stier,
m. ,
männliches rind. herkunft und verbreitung. got. stiur (
zweisilbig, s. W. Schulze
kl. schr. 483; 496),
ags. stēor,
neufries. stier,
mnl. nl. stier,
mnd. stēr,
ahd. stior,
mhd. stier; (
vgl. an. stjóri
als name für einen ochsen?).
idg. *stevəro-,
*steuro-;
dazu auch avest. staora- '
groszvieh',
mpers. stōr '
zugtier, rosz'.
mit aind. sthávira- '
breit, dick, derb, dicht, vollwüchsig, alt',
ahd. stūr(r)i, stiur(r)i '
stark, stattlich' (
zu diesem vgl. auch u. stier,
adj.)
zusammen zur wz. *stā '
stehen',
s. Walde-Pokorny 2, 609. —
im heutigen nd. fehlt stier
ganz, auch im mnd. gewöhnlich bulle,
vgl. Schiller-Lübben 4, 390;
am besten ist das wort im alem. und schwäb. bezeugt; auch im md. fast nur im westen; s. u. 1-3.
bedeutung. im got., ags. und ahd. '
männliches kalb'.
so noch heute engl. steer '
junges, männliches, meist verschnittenes rind'
; fries. stier '
zweijähriger ochse' Outzen
gloss. 345,
vgl. auch Jensen
nordfries. 573.
ebenso hat sich im deutschen die aus dem german. überkommene bedeutung in resten bis in die modernen mundarten erhalten (
s. u. 1).
heute ist in der schriftsprache die ausschlieszliche bedeutung '
männliches zuchtrind' (
u. 3).
in den maa. und in der älteren sprache ist die verbreitung von stier
in dieser bedeutung durch andere wörter, z. b. bulle
und farre,
stark beschränkt. diese unterschiede der eigentlichen bedeutung (1-3)
treten häufig (4-6)
hinter andern gesichtspunkten zurück. 11)
junges, männliches rind. seit ahd. zeit als wiedergabe von iuvencus,
während taurus
mit farre
wiedergegeben wird: iuvencus stior (10.
jh.)
ahd. gl. 3, 17, 4,
thaurus far 16, 67;
iuvencus stier (13.
jh.) 3, 77, 58; 356, 14; 367, 62;
iuvencus stier
voc. opt. 43
b Wackernagel; iuvencus ein junger ochs, stier Alberus
dict. (1540) 58
b;
iuvencus ein zeytochsz, ein junger ochsz oder stier Frisius
dict. (1556) 745
b;
so auch in der glossierung vitulus kalp
vel stier,
iuvenci stieri (12.
jh.)
ahd. gl. 3, 450, 23; 45;
aber tauri pharri
ebda 42;
vgl. noch iunix (?) stier
i. bos tenere etatis obd. voc. v. 1502
bei Diefenbach
nov. gl. 224
a;
so auch zu verstehen: ain stier für 4 fl. (
gegenüber ochsen
für 7, 6
und 5
fl.)
qu. v. 1466
bei Fischer
schwäb. 5, 1758.
durch die entwicklung der bedeutung '
zuchtrind' (
u. 3)
entsteht eine überschneidung: taurus eyn stier,
bos iuvenis adhuc non castratus gemma gemm. (1495) x 8
a; so es ... geboren ... nempt man sy kelber, so sy bald järig, werdend sy zeytkü, junge steir (
l. stier) oder hagen (
iuvencorum) genent, so sy yetz bärhafft oder sunst under die härd gelassen werdend, heiszt man sy kü und stier (
taurus et vacca) Forer
Gesners thierb. (1563) 116; stier
obsolet. pro ochse, rind. ein junger stier
iuvencus Steinbach
wb. (1734) 2, 707.
spuren der alten bedeutung noch in den mundarten: stier '
männliches, verschnittenes kalb, bis es erwachsen ist' Stalder
schweiz. 2, 399; '
verschnittener ochse bis zu anderthalb jahren' Fischer
schwäb. 5, 1758; '
junges männliches rind, gleichviel ob verschnitten oder nicht' Schmeller-Fr.
bair. 2, 778; '
junger bulle' (
also nicht verschnitten) Dähnert
pomm. u. rüg. 461
b; '
männliches verschnittenes rind unter vier jahren' (
gegenüber ochse
für das ältere) Spiess
henneberg. 244. 22)
erwachsenes männliches rind, das nicht der zucht dient, heutigem schriftsprachlichen ochse
entsprechend; mundartlich bezeugt: '
ochse' Gusinde
Schönwald 218; '
verschnittener ochse' Fischer
schwäb. 5. 1758; '
ochse, der den wagen zieht' Friedli
bärnd. 4, 93;
vgl. auch Lenz
Handschuhsh. 68
b.
alt selten ausdrücklich bezeugt: bos castratus ein stier.
bos initor farrochs Corvinus
fons lat. (1671) 196,
auch dass. (1623). —
diese bedeutung ist seit dem älternhd. in der anwendung als arbeitstier bezeugt: so aber yemand ein jungen stier oder ochsen anspannt, ... wirdt dem armen mann sein arbeit geschafft
des fürstenthumbs Wirtemberg newe landsordn. (1536) j 3
a;
tauros adiungere aratro stier eynwätten Frisius
dict. (1556) 37
a; dort jammern nackte pflüger am rostenden, stierlosen pfluge! jener, mit fremdem stier, pflügt ... J.
M. Miller
ged. (1783) 333; die kost ..., die wald und heerde gab, und die sein stier erpflügte Dusch
verm. w. (1754) 254; (
der dichter), der wie ein vogel gebaut ist, um die welt zu überschweben, ... er sollte zugleich wie der stier am pfluge ziehen? Göthe 21, 129
W.; und er ins joch die stiere zwingt J. G. Jacobi
sämmtl. w. 5, 41; herr, unser heer ist allbereits zerstreut, wie junge losgejochte stiere nehmen sie ihren lauf nach ost, west, süd und nord
Shakespeare 6, 316; ohne das stipendium hätte er überhaupt nicht studieren können; er würde jetzt mit den stieren zu acker fahren K. Spitteler
Gustav (1892) 15; ich weis nicht, was du oder ich für begriffe von freyheit haben, dasz wir an einem karrn ziehen, wie stiere Schiller 2, 155
G. —
diese bedeutung liegt im allgemeinen auch vor, wenn stiere geschlachtet werden: du opfer mir schiere mit eime veisseten stiere Rudolf v. Ems
weltchron. 18293; das gut gemest ochssenfleisch, gemeste gute stechkölber, gute stier, so dem guten ochssenfleisch in der güte gantz gemesz ist ... gemeine stier, küh, und dergleichen schmalfleisch (1567) Reyscher
württ. gesetze 12, 336; nach der ersten ... beihülfe ward brot gebacken, stiere wurden geschlachtet Göthe 24, 237
W.; er lag wie ein stier unter dem beil Schiller 2, 87
G.; auf die bedeutung juvencus (
o. 1)
weisend: derselbige (
hat) auf einen tag können einen vierjährigen stier allein verzehren Dannhawer
catech.-milch 2, 436; in dises häuszlin führ eyn stier, der dreiszig monat alt wol bei leib und feyst seie ... das der stier darvon sterbe, also das fleysch und beyn mit eynander zerknitschet werden
M. Herr
feldbau (1551) 180
b; nim schmaltz ... (
und) marck ausz eins jungen stiers bein Gäbelkover
artzneybuch 2, 63. 33)
das männliche zuchtrind. diese aus 1
entwickelte bedeutung herrscht heute in der schriftsprache allein. mundartlich wohl nur im alem. heimisch: d'chua zuama stier füahra Bühler
Davos 1, 143; mit der chue zum stier fare Seiler
Basler ma. 278;
auch Hunziker
Aarg. 254.
das zuchttier ist das nicht verschnittene: stir
taurus dicitur bos non castratus voc. inc. teut. (1471) ee 4
a; dann sie (
die bauern) die stier klemmen und machen also ochsen darausz Sebiz
feldbau 196; wellicher ... under siner zal galtvech zwen geheilet (
verschnittene) stier hette, der möge mit denselben ouch wol zum zugvech ze weid faren ... aber under dem galtvech damit man zuo den kügen zuo weide fart, soll dhein geheilter stier sein (1576) Hotz
Zürcher urk.-buch 1, 142; von mastrindern, weydfleisch, verheylten stieren, vernondten stechkelbern, verschnittenen ochsen von pfarren Fischart
Garg. 76
ndr. —
die neue bedeutung ist vor der älternhd. zeit nur vereinzelt eindeutig bezeugt, doch lassen die vergleichsweisen und übertragenen zeugnisse des mhd. (
u. 4 a
und b)
vielleicht auf das bestehen dieser bedeutung schlieszen; nicht sicher auszuwerten ist die glosse taurus stier (
neben bos ochse,
vacca chov, ...
ludellus stierlin, 12.
jh.)
ahd. gloss. 3, 443, 58
St.-S., eindeutiger: samnunga stiero an cūon folco '
congregatio taurorum in uaccio populorum'
altniederfränk. ps. 67, 31
v. Helten; daz ich im und dem spital gunnen sol, einen hirt und einen stier ze han zu dez spitals vieh. ... si sullen auch den stier han nur zu ir selbs vieh und zu dheinem anderen (1339)
urk.-buch d. stadt Augsburg 1, 343
Meyer; item welher ainen stier in sinem stal bis zuom tail zücht und den darüber behalt und bruchen wil, der gytt desselben ersten jars von dem stier zuo rindtmüt ain scheffel fesen (1503)
recht der reichsstadt Rottweil 245
Greiner; wann ain nachtper ain stier leicht zu seinem vich
österr. weisth. 2, 238; man soll die küh nicht eh zum stier lassen, sie seien dann dreier jar alt Sebiz
feldbau (1579) 96; den stier zur kuhe lassen Kramer 2 (1702) 971
a; zwen stier sind gnug under sibentzig kü Forer
Gesners thierb. (1563) 122
b; die kühe ... verschmähen die stiere Eschenburg
beispielsammlung 1, 313; das die sterckesten der andern führer seindt, als die stier, eber, hanen Xylander
Polybius (1574) 325;
armenta boum ein hauffen ochsen,
armenti dux der stier der vor dem hauffen gadt Frisius
dict. (1556) 120
a; man verglich ihn dem stier der heerde, den zu reizen für keinen räthlich war Mommsen
röm. gesch.4 3, 14; kannst du mir einen schönen Tiroler stier mitbringen, so sollst du dank haben. du sprichst in deinem briefe davon so anziehend und weiszt nicht, welche wünsche das in meinem ökonomischen herzen erregt A. v. Arnim
bei Görres
ges. br. 3, 362; weil ich die Deutschen kenne, kann ich nicht wünschen, dasz juden mit ihnen zusammen gelassen werden ... niemand kann mit stieren pflügen, und mit hengsten fährt man nicht gerne Lagarde
dtsche schr. 43.
in verbindung mit synonymen, von denen farre
die gröszte verbreitung hat: ihr drinket aus dem becher, wi drinken ut dem stope, ewr magt ein leibchen hat, unse deren drecht eine jope de platteisen bi juw schmecken als unse schullen, juwe stier hebben hörner als unse bullen Lauremberg
scherzged. 72
lit. ver.; begund er varen unde vant die zwêne pfarren alzehant. ... die griuwelichen stiere bestuont er dâ mit strîte Konrad v. Würzburg
troj. kr. 9684; man treibt ein farren gen Mompelier, kompt wider, er bleibt ein stier Petri
d. Teutschen weish. 2, O o 6
b;
taurus stier, farr oder brüllochs Zehner
nomencl. (1663) 307; die stiere (farren) erhalten mastfutter statt zeugungsfutter, werden bald zum sprunge zu schwer J.
N. v. Schwerz
prakt. ackerbau (1882) 772.
vom männlichen tier des wild lebenden jaks: bei tag und nacht sind jetzt die stiere in unruhe und aufregung. die einsiedler gesellen sich den herden, laufen, kühe suchend Brehm
tierleben 3, 254
P.-L. —
die zeugungstätigkeit des stieres
gilt als charakteristisch: künstlich vorgebäu, damit einem kein frembder stier in stall steigt Grimmelshausen 4, 508
Keller; den andern mach wir zu eim stier, ruhlosz und sehnend mit begir H. Sachs 21, 286
K.-G.; sie (
verliebte) wünschen ... die art eines haanen und stiers in der unkeuschheit Albertinus
zeitkürtzer (1603) 51; ist nicht jeder mensch ein sultan, wenn er kann, nicht jeder stier und hirsch? Heinse 4, 155
Schüdd.; sieht er denn wirklich in dem Bothwell nur einen brünstigen stier Ludwig
ges. schr. 5, 390.
vereinzelt: '
bei den hirten name einer kuh, die wenig milch gibt' Tobler
appenzell. 408
b.
von hier aus gilt in der jüngeren nhd. literatursprache stier
über die technische bedeutung '
zuchtrind'
hinaus auch als edleres wort für das männliche rind allgemein, bes. typisch an stellen, die sich auf die antike beziehen, z. t. in übersetzungstradition für taurus: wenn Ajax schnaubend geht, beraubet aller sinnen, bald einen grossen stier, bald einen hamel sticht Rachel
sat. ged. 52
ndr.; opfer fallen hier weder lamm noch stier aber menschenopfer unerhört Göthe 1, 221
W.; opfere einen feisten stier der rossebezähmerin Pallas Athene Bettine
Günderode 1 (1840) 116;
sonst: er wirft das haupt und murmelt fort, klatscht kosend den gewaltgen stier A. v. Droste-Hülshoff 2, 86; sein auge ist fromm, ähnlich dem auge des frommen stiers maler Müller 1, 48; so ist etwa das nächste beste symbol der stärke allerdings der löwe, ebenso sehr aber auch der stier Hegel 10, 395; dort streckt ein junger stier sich am gestade nieder mit träger langsamkeit v. Cronegk
schr. 2 (1766) 195; ein prächtig spiel des schicksals, dasz es ... die grabmäler hier zur ruhestätte des weidenden stiers macht Hölderlin 2, 139
Litzmann. 44)
die ungezügelte kraft und wildheit des stieres wird in der literarischen anwendung des wortes besonders oft herausgestellt; vgl. z. b. ir genuge sich wandelten in vil gruweliche tiere. lewen, beren, stiere
passional 236, 70
K.; der stier ist ein wütend, mutig, zornig, dapffer thier Forer
Gesners thierb. (1563) 123.
besonders wilder stier: wann man ein zornigen, wilden, ungebändten stier nit stillen noch gewältigen kan Guarinonius
grewel der verw. (1610) 120; als vor wenig tagen ein stiergefecht gehalten wurde, und ein gewisser mensch sich den vorsatz nahm, einen über alle massen wilden stier anzugreiffen Stranitzky
ollapatrida 340
Wiener ndr.; kühner bändiger des muthigen rosses und des wilden stiers J. G. Forster
sämtl. schr. 5, 68.
als zeichen der wildheit erscheint auch das brüllen des stiers: ein grimmger stier, ein wilder drache ists, ... sein hohles brüllen macht das ufer zittern Schiller 15, 1, 79
G.; brüllt nun auch der wunde stier und rast Fouqué
held des nordens 3, 23.
hier liegt der ausgang für eine reichentwickelte vergleichende und übertragene anwendung. 4@aa)
im vergleich vom ungebärdigen wesen und handeln eines menschen: er ist so schiehe als ein wilder stier Neidhart
in: minnesinger 3, 191
v. d. Hagen; tha vaht der helet Olivier rehte sam der wilte stier, thes niemen erbeiten tharf
Rolandslied 6197
W. Grimm; der vierde wil met, der fünfte bier, der sehste trinket wazzer als ein stier Hugo v. Trimberg
renner 9369
Ehr.; se (
die trunkenen) ropen unde singen also de stere, de sangk kumpt van gudeme bere, des drinken ze avergrote toghe Josef
vvn den sieben todsünden 7217
bei Schiller-Lübben 4, 390; so handlet er (
der mensch) wie ein stumm, wie ein thier, wie ein wütender stier, ohn vernunfft und menschlichs wesen Paracelsus
op. (1616) 2, 407
Huser; der jüngling tobet und wütet in der liebe wie ein unsinniger stier Val. Schumann
nachtbüchlein 207
Bolte; und gang do här recht wie ain stier, verglich mich gantz eim wilden thier, zu dem sich niemandt nahen thar. im eebruch, soltu nämen war, zier ich zu aller zeit mein lyb P. Gengenbach 63
Goedeke; ich fuhr unter sie hinein wie ein wüthender stier Göthe 43, 48
W.; wenn man auf eine wahrheit wie ein stier los rennt, fällt man in des teufels stricke W. Alexis
Isegrim 3, 176; (
sah) menschen vor den gräbern der heiligen wie wölfe heulen, ... wie stiere brüllen Zimmermann
üb. d. einsamk. 1, 297; Wolck schrie auf wie ein verwundeter stier H. Laube
ges. schr. 14, 207; über hundert schüler, roh und wild, wie unbändige stiere Schubart
leben u. gesinn. 1, 87; ich war eigensinnig und hartnäckig wie ein stier H. Laube
ges. schr. 1, 147; übrigens ist er häszlich, wie ein feld voll teufel, und gröber als ein wilder stier Bäuerle
kom. theater 3, 55.
auch mundartlich: tubacke (
rauchen), riich sii
u. s. w. wie ne stier '
stark, sehr' Friedli
Bärnd. 5, 196; wie ein stier besoffen sein
nd. korr.-bl. 3, 54. —
im ältern nhd. von einem menschen mit dem bösen, starren, glotzenden, auch dummen blick eines wütenden stieres: also wer ... Socrat ... von gestalt gering anzusehen, ... so bäurisch quartiert von leib war er, ..., mit eim glatzenden kopff ... augensperrig wie ein stier, dem gebunden seind alle vier Fischart
Garg. 19
ndr.; des nachts spat, wenn min man heim gat und wie ein ölgötz vor mir stat, sicht wie ein stier, falt wider dwend, das ist ein jamer und ellend H. R. Manuel
weinspiel 2668
ndr.; sahe umb sich mit trutzigen augen, wie ein stier, dem ein streich worden ist
buch der liebe (1587) 225
b; Gunst sah in an gleich wie ein stier, als ob er wer ein kemelthier Casp. Scheit
fröhlich heimfart 619
Str. du solt erstlich gar niemandt grüszen, und fielstu uber in mit füszen, und sih in an gleich wie ein stier, und gib im böser plick wol vier
ders. Grobianus 1054
ndr.; mundartlich: augen machen wie ein stier '
starren' Fischer
schwäb. 5, 1759; in ättas luaga wia an stier in as nüs gadatürli Bühler
Davos 1, 309. —
hierher im stier sein, den stier haben
in wut, übellaunig, von sinnen sein; mundartlich im alem. und schwäb., s. Stalder
schweiz. 2, 399; Martin - Lienhart 2, 610; Fischer 6, 3209: mit dem ist heut nex anzufangen, der ist heut wieder im stier
ebda 5, 1759;
auch: den stier haben
gedankenlos vor sich hin starren ebda. die form dieser redensarten steht vielleicht unter dem einflusz der mit stier '
sternzeichen'
gebräuchlichen wendungen, s. u. 6;
vgl.: der ist nicht im stier geboren '
er ist nicht dumm' Fischer
schwäb. 5, 1759. 4@bb)
in direkter übertragung; auf einen machtvollen, kräftigen menschen: solch ein frosch, sich gegen solch einen stier aufzublasen maler Müller 2, 99.
auf die wildheit und ungebärdigkeit zielend: das sanfte frauenherz wird zum perille, ein schuldlos wesen wird zum glühnden stier Fr. Kind
ged. 4, 279; den rasenden stier der begierden soll er fangen und dem hochmuth die rosse nehmen nach meinem verlangen Meisl
theatr. quodlibet 5, 13; wenn ich diesen text ... an unsre gesandschaften mittheile, so wird er in Paris ... den eindruck des rothen tuches auf den gallischen stier machen Bismarck
ged. u. erinn. 2, 113
volksausg., vgl.: rote kleider verursachend die stier zu zorn und grimmen Forer
Gesners thierb. (1563) 123
a.
auf ungefügigkeit, plumpheit, dummheit zielend: wilt du der warhait nit gelauben, so gelaubt man aver das von dir, du seists ein esel und ein stier! Wittenwiler 3444
Wieszner; an den stier zu Wiettenberg Hier. Emser
titel, s. Luther 7, 266
W.; dess Emsser quatern an den stier tzu Wittemberg hab ich neben ewr schrifft empfangen Luther 7, 271
W.; er ist ein unvernünfftig thier, ein kue, ein ochs, ein grober stier, ein wilde bestie Hayneccius
Hans Pfriem 69
ndr.; vgl.: ein bauer und ein stier sind gleiche thiere Düringsfeld
sprichw. (1875) 1, 77
b.
mundartlich als schimpfwort für einen dummen, ungeschlachten oder allzu gutmütigen menschen, s. Martin-Lienhart
elsäss. 2, 610; Follmann
lothr. 498;
luxemburg. ma. 421;
kärnt. bei Frommann
dtsche maa. 4, 157;
vgl.: grawi auga sind an zier, bruni hed an jeda stier Bühler
Davos 1, 312.
wohl auf mundartlicher grundlage: wetter! rief er aus, kann einer so ein stier sein und noch lang sinniren hin und her, wo doch ein ding glatt auf der hand liegt Mörike
ges. schr. (1878) 2, 184. 4@cc)
in gleicher bildhaftigkeit die hörner des stiers, in redensarten u. ä.; eigentlich: es (
das schaf) stoszet nit mit den hörneren als ein stier Keisersberg
irrig schaf (1514) a 2
a; der mensch ... wird nicht geboren ... mit starken hörnern, dasz er wie die stiere und büffel stoszen ... sol Neumark
teutsche palmbaum (1668) 146; so muthig kann kein stier das
Horn zum streite wetzen Rost
verm. ged. (1769) 56; wie stiere eifersüchtig auf einander rennen und horn an horn zerschlagen maler Müller 1, 359; stöszigem stier wachsen kurze hörner Binder 189; jungen stiern wachsen die hörner, jungen knaben der muth Lehman
flor. polit. (1662) 3, 154.
vergleichsweise von menschen: du, prelate, wes sachtmodich ende vorhef nicht dyne hoerne als eyn steer
byen book bei Schiller-Lübben 4, 390; da war er in die hände des ... friesischen bauern gefallen, der mit unentwegtem beharren in die wissenschaft stiesz, wie der stier gegen die stallverschalung Gust. Frenssen
Jörn Uhl (1902) 482.
direkt übertragen: mein lieber abbé, sie haben den stier (
das volk der franz. revolution) losgekettet und beklagen sich, dasz er sie seine hörner fühlen läszt? Dahlmann
gesch. d. franz. revol. 254.
anders: (
die metzen) wicklen vil hudlen in die zöpff, grosz hörner machen uff die köpff, als ob es wer ein grosser stier Seb. Brant
narrenschiff 4
Zarncke; wenn der geschäftsmann des herrn von Siegshofen nicht zu denen gehört hätte, die dem stier die hörner vom kopf herunter handeln
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 4, 172; Francesco hat einen stier an den hörnern zu boden gestürzt Gerstenberg
Ugolino 261. — den stier bei den hörnern fassen, packen
übertragen für '
eine sache an ihrer gefährlichsten, schwierigsten seite anpacken',
eine junge redensart: die Preuszen stürmten ohne erfolg und verloren eine unmasse leute. da äuszerte ein general: wir haben den stier bei den hörnern gepackt
zs. f. d. dtschen unterr. 14, 663; einen wüthenden stier muss man nicht bei den hörnern nehmen Wander
sprichw.-lex. 4, 860,
auch ndl. bei Harrebomée
spreekwb. (1856) 2, 306
b; ihr momentanes schweigen deutet möglicherweise darauf hin, dass sie erkannt haben, es habe immer seine bedenken, den stier bei den hörnern zu packen
Berl. pol. nachr. (1887)
bei Borchardt-Wustmann
sprichw. (1925) 461; warum auch nicht bei den hörnern, wenn man nur stärker ist als der stier
qu. v. 1870
bei Wander
sprichw.-lex. 4, 856.
während früher die redensart im sinne von '
eine waghalsigkeit begehen'
angewandt wurde (
zs. f. d. dtschen unterr. 14, 662; 16, 57; 437),
wird sie heute mehr zustimmend für '
eine schwierige sache ohne umschweife in angriff nehmen'
angewandt, vgl. den unterschied in der bedeutungsangabe bei Borchardt-Wustmann (1925) 461
und ebda (1888) 412: diese partei verläszt den kampfplatz, auf den sie in der absicht getreten war, den stier bei den hörnern zu fassen, in sehr niedergeschlagener stimmung
qu. v. 1874
bei Wander
sprichw.-lex. 4, 857.
vgl. auch: de stier helt me bin hörnern, de ma bin wort Sutermeister
spruchr. (1863)
ebda; de steer mat den hierner hulen
luxemburg. ma. 421. 55)
der stier
ist ein beliebtes wappentier, s. v. Querfurth 78; Chr. v. Ulmenstein
urspr. d. wappenwesens (1935) 17: in deren (
Europas) baner ain wyszer stier verwapnet was Stainhöwel
de claris mulieribus 48
lit. ver.; auch sah er an dem marck mit zier gegossen ein wolff und ein stier auff zwo sewlen samb lebend streitten H. Sachs 2, 325
K.; die vier feldzeichen der einzelnen legionstheile, der wolf, der mannsköpfige stier, das rosz, der eber Mommsen
röm. gesch. (1874) 2, 195;
daher, in einer art personifizierung: der kampf ... des sabellischen stiers gegen die römische wölfin
ebda 2, 231; ein trabant des herzogs Karl. ... des stiers von Burgund, welchem das Schweizervolk die hörner abrisz und den kopf dazu? G. Freytag 2, 33.
besonders bekannt im wappen Uris: mit mannheit und mit witze griffends den löwen an, ... he sie schlagend in uff den tod, darzu die vesten von Uri, mit irem schwarzen stier, viel vester dann ein mure, bestrittends das grimme thier ... also vertrieb der stier den löwen usz dem korn Suter
bei Bernh. Wolff
samml. hist. lieder (1830) 460; der deputirte des kantons, der den stier im wappen führt fürst Pückler
briefw. u. tageb. 2, 141;
schon alt personifiziert: die schlang von Mailand ist zogen usz dem stier von Uri in sin land (1478)
hist. volksl. 2, 147
Liliencron; der stier von Uri hat scharpfi horn, kein herr ward im nie zhoch geborn; er stoszt in nider uf den grund Äg. Tschudi
in: hist. volksl. 1, 117
Liliencron; s. auch ebda 3, 163.
mit dem wappentier war auch das vor dem heerhaufen mitgeführte horn geschmückt, und daher konnte dieses selbst als stier
bezeichnet werden, vgl. schweiz. id. 2, 1621; 3, 91: ain knecht ... hat in der schlacht den stier von Uri gewunen mit gewalt und den erwürgt, der in gefürt und geblasen hat. den hat er dem khünig selb geschenckt. ... (
ein anderer) hat auch in der schlacht gewünnen die khu von Schweytz und erwürgt, der sy geblasen (1515)
die ersten deutschen zeitungen 111
Weller; daher stier von Uri
als bezeichnung des hornbläsers: es werden ... die stier uren genent, darumb disz landvolck, die eltisten von den Tauriscern, den stierkopff und namen Urner, das ist ochszner, noch haben. in kriegen füren sie ein grosses horn mit blaasen, das zu einem zeichen, als ein trummeet. ein sonderlicher landsmann zu disem dienst und hornblaasen bestelt, wirt als denn genent der stier von Uri Stumpf
Schweizerchron. (1606) 508
b; wo ist der stier von Uri? ... steigt auf die hochwacht, blaszt in euer horn (stier von Uri geht ab) Schiller 14, 404
G. (
Wilhelm Tell V 1). 66)
bezeichnung eines der zwölf teile oder zeichen der ekliptik, entsprechend griech. ταῦρος,
lat. taurus.
seit Oswald v. Wolkenstein
bezeugt: der leo in seinem zaichen ain zwelfer ist genant. ain krebs mit sainem slaichen geleichet dem tarant. stier, wider, die junkfraue, das zwiling, visch, ain schütz leg auff die wag und schaue, wasserman, den stainpock sprütz 184
Schatz; ja gar ins himmels firmament, der zeichen auch sein drey, der stier und wider wirdt genendt Theob. Höck
schönes blumenfeld 109
ndr.; in dem thierkreis abgebildet ist mein leben: stier und brüder Müllner
dram. w. (1828) 2, 151; durch den reichen himmel schreiten seh ich wunderbar gebild. denn die jungfrau hebt den schleier, und der widder freudig springt, und der stier erhebt sich freier, da der schwan verbuhlet singt Cl. Brentano 3, 294; den zieht der eigennutz in eines widders hausz ... der andre sucht im stier ein horn vol uberflusz Pietsch
geb. schr. (1740) 132
Bock. meist in der zeitbestimmung vermittels des hinweises auf den standort der sonne oder des mondes, besonders in der wendung im stier: wenn die sonn im stier ist, so bricht das glentz dahär
aperit annum taurus Frisius
dict. (1556) 99
a; den 11. januarii ..., im zeichen, da die sonne im wassermann und im stier 28 grad hoch stehet, ... hat mir mein liebes weib einen jungen sohn ... geboren Schweinichen
denkwürdigk. 299
Österley; wann der mon im löwen oder scorpion oder schützen oder stier ist Sebiz
feldbau (1579) 520; wenn ... der mond im schein ist, und zunimmt im stier, zwillinge, wage und wassermann Prätorius
winterflucht (1678) 184; folgents fengt sich das sechst hauss im 23. grad des schützen an, partem fortune hat im 11. hauss, im 17. grad dess stiers Joh. Nas
antipap. eins u. hundert 5, 53.
auch mundartlich: im stier sin '
von der sonne, im zeichen des stieres stehen' Martin-Lienhart
elsäss. 2, 610; um Pankraz und Servaz neumond im stier, so fürcht, dasz obst und wein erfrier Fischer
schwäb. 5, 1759.
ebenso im zeichen des stiers: alles steinobst ist am besten um diese zeit zu versetzen ... wann er (
der mond) im zeichen des stiers, zwilling, waag oder wassermanns ist v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 109;
vgl.das zeichen des stiers Kramer 2 (1702) 971
b; ich bin april und führ des stieres zeichen, der im aprile wird zum pflug gespannt Cl. Brentano 2, 581.
in anderen wendungen: anfenglich heb an graben und zusuchen, in der influentz Lunae oder Saturni, und wann der mond geht in stier Paracelsus
op. (1616) 2, 294
Huser; sie wollen der sonnen ... den weg zeigen ... durch den stir Schupp
schr. 534; Cambyses dankt und opfert dir, o sonne! nicht, weil dein lauf durch stier und wagen streift Hagedorn
poet. w. (1769) 3, 44; so wie das äquinoctium aus dem stiere in den widder vorgerückt sey Hegel 7, 60; wie im frühling, wenn die sonne mit dem stier durch den himmel fährt Bodmer
samml. krit. poet. schr. 1, 47. —
daher im stier
als direkte zeitangabe: schlachtets nicht im stiere, damit den Mars sein unglück rühre, dem gotte Roms Ägyptens gott? J. A. Schlegel
verm. ged. 1, 176. 77)
bezeichnungen, deren verhältnis zu stier '
rind'
ungeklärt ist. 7@aa)
im kegelspiel. '
kegelkugel, die, weil schlecht geworfen, sich spieszt' Unger-Khull
steir. 577
b. '
gruppe von drei kegeln' Schmeller-Frommann
bair. 2, 778; Fischer
schwäb. 6, 3209. 7@bb)
in der fechtkunst eine art der verteidigung: stier,
m., stirn,
gen., Lebküchner
messerfechten (1482)
bei Schmeller-Frommann 2, 778; der läger im dusacken anfänglich sind fünff: als die zornhaut, stier, mittelhut, eber und wechsel Sutorius
fechtbuch (1612) 20. 7@cc) 'stier
heiszt das bier zu Schweidnitz' Jacobsson
technol. wb. 7, 454
b. 7@dd) stier,
m., '
unbrauchbare überbleibsel im kalkofen' Bacher
Lusern 394. 7@ee)
rotwelsch stier '
huhn, henne',
vgl. Horn
soldatenspr. (1899) 92: daz es die bawren nicht mercken sollen ... so brauchen sie (
die soldaten) viel andere wörter, damit sie alles, was sie reden, auff gut teutsch nennen, aber mit einem verkehrten namen, und das heist rothwelsch. als exempli gratia: ein hun, heiszen sie ein stier, ... ein gansz ein strohbutzen Joh. Jac. v. Wallhausen
kriegskunst zu fusz (1615) 22.
später in der form stire, stühre
bezeugt: stühre, eine henne
Hildburghausener wb. (1753)
bei Kluge
rotw. 232; henne, stire
Pfullendorfer jaunerwb. (1820)
a. a. o. 341; stiere
hühner v. Train
choch. loschen 121
b;
in gleicher bedeutung stierche, stürchen, stärchen, stüricke,
pl. stiererche Grolman
spitzbubenspr. (1822) 69
a.