ERWÄGEN vb. (1)
mhd. erwegen.
mnd. erwē
gen. präfixbildung zu mhd. wegen
st. vb., s. wägen
1DWB. (2) ä-
schreibung seit anfang 16. jhs., zunächst in al. texten. außerhalb des al. sprachgebiets vor mitte 17. jhs. nur ganz vereinzelt: 1535 erwägen Johann
F. v. Sachsen
in: Luther
brw. 7,150 W. allgemein durchgedrungen erst 2. hälfte 18. jhs. im hinblick auf bedeutungsmäßig nahestehendes waage
f. (3)
starkes vb. V. im sing. prät. seit 13. jh. in hd. texten des nd. raums, zuerst im reim auf starke präteritalformen wie trôg (truog)
und zôg
und wohl im anschluß an diese, ô
bzw. û.
später auch im plur. und bei md. autoren seit 17. jh. allgemein üblich. unabhängig davon seit frühem 16. jh., von anfang an auch obd. neben dort noch geltendem erwag, erwagen,
ein part. prät. erwogen,
das bis mitte 17. jhs. das ursprüngliche erwegen
verdrängt. die starken i-
formen des präs. seit 1. hälfte 18. jhs. durch entsprechende e-
bzw. ä-
formen ersetzt. ein schwaches prät. erwägte, erwägt
von 1. hälfte 16. bis 2. hälfte 19. jhs. bezeugt. 1
etwas (gegeneinander) abwiegen, etwas aufwiegen; selten: ⟨u1120⟩ got irwac do
(durch die erschaffung Adams nach dem sturz Luzifers) dur ebinduri di unsir brodi erdi widir dem vuri
summa theologiae 7,5 M. ⟨A14.jh.⟩ was dew pues den tiefeln het benomen,/ das wurfen die tiefel wider auf do
(auf die seelenwaage):/ es was ringer wenn stro,/ sy mochten die sel nye erwegen Heinrich v. Burgus
6453 DTM. 1595 wie jhn der koͤnig von Polen .. mit gelt erwegen vnd erkauffen muͤssen, ist im Grunaw zubesehen Hennenberger
landtaffel 20. 1706 darum bedenck es auch, wenn gott dir gutes that,/ daß es dein hertze schon mit danck erwogen hat Linde
ernsthaffte ged. 22. 2
sein schwanken, seine unschlüssigkeit überwinden. refl., vereinzelt auch intrans. a
sich von etwas lossagen, trennen: ⟨E12.jh.⟩ so daz ungestüeme wirt,/ .. so muost du ../ .. der angest gar irwegen Albertus
st. Ulrich 295 Sch. ⟨1.h14.jh.⟩ ich bin gefangen gelegen,/ losung het ich mich erwegen
Friedrich v. Schwaben 7760 DTM. 1522 wer gottis gnaden und gunst haben will, der muß sich aller ander gnaden und gunst erwegen Luther
w. 10,1,1,20 W. 1681 da er über die masse .. beschweret war, also, daß er sich auch deß lebens erwegte Francisci
rechenschafft 938. b
sich zu etwas entschließen, sich unterstehen: ⟨1250/60⟩ dâ her die crônen inne drôch,/ der junge furste sich erwôch/ einer joste jegen einen man Berthold v. Holle
Crane 4169 B.hs. 1493 wie gedurstet ir uch erwegen,/ das ir hie
(im tempel) kauffes welet plegen
frankf. passionssp. 808 DNL. 1640 ein ander sich erwegt vnd steiget vnters dach/ den schwalben oder sonst den jungen vögeln nach Scherffer
Grobianer 203. –
sich in etwas ergeben, auf etwas verlassen. selten: 1521 ein frum christen mensch sol .. auff die blosz barmhertzickeit gottes sich mit aller zuvorsicht .. erwegenn Luther
w. 7,433 W. 1683 gleichwie auch wir, wann wir sterben, uns erwegen und ergeben müssen .. in das wort Christi Francisci
wol 843. c
im part. prät. in der bedeutung ‘
kühn, beherzt’,
die anfang 16. jhs. in pejoratives ‘anmaßend’ übergeht: ⟨M13.jh.⟩ Pûsolt den helt erwegen den bestât Wolfhart der degen
rosengarten 19 H. ⟨1421⟩ torstigk unde erwegen gnugk was der keisser Lotharius Rothe
düring. chr. 282 L. 1583 es mangelt auch nicht an .. anderm leichtfertigem, erwegenem vnnuͤtzem gesindlin, das sich alles dieser edlen cur aus grosser vermessenheit vnd freuel vorsetziglich anmasset vnd vnterstehet Bartisch
augendienst A6b. 3
etwas nach allen seiten hin durchdenken, es auf diese weise erkennen oder einschätzen. a
prüfend erkennen; ermessen: ⟨1293⟩ der ../ div grundelosen wunder/ mit gedanken wolde erwegen/ .. der duhte mich ein tumber man Hugo v. Langenstein
Martina 265,59 LV. ⟨1566⟩ wann ein hauß .. mit aller notturfft versehen, wie lang dasselb moͤge mit der profand erhalten werden, welches dann .. durch rechnung leichtlich zu erwegen vnd zu erfahren ist Fronsperger
kriegßb. (1578)1,125a. ⟨1657⟩ nach trübsal, die kein mensch erwegt,/ wird ihm das querholtz auffgelegt Czepko
geistl. schr. 352 M. 1752 hier lehrt dich wasserstoff erwegen,/ .. kleiderpracht/ .. müß unsers gottes zorn erregen Scheibel
witterungen 17. b
erachten, als etwas ansehen: 1517 darumb wir bey uns erwegen und darfur achten, .. daß euwer weyßheyt will nit sey, uns noch zur zeyt zu scheyden
Frankf. reichscorr. 2,2,906 J. ⟨1784⟩ nur würde man unrecht schließen, wenn man diese unreinigkeiten .. immer .. als ursache der bösartigkeit erwägen wollte
Stoll, heilungsmethode (1787)2,1,23. c
prüfend bedenken. hauptgebrauch:hs. 1376/1445 nächdem wir die sache vil und dik erwegen .. haben
rotes b. Ulm 200 M. ⟨1558⟩ auß dem werden wir gelernet, daß wir vor ehe dann wir etwas fuͤrnemen .., alles sollen wol erwegen vnnd bedencken
Bebel, facetiae (1568)203b. 1794 da erwog ich reiflicher; berechnete gegen einander; verglich
F. H. Jacobi
Woldemar 1,98. 1978 kurz erwog er, mutter doch in Frankfurt beerdigen zu lassen Härtling
Hubert 267.Albrand/Arbeitsstelle