neigung,
f. das neigen und geneigtsein, enclysis, inclinatio voc. x 2
a,
flexus, inclinatio, proclivitas, propensio Frisius 569
a. 674
a. 1063
b. 1077
b,
mhd. neigunge,
md. neigunge
und nêgunge,
mnd. neginge,
nd. negung (Dähnert 326
b). II.
im eigentlichen sinne. I@11)
die handlung des neigens: die neigung des hauptes, der kniee
u. dgl., neigung,
reverentia, curvatio poplitum Stieler 1345; sie grüszten einander mit würdiger neigung des hauptes. Freytag
ahnen 3, 81. I@22)
die abwärts oder seitwärts gerichtete bewegung sowie das streben nach einer solchen: die neigung der wagschale, des züngleins der wage, eines körpers: denn weil die nach allen gegenden gerichteten tendenzien der kraft des körpers (
vorher eine immerwährende bestrebung der körper zur bewegung) von seiner substanz unzertrennlich sind, so wird das gleichgewicht dieser neigungen sich den augenblick wieder herstellen, sobald die äuszerliche gewalt, die sich der einen tendenz entgegengesetzt hatte, zu wirken aufhöret. Kant 8, 29; als infolge der nach der steuerbordseite plötzlich überströmenden gewaltigen wassermenge die 'Cimbria' sich sofort nach der steuerbordseite hinüberlegte und diese neigung mit der anhaltend einströmenden wassermenge von sekunde zu sekunde sich vermehrte.
Hamburger zeitungsber. über den untergang des dampfers '
Cimbria'
vom 22.
jan. 1883;
wortspielend mit der übertragenen bedeutung: es seind böse inclinationen und neigungen, wann man die stiegen einfält. Fischart
groszm. 7
neudruck; man laszt die sternkunst gelten stAet in irer generalitet, das ein grosz neigung han besunder die ober cörper zuo den undern. 30. I@33)
der zustand des geneigtseins, die geneigte richtung, lage: declination, abweichung, neigung. Roth
diction. (1571) E 4
b; nun aber gebe man in gedanken diesem berg eine solche neigung, dasz es aussieht, als wenn er alle augenblicke herabstürzen wollte. Schiller 10, 183; doch auszerm hang des wipfels .. ist an den stämmen untenher noch eine andre neigung. Rückert 5, 39;
mathematisch die abweichung einer ebene von der horizontalen sowie die nicht parallele lage zweier geraden linien in einer ebene oder zweier ebenen gegeneinander: die neigung einer ebenen fläche gegen eine andere ebene fläche wird durch einen winkel vorgestellet, welchen zwei gerade linien miteinander machen, die auf der linie des durchschnittes der beiden flächen perpendicular stehen. Zedler 23, 1656; neigung zweier linien gegeneinander .. wenn zwei gerade linien miteinander ungleiche winkel machen. 1661; neigung des einfallenden, des zurückprallenden strahles. 1656. 1662; die breite dieser erleuchteten zone .. wird durch die verschiedenen grade der abweichung besagter irrsterne von dem plane ihrer beziehung und durch die neigung ihrer kreise gegen dieselbe fläche veranlaszt werden. Kant 8, 254; nun macht aber, indem sie (
die planetenkreise) von der gemeinschaftlichen fläche nach beiden seiten ausschweifen, ihre gröszte neigung gegen einander kaum 7½ grade aus. 277; neigung oder senkung der magnetnadel heiszet ein winkel, welchen die magnetnadel mit der geraden linie macht, die mit dem horizont parallel gezogen worden und durch ihren ruhepunkt geht.
mathemat. lex. 1, 918. Humboldt
kosm. 1, 190. 313; diese reisen enthalten die nützlichsten bemerkungen über die ... abänderung und neigung der magnetnadel.
Frankf. gel. anz. 199, 4
neudruck; eine genaue beobachtung dieser neigung (
der magnetnadel), welche man mit dem namen inklination bezeichnet, wurde erst ... im jahre 1576 von Robert Normann in London gemacht.
deutsche revue viii, 1, 26. IIII.
viel mannigfaltiger ist die verwendung des wortes in der uneigentlichen bedeutung, s. neigen I, 4. III, 5,
b. IV, 3. 4. II@11)
körperlich: neigung und abgang, oder abwendung desz alters,
flexus aetatis (
der übergang ins greisenalter) Frisius 569
a;
besonders von einer krankheitsanlage (
s. neigen IV, 4,
a): er hat neigung zum schnupfen, zum fieber
u. s. w. II@22)
innerliche zuneigung in bezug auf die aus innerem triebe hervorgegangene willensrichtung und gemütsstimmung. mit dieser uneigentlichen bedeutung taucht das wort überhaupt zuerst vereinzelt auf bei den mystikern, die damit (
neben neigen
n. und neigelîcheit)
das lat. inclinatio (
voluntatis, animi)
wiedergeben wollten. eine gröszere rolle spielt das wort in der neueren philosophie, aus der es wieder durch die schulen in die sprache der gebildeten gedrungen ist, während die mundarten es gar nicht oder nur in seiner sinnlichen bedeutung kennen. —
philosophische definitionen: aus der undeutlichen vorstellung des guten entsteht die sinnliche begierde, welche demnach nichts anders ist als eine neigung der seele gegen die sache, davon wir einen undeutlichen begriff des guten haben. Chr. Wolff
vern. ged. von gott u. s. w. § 434; da wir an dem guten, welches wir uns vorstellen, lust haben, so wird die seele dadurch determiniret sich zu bemühen die empfindung davon hervorzubringen .. und in dieser bemühung bestehet die neigung, welche die sinnliche begierde, zuweilen der wille genennet wird. § 878; der wille ist eine neigung gegen die sache vermöge des guten, das wir in ihr wahrnehmen. denn diese redensart ist genommen von einem cörper, der durch eine krafft von der senkrechten linie gegen die horizontale linie auf der einen seite geneiget wird: welches auch bei dem ausschlage der wage geschiehet. § 510; die abhängigkeit des begehrungsvermögens von empfindungen heiszt neigung. Kant 4, 34; das nun in dir, was nur nach glückseligkeit strebt, ist die neigung; dasjenige aber, was deine neigung auf die bedingung einschränkt, dieser glückseligkeit zuvor würdig zu sein, ist deine vernunft. 5, 324; die dem subject zur regel (gewohnheit) dienende sinnliche begierde heiszt neigung (inclinatio). 10, 294; die habituelle sinnliche begierde heiszt neigung ... die durch vernunft des subjectes schwer oder gar nicht bezwingliche neigung ist leidenschaft. 276; die fertigkeit des gemüths, das gute von einer art vorzüglich zu begehren, heiszt neigung. Mendelssohn 4, 1, 105.
im verhältnis zum synon. hang (
th. 4
2, 436): hang ist eigentlich nur praedisposition zum begehren eines genusses, der, wenn das subject die erfahrung davon gemacht haben wird, neigung dazu hervorbringt ... neigung setzt bekanntschaft mit dem object des begehres voraus. Kant 6, 188
anm. 2. II@2@aa)
im allgemeinen das innere geneigtsein, der trieb und hang, die anlage, mhd. (
md.): alliu neigunge, lust und minne kumet von dem, daʒ ime gelîch ist; wan alliu dinc neigent unde minnent sich selben gelîchelîche. Eckard 424, 24. 32; der mensche mûʒ sterben der werlde und mûʒ sterben deme vleische und aller sîner neigunge (
gelüsten). Herm. v. Fritzlar 119, 4; nach neigungen und wîsen der welte. Nic. v. Basel 286;
nhd. wider welliche naigungen (
vorher böse gewonhaiten) er sich häfftiklich stelt. Keisersberg
pred. 122
d; naigung oder art,
sensualitas. voc. 1482 x 2
b; die neigung,
inclinatio animorum Frisius 674
a;
inclination, naigung, art, die eim anhangt. Roth
diction. (1571) H 4
b; die neigungen Logau 3, 7, 36
überschrift; natur, neigung und lüsten. Philander 1, 28; bei angehender jugend ist die fähigkeit (
der empfindung des schönen in der kunst), wie eine jede neigung, in dunkele und verworrene rührungen eingehüllet. Winkelmann
von d. fähigkeit d. empfind. des schönen in d. kunst (1763) 8; er (
gott) straft, wer ihm sich nicht ergiebt, wer eigne neigung mehr als gottes willen liebt. Haller 183
Hirz.; wer ists, der allemal der neigung stufe misst, wo nur das mittel gut, sonst alles laster ist?
urspr. des übels 2, 47; ich will .. jede seiner neigungen, jeden seiner gedanken ausspähen. Geszner 1, 106; der schauplatz unsrer neigungen und absichten liegt mitten in unsrer seele. Gellert
moral. vorles. (1774) 1, 125; unterwirf alle deine neigungen .. dem gewissen. 1, 45; wir müssen uns früh gewöhnen, unsre neigungen nach unsern wahren bedürfnissen einzuschränken. 2, 80; man nehme den hang zur geselligkeit aus dem systeme unsrer neigungen heraus: so hört das menschliche geschlecht auf, eine natürliche gesellschaft zu sein, die durch allgemeine angelegenheiten und neigungen auf das genaueste verbunden ist. 2, 36; alle neigungen zusammen ... machen die selbstsucht aus. Kant 4, 184. 186
f.; die neigungen wechseln, wachsen mit der begünstigung, die man ihnen wiederfahren läszt. 4, 238; wunderbar theilte sie (
die vorsehung) die völker ... durch sprachen, neigungen und charaktere. Herder
id. 2, 195; ob alle wissenschaftliche und künstlergaben nicht auch neigungen in der menschlichen brust rege gemacht hätten, bei denen man viel seltner und schwerer zur ... zufriedenheit gelangen kann, weil diese neigungen mit ihrer innern unruhe der zufriedenheit unaufhörlich widerstreben? 2, 236; alles in der menschlichen natur ist zerrüttet, oder, es ist disproporzion zwischen seinen neigungen und kräften. soll die menschliche natur wieder hergestellt werden, so müssen neigungen und kräfte wieder ins gleichgewicht kommen. Lavater
verm. schriften 2, 55; ach! neigung, sinn und witz lag noch in finstern banden. Lessing 1, 189; laszt die kinder selber wählen, lobt und leitet ihre neigung. Gleim 1, 23; ganz vergebens strebst du daher durch schriften des menschen schon entschiedenen hang und seine neigung zu wenden. Göthe 1, 327; beschäftigungen, neigungen, liebhabereien, steckenpferde, alles probieren wir durch. 48, 10; der graf ... der gar bald die gesellschaft, ihre neigungen, leidenschaften und unterhaltungen übersah. 17, 252; man sorgte nicht mehr, dasz ich in meine früheren neigungen und verhältnisse zurückfallen konnte. 25, 18; da ich mehrmals frühere meinungen und neigungen aufgegeben hatte. 306; von seinen neigungen hingezogen werden.
an Schiller 616 (5, 131); es trennet uns neigung und meinung. Schiller 11, 189; tausend ungleiche karaktere und handlungen können wieder aus einerlei neigung gesponnen sein. 4, 62; seine neigungen waren still aber hartnäckig bis zum übermasz. 197; die früchte übereinstimmender grundsätze und neigungen. Wieland 6, 117; eben so unmerklich wurde sie ... die unumschränkte beherrscherin seiner neigungen. 304; menschen, die mit ihren begriffen und neigungen alle augenblicke wider einander stoszen. 19, 69; alle ihre (
der menschheit) triebe, neigungen und kraftäuszerungen. 32, 182; wie wir uns auch preisen mögen, sind unsre neigungen doch wankelmüthiger, unsichrer, schwanker, leichter her und hin als die der frauen. Schlegel
was ihr wollt 2, 4; man bespöttelte seine (
des jungen königspaares) neigungen und erklärte beide theile für beschränkt. Gutzkow
ritter (4.
aufl.) 2, 244. II@2@bb)
das subject der neigung
wird auszer poss. pron. (meine, unsere neigung
u. s. w., s. a)
durch einen genetiv oder ein denselben vertretendes adj., die art durch adjectiva näher bestimmt: die neigungen gottes sind nichts anders als die allervollkommensten bewegungen des göttlichen willens zur vereinigung mit dem guten und abwendung des bösen. Zedler 23, 1659; neigung desz gemts,
applicatio animi Maaler 303
d. Chr. Wolff
vern. ged. von gott u. s. w. § 492; die leidenschaften und neigungen unserer seele.
leben Günthers in der 3.
auflage seiner gedichte c
a; er (
gott) kennt mein treu gemüthe und sieht des hertzens neigung
an. Günther 935; wie schwerlich lassen sich die neigungen besiegen, die bei der kindheit schon die rege phantasie ... in unser tiefstes herz mit mächtgen fingern gräbt. Cronegk 2, 120; neigungen des willens. Gellert
moral. vorles. (1774) 2, 5, des temperaments 182; die neigung des wohlwollens .. der ehrfurcht und liebe. 1, 267; alle neigungen meines herzens. Stilling
jug. (1780) 76; die fähigkeiten und neigungen der kinder. Gellert
a. a. o. 2, 137; gewisse neigungen der ältern pflanzen sich meistens auf das herz des kindes fort. 1, 220; die neigungen der natur dämpfen. 176; natürliche, angeborne neigung: von natürlicher neigung seind nit allein die menschen, sondern auch merertheil alle thier zu freiheit geneigt. Schöfferlin
Livius 23; der hirsz weis wol ingedenk syner natürlichen naigung sich ze bewaren vor dem list des jägers mit seinen füszen. Steinhöwel
Es. 183
Öst.; natürliche oder angebobrne neigung ist diejenige neigung, die ein lebhafftes geschöpffe in sich von natur bemerket, ohne dasz es das object seiner neigung jemahls zuvor gesehen. Zedler 23, 1654; sinnlichkeit des menschen und die daraus entspringenden natürlichen neigungen. Kant 6, 195; die natürlichen triebe und neigungen ersticken. Gellert
a. a. o. 1, 65; wenn er seine natürlichen neigungen, die auf die erhaltung des lebens und den genusz der sinnlichen freuden gerichtet sind, den höhern neigungen immer unterwirft, die auf die güter der seele abzielen. 120; gute oder böse, edle oder unedle neigung
u. dgl.: das es (
sacrament der busze) die bösen naigungen hin nem. Keisersberg
pred. 79
c. 80
c; böse neigungen und gewonheiten.
schiff der penit. 24
a; denn der eigen wille von Adam angeborn, mit allen gliedern wider die gute neigunge strebt. Luther 1, 78
a; die viechischen neigungen des menschen. Lohenstein
Armin. 1, 1100
b; neigung ist blind und knechtisch, sie mag nun gutartig sein oder nicht. Kant 4, 238; quellen, aus denen die guten neigungen flieszen. Gellert
a. a. o. 1, 149; so erstickt die sinnlichkeit in seinem herzen alle gute neigungen. 2, 53; die edlen neigungen der menschenseele. 49; die edelsten und süszesten neigungen der ehrfurcht, der liebe und des vertrauens. 1, 121; tugendhafte neigungen und handlungen. 2, 44; unedle und kindische neigungen (
des stolzen). 96; unartige neigungen .. des kindes. 134; böse neigungen verstärken die krankheiten des körpers und sind selbst die gefährlichste krankheit. 168; unerlaubte, heftige, unordentliche, bösartige neigungen. 1, 155. 218. 219. 220; keine neigung ist an sich gut, sondern nur in so fern sie etwas gutes wirkt. Göthe 15, 174; eine blinde, dem verstande zuvoreilende neigung. Wieland 34, 125; meine geheimsten neigungen. 2, 69. II@2@cc)
die sache, das thun oder der zustand, wozu, wofür man neigung (
trieb, verlangen, lust, liebe, vorliebe)
hat, ist entweder aus dem zusammenhange ersichtlich oder wird näher bestimmt. II@2@c@aα)
das object der neigung
ergiebt sich aus dem zusammenhange, z. b.: ich hab auch jederman die neigung frei entdeckt, wie gern ich ... vor andrer wolergehn mein eigen blut verzehrte. Günther 476; ich war .. denen neigungen ausgesetzt, die meiner unschuld gefährlich zu werden schienen. Gellert
moral. vorles. (1774) 1, 175; so dasz er sich nach und nach zum lügen verleiten liesz, eine neigung, die ihm zu überwinden bis in sein zwanzigstes jahr viel mühe gemacht hat. Stilling
jug. (1780) 79; ich kann meine neigung (
zum studieren) nicht bändigen.
jüngl. 62; vom vater ging diese neigung (
in gefahren ruhm zu suchen) auf den sohn über. Herder
id. 2, 178; wiewohl die liebe zu den wollüsten der sinne seine herrschende neigung zu sein schien. Wieland 1, 69; er überliesz sich seinen dir wohlbekannten neigungen, ordnete feste an
u. s. w. 34, 338; meine alte neigung (
zu einer handelsfahrt) wachte wieder auf und meine alte gewohnheit zieht mich wieder
an. Göthe 15, 153; ich müszte mich sehr irren ..., wenn deine neigung dich nicht zur pension zurückzöge. 17, 376; indem sie durch besitz und wiederherstellung (
des erhandelten alten kirchenbildes) immer tiefer in den werth solcher arbeiten eindrangen, verwandelte sich die neigung in leidenschaft, welche sich mit wachsender kenntnisz im besitz guter ... dinge immer vermehrte. 43, 397; neigungen haben die götter, sie lieben der grünenden jugend lockigte scheitel, es zieht freude die fröhlichen
an. Schiller 11, 269. II@2@c@bβ) aus, nach, mit neigung
etwas thun: sie würden anfänglich aus nothwendigkeit, hernach aus gewohnheit, zuletzt vielleicht aus neigung und wahl sich immer weiter von demjenigen entfernt haben, was. Wieland 6, 268; die philologen halten sich aus neigung und bestimmung mehr an der form, an buchstaben. Börne 2, 173; dieser mann führte ein sehr einfaches leben, theils aus neigung, theils weil seine gesundheit es so forderte. Göthe 15, 191; Ottilie wirkte stets mit ein, aber mehr zufällig, nach gelegenheit und neigung. 17, 179; man konnte wohl nachkommen, dasz der baumeister eines benachbarten klosters mit einsicht und neigung sich auch an diesem kleineren gebäude bewährt. 208; gerne dien ich den freunden, doch thu ich es leider mit neigung, und so wurmt es mir oft, dasz ich nicht tugendhaft bin (
bezieht sich auf Kant 4, 186
f.). Schiller 11, 148. II@2@c@gγ)
mit genetiv: neigunge der sunden (
zu den sünden).
der mönch von Heilsbronn, fronl. 21. II@2@c@dδ)
adjectivisch: Wolfs analytische neigung (
zur analytik). Kant 8, 128; künstlerische, mathematische neigungen
u. dgl. II@2@c@eε)
am häufigsten durch präpositionale fügung oder durch einen infinitiv mit zu: er scheut die geringste mühe und er bezeigt keine neigung
für das glück der seinigen. Gellert
moral. vorl. 1, 36; die geheimräthin, die viel neigung für Schlurcks philosophische weltanschauung hatte. Gutzkow
ritter (4.
aufl.) 2, 271; gütige neigungen
gegen (
für) das beste des andern. Gellert
a. a. o. 1, 143; eine neigung, welche sie gegen (
zu) Wilhelm Meister gefaszt. Göthe 33, 238; die neigung gegen (
wider) eine meinung. Kant 8, 140; diese neigung
nach vermögen (
vorher sein verlangen nach reichthume). Gellert
a. a. o. 2, 69; die neigung nach ehre. Kant 4, 16; sie (
die übersetzungen) erregen eine unwiderstehliche neigung nach dem original. Göthe 49, 72; neigung
zu: mhd. (
md.) dar umme sprach Augustinus 'die sêle dî in deme himmilrîche sint, insint nicht vollin sêlic, wen si noch nêgunge habinzû den lîben.' Eckard in der
zeitschr. f. d. alterth. 15, 411, 34;
nhd. naigung zu eim ding,
fames. voc. 1482 x 2
a; zuo dem er lieb und neigung hat. Brant
narrensch. 110, 32; die neigung zuo den lastern in im auffgeet. Keisersberg
pred. 81
b;
indoles, art und neigung, sunderlich der jugend zuo guotem und zum bOesen. Frisius 684
a; neigung zum bOesen,
pravitas Maaler 303
d; ich hatte ein sundere inclination und naigung zuo der music.
F. Platter 134
B.; er rahtet, dasz einer (
zur erhaltung der gesundheit) die widerwertigen sachen abwechszele und biszweilen verändere, aber gütlicher mit einer neigung zu dem letzten. Schuppius 769; die neigung zu den lastern steckt in noch ungebohrnen kindern, wie die flamme in den feuersteinen. Lohenstein
Armin. 2, 363
b; eine neigung zum guten, das ist die tugend. Leibniz 1, 423
f.; du hast mir selbst dazu (
zur dichtkunst) die neigung beigebracht, da du mir einen brief in reimen zugedacht. Kottwitz 76; misztrauisch meint er schon .. geheime neigungen zur mode zu entdecken. Zachariä
renomm. 3, 30; es giebt ferner eine neigung zu gewissen tugenden, und eine abneigung vor gewissen lastern. Gellert
a. a. o. 1, 157; neigung zur tugend, zum laster. 230; sein leben zu erhalten ist pflicht, und überdem hat jederman dazu noch eine unmittelbare neigung. Kant 4, 15; alle menschen haben schon von selbst die mächtigste und innigste neigung zur glückseligkeit. 17; die neigung (
des weiblichen geschlechtes) zum vergnü
gen. 10, 341; die neigung zu dem, was uns vortheilhaft ist, ist allen menschen gemein. 342; wenn man nun neigung zur wohlthätigkeit hätte? Göthe 15, 174; Ottilie .. hatte indessen zu jener arbeit die gröszte neigung gefaszt. 17, 218; neigung zum clavierspielen. 24, 190; jederman wuszte, dasz kaiser Franz grosze neigung zu juwelen, besonders auch zu farbigen steinen hege. 241; ich kann versichern, dasz Stillings neigung zur alchimie niemalen den stein der weisen zum zweck hatte. Stilling
jüngl. (1780) 110; meine neigung zum wunderbaren. Wieland 2, 23; die freiheit in der erscheinung erweckt nicht blos lust über den gegenstand, sondern auch neigung zu demselben. Schiller 10, 61.
mit infinitiv und zu: immaszen die tugend darin bestehet, dasz man eine neigung und fähigkeit habe, nach dem verstande zu würken und folglich alles ... zur wahren erkänntnisz und liebe gottes zu richten. Leibniz 2, 42; es zittern waag und schwerdt vor neigung und verlangen, von deiner billigkeit den nachdruck zu empfangen. Günther 736; diese dem herzen eingedrückte neigung, sich für das glück der andern zu bemühen .. kann das allgemeine wohlwollen .. genennet werden. Gellert
a. a. o. 1, 115; die neigung (
des weiblichen geschlechtes) zu herrschen. Kant 10, 341; dieser nun fand eine unwiderstehliche neigung in seiner seele ... mit seinem kinde .. allein zu wohnen. Stilling
jug. 75; die besondere neigung der kinder mit dem feuer zu spielen. Göthe 15, 93; so tief es auch schon in der nacht war, fühlte niemand eine neigung zu bette zu gehen. 136; Eduards neigung, der gesellschaft vorzulesen. 17, 45; ihr ... zu sagen, dasz ich ihre neigung mich zu sehen und zu grüszen bemerkt hätte. 137; neigung, unglaubliche dinge zu erzählen und zu glauben. Wieland 32, 10; dasz es ihr an neigung und fertigkeit, einen solchen gebrauch von dem zauber ihrer augen zu machen, nicht fehlte, erfuhr ich ziemlich bald durch mich selbst. 96; diese neigung der vernunft, sich mit dem sinnlichen zu vereinigen, heiszt liebe. Schiller 10, 61. II@2@c@zζ)
auch von thierischen gelüsten zu: so wird bei der katze die eingeprägte neigung zu den mäusen, bei dem bären zum honig unentbehrlicher hebel der fabel, aus dem die eingreifendsten verwickelungen hervorgehen. J. Grimm
Reinh. viii;
weidmännisch neigung zur oberjagd haben
sagt man vom dachshunde, wenn er lieber auszerhalb der baue sucht als kriecht. Weber
terminol. lex. 387
b. II@33)
besonders die wohlwollende oder begehrende richtung des gemütes oder willens gegen eine person, die geneigtheit, zuneigung. II@3@aa)
die zuneigung, zustimmung zu einer ansicht oder partei: Wurms neigung het vom bischoff von Meintz (
lat. archiepiscopus Moguntinus ... magis declinare videbatur ad episcopum Wormatiensem Böhmer
fontes 4, 510).
städtechron. 3, 274, 3 (
ende des 15.
jh.). II@3@bb)
die gnade, huld, gunst, gewogenheit: aber nicht ohne sonderbare gottes neigung wird dir dieses (
der kindersegen) versagt, damit du gröszere ding erlangest. Schuppius 731;
Wallenst. nicht ihrem guten willen noch seiner (
des kaisers) neigung dank ich dieses amt. Schiller 12, 233 (
Piccol. 1, 7); verdiene dir .. von der menge neigung, von dem einzelnen liebe. Göthe 22, 216; der bessern holde neigung, sie sei ewig dir froher besitz. 3, 256
H.; wenn fremde regung den gebieter faszt, wenn neue neigung einmal dich verdrängt, bleib unermüdlich nur in deinem dienst. Uhland
Ernst von Schw. 1, 2; darum möchte ich ihm werben die neigung des volks. Freytag
ahnen 1, 71. II@3@cc)
die wolwollende, freundschaftliche und liebevolle gesinnung gegen jemand, dem man gewogen ist, besonders die neigung des herzens,
das (
erwachende, wachsende und anhaltende oder auch vorübergehende)
gefühl der liebe und gegenliebe zu einer person; oft verbunden mit liebe,
die aus der neigung
entsteht, oder mit dem gegensatz abneigung: liebesbrieff ist eine schrifft, worinnen das frauenzimmer ihren amanten die neigung und liebe entdecket. Amaranthes
frauenzimmerlex. 1159; inclination, liebe, gunst, neigung, zuneigung. Belemnon
bauernlex. (1728) 89; du hast, o Sylvia! mein treues hertz besiegt und lieszest neulich selbst mich deine neigung wissen. Hofmannswaldau 1, 72; ich will mich als dein mann, nach buhler-art bemühn, dir täglich grosze gunst und neigung ab zu heucheln. Günther 691; ich bin kaum deiner neigung werth.
nachl. 101; (
wer liebt) der fürchtet sich, den schönen gegenstand und seine neigung zu verlieren. Stoppe
Parnasz 83; der alte fand sein schätzchen zu geschäfftig, und ihre liebe viel zu heftig, er suchte bald in allen diesen werken mehr eigennutz, als neigung zu bemerken. Hagedorn 2, 105; von stutzern unbesiegt, im lieben unerfahren, genosz sie still der zeit, da man bereits zwar liebt, doch noch der neigung nicht den namen liebe giebt. Zachariä (1767) 1, 137; der mann bewirbt sich in der ehe nur um seines weibes, die frau aber um aller männer neigung. Kant 10, 344; ganz nahe daran (
an der liebe) steht die neigung, aus der nicht selten liebe sich entwickelt. sie bezieht sich auf ein reines verhältnisz, das in allem der liebe gleicht, nur nicht in der nothwendigen forderung einer fortgesetzten gegenwart. Göthe 49, 18; die schöne dame vernahm ungern die hindernisse, die sich ihrer neigung entgegensetzten; doch war ihre liebe zu dem jungen manne ... dergestalt vermehrt worden, dasz ihr keine prüfung zu streng schien. 15, 168; von der ersten regung, durch eine wachsende neigung, bis zum unentbehrlichen der gewohnheit, war der ganze lebenslauf dieser leidenschaft getreulich (
im tagebuch) aufgezeichnet. 283; denn eigentlich war die neigung dieser beiden eben so gut im wachsen als jene. 17, 92; so erregen sie (
schöne frauen im mittleren alter) .. mit der neigung ein entschiedenes zutrauen. 109; du liebst Ottilien .. neigung und leidenschaft entspringt und nährt sich auch von ihrer seite. 166; weil ich die neigung, ja die leidenschaft des jungen mannes ... nicht vermehren will. 169; überhaupt hätte man glauben können, es sei ihr maxime gewesen, sich dem lobe und dem tadel, der neigung und abneigung gleichmäszig auszusetzen. 244; sie glaubte so etwas von neigung (
zu Ottilien) bei ihm zu bemerken. 247; nach einem kurzen umgange hatte er ihre neigungen gewonnen. 18, 12; mein vater .. beschlosz diese späte, gesetzmäszige frucht der liebe mit eben der sorgfalt zu verheimlichen, als man sonst die frühern zufälligen früchte der neigung zu verbergen pflegt. 20, 264; liebesbrief .., den ein verschämtes junges mädchen an einen jüngling schriebe, um ihre neigung zu offenbaren. 24, 263; meine neigung wuchs unglaublich. 271; ihre augen .. wenn sie irgend eine neigung, eine liebe ausdrückten, hatten einen glanz ohne gleichen. 25, 23; als er (
Herder) ein vorzügliches frauenzimmer in Darmstadt kennen gelernt und sich ihre neigung erworben hatte. 308
u. o.; (
sie war) auch ihren neigungen nicht immer sehr getreu. Wieland 9, 284; geliebt zu sein braucht ihr euch nur zu zeigen; doch unsre herzen macht euch pflicht und neigung eigen.
Idris 2, 33; Antoniens zustand war der schrecklichste zustand zwischen pflicht und neigung .., sie fühlte sich hingerissen den mann zu verehren, den sie nimmermehr lieben konnte. Schiller 4, 238; seit meiner flucht war diesz der erste mann, der meinem herzen neigung abgewann. 6, 385; die neigung giebt den freund, es giebt der vortheil den gefährten. 14, 29 (
braut von Mess. 1, 4); ich wollte alle schuld, dasz ein schein von neigung entstanden war, auf mich nehmen. Immermann
Münchh. (2.
aufl.) 1, 176; es giebt neigungen, die verboten sind.
epig. (1865) 1, 275; seit jenem augenblicke weisz ich, dasz der junge mann seine neigungen zu leicht verschenkt, und würde niemanden beneiden, der sich rühmet sein freund zu sein. Gutzkow
ritt. (4.
aufl.) 3, 45; wenn wir einem ritter erlauben uns zu dienen, so ziehen wir mit der einen hand den schleier über unsere neigung, mit der andern lüften wir den zipfel. Freytag
ahnen 3, 43; als der forstwart zum stadtfeinen fräulein sich fand, leis unbewuszt neigung zu neigung entstand. Scheffel
waldeinsamkeit 4. II@3@c@aα)
art und stärke der neigung
durch adjectiva näher bestimmt (
s. auch unter β): bin ich es würdig, er erhalt mir durch dein zureden bei euch die gute neigung aller gönner und freunde. Günther
bei Kalbeck neue beitr. 71; wo ernst und klugheit liebt und gleiche neigung bindet. Günther 446; ich weisz, sie liebt mich noch und kan mich nicht verlassen. die neigung gleicher art verband uns ja zu scharff. 300; so wirst du doch bei ihren spielen viel wachsthum sanfter neigung fühlen. 312; betrübt dich ihr (
der tochter) verlust, so sieh den tochter-mann, sein herrliches verdienst und zarte neigung
an. 794; den gegenstand der zärtlichsten neigung seines herzens, seiner ersten liebe, .. unverhofft wieder zu finden. Wieland 3, 197; da er, Lida, dich mit sanfter neigung mir, dem lange sehnenden, geeignet. Göthe 2, 110; jugendliche neigungen. 25, 26; bei unsern freunden waren die entstehenden wechselseitigen neigungen von der angenehmsten wirkung. 17, 80; sie hatte in ihrem leben genugsam einsehen gelernt, wie hoch jede wahre neigung zu schätzen sei, in einer welt wo gleichgiltigkeit und abneigung eigentlich recht zu hause sind. 17, 40; wahre neigung vollendet sogleich zum manne den jüngling. 40, 280; als freund forderte er ihre ganze achtung, und als liebhaber ihre ganze neigung. 15, 118; ein junger mann gewann ihre ganze neigung. 280; Eduards neigung war aber gränzenlos. 17, 152; diese starb aus zu heftiger neigung.
F. Müller
bei Seuffert 429; nicht mehr in unendlicher schwermut verlangt und erbangt das gemüt, ich huldige ruhiger neigung, so treu, so gelinde, so zahm. Platen 80
a (2, 44); zwischen Anna und Georg war .. kein vertrauen mehr, der herbstwind stürmte gegen die junge neigung. Freytag
ahnen 4, 122. II@3@c@bβ)
die richtung der neigung: die princessinnen ... waren hoch erfreut, dasz seine neigung endlich einmahl
auf einen tugendhaften gegenstand (
Kleonissa) gefallen sei. Wieland 3, 96; diese neigung
für sein (
des nächsten) glück kann sich auf tausendfache art äuszern (
vorher unsre liebe für sein glück). Gellert
moral. vorl. 2, 102; meine grosze neigung und verehrung für ihn (
Herder). Göthe 25, 301; die neigung, ja die verehrung für meine groszeltern nahm ab. 20, 72; die neigung für sie ... war in dem guten herzen schon lebhaft. 172; eine reiche dame, die des knaben schönheit halber eine starke neigung für ihn faszte und ihn zu ihrem leibdiener sich wollte erziehen lassen.
F. Müller
bei Seuffert s. 10; neigung, die seine tochter für einen deutschen maler hegte. Börne 1, 344; die sprache wird fast arm, die worte fehlen mir, die neigung
gegen dich natürlich auszudrücken. Günther 686; die wahre menschenliebe musz also eine aufrichtige neigung gegen das glück des andern sein. Gellert
a. a. o. 2, 103; um nur von Hafis zu reden, wächst bewunderung und neigung gegen ihn, jemehr man ihn kennen lernt. Göthe 6, 136; Wilhelm ... empfand gegen den fremden ... eine gewisse neigung. 18, 262; wir bemerken nur, dasz Wilhelm der gräfin von tag zu tag interessanter vorkam, so wie auch in ihm eine stille neigung gegen sie aufzukeimen anfing. 285; mit entsetzen fand er lebhafte spuren einer neigung gegen Natalien in seinem herzen. 20, 183. 293; sie schalt ihren neffen heftig aus wegen seiner niederträchtigen neigung gegen ein gemeines mädchen. Nicolai
Seb. Nothanker 1, 219.
am häufigsten mit zu: wie im winter die saat nur langsam keimet, im frühling lebhaft treibet und schoszt, so war die neigung zu dir. Schiller 11, 164; an der heftigkeit, womit Jacob die gerechtsame des gräflichen hauses vertheidigt, läszt sich eine stille unbewuszte neigung zu der jungen gräfin nicht verkennen. Göthe 15, 48; wie ihre neigung zu ihm abnahm, hatte die aufmerksamkeit auf ihn zugenommen. 120; ihre entbindung, die nächste neigung zum säugling. 282; Eduard hatte diese (
Ottilie) von Charlottens neigung zum hauptmann überzeugt. 17, 148; anfänglich duldete Ottilie die begleitung des kindes; dann faszte sie selbst neigung zu ihm. 180; die neigung zu diesem mädchen half mir die schwindeleien des bruders übertragen. 24, 146; ich hatte eine besondere neigung zu ihm (
dem fürsten Esterhazy), weil er mich an den marschal von Broglio erinnerte. 289; meine neigung zu ihm war wahrhaft schwesterlich. 25, 8; er ging lange genug bei uns aus und ein, ohne dasz ich eine neigung zu meiner schwester an ihm bemerkte. 26
u. oft; der graf ... entdeckt dem marchese seine alte neigung zu Camilla und bittet um ihre hand. Börne 1, 344. II@3@dd)
auch von abstractionen oder lebend gedachten dingen, die gegenstand der neigung
sind: ich empfand schon als ein kind ihren (
der poesie) trieb im hertzen brennen. da mich nun die blinde neigung ihr schon damals zugeführt, schenk ich ihr auch noch die liebe, die anjetzt vernunfft regiert. Günther 860; ich habe ihn (
den thurm des Straszburger münsters) so lange aufmerksam betrachtet, und ihm so viel neigung erwiesen, dasz er sich zuletzt entschlosz, mir dieses offenbare geheimnisz zu gestehen. Göthe 26, 82; der freundschaft arme flamme füllt eines Posa herz nicht aus.seine neigung war die welt mit allen kommenden geschlechtern. Schiller 5, 434 (
don Carlos 5, 9); dann wollen wir dich ehren, lieben, Roma! so lang uns die Parzen leiten, daure diese neigung fort.
F. Müller
bei Seuffert 607; dort schwebt sie (
die sonne) schon in luftgem gange, auf deren kusz die blumenfreude blüht; wie flehend sich um ihre neigung müht der berg, dasz sie sein felsenarm umfange. Lenau (1880) 1, 36.