grazie,
f. AA.
als name der griechischen anmutsgöttinnen, der Chariten, lat. Gratiae;
meist im plural. seit der mitte des 16.
jhs. im mythologisierenden stil humanistischer literatur und um die mitte des 18.
jhs., vor allem in der anakreontischen dichtung und bei Wieland,
kräftig auflebend; hier aber über mythologisierende spielerei hinaus als symbolisch-lebendige verkörperung des anmutsbegriffes (
s. u.B),
wie er den geist der epoche bestimmt und jünger deutlich nachwirkt, vgl. Franz Pomezny
grazie u. grazien (1900). —
bis über 1750
hinaus in der schreibung gratie,
noch Zachariä
poet. schr. (1763) 1, 6; (1766) Herder 1, 48
S., singulär auch gratzie
Venusgärtlein 31
ndr.; 35;
als grazie
schon Dusch
verm. schr. (1754) 13;
vorherrschend seit den 60
er jahren und später ausschlieszlich so. latinisierte formen nur älter: gratiarum Hans Sachs 20, 193
lit. ver.; die drey gracie Fischart
Garg. 449
ndr.; graciae
trincierb. (1652) 259. A@11)
im eigentlichen gebrauch, als lebendig gedachte, oft als bildlich dargestellte wesen im rahmen der antik-mythologischen einzelvorstellungen. vor allem mit formelhafter anspielung auf ihre dreizahl: drey blosz iunckfrauwen, die hetten einander mit den henden gefaszt ... die Latiner nennen soliche gOettin gratias, vnd die Griechen charites ... es folgen jr (
der Venus) nach die drey gratien oder gnaden, freüd, lust vnd hübsche S. Münster
cosmogr. (1550) 854; Socrates, wie er die drei grazien meiszelt Justi
Winckelmann (1866) 1, 371.
daneben auch: solt sie (
Cypris) auch ihr holdseeligkeit von allen gratien entlöhnen Weckherlin
ged. 1, 93
Fischer; Wieland
Musarion (1768) 118.
als zum geleit der Venus, auch des Amor gehörend: zirckelweisz stund umb sie (
Venus) herumb der göttin schar gratiarum (1560) Hans Sachs 20, 193
lit. ver.; hat Amor sich auf Idas höhn von seinen grazien verirrt Wieland
comische erz. (1765) 118.
in der engen verbindung grazien und musen (
s. bes. 2 b): die griechischen grazien und musen (1773) Herder 5, 262
S. mit anspielung auf die anmut ihrer erscheinung: die wangen der gratien, die augenbrauen der Venus (1766) Herder 1, 48
S. selten im blick auf ihre religiöskultische verehrung: die Römer wiedmeten ihren ersten trunck den hausgöttern, die Griechen den gratien Lohenstein
Arminius (1689) 2, 297
b;
vgl. 1, 585
b. A@22)
in ihrer beziehung zu den menschen und zum menschlichen leben. die vorstellung lebendig gedachter wesen kann sich dabei in diejenige abstrakter, durch die bezeichnung grazien
nur noch symbolhaft aufgerufener werte verflüchtigen. A@2@aa)
die grazien
als trägerinnen und hüterinnen der körperlichen schönheit, bes. der weiblichen anmut: mund, den die gratien mit ihren quellen netzen
Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 1, 38;
in direktem oder indirektem vergleich zwischen den grazien
und bestimmten menschlichen wesen: gleich den grazien an schöne Schubart
sämtl. ged. (1825) 2, 275; so leicht und zierlich wie eine grazie G. Keller
ges. w. (1889) 6, 184.
auch die prägnante benennung eines anmutigen weiblichen wesens als einer grazie
ist an das mythologische vorbild noch oft gebunden: steh, wanderer! hier ruht die vierte gratie
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 2, 239; die drey wahren grazien setzten sich in den ersten wagen (
drei schöne frauen) Heinse
s. w. 6, 162
Sch. prägnant aber auch ohne ausdrücklichen mythologischen bezug: zwoo mädchen, hübsch genug für grazien vom lande (1765) Wieland
comische erz. (1765) 18; ich lese täglich zwo stunden mit meiner grazie von Massow die opern Heinse
s. w. 9, 106
Sch. A@2@bb)
die grazien
als schutzgöttinnen zierlich anmutiger kunstübung, besonders im bereich der redenden künste: die gratien helfen ihme (
dem dichter) eine schöne farbe daran streichen Butschky
Pathmos (1677) 506.
hier namentlich grazien und musen: du (
der pfalzgraf) warst ja, rufft sie, an der Pleisze der gratien und musen lust Gottsched
ged. (1751) 1, 163; weder von den menschen, noch den grazien, noch den musen aufgesucht (1865) W. Raabe
s. w. I 6, 388
Klemm. die verbindung kann zur formelhaften kennzeichnung für die kunst und die dinge der kunst werden: ehe sie (
die Römer) die griechische kunst adoptierten und den sanften einflusz der grazien und musen empfanden (1793) Schiller
br. 3, 376
Jonas; musen und grazien in der Mark (
überschr. eines spottgedichtes auf die prosaische Mark) Göthe I 1, 146
W. A@2@cc)
die grazien
als schutzgeister des maszes und der zucht, als sittigende, gefällig machende mächte: meine dame, die überirdische göttin,
ist mit solcher menge unsterblicher tugenden ... überheuffet, dasz so einer ... ein wonhaus und aufenthalt aller süssen gratien nennen wil, der nenne nur jhren nahmen Schottel
friedenssieg 25
ndr.; die gratien hauchten dir jhr mildes wesen ein Morhof
unterr. v. d. dt. sprache (1682) 2, 11; betend an der grazien altären kniete da die holde priesterinn Schiller 6, 22
G. (
die götter Griechenlands); geistvolle anmuth sitt'gen lebens, der grazien weihe Gaudy
s. w. (1844) 4, 35. A@2@dd)
als '
schutzgeister, gute geister'
noch in anderer, mehr gelegentlicher beziehung: und kommt auch ihr mir zu nülffe wohlthätige grazien selbst Schiller 2, 59
G.; die drey grazien des menschlichen lebens — wahrheit, natur und freundschaft Thümmel
reise (1791) 2, 210. A@2@ee)
bestimmte formelhafte wendungen drücken meist aus, dasz anmut und sitte fehlen oder ihre gesetze verletzt werden: die grazien entflohen, zu stolz an einer wilden der schönheit feinste züge für barbarn auszubilden Dusch
verm. w. (1754) 13; Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 4, 97; nur kann man eben nicht sagen, dasz er (
Euripides in der '
Alceste') in der scene des Admet mit dem vater den grazien huldigte Heinse
s. w. 5, 321
Sch.; die grazien hatten nicht an der wiege des unliebenswürdigen mannes gestanden Treitschke
dt. gesch. (1897) 3, 685.
selten positiv gewendet: die drei grazien, die an ihrer wiege gestanden ... hatten Fontane
ges. w. (1905) I 1, 407.
hierher auch in beschwörendem ausruf: bei allen musen und grazien sagt an mir, ihr Deutschen Göthe I 5, 37
W.; um aller grazien willen! du siehst ja aus Kotzebue
s. dram. w. (1827) 2, 56. A@2@ff)
noch bevor 2grazie B (
s. d.),
in einem rein begrifflichen sinne und in vorwiegend singularischem gebrauch, im deutschen als ein gleichsam eigenes und neues wort auftritt, bildet sich bei Wieland
eine pluralische verwendung des noch mythologisch bestimmten wortes heraus, die aber, jenseits aller vorstellung von persönlichen wesen, bis zur abstraktbedeutung '
reize'
vorstöszt und damit die grenze zu B
erreicht. dieser eigentümliche übergangsgebrauch zwischen A
und B
reicht bis in die 90
er jahre des 18.
jhs., dann scheint man ihn als doppeldeutig fallen zu lassen und zugleich eine pluralische verwendung von grazie B
zu vermeiden. von den folgenden belegen gehören also die jüngeren vielleicht schon zu B: und in ihrem gesicht mehr als nur gratien, mehr als sterbliche schönheit (1753) Wieland
in: Herrigs archiv 66, 51;
ders., sympathien (1756) 14; alle diese äuszerlichen reize und grazien Wieland
Araspes u. Panthea (1760) 84; da kommt ihnen denn mit allen grazien der kindheit geschmükt, ein knäblein entgegen (1765) Schubart
br. in: Strausz
ges. schr. (1876) 8, 49; mit alle dem reichthum von gelehrsamkeit und den grazien der schreibart (1775) Herder 5, 656
S.; (
sie ist das) ideal weiblicher sanftmuth, mit allen grazien des wizes und verstandes verbunden Kretschmann
s. w. (1784) 3, 2, 17. BB. '
anmut'. 1759
von Winckelmann (
s. u. 1)
aus A,
dem gerade damals stark belebten mythologischen gebrauch, zu abstrakter, begrifflicher verwendung umgebildet; unter umgehung des älteren fr. grâce (
engl. grace) '
anmut',
das seit etwa 1700
als grace
nicht selten im dt. begegnet, vereinzelt noch (1766) Herder 1, 54
S. (
daneben sonst gratie,
vgl. 48; 53
u. ö.); Hermes
Sophiens reise (1778) 5 722.
im übrigen wird grace
durch das rasch sprachläufige grazie
völlig verdrängt, s. Schulz fremdwb. 1, 254. —
schreibung bei Winckelmann
zunächst grazie,
später gratie (
z. b. gesch. d. altert. [1764] 110; 409),
vereinzelt gratia (
fähigk. d. empfind. d. schönen i. d. kunst [1763] 27).
auch Herder
schreibt gratie (1766) 1, 53
S., sonst in den 60
er jahren das später allein gültige grazie.
ein latinisierter a. pl. grazias
bei Claudius
s. w. (1775) 3, 21 (
s. u. 3 d)
wohl in anlehnung an gratias (
s. d.)
mit anderer bedeutung. zur frage nach der möglichkeit pluralischen gebrauchs s. oben A 2
f. —
zum ganzen vgl. Pomezny
a. a. o. (
s. oben A). B@11)
innerhalb theoretischer erörterungen und begriffsbestimmungen. zufrühest als ein auf die kunstbetrachtung angewandter, aber von vornherein weiter und allgemeiner gedachter terminus in: Winckelmann
v. d. grazie in werken d. kunst (1759): die grazie ist das vernünftig gefällige, es ist ein begrif von weitem umfange, weil er sich auf alle handlungen erstreket
ebda 13.
typische merkmale der grazie,
die auch den praktischen gebrauch des wortes bestimmen, sind ihre vorwiegende beziehung auf bewegung und handlung, ihre bindung an natürlichkeit, ungezwungenheit, leidenschaftslosigkeit, ihre gefällig und angenehm machende wirkung und ihre verwurzelung im geistigen und seelischen: die grazie ... ist ferne vom zwange und gesuchtem witze ... in der einfalt und in der stille der seele wirket sie, und wird durch ein wildes feuer und in aufgebrachten neigungen verdunkelt. aller menschen thun und handeln wird durch dieselbe angenehm
ebda 13; die grazie, oder die hohe schönheit in der bewegung ist gleichfalls mit dem naiven verbunden
M. Mendelssohn
ges. schr. (1848) 1, 341; die dritte und höchste stuffe der schönheit ist der geistige reiz, die anmuth und gratie, die alles vorige belebt Herder 1, 53
S. (
in: ist die schönheit des körpers ein bote v. d. schönheit d. seele?); W. v. Humboldt
ges. schr. 1, 342
akad.; dasz pflanzen zwar schönheit, aber keine grazie beigelegt werden kann, ... thieren und menschen aber beides, schönheit und grazie. die grazie besteht ... darin, dasz jede bewegung und stellung auf die leichteste, angemessenste und bequemste art ausgeführt werde Schopenhauer
w. 1, 299
Gr. Winckelmanns fassung des begriffs schlieszt auch solche züge ein, die Schiller nur durch das wort würde,
nicht durch das wort grazie
bezeichnet wissen will: er (
Winckelmann) verwirrt den begriff der grazie, da er züge, die offenbar nur der würde zukommen, in diesen begriff mit aufnimmt. grazie und würde sind aber wesentlich verschieden ... was Winkelmann die hohe, himmlische grazie nennt, ist nichts anders, als schönheit und grazie mit überwiegender würde ... die grazie macht sich sinnlich, und ist auch nicht erhaben sondern schön Schiller 10, 117
G. ('
über anmut und würde').
vgl. hierzu näheres bei H. Weber in:
zs. f. dt. wortf. 9, 141
ff. B@22)
begünstigt durch den überaus häufigen gebrauch von A
in der graziendichtung der anakreontik und im wechselspiel mit diesem gewinnt B
auch auszerhalb der theorie neben konkurrierenden bildungen wie reiz, liebreiz (
s. Eberhard
synonym. 5 [1800] 75), anmut, artigkeit
schnell einen festen platz (
s. auch unten 3 d).
dabei begegnet es weithin in den gleichen bereichen und beziehungen wie A. B@2@aa)
als anmut körperlicher, vereinzelt auch gegenständlicher erscheinung, im bereich sinnlicher wahrnehmung. B@2@a@aα)
fast ausschlieszlich für den reiz leichter, ungezwungener, freier, gefälliger bewegung, als ausdruck eines neuartigen und ganz spezifischen schönheitsempfindens, das sich von dem statisch-heroisch bestimmten schönheitsideal des barock deutlich abhebt: diese mit würde und anstand zusammenflieszende grazie, welche allen seinen bewegungen und handlungen eigen war Wieland
Agathon (1766) 2, 169; die grazie und eleganz seiner bewegungen hat ihres gleichen nicht J. G. Forster
s. schr. (1843) 9, 13; in seinem umgang eine grazie, die man erst nach und nach entdeckt und gewahr wird Göthe IV 8, 305
W.; doch sind die touren (
des tanzes) zum theil schwierig auszuführen, wenn die grazie nicht verletzt werden soll Böhme
gesch. d. tanzes (1886) 125.
als eigenschaft, charakteristisches merkmal eines bestimmten menschen: madame Körner, eine liebenswürdige lebhafte person, von vielem verstande, einem sprechenden auge, vieler grazie und empfindung (1787) Schiller
br. 1, 382
Jonas; diese würde und fürstliche grazie, die ihm (
dem magister) übrigens den ... spottnamen 'die exzellenz' eingetragen H. Hesse
glasperlenspiel (1946) 1, 302.
vereinzelt auf eine bestimmte bewegung, handlung, gebärde, geste bezogen, meist in der wendung etwas mit grazie tun,
aber auch freier: mit grazie ihre hände faltend Schiller 3, 123
G.; vgl. 2, 342; wie er den verheirateten frauen mit grazie die hand küszte Polenz
Grabenhäger (1898) 1, 78; (
er) reckte und dehnte sich ein wenig mehr, als die grazie erlaubte W. Raabe
s. w. I 6, 187
Klemm; das spiel der hände voll grazie Dehio
gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 131. B@2@a@bβ)
seltener von dem reiz, den unbewegtes ausübt, einzelheiten des körpers oder die kleidung kennzeichnend: lächle, grazie der wange Hölderlin
ges. dichtung. 1, 115
Litzmann; die steife grazie ihrer dünnen rosa ärmchen Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 131; dasz die gratie auch an der kleidung theil nehmen könne (1759) Winckelmann
s. w. (1825) 1, 223; J. G. Forster
s. schr. (1843) 1, 216. B@2@bb)
als ästhetischer begriff im raum der kunst, die künstlerische behandlung des stoffes, die darbietungsform, die ausdrucksweise im sinne des zierlichen und leichten, des beweglichen und gefälligen, des natürlichen und freien charakterisierend. die für a
α so bezeichnende vorstellung eines bewegungsreizes ist oft auch hier, freilich verhüllter, spürbar. vornehmlich als eigenschaft bestimmter dichter und dichtungen: auszerdem musz der dichter, redner und künstler seiner arbeit einen gewissen reiz zu ertheilen, und über sie eine gewisse anmuth zu verbreiten wissen, die man grazie zu nennen pflegt, und die mehr eine frucht des feinen gefühls, als der mühsamen anstrengung ist Eschenburg
entwurf (1783) 26; mir däucht, dasz sie (
Goethe) hier (
im Wilhelm Meister) die freie grazie der bewegung etwas weiter getrieben haben, als sich mit dem poetischen ernste verträgt, dasz sie über dem gerechten abscheu vor allem schwerfälligen, methodischen und steifen sich dem andern extrem genähert haben (1796) Schiller
br. 5, 20
Jonas; welche leichte grazie ist im stücke ('
kaufmann v. Venedig') O. Ludwig
ges. schr. (1891) 5, 209.
entsprechend von den bildenden künsten und der musik: je mehr man den Palladio studirt, je unbegreiflicher wird einem das genie, die meisterschaft, der reichthum, die versabilität und grazie dieses mannes Göthe IV 10, 361
W.; er (
der bau) ruht in sich. grazie des einfachsten! Binding
erlebtes leben (1928) 186; die grazie eines menuetts von Händel H. Hesse
glasperlenspiel (1943) 1, 59. B@2@cc)
abstrakter noch, aber weniger ausgeprägt in der zuordnung zu geistigen und sittlichen werten: tugend nur und der weisheit grazie folgen auch dort uns Herder 26, 66
S.; eine nachgesprochene wahrheit verliert schon ihre grazie Göthe II 4, 105
W.; dasz sich in diesem geschöpfe ... die volle blüthe des gefühls bei der reinsten grazie der unschuld erhalten hat (1787) Schiller
br. 1, 397
Jonas. die wendung mit (ohne) grazie etwas tun,
auf ein sittliches handeln oder eine geistige tätigkeit bezogen, erscheint dabei fast als übertragener gebrauch der gleichen wendung unter 2 a
α,
vgl. dazu bes. graziös 2 c: (
sie) beschrieb mit grazie seine person, seinen charakter, sein herz und seinen geist Heinse
s. w. 6, 144
Sch.; dies herz, weil es sein musz, bezwingen will ich's, und tun mit grazie, was die not erheischt H. v. Kleist
w. 2, 73
E. Schmidt; auch das (
geldhinauswerfen) war nichts als protzerei und geschah ohne die geringste grazie Renn
adel im untergang (1947) 69. B@33)
unabhängig von der spezifischen füllung des begriffs, aber deutlich in dem unter 2
gegebenen rahmen treten an grazie
weitere typische merkmale hervor. B@3@aa)
namentlich durch synonyme oder gegensinnige verbindungen. grazie
und anmut
treten tautologisch zusammen: das schöne kann aber auch ganz in den einzelnen moment der erscheinung aufgegangen sein; und dann nennen wir es die anmuth oder grazie Solger
vorles. über ästhetik (1829) 90; ein bezauberndes mädchen, von anmut und grazie strahlend Carossa
d. tag d. jungen arztes (1955) 188.
die zusammenstellung mit anderen verwandten begriffen bestimmt grazie
in der richtung auf das leichte, zarte, beschwingte oder heitere: leichtigkeit und grazie beseelten jede bewegung (
der mädchen und knaben) Schiller 4, 206
G.; vgl. ders., br. 2, 172
Jonas; eine zeichnerische und das malerische erst vorbereitende feinheit, eine unerwartete grazie Pinder
kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 300; scherz und grazie wollen nichts gemeines Herder 27, 192
S. seltener auch in der richtung auf das liebenswürdige, wie es sich beim adj. graziös (
s. d. 1)
deutlicher zeigt: eine fülle von ... anziehenden eigenschaften, besonders die grazie und liebenswürdigkeit
bei Gentz
schr. 1, 97
Schlesier. mit bestimmten begriffen tritt grazie
in ein verhältnis des gegensatzes oder doch der polaren spannung, vgl. auch die ersten belege unter 2 b: unter ihm schien sich grazie und grösze unauflöslich zu vereinen Meissner
Alcibiades (1781) 1, 5; grazie und das hohe pathos sind heterogen; und niemand wird sie vereinigen (1769) Göthe IV 1, 199
W.; da war tiefe und grazie, deutsche innigkeit verschmolzen oft mit antiker plastik Storm
s. w. (1900) 8, 170; in ihren ungezwungenen bewegungen ist grazie und kraft Gerh. Hauptmann
einsame menschen (1891) 22. B@3@bb)
die gleiche, aber darüber hinaus auch andere färbung wie unter a
empfängt grazie
durch typische adjektivische epitheta: (
Michelangelos) einbildung war zu feurig ... zur lieblichen gratie (1759) Winckelmann
s. w. (1825) 1, 223; all die schornstein- und giebelthürme, die sich hier in feinster grazie zusammenfinden H. Laube
ges. schr. (1875) 4, 134; das thier (
schritt) auf den feinen füszen mit leichter grazie einher Immermann
w. 1, 217
Hempel; von der anmut, der freien grazie Th. Mann
Faustus (1948) 489.
anfangs häufig in der verbindung unbeschreibliche grazie,
in der sich das noch schwer bestimmbare des als neuartig empfundenen reizes (
s. oben 2 a
α)
ausdrückt: es ist eine unbeschreibliche grazie und schönheit in diesen beyden ... bübchen Gleim
briefw. 1, 275
Körte; Ferdinand! sagte sie mit einer unbeschreiblichen grazie
dt. erz. d. 18.
jh. 21
lit.-denkm.; Heinse
s. w. 5, 29
Sch. aus anderer blickrichtung heraus: welche unordnungen, in der natürlichen grazie des menschen, das bewusztsein anrichtet H. v. Kleist
w. 4, 138
E. Schmidt; auch mangelte allen vieren ... die unbeschreibliche, angeborene grazie Holtei
erz. schr. (1861) 21, 78. B@3@cc) grazie
als eigenschaft bestimmter völker und ihrer kulturen, besonders der im mittelmeerischen raum heimischen: Griechenland! urbild und vorbild aller schöne, grazie und einfalt! (1774) Herder 5, 498
S.; vgl. 496; Cornelius, der die altteutsche tiefe mit italienischer grazie zu vereinigen gewuszt Görres
ges. br. (1858) 3, 2; nur ihrer grazie nach ist sie Französin Fontane
ges. w. (1920) II 3, 118. B@3@dd)
in kritischer oder ironischer anspielung auf den übermäszigen gebrauch des wortes und seinen modecharakter in der dichtung der anakreontiker und Wielands: die anmuht, die man seit einiger zeit mit einem entbehrlichen fremden worte grazie nennt Haller
vers. schweiz. ged. (1768)
vorr. 5
b; damit ... ich doch dem dinge ein fein gedeylich ansehn und grazias, wie sie sagen, geben könnte Claudius
s. w. (1775) 3, 21;
Jakobi (steigt aus der wolke in einer schmachtenden stellung): ach mit welcher grazie! —
Wieland: von grazie hab ich auch noch ein wort zu sagen (1774) Lenz
vertheidig. d. herrn Wieland 30
lit.-denkm.; vgl. 31;
weiteres in: zs. f. dt. wortf. 6, 108. CC.
in zusammensetzungen mit grazie-
im ersten wortglied, wie sie seit dem späten 18.
jh. zahlreich auftreten, beweist nur A
typenbildende kraft, wobei die komponierung mit dem pl. grazien-
erfolgt. ein graziefreund Herder 29, 297
S. ist ungewöhnlich (
und vielleicht, wie noch grazienlos, grazienvoll [
s. d.],
an B
anzuschlieszen). C@11)
in eigentlichem oder bildlichem anschlusz an die einzelnen vorstellungen von den grazien
als mythologischen wesen, zu A 1:
grazienaltar Brinkmann
ged. (1789) 2, 299,