kehle,
f. gula, jugulum, guttur. ahd. chëlâ,
mhd. kële, kël,
schwachformig, während jetzt der sing. starke form hat; doch auch mhd. schon stark, s. Haupt zu Gotfr. v. Neifen s. 56.
ags. ceole,
mnl. kele,
nnl. keel,
nd. kele,
im nord. fehlend. urverwandt entspricht skr. gala
m. hals, kehle (
neupers. galû,
kurd. guleh,
s. Justi
zendspr. 102
a,
vgl. skr. galla
wange),
und lat. gula,
während unser wort urspr. i
als stammvocal hatte, daher heute noch die aussprache mit tiefem ë
und die häufige ältere schreibung mit ä. Maaler
z. b. schreibt käl
und kälen (
schwach) 239
b,
auch Stieler käl, käle
neben kehle 914 (
merkwürdig kale Diefenb.
wb. von 1470 144),
noch Brockes;
vorherschend ist im 15. 16.
jh. kel, kele,
mit bewahrter kürze kelle Diefenb. 311
c,
auffallend das. köll; kelen
voc. opt. Lpz. 1501 M 4
b (
neben kele), Schönsleder.
Die kehle
ist ein theil des halses, auszen sowol als innen (
wie bei hals, brust),
und innerlich sowol die luftröhre als die speiseröhre, denn eine anatomische oder logische genaue unterscheidung kennt und braucht die sprache nicht; meist kann auch hals
dafür eintreten. s. auch die gleichbed. gurgel, drosz, drossel, strasze,
und kelch unterkinn. 11)
Äuszerlich, die biegung, höhlung in der hals und kopf zusammentreffen unter dem kinn, doch auch mit einschlusz der benachbarten theile des halses, auch des unterkinns, also wie hals;
so meinen schon die alten zusammensetzungen kehlband, kehlberg
den hals. 1@aa)
die alten dichter rühmen als wesentlichen theil der frauenschöne die kehle,
wo wir eben hals
sagen würden (
vgl. die nl. stelle unter kehlchen): seht an ir ougen und merket ir kinne, seht an ir kel wîʒ und prüevet ir munt. Morungen
minn. frühl. 141, 2; ir kel, ir hende, ietweder fuoʒ, daʒ ist ze wunsche wol getâ
n. Walther 54, 17; ouch was ir diu kel sleht unde sinewel, harmwîʒ (
hermelinweisz).
Wigalois 28, 23; wie schône ir ûʒ der wæte schein ir kele und ir brustbein.
Tristan 442, 8; diu kel und ir nac al ein als ein volwîʒer swan.
Flore 6902; ir wol gerœter munt, ir liehten ougen, ir kel, ir kinne, ir rœselehtiu wangen die hânt daʒ sende herze mîn betwungen. Gotfried von Neifen 50, 28, sô was ouch nâch wunsche gedræt ir blankiu kel.
Lohengr. 919; durchliuhtic wîʒ ir kele schein.
Engelhart 2994; ir kele was ein lûter vel, dâ durch sach man des wînes swank, swenn diu schœne frowe trank.
spruch bei Adelung
nachr. 2, 242, Keller
altd. ged. 11, 22,
ein öfter erscheinender zug, dasz man den wein durch die kehle gehen, den rotwein hindurch scheinen sehe, um die zartheit der haut zu bezeichnen; auch an Flore lobt der dichter seinen schœnen hals unde kel 6844. ein schöne kel, ein lawter fel (
haut), ganz lind und hel hat mein besundre liebe dirn.
fundgr. 1, 336; ihr kehle die ist grad und schön, ihr händlein lilienweisze.
wunderh. 3, 149; darzu hat auch die wolgeboren ein hälslein und ein
kehlen weisz. H. Sachs 5, 330
c.
vom stolzen heiszt es, er recke die kehle
auf, also den obern theil des halses unter dem kinn: hoffart kan die kel ûf recken.
Renner 491. 1@bb)
die kehle
ist aber auch eine der gefährdetsten stellen am körper: ic saghe (
sähe) u liever, stout ridder goet, bi uwer keelen hanghen (
am galgen) ... den bast al om u (
eure) keele. Uhland
volksl. 224; geh, erwürg mit eim strang ir kehln (
sing.) und schick sie auch hinab gen helln. H. Sachs 3 (1588), 2, 67
a; einem die käle zueschnüren,
strangulare Stieler 914, einen bei der kehle packen.
in die kehle
schneidet, sticht der mörder, der fleischer, die köchin, die kehle abschneiden,
jugulare, s. kehlabschneider: mînes kindes kele ich absneit. Kunz Kistener
Jacobsbrüder 1101; der ime snîdet die kele abe. 757; geh, schurke, sagte er zu mir, ich schneide dir die kehle ab, wenn du zu spät kommst. Schiller 650
b; er schneidet den hühnern die kehle ab, einem mit zwei fingern die kehle eindrücken. Steinbach 1, 842,
was zugleich oder wesentlich die luftröhre meint. einem an die kehle greifen,
ihn zu erwürgen drohen: der atzmann (
die schwindsucht) hätte mich ohnehin bei der kehle gegriffen. J. Paul
Titan 2, 95.
Besonders häufig als redensart einem das messer an die kehle setzen,
eig. ihm mit dem tode drohen, nl. iemand het mes op de keel houden: wenn du sitzest und issest mit einem herrn, so merke wen du fur dir hast, und setze ein messer an deine kele, wiltu das leben behalten.
sprüche Sal. 23, 1. 2; das messer habt ihr scharpf gewetzt, einm gtrewn freund an die kehl gesetzt. Soltau 1, 475; und so fiel mir ein, euch kurz und gut das messer an die kehle zu setzen. Lessing 2, 339 (
Nathan 5, 5).
so oft von einem äuszersten schritt der feindseligkeit oder entschiedenheit, wo man dem andern mit einem '
entweder oder'
vors gesicht tritt; so wird ein wolwollender gläubiger sagen, dessen schuldner dem bankerott nahe ist: ich schweige, ich mag ihm nicht das messer an die kehle setzen.
von dem gefährdeten heiszt es, das messer steht ihm an der kehle: es musz bald zum concurs kommen, das messer steht ihm an der kehle. 1@cc)
mehrmals mag da vielmehr die kleine höhlung zwischen den schlüsselbeinen gemeint sein am untersten theil des halses, lat. jugulum;
sie heiszt griech. σφαγή vom σφάζειν,
abstechen, schlachten der opferthiere, ebenso bei unsern fleischern stich,
nach 'die kehle stechen',
vgl. kehlenstecher: (300
mann) sach man koenlich dar uisz brechen, den Genteners ir kelen stechen, irre ghein ist in entsloffen. Wierstraat
Neusz 957;
jene stelle aus Soltau
heiszt in einer älteren fassung des liedes bei Weller,
die lieder des 30
jähr. kr. 184: das messer habt ihr stark gewetzt, eim trewen freund an dkäl gesetzt, wolt dletze mit ihm machen. habt acht das euch der stich geling. 1@dd)
die fett- und fleischtheile unter dem kinn bei thieren heiszen auch kehle, ochsenkehle
palear, unterkehle
ingluvies Steinbach 1, 842.
s. kelch. 1@ee)
eigen kehlen
an der brust: das er (
der arm) sich ruck für sich (
nach vorn) zuo dem fördern tail, und das geschicht selten umb der vile wegen der nervi und umb das vorsteen der vier kelen der brust oder grüblin oben an, die das beschirmen (
hindern). Braunschweig
chirurgia 105. 22)
Luftröhre: die käl dardurch man athmet,
trachea. Maaler 239
b. 2@aa)
besonders in bezug aufs reden: eine heisere, rauhe kehle haben,
gegensatz eine helle; aus voller kehle rufen. Gotter 1, 201,
wie aus vollem halse schrein. die angst schnürte, zog ihm die kehle zu; ich konnte nicht reden, ich 'hatte es' in der kehle,
litt an der kehle; das wort blieb ihm in der kehle stecken,
vor schreck, vor betroffenheit; die lippen der huren sind süsze wie honigseim und ire kele ist gleter denn öle.
sprüche Sal. 5, 3. 4,
ihre rede; seine kele ist süsze und ganz lieblich.
hohelied Sal. 5, 16. S. Brant in der
ausg. seines narrenschiffs Basel 1499
klagt gegen nachdrucker, dasz sie ihm in sein werk dinge mit hineingesetzt hätte, die nie aus seinem munde gekommen wären: und ich sol öfflich sehen an das ich nit hab gelon usz gan (
im druck) und mir nie kam für mund noch kälen.
protest. 33; mit seufzender kelen er sprach. H. Sachs 2. 2, 60
a; sie hatte jenen innigsten, herzlichsten, mehr aus der brust als kehle heraufgeholten sprachton. J. Paul
flegelj. (1804) 3, 27; er hört auch das bellen des hundes und den falschen schwur in der kehle des heuchlers. Schiller 313
b; ein fröhliches ja! antwortete aus allen kehlen. 710
b; du lachtest aus voller kehle und machtest 'nen knix dabei. H. Heine
b. d. l. 220. 2@bb)
vom gesang: dô huoben die phaffen mit heitern (
hellen) keln schœne gesanc von unser vrouwen. Haupt 2, 213; wol singent kel mangem schuolær macht ê der zît die schuol unmær (
gleichgültig).
Renner 14992; die junkfraw an der zinnen lag: 'wer ist doch der als (
so) wol singen kan? kund ich als wol auch singen, herr! mein käle das gstünd (
erlaubte, leistete) mir nimmermer'. Uhland
volksl. 146; allein von der kälen singen und on instrument oder seitenspil,
assa voce cantare. Maaler 239
d; es brachte ihrer (
der nachtigall) käle schmeicheln die leiter der music hervor. Brockes 1 (1728), 68; sie (
die nachtigall) gurgelte tief aus der vollen kehle den silberschlag. Hölty 141; süsze kehle des hains, welche mir sonst im mai ganz den himmel ins herz flötete, nachtigall. 69; und alles stimmt mit ein, er braucht nicht zu befehlen, 'herr gott dich loben wir!' aus millionen kehlen. Göthe 41, 288; das lied das aus der kehle dringt, ist lohn der reichlich lohnet. 1, 179. 18, 206; die kehle der nachtigall wird durch das frühjahr aufgeregt, zugleich aber auch die gurgel des guckucks. 26, 162, gurgel
ist nämlich derber, niedriger; die kehlen sind gestimmt (
zum gesange). 12, 104; ich sitz an meiner arbeit und summe just einen französischen psalm und denke nichts dabei, weder gutes noch böses, ich summe ihn aber weil er mir in der kehle ist. 8, 176; ich habe noch aus Elsasz zwölf lieder mitgebracht, die ich auf meinen streifereien aus denen kehlen der ältesten mütterchens aufgehascht habe. Göthe
in Herders nachlasz 1, 29,
brieflich aus dem jahre 1771; man hörte einen gesang aus rauhen männerkehlen; unzählige frohe kehlen musicierten auf den waldbäumen. 2@cc) Olearius,
mit einem jedenfalls länger schon gangbaren scherze, von der entgegengesetzten öffnung: ein groszer herr, welchem ohngefehr ein wort durch die unterste kehle entfiel.
pers. ros. 2, 25. 2@dd) die unrechte kehle
heiszt volksmäszig die luftröhre, z. b. beim essen: indem fehret im etwas in die unrechte kälen dasz er anhebt zu husten. Kirchhof
wendunm. 84
a,
auch nl. schon im 16.
jh. d'onrechte kele Junius
nomencl. 22
b,
nnl. iets in de verkeerde keel krijgen,
sich verschlucken; dasz mir ein stück mandelkern von der kalten schale in die unrechte kehle kam. Gellert (1784) 3, 325; es ist ihm in die unrechte kehle kommen,
raucedine vexatur, irraucescit, vox ejus obtusa est. Stieler 914,
liquor ei per asperam arteriam descendit Steinbach 1, 842. 33)
Speiseröhre, frumen (
rumen), kele Dief. 249
b (
merkw. das. uberkele,
wol im gegensatz zur unterkehle), kelen Junius
nom. 22
b,
er nennt nur die speiseröhre so (
die luftröhre aber nur gurgel),
und in dem 'unrechte kehle'
vorhin spricht sich dieselbe auffassung aus; auch lat. gula
ist nur speiseröhre (
vgl.gulosus
gefräszig),
das skr. gala
aber wird mit gar
verschlingen zusammengestellt. bei uns jedoch musz nach ahd. kelbrâto, kelbirga
auch die bed. 1
akherkömmlich sein: ich habe eine trockene kehle, ich musz trinken; es blieb ihm eine fischgräte in der kehle stecken; du (
wein) bist meiner zungen eine süsze naschung und bist meiner kele eine reine waschung. Rosenblüt
weinsegen altd. bl. 1, 408; ich sitze unter dem schatten des ich begere, und seine frucht ist meiner kele süsze.
hohel. 2, 3; (
pfaffen) so die brandglock wider die ketzer dermaszen anziehen, dasz wann sie auf ihrem stul stehen, man ihnen die heiser verrostet käl mit trei oder vier maszen weins kaum erpanzerfegen (
putzen) könte. Fischart
bienenk. 194
a (1588 213
b),
Garg. 89
a nennt er sie die weinstrasz,
nd. heiszt sie geradezu die strôte,
strasze; wir sehen das etliche menschen ein teil sünden gar leichtlich hinunter schlucken, die andern fast in der kehle stecken bleiben. Butschky
Patmos 893; er habe weder essen noch trinken, noch schlafen können, es habe ihm an (
so) der kehle gestockt. Göthe 16, 118. 'die kehle schmieren',
potare Stieler 914,
nnl. de keel smeeren,
in der guten absicht nämlich damit man wieder reden, singen könne, wie bei Fischart
vorhin: Hans iszt und schneidet doppelt vor und schmiert sich dann und wann die kehle. Günther;
sprichwort man musz nicht nur die hände, auch die kehle schmieren. Simrock 5548,
um tüchtig arbeiten zu können; mit weinen von Burgund, die mir der arzt verbot, musz ich die kehlen ihrer lober waschen. Schiller 26
b (
ber. frau). das schöne väterliche vermögen durch die kehle jagen,
ingluvie stringere, eine unersättliche kehle,
immensa gula Steinbach 1, 842. eine durstige kehle,
die viel nasz braucht, man nennt im scherz auch gleich den menschen so (
vgl. Hölty 69
u. 2,
b): sänger sind durstige kehlen. 44)
Vom pelzwerk, kehle,
das kehlstück am pelze: ir belliʒ der was hermîn, wîʒ unde vile gût, die kelen rôt als ein blût. Veldeke
En. 59, 36; sîn schilt der was mit kelen rôt bedecket und bevangen. Konrad
troj. kr. 32902,
s. dazu das mhd. wb. 1, 794
b, 40
ff. über kel
für das rot in der heraldik, franz. gueules,
engl. goules; sîn (
des fuchses) kel was wîʒ alsam ein snê, fümf schillinge oder mê wânt er (
der bauer) vil gewisse hân (
für den pelz).
Reinhart 367; er wânte hân verlorn daʒ leben, sîn kel was umb fünf schillinc geben. 378; du füerst den arn von löwenkeln.
Sigenot 3, 4; es mus aber das aufarbeiten also verstanden werden, nemlich, das der kürssner die belge verfutere, die kelen zusamen steche und die schwenze zu hüten oder mützen mache.
Leipz. stadtordn. 1544 D 2
a; von einer pfaffenschauben mit marderkelen .. gefutert. D 2
b.
das heiszt auch umgekehrt kelmarder Matth. Schwarz (1518)
bei Schmeller 2, 289, kehlmärder
Ulmer ordn. bei Schmid
schwäb. wb. 309,
d. i. marderpelz von der kehle (
vgl.katze 3).
ein ort Wolfiskelin
in einer urk. des 13.
jh. bei Höfer 60,
ein personenname bei Mich. Behaim: Wolfskel Wigelais.
Wiener 178, 22. 55)
Nach der bedeutung 1
übertragen auf ähnliche andere dinge, s. kniekehle;
besonders 5@aa)
bei handwerkern heiszt kehle
oft eine ähnliche biegung oder höhlung, '
ein jedes hohles oder eingebognes glied'
wie Adelung
sagt, so bei tischlern, drechslern, töpfern, zimmerleuten, maurern u. a., und gleich daneben gibt es auch ein kinn (3);
schon mhd.: gesimse dar under (
an dem tabernakel), die alle glîch besunder ir swellen (
wülste) hatten unde keln.
erlösung 445.
die rinne, die zwei an einanderstoszende dächer bilden, heiszt kehle, einkehle, dachkehle;
sie meint wol Frischlin 'rinnen, kelen,
canalis, alveus'
nomencl. 265.
in den stuben heiszen kehlen
die früher gebräuchlichen, zwischen wand und decke hinlaufenden hohlen streifen. ähnliche glieder am abputz der häuser und an allerlei zierrat von baustücken oder holzarbeiten, s. hohlkehle.
auch am säulenkapitell 'hauptgesims, kähl,
hypotrachelium'
Nürnb. wb. mit bildern 96
c,
jetzt hals,
franz. gorge. hol käl, kleine fürchlin an den seülen,
stria Dasypodius 360
b. 234
a; kehle einer seule,
canaliculus, holkehle Stieler 914,
die cannelure. s. kehlen. 5@bb)
im festungsbau ist kehle '
collum'
propugnaculi Steinbach 1, 842,
der eingang der besondern festungswerke, die kehle einer bastion, eines ravelins,
franz. gorge,
diesz nach kehle 2. 3. 5@cc)
bei den jägern heiszt kehle
oder brücke
die halbe masche am treibzeuge, welche die eingelaufenen hühner am zurückkönnen hindert. bei den feuerwerkern der untere gewölbte theil einer rakete.