wächter,
wachter,
m. ,
eine ableitung von dem subst. wacht,
die aber später als nomen agentis direct zu wachen
getreten ist. ahd. wahtâri Graff 1, 679,
mhd. wahtære wahter
und auch schon mit umlaut wähtære wähter,
md. wechtær;
auch mnd. wachter.
die umgelautete form kommt am frühesten bei Mitteldeutschen vor, so bei Herbort v. Fritzlar
und in der Limburger chronik, aber auch spätere alem. quellen haben wächter
neben wachter,
so die Straszburger zunftordnungen und das Aarauer stadtrecht. im 16.
jahrh. haben Luther
und die andren Mitteldeutschen wechter,
an dessen stelle später wächter
tritt; Hulsius 274
schreibt noch wechter (
neben wächter 272),
in den späteren wörterbüchern steht wächter. Hans Sachs
hat wachter
neben wechter,
auch die Alemannen kennen noch beide formen: wachter
kommt bei Keisersberg
vor, wird auch von Maaler
mit angeführt, doch überwiegt wächter.
oft, z. b. in der 2,
c aus aus dem Eulenspiegel angeführten stelle, steht wachter
neben der umgelauteten form. am festesten haftet wachter
im bairischen: wachter,
vigil. voc. inc. teut. C 1
b und in einem andern bei Diefenbach
gl. 619
a vigil angeführten, wol ebenfalls bair. glossar; wachter,
vigil, excubitor. Schönsleder
prompt. Kk 1
d.
vgl. auch die belege aus Rösch, Schmelzl
und den österreich. weisthümern. auch die heutigen dialecte haben wachter: Schmeller
2 2, 842. Hügel 184.
zu berücksichtigen ist noch ein nd. wachter,
das sich an das verbum wachten
anschlieszt. ten Doornkaat Koolman 3, 494; Stieler 2395
verzeichnet es als wachter,
cautor, provisor, also zu sich wachten '
sich vorsehen'
gehörig, und trennt es ganz von wächter.
im ndl. heiszt es wachter
auch für '
wächter'.
die nordischen bildungen, dän. vægter,
schwed. väktare,
stehen wol unter einflusz des deutschen, daneben vogter, vaktare. —
die flexion ist stark. selten tritt nach analogie der schwach flectierten nomina agentis in den obliquen casus ein n
an: zwen hierzue (
zur nachtwache) taugliche wachtern.
österreich. weisth. 6, 260, 22 (
Steiermark 1629).
s. auch den beleg aus Weckherlin 3,
a, δ. 11) wächter
ist zunächst eine person, die wache hält, auf der wache ist gegen feinde und drohende gefahren, vor allem bei der nacht, doch auch bei tage. Diefenbach
gl. 215
b excubitor, 545
c speculator, 616
a vigil, wechter, wachter; wächter,
procubitor, excubator, episcopus. Dasypodius 450
a; wächter, wachter,
catascopus, custos, excubitor, speculator, vigil. Maaler 480
b.
auch die definitionen der späteren wörterbücher weisen in erster linie auf den sicherheitsdienst hin: guardia, sentinella. Krämer 1202;
une garde, qui fait le guet. Rädlein 1023;
vigil, excubitor, speculator. Steinbach 2, 909;
in dieser bedeutung ist aber wächter
später mehr durch das persönliche die wache
zurückgedrängt worden: [] nû wâren si uber die graben gân, dô sâhen si die wahtære an den zinnen stâ
n. Diemer
d. ged. 171, 14 (
j. Judith); wan der wahter sind viere, die den turn bewachent, und sich in diu wer machent, sô sie werdent gewar, daʒ iht lebendes kume dar. K. Fleck
Flor. u. Blanschefl. 4278; sie îlten zuo den schiffen, die schalmîen pfiffen, die wahtær pliesen deu horn. H. v. Neustadt
Apollonius 3164; wart Ziegenhan in Hessen daz stedechen uf einen morgen fru, als die wechter von der muren waren gegangen, irstegen unde gewonnen.
Limburger chronik 91, 16
Wyss; alsô siht man oft pei der naht flammen auf der tôten greber (
von den feuchten dünsten) ... oft geschiht denne, daz die wahter daz sehent und wænent, ain englisch kerz prinne auf ains hailigen menschen grab. K. v. Megenberg 77, 21
Pfeiffer; reht alsô ist in den lüften, wenn der himel den wahtern das nahts offen scheint. 79, 9; zuo nacht do die wachter an die wacht giengen.
städtechr. 4, 63, 9; der wechter aber der auff dem thurm zu Jesreel stund, sahe den hauffen Jehu komen, und sprach, ich sehe einen hauffen.
2 kön. 9, 17; also kam Gideon und hundert man mit im an den ort des heers an die ersten wechter, die da verordnet waren, und weckten sie auff.
richter 7, 19; David aber sas zwisschen zweien thoren, und der wechter gieng auffs dach des thors an der mauren, und hub seine augen auff, und sahe einen mann lauffen allein. 2
Sam. 18, 24; wo der herr nicht die stadt behütet, so wachet der wechter umb sonst.
ps. 127, 1; denn der herr saget zu mir also, gehe hin, stelle einen wechter, der da schaw und ansage. er sihet aber reuter reiten und faren ... und hat mit grossem vleis achtung drauff.
Jes. 21, 6; o Jerusalem, ich wil wechter auff deine mauren bestellen, die den gantzen tag und die gantze nacht nimer stille schweigen sollen, und die des herrn gedencken sollen. 62, 6; ja steckt nu panir auff die mauren zu Babel, nemet die wache ein, setzet wechter, bestellet die hut, denn der herr gedenckt etwas, und wird auch thun, was er wider die einwoner zu Babel geredt hat. 51, 12; so sol ein ieder under dasselbig fendlin gehörig auff die wacht ziehen ... es sol auch keiner kein andern wächter an sein statt one wissen und erlauben seins hauptmanns bestellen. Fronsperger
kriegsb. 1, 30
a (1573); die wächter, die desz heiligen grabs gehütet, haben viel brüder. Lehmann 83; hier wär' ich. durch die thore haben mich die wächter ohne schwierigkeit gelassen. Schiller 6, 130 (
Phönizierinnen 2, 1); er sagte nichts, er wies auf Eresburg, von deren zinnen deine wächter schauten. Immermann 16, 69
Hempel (
thal v. Ronceval 1, 7). 22)
das wort erscheint dann in einer reihe von specialisierungen, in denen es sich neben zusammensetzungen erhalten hat. 2@aa)
mhd. wahtære
ist namentlich der burgwächter, der von der zinne oder dem thurm der ritterburg aus ausschau hält und das nahen von feinden meldet: Ludwîges wahtærekrefteclîchen rief: wol ûf, ir stolzen recken!wâfen, herre, wâfen!
Kudrun 1360, 2.
er läszt beim morgengrauen sein tagelied ertönen: der wechter ûf der zinnen saʒ, sîn tageliet er sanc. Herbort v. Fritzlar 4179. Wolfram
hat dies wächterlied
in die lieder eingeführt, die den abschied der verstohlen zusammengekommenen liebenden schildern: frouwe, eʒ ist zît: gebiut mir, lâ mich varn. jâ tuon ichʒ dur dîn êre, daʒ ich von hinnen ger. der wahtære diu tageliet so lûte erhaben hât. Walther 89, 35.
die neuere litteratur kennt diesen wächter,
wenn sie mittelalterliche verhältnisse schildert: der wächter, als er sie erblickt, giebt mit dem horne laut. ein knappe geht zur pferte, rückt das guckloch auf und schaut. v. Nicolay
verm. ged. (1792) 1, 53. 2@bb)
in der stadt versteht man unter dem wächter
den thurmwächter, der wenn gefahr droht und bei bestimmten gelegenheiten die glocken zu läuten und zu blasen hat: unde swem si (
die bürger) die gloggen enphælhent, der ir wahter haizzet unde ist, der hat auch den gewalt von der stat, swenne er fiwer
[] siht oder raup hœret oder diupstal oder zerworfnusse under den burgern oder gesten, so sol er an die gloggen slahen durch fride unde durch bezzerunge.
stadtbuch v. Augsburg 23, 3
Meyer; so sol man uf dem wendelsteine ze der probstey und uf dem wendelsteine ze sant Peter uf iedwederm turne haben einen biderben wachter.
Zürcher stadtbücher 1, 133
Zeller-Werdmüller (
v. 1340); der wächter uf dem münster sol ouch tag und nacht umb sich sehen und horchen, wo ein solich geschrei oder geloufe sich in diser stat oder im burgbanne machet.
Straszburger zunftordnungen 27
Brucker; hörst dem wachter zuo uff dem turn und sprichst, beyt, ich muosz hörn wasz lieds will er machen. Keisersberg
geistl. spinnerin b 6
b. 2@cc)
weiter sind wächter
die sicherheitsbeamten, die allein oder zu mehreren in der stadt umhergehend (
ihre wache pflegt sich im rathause zu befinden)
die ordnung aufrecht erhalten, verbrechen verhüten, schuldige festnehmen: ich sucht des nachts ... aber ich fand in nicht. es funden mich die wechter, die in der stad umbgehen, habt ir nicht gesehen den meine seele liebet?
hohel. 3, 3; es habend auch min herren räth und drisyg angsächen, das sy fürhin alwägen in der statt zwen wechter haben wöllend.
stadtrecht v. Arau 132, 22
Merz (1487); (
Eulenspiegel) gieng für daz rothusz und begund zuo fluchen und hüw mit eim alten messer in daz pflaster, das daz feür darusz sprang. da daz die wechter horten, da warend sie bald uff und lieffen hinnach ... da luf er für den wachtern hin.
Eulenspiegel 49
neudr.; die wechter solt man wol belonen, dasz sie allzit hettind guot acht, im tag, darzuo ouch bi der nacht.
N. Manuel
klagred 446
Bächtold; jetzt in und auszerhalb der stat Wienn tag und nacht ir wachter hat. umb die stat gehn sie hin und her, Hans Piesch ist hauptman, wachtmaister. Schmelzl
lobspruch 1437.
zuweilen s. v. w. gerichtsdiener, scherge: so haben büttel und wechter an inen (
den unordentlichen studenten) zu ziehen und disciplinieren. Mathesius
historie Christi 2 (1571), 112
a; nun het sich diesen abent eben ain dotschlag in der stat pegeben, das die wachter in dieser gassen an der huet in der finster sassen, warten des mörders an dem ent. Hans Sachs
fabeln 2, 218, 125
Götze; derhalben halt zu aller stund fein eingezogen deinen mund und sag nicht bald was du vernomn, dasz du nicht möchst zu thun bekomn mit leuten, die desz wächters gifft an ihren guten nahmen trifft. Ringwald
laut. warh. (1598) 134.
besonders ist es der nachtwächter, der mit horn und spiesz versehen, die straszen abgeht und die stunden ausruft: der wächter ruft die stunden aus,
vigil clamat horas. Stieler 2394; der wachter soll al stund ausrueffen: merckt ihr herren und last euch sagen, die glock hat sechs geslagen, hüets fewr ...
Scheirer dienstordnung bei Schmeller
2 2, 843; zween wächter, die schon manche nacht die liebe stadt getreu bewacht. Gellert 1, 137; der wächter, der das dorf bewacht. Hölty 24
Halm, des wächters schreien: hört ihr herr'n! der glocken läuten oder schlagen wird deine träume nicht verjagen. Goekingk 2, 138; unser licht noch spät sieht der wächter brennen. Voss 5, 15; auch thut mit horn und trägem mund den glockenschlag der wächter kund, und warnt, die häuser vor gefahren des lichts und feuers zu bewahren. 6, 211; er tastete sich ... in die stadt zurück, worin eben der wächter eins abrief. Immermann
epigonen2 1, 236.
sprichwörtlich: wo der wächter nicht wacht, da wacht der dieb. Graf
u. Dietherr
rechtssprichw. 286, 16.
während früher der wachtdienst bei den bürgern reihum ging (
was auf dem lande wol auch jetzt noch vorkommt),
wird er später besonderen, dafür besoldeten leuten anvertraut. wächter
wird so zur berufsbezeichnung: so ist erlaubt ze liegen den wachtern, waidlüten und den bulern. Hätzlerin 67, 1; wann wachtern schlaffen so vil trüeg als wachen, und man sy nit schlüeg, noch inen ir spiesz danen züg, sy trunckhn, das sich die zefften püg. Rösch v. Geroldshausen
wunschspruch 579
Fischnaler. [] 2@dd) wächter
kann auch die wache auf dem schiffe sein: im schiffe schlummert alles friedlich und selbst der wächter nickt am steu'r. Immermann
Tristan 364;
ferner der strandwächter, der feuerwächter u. dgl. in andren fällen tritt das moment des wachehaltens gegen gefahren zurück hinter das der aufsicht, wartung, pflege. so kann wächter
der zöllner, der forstaufseher, der krankenwärter sein u. a. im bergwesen findet es sich als berufsbezeichnung bei den steigern und bei den arbeitern am hochofen, die sich eine gute kenntnis in der wartung eines gehenden hochofens erworben haben. C.
F. Richter
berg- u. hüttenlex. 2, 602. 33)
eine erweiterung der bedeutung von wächter
hat sich in einer reihe von bildlichen wendungen angebahnt. gelegentlich wird auch ohne ausgeführtes bild das wort in der übertragenen bedeutung gebraucht. 3@aa) wächter
von gott, den engeln, den lehrern und führern des volkes gesagt, entstammt hauptsächlich der bibelsprache: 3@a@aα) von deme spricht her Ysayas der propheta: custos qui de nochte, herre, du bist ein hutere und ein wachtere des nachtis.
altd. predigten 1, 126, 29
Schönbach; o herre got, nihm unser war, sey unser wechter immerdar, unser schützherr und regirer, ja auch könig und heerfürer.
M. Weisze
bei Wackernagel
kirchenl. 3, 371, 5. 3@a@bβ) und ich sahe ein gesichte auff meinem bette, und sihe, ein heiliger wechter fur vom himel erab, der rieff über laut, und sprach also, hawet den bawm umb ... solchs ist im rat der wechter beschlossen und im gesprech der heiligen beratschlagt, auff das die lebendigen erkennen, das der höhest gewalt hat über der menschen königreiche.
Dan. 4, 10; hilf gott! es öfnet sich des himmels pforte, ein heilger wächter fährt im glantz herab. Götz
ged. 23
neudr.; was soll ich gleich einem diebe ein leben länger verheimlichen, das mir schon lang im rath der himmlischen wächter genommen ist? Schiller 2, 203 (
räuber 5, 2
schausp.); ach, sprach die gräfin oftmals mit zärtlicher wehmuth, wärs doch im rathe der wächter beschlossen, dasz wir beide zu gleicher stunde ins dunkle grab hinüber schlummerten. Musäus
volksmährchen 3 (1805), 259; ihr völker, die der wächter schlusz dem weisen zepter (
Friedrichs 2) längst bestimmet, den des gesalbten arm itzt nimmet, begleitet ihn. Pyra
u. Lange 76
neudr. 3@a@gγ) gott der wolle dich umbgeben, seiner wächter grosses heer müss' umb dein geleite schweben, dasz kein unfall euch gefähr'. S. Dach 687
Österley; gott geebe seine gnaade, dasz durch den langen weeg dier gantz kein unheil schade, er sey stets selbst ümm dich, und seiner wächter hut, wind, wetter, see und land, die seyn dier fromm und guut. Fleming 87. 3@a@dδ) also soll ein yglicher pfarrer odder geystlich regent eyn bischoff, das ist auffseher, ein wechter seynn, das ynn seiner statt und bey seynem volck das evangelium und der glaub Christi gebawett werde. Luther 7, 631, 2
Weim. ausg.; alle ire wechter sind blind, sie wissen alle nichts, stumme hunde sind sie, die nicht straffen können, sind faul, liegen und schlaffen gerne.
Jes. 56, 10; aber in zinszbüchern und geltnetzen sind sie recht bischoff, das ist auffseher, und nit blind wächter. Franck
morie encomion 56
b; euch, euch hat seinem volck zu nutz ... got als einen wächtern gegeben. Weckherlin 1, 215 (
Od. 2, 5)
Fischer. 3@bb)
gestirne als wächter (
s.wachen II, 1,
e, β): ihr sternen, die ihr wächter seyd, bey dunckel-stiller einsamkeit. last eure fackeln heller schimmern. Mühlpforth
ged. 878; der abend schickt die goldne schaar der sterne, als wächter seine erde zu behüten. Immermann 12, 31
Hempel; die gestirnten himmels-scheiben wollen gleich als stehen bleiben über euch und eure zier. tausend, tausend kleiner wächter treiben ein sehr laut gelächter euch zu ehren für und für. Fleming 354 (
oden 3, 1). 3@cc)
die uhr als wächter: die glock ist unser wächter und saget uns die stunden, nicht die, die kummen sollen, nur die, die weg sich funden. Logau 3, 121, 13.
[] 3@dd)
thiere als wächter: 3@d@aα) deszgleichen spricht Columella, welcher knecht hat seinen herrn lieber dann der hund, wo ist ein getrewerer weggefert, wo iendert ein gewächiger wächter. Schaidenreiszer
Odyssee (1570) 226
b; ein guter wächter desz nachts ist ein gans, und besser als ein hund. Coler 376
bei Henisch 1, 1349; säumend hatte die wacht zehn winterstunden vollendet, und der geflügelte wächter den tag hellkrähend verkündigt. Voss
idyll. 6, 2. 3@d@bβ) die gänsz, als die krench, habend ire wächter und fürer. Heuszlin
vogelb. 63
a; dasz der merer theil in sölchen steckmuscheln kleine kräbsle gefunden werdend, welcher inen sol von natur zuogäben seyn als ein hter oder wächter. Forer
fischb. 138
b. 3@ee)
von abstracten: der innerliche wächter, das liecht der vernunfft, der zeuge, der nimmer gar still schweiget, nemlich das gewissen.
Simpl. 2, 152, 12
Kurz; die gespielschaft ist der scharfsichtigste wächter, dem nichts (
kein fehler) entgeht. Jahn
turnkunst 170; euer zauber hat um mich bewunderung, erinnern und hoffen, anmuth, freude, kindliches gefühl wie wächter gestellt, denen mein selbst nicht vorüber entrinnen kann. Immermann 16, 525
Hempel (
Hofer 4). 3@ff)
verbreitung hat auch die wendung 'einen zum wächter über etwas setzen'
gefunden: geschach des herrn wort zu mir, und sprach, du menschenkind, ich hab dich zum wechter gesetzt über das haus Israel, du solt aus meinem munde das wort hören, und sie von meinet wegen warnen.
Ezech. 3, 17; den frieden hütet jetzt ein ewig geharnischter krieg, und die selbstliebe eines staats setzt ihn zum wächter über den wohlstand des andern. Schiller 9, 89; in vester mauren mitte blüht eine frische welt, da ward die milde sitte zum wächter wohl bestellt; die hat gar treu gehütet den anvertrauten schatz ... Schenkendorf 181. 44)
in der neueren sprache ist wächter,
in verbindung mit präpositionen oder einem genetiv, sehr häufig. seine bedeutungssphäre ist eine weit umfassendere als früher, entsprechend den gebrauchsweisen, die sich bei wachen
entwickelt haben, da das wort zu diesem verbum in nahe beziehung gebracht wird. 4@aa) (
Karl d. gr.) der herr von Europa, ... der unermüdliche gesetzgeber seines volkes, der wächter über die rechtgläubigkeit seiner zeitgenossen, zählt auch selbst die eier, welche ihm seine verwalter von den gütern schicken. Freytag 17, 320 (
bilder 1, 6); nie soll ob meinem (
des Rheins) hort ein wälscher wächter sein. Arndt
ged. (1860) 413; gestrenger herr, ich bin dein waffenknecht und wohl bestellter wächter bei dem hut. Schiller 14, 356 (
Tell 3, 3); der einsame wächter am krankenbette. Heyse
nov. 5, 248 (
am todten see); der alte hausmeister soll noch lange nach seinem (
des neuen herrn) antritt dort unten in dem thorhäuschen gewohnt haben, ein treuer wächter an der gruft seiner geliebten herrschaft. Storm
werke 2, 273 (
der spiegel des Cyprianus). 4@bb)
in verbindung mit einem genetiv ist wächter
hüter, bewahrer, beschützer: wächter der keuschheit,
custos pudicitiae. Stieler 2394; fürsten sind wächter des gemeinen wesens,
principes pro republica excubant. ebenda; und Stamfords wächter wirst du, gerechter im himmel, seyn! Goekingk 1, 243; gegen Friderichs heer musz Ludwig ziehen. zum wächter Bayerns läszt er den feind, den er bestreitet, zurück. Schiller 11, 73 (
deutsche treue);
Beatrice. des redlichen Diego greises haupt!
Isabella. der treue wächter deiner kinderjahre. 14, 102 (
braut v. Mess. 4, 3); zeuch hin, erlauchter Ludwig, Baierns ruhm! und diese schwerter, die wir deiner huld verdanken, sei'n die wächter deines thrones! Uhland
Ludwig d. B. 1.
aufz.; mich aber lasz als wächter hier der gräber! ich will bei ihnen sitzen tag und nacht. Immermann 16, 116
Hempel (
thal von Ronceval 5, 13); ihr setztet mich an die spitze der wächter dieser gesetze, und ich habe sie ... in ihrer würd' und kraft erhalten. Klinger 2, 334; nur sie (
die gelehrten) sind die wächter der bedrohten menschheit. 12, 174; wo sind die wächter der kindheit, die leithände beginnender kraft, die wegweiser der jugend? Jahn
volksthum 170; haben sie das volle vertrauen
[] zu der gegenwärtigen verwaltung der finanzen, dasz sie einen strengen und treuen wächter des konstitutionellen rechts auf seinem posten finden. v. Bismarck
reden 5, 27
Böhm. auch auf abstracta usw. übertragen: theils aber auch sollte das gefühl dieses organs (
der zunge) der prüfende wächter unsrer gesundheit werden. Herder 13, 295 (
ideen z. philos. d. gesch. d. menschheit II)
Suphan. 4@cc) wächter
mit dem persönlichen pronomen verbunden: gehe nur immer hin, (
herde), du kleiner überrest meiner haabe! von deinem wächter, und deinem schlächter entgegen. S. v. Birken
Pegnesis 1, 127. 55) wächter
findet sich jetzt auch in der bedeutung '
aufpasser, auflaurer': da hat kein neid der reizung widerstrebt, womit du mich an hals und brust geschlossen, da sah uns auch bei selbst erwünschter ruh kein wächter zu. Günther 52
Fulda; (
der bär) späht, von woher die imme fleucht und wohin sie ihre waben verbirgt. so schleicht er dann bey nachtzeit herbey, ein fleisziger wächter, und leeret die fülle reinlich aus. Fr. Müller 1, 22; wie seine (
Pauls) mama, die grosze Katharina, seine jugend und sein mannesalter bis an ihr ende von wächtern und auflaurern hatte belauschen lassen. Arndt
wanderungen 21; ich zog eine künftige zeit ganz nahe zu meiner einbildungskraft herbei, eine schönere zeit, da man nicht mehr die schlechten menschen zu geheimen aufsehern über die guten bestellt, sondern umgekehrt. ich dachte mir, wie viel besser es alsdann seyn würde, wenn lohnsüchtige wächter durch erlogene gefahren nicht länger fürsten und völker mit argwohn erfüllten und sie ängstigten. Börne 2, 74.
s. auch wacheruf. 66)
der bildliche gebrauch von wächter (
vgl. 3)
hat dazu geführt, dasz das wort sich als appellativ für thiere und concrete gegenstände festgesetzt hat. 6@aa) wächter
als wachhund: so bellet dann das hündlein dein, seuberliches mägdlein! 'ruf den wächter leise ein, schweig still und lasz dein fragen sein!' Uhland
volksl. 678; dasz eyn jeder hauszvatter treierley geschlachte hunde stäts habe inn seinem hausze. eyns so man die wachthund oder die wächter nennet, die sollen den hof verwahren, damit er vor dieben ... verhütet werde. Sebiz
feldbau (1580) 146; ja, ja, ihr lauft so auf der liste mit! wie dachs und windspiel alle hunde heiszen; die eigne race aber unterscheidet den schlauen spürer, den getreuen wächter, den flücht'gen jäger. so auch mit den menschen. Schiller 13, 72 (
Macbeth 3, 4).
auch als name, besonders bei schäferhunden: he, wie der satan bellt! noch einmal sag' ich es, Wächter: steinigen thu ich dich gleich, wo du ehrliche reisende anpackst! Voss
idyll. 11, 1; Wächter sogar auch knurrete, spizend das ohr. 172; s' kommt regen, fährmann. meine schafe fressen mit begierde gras und Wächter scharrt die erde. Schiller 14, 273 (
W. Tell 1, 1); da fing Wächter an zu horchen, knurrte nach dem lindenbaum. J. Fr. Kind
ged. 6@bb) wächter,
auch wachender würgvogel, wahrvogel
heiszt der grosze würger,
lanius excubitor, ein raubvogel, der durch ein scharfes geschrei die kleinen vögel von der gegenwart eines habichts, sperbers oder falken benachrichtigt, sie warnt. Naumann
vögel 2, 7. Brehm
thierleben2 5, 480. Frischbier 2, 451.
aus einem ähnlichen grunde heiszt wächter
die warneidechse,
tejus monitor, die aus furcht vor den krokodillen pfeifen und die menschen warnen soll. Oken 5, 621;
ndl. wachterhagedis.
ferner ist wächter (pinnenwächter)
ein kleiner krebs, der die hüstermuschel, pinna, bewohnt und nach dem alten glauben ihr zum schutze gegen fische beigegeben ist. 5, 349.
vgl. auch den beleg aus Forer 3,
d, β. 6@cc) wächter,
vigiles, circitores werden die zwei vordersten sterne in der figur des kleinen bären genannt, die man als hüter des nordpols betrachtete. A. v. Humboldt
kosmos 3, 360. 6@dd)
in der technischeu sprache bezeichnet wächter
mehreres, das zur controle und zum probieren dient. im bergwesen ist es ein hammer, der am rade mit herumgeht und ein zeichen gibt. Frisch 2, 411: wechter oder wecker, ein hammer, der mit dem kunst-rad, wenn es einmal herum gehet, sich in die höhe ziehet, und uff ein klingend metall wieder niederfället, und meldet, ob das rad geschwind oder langsam oder gar nicht
[] gebet. Schönberg
berginformation (1687) 105.
beim wasserbau versteht man unter wächter,
auch stöhne, knast
oder anschlag (
holl. steune, steunsel, wagter,
franz. garde)
genannt, einen kleinen streben von holz oder eisen, der hinter den thüren der in den deichen liegenden schleusen und sielen angebracht wird, damit sie sich um so sicherer beim eintritt der flut von selbst verschlieszen. Benzler
deich- und wasserbau 2, 193.
bei den schönfärbern ist wächter
oder stahl
ein werkzeug, womit die farbe der blauküpe probirt wird, ob sie schön färbt, eine kleine hölzerne scheibe, in deren mittelpunkt eine kleine hölzerne spille mit etwas wolle steckt und die in die küpe gethan wird, so dasz sie auf der farbe schwimmt. Jacobsson 4, 247.
auf den glashütten nennt man wächter
oder wächterstück
die scheiben, die zur probe an den pfannen angesetzt werden und aus deren verhalten, wenn sie sich biegen oder schmelzen wollen, der glasmaler abnehmen kann, ob er mehr zuschüren darf. 4, 570. 6@ee)
bei den buchdruckern findet sich zuweilen wächter
für custos, die unter der letzten zeile jeder seite stehende angabe des ersten wortes oder der ersten silbe der folgenden seite; die gewöhnliche verdeutschung ist hüter,
s. Klenz
die deutsche druckersprache 69. 6@ff)
seltsam ist wächter
für einen an der strasze liegenden kothaufen. der ausdruck ist, wenigstens in Süddeutschland, weit verbreitet, angegeben aus Basel Seiler 307
und Wien Hügel 184. Wander 4, 1722
führt als österreichisch an: er setzt einen wächter an den weg.
die wendung reicht bis ins 16.
jahrh. zurück: streiffete er flugs seine hosen ab, und setzete einen wechter in einen asch vol milch, und rürets umb. Luther
tischr. 218
b; in desz der wirt in kuchen kuckt und sicht den dort, wie dasz er druckt, spricht: dasz dich dort anstosz das grün, was setzst zum feur für wächter hin? ist dir nit weit genug der hof? Fischart
Eul. 10783
Hauffen; hierauff ohn alle scham die hosen nieder macht' und einen wechter hin auff tisch' und taffel setzet. Scherffer
grobianer 249
bei Drechsler 268. Liebrecht
zur volkskunde 353
erinnert zur erklärung an den brauch der diebe bei gewaltsamen einbrüchen vor der thür des betreffenden hauses einen kothaufen zurückzulassen, der vor entdeckung sichert so lange er raucht. wächter
müszte dann zunächst der gaunersprache angehören, was indes nicht der fall ist. wahrscheinlich hat man die an der thür postierten haufen scherzhaft als wächter, thürwächter genommen. noch jetzt bezeichnet wächter
solche auffällig daliegende haufen, während allerdings die belege auf die allgemeinere bedeutung '
excremente'
hinweisen. vielleicht ist noch eine stelle aus Gengenbach
hierherzuziehen, wo es, nachdem vorher die reinigkeit gerühmt worden ist, heiszt: dry ding begert disz göuchisch gschlecht: die nacht, den winckel und den wAechter. dîsz geüch sind all düfels vorfAechter. 8, 74
Gödeke. wächter
müszte hier allgemein '
kot, schmutz'
sein.