ANMUT f., älter m. spätmhd. anemuot
m. ist nur einmal (els.) belegt mit unsicherer bed., am wahrscheinlichsten als rückbildung aus anmuten
vb. (s.d. 1 a
): ⟨1338⟩
die badebütt soll man lyhen kindbetteren, und wer es bedarff, darumb hette der keller
(verwalter) das stuck zu anemute
(‘zu jmds. verlangen haben, bereithalten’
?), weist. 1,729 G. seit anfang des 16. jhs. in dichter bezeugung zunächst wobd., bes. bei Geiler
u. Franck,
wird das auf den dt. sprachraum beschränkte wort nun wohl als rückbildung aus anmutig adj. geläufig. entsprechend mut
ist das genus ursprüngl. u. bis mitte des 16. jhs. überwiegend m., im 18. jh. noch in einzelfällen ( 1737 dein anmuth Henrici
ged. [1727]4,127), jedoch auch früh( 1531,
s. 1 b,
vielleicht in anlehnung an demut
f., vgl. auch wehmut
1DWB 14,1,1,117) u. bereits im 17. jh. häufiger f. 1
verlangen, (zu)neigung (zu anmutig 2
); häufig anmut zu etwas, jmdm.
(auch gegen jmdn.,
vgl. b
). a
verlangen, begierde neigung, affekt; vereinzelt pl.; im 17. jh. seltener: 1500 das .. ime
(einem kranken) begert etwas luͦstigs, dotzuͦ er ein anmuͦt hett, zuͦ koufen
strassb. zunft-verordn. 291 B. 1510 das dir die
(ewigen) ding anmuͤtig werdn̄, vnd von tag zuͦ tag bewegt es dir dein hertz ye meer vnnd ye meer das du begerest in deinē anmuͦt
granatapfel b 3d. ⟨1538⟩ got, der von allen anmuͦten vnd affecten des gemuͤts frey ist Franck
arch (1539)38a. ⟨1538⟩ weil der mensch flaisch ist vnd mein
(himmlischer) gaist kainen gefallen an seinem willen vnnd anmuͦt hat
ebd. 153a. u1551 daß auch keiser .. zu .. kurtzweiligen .. disputationen allzeit grosse anmuͦt gehabt Scheit
lobrede 2 HND. 1558 ir .. lebet nach ewer begier, / nach ewrem anmut und affect Sachs
3,100 LV. ⟨v1644⟩ neben dem essen wird die taffel voller früchte geleget, damit sie .. einen anmuth zu essen gibt Mandelslo
in: Olearius
reisebeschr. (1696)87a. 1698 bey jungen
(leuten) .., die .. desto weniger anmuth zu dem todt haben Spener
leich-pred. 8,128. b
geneigtheit, zuneigung, liebe; jünger nur schweiz.: 1508 wenn ain mensch in ain kloster kommett. so soll ym entgeen aller natürlicher anmuͦt den er hat, zuͦ vater. zuͦ muͦter. freünden Geiler
pred. G 6a. 1531 die Sodomiten .. haben sich auch abgwendet, die bilger vffzuͦnem̄en, vn̄ die anmuͦt gegē jnen gar hingelegt Hedio
Josephus 1,13a. 1575 der .. schoͤpffer dem mann .. nicht allein .. ein .. gespilin .., sonder auch von jnen im hertzen ein natuͤrliche zuneigung vnd anmut zu derselbigen hat gebildet Fischart
geschichtklitterung 96 HND. 1665 daß zu herren Pupienus sie
(die schwester) einige anmuht fassen könte Bucholtz
Herkuliskus 1031. ⟨1727⟩ sollte die anmuet eines vaters auf erden übertreffen die liebe des vaters in den himmeln?
in: schweiz. id. 4,582. ⟨1802⟩ Biel, dessen bürger .. mehr anmuet gegen uns haben, als viele Helvetier
ebd. c
selten i.s.v. ‘wesen, charakterl. veranlagung’
; öfter in tierbeschreibungen, bes. in überschriften: ⟨1534⟩ gott hat den menschen .. in ein recht frei natur vnd wesen gestellte, er hat sich aber auß seinem anmuͦt vnd eigenthumb wider in sein nichtigkeit abkert Franck
encomion (o.o.u.j.)115a. 1557 von der gstalt dises vogels
(elster). .. von dises vogels natur vnd anmuͦt Heuszlin
vogelb. 12a. ⟨1563⟩ von natuͤrlicher anmuͦt deß esels. zvm tragen ist diß thier von natur gleych geneigt vnd angewisen Forer
thierb. (1583)41a. ⟨1682⟩ kein mensch kan seine natürliche anmuth also gantz verbergen, daß sie nicht durch seine handlungen .. solte herfürleuchten Hohberg
georgica (1687)1,21b. 2
freudige empfindung, wohlgefallen, befriedigung, behagen; am häufigsten im 18. jh. (vgl. anmutig 3
): 1508 es sol mir ain großer anmuͦtt sein, vnnd mich des froͤwn̄, das got gelobt vn̄ geeret würt Geiler
pred. Q 2b. 1557 das rollwagen büchlin .. welches mir nit ein geringen anmuͦt gebracht .. hat Frey
gartenges 5 LV. ⟨1625⟩ hohe gedancken grosser leute, die von den nachtkommenen mit sonderer anmuth und bewegung gelesen werden Opitz
op. [1689]3,206. 1643 man höret einer solchen einigen person .. vnnd gantzen chor oft zu .. mit mehrer anmuth vnd lust, als der orgel Moscherosch
cura 65 HND. 1723 ein solcher kuß .. / giebt einen augenblick mehr anmuth und ergözen / als die bethörte welt mit ihren armen schäzen Günther
6,209 LV. 1746 dieselben
(jagdhunde) machen lermen genung, daß man solches mit anmuth hören kan Döbel
jäger-practica 2,92b. 1780
(es) ist eine gewiße zufriedenheit und anmuth dabey über .. moralische gegenstände .. zu philosophieren Hamann
3,249 N. ⟨1812⟩
(hierher?) Romeo .. (er küßt sie auf den mund.) .. Julia (mit höchster anmuth gegen ihn bewegt) Goethe
I 9,188 W. 3
beschaffenheit oder eigenschaft, die wohlgefallen, freude u. dgl. hervorruft, angenehm auf gemüt u. sinne einwirkt, sie anspricht häufiger seit mitte des 17. jhs., vor allem in dichtung u. gehobenem stil des 18. jhs., auch als ästhet. begriff u. in beziehung zu grazie
(vgl. auch 2grazie B
1DWB) sehr geläufig, bes. bei Wieland, Herder
u. Goethe
außer in bed. 3 a
im 20. jh. zurückgehend. a
im sinnl. bereich, ‘lieblichkeit, schönheit, (wohl)geschmack, behaglichkeit, annehmlichkeit’
(zu anmutig 3 a
): 1534 es mangelt ynen
(arbeiten bestimmter maler) die lyeblicheit oder der anmuͦt Eppendorff
Plutarch, sprüch 571. ⟨1639⟩ die anmut
(des anbrechenden tages) macht mich froh, die aus der halben nacht / ganz wie der lilgen milch und blut der rosen lacht Fleming
ged. 1,533 LV. 1657 ein lustiges thal .. die anmut des orts und ihre ermüdung konden sie leichtlich bereden, daß sie .. zur ruhe sich niderliesse Birken
ostländ. lorbeerhäyn 398. 1690 wol-riechende und lieblichst-gewürtzete juleb-säffte, so den wein in süsser anmuth übertraffen Happel
academ. rom. 1071. 1762 von dem reize oder der grazie insbesondere. .. eine ungezwungene zusammenschickung derselben
(teile) .., die dem ganzen eine anmuth giebt, welche dem schönen so unentbehrlich ist Hagedorn
mahlerey 1,21. ⟨1798⟩ die anmuth, den reichthum, die herrlichkeit, .. womit die natur die gegend so schön und erhaben geschmückt hatte Klinger
s. philos rom. (1810)9,10. 1830 man erkannte die anmuth dieser wohlthat
(fahrt zu wasser) um so mehr, je mühseliger auf dem landwege .. die colonnen dahinzogen Goethe
I 33,172 W. 1847 weil das schöne, wenn das erhabene als sein gegensatz aus ihm hervorgetaucht ist, in harmlose anmuth zurücktritt Vischer
ästhetik (1846)2,1,22. 1969 man spricht von der „süßigkeit“ der kantilene, von der anmut des spiels, von der zu herzen gehenden melodik Siegmund-Sch.
musikerziehung 41. 1974 verhangener mond sich / öffnend der anmut / wasserverborgener mysterien Gerlach
see 88. —
bes. von äußerer körperl. erscheinung, ‘
liebreiz; zartheit, ebenmäßigkeit der gestalt, leichtigkeit geschmeidigkeit der bewegung’
; so seit dem 18. jh. am gebräuchlichsten; auch (in enger beziehung zu b
) vom sinnl. ausdruck seelischer vorzüge u. innerer harmonie, vgl. die durch Schillers
gleichnamige schrift (1793) verbreitete formel anmut und würde
(s. würde D 2 a
1DWB): 1640 also gläntzet jhrer
(Rosabellas) wangen / anmuth vnd gestalt
königsb. dichterkreis 56 HND. 1657 von einem frauenbild .. strahlet zugleich die maiestät der tugend und die anmut der freund- und holdseligkeit Birken
ostländ. lorbeerhäyn 41. ⟨v1683⟩ ihr
(Thusneldas) leib war lang und geschlang, ihre geberden holdselig, welche mit ihrer anmuth .. gleichsam aller anschauer seelen bezauberten Lohenstein
Arminius (1689)1,196b. 1760 da ich unter dieser zarten, anmuth hauchenden schönheit eine großmuth, eine stärke der seele sehe Wieland
I 3,15 ak. 1791
(Susanna) voll anmuth und würde .., mit edlem unwillen auf den lippen Forster
9,71 ak. 1793 zur anmuth muß sowohl der körperliche bau, als der charakter beytragen; jener durch seine biegsamkeit, eindrücke anzunehmen und ins spiel gesetzt zu werden, dieser durch die sittliche harmonie der gefühle Schiller
20,288 nat. ⟨1848⟩ die anmut muß aus der innersten seele hervorstrahlen, und diese verbreitet sich auch über die äußere erscheinung B.v. Arnim
5,488 Oe. 1848 wie dieses fräulein .. / der jugend reize sich gerettet hat. / .. sie ist die anmut selbst in weißen haaren Ludwig
3,133 S./Sch. 1861 der reigentanz .. dennoch ist grazie und anmuth darin, weil natürlichkeit aus jeder körperwendung schaut Berlepsch
Alpen 389. 1889 anmut ist erworbene schönheit: in der ruhe, sicherheit und angemessenheit der bewegungen stellt sich die ruhige sicherheit der seele dar Paulsen
system 392. 1965 als schöne, zerbrechliche frau mit der anmut einer zierlichen porzellantänzerin Schuder
Tartuffe 193. 1996 die auftritte der chinesischen akrobaten .. sind stets von .. bestechender kunstfertigkeit, anmut und perfektion
berl. ztg. (31.7.)33b. b
im sittl.-geistigen bereich, ‘freude, zufriedenheit, sympathie weckende art u. weise’,
bes. von persönlichkeit u. verhalten i.s.v. ‘
freundlichkeit, liebenswürdigkeit’ (zu anmutig 3 b
): 1534 erlangen darnach wir streben ist lustig. .. was vnersuͦcht kummet, hat nit so vil anmuͦts Eppendorff
Plutarch, sprüch 471. ⟨1631⟩ die hefftigkeit .. eines beredten menschen, welcher .. die grawsamkeit in anmuth, die barbarey in freundligkeit verkehret Opitz
Argenis (1644)2,46. 1645 so ward er
(Markhold) von den färtigen Säninnen
(Französinnen von der Seine) mit träflicher anmuht gewülkommet Zesen
Rosemund 13 HND. ⟨1762⟩ die anmuth meiner jugendlichen tage .. diese angenehmen geschäfte! diese unschuldigen freuden! Geszner
(1767)2,168. 1795 hold, holdselig, huld, huldinn, anmuth u.
f. drücken aus, was die griechischen worte χαρις, χαριτες, und die lateinischen gratia, gratiae ausdrückten Herder
18,482 S. 1819 nicht sie
(Jeanette) die tugend, die liebenswürdigkeit, die anmut, die engelsgüte habe ich in ihr geliebt Börne
4,283 R. 1954 frei, keck und leicht innerhalb der gebundenheit, war sein benehmen von einer anmut, der nichts fahrlässig-alltägliches anhaftete Th. Mann
Krull 35. 1993 jene rätselhafte anmut, die aus körperlicher liebe hervorgeht und die die alten charis nannten .. anmut, dank und freundlichkeit Strausz
gleichgewicht 47. c
von rede u. schrift, ‘gefällige, leichte, lebendig-unterhaltsame, heitere art des stils oder inhaltes’
(vgl. anmutig 3 c
): 1534 gleicher anmuͦt ist .. im redē vn̄ schreiben, das den zuͦhoͤrer lustig macht Eppendorff
Plutarch, sprüch 571. ⟨v1661⟩ haben sie
(versemacher) .. den wörtern auch .. ein besseres ansehen, zierde und anmuth gegeben Buchner
poet 3 TND. 1740 diese mahlerische beschreibung
(des landlebens) ist .. voller anmuth, sie ist mit den einfältigsten worten und natürlichsten farben ausgebildet Breitinger
dichtkunst 1,45. ⟨u1757⟩ unter der grace .. verstehen wir
(in der dichtkunst) die kunstlose anmuth und leichtigkeit, die ungezwungene und bescheidne zierlichkeit Wieland
I 4,419 ak. ⟨1799/1800⟩ wer diese anmut des sprechens besitzt, kann uns das unbedeutendste erzählen, und wir werden uns angezogen und unterhalten finden Novalis
3,182 W. 1809 die naivetät, anmuth und heiterkeit, mit der er
(in seinen gedichten) den genuß der lebensfreuden singt, .. haben ihm
(Gleim) .. den namen eines deutschen Anakreon erworben Heinsius
bardenhain 1,69. 1836 von Stromberg .. schildert mit großer anmuth und lebendigkeit
br. v. u. an F. u. D. Schlegel 394 K. ⟨1936⟩ stil .., der klar war von zurückhaltender anmut, immer blitzend von ironie A. Zweig
schriftsteller (1967)106. ⟨1974⟩ geschichten, die .. jener naiven anmut entbehren, die uns am märchen so entzückt Fühmann
erfahrungen (1975)163.Schrader