schwachheit,
f. ,
mhd. swachheit, swacheit
mhd. wb. 2, 2, 780
a. Lexer
mhd. handwb. 2, 1332;
nhd. schwachheit (die) blödigkeit,
imbecillitas, debilitas, infirmitas, languor Maaler 364
d.
in neuerer sprache wird es, wie schon Adelung
und Campe
beobachten, vielfach durch schwäche
verdrängt. nd. swakheid ten Doornkaat Koolman 3, 370
b (
im allgemeinen sonst dem nd. fremd);
nld. swackheyd,
imbecillitas Kilian.
das fem. folgt der bedeutungsentwicklung des adjectivs, es zeigen sich entsprechende abweichungen im gebrauche der älteren und der neueren sprache. 11)
die anwendung im sinne von schmach, schande, die in älterer sprache sich findet, in neuerer fehlt, erklärt sich aus dem gebrauche von schwach in der bedeutung von schimpflich (
siehe schwach 1): daʒ eim alsô vrumen man diu swacheit solte geschehn daʒ er in
den schanden wart gesehn.
Iwein 3393. 22)
auf körperliche zustände, eigenschaften, functionen bezogen (
s.schwach 2),
kraftlosigkeit z. b. in folge von unzureichender entwicklung, von krankheit, alter u. s. w.: die schwachheit des leibes ist was elendes. Steinbach 2, 531; die schwachheit der weiblichen stimme; die schwachheit des alters; die schwachheit der sinnen
ebenda; im plural: die schwachheiten des alters, krankheiten und schwachheiten Adelung; vor schwachheit nicht aufstehen können; der kranke liegt in groszer schwachheit
ebenda. in beziehung auf krankheiten gebraucht die neuere sprache schwachheit
von den entkräftungs-, mattigkeitszuständen, die die krankheit begleiten oder ihr folgen, während die ältere sprache die krankheit selbst schwachheit
nennen kann (
vgl. den entsprechenden gebrauch von schwach
unter schwach 2): schwachheit, kräncke,
une maladie Hulsius
dict. (1616) 291
b;
fictus languor, schulkranckheit, angenommene und scheinschwachheit, da man sich nur stellet, als ob man kranck seye. Corvinus
fons latin. (1660) 348
b. tödtliche schwachheit,
morbus lethalis Stieler 1949; haupt-schwachheit,
delirio Kramer
deutsch-ital. dict. (1702) 2, 693
a; sich schwachheit des magens zu ziehen. Steinbach 2, 531; zog hertzog Geörg hie aus schwachait aus in ain wildtpadt in mainung, er kert wider, und starb zu Ingolstatt.
d. städtechron. 15, 347, 32; oder das er sonsten schwachait halben seins leibs nit ziechen möchte.
tirol. weisth. 4, 2, 702, 6; von des kaisers schwachait und tod. Aventin
chron. 2, 240; und jn ist auch ein schwacheit ankomen, derhalben er da blieben bey fünff wochen. Luther 3, 410
b; wann die milch (
der mutter) verderbet ist, entstehen darausz (
für sie selbst) allerhand brustschwachheiten, dazu offt krebs und andere beschwerliche zufälle kommen. Schuppius 479; mit abscheulicher schwachheit (
der syphilis) befallen. 499; ich habe endlich gemerckt, dʒ es eine miltzschwachheit sey. 584; (
das kraut) ist ihnen (
den fischen) auch gesund und heilsam in ihren schwachheiten. Hohberg
landl. 1, 484
b; (
geist und gedanke) macht alle schwachheiten des körpers mit, wird er nicht auch aufhören bey seiner zerstörung? Schiller
räuber 5, 1
schauspiel; überfiel mich ein blutsturz, der ob er gleich nicht gefährlich war und schnell vorüberging, doch lange zeit eine merkliche schwachheit hinterliesz. Göthe 19, 309; daher erfrischet er sein volck auf manche weisz, dasz es mit gutem tranck kan durst und leyd verjagen, die schwachheit ausz dem leib, den hunger ausz dem magen, mit angenehmer speisz. Weckherlin 242; sie schickt dir ein gekochtes huhn, das wird dir wohl in der schwachheit thun. Tieck 2, 359.
ohnmacht (
vgl.schwäche): es wandelte ihr gähling eine kleine schwachheit
an. Lessing 2, 49 (
Sara Sampson 3, 6). 33)
auf die geistige natur des menschen bezogen: schwachheit des gedächtnis, des verstands. Kramer
deutsch-ital. dict. (1702) 2, 693
a; schwachheit des kopfes, der beurtheilungskraft
u. s. w.: heut hab ich in der schwachheit meiner sinne den ersten act verfertigt. Göthe
briefe 3, 128
Weim. ausg. besonders wird das wort für das gebiet des willens in anspruch genommen, es bezeichnet den gegensatz von willensstärke und -strenge, eine milde, weiche nachgiebigkeit gegen die eigenen neigungen, die je nach den umständen als menschlich-liebenswürdige, verzeihliche eigenschaft erscheint oder als mangel im charakter sich kennzeichnet; weibliche schwachheit
dem manne gegenüber: schwachheit dein nam' ist weib!
Shakespeare Haml. 1, 2; ja, sie rühmt sogar sich ihrer schönen schwachheit in sich selbst und zeigt sie immer unverhohlner ihm in ihren augen. Wieland 18, 37 (
Geron der adeliche); seine künste waren keine andre, als seine männerkraft und meine schwachheit. Schiller
M. Stuart 1, 4; jetzt, Lester, darf ich ohne schaamerröthen euch die besiegte schwachheit eingestehn. 5, 9; schwachheit! verliebte schwachheit! Lessing 2, 138 (
Emilia Galotti 2, 6);
vom manne: schwachheit lauscht im hinterhalte nicht mehr, in gestalt der wuth; und bey deines (
Selindens) namens klange klopft mein busen nicht mehr bange. Gotter 1, 206;
in allgemeiner anwendung: aus schwachheit sündigen, fehlen. Kramer
deutsch-ital. dict. 2, 693
a; erwürdigr vater, mein schwacheit bewein ich stets. Hollonius
somnium vitae hum. s. 25, 388
neudr.; die schwachheit, die er uns gezeigt, macht ihm (ich seh's an ihrem achselzücken) die nichts verzeihenden Katonen ungeneigt. Wieland 10, 282 (
Kombabus); schwacheit sol man tragen: böszheit musz man stewren und wehren. Petri 2 (1605), Ss 6
a; unsere tochter empfindet an dem tage, da sie sich von der welt trennen soll, einen rückfall von schwachheit. Gotter 3, 14 (1802); (
wenn er) eure vergebung sich erschmeichelt, und morgen hingeht und eurer schwachheit spottet im arm seiner huren? Schiller
räuber 1, 1
schauspiel; den (
den ring) er denn auch einem jeden die fromme schwachheit hatte, zu versprechen. Lessing 2, 277 (
Nathan 3, 7).
besonders von einzelnen zügen des charakters, die vor dem strengen urtheile nicht bestehen, fehlerhafte eigenheit, aber auch in milderem sinne von zügen der nachgiebigkeit gegen sich und andere: schwachheit, nennt man gelinder weise einen fehler, eine begangene thorheit. Frisch 2, 239
b; jemandes schwachheiten übersehen. Adelung; (
die hoffart) ist eine grosze schwachheit an den jüngern Christi gewesen. Schuppius 650; der nutzen, den verständige leser sogar von den schwachheiten unsers helden in der folge zu ziehen gelegenheit bekommen könnten. Wieland 1, 304 (
Agathon 5, 6); mache dir aus einer schwachheit keinen vorwurf. und mir aus einer schuldigkeit kein verdienst. Lessing 2, 84 (
Sara Sampson 5, 9); dasz wir grosze thiere durchgängig eine gewisse kleine schwachheit an uns haben. Lessing 1, 131; ohne geschwätz und aufruf, mit fehlern und schwachheiten sogar, stellet er uns den mann dar. Herder
zur rel. u. theol. 2, 66; eine so heldenmüthige verläugnung der allen herzen angebornen schwachheiten. Thümmel
reise 7, 142 (1800); du bist also auch ein mensch — du hast schwachheiten. Schiller
parasit 4, 9; die eigenheiten des wackern Reifensteins, die man schwachheiten zu nennen pflegt. Göthe 29, 102.
losgelöst von der person, die handlung, das verhalten selbst bezeichnend: es ist eine schwachheit,
levidense, plebejum, populare est; eine schwachheit begehen,
facere inepte, temere Stieler 1949; ich lache, sagte er, wenn ich die schwachheiten ansehe, die in den vornehmsten republiquen vorgenommen werden. Weise
erzn. 24
neudruck; lassen sie mir das süsze gefühl, dasz ich diese schwachheiten aus neigung gegen meine werthesten freunde begangen habe. Göthe 38, 116; schwachheiten laufen mit unter. Wander
sprichw.-lex. 4, 409.
im sinne von thorheit, irrthum in der umgangssprache: bilde dir keine schwachheiten ein.
mit besonderer hervorhebung des begriffes der neigung: viele schwachheit für das andere geschlecht haben. Adelung. grosze herren haben gemeiniglich eine lieblingsschwachheit .. der grosze Tanzai (ein kenner übrigens von verdiensten) kannte doch kein gröszeres, als die leier gut zu spielen. Wieland 3, 29 (
Agathon 11, 3); Plato .., für welchen Dionysius eine art von schwachheit behielt. 2, 360 (
Agathon 10, 6); ich gesteh' es .., dasz ich die gemählde, die mir meine fantasie von diesen glücklichen menschen macht, bis zur schwachheit liebe. 14, 106 (
Koxkox u. Kikequetzel 22); wie könnt' ihm dieser die schwachheit für so ein scheusal verzeihn? 5, 138 (
Amadis 17, 15). 44)
in beziehung auf glaubensleben; häufig in der Lutherschen übersetzung des neuen testamentes (
vgl.schwach 3): ich mus menschlich davon reden, umb der schwacheit willen ewers fleisches.
Röm. 6, 19; der geist hilft unser schwacheit auff. 8, 26; so ich mich je rhümen sol, wil ich mich meiner schwacheit rhümen.
2 Cor. 11, 30.
von der menschlichen art im gegensatze zur göttlichen kraft und sicherheit: er hat unser schwacheit auff sich genomen.
Matth. 8, 17; ob er wol gecreutziget ist in der schwacheit, so lebet er doch in der krafft gottes.
2 Cor. 13, 4; menschliche schwachheit Kramer
deutsch-ital. diction. (1702) 2, 693
a; die schwachheit der menschen,
hominum imbecillitas Steinbach 2, 531. 55)
auf das gebiet des handelns und wirkens bezogen, machtlosigkeit den umständen, hindernissen, feinden gegenüber: sind krefftig worden aus der schwacheit, sind starck worden im streit, haben der frembden heer darnider gelegt.
Hebr. 11, 34; durch schwacheyt wirt man starck. Franck
sprichw. (1541) 1, 139
a; widerumb lernet man, das auch kein fürst sol in seiner unmacht oder schwacheit und unwitze verzagen. Luther 5, 2
a; habe kein mitleiden mit der schwachheit deines feindes, dann wenn er mächtig wäre, würde er deiner nicht schonen. Olearius
pers. rosenth. 8, 21. 66)
vielfach, wie schon oben bemerkt wurde, ist schwachheit
vor dem jüngeren schwäche
zurückgetreten; ungewöhnlich sind wendungen wie: schwachheit eines brettes, einer lösung, eines getränkes, einer suppe, eines heeres, einer festung, des tones, des windes
u. ähnl.