schwelgen,
verb. schlucken, schlemmen, sich gütlich thun. ein gemeingermanisches verb., zu dem entsprechungen in andern indogerman. sprachen nicht bekannt sind. goth. unbelegt, altn. svelgja (
flectiert svalg, sulgu, solgenn,
seit dem 14.
jahrh. auch schwach) Cleasby-Vigfusson 609
b;
dän. swælge,
schwed. svälja (
mundartlich auch sveg,
s. Noreen
urgerm. lautl. 222);
ags. swelgan (swealh, swulgon, swolgen),
mittelengl. swolghen, swolhen, swol(s)wen,
neuengl. swallow,
s. Skeat 615
a;
altn.-fränk. farsuelgan (
ps. 57, 10. 68, 16),
mnl. swelghen,
holländ. zwelgen,
s. Franck 1230;
mnd. swelgen, swelligen Schiller-Lübben 4, 489
b;
ahd. suelahan, suelhan, souuelihan, 1.
sing. sueleho, 3.
sing. conj. suuelke,
part. suelgenti, suelchanti. Graff 6, 875.
mhd. swelhen, swelgen Lexer
handwb. 2, 1356.
vgl. zum ganzen Kluge
5 341
b. Weigand 2, 666
f. Wachter 1488
f. Fick
3 3, 364.
Grimm gr. 1
2, 862. 939
f. 1029. 2, 33. 314. Noreen
urgerm. lautl. 130. 222.
das nebeneinander von h
und g
deutet wol auf eine zu grunde liegende wurzel *swelko-
hin, wozu auch schwalch
gehört, s. daselbst sp. 2190
f. im nhd. hat sich wieder schwelgen
festgesetzt; zugleich ist die starke flexion der schwachen gewichen. neuere hochd. mundarten kennen das wort nicht, nd. nur vereinzelt: brem. swalgen, swelgen,
schwelgen, ersticken; verswelgen,
verschlingen brem. wb. 4, 1109; sik swelgen Woeste 265
b.
wahrscheinlich ist auch das ostfriesische swelen,
lascivire (
s.schwelen 3)
hierher zu ziehen, wenn man es nämlich auf *swelhan
zurückführen darf. in Basel scheint schwelgen
im 16.
jh. noch unbekannt zu sein, s. schwelger und schwelgerei. 11)
die bedeutung ist in der ältern sprache überall concret und transitiv, schlucken, verschlingen, saufen u. s. w., ahd. suel(a)han,
glutire, deglutire, flagrare, adolere, sordere (
die letztern bedeutungen sind wol abzutrennen),
dazu geswelhen, farsuelhan,
deglutire, absorbere, s. Graff 6, 875
f.; glutire .. swelgen, (
part.) giswolgin Dief.
gloss. 266
c;
ingurgitare .. swellen, swelgen 298
c.
eine speise zu sich nehmen, hinunterschlucken: want si (
die tauben) sijn goet te verduwen, men machse swelghen sonder kuwen.
Reinaert 3830; ende als si swelghen moghen ende asen die vette morseel ende die goede spise, so sijn si vroeder dan die wise Salomon of Aristoteles. 5050; he (
der hund) swalch dat stuc broets geheel gapende um een ander deel.
quelle bei Schiller-Lübben 6, 277
a.
auch sonst, etwas hinunterschlucken: leitidon blintero, sîhenti mucgûn, olbentûn suelgenti (
camelum glutientes).
Tat. 141, 18; die sêle eʒ (
das thier) swalh unde nôʒ. Alber
Tnugdalus 1020 (52, 85).
absolut, essen: sô si eʒ (
das lamm) eʒʒen wolden, daʒ si sich gurten solten, swelhen in sich loufunte. Diemer
deutsche ged. 41, 18;
trinken, saufen: man saget von turnieren: vaste swelhen under vieren, daʒ kan ich wol.
weinschwelg 320.
mit acc. des effects: ok so is dat wol en unterech man, de sek alletid vul suelghet, dem dat ber alletid stinket ute dem halse.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 489
b (
glosse zu Sir. 26, 11);
freier von der erde: noch nicht was in die erde kumen menschen blût mit unvlât, des ir swelgender grât dâr nâch vil und vil slant.
pass. 79, 10
Köpke. vgl. dazu: das wasser war so grosz, dasz es auf den kirchhöfen die todten aus der erde geschwelget. Bünting
Braunschweiger chron. bei Frisch 2, 247
a. 22)
im nhd. ist zugleich mit der starken flexion auch die transitive bedeutung '
schlucken'
aufgegeben, es steht daher synonym mit schmausen, zechen, schlemmen, prassen,
meist absolut, sonst mit der präposition in,
s. Grimm
gr. 4, 701
f.; schwelgen, brassen, im luder ligen,
gourmander Hulsius 293
a; brassen, schwelgen, schlemmen, pancketiren,
indulgere gulae, commessari Henisch 478, 11; schwelgen,
glutire, popinari, helluari, gourmander Schottel 1412; schwelgen
empirsi u. s. w., verb. schlemmen
etc. prassen. saus. fressen. sauffen. schlampampen
etc. mit einem schwelgen,
bevacchiare ... con uno, nichts thun als schwelgen nacht und tag. Kramer
diction. 2, 711
b f.; schwelgen, geschwelget,
glutire, heluari, popinari, pergraecari Stieler 1969; ich schwelge,
heluo, luxurior, graecor, comessor. mit einem auf sein erbtheil schwelgen,
cum aliquo suum patrimonium heluari. er schwelgt mit nassen brüdern,
cum potatoribus luxuriose vivit. tag und nacht schwelgen. Steinbach 2, 541; wenn ich ein irregeist were .. und predigete, wie sie sauffen, und schwelgen solten, das were ein prediger fur dis volck.
Micha 2, 11; denn die heiden schwelgeten und prasseten im tempel. 2
Macc. 6, 4; Sardanabalus .. ist die gurgel oder schlund an dem haupt oder halsz gewesen, hat sich nur auff schwelgen und schlampampen, und allerley wollust begeben. Mathesius
Sar. 83
a; schwelgen, schlemmen, temmen das macht starck helsz.
Garg. 41
a; dardurch man in das täglige schwelgen und delgen geräth, unnd .. der leib geschwächt wird und das guotlein abnimmet. Sandrub
histor. und poet. kurzw. s. 82
neudr.; tränen, flüche, verzweiflung die entsezliche malzeit, woran diese gepriesenen glüklichen schwelgen. Schiller
kabale u. liebe 1, 7; ich will lieber brod essen an deiner königlichen tafel, als an deinem churfürstlichen tische schwelgen.
werke 8, 84; schwelgend bei dem siegesmahle findet sie die rohe schaar. 11, 294; Sam wäre damit zufrieden nicht, .. dasz wir zechen und halten schmaus und schwelgen im götzendienerhaus. Rückert
Firdosi 1, 150.
sprichwörtlich: schwelgen und gasten leert keller und kasten. Wander 4, 463.
im bilde: sie hätte an beiden tafeln schwelgen wollen? hätte den götterschein der tugend schaugetragen, und doch zugleich des lasters heimliche entzückungen zu naschen sich erdreistet? Schiller
don Carlos 2, 8; mit meinem herzblut nährt' ich ihn, er sog sich schwelgend voll an meiner liebe brüsten.
Wallensteins tod 3, 18.
selten von thieren: ein schön gepflasterter weg führt über eine höhe, zwischen matten hin, auf welchen kühe schwelgten. Göthe 43, 203. 33)
in neuerer sprache (
seit dem 18.
jahrh.)
meist in freierm und allgemeinerm sinne, üppig leben, in allerlei sinnlichen lüsten und genüssen: bube! wenn sie nicht rein mehr ist? bube! wenn du genoszest, wo ich anbetete? (
wütender) schwelgtest, wo ich einen gott mich fühlte? Schiller
kab. u. l. 4, 3; wenn die gerechtigkeit für gold verblindet, und im solde der laster schwelgt.
werke 3, 514; von einer kleinen anzahl Salernitaner begleitet, stürzt sich die kühne schaar bey nachtzeit in das arabische lager, wo man, auf keinen feind gefaszt, in stolzer sicherheit schwelgt. 9, 252; dort ein gutartiges, gesittetes handelsvolk, schwelgend von den üppigen früchten eines gesegneten fleiszes. 7, 10; zu schwelgen wo unerhört der glänzendste monarch der erde schmachtet .. warlich! solche opfer bringt hofnungslose liebe nicht.
dom Karlos 2, 10; so tödtlich, vater, verwunden sie mich nicht, ... dasz fremdlinge von ihrer gnade schwelgen, ihr Karlos nichts erbitten kann.
don Karlos 2, 2; und diese nacht wird hoch geschwelgt zu Küsznacht.
Tell 4, 3; die gäste staunten nicht, — sie schwammen in entzücken und schwelgten im genusz für gaumen, aug' und herz. Gotter 3,
s. lxxv; du, der, in wildem jugendfeuer schwelgend, ... genusz nur kennst, genusz nur kennen willst. Chamisso 1, 343
Koch (
Faust); ich will ja, will ja leben, schwelgend, taumelnd in das leben tauchen und vergessen dieser schreckensstunde! 2, 182; nun, du warst dort heut nacht, statt hier zu ruhn, ... beglückt, um höhern preis nicht, als den tod, im übermasz von so viel glück zu schwelgen. Grillparzer
4 6, 79 (
des meeres u. der liebe wellen 4); der vater schwelgt' in seid' und gold, weil Simurg zum indischen berg mich geholt. Rückert
Firdosi 1, 168; lang hast du geschwelgt im Chozarenland, nun gehts mit den tagen der lust zu rand. 3, 311.
so auch: nie zu ersättigen schwelgt die begier. A. W. Schlegel
bei Wackernagel 2, 1297, 21.
mit accusativ der wirkung: Omar schwelgte drey monate so fort, und schwelgte sich satt.
d. erzähler des 18.
jahrh. 36, 20
neudruck (Anton Wall
Omar 3); Fiesko hat sich schläfrig geschwelgt. Schiller
Fiesko 5, 1. —
mit verschobener beziehung von dem, worin man schwelgt u. ähnl.: ein solcher thut freylich für eine einzige schwelgende nacht bey seiner geliebten, gern auf allen plunder des nachruhms verzicht. Thümmel
reise 3, 151; was vor mir tausende gewissenlos in schwelgenden umarmungen verpraszten, des geistes beste hälfte, männerkraft. hab' ich dem künft'gen herrscher aufgehoben. Schiller
don Carlos 1, 9. 44)
auch von edleren, unsinnlichen genüssen: die orientalische mystische poesie hat deszwegen den groszen vorzug, dasz der reichthum der welt den der adepte wegweis't, ihm noch jederzeit zu gebote steht. er befindet sich also noch immer mitten in der fülle, die er verläszt und schwelgt in dem was er gern los seyn möchte. Göthe 49, 78; der mit dem geiste schwelgt, ist nur der feinere wollüstling. Klinger 5, 375; als schrieben sie für menschen, die nur zum lesen, bücherschreiben, seufzen, in der einbildungskraft zu schwelgen .. gemacht wären. 12, 112; es gibt minuten, wo mein geist stillen gewässern gleichet; ... ich vegetire in einem hohen grade, ich schwelge. Schiller 2, 393. — herz, auge, sinne schwelgen: alle symptome der berauschung stellen sich ein (
bei schmelzenden passagen in einem concert): zum deutlichen beweise, dasz die sinne schwelgen, der geist aber .. der gewalt des sinnlichen eindrucks zum raube wird. 10, 154; mit befriedigter liebe, mit tanzenden herzen, mit schwelgenden augen, unter dem aufgeblühten himmel und über den schmuck der erde ... wandelten beide selig dahin. J. Paul
Hesp. 1, 15; das auge sieht den himmel offen, es schwelgt das herz in seligkeit. Schiller 11, 307.
sonst von gegenständen in freier übertragung: eine wunderbare sprachgewalt, die wohl zuweilen in die manier des alters absank, dann aber wieder im süszen wohllaut der mannigfachsten versformen schwelgte. Treitschke
d. gesch. 4, 414;
dafür mit verschobener beziehung: was schwelgt im jubellied der saiten? Körner 1, 138
Fischer. ferner: schwelgt, ihr flammen, an den erträumeten ewigkeiten! Hölty 89
Halm; und so schwelgten die waffen in blut. Leuthold
ged.4 246.
noch kühner absolut, um eine üppige fülle zu bezeichnen: jugendlich schwelget der wuchs. Voss
Ovids verwandl. 2, 29 (32, 292). 55)
nd. auch in anderer bedeutung, ersticken (
transitiv), sich schwelgen (
intransitiv): er will sich in seinem eigenen fette schwelgen. Adelung,
nd. he will sik in sinem egenen fette swelgen,
will vor fettigkeit fast ersticken. brem. wb. 4, 1109;
ebenso westfäl. sik swelgen,
sich würgen, vom pferde Woeste 265
b.