und heiszes lieben, das, wie ein goldner strom, in vollen ufern quoll Stifter
sämtl. werke 3, 234; das leben flieszt wie ein breiter strom durch grüne steppe Thiesz
d. verdammten 500
volksausg. sehr ungewöhnlich veranlaszt das juristische merkmal des stroms (
vgl.A 3)
den vergleich: man wolle die gerechtigkeit nicht kaufen müssen: sie solle sein wie ein strom, aus welchem der ärmste schöpfen könne Ranke
sämtl. werke 4, 70. II@B@33)
als bild zur charakterisierung der eigenart abstracter, geistig-seelischer vorgänge; im mhd. sehr selten, beliebt und häufig erst seit dem 18.
jahrh.;
am ende steht auch hier oft ein völlig sinnentleerter miszbrauch des bildes. II@B@3@aa)
als bild für klangvorstellungen, wenn ihr gleichförmiger, für längere zeit ununterbrochener ablauf gekennzeichnet werden soll: strom der worte, rede, sprache, des gesanges, der musik
u. s. w. in der einzelverwendung spiegelt sich wieder der wandel und die geographische verschiedenheit der anschauung vom strom.
das nächstliegende, der akustische eindruck übertrieben lauter klangvorgänge, führt trotz der sachlichen berührung selten zur herübernahme des bildes: erregt ist ganz Messina — horch! ein strom verworrner stimmen wälzt sich brausend her Schiller 14, 19
G.; in den pausen ist alles still, aber mit der musik fängt der strom der rede an zu brausen E. Th. A. Hoffmann
sämtl. werke 1, 33
Grisebach; da brauste mir der walzer seinen vollen strom ins gehör Bettine
Cl. Brentanos frühlingskr. (1844) 359.
vielfach in verbindung mit visueller vorstellung: droben rauscht ihr (
der lieder) strom erhöhter, uferlos, zur engelharfe Overbeck
samml. verm. gedichte (1794) 4; vielleicht fielen sie einem rhetorischen mann in die hände, der alles dramatische in dem breiten tosenden strom der rede ersäufte E. Th. A. Hoffmann 4, 66.
entscheidend bleibt, wie für strom
in eigentlicher bedeutung, der visuelle eindruck. die fortreiszende, unwiderstehliche gewalt menschlicher rede oder des gesanges veranlaszt das bild; daher in neuester zeit unüblich: der strom seiner beredsamkeit ... reiszt alles mit sich fort, was er unterwegens antrifft Schwabe
belustigungen 1, 321; Flamins schweigen ... gab dem strom seiner beredsamkeit einen neuen schnellen abhang Jean Paul
werke 7/10, 72
Hempel; der strom seiner rede, der anfänglich in ruhiger majestät dahinflosz, wurde nach und nach so stark und hinreiszend, dasz ... Wieland
Agathon (1767) 2, 172.
oft vermischt sich die eigentliche bedeutung mit der übertragung auf den niederprasselnden regen im bild: der strom seiner verwünschungen war auf mich hereingestürzt H. v. Schmid
alte u. neue gesch. aus Bayern 9; wie vom himmel stürzten die ströme seiner beredsamkeit H. Grimm
Michelangelo 1, 102.
die bewegung erscheint schon gemilderter, aber immer unaufhörlich, gleichförmig, dauernd, nicht selten in sehr kühnen vergleichsobjecten: man stelle sich einmal vor, in welchen strömen des beifalls wir uns über die begrifmäszige silbenzeit ergieszen würden Klopstock
über spr. u. dichtk. 1, 47; noch zwingt uns die unsichre zeit, unsre eigne ehre zu erhalten, ganze ströme von schmeicheley zu ergieszen H. L. Wagner
theaterstücke (1779) 75; Bertha ... ergosz sich in einen strom so anmuthiger und freudenreicher glückwünsche Fouqué
zauberring (1812) 1, 202.
die moderne vorstellung vom strom
giebt seltener gelegenheit, den ruhigen, steten, darum harmonischen ablauf von klangvorgängen bildlich auszudrücken, gern mit den charakteristischen adj. (
vgl.A 2 a
β): ein so breiter strom der töne musz, ... wie beim drängen durch ein enges felsenthal, seine ruhe und klarheit verlieren Börne
ges. schr. 1, 33; der major ... hatte schon mehrfach versucht, seinen etwas geschwätzigen hauswirt in dem sanft dahinflieszenden strome seiner rede zu unterbrechen Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 96,
nicht so prägnant ohne sie: nachdem wir beide getrunken, flosz der strom der rede also weiter E. Th. A. Hoffmann 10, 226; flosz ein strom von verwünschungen und flüchen von ihren lippen Alexis
Roland v. Berlin (1840) 1, 292.
eigenartig das bild, dasz der mensch auf dem strom
wohllautender klänge schwimmt, zur charakteristik der ästhetischen anziehungskraft melodischer tonfolgen; daher fast ausschlieszlich von der dichtung und musik gebraucht: ich fliege mit ihm (
Horaz), oder schwimme den strom seines gesanges hinunter Herder 3, 360
S.; wo duftbestäubt, im strome der melodie, ein stolzer schwan, Hispaniens sprache schwimmt Stägemann
kriegs-gesänge (1813) 32; melodien strömten auf und nieder, und ich schwamm in diesem strom und wollte untergehen E. Th. A. Hoffmann 1, 15;
anders (
vgl.A 2 d
γ): wir trinken den strom ihrer (
der töne) wohllust mit langen zügen Herder 15, 307
S. durch die häufigkeit der verwendung zur gern gebrauchten redeformel herabgesunken, die nur noch recht unbestimmt das sich überstürzende, die unaufhörliche menge oder die ununterbrochene ruhige abfolge von klangvorgängen ohne scharfe anschauung bezeichnet: mit einem solchen strome der rede zu sprechen J. A. Cramer
nord. aufseher 1, 80; es herrscht hier eben der strom von worten ... und gleicher mangel an rührung und präcision
allg. dt. bibliothek 2, 1, 191; ein strom von frechen stimmen, die sein (
Jesu) urtheil sprechen! Bürde
geistl. poesien (1787) 110; behauptete er sich gegen den strom der spottreden jener riesenstadt Justi
Winckelmann 2, 208.
die dadurch hervorgerufene abnützung zur anschauungsleeren worthülse zeigt die gedankenlose verbindung mit verben, die das bild nicht entstehen lassen oder gar zerstören: und überschüttet euch mit einem strom von lobe Ayrenhoff
werke (1814) 1, 84, 23; der gast liesz lächelnd diesen strom des geplauders über sich ergehen Storm
werke (1899) 4, 104; die orgel wälzt nicht mehr der töne strom Matthisson
schr. (1825) 1, 167. II@B@3@bb)
als bild für zeitabläufe: wie der strom
so flieszt auch die zeit unaufhaltsam, gleichförmig und gleichsinnig. seit dem 18.
jahrh. beliebt. je nach der gefühlsmäszigen bewegtheit des menschen gegenüber der thatsache des ununterbrochenen fortschreitens der zeit knüpft das bild an die verschiedenen vorstellungen vom strom
an. gern pluralisch: dadurch wird das endlos-flieszende, rinnende stärker hervorgehoben. der zeitablauf wird als unwiderstehlich reiszend empfunden: die (
wahrheit) zeiget mir sein edles bild, das groszmuth und verstand erfüllt, auch wenn der zeiten strom ihn mit dahin gerissen Gottsched
neueste gedichte (1750) 29; der gang, den er nahm, war nicht der seine, sondern des jahrhunderts, von dessen strom die zeitgenossen willig oder unwillig mit fortgerissen werden Göthe IV 22, 222
W.; die zeit ist ein strom, der reiszend von hinnen rollt Schiller 4, 41
G.; der gewaltige strom der zeitgeschichte überfluthet in ihnen die letzten bewegungen der kaiserlichen gewalt Nitzsch
dt. studien (1879) 16.
die gleichförmigkeit und gewalt der bewegung ohne besondere betonung ihrer schnelligkeit: der strom der zeit rollt fort Herder 23, 14
S., steht nie still 17, 5; möge ... der strom ihrer tage unter blumen ... verrauschen Thümmel
reise in die mittäglichen provinzen 8, 229; im strome der zeit rinnt die mücke und die sonne nebeneinander — keines schneller Jean Paul
werke 48, 65
Hempel. der ruhig dahinziehende nordd. strom
wird zum ausdruck der unmerklich, aber unaufhaltsam verflieszenden zeit: selig ... sieht er in dem langen strom der zeiten ewig nur — sein eignes bild Schiller 6, 27
G.; viel alte wunder, kühner Normann, spiegelt der ruhige strom der jahre Stägemann
kriegs-gesänge (1813) 8;
mit theilweise gekünstelter bildhaftigkeit: dann auch ich arbeite mit händen und füszen durch den strohm der zeit Schubart
briefe 1, 72
Strausz; aber wenn denn nun unter allem diesem rauschenden vergnügen der strom der zeit mein schifflein auf den ocean hingeschwemmt hat, und ich dann ... verschlungen werde? Jung-Stilling
sämtl. schr. 4
a, 205; so sind sie (
die menschen) seit sechs tausend jahren im strom der zeit hinab gefahren Seume
gedichte (1804) 40.
daneben bietet das bild des stroms
eine zweite möglichkeit der übertragung auf die zeit. vergangene dinge werden allmählich vergessen: sie sinken gleichsam im wasser unter. die thatsache des flieszens hat für diese seltenere bildhafte verwendung keine bedeutung: nicht ihr alle werdet im strome der zeit oben bleiben Bürger
werke 1, 323
b Bohtz; ich habe im sinne, ... meine lage, in der ich dichtete, deutsch und wahr darzustellen, und sie ... in strom der zeit zu werfen (
um zu sehen, ob sie schwimmt oder untergeht) Schubart
briefe 2, 185
Strausz; Sophokles' ... hymnen und elegien wurden bewundert. doch sie sind verschlungen worden von dem strome der zeit Stolberg
ges. werke 13, vii; glücklicherweise hat die zeit alle diese bibel- und geistlosen verwirrungen ... in den breiten strom der vergessenheit gesenkt Herder 20, 70
S. noch anders beobachtet als bild dafür, dasz lange versunkenes wieder auftaucht: oft kommen wunderbarer weise die gestalten lange verstorbener vorfahren aus dem strom der generation wieder
ebd. 13, 282.
anders gewendet: einige ihrer gesänge, und mehrere bruchstücke gehören unter die köstlichsten perlen, die der strom der zeit vom schiffbruch der vorwelt an das öde ufer auswarf Fr. Schlegel
pros. jugendschriften 1, 26, 37
Minor; glücklicher weise hat der strom der zeit auch hier vielen schlamm abgesetzt Herder 15, 353
S. auch hier wieder läszt zufällige oder typische stilistische nachlässigkeit das verblassen des ursprünglich scharf geschauten bildes zu unsinnlicher, abgegriffener redeformel erkennen: der strom der zeit hat ihn und alle diese schimmernden tage unter vier-, fünffache schichten bodensatz gedrückt und begraben Jean Paul
werke 1, 380
Hempel; gebannt im stillen kreise sanfter hügel schlingt sich ein strom von ewig gleichen tagen Eichendorff
sämtl. werke 1, 386; da ... Gaius keineswegs wie sein bruder durch den strom der ereignisse weiter und weiter gedrängt ward Mommsen
röm. gesch. 2, 114. II@B@3@cc)
eng verwandt mit dem vorigen, oft auch nicht zu trennen von B 1 b,
übertragung auf den strom
der entwicklung, des lebens, der welt, geistiger zeitströmungen und -tendenzen. das moment des ruhelos sich weiter entwickelns und umgestaltens veranlaszt, zum bild des stromes
zu greifen, zunächst wieder, um die unwiderstehliche kraft solcher geistigen bewegungen anschaulich zu machen: mithin haben sich auch Caniz und Heräus selbst von dem groszen strohme fortreiszen lassen, und Hoffmannswaldau und Lohensteinen weyhrauch gestreuet Bodmer
samml. crit. poet. schr. 2, 124; geschieht es, dasz das gedächtnis dem genie ausdrücke liefert, die von dem modelle, welchem man folgt, abweichen, so werden sie mit dem allgemeinen strome fortgerissen werden Ramler
einl. in die schönen wiss. 4, 225;
auf anderer linie: der strom der groszen welt hatte ihn erfaszt Schiller 4, 269
G.; so geschieht ihm selber, ... dasz deutsche denker, ernstlich suchend, mehr finden, als sie suchen, weil der strom des lebens sie mit fortreiszt Treitschke
hist. u. polit. aufsätze 1, 131.
das geistig vernommene geräusch solcher entwicklung (
meist mit starker annäherung an B 1 b
ζ)
führt zum bild: es ist ein gewaltiger strom des lebens, der hier an einem vorüberbraust v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 4, 83; wir aber müssen bei der arbeit lauschen, wohin die heil'gen ströme wollen rauschen G. Keller
ges. werke 10, 25
Cotta. er ist unendlich, unerschöpflich, unaufhörlich: das ist der gang der natur bei der entwicklung der wesen auseinander; der strom geht fort, indesz sich eine welle in der andern verlieret Herder 13, 55, 1
S.; alles leben ist ein ununterbrochener strom Novalis
schr. 3, 201
Minor; was unterscheidet götter von menschen? dasz viele wellen vor jenen wandeln ein ewiger strom Göthe I 2, 82
W.; die grösze, weite des lebensstroms,
nicht mehr seine geschwindigkeit, führt zum bild des nordd. tieflandflusses: einen breiteren strom des lebens in einer glänzenderen fassung kann man wohl auf der erde nicht fluthen sehen, als auf diesem spatziergang, wie man ihn hier übersieht Hebbel
werke 10, 13
Werner; wer die solidarität aller menschlichen interessen ... begriffen hat, weisz auch, dasz seine individuelle existenz nur ein tropfen in dem ungeheuren strome ist Spielhagen
werke 2, 14;
er flieszt ganz ruhig, unmerklich: in zehn minuten waren kampf, sorge, hoffnung und erwartung vergessen, und der strom seines lebens flosz zehn stunden lang so ruhig dahin, als ob nicht am folgenden morgen sein schicksal entschieden werden sollte Moltke
ges. schr. u. denkwürdigk. 1, 88.
es ist die aufgabe des menschen, sich durch das leben hindurchzuarbeiten, wie durch einen reiszenden oder breiten strom:
so schon früh: wen durch den stromb und werbl zwar ihr durch passiert mit jammer, so werden auch handtwercker gar muster ausz euch schneiden zu ihrem zeug Höck
schönes blumenfeld 7, 21
neudr.; es bildet ein talent sich in der stille, sich ein charakter in dem strom der welt Göthe I 10, 116
W.; typischer ist, dasz er sich vom strom
treiben läszt: ich bin sehr unruhig ... wenn ich dich nur gesehen, mein freund! und den herrn gesprochen, alsdann will ich mich dem strom überlassen. es gehe wie es wolle: währet es doch nicht ewig Winckelmann
sämtl. werke 10, 65
Eiselein; überlassen mir selbst ... hingeworfen ganz dem strome, dem wirbel! maler Müller
werke 1, 29; wir werden sie (
popularität) dadurch nicht wieder gewinnen, dasz wir uns vom strome treiben lassen in der meinung, ihn zu lenken Bismarck
gedanken u. erinn. 2, 19
volksausgabe. das abebben des lebens, der inneren bewegtheit und entwicklung wird bildhaft mit einem vertrocknenden strom
verglichen: schon wird der strom des lebens schwach, und jährlich seichter, jährlich trüber; wir werden alt! Ebert
episteln u. verm. ged. (1789) 76; aber ach! schon fühl' ich bei dem besten willen, befriedigung nicht mehr aus dem busen quillen. aber warum musz der strom so bald versiegen, und wir wieder im durste liegen? Göthe I 14, 62
W.; anders: der strom des lebens erkaltet in meinen adern Klinger
werke 7, 55;
die beliebtheit des bildes läszt es allmählich unscharf werden, besonders in der wendung die ströme des lebens flieszen (
poetisch meist mit vorangestelltem genitiv): ihm ist ja ausz der schrifft bekant, dasz die auf Christum sterben, den himmel unser vaterland unwiedersprechlich erben ... da freuden sind, und ewiglich des lebens ströme flieszen Dach
in Königsbg. dichterkreis 80
neudr.; die wissenschaft, dieses meer, wohin alle ströme des lebens flieszen Börne
ges. schr. 3, 129.
am ende steht auch hier wieder die durch die zerstörung des bildes enthüllte anschauungsleere wortformel: die zinsen sind zuerst unter bürgern und handelsleuten aufgekommen ... die neuern colonisten sind dem strome gefolgt Möser
sämtl. werke 2, 100; zweimal ... war ich zu Halle ins theater gekommen und war nur mit dem strome (
der mode) hingekommen Laube
ges. schr. 1, 80. II@B@3@dd)
dichtung, poesie u. ä. wird als strom
gesehen, vor allem wegen des ungestüms, mit dem sie den dichter oder den hörer und leser ergreift und mit sich fortreiszt: du (
poesie) bist ein strom, der ungehemmt schnellt, einbricht, stürzt und überschwemmt Hagedorn
vers. einiger ged. 36, 35
neudr.; mit lust und ohne anstosz folgen wir dem hinreiszenden strome ... seiner dichtung Fr. Schlegel
sämtl. werke 5, 99; in kurzem ... ergriff ihn der strom jenes groszen genies (
Shakespeare) Göthe I 21, 291
W.; ich begreife es gar nicht, wie ein mensch an die nacht, oder den abend, nur denken kann, ohne sogleich in einen strom von poesie hinein gerissen zu werden Hebbel
briefe 1, 182.
mit betonung des akustischen moments: das gebiet der heiligen poesie hat nicht allein rauschende gewässer und ströme J. A. Cramer
sämtl. ged. 1,
vorw.; ein mächtiger strom der darstellung, wo eine woge des lebens auf die andere rauscht Fr. Schlegel
sämtl. werke 5, 174.
in der auffassung, wie bei Eichendorff
stets, moderner: bald faszte ihn der rasche strom der eigenen dichtung, heiter glitt er an den duftigen gestaden ... hinab
sämtl. werke 2, 457.
merkwürdig bedeutsam für dieses bild die vorstellung des betts, in dem der strom
flieszt: wenn die bisherige pause, dies stocken des poetischen stroms nichts bedeutet hätte, als ein neues bett! Hebbel
tagebücher 1, 376; alle diese rein practischen seiten hätte professor Heiberg nicht übersehen sollen, dann würde er ... nimmermehr dem strom der dramatischen literatur nach der jetzigen coulissenwelt das bett abgesteckt haben Hebbel
w. 11, 17
Werner; dasz er von stund an das deutsche versemachen aufgab und seine dichterischen ströme ganz in das alte ... bette der neulateinischen poesie leitete Justi
Winckelmann 1, 375. II@B@3@ee) strom
einer gefühlserregung, gemütsbewegung. die bildhafte beziehung zur eigentlichen bedeutung ist hier, wenn auch oft durch verben oder adjectiva aufrecht erhalten, sehr lose, da es sich vielfach nicht mehr um eine bewegung, sondern einen, wenn auch nicht allzu lange anhaltenden zustand handelt. vielfach gebräuchliche wendung für die ungewöhnliche intensität einer gemütsbewegung: liebe, leidenschaft, dank, gnade, ehrgeiz, eitelkeit, eifersucht u. s. w. so schon in der epigonenlitteratur des mhd.: aller guete voller vluete vloʒ in gnaden stramen kumt gevloʒʒen her uʒ gotes herzen grieʒ ursprunge
minnesinger 3, 61
a v. d. Hagen; mime herzen durch die mitte vlihtet sich ir (
mîner vrouwen) minnen stram
ebd. 3, 441
a.
nhd. zunächst in starker bildhaftigkeit: auf! lasz durch eigne hände den thamm, an welchem sich ihr strom der liebe stöszt, von grund-ausz reiszen ein! Lohenstein
Ibrahim Sultan (1680) 55, 125; Urganda, die alle kräfte ihres witzes aufbot, dem ausgerissenen strome von glückseligkeit ... dämme entgegenzusetzen Lenz
ges. schr. 3, 290
Tieck; der so lang aufgedämmte strom voller liebe ergosz sich jetzt über ihn Laube
ges. schr. 3, 103; ich will mich hüten von dem strom (
des ehrgeizes und der eitelkeit) hingerissen zu werden Gottschedin
briefe 1, 27
Runkel; viele (
schwärmereien) rissen mich auch in ihrem strom mit fort Jung-Stilling
sämtl. schr. 6, 5.
bei geringerer gefühlserregung nur noch zur bezeichnung ihrer lang anhaltenden dauer und gleichsinnigkeit ohne besonders hervortretende leidenschaftlichkeit; wie der strom
unaufhörlich flieszt, so ein bestimmtes gefühl: aus ihm und zu ihm flosz, stets gleich, unwandelbar ein strom von heilger lust, die nicht zu mehren war Giseke
poet. werke 4
Gärtner; weh mir! nach allem, was ich jemals las, und jemals hört in sagen und geschichten, rann mir der strom der treuen liebe sanft
Shakespeare 1, 183; allein der grosze, goldene strom der liebe, der in den jahrhunderten bis zu uns herabgeronnen Stifter
sämtl. werke 2, 136.
eine bildkette beruht auf der vorstellung, dasz der strom
den menschen treibt oder irgendwie gelenkt, auch freigegeben wird: des volkes ..., das in jeder leidenschaft strom unrettbar treibt Klopstock
oden (1889) 2, 139, 28; immer allgemeiner ward der einflusz der orientalischen denkart, ... welche von jeher auch ströme von einer glühenderen und tieferen schwärmerei mit sich führten Fr. Schlegel
sämtl. werke 1, 97; (
Gott) lenkt des trostes strohm in die verschmachte brust Neukirch
anfangsgr. z. teutschen poesie (1724) 757; mit dem ehren werde ich mich so zeit genug müssen begnügen lassen; wenn nämlich die natur den strom seiner zärtlichkeit einen anderen weg leitet; wenn er selbst vater wird Lessing 2, 365, 18
L.-M.; der strom des interesses, der leidenschaft, findet sein bette schon gegraben, in dem er hinabrollen kann Göthe IV 14, 34
W.; sie lief in zärtlicher bestürzung auf ihn zu, nahm ihn in ihre arme, liesz dem ganzen strom ihrer empfindung den lauf Wieland
Agathon (1766) 2, 345; empfang sie mit vernunft und hemm ein mahl den lauf der ströme deiner angst Günther
bei Steinbach
vollst. dt. wb. 2, 752; da ich sahe, dasz alle meine bescheidenheit nicht ausreichend war, dem überflieszenden strom der popularen dankbarkeit einhalt zu thun Wieland
Agathon 1, 349.
die vorstellung vom regen als einer von oben herabflieszenden bewegung wirkt stark bestimmend: geusz deinen strom in mich, o süsze liebe! Neukirch
gedichte (1744) 70; den vollen strom der gnade, den gott über ihr inneres ergosz Brentano
ges. schr. 4, 303; da ergosz sich in meine brust ein strom von schmerzen v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 2, 75;
von thränen: doch freund, ich merke schon, dein herz ist angefüllt von unmuth, dessen strom aus brust und auge quillt Löwen
schr. (1765) 1, 19.
der mensch trinkt die gefühlsbewegung in sich: was für ströme reiner lust würden unsern geist berauschen! Schwabe
belustigungen 1, 511; ich trinke ströme voll seeligkeit Jung-Stilling
sämtl. schr. 2, 32; da trinken sie aus dem strom der wonne maler Müller
werke 1, 241.
in besonders eigenthümlicher verwendung für die spiegelung der inneren gefühlsbewegtheit in den augen des menschen: und nachdem er solche geküszt — steckte er sie mit einem strome von gutherzigkeit in den augen, in seinen busem Bode
Yoricks empfindsame reise 1, 50; aus seinem klugen ... gesicht brach ein strom von güte Frenssen
Hilligenlei (1905) 47; es war der geheimnisvolle strom gewesen, der aus dem weiszen, stillen antlitz des mädchens am fenster ... in mich geflossen war Stehr
drei nächte (1925) 235.
folgerichtig nehmen hier die rein formalen verwendungen von strom,
die sich in vollständiger, oft grotesker bildzerstörung enthüllen, schon seit früher zeit einen breiten raum ein: solche kranckheit ... macht, dasz man ... seinen besten fortgang in einem strohm der eitelkeit verleuert Butschky
Pathmos (1677) 49; aber was will das gegen den ganzen vollen strohm ihres glücks bedeuten? Kretschmann
sämtl. werke 3, 65; selbst in dem heftigsten strome einer leidenschaft müszt ihr eure bewegungen ... in eurer gewalt haben
neue schausp. 7, 1, 65; wie manche überlegung machen wir da, ... die der strom der eitelkeit in seiner zerstreuten seele ersticket Zimmermann
über d. einsamkeit 3, 198; es überläuft mein herz ein strom von kaltem schrecken Ayrenhoff
werke 1, 86, 8. II@B@3@ff) strom
des denkens, der gedanken, überhaupt intellectueller thätigkeit. trotz seiner ferne von der eigentlichen bedeutung alt: so du ... die stromen deines contemplierens in göttlichem wesen so vestigklich bestät hast Geiler v. Keisersberg
granatapfel (1510) H 1
d; unser Opitius ... hat es gewagt ... und den new ankommenden göttinen die furth mitten durch den ungestümmen strom menschlicher urtheil vorgebahnet Opitz
teutsche poem. 23
a neudr. das mitreiszende, unwiderstehliche allgemeiner geistiger strömungen, gedanklicher grundhaltungen führt zum bild: sind unter hunderten zween, die sich nicht von dem strom allherrschender vorurtheile mit fortreiszen lassen? Lavater
physiogn. fragmente 1, 19; dieser gedanke kann den strom unserer einfälle nicht sehr aufhalten; denn er ist uns ziemlich geläufig Joh. E. Schlegel
werke 3 (1770), 380; was unsre väter fromm gebaut, errungen, thron, burg, altar, es hat sie all verschlungen ein wilder strom entfesselter gedanken Eichendorff
sämtl. werke 1, 438; wer ist mehr vom strom unsrer ideen fortgerissen worden als Wilhelm und Bismarck? Ruge
briefw. u. tagebücher 1, 359
Nerrlich. in jüngerer zeit abgeschwächt; der mensch schwimmt daher nicht nur auf diesem strom: der strom meines witzes trieb ihn nur abwärts Sturz
schr. 1, 81; sie fanden sich mit dem gewaltigen strom herrschender meinungen und gesinnungen fortgezogen Göthe I 49, 57
W.; Gustav wird blos durch einen strom von freundschaftlichen und medizinischen vorstellungen mit fortgeführt und morgen von uns fortgezogen Jean Paul
s. w. 1, 317
Hempel, sondern leitet ihn nach seinem willen: deutsche philologen der letzten dezennien, die den strom solcher kenntnisse auch zu den weltleuten leiteten Göthe I 46, 93
W.; mittelst worten, den strom unserer gedanken in ihren kopf leiten Schopenhauer
werke 2, 137
Grisebach. dem ruhigen, steten gedankenflusz bietet sich der typisch nordd. flusz als bild: so breit und zuversichtlich der strom dieser ansichten flieszt Lotze
mikrokosmus (1856) 1, xiv; ein strom erwünschter bilder und gedanken zog an ihr vorüber Storm
werke (1899) 7, 73.
auch hier wieder seit dem 18.
jahrh. zahlreich die fälle widersinniger bildformel: es steckt ein strom von scharfsinnigen einfällen in mir Gottsched
dt. schaubühne 3, 489; wenn man einmal in dem strom der aufklärung drinne sitzt Brentano
Godwi (1801) 1, 189; und doch erregt ... die wagenspur im felsboden einen strom von vermuthungen und nachdenken Moltke
ges. schr. u. denkw. 4, 22. II@B@3@gg) strom
äuszerer lebenserscheinungen. es giebt kaum ein gebiet menschlicher lebensäuszerung, das nicht gelegentlich mit einem strom
verglichen worden ist, oft auch dann, wenn von keiner bewegung die rede ist; gern zur bezeichnung der bedeutenden menge, manchmal selbst ohne dies merkmal. eine auswahl veranschauliche die geradezu unerschöpflichen vergleichsmöglichkeiten mit strom.
dabei tut sich barocke übertreibung hervor unter vielfach völliger hintansetzung der bildhaftigkeit: die vaterland und reich durch faust und recht geschützt, den strom der tyranney mit stahl und muth gestützt Gryphius
trauersp. 153
Palm; o selig, die der strom des ersten grimms verzehret
ebd. 216; dir scheust der strom der höchsten güter zu
ebd. 34; wormit ihm auch hertzog Bolcko seine wohlthat nicht eintröpfelte, sondern ihn mit derselben vollen strome überschwemmete Lohenstein
Arminius 2, 809
a; dessen gütigkeit hat einen unermäszlichen strom auff meine wolfahrt herab flieszen lassen Chr. Weise
polit. redner (1677) 186. strom
von dingen, die durch die ihnen innewohnende art eine gewaltig fortreiszende wirkung auf den menschen ausüben; bei dieser verwendung wird also das bild lebendig: die gewonheit ist ein starker strom, dem ein schlechter baum nicht widerstehen kann Chr. Weise
drei ärgsten erznarren 22
neudr.; was ich gethan, ... verliert sich im breiten strome des gewöhnlichen Körner 2, 141; ... den unsinn zu verdrängen, der, von der Seine her, im strom der mode kömmt? Gotter
gedichte (1787) 1, 407; warum ich dem rauschenden strome der moden so gelassen nachgesehen habe Möser
sämtl. werke 4, 42; der mensch treibt mit dem strom von nichtgen zeitvertreiben beständig fort
briefe die neueste litter. betr. 11, 110; zur ersten quelle ..., daraus alle verschiedene ströme von vergnügen auf ihn zuflieszen Gerstenberg
recensionen 16
lit.-denkm.; jugendlicher leichtsinn im strom der lärmendsten zerstreuungen K. Fr. Cramer
Neseggab 1, 67; Viktor warf sich in den strom der lustbarkeiten, um unter demselben seine eigne seufzer nicht zu hören Jean Paul
sämtl. werke (1826) 8, 165.
ein anderes moment führt zum bild: man läszt aber dem strome des verderbens einen freien lauf J. A. Cramer
nord. aufseher 1, 46; bis Sokrates dem strom des verderbens entgegen trat und ihn hemmte Fr. Schlegel
sämtl. werke 1, 43; was wäre denn also das mittel, ein treues weib zu haben? sie dem strohme der verführung ungestört zu überlassen Stephanie
sämtl. singspiele (1792) 374, 20; da hört ich, dasz er sich vom strom der bösen sitten, der alles hier verheert, leichtsinnig fassen liesz Castelli
sämtl. werke 12, 58.
wieder ein anderes: bald konnte ich dem strome der begebenheiten nicht folgen Pfeffel
pros. vers. 5, 61; nachdem der strom der begebenheiten langsamer und schneller die wellen treibet Herder 17, 80
S.; noch anders: der strom der menschlichen geschäfte wechselt: nimmt man die fluth wahr, führet sie zum glück
Shakespeare 2, 122.
barock: seit des unsterns ganzer strohm über Hilmarn sich ergossen Grob
dichter. versuchg. 68
und modern: erst viel später, da meine seele schon unrettbar in dem strom eines schweren schicksals untergetaucht war Stehr
drei nächte (1925) 47.
ganz abstrahierend in der zuordnung: dasz aus dero uhralten hochfürstlichen hause ... die ströhme der gerechtigkeit, weisheit, tapfferkeit ... beständigst hervorquillen, und ... in die entlegensten reiche, ja selbst in fremde welttheile sich überflüszig ergieszen mögen S. Fr. Hahn
einl. (1721) 3,
vorr. 3
b; Frankreich, hast du mehr blut noch zu vergeuden? hat freyen lauf nun unsers rechtes strom? es wird gehemmt durch deinen widerstand
Shakespeare 5, 38; und diese quelle wars, aus der dem vaterlande, dem volke des Quirins, der strom der strafen kam Hagedorn
poet. werke (1769) 3, 9; aus mildem bache wird strom der rache Schenkendorf
gedichte (1815) 54; doch wer dämmt der folgen strom? Müllner
dram. werke 1, 51.
die romantiker lieben die verknüpfung mit weichen, zarten vorstellungen; als bild meist unvorstellbar, aber voller klangschönheit. noch bildhaft: der schöpfer ... hat ... den strohm seines segens über den erdkreis ... ausgegossen Wackenroder
herzensergieszungen (1797) 97; ein nie gefühltes entzücken ergriff die zuschauer, und der könig selbst fühlte sich wie auf einem strom des himmels weggetragen Novalis
schr. 4, 93
Minor; nur noch wortmusik ohne bestimmten vorstellungsinhalt: wenn du von deiner schwelle ... zum strom der nacht mich treibst Brentano
ges. schr. 2, 223; gute nacht! rief er fröhlich vom berge hinab, wie hat der herr nun alles untergetaucht in den wunderbaren strom der träume Eichendorff
sämtl. werke 2, 605; ein wehmütiger strom von erinnerung zog da durch seine seele
ebd. 2, 292; im strom des wunsches tief versunken, der all mein sinnen aufgetrunken Lenau
Faust 191; doch hat der strom der schönheit mich bezwungen, der hell von dir in meine seele bricht Lenau
sämtl. werke 6
Barthel; der strom der schönheit ergieszt sich ewig durch die welt Storm
werke (1899) 4, 33.
selten ist strom
als bild für geistig-seelische trennung: zwischen vergangenheit und zukunft flieszt ein breiter strom, die gegenwart ist die brücke darüber Börne
ges. schr. 6, 34; es war, als ob eine rätselhafte macht ihr ganzes denken ablenke von ihrem schmerz und ein kühler strom sich zwischen ihm und ihrem fühlen hindurch ergösse Binding
opfergang 54
inselbücherei, oder, modern empfunden, für gefühlsmäszige verbindung: sogar, wenn er schwieg, ... so war das schweigen keine kluft (
zwischen dem beamten und den leuten, die er abfertigt), sondern ein strom, kein abbruch, sondern eine pause Schaeffer
mitternacht (1928) 43;
oder zu C 2? II@B@44)
in festen präpositionalen verbindungen (
vgl.A 1 c). II@B@4@aa) wider, gegen den strom:
sehr häufig, da psychologisch auffallend. selten als sachliche feststellung, meist subjectiv mit bewunderung oder tadel verknüpft (
vgl.A 1 c
δ): weisz doch der henker, dasz das weibsvolk immer wider den strom seyn musz J. G. Müller
Siegfried v. Lindenberg 4 (1784) 2, 88; ihr schwimmet diesesmahl zuwieder gantz dem strom
Reinicke Fuchs (1650) 263 [
lautgetreue übertragung aus nd. toweddern (
s. zuwider)].
nachgestelltes entgegen
mit dativ nur selten und deshalb mit starkem sinngehalt: Georg Lauterbeck
Vivis bücher von einigkeit und zwytracht (1578) 56
b; es ist ein urtheil dem strom entgegen Lichtenberg
briefe (1901) 1, 378. —
fest geworden ist die verbindung mit schwimmen,
ohne nähere erläuterung von strom
im sinne von '
entwicklung, leben, allgemeine meinung': wir schwimmen gern wider den strom Fischart
gesch.-klitt. 452
neudr.; so gebührt mir doch nicht meinem bedingten fato zu widerstreben, und wider den strom zu schwimmen Dannhawer
catechism. milch 3, 17; sie suchten ... mit ihren werken wider den gemeinen strom zu schwimmen, und waren zufrieden, dasz sie wenigen kennern gefielen Gottsched
crit. dichtkunst (1751) 136; dasz man uns ... noch immer in der jugend gegen den strom zu schwimmen lehrt, ob man sich gleich bewuszt ist, dasz der strom für die kraft des stärksten zu mächtig ist Klinger
werke 11, 12.
dasz es sich bei dieser wendung um ein bild handelt, wird zum mindesten in neuerer zeit nicht mehr empfunden; es kommt daher zu grotesker bildzerstörung: wenn ich anders gehör finden kann, so möchte ich mir eine bemerkung erlauben, welche gegen den strom schwimmt und welche angenommene tradition gegen sich hat Kürnberger
lit. herzenssachen (1877) 37.
als entsinnlichte redensart sprichwörtlich: gegen den strom ist schlecht (bös) schwimmen Wille
sittenlehre 202; Schellhorn
sprichw. 14; Wander 4, 922,
auch mundartlich: lux. ma. 431
b; 432
a; Fischer
schwäb. wb. 5, 1876.
durch hinzufügung eines abhängigen gen. wird der eindruck der gedankenlosen formel überwunden: ... nun müszt ihr Sir John Falstaff schmeicheln, und das schwimmt gegen eurer würde strom
Shakespeare 6, 353; dasz sie gleichsam gegen den strom ihres gefühls zu schwimmen strebte Mörike
werke 3, 55
Göschen; unnütz, hier gegen den strom der öffentlichen meinung zu schwimmen v. Polenz
Grabenhäger 2, 326.
daneben viel seltener und fast ausschlieszlich im 16.
und 17.
jahrh. die verbindung mit anderen verben. vereinzelt als anschauungskräftiges bild: wo aber, alles unangesehen yemandtsz, woldt ye wider den strammen, verdryesz unnd widerwillen schöpffen, gibt myr auch nicht zcu schaffen C. Gütel
new iar (1522) S 3
a; gewöhnlich mit uncharakteristischen verben infolge der stilistischen unbekümmertheit dieser zeit: was ists dann, das man wider den stram fechten wil und halten, das nit wil und kan gehalten seyn Luther 18, 409, 20
W. — scheme dich nicht zu bekennen, wo du gefeilet hast, und strebe nicht wider den strom
Sir. 4, 31; Wander 4, 922,
nachversificiert von H. Sachs 19, 18, 33
lit. ver.; die (
bösen weiber) alzeit streben widern stram, ihrn willn wolln habn ins teuffels nahm P. Rebhun
dramen 172, 349
Palm. wu Christus ist, gehet er allzeit widder den strahm Luther 4, 637, 40
W.; allein es ging (
für Schweden) alles wider den strom Chemnitz
schwed. krieg 2, 696. — derhalben bin ich der meinung, die hochgewünschete zeit sei wider den strom der natur zurück auf uns gelanget Mayfart
rhetorica (1653) 148.
später selten: sechs tage kämpften (
Napoleons) bevollmächtigten in Paris gegen den strom, der alles, was Napoleon heiszt, verschlingen will Laube
ges. schr. 4, 50. II@B@4@bb) mit dem strom:
in übertragener wie in eigentlicher (
vgl.A 1 c
γ)
bedeutung selten; meist nur spät und daher in verbindung mit schwimmen: wie jeder, der das publikum zum besten haben mag, indem er mit dem strome schwimmt, auf glück rechnen kann Göthe IV 13, 5
W.; ich schwimme mit dem strome und mache mir meinen dienst so leicht als möglich Fr. L. Schröder
dram. werke (1831) 3, 175; ein politischer schriftsteller, der nicht völlig mit dem strome schwimmt Fr. v. Gentz
schr. 1, ix
Schlesier. II@B@4@cc) mit strömen: '
in menge, in massen, massenweise'.
ohne die bildhafte vorstellung des stroms.
oft durch adj. in der wirkung gesteigert: do ist denn als (
alles gut und geld) hyn geschwammen mit groszen stramen und sintflussen, do mit ist den des armen hauffen vergessen und verseumpt Luther 10, 3, 408, 8
W. im barock beliebt: weil man in mich so viel nicht wasserrinnen schaut, als geilheitsöl und schwefel toller brunst mit vollem strom aus den palästen schieszen Lohenstein
Ibrahim (1680) 2, 32; flöszt Argenis mit lust der klugheit lehren ein; so spürt man solche hier mit vollem strome quellen Lohenstein
Arminius (1689) 1, e 1
b; ... da gottes kwäl entsprungen, und durch das deutsche land mit vollen strömen dringt Zesen
verm. Helikon (1656) 2, 28.
stirbt in der ersten hälfte des 18.
jahrh. aus: dieweil (
gott) seine huld mit strömen auf mich gieszt Henrici
ernst-scherzh. ged. 2, 99; die wunden (
Jesu), welche blut mit gantzen ströhmen schwitzten Schmolcke
sämtl. schr. (1740) 1, 319.
die zeitlich letzten belege lassen die völlig verblaszte formelhaftigkeit der wendung besonders klar heraustreten: er sieht doch stets das blut mit vollen strömen flieszen Joh. El. Schlegel
werke 4, 213; die wohlfahrt müsse ... auf dein ganzes haus mit vollen strömen flieszen Gottsched
gedichte (1751) 1, 382.
seitdem ersetzt durch das seit dem 17.
jahrh. daneben stehende in strömen. II@B@4@dd) in strömen
verdrängt seit dem 17.
jahrh. mit strömen.
seit dem ausgang des 18.
jahrh. als beliebte formel zur bezeichnung der gewaltigen menge ohne die vorstellung des reiszenden, schnell flieszenden wie des breiten, majestätischen. die ablösung von der ausgangsvorstellung wird darin sichtbar, dasz die bewegung nicht, wie bei dieser, nur horizontal, sondern auch vertikal erfolgen kann. von concreten wie abstracten vorgängen, von jenen meist in verbindung mit flieszen.
von allen flüssigkeiten: lieszen sie das blut ihrer feinde in strömen flieszen Schiller 9, 351
G.; da flieszt das blut in strömen aus Egypten bis nach Böhmen Kotzebue
sämtl. dram. werke 1, 259.
weniger abgegriffen: seit dem Kimbernkriege rann das blut der Germanen auf römischen schlachtfeldern in strömen dahin Freytag
ges. werke 17, 46; Moses blickte nach dem ... fenster, an welchem der regen in strömen herniederflosz Raabe
hungerpastor (1864) 1, 84.
meist ganz farblos: weil es in strömen gosz Mörike
werke 3, 18
Göschen; weil es schnell dunkelte und der regen in strömen lief Hans Grimm
volk ohne raum 1, 481;
so modern redensartlich: es regnet (gieszt) in strömen.
gern vom wein: milch, honig, wein und most flosz hier in hundert ströhmen Chr.
F. Weisze
im theater der Deutschen 6 (1768) 46.
meist ebenfalls völlig anschauungsentleert: in strömen flosz der heisze wein Grabbe
werke 1, 75
Blumenthal; noch immer flosz der champagner in strömen Spielhagen 1, 190; dasz ihm der schweisz in strömen am barte niederflosz O. Ludwig
ges. schr. 1, 124.
ebenso blasz bei abstracten vorgängen: oft trinket der mensch die lust in strömen und dürstet E. v. Kleist
werke 1, 235
Sauer; der ... von dem guten, das in strömen aus seiner hand sich über uns ergieszt, so wenig — o so gar nichts selbst genieszt! Blumauer
gedichte (1782) 121; schamlose red' in strömen auf mich sendend H. v. Kleist
Amphitryon 1809.
noch gesteigert: in dieser zuversicht entschütt ich geist und herze und lasse meine lust in vollen strömen aus Hoffmannswaldau
u. a. ged. 2, 303
Neukirch; bis endlich unser seyn ganz in die quelle sinkt und ungemischte lust in vollen strömen trinkt Wieland I 1, 51, 600
akad. ausg. durch anschauungshaltige adj. variiert und bildhaft gemacht: in wilden strömen ergieszt sich, was ich bis diese stunde eingekerkert hielt Klinger
werke 2, 169; und meine schwellende empfindung darf in wollustvollen strömen sich ergieszen Schiller 5, 34
G.; wo licht und himmelsblau in breiten strömen sich herein gieszt Barth
aus den nördl. Kalkalpen 65. II@B@4@ee) im strom:
zur bezeichnung einer sachlichen einheit in ihrer dauernd gleichsinnigen bewegung: der ganze zweck Homers, Paris und Helena uns im fortgehenden strome seiner epopee zu schildern, ist weg Herder 3, 285
S.; überhaupt ist das ohr der ... scheueste aller sinne: es empfindet lebhaft aber nur dunkel: ... denn seine gegenstände gehn im betäubenden strom vorüber
ebd. 13, 305; in der oper bedeutet (
aria) nichts anders, als das werden eines besondern ganzen im strome der handlung Heinse
sämtl. werke 5, 315
Schüddekopf; er wollte daher, um sie zu versöhnen, ... seine nachrichten in desto längerem strome geben Hauff
sämtl. werke (1890) 1, 37, 26.
besonders in der verbindung in einem strom '
gleichmäszig, ohne unterbrechung': man kann in jedem alter ... witzig seyn, nur geht es damit nicht immer in einem so steten strom, wie in der jugend Lichtenberg
verm. schr. (1800
ff.) 2, 451; ich glaube, dasz jeder, der die ode in einem strome fortlieset Herder 3, 98
S.; mir brennts ordentlich in den fingern ... wie eine hungrige löwin über die mir zugewiesenen stoffe ... herzufallen, und dann, meine ich, müsse es nur so in einem strome fortgehen: gedichte, lyrisches, balladen, drama A. v. Droste
briefe 51
Schücking. etwas anders in anknüpfung an die ursprüngliche bedeutung: sobald (
die episodischen handlungen) sich mit der haupthandlung vereinigen, so werden sie theile davon, sie gehen mit ihr zum gemeinschaftlichen ziele und flieszen alle in einem strome fort Ramler
einl. in d. schönen wiss. 2, 233; wir vergessen, dasz die zeit das grosze wie das kleine in einem strome hinwegrafft W. v. Humboldt
ges. schr. (1908
ff.) 2, 21. II@CC.
magnetischer, galvanischer, elektrischer strom. II@C@11)
eigentlich: 'elektr. strom
der ausgleich der elektr. zweier auf verschiedenem potential befindlicher körper durch einen leiter, was man sich früher als ein strömen des elektr. fluidums vorstellte' Berndt
physik. wb. (1920) 39
a. zunächst also eine form der bildlichen übertragung, die festgeworden sich in der vorstellung von der eigentlichen bedeutung A 1 '
strömung'
völlig gelöst hat und zu selbständiger bedeutung gelangt ist. der mächtige aufschwung der naturwissenschaften im 18.
jahrh. und das gleichzeitig einsetzende interesse der gebildeten an ihnen läszt seit der mitte des 18.
jahrh. beobachtung und erwähnung dieser physikalischen erscheinung aus dem engen kreise abgeschlossener fachwissenschaft heraustreten und allgemein werden: dieses munterte den verfasser auf, ... den magnetischen strom in so vielen veränderungen zu betrachten, als es ihm möglich seyn würde Gottsched
d. neueste aus d. anmuth. gelehrsamkeit 4, 727; wie manche einst unbekannte dinge sind in den neueren jahren entdeckt worden, die alle im medium der luft wirken. die elektrische materie und der magnetische strom Herder
w. 13, 29
S.; die gelbrothe farbe (
der nordlichter) entstehet daher, weil das licht der elektrischen ströhme (
der luft) in der atmosphäre gebrochen werde
allg. dt. bibl. 44, 153 (1780).
im 19.
jahrh. wird die ablösung des ursprünglichen bildes von der ausgangsvorstellung und die vorstellungsverselbständigung des wortes noch deutlicher: in folge dieser chemischen action beobachten wir die entstehung eines electrischen stroms, der, durch einen draht geleitet, diesen zu einem magneten macht Liebig
chem. briefe 116; ähnlich wie zur fortpflanzung eines elektrischen stroms eine berührung nöthig ist Jhering
geist d. röm. rechts 2, 597; dasz, wenn man die beiden handgriffe eines solchen galvano-electrischen apparates erfaszt, so dasz der strom durch den körper geleitet wird, es unmöglich ist, die griffe loszulassen Seidel
vorstadt-gesch.2 180.
begriff und wort des magnetischen stroms
werden im 19.
jahrh. aufgegeben; galvanischer
und elektrischer strom
zunächst meist synonym, wobei die zweite allmählich die erste bezeichnung verdrängt; ein sehr später beleg für jene: wir wollen jetzt betrachten, was für bewegungen in den ätherzellen durch einen galvanischen strom hervorgerufen werden Boltzmann
populäre schr. (1905) 16. II@C@22)
übertragen. nachdem die kenntnis dieser physikalischen erscheinung allgemeingut geworden ist, werden bestimmte psycho-physische vorgänge zu ihrer schärferen charakterisierung mit der eigenthümlichen reaction verglichen, die ein elektrischer strom
niedriger spannung im menschlichen körper hervorruft: es ginge ja durch ihr inneres, und das ganz körperlich, manchmal ein strom quer über den rücken hinweg, als müszte sie sich beugen und, wenn sie wollte und dabei an gott dächte, theilte sich dieser strom und liefe in die arme und fingerspitzen aus, aus denen es ihr dann wie heisze tropfen perlte Gutzkow
zauberer v. Rom 5, 84; eine weiche hitze brennt auf ihren lippen und die inneren schenkel entlang fühlt sie warme ströme, die ziehen und süsz beunruhigen Kahlenberg
Eva Sehring 4.
deutlich von der ursprünglichen bedeutung '
strömung'
abgelöst und zu eigener vorstellung geworden, wenn bezeichnende verben oder adj. den seelischen vorgang als dem physikalischen entsprechend hinstellen: die geisteskämpfer jener zeit ... trieben zu neuer arbeitsbegeisterung, sie weckten und schüttelten, und dieses schütteln zitterte wie ein galvanischer strom bis in die fernsten glieder der kette W. H. Riehl
d. dt. arbeit (1861) 308; es soll sich ja das heilige durch handauflegen fortpflanzen etwa nach art eines elektrischen stroms, und so strömt auch vielleicht ein kleiner, prickelnder strom des unheiligen von unsereinem aus Fontane
ges. werke I 4, 39; er steht in seinem zimmer und denkt nicht eigentlich. es flutet nur so wie elektrische ströme durch sein hirn Thiesz
d. verdammten 452
volksausg.; der sympathische strom (
des gefühls zwischen zwei gleichgestimmten menschen) schlosz sich sogleich Werfel
Verdi (1930) 248.
mit anderer, seltener lagerung des anschauungsschwerpunktes: poeten sind isolatoren und leiter des poetischen stroms zugleich Novalis
schr. 2, 300
Minor. beim fehlen eindeutig charakterisierender worte bleibt öfters undeutlich, ob das bild des elektr. stroms
in der anschauung vorhanden war oder der vergleich nach B 3 c
oder g,
also als stark abgeblasztes bild vom eigentlichen strom,
aufzufassen ist: so oft von dem domvicariate ... die rede ging, ergosz sich über ihr ganzes sein ein warmer strom, in ihren adern fing es an zu rinnen Gutzkow
zauberer v. Rom 3, 42; glaub mir, Amy, alle ströme meines wesens ziehn zu dir! Freiligrath
ges. dicht. 5, 187.
vielleicht liegt vermischung beider vorstellungen vor wie im folgenden: was wollen sie von mir? den strom durchs werk schicken, der alle mitreiszt G. Kaiser
ges. werke (1928) 2, 274;
vgl. ferner den letzten beleg von B 3 g. II@DD. strom
als hundename (
als rindername s. stram 4;
ebenfalls wohl nicht hierher stromian;
s. dies, sp. 62):
eine aus sehr alten, abergläubischen vorstellungen von der magischen kraft flieszenden wassers hervorgegangene namengebung (
vgl.wasser u. ähnl. hundenamen: Kluge
bunte blätter 85—91;
der versuch, beide hundenamen von der bezeichnung des flüssigen elements abzusondern nd. korresp.-bl. 34, 10; 35, 39; 96
ist abwegig).
verschieden erklärt; vgl. Wuttke
d. dt. volksaberglaube3 434;
die heimat 37, 135; Bartsch
sagen, märchen u. gebräuche aus Mecklenbg. (1879) 2, 139; Danneil
altmärk. wb. 86
b; Germania 4, 146;
nd. korresp.-bl. 3, 4; 34, 64; Strackerjan
aberglaube u. sagen (1909) 1, 67; Schiller
zum thier- u. kräuterb. d. mecklenb. volkes (1864) 3, 3
b; Densing
sympathetici pulveris examen (1662) 584.
der hundename Strom
hat demnach offenbar ein sehr langes leben geführt, das freilich litterarisch in älterer zeit nur selten freigelegt wird: ein schäffer hat ein hundt, hiesz Strom, den hielt er züchtig und gantz from B. Waldis
Esopus 3, 5, 1; der schäfer ... rufft seinen Strom, Trostrein und Greiffen
ebd. 4, 94, 62.
erst die kleinkunst des realismus im 19.
jahrh. rückt ihn —
kurz vor seinem untergang —
ins licht der dichtung: un unner'n aben liggt oll Strom, de snorkt un pust un güns't in'n drom Fritz Reuter
reis' nah Belligen 1, 23; ein bauer hatte einen alten hund, namens Strom Bartsch
a. a. o. 1, 519; (
die katze) tut als wie ein hund. vater sagt auch, ... sie musz von rechtswegen wasser oder strom heiszen wie bei euch (
in der südwestmecklenbg. heide) die hunde Joh. Gillhoff
Jürnjakob Swehn (1921) 108; ein gelbbunter schäferhund ... Strom Löns
dahinten in der haide 42.
volkskundliche beobachtung belegt ihn als lebendig bis zur jahrh.-wende, ebenfalls nur für Norddeutschland: Gilow
de diere (1871) 619
b; Bartsch 2, 139; Schiller 3, 3
b; nd. korresp.-bl. 34, 64; Danneil 86
b; für jagdhunde: Lüpkes
ostfriesische volkskde 2190;
mündlich bezeugt um 1900
für Königswusterhausen b. Berlin; für schäferhunde: Andree
Braunschweiger volksk.2 217, 1; Strackerjan 1, 67.
seit beginn des 20.
jahrh. stirbt dieser hundename schnell ab: '
nur früher üblich'
ebd. (1909); Mensing
schlesw.-holst. wb. 2, 928 (1929);
fehlt in der vollständigen aufzählung bei Heckscher
volksk. d. prov. Hannover 1, 248 (1930). II@EE.
compositionsgebrauch und -typen. im 16.
und beginn des 17.
jahrh. sind keine compositionen belegt; reich entwickelt erst seit der 2.
hälfte des 18.
jahrh., dabei im gegensatz zur geschichte des simplex fast ausschlieszlich auf die eigentlichen bedeutungen beschränkt (II A; C). II@E@11)
substantivcompositionen. für gewöhnlich ohne fugenbezeichnung componiert; nur in solchen zusammensetzungen steht neben strom-
seltener stromes-,
bei denen die erste silbe des zweiten substantivs einen stamm darstellt, demnach hochbetont ist: also aus gründen der klangschönheit. daher ist das vorkommen der compp. mit dem genitiv fast ausschlieszlich auf verse und rhythmisierte prosa, vielfach in klanganalogie zu benachbarten wort- und begriffsbildungen, beschränkt. die ausfüllung der fuge erfolgt stets bei solchen compp., die rein lyrische vorstellungen enthalten und fast durchweg der romantik ihre bildung verdanken, z. b. stromesglanz, -kühle, -rauschen;
dagegen natürlich stets stromgebraus, -gemurmel.
in der umgangs- und durchschnittlichen litteratursprache spielen nur die fugenlosen substantivzusammenrückungen eine rolle. II@E@1@aa) II@E@1@a@aα) strom(es)-
als sachlich-objective bezeichnung zur specialisierung allgemein-concreter dinge auf die strömung oder den (
groszen)
flusz. da die ursprüngliche bedeutung '
strömung'
um die wende des 18.
und 19.
jahrh. abstirbt (
s. sp. 2; 6.),
begegnet sie unzweideutig nur in wenigen compp., z. b. stromänderung, -versetzung, -strich;
vielfach schillert die bedeutung, wie bei stromkraft, -wirbel,
sodasz eine reinliche scheidung von der hauptmasse der compp. in der modernen bedeutung '(
groszer)
flusz'
nicht möglich ist. seit dem beginn des 19.
jahrh. wuchert dieser typus von zusammensetzungen unerschöpflich: