graziös,
adj. ,
anfangs aus lat. gratiosus,
später mehr aus fr. gracieux,
it. grazioso.
die frühesten wortformen, die aber auch später noch möglich sind, knüpfen an das lat. vorbild an: graciossz (15.
jh., s. u. 1), gracioselich (1507,
s. u. 1), gratios Schopenhauer
w. 1, 99
Gr.; Ayrenhoff
w. (1814) 4, 248, grazios
als bevorzugte form Goethe
s und Schiller
s noch Holtei
erz. schr. (1861) 19, 164.
in französierender form graciös, graziös,
letztere schreibung seit dem 2.
drittel des 19.
jhs. allein gültig. zeitweilig lat.-fr. kompromiszformen wie gratieus (1700,
s. u. 2), gratiös Sperander
hdlex. (1728) 282
b; Klinger
w. (1809) 12, 98.
eine adverbialform graziöse
bei Heine
s. w. 3, 166; 279
Elster. 11) '
gnädig, huldvoll, wohlwollend',
etwa im sinne des ganz vereinzelten gebrauchs 1grazie 3,
wenn auch wohl nicht im anschlusz daran, sondern über die entspr. bedeutung von lat. gratiosus,
oder it. grazioso,
später mehr fr. gracieux.
als '
zuvorkommend, liebenswürdig'
vereinzelt schon im mnd. des 15.
jhs. nachweisbar, hier gewisz unter mnl. einflusz, s. Verwijs-Verdam 2, 2090,
wie ebenfalls gracioselich (
nrh. 1507) Diefenbach
gl. 212
a s. v. eucharis. in gleicher zeit aber auch obd. graciossz '
zuvorkommend (
gegen kunden)'
bei K. Krieger
d. spr. d. Ravensburger kaufleute um d. wende d. 15. u. 16. jhs. (
diss. Heidelb. 1935) 69.
mit spontanem ansatz um 1700,
zunächst offenbar für das verhalten des souveräns zum untergebenen: der groszhertzog ist so graciös, dasz er frembden cavaliers, welche audience bei ihm verlangen, dieselbe nicht gerne abschlägt Nemeitz
nachlasz (1726) 361; der ursprung des graziosen lächelns einer standesperson Göthe IV 5, 287
W.; die königin (
Luise v. Preuszen) ist sehr graziös und von dem verbindlichsten betragen (1799) Schiller
br. 6, 65
Jonas. dann auch auf das verhalten zum gleichgestellten angewendet, soviel wie '
freundlich, liebenswürdig': das anziehende, gratiose, einnehmende des betragens, das liebevolle und freundliche Schopenhauer
w. 1, 99
Gr. 2
gegenüber nur spärlich entwickelt, aber vielleicht noch hierher und nicht zu 2: obwohl sie ... sehr heiter und graziös gewesen sei (1838) A. v. Droste-Hülshoff
br. 1, 302
Schulte-K. ironisch für ein heuchlerisch unterwürfiges betragen: sie (
die Engländer) werden, wie sie immer gethan, der neuen macht (
Ruszland) entgegenwedeln und graziöse lächeln H. Heine
s. w. 3, 279
Elster. 22)
als ästhetischer begriff, '
anmutig, gefällig, leicht, zierlich',
dies zunächst von fr. gracieux
her, dann aber mehr und mehr unter dem einflusz von 2grazie B,
als dessen adjektivische vertretung es heute empfunden wird. schon ein relativ früher nachweis des wortes weist in die richtung des ästhetischen: dasz die allervortrefflichsten männer in der music, wenn sie an den pfeiffen was gratieuses und ihrem hohen geiste anständiges gefunden hätten, die pfeiffen und nicht die saiteninstrumente würden exerciret haben (1700) J. Kuhnau
d. musical. quacksalber 204
lit.-denkm. um 1800
fest eingeführt. 2@aa)
speziell und mit vorliebe anmutige bewegung in ihren verschiedenen formen kennzeichnend, wie der auch bei 2grazie B (
s. d. 2 a
α)
häufigste gebrauch: weil eine solche figur (
eine Terpsichore), in bewegung vorgestellt, einen graziöseren effekt macht (1796) Schiller
br. 5, 36
Jonas; er (
der arm) hebt sich so graziös Körner
w. 4, 31
Hempel; mit einer graziösen verbeugung war die erscheinung (
einer frau) verschwunden W. Raabe
s. w. I 6, 157
Klemm; graziös und zierlich neigen sie (
die jungen birken) sich
Liller kr.-ztg. (
auslese 1915) 2, 232; ihr graziöses tanzen W. v. Scholz
erz. (1924) 55. 2@bb)
auch in den selteneren fällen, in denen graziös
mehr statuarisches wie haltung, gestalt oder auch die gesamterscheinung kennzeichnet, bleiben die gesichtspunkte der (
angehaltenen)
bewegung oder der beweglichkeit wohl ausgangspunkt des gebrauches: Maroraï war eine graziöse figur J. G. Forster
s. schr. (1843) 1, 219; aber noch immer war ihr in der haltung jene graziöse lässigkeit eigen Storm
s. w. (1900) 2, 126; die bejubelte graziöse kleine diva Binding
erlebtes leben (1928) 151.
durchaus ungewöhnlich in der beziehung auf gegenständlich unbewegtes: eine frau, die einen ... graziösen haarbeutel trägt Holtei
erz. schr. (1861) 3, 141. 2@cc)
in der kennzeichnung geistiger, künstlerischer oder menschlicher vorgänge und schöpfungen; auch hier meist vor dem hintergrund einer bewegungsvorstellung. 2@c@aα) '
zierlich, beweglich, leicht, elegant',
als merkmal literarischer und poetischer äuszerungen oder begabungen, vgl. 2grazie B 2 b: die abhandlung ist sehr grazios und lebhaft geschrieben (1795) Schiller
br. 4, 303
Jonas; eine sehr feine, graziöse novelle (1890) Rodenberg
an C. F. Meyer in: br. 286
Langm. in gleichem sinne als stilmerkmal in der bildenden kunst: in der ausführung der ornamente weniger graciöses und weiches Ritter
erdkde (1822) 1, 728; bei wesentlich gleichartigem stilmaterial ist diese schule anders im temperament als die kölnische, leichter, munterer, graziöser, irdischer Dehio
gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 194.
durch die naheliegenden gegenbegriffe des ernsten, kraftvollen, tiefen erhält graziös
hier gelegentlich einschränkenden sinn: er (
Tieck) ist eine sehr graziose, phantasiereiche und zarte natur, nur fehlt es ihm an kraft und tiefe (1801) Schiller
br. 6, 235
Jonas. 2@c@bβ)
in der charakterisierung menschlichen verhaltens, temperaments oder charakters liegt der gebrauch 1 '
freundlich, liebenswürdig'
nahe, doch wurzelt eine anwendung wie die folgende eher in einer art übertragung von 2 a
her, vgl. 2grazie B 2 c: in jeder rolle geist und leben, die wahrste rührung oder der graziöseste muthwille (
von einer schauspielerin) Tieck
schr. (1828) 1, xiv.
das gilt besonders für die nicht seltene anwendung auf negativ zu wertende begriffe, auf verhaltensweisen oder personen, deren fragwürdigkeit durch die leichte, elegante, gefällige form, in der sie sich äuszern, gemildert oder aufgehoben wird: dieser graziose schuldenmacher (
Bassanio im '
kaufmann v. Venedig') Holtei
erz. schr. (1861) 19, 164; die mit graziöser rücksichtslosigkeit geübte kunst, den schaum des lebens wegzuschlürfen Fontane
ges. w. (1905) I 1, 393.