speer,
m. hasta, contus. II.
formales. das wort, das got. nicht bezeugt ist, lautet anord. spjörr. Fritzner 3, 496
b;
ags. mengl. spere,
nengl. spear;
afries. spiri, spere, sper;
mndl. spere,
nndl. speer;
as. mnd. sper,
nnd. speer Richey 280. ten Doornkaat Koolman 3, 273
a;
ahd. mhd. sper.
innerhalb des germ. sind vielleicht sparren
und sporn
etymologisch verwandt. ten Doornkaat Koolman 3, 273
a,
was Kluge
etym. wb.6 369
b bezweifelt. auch spier,
n. spitze, ein wenig, spiere,
f. stange werden herangezogen (
s. diese unten). Franck
etymol. woordenb. 932.
vgl. spier
als vereinzelte nebenform zu speer: daʒ heilich spier und daʒ ander heiligtum stunt auf dem alter.
d. städtechr. 3, 366, 5 (
Nürnberg, v. 1440). O. Schrader
reallex. 783
vermutet, das wort könne identisch sein mit einem in speierling, sperbaum (
s. diese)
erhaltenen baumnamen *spero,
sorbus. auszerhalb des germ. vergleicht man lat. sparum, sparus,
kurzer jagdspiesz der landleute. Fick
4 1, 572,
wobei nach Kluge
a. a. o. die möglichkeit einer entlehnung beider wörter aus einer dritten sprache zu erwägen bleibt.
vgl. dazu die glosse spar,
sparus, sparum. Dief. 544
c.
auf ahd. sper
geht nach Diez
4 575
afranz. espier
zurück. —
das wort ist ursprünglich n.; noch Hulsius (1616) 302
a und Schottel 1418
verzeichnen es als solches; vgl. auch: sie führten gegen einander zwei scharfe speer, das eine ging hin, das andere her. da stach der Türk den Dollinger ab.
wunderhorn 1, 79
Boxberger (
druck v. 1723).
als m. ist es vereinzelt aus dem 15.
jahrh. bezeugt, in einer 1431
geschriebenen hs. des Apollonius von Heinr. v. Neustadt
vers 5055.
erst vom ende des 17.
jahrh. ab erscheint es regelmäszig so. Stieler 2072. Kramer
deutsch-ital. dict. 2 (1702), 858
a. Steinbach 2, 622. Frisch 2, 295
c. Adelung. Campe.
ist dieser geschlechtswandel, dessen allgemeines aufkommen mit dem verschwinden des worts als bezeichnung einer in Deutschland gebräuchlichen waffe zusammenhängen mag (
vgl. 1,
c),
wahrscheinlich durch das vorbild von spiesz,
m. veranlaszt, so ist der gebrauch als f. in folgenden stellen auf das franz. lance
des originals zurückzuführen: do Rengnold Ruollanden verstuond, do gab er im nŭt ein wort zantwurt, sunders reyt hindersich von im und leyt die sper inn.
Morgant d. riese 115, 26
Bachmann; der ritter verseyt es im nŭt, und kămmend gegen ein andren mit söllicher stercky, daʒ der alt sin sper zerbrach, und der heydisch rytter stiesz im die sin durch den lib, das sy mer dann ein klăffter wyt dar durch gieng, darumm er tod zuo erden fiel. 220, 11.
das f., das im deutschen sonst nicht begegnet, ist im ndl. durchgedrungen. — speer
flectiert stark. selten nur finden sich schwache formen: dâ man solde stechen unde speren brechen. Lamprecht
Alex. 4305
Vorauer hs. Kinzel; dar zcu liʒ he si lern wi si suldin vurin spern.
md. schachb. in Haupts
zeitschr. 17, 206, 8
Sievers. vgl. auch spere,
cuspis Dief. 164
c,
hasta 273
b.
Alsf. passionssp. 6381
Grein. s. unten 1,
b, γ. —
die schreibung des worts schwankt in früherer nhd. zeit. Luthers
bibelübersetzung bietet 2 Sam. 21, 16 sper,
das auch noch später vorkommt, so Hulsius (1616) 302
a. Kramer
deutsch-ital. dict. 2 (1702), 858
a. Frisch 2, 295
c.
einfachen vocal ohne längezeichen zeigt auch die form spär. Stieler 2072. Kramer. Frisch
a. a. o. (
neben sper).
natürlich sind diese schreibungen keine sicheren beweise für erhaltung der alten kürze. als längezeichen begegnet in älterer zeit h,
selten vor dem vocal, spher,
hasta. Dief. 273
b.
Habacuc 3, 11,
meist dahinter, spehr.
Joh. 19, 34. Hulsius 302
a (
auszer sper). Schottel 1418.
daneben kommt schon früh doppelte schreibung des vocals auf, die sich dann allmählich zur allein geltenden durchsetzt und als solche anscheinend unbestritten von der mitte des 18.
jahrh., d. h. von der zeit der neubelebung des worts ab (
vgl. unten 1,
c, δ)
gilt, speer,
hasta. Dasypodius. Schottel 1418 (
neben spehr). Steinbach 2, 622. Adelung. Campe. Adelung
bemerkt: '
billig sollte man dieses wort spehr
schreiben, weil das h
vor einem liquido üblicher ist, als die verdoppelung des mit (
lies: selbst-)
lauters; indessen ist speer
einmahl eingeführet'. IIII.
bedeutung und gebrauch. II@11) speer
bezeichnet in der regel eine angriffswaffe, die aus einem längeren stabe, einer stange von holz mit einer eisernen spitze besteht. II@1@aa)
in ahd. glossen dient das wort zur übertragung von hasta, lancea, catapulta, sparus. Graff 6, 355. II@1@a@aα)
im Hildebrandsliede gebraucht es Hadubrand von einer waffe Hildebrands, die jener, wie er meint, auf ihn schleudern will: mit gêru scal mangeba infâhan, ort widar orte ... dû bist dir, altêr Hûn,unmet spâhêr, spenis mih mit dînêm wortun,wili mih dînu speru werpan. 40.
als benennung einer kriegswaffe der Franken erscheint es bei Otfrid: sie lêrtun sịẹ iʒ mit suerton,nalas mit then worton mit speron filu wasso. 1, 1, 84. II@1@a@bβ)
mehrfach bezeichnet es im ahd. und as. in der bibel erwähnte lanzenartige waffen (
meist entspricht hasta
oder lancea
der vulg.): oh ein thero kemphôno mit speru sîna (
Christi) sîta giofanôta, inti sliumo ûʒgieng bluot inti uuaʒʒar.
Tat. 211, 4; lôse mih fone uuâffene. fone lancea militis,
glosse: spere Longini. Notker
ps. 21, 21; 'wâri it nu thîn willio, quâðun sie (
die jünger bei der gefangennahme des herrn)'waldand frô mîn, that ûs her an speres ordunspildian môstin wâpnun wunde ..'.
Heliand 4864: thuo gêng im ên thero fiondo tuo an nîð-hugi,druog negilid sper, hard an is handon,und heru-thrummeon stak, liet wâpnes ordwundun snîdan, that an selBes warðsîdu Kristes antlokan is lîk-hamo. 5706; ein thero knehto thiz gisahjoh zi fereho er nan (
Christus) stah, mit speru er tharzua giîlta,indeta mo thia sîta. Otfrid 4, 33, 28. II@1@a@gγ) sper
und suert
zusammengestellt: joh fallent sie ginôtonfora iro fianton, untar iro hantonsperon joh mit suerton. 3, 26, 44; ingegin imo (
Christus) fuar in wârunfirslagan heri thâr, manno mihil menigi(sie wârun einon zuelifi!) mit speron ioh mit suerton. 4, 16, 19. scilt
und sper: ther âna scilt inti âna spersô fram firliafi in thaʒ giwer, in githrengi sô ginôtosînero fîanto. 4, 17, 9. II@1@bb)
in mhd. zeit erscheint sper II@1@b@aα)
als gewöhnliche bezeichnung der lediglich zum stosze dienenden schweren ritterlichen stangenwaffe, die sich im 12.
jahrh. herausgebildet hatte und im ernstkampf wie im kampfspiel, turnier (
vielleicht schon früh hier mit leichterem schaft)
gebraucht wurde, die in der dichtung nun auch auf das im sinne der zeit gedachte ritterthum einer sagenhaft umgestalteten vergangenheit übertragen erscheint. vgl. zeitschr. f. d. phil. 13, 122
ff. Schultz
höf. leben 2
2, 21
ff. Böheim
waffenk. 311
ff. unterschieden werden ort, îsen
und schaft des spers: ein knappe bôt al sunder bete sîme hêrren Gahmurete ein sper, dem was der schaft ein rôr. Wolfram
Parz. 41, 23; dîns œheims strît man prîsen muoʒ: des spers îsen fuort er in sîme lîbe dan. 479, 26; für wâr manc puneiʒ muotes rîch wart dâ mit ritters kunst geriten, mit speres ort kollir versniten. Ulrich v. Lichtenstein 456, 8.
das sper von rôr,
das in folgender stelle genannt wird (
es ist festes orientalisches rohr gemeint. gewöhnlich sind die schäfte massive holzstangen. vgl. Wigal. 93, 15
unter 2),
ist auch mit eiserner spitze versehen: eʒ fûrte der manlîche in sîner hant von rôr ein sper, starc, tzu braht nâch sîner ger, vor bî dem ŷsene ein cleiner vane, nâch dem shilde daʒ bilde dar ane, getzieret wunneclîche.
Ludwigs kreuzfahrt 1476.
statt der fahne mit dem wappen, wie sie hier erscheint, wird auch ein dem ritter von seiner dame geschenkter schleier oder dgl. als am speer befestigt erwähnt: an sînem sper ein rîsen guot er fuort. Ulrich v. Lichtenstein 186, 25; ein sîden rîse klâredârinne erweben von golde buochstaben rîch fürwâre,die seiten daʒ er sich des trôsten solde, ob sîn reise næme mit êren ende, durch in sô wær siu tragendefür daʒ schapel wîplich gebende, daʒ wart gebunden an ein sperder mâʒe als ein baniere.
jüng. Tit. 1216, 1.
die speere, d. h. die schäfte werden gefärbt, gemalt: ein gemâlet sper derbî dâ lent. Wolfram
Parz. 268, 29; manc banier, wol gemâltiu sper sah er gein im füeren her.
Willeh. 330, 17; der grâve ein wol geverbet sper verstach mir ûf den helm mî
n. Ulrich v. Lichtenstein 182, 30. mit dem spere rîten
als höfische kunst: dem jungen Sigebandeman gên hove gebôt, dâ er solte lernen,ob im des wurde nôt, mit dem spere rîten.
Kudrun 3, 3. ein sper vüeren: dâ wart in ritterscheftenschilde vil versniten von speren die dâ fuortendie reken an der hant.
Nib. 1315, 3; in sîner zeswen hant ein sper vuorte er. Heinr. v. Freiberg
Trist. 1705. halten, varn mit ûf gerihtem sper: dâ hielt gezimiert ein degn, als er tjostierns wolde pflegn gevart, mit ûf gerihtem sper. Wolfram
Parz. 284, 3; frowe, dort vert ein rîter her mit ûf gerihtem sper. 593, 24.
zum angriff wird der speer mit der rechten hand gefaszt, gesenket, geneiget, ûf die brust, undern arm, under die üehsen (
achselhöhle) geslagen: sie neigeten über schilteze stichen nu diu sper, Gelphrât und Hagne:in was ze einander ger.
Nib. 1548, 2; undern arm (
Iwein) sluoc er mit guotem willen daʒ sper und nam daʒ ors mitten sporn. Hartmann
Iwein 5026; ir ros diu liefen drâte. ze vruo noch ze spâte sô neicten sî diu sper und sluogens ûf die brust her, daʒ sî niene wancten. 7077; do der marcrâve gein in her reit, dâ wurden bêdiu sper von rabîne (
anrennen) gesenket. Wolfram
Willeh. 77, 2; Tristan der sancte daʒ sper, daʒ ors er mit den sporn nam. Gottfried
Trist. 8978; zwei sper grôʒ und eben sie under üehsen sluogen.
krone 4581;
man will im ernstkampf dem gegner das sper durch den lîp stechen: Volkêr der vil snelleden buhurt wider reit. daʒ wart sît maneger vrouwengrœʒlîchen leit. er stach dem rîchen Hiunendaʒ sper durch den lîp.
Nib. 1826, 3.
es bedeutet aber auch einen erfolg, wenn der gegner durch den stosz vom pferde geschleudert wird, und im turnier der älteren zeit ist das die letzte absicht. am schild oder am harnisch des gegners kann der speer zebrechen: ir ietweder sîn sper durch des andern schilt stach ûf den lîp daʒ eʒ zebrach wol ze hundert stücken. Hartmann
Iwein 1014.
es heiszt darum transitiv ein sper brechen, zebrechen: daʒ beste heil daʒ mir geschach, daʒ was daʒ ich mîn sper zebrach. vil schöne satzte mich sîn hant hinderʒ ros an daʒ lant. 742; ob er ie hundert sper zebrach, gesluoc er viur ûʒ helme ie, ob er mit manheit begie deheinen lobelîchen prî
s. 3352; in erreit ûf me gevilde Dodines der wilde unde brach ûf im sîn sper. 4697; die tjoste sîner hende manec sper zebrâchen. Wolfram
Parz. 57, 25; was er dâ ritter nider stach, und was er starker sper zebrach! 380, 10; alda hei up de viande quam unde sin sper menlichen braich.
d. städtechron. 12, 50, 995 (
Cöln, Hagen). sper zestechen, verstechen: si kômen mit gelîcher ger gelîche vliegende her, daʒ si diu sper zestâchen, daʒ se in den schilten brâchen wol ze tûsent stucken. Gottfried
Trist. 6863; ê daʒ ich siben sper verstach, dô wâren driuzên sper ûf mir verstochen, daʒ geloubet ir. Ulrich v. Lichtenstein 456, 19. sper verwenden, vertuon: vil starker sper des heldes hant mit hurte verswande. Wolfram
Parz. 72, 4; er sprach 'ôwê war kom mîn sper, daʒ ich mit mir brâhte her?' dô sprach mîn her Gâwân 'hêrre, eʒ ist mit tjost vertân'. 302, 20; der vertet niwan eines spers: gein swem ouch daʒ sîn hant gebôt, der viel vor im durch tjoste nôt. 665, 8.
diener mit speeren zum ersatz für die zerbrochenen liefen neben den rittern her: eʒ lief kreiierende hie behender garzûne gnuoc, der ietweder truoc driu sper ode zwei. Hartmann
Iwein 7109.
es ertönten dabei rufe wie die folgenden: man hôrte niht wan ein geschrei, 'wâ nu sper? wâ nu sper? ditz ist hin, ein anderʒ her'. 7111; si worhten mit ir henden daʒ den walt begunde swenden. diz was gelîche ir beider ger, sperâ hêrre, sperâ sper. Wolfram
Parz. 79, 24; ûf mir muoʒ sper erkrachen. nu tuo her sperâ sper! Ulrich v. Lichtenstein 458, 5; 'rossâ ros! sperâ sper!' einer wider den andern rief. Ottokar 7159
Seemüller. II@1@b@bβ)
seltener als bezeichnung einer waffe, die geschleudert wird, von einem knechte getragen: nû was in den stundin ein knecht bî im, der diz sach und ouch sînen hêrrin rach. ein wurfsper vûrt er vil scharf; in Heinrich Monten er daʒ warf. Nicolaus v. Jeroschin 11811.
zur grenzbestimmung: man sach des meres vluot ........ in rôter varwer vlieʒen sô wîte, daʒ eʒ niemanmit einem sper wol möhte überschieʒen.
Kudrun 869, 4,
als jedenfalls sehr alter rechtsbrauch: unser herre von Mentz ... selber mit eyme ros sal ryten in den Ryne, so ferre er mag, und wie ferre er dan mit eyme hufhammer gewerffen moge, oder mit eyme spere geschiessen in den Ryn, so ferre geet sin gerechtigkeit und fryheit an der statt.
weisth. 1, 549 (
Berstatt bei Langenschwalbach, v. 1489).
vgl. rechtsalterth. 55. 59. II@1@b@gγ)
für waffen, die in der bibel erwähnt werden, vor allem für die waffe, womit die seite Christi geöffnet wurde, die den anlasz gab zur ausbildung der legende von Longinus: dô lieʒ er (
Christus) sich hie verkoufen, daʒ wir eigen wurden frî. anders wæren wir verlorn. wol dir, sper kriuz unde dorn! Walther 15, 18; der blinde sprach zuo sînem knehte 'du solt setzen daʒ sper an sîn herze: jâ wil ich die marter letzen'. daʒ sper gein al der werlte hêrren wart geneiget. 37, 15; ain plinder jûd, Longînus hies, der kôm mit ainem sper, in sein (
Christi) seitten er das sties. Osw. v. Wolkenstein 106, 12, 2; nu stich, herre! es ist zit; das spere gar eben an lit.
et sic Longinus perforat latus Jhesu. Alsf. passionssp. 6381
Grein. vgl. auch die bei Schiller-Lübben 4, 317
b gegebenen mnd. belege für solche anwendung. II@1@b@dδ) sper
und swert
zusammengestellt: ich bejagte swes ich gerte mit sper und mit swerte. Hartmann
Iwein 3526; da entlihen sî stiche unde slege beide mit swerten und mit spern. 7205; wan er was wol ein helt ze swerte unde ze sper.
krone 5574; swer nu aventeure gert eʒ sî ze sper oder swert. Heinr. v. Neustadt
Apoll. 18762. schilt
und sper: der rehten minne ich pin sîn wer, wande er mit schilde und ouch mit sper dâ nâch mit ritters handen warp, unz er in mîme dienste erstarp. Wolfram
Parz. 440, 4; er bôt im schilt unde sper. 597, 15; eʒ muoʒ in ir dienst erkrachen beide, schilt und ouch daʒ sper.
minnes. 2, 74
b Hagen; dâ wart mit schilden und mit spern ritterernst, nicht ritterspil gepflogen und geübet vil. Heinr. v. Freiberg
Trist. 1612. (
im bilde:) alsô wil ich (
Christus) durch minne in koniclîcher milde, mit sper und ouch mit schilde, in halsberg und in helme, vehten in dem melme ein wunderlîchen strît, dâ von der tûfel nider lît.
erlösung 1004. swert, schilt
und sper: wand man noch hundert ritter siht die alle tiurre sint dan er ze swerte schilte unde sper. Hartmann
Iwein 1938. II@1@b@eε)
gelegentlich wird das wort mhd. gebraucht zur bezeichnung einer länge, ausdehnung, entfernung: dâ mite wart ouch er gesetzet ûf daʒ gras als lanc sô daʒ sper was. Hartmann
Iwein 4700, sô wît wart deu strâʒe (
die er sich durch die feinde hieb), mêr danne vier spere preit. Heinr. v. Neustadt
Apoll. 7597; sie (
die mauer) was wol drîer spere hôch ... sie was wol hundert spere lanc. 14873; welt ir hœren die wârheit, wie verre er die maget reit: er reit si drîer spere lank. Hagen
gesammtab. 1, 50, 49. II@1@cc)
in nhd. zeit begegnet das wort II@1@c@aα)
zunächst noch als bezeichnung gebräuchlicher lanzen für krieg und kampfspiel, meist reiterlanzen, sper, spehr,
n. ein langer spiesz, den die reuter führen. Hulsius (1616) 302
a, spär, ...
hodie ... hasta, seu lancea equestris, et in torneamentis, ut vocant, sive ludis equestribus adhibetur. Stieler 2072: ein spär mit einem brechen,
vibratis lanceis cum aliquo congredi. ebenda; einen mit dem spär aus dem sattel heben,
lanceâ confixum aliquem auferre. ebenda; mit dem spär durchstechen,
lancea trajicere. ebenda; da (
am hofe der Venus) wert jr grosse wunder schawen von einem thurnieren und stechen, manich ritterlich sper zu brechen. H. Sachs
fastn. sp. 1, 20, 204
Götze. die turniere liefen um 1700
aus in stechen nach ringen, pappköpfen u. dgl., karussels genannt. Böheim
waffenk. 571,
und auf ein solches bezieht sich wol die folgende stelle: da (
beim karussel) sah ich manche flinke speere, auf mancher zugerittnen märe, durch eben nicht den kleinsten ring ... und öfter noch daneben fahren. Lessing 1, 197.
mit dem zeitweiligen verschwinden einer lanze als waffe der reitertruppen und dem aufhören derartiger reiterspiele macht sich dann der anscheinend schon früher einsetzende rückgang im gebrauch des worts stärker bemerkbar. Frisch
und Adelung
bieten es als benennung einer waffe nur im anschlusz an die bibel. vgl. β.
allgemein üblicher name einer in unserm heere gebräuchlichen lanzenartigen waffe ist es nicht wieder geworden. unsere reiterei führt heute lanzen,
nicht speere. II@1@c@bβ)
als bezeichnung von waffen, die in der bibel erwähnt werden, bei Luther: und Jesbi zu Nob (welcher war der kinder Rapha einer, und das gewicht seines spers war drey hundert gewicht ertz und hatte newe woffen) der gedacht David zuschlagen. 2
Sam. 21, 16; der kriegsknechte einer öffenet seine (
Christi) seite mit einem spehr.
Joh. 19, 34.
vgl. auch die bildliche wendung: sonne und mond stunden still, deine (
gottes) pfeile fuhren mit glentzen da hin und deine sphere mit blicken des blitzes.
Habacuc 3, 11. Luther
knüpft bei der übersetzung von Joh. 19, 34
an eine alte überlieferung an (
vgl. a und b),
und gerade als bezeichnung der waffe, womit Christi seite geöffnet wurde, bleibt das wort auch in der folge fest: die hochheilige seite Jesu unsers herrn ist für uns mit einem sper eröffnet worden. Kramer
deutsch-ital. dict. 2 (1702), 858
a.
nach Frisch 2, 295
c '
ist dieser namen einer art der spiese veraltet, und nur noch dem spiese geblieben, womit Christi seite am creuz geöffnet worden, und wird unter diesem namen noch ein eisen von einem spies zu Nürnberg aufgehoben'. II@1@c@gγ)
mit solcher anwendung berührt es sich, wenn H. Sachs
das römische sub hasta vendere
überträgt als unter dem sper verganten, verkaufen: ich wil jn offentlich beschemen, sein gut, farentz und ligentz, nemen, vergantten das unter dem sper, wie zu Rom was der brauch biszher.
fastn. sp. 4, 141, 85
Götze; derhalb heudt sein glaubiger lassen unter dem sper auff freyer strassen verkauffen all seinen hauszraht (
zu Rom).
schriften 14, 284, 33
Keller-Götze. II@1@c@dδ)
durch die gelehrte beschäftigung mit der deutschen vorzeit wird das wort dann als bezeichnung einer ehemaligen deutschen waffe wieder belebt und gewinnt von da aus auch wieder allgemeinere anwendbarkeit für lanzenähnliche waffen, allerdings meist solche ferner zeiten oder völker: sohn, da hast du meinen speer; meinem arm wird er zu schwer! nimm den schild und dies geschosz; tummle du forthin mein rosz! Stolberg 1, 44 ('
lied eines alten schmäb. ritters an seinen sohn. 12. jahrh.'); auf des söllers gitter lehnte die betäubte Agnes sich, sah die blanken speere blinken, sah — den edlen (
ritter) Albrecht sinken. 58; wer wird künftig deinen (
Hektors) knaben lehren speere werfen und die götter ehren, wenn hinunter dich der Xanthus schlingt? Schiller
räuber schausp. 2, 2;
freier: nicht blind mehr waltet der eiserne speer, nicht fürchtet der schwache, der friedliche mehr, des mächtigen beute zu werden.
schriften 11, 382 (
graf v. Habsburg).
von dieser art der neubelebung her erscheint das wort heute noch für gehobene sprache besonders geeignet. der dichter gebraucht es wol, um waffen überhaupt zu bezeichnen: denn nicht mit speeren allein wird der feind geschlagen. Rückert (1841) 146 II@1@dd)
als zeichen der herrschaft, der königswürde. vgl. rechtsalterth. 163. 164. Schröder
d. rechtsgesch. 106. Brunner
d. rechtsgesch. 2, 16. 32. Amira
in Pauls
grundrisz 3
2, 144: unt wære ich künig in Schampenige, sô wære ich wîtenân erkant, sô lieʒe ich sper und al die krône, ê mîn liep.
minnes. 1, 327
a Hagen. das klingt vielleicht auch an in der folgenden stelle, in der zunächst der speer des Longinus (
vgl. b, β)
gemeint zu sein scheint: künc Constantîn der gap sô vil, als ich eʒ iu bescheiden wil, dem stuol ze Rôme, sper kriuz unde krône. Walther 25, 13 (
vgl. Haupts
zeitschr. 5, 381).
man sagte den krieg durch einen speer an. rechtsalterth. a. a. o. vgl.: daʒ jâr gât hin, der tôt gât her: der widerseit uns âne sper. Freidank 177, 24. II@1@ee)
in bildern und vergleichen: wenn irgend ein wahrhaft guter scribent von unverständigen und neidischen leuten angegriffen wird, so findet sich gleich ein tapferer ritter, der für einen solchen mann einen sper bricht. Liscow
vortrefflichk. u. notwendigk. d. elenden scribenten. vorbericht; he schreyet, as wenn he up'm speer stäke. Richey 280; du, dem kein epigramm gefällt, es sey denn lang und reich und schwer: wo sahst du, dasz man einen speer, statt eines pfeils, vom bogen schnellt? Lessing 1, 18.
als attribut persönlich gedachter abstracta: Unkiusche treit ein brinnent sper.
wälsch. gast 7461; Sündt, wu ist auch dein scharpffes sper? Voith 316, 3039
Holstein. in der folgenden stelle ist vielleicht der tod als speer gedacht: wirt dem des tôdes sper gesant, ê danne er sô getân lop bejage, wem wil der sîn wunden klagen?
renner 21508. II@22) speer
für speerspitze, speereisen, vielleicht durch einengung des ursprünglichen begriffs auf den in gewissem sinne wichtigsten und jedenfalls dauerhaftesten bestandtheil (
anders Martin
zu Kudrun 3, 3,
der diese bedeutung für die ursprüngliche hält): zwêne schefte ywîn, dar an wâren starkiu sper, die brâhten in die knappen her.
Wigalois 93, 15 (3520); alrêrste wart des war getân daʒ sîn schaft was âne sper.
Biterolf 2459; nu reichet mir den helm her unde schiftet mir daʒ sper wider an den mînen schaft. 2680; verhowen hatten sie die sper von den scheften alle.
livländ. reimchron. 1516;
vgl.: da nahmen sie wohl ab ihr speer. Soltau
hist. volkslieder 2, 17 (
nr. 3), 8 (
v. 1439). II@33)
als bezeichnung anderer geräte. II@3@aa)
für den bratspiesz, s. speerbraten. II@3@bb)
studentisch die fechtklinge. II@3@cc)
bei den feilenhauern der spitzige theil einer feile, womit sie im griff befestigt wird, bei den zeugschneidern auch für ähnliche theile anderer werkzeuge. Adelung. Jacobsson 4, 203
b. II@3@dd)
bei den fischern eine gabel mit zehn zinken, womit sie im winter die barben stechen. ebenda. II@44)
andere übertragungen. II@4@aa)
für membrum virile: do nam sein sper grossen schaden.
fastn. sp. 1179, 5
Keller. II@4@bb) speer der bienen: und heute noch hingst du von den speeren der bienen zerstochen am aste, hätte dich nicht Bubbo, der waldmann, erlöst. Freytag
ges. werke 8, 272. II@4@cc) rohres speer,
dichterisch: wohin ich blickte, rohres speer und dorngestrüpp und waldesweite. Droste 1, 61; am teiche rauscht des rohres speer. 286. II@4@dd)
für speerträger: sein heer bestand aus zweitausendzweihundert speeren oder berittenen. Schlosser
weltgesch. 10, 190.