vernunft,
f. überlegung, im ahd. und mhd. nd. nachweisbar. zwei formen stehen sich in alter zeit gegenüber: fernumft
und fernunst,
beide fortbildungen aus dem schon abgeleiteten ferniman,
aber bei gleicher bedeutung mit verschiedner endung. fernumft
steht danach zu den bildungen: zunft, kunft,
während fernunst
zu dienst
zu stellen ist. in alter zeit ist vernunst
im oberd. das gewöhnlichere, vielleicht weist vernunft
mehr auf md. hin und ist von daher eingedrungen. im ahd. ist nach den zusammenstellungen Graffs vernumft
zwar nicht unerhört, doch verschwindend hinter vernunst.
im mhd. beginnt erst im 14.
jahrh. vernunft
sich auszubreiten, mnd. vornumst, vornumpst
neben vornuft (Schiller-Lübben 5, 415
b).
in den Diefenbachischen glossarien findet sich vornust (
intellectus)
in einem nd. glossar Dief.
gloss. nov. 314
a,
sonst nur die formen vornufft, vornonft, vernofft, vernunfft
anagoge, intellectio, intelligentia (Dief. 302
c,
gloss. nov. 22
b. 210
b),
aber allerdings in md. glossarien. in der nhd. zeit hat sich keine andre form als vernunft
ergeben. die bedeutung ist ursprünglich: das richtige auffassen, das aufnehmen, aber schon im ältesten deutsch ist es das vermögen womit wir die aufgenommnen gegenstände in uns verarbeiten, die überlegung. ahd. ist schon die rein geistige bedeutung die einzig herrschende, im ahd. hat der philosophierende Notker
es ganz besonders in seinen schriften verwandt. wir finden es bei ihm in verschiedener bedeutung. zunächst in der: verständnis, richtige einsicht, tiefere auffassung: diuisi sunt prae ira uultus ejus. et appropiavit cor illius. fone sinemo zorne uuurden sie gesceiden. unde do nahta sin herza. so Arriani chamen. so uuard in trinitate (in triuuisso) gotes uuillo durnohto geoffenot, do nahta sih die rehta fernumest dero catholicorum (rehtfolgerro). Notker
ps. 64 (
Hattemer 2, 190); unde do scangte er uʒʒer enemo calice ueteris testamenti (cheliche dero altun eo) in disen calicem novi testamenti (chelich dero niuuun eo) luteren uuin: spiritalem intellectum (keistlicha fernumist).
ps. 74 (
Hattemer 265); intellectum tibi dabo, et instruam te in uia hac, qua gradieris ich kibo dir fernumest, diu dih kruoze ad poenitentiam (zriuuuo) und lero dih uuaʒ du tuon solt an disemo uuege, an demo du gast.
ps. 31 (
Hattemer 2, 107).
neben dieser bedeutung ist gerade bei Notker
eine zweite gewöhnlich: die wahre bedeutung eines gedankens, der in bildlichen reden ausgedrückt ist, der eigentliche tiefere sinn: selbemo Dauid ist fernumist in lobesangen daʒ chit an disemo gagenuuerten psalmo der an Christum siehet.
ps. 53, 1 (
Hattemer 2, 185); an in siehet, daʒ in disen laudibus (lobid) kesungen uuirt. die selben laudes (lob) sint fernumist Davidi daʒ chit christiano populo (liute). 54, 1 (
Hattemer 2, 187); dextram tum sic notam fac, et compeditos corde in sapientia so habet iʒ die selbun fernumest (bedeutung).
ps. 89 (
Hattemer 327).
diese eben angeführte bedeutung verschwindet später gänzlich. im mhd. ist die bedeutung an die erstere ahd. angeschlossen, '
einsicht': ich was in mînem herzen verdâht ûf iuwer minne alsô daz ich von rechter minne dô vernunst und sinne gar verlô
s. Konr. v. Würzburg
Engelhard 2031
Haupt; si quam vor die gemeine ân aller meisterlicher kunst, wande der geist der virnunst wonte in ir herze also rîch daʒ ir da niemand was gelîch.
Passional 9, 44
Hahn; er hete niewan einen sun der zur schule gienc durch kunst; deme bat er riche vernunst von sante Nicolao. 22, 22
Köpke; ûf von sîner chintheit gûte mit der barmherzicheit vernunft, tzuht, bescheidenheit, gedult, senftmuticheit, mite voller tugende site, sin vollig ingewachsen mite.
Ludwigs kreuzf. 5490; minne gît vernünste die niemen ân sî vinden kan, minne frowen unde man kan ze fröuden schalten.
Reinfried v. Braunschweig 3640; swer lebet in swære sunder trôst dem gît er (
der stein) vreude und trœstet in. hat ouch iemen touben sin, dem gît er bî wîser kunst rîche sinne und vernunst.
Barlaam u. Jos. 38, 22
Pfeiffer; diu reine wurze von Jessê eine ruote noch gebirt, ûf der ein sueʒer bluome wirt, dar ûffe der heilige geist in sibenvalter volleist mit siben tugenden ruowen sol, der sîn name, sîn lêre is vol der geist der wîsheit der vernunft. 64, 32; dar nâch sant er sînen geist zuo des glouben volleist, allen den jungern sîn, ir zungen wâren viurîn, da von ir vernunft enbran. 76, 39.
nhd. 11)
überlegung, geistige thätigkeit zur sinnlichen auffassung: viel schreien onhin on vernunfft: gute werck verdienen nichts, viel besser were man triebe die leute gute werck zu thun .. Luther 7, 6; begert nichts weiters, dann die vernunfft der natur begert.
Frank weltb. 194
a; sie hetten einen verruchten, jungen thumbshirn zu einem kriegsfürsten erwelet und auffgeworffen, der an vernunfft und alter darzu nicht tüglich sein möcht .. Kirchhof
wendunm. 4, 86; männer von zünfften regieren mit schlechten vernünfften. Lehmann 1, 591; höre, mein kind und wisse gewisz, dasz dein herr dich aller vernunfft zu berauben und zum narren zu machen entschlossen ..
Simpl. 1, 127, 8
Kurz; dieser mangel der vernunfft (
die fehler anderer zu bemerken) pflegt man auf die erziehung und auf den nachdruck derer vorurtheile zu schieben und dieses nach der gemeinen meynung nicht ohne ursache. Leibnitz 2, 315; warumb solte ich nicht können die dicke von der materie abziehen (
abstrahere) oder absonderlich betrachten? kan ich doch die vernunfft oder die menschheit ohne den menschen und die thierheit ohne das thier betrachten? Thomasius
vom wesen d. geistes 57; er will bewiesen haben dasz gebrauch der sprache zum gebrauche der vernunft nothwendig sei. Herder
phil. u. gesch. 2, 42 (1820); wenn keine vernunft dem menschen ohne sprache möglich war: wohl, so ist die erfindung dieser dem menschen so natürlich, so alt, so ursprünglich, so charakteristisch als der gebrauch jener. 2, 43; seine (
des menschen) vernunft hängt mit der vernunft andrer .. so genau zusammen, dasz .. 2, 206 (1820); (
der gehorsam des jünglings) besteht in der unterwerfung unter die regeln der pflicht. aus pflicht etwas thun, heiszt: der vernunft gehorchen. Kant 10, 431; der neid wird erregt, wenn man ein kind aufmerksam darauf macht sich nach dem werthe anderer zu schätzen, es soll sich vielmehr nach den begriffen seiner vernunft schätzen. 10, 441; diese (
sätze) stehen zwar alle unter den formalen ersten grundsätzen, aber unmittelbar; insoferne sie indessen zugleich gründe von andern erkenntnissen enthalten, so sind sie die ersten materialen grundsätze der menschlichen vernunft .. solche materiale grundsätze machen .. die grundlage und festigkeit der menschlichen vernunft aus. 1, 88; hierin (
in dem gedanken selbst zweck zu sein) und nicht in der vernunft, wie sie blos als ein werkzeug zur befriedigung der mancherlei neigungen betrachtet wird, steckt der grund der so unbeschränkten gleichheit der menschen selbst mit höhern wesen. 1, 347; die leidenschaften überhaupt aber .. sind doch in ansehung dessen, was die vernunft dem menschen vorschreibt, lauter schwächen. 10, 301; da sie neigungen sind, welche blos auf den besitz der mittel gehen, um alle neigungen, welche unmittelbar den zweck betreffen, zu befriedigen, so haben sie insofern den anstrich der vernunft. 10, 299; wer zu schwach ist, seine affecten zu beherrschen, bei dem wird auch das mienenspiel wider den dank seiner vernunft das innere blosstellen. 10, 355; so aufgestellt ist sein system völlig consequent und unwiderlegbar, weil er in einem felde sich befindet, auf welches die vernunft ihm nicht weiter folgen kann. Fichte
wissenschaftsl. 14; der denker findet diese heilige stimmung in der ausübung jener erhabenen geisteskraft, welche wir vernunft nennen und deren höchste aufgabe es ist die natur gottes zu erforschen. H. Heine 5, 200; Kant läszt die vernunft, die sonne, stillstehen und die erscheinungswelt dreht sich um sie herum. 5, 96; .. während die andre (
partei) ihre unveräuszerlichen menschenrechte vindiciert und jedes geburtsprivilegium abgeschafft haben will, im namen der vernunft. 8, 6; ich werde nicht in die heimath zurückkehren, so lange noch ein einziger jener edlen flüchtlinge, die vor allzu groszer begeisterung keiner vernunft gehör geben konnten, in der fremde im elend weilen musz. 8, 16; das volk, die unterschiedslose vielheit, der haufe der kopfzahl hat noch nicht jene vernunft des ganzen, welche allein, weil sie regieren kann, auch anspruch hat selbstherrlich zu sein. Trendelenburg
kl. schr. 2, 8; so nemb den lebendigen athen, auf das du empfechst nach den thaten die vernunfft! H. Sachs 1, 1 (1, 20, 37
Keller); drumb wölln wir im ein ghülffen machen, ihm gantz geleich in allen sachen, an vernunffte gestalt und von leib, das selbig soll sein sein ehweib. 1, 3 (1, 27, 22); wo ein mensch steckt vol neyd und hasz, wo er sicht glück, wolfahrt und ehr, tugent und alles gute mehr, so bringt es ihm grosse unrhu und setzet im gefehrlich zu, denn neyd, wie man spricht, ist blindt und alle vernunfft überwindt. 2, 3, 28 (8, 105, 2); vernunft wird ohne frucht an einem köpfchen, wie das ihre war, versucht. Wieland 18, 157; aber ein schwarm, abhold der vernunft in barbarischem wahnsinn schwärmte daher nachtgleich, und zerschlug der geläuterten menschheit heiligthum und altar. Voss 3, 104, 48; der kleine gott der welt bleibt stets von gleichem schlag und ist so wunderlich, als wie am ersten tag. ein wenig besser würd er leben, hättst du ihm nicht den schein des himmelslichts gegeben er nennts vernunft und brauchts allein nur thierischer als jedes thier zu seyn. Göthe 12, 23; es erben sich gesetz und rechte wie eine ewge krankheit fort, sie schleppen von geschlechte zu geschlechte und rücken sacht von ort zu ort. vernunft wird unsinn, wohlthat plage, weh dir, dasz du ein enkel bist ... 12, 97; wenn man vernunft gesprochen stundenlang. Schiller 369. 22) vernunft,
gern personificiert: lasz deine vernunfft schlaffen und zeig mir einen buchstaben in der schrifft, das zeitlich pawm, stad oder gebew zur kirchen gehören. Luther 1, 444; und hiezu dienet ihm auch seine braut, frau Unhulde, die spitzige vernunfft, welche suchet mancherley behelf und ausflüchte wider diesen artikel. 7, 790; wilt du sehen, was schönheit ist, so must du die augen der vernunfft zu rathe nehmen und ihr die unbändige begiehr der liebe, wie das pferd dem zaume, den bogen dem schützen ... unterwürffig machen. Opitz 2, 251; seitemale das übel die natur (inn viel dingen mer ayn stieffmuotter denn ayn mutter) der menschen vernunfft hat eingepflanzt vorausz denen, die ayn wenig gescheidter sindt, das ayn jeden des seinen verdreuszt .. S. Frank
Erasmus lob d. thorh. 16; es mogten ihme aber die vernunft oder die erkenntlichkeit einsagen, was sie wollten, so kunnt er doch diesen wundarzt niemals vor augen sehen. Leibnitz 2, 318; seine vernunft verkriecht sich endlich in diese worte, wie in eine leere schale und vertrocknet. Herder
lit. u. kunst 12, 495 (1821); das auge ist nur wegweiser, nur die vernunft der hand allein gibt formen, begriffe dessen, was sie bedeuten. 11, 281 (1821); es ist als ob die vernunft alle völker und zeiten der erde habe durchwandern müssen, um nach ort und zeit jede mögliche form ihrer einkleidung und darstellung zu finden. 11, 113; sie (
Boileau und Pope) galten für die sprechende vernunft und moral in reimen. 12, 48 (1821); die duelle, obgleich sie von den staatsgesetzen, von der religion und von der vernunft miszbilligt werden, sind dennoch eine blüthe schöner menschlichkeit. H. Heine 3, 65; der mensch, das kluge thier, pflegt zwar mit vielen dingen die zeit, das kurtze pfandt des lebens zu vollbringen .. doch bessers weisz er nichts darmit er zeigen kan, dasz er, die kleine welt, zum herren sey gesetzet der groszen die ihn nehrt, als wenn er sich ergetzet, mit seiner sinnen krafft beschaut disz weite hausz vom höchsten gibel an zu allen seiten ausz mit augen der vernunfft. Opitz 1, 23; müssen wir uns nicht bequemen und mit aller ihrer kraft die vernunft gewinnen? Brockes 6, 687. 33) vernunft,
näher bestimmt durch ein adjectiv (gesunde vernunft =
vernunft eines normalen menschen): solche und dergleichen mehr guter ermahnungen beydes von der gesunden vernunft und seinem gewissen empfand zwar Avarus in sich selbsten, aber es mangelte ihm hingegen mit nichten an entschuldigungen, sein böses beginnen zu beschönen und gut zu sprechen.
Simpl. 2, 154, 12; das gesetze seiner gesunden vernunft. Weise
Machiavell 9 (1724); doch liesz sie endlich die gesunde vernunft so viel wircken.
die 3
klügsten leute 151; allein die gesunde vernunft mit redlichkeit des herzens, natur und sprachkentnisz verknüpft, einigt gemüther, zeiten und völcker. Herder
kunst u. lit. 12, 454 (1821); der naturalist der reinen vernunft nimmt es sich zum grundsatze, dasz durch gemeine vernunft ohne wissenschaft (welche er die gesunde nennt) sich in ansehung der erhabensten fragen, die die metaphysik ausmachen, mehr ausrichten lasse als durch speculation. Kant 2, 635; so wird also die gemeine menschenvernunft nicht durch irgend ein bedürfnisz der speculation (welches ihr so lange sie sich genügt, blose gesunde vernunft zu sein, niemals anwandelt) sondern selbst aus practischen gründen angetrieben, aus ihrem kreise zu gehen. 4, 24; daher derjenige gebrauch der gesunden vernunft, der selbst noch innerhalb den schranken gemeiner ansichten ist, genugsam überführende beweisthümer von dem dasein und den eigenschaften dieses wesens (
gottes) an die hand gibt. 6, 13.
hohe vernunft u. ä.: nu mocht ich gerne ein szo hoch vernunfft horen, die erdencken mocht was nu hinfurt kunde geschehn durch den romischen geytz das nit geschehen sey. Luther
adel 29
neudr.; den ursprung, art, natur und kunstreiche vernunft unserer bienen. Fischart
bienenkorb 234; herr obrist leutenant brauchet eure hohe vernunfft und bedencket das sprichwort, dasz man zu geschehenen dingen das beste reden soll.
Simpl. 1, 336; was in der 20 sten übung stehet, das etwas in dem bewegten sein könne, so ohne bewegung, ist nicht gegen die gemeine vernunft, sondern nur gegen den gemeinen vernunftschein und also paradox. Leibniz 1, 391
Guhrauer; nur dieses scheinet wider die klare und helle vernunfft zu lauffen, dasz derjenige, welcher sich rächen will, seinem gegner so viel in die hände gibt als er selbst kaum hat. Weise
erzn. 21
neudr.; selbst die feinsten saiten des thierischen gefühls ... selbst die saiten, deren klang und anstrengung gar nicht von willkühr und langsamen bedacht herrühren, ja deren natur noch von aller forschenden vernunft nicht hat erforscht werden können, selbst die sind ... zu einer äuszerung auf andere geschöpfe gerichtet. Herder
phil. u. gesch. 2, 2 (1820); und wer könnte den briefen der Maintenon, Fénélons, ja seiner vorbilder schon, des heiligen Franz von Sales, ihrer schönen vernunft, ihres zarten ausdrucks wegen den innigsten beifall versagen?
lit. u. kunst 12, 22; der unsinn wird nur befolgt, nachdem köpfe und hände da sind, die ihn befolgen können und selbst wenn er bei guten vorsätzen in ansehung der mittel irrte, kann es ihm gewisz nicht gleichgiltig sein, ob eine aufgeklärte vernunft ihm ihre zweifel und gegengründe aus eigner oder fremder erfahrung bescheiden ... 12, 508 (1821); die kehrseite der münze ist die nicht genugsam durch überlegte grundsätze gezügelte lebhaftigkeit und bei hellsehender vernunft, ein leichtsinn, gewisse formen ... nicht lange bestehen zu lassen. Kant 10, 352; in dem falle aber, dasz er viele richtige erfahrungsurtheile zum grunde liegen habe, nur dasz seine empfindung durch die neuigkeit und menge der folgen, die sein witz ihm darbietet, dergestalt berauscht ist, dasz er nicht auf die richtigkeit der verbindung acht hat, so entspringt öfter ein sehr schimmernder anschein von wahnwitz, welcher mit einem grossen genie zusammen bestehen kann, insofern die langsame vernunft den empörten witz nicht mehr zu begleiten vermag. 10, 18; das narrenhospital,
d. i. ein ort, wo menschen ungeachtet der reife und stärke ihres alters doch in ansehung der geringsten lebensangelegenheiten durch fremde vernunft in ordnung gehalten werden müssen. 10, 215; so kann man von dem talente seines (
des Deutschen) richtigen verstandes und seiner tief nachdenkenden vernunft so viel, wie von jedem andern der gröszeren cultur fähigen volke erwarten. 19, 357; ein richtiger verstand, geübte urtheilskraft und gründliche vernunft machen den ganzen umfang des intellectuellen erkenntniszvermögens aus. 10, 209; also hat Cebes Thebanus der haydenisch philosophus sein tafel mit hoher vernunfft darinn .. H. Sachs 1, 237 (3, 90
Keller); nun der bescheidenheit genug! denn sie nur immerdar zu hören, wo man trockene vernunft erwartet, eckelt. Lessing 2, 273. 44) vernunft,
andern begriffen beigefügt oder entgegengestellt: also ist die sinnlichkeit wider die vernunfft, wann die vernunfft (als Aristoteles spricht primo ethicorum) tringet alwegs zuom besten, aber das fleisch widerstreitet, unser leichnam. Keisersberg
Marie himelfart 13
a; also auch hie ... da das nackt ... ablas ... zu schanden worden ist, daneben viel andere falsche lehre und sie nu sehen, das es weder mit schrifften noch vernunfften bestehen möge ... Luther 1, 546; was der heilig vater mit schrifft oder vernunfft beweret, nim ich an, das ander las ich seinen guten wahn gewesen sein. 1, 63; da sie bewart sind mit schrifft und vernunfft.
ebenda; es höret aber Judas von den Römern, welch groszen krieg sie in Hispania gefurt hatten ... und das sie viel lender fern von Rom mit groszer vernunft und ernst gewonnen hetten und erhielten. 1
Macc. 8, 3; mit rath und vernunfft. S. Frank
weltb. 10; und wiewohl derselbig mensch seine gebott ubertretten und die schöne bildnusz verunreiniget, hat er ihm vernunft und witz gegeben, allerley ding zu ergründen ... Kirchhof
wendunmuth 4, 6
Österley; in dieser welt gehet nichts über den menschen, im menschen nichts über die seele, in der seele nichts herrlicheres als die vernunfft, in der vernunfft nichts stattlicheres als der verstand, im verstand nichts köstlicheres als die weisheit. Schuppius 563; ... da edle einfalt hingegen vernunft und gefälligkeit zu begleiterinnen hat. Herder
lit. u. kunst 11, 350 (1821); an welch heiligthum könnte sich die poesie fester und sicherer anschlieszen als an vernunft und moral? 12, 49 (1821); was sie thun wollen und können sei ihnen anheim gegeben und mich überlassen sie der zeit, dem verstande und wo möglich der vernunft. Göthe 21, 219; dasselb die frösch gar sehr verdrosz, lieffen zum Jupiter so grosz, baten, wollt in ein könig geben, der vernunfft hat, verstand und leben, und der auch etwas strenger wer .. B. Waldis
Esop. 1, 17, 60; er (
gott) kan uns demütign und lehrn, als er mir namb vernunfft und sinn, jetzt aber erst erkenn ich in. H. Sachs 3, 1, 148 (11, 48, 37
Keller); so schliessen wir, dasz in die läng euch nicht die ohren gellen, vernunft ist hoch, verstand ist streng, wir rasseln drein mit schellen. Göthe 2, 267.
menschliche vernunft im gegensatze zu göttlicher offenbarung, glauben: göttliche sachen nach unser eigen vernunfft ordnen und setzen: ist das nicht aus eigner gewalt ... ordnen und aufrichten? Luther 2, 26; wo aber der glaub nicht ist, da der mensch nach seiner vernunfft und dünckel richtet und dieser verstand auch offenbart wird, da ist auch die helle selbs. 4, 3; also musz der glaube alle vernunfft, sinn und verstand, mit füszen tretten und alles was er sihet aus den augen setzen und nichts wöllen wissen denn gottes wort. 4, 48; aber das ists ... das es alles darumb geschicht, auff das gott der vernunft die augen aussteche und sie blende, das man nicht sehe nach grossem scheinenden wesen und wercken sondern auff die werck die gott thut. 4, 160
b; da sihe, was die welt mit jrer klugheit und vernunfft ist. wie fein sie sich zu gottes wort stellen kan. 4, 48; in summa, die heilige schrift ist das höchste und beste buch gottes, voll trostes in aller anfechtung. denn es lehret vom glauben, hoffnung und liebe viel anders denn die vernunft sehen, fühlen, begreifen und erfahren kann.
tischr. 1, 4.
im gegensatz zur intelligenz der thiere: aber es ist ein groszer unterschied zwischen ihrer (
der gelehrten thiere) und der menschen red. bey dieser erzeiget sich vernunfft und verstand, welches allerdings bei ihnen manglet.
Simpl. 4, 352, 4; diesem irrthum liegt ein andrer nahe, nehmlich dasz affe und mensch ein geschlecht sey und der Orang Utang ... eine dem menschen ähnliche vernunft beweise. Herder
phil. u. gesch. 2, 177 (1820); man nennt bei blosen thieren auch die heftige neigung nicht leidenschaft, weil sie keine vernunft haben, die allein den begriff der freiheit verbindet. Kant 10, 298; ein thier ist schon alles durch seinen instinct; eine fremde vernunft hat bereits alles für dasselbe besorgt: der mensch aber braucht eigne vernunft. 10, 383.
im gegensatze zur pflanze: jede pflanze, jeder baum hätte, wenn es vernunft berühre, das recht also zu fragen. Herder
lit. u. kunst 12, 30 (1821); ist bald gesagt, das thier hat auch vernunft; das wissen wir, die wir die gemsen jagen .. Schiller
Wilh. Tell 1, 1. 55)
einige beliebte redensarten. vernunft annehmen: lieber tod, mach es kurz mit mir, reitet dich aber der henker, dasz du keine vernunft annimst, so ... J. Paul 2, 130; er wünschte, sein einfältiges gewissen liesz ihm zu, ein ganz unschuldiges widerstrebendes mädchen nach einem feinen plane zu verführen, aber sein gewissen nahm keine vernunft
an. 2, 195. zur vernunft kommen: nach dieser zeit hub ich Nebukadnezar meine augen auf gen himmel und kam wieder zur vernunft und lobte den höchsten.
Dan. 4, 31. 66)
gebrauch des wortes in der wissenschaftlichen philosophie. definitionen: in der vorkantischen zeit ist vernunft unterabtheilung zu verstand, verstand ist die gesammtheit der geistigen fähigkeiten, sinnlichkeit die fähigkeit eindrücke aufzunehmen, vernunft die fähigkeit dieselben zu verarbeiten: der verstand des menschen bestehet vornehmlich aus zweierley kräfften, denen der sinnlichkeiten und der vernunfft, durch jene begreiffen wir die einzelnen dinge (
individua), durch diese betrachten wir derselben übereinstimmung und unterscheid mit oder von andern dingen und was sie also mit andern gemeinsam haben. Thomasius
versuch vom wesen d. geistes 2; der herr von Leibnitz erkläret in seiner Theodicee die vernunfft per catenam veritatum oder durch eine kette der wahrheiten. ich sage lieber, zusammenhang der wahrheiten ... ich mag aber auch nicht den zusammenhang der wahrheiten die vernunfft nennen, sondern vielmehr die einsicht die wir darein haben, weil man sonst meines erachtens in etwas von dem gemeinen gebrauche zu reden abweichet. denn man gibt die vernunfft für ein vermögen der seele aus und daher musz man es auch dabey lassen. Chr. Wolff
vernünft. gedanken von gott 2, 189; je mehr man den zusammenhang der wahrheiten einsiehet je mehr hat man vernunft ... wo man gar nicht einsiehet, wie die dinge zusammenhängen, da ist gar keine vernunft. 1, 227; das demnach mit erkannten wahrheiten zusammenhanget, dasselbe ist der vernunft gemäsz, hingegen was mit ihnen streitet, dasselbe ist der vernunft zu wieder. 1, 226; (es) ist der verstand das vermögen unserer seele sich ein ding deutlich vorzustellen, derselbe hat wiederum drei besondere kräfte, denn er hat sich entweder einzelne begriffe oder sätze oder schlüsse deutlich vorzustellen. diese letzte kraft wird insbesondere die vernunft genennet, vermöge welcher wir den zusammenhang der wahrheiten einsehen. Gottsched
erste grundz. d. wissensch. 1, 109; da nun in einer solchen demonstration die wahrheiten zusammenhangen und derjenige, der die wissenschaft derselben besitzt, diesen zusammenhang der wahrheiten einsehen musz: so sehen wir dasz unsere seele ein vermögen habe den zusammenhang allgemeiner wahrheiten einzusehen: dieses vermögen nennen wir die vernunft. und also ist es klar, dasz unsere seele auch eine vernunft habe; und dasz dieselbe eigentlich nichts anders sey, als die dritte kraft unsers verstandes. 1, 500; da der natürliche fortschritt der menschlichen erkenntnisz dieser ist, dasz sich zuerst der verstand ausbildet, indem er durch erfahrung zu anschauenden urtheilen und durch diese zu begriffen gelangt, dasz darauf diese begriffe in verhältnisz mit ihren gründen und folgen durch vernunft und endlich in einem wohlgeordneten ganzen vermittels der wissenschaft erkannt werden, so wird die unterweisung ebendenselben weg zu nehmen haben. 1, 99; das fürwahrhalten aus einem erkenntniszgrunde ... oder die gewiszheit ist entweder empirisch oder rational, je nachdem sie entweder auf erfahrung ... oder auf vernunft sich gründet. diese unterscheidung bezieht sich also auf die beiden quellen, woraus unsre gesammte erkenntnisz geschöpft wird, die erfahrung und die vernunft. Kant 1, 399; vernunft ist das vermögen, welches die prinzipien der erkenntnis a priori an die hand giebt. 2, 53; alle unsere erkenntnisz hebt von den sinnen an, geht von da zum verstande und endigt bey der vernunft, über welche nichts höheres in uns angetroffen wird, den stoff der anschauung zu bearbeiten und unter die höchste einheit des denkens zu bringen. 2, 280; die vernunft, als das vermögen der principien, bestimmt das interesse aller gemüthskräfte, das ihrige aber sich selbst. 4, 240; die vernunft ist ein vermögen der principien und geht in ihrer äuszersten forderung aufs unbedingte, da hingegen der verstand ihr immer nur unter einer gewissen bedingung, die gegeben werden musz, zu dienste steht. ohne begriffe des verstandes aber, denen objective realität gegeben werden musz, kann die vernunft gar nicht objectiv (synthetisch) urtheilen ... man wird bald inne: dasz, wo der verstand nicht folgen kann, die vernunft überschwenglich wird. 7, 278; verstand ist die erkenntnisz des allgemeinen; urtheilskraft ist die anwendung des allgemeinen auf das besondere; vernunft ist das vermögen, die verknüpfung des allgemeinen mit dem besonderen einzusehen. 10, 419; ebenso leicht fällt es in die augen, dasz verstand und vernunft
d. i. das vermögen, deutlich zu erkennen, und dasjenige, vernunftschlüsse zu machen, keine verschiedenen grundfähigkeiten seien. beide bestehen im vermögen zu urtheilen; wenn man aber mittelbar urtheilt so schlieszt ... 1, 16; wir erklärten im ersteren theile unserer transscendentalen logik den verstand durch das vermögen der regeln; hier unterscheiden wir die vernunft von demselben dadurch, dasz wir sie das vermögen der principien nennen wollen. 2, 280; der verstand mag ein vermögen der einheit der erscheinungen vermittelst der regeln sein, so ist die vernunft das vermögen der einheit der verstandesregeln unter principien. 2, 282; wenn die vernunft ein vermögen ist, das besondere aus dem allgemeinen abzuleiten, so ist entweder das allgemeine schon an sich gewisz ... oder das allgemeine wird nur problematisch angenommen. 2, 493; man gebraucht das wort vernunft in einem doppelten sinne. es bedeutet entweder den zusammenhang, die kette der allgemeinen wahrheiten oder das vermögen, vernünftig zu denken, schlüsse zu machen oder diesen zusammenhang einzusehen. in dem ersteren sinne ist die vernunft in jedem vernünftigen wesen die sammlung oder die masse von den philosophischen kenntnissen die es besitzt und im andern das vermögen, sie zu erwerben. Sulzer
verm. schriften 1, 247; die allgemeine gabe, einzelne dinge unter allgemeine beziehungen zu bringen und daraus ein bild, eine vorstellung, einen begriff zu fassen, der sich wieder mit andern begriffen und vorstellungen zusammenstellen lasse, um daraus ein vergleichendes ganzes zu formen, diese gabe nennen wir vernunft und es ist wohl klar, dasz unter allen der mensch allein einen anspruch darauf habe. Knebels
nachlasz 2, 243; die vernunft ist nicht ein ding, das da sei und bestehe, sondern sie ist thun, lauteres reines thun. Fichte
syst. d. sittenl. 64 (1798); die vernunft ist nicht absolute identität beider principien der erkenntnisz, sondern die indifferenz, das maasz und gleichsam der allgemeine ort der wahrheit. Schelling
über d. menschl. freih. 509 (1809); die vernunft ist die totalität des begriffes und der objectivität. Hegel
ges. werke 3, 237. 77)
die wichtigsten zusammenstellungen des wortes vernunft
als kunstausdrücke der neueren philosophie. reine vernunft: die vernunft wird lauter und rein genennet, wenn sich in unsere vernunftschlüsse keine erfahrungssätze mit einmengen, davon in der reinen mathematik, die von lauter abgesonderten gröszen handelt, exempel vorkommen. Gottsched 1, 501; die vernunft ist das vermögen, welches die principien der erkenntnisz a priori an die hand giebt. daher ist reine vernunft diejenige, welche die principien, etwas schlechthin a priori zu erkennen, enthält. ein organon der reinen vernunft würde ein inbegriff derjenigen principien seyn, nach denen alle reine erkenntnisse a priori können erworben und wirklich zu stande gebracht werden. die ausführliche anwendung eines solchen organon würde ein system der reinen vernunft verschaffen. Kant 2, 53; die ganze antinomie der reinen vernunft beruht auf dem dialectischen argumente: wenn das bedingte gegeben ist, so ist auch die ganze reihe aller bedingungen derselben gegeben: nun sind uns gegenstände der sinne als bedingt gegeben, folglich ... 2, 393; diese (
die philosophie) kann blos zergliedern, was ihr gegeben ist, aber das geben ist nicht die sache des analytikers sondern des genies, welches unter dem dunkeln aber sichern einflusz reiner vernunft nach objectiven gesetzen verbindet.
briefe Schillers u. Göthes (Schiller) 1, 13. logische vernunft: logisches formales vernunftvermögen, logischer vernunftgebrauch ist das vermögen mittelbar
d. h. durch die subsumtion eines möglichen urtheiles unter die bedingung eines andern gegebenen urtheiles zu schlieszen, einer erkenntnisz durch allgemeine erkenntnisse einheit zu geben, zwey begriffe vermittelst eines mittelbegriffes zu verbinden, einen vernunftschlusz zu machen. Schmid
wb. zu Kants schriften 563; vernunft, als vermögen einer gewissen logischen form der erkenntnisz betrachtet, ist das vermögen zu schlieszen. Kant 2, 300. theoretische vernunft
sofern die vernunft sich auf gegenstände des erkenntnisvermögens bezieht: der theoretische gebrauch der vernunft beschäfftigte sich mit gegenständen des bloszen erkenntniszvermögens und eine critik derselben in absicht auf diesen gebrauch betraf eigentlich nur das reine erkenntniszvermö
gen. 4, 110. speculative vernunft: vernunft,
sofern sie es mit übersinnlichen dingen und ihren prädicaten zu thun hat, wovon sie sich selbst erst die begriffe bildet: wenn praktische vernunft nichts weiter annehmen als gegeben denken darf, als was speculative vernunft für sich ihr aus ihrer einsicht darreichen konnte, so führt diese das primat. gesetzt aber sie hätte für sich ursprüngliche principien a priori, mit denen gewisse positionen unzertrennlich verbunden wären, die sich gleichwohl aller möglichen einsicht der speculativen vernunft entzögen ... so ist die frage, welches interesse das oberste sei ... ob speculative vernunft ... diese sätze aufnehme, oder ob sie berechtigt sei ... alles als leere vernünfteley auszuschlagen. Kant 4, 241; (wir haben) mithin das subject dieses willen (den menschen) nicht blos als zu einer reinen verstandeswelt gehörig, obgleich in dieser beziehung als uns unbekannt (wie es nach der critik der reinen speculativen vernunft geschehen konnte) gedacht, sondern .. 4, 156. practische vernunft heiszt die vernunft, sofern sie das begehrungsvermögen bestimmt; practische vernunft heiszt auch wille. eben solche gewisse erkenntnisse und zwar gänzlich a priori haben wir in praktischen gesetzen, allein diese gründen sich auf ein übersinnliches princip (der freiheit) und zwar in uns selbst als ein princip der praktischen vernunft. aber diese praktische vernunft ist eine causalität in ansehung eines gleichfalls übersinnlichen objects, des höchsten guts, welches in der sinnenwelt durch unser vermögen nicht möglich ist. 1, 396; reine vernunft ist für sich allein practisch und giebt dem menschen ein allgemeines gesetz, welches wir das sittengesetz nennen. 4, 132; die reine praktische vernunft thut der eigenliebe blos abbruch, indem sie solche als natürlich und noch vor dem moralischen gesetze, in uns rege, nur auf die bedingung der einstimmung mit diesem gesetze einschränkt; da sie alsdann vernünftige selbstliebe genannt wird. 4, 185. gemischte vernunft: gemischt nennt man hingegen dieselbe (
die vernunft) wenn unsere erkenntnisz zum theil aus der erfahrung herflieszt. Gottsched 2, 501.