überall ,
raumadv., per totum, ubique. ahd. ubaral; uberal;
mhd. überal;
mnd. overal;
mnl. u. nnl. overal,
schwed. öfveralt;
dän. overalt (
schwed.-dän. aus dem mnd. entlehnt);
ags. ofereall;
engl. overall;
fries. ural.
uneigentliche composition aus über all =
über alles hin (
vgl. oben über
c. acc. 1).
die adverbielle verwendung ist zwar schon für das 8.
jahrh. durch glossen erwiesen (Graff 1, 215
f.),
doch bleibt das gefühl für die präpositionale verbindung noch in mhd. zeit und drüber hinaus durchaus lebendig (
vgl. Wiessner beiträge 27, 39).
die späte zusammenrückung zur composition überall
erklärt auch das schwanken in der betonung: Adelung, Weigand, Heyne
u. a. wbb. betonen überáll, Campe, Sanders
nennen den wortaccent schwankend; die dialecte verhalten sich verschieden, vgl. z. b. Hunziker 268; Martin-Lienhart 1, 28.
dreisilbige formen vereinzelt: überale Schede
ps. 90, 18
neudr.; überalle P. Gerhart
in Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 378; überallen Rosegger
schr. 7, 76. 11)
local: über alles hin: uuas thiu tuniha unginait fon obanentigi ubar al giuueban,
desuper per totum Tatian 203, 2; der palas unt die wende was allez überal gezieret gegen den gesten
Nib. 565, 1; (
er) lûte die glocken, die er vant vaste ze sturme, daz der schal quam in daz dorf überal
Reinhart Fuchs 1574; Gunterfay sein bek erschal, daz man es höret überal
ring 3, 1; (
die raupen vertreibt man durch einen rauch), der überal durch den garten gehet, durch den wind hin und her getriben Herr
feldbau (1551) 144
b; sie ... lassen auch die schuch überal mit perlen besetzen Heyden
Plinius 378; er schauet überall und sorgt, ein liebreicher vater maler Müller
werke 1, 26; die allwirkende überallergoszene quelle alles lebens Herder 10, 324; schaut hin, dort liegt in finstern stall, des herschaft gehet überall Paul Gerhardt 4, 8;
in der neueren sprache meist determiniert: überallhin (
s. u.). 22)
gänzlich, vollständig, in jeder hinsicht, auch ohne locale beziehung; schon ahd.: er uuas goteforahtal ioh rehto er lebêta ubaral Otfrid 1, 15, 3; nun aller getrüwester vatter thu mir überall das du wilt
der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) 31
a; der tisch war ... mit ausgehungerten und an kleidungen überall zerlumpten kindern besetzt Grimmelshausen
vogelnest 410, 26
Keller; in derselben zit ... verbrann ze Lucern die pfistergass überall Tschudi
chron. Helvet. 2, 623; sagen sie doch dem (
seine critisiersucht ausgenommen) sonst überall guten mann, dasz ich Gleim
an Bürger (1771) 1, 37
Strodtmann; das glück verliesz den könig und wandte sich überall zu herzog Heinrich Grimm
deutsche sagen 2, 88; schaw, mein Kargas! wie sichst so schmal? du bist entstellet überal, gefarbt wie all verdorben rosen Hans Sachs 9, 28
Keller; und bin ein kind, in sünden blind, zum guten gar ersterbet, und überall, durch Adams fall, an leib und seel verderbet Ringwalt
handbüchlin A 8
a; so darf sie in das fegfeur nicht: und wird gefreiet überal von desz fegfeurs schmertzlicher qual W. Spangenberg
ausgewählte dicht. 48; gib, dasz die böse rott nicht treib ihren spott aus mir und meinem fall, als hätt ich überall verspielet und verloren Gerhardt
in Fischer-Tümpel kirchenlied 3, 379
a; nun dämpfet der trompeten schall zwar sonst der musen sanfte flöten; jedoch die lieder der poeten verstummen noch nicht überall Gottsched
gedichte (1751) 68; dieser mann dünkt überall dem ... Diomed mir gleich Bürger 1, 160
Bohtz. 33)
insgesamt: mhd. findet sich über die streng locale function als richtungs-adv. hinaus überall
sehr häufig zu collectiver zusammenfassung, besonders in der aufzählung verwendet: vgl. auch Schiller-Lübben 3, 252; nu gê wir in den sal, sô wænent des die Hiunen, daz wir sîn überal tôt von dirre quâle, diu an uns ist getân
Nib. 2121, 2; ir was nâch der rehten zal vierzig und hundert überal
Erec 1697;
carptim, und
uniuersi, opposita: in sunderheit oder in stücken und überal Frisius
dict. 194
b;
in summa Calepinus
undecim ling. 744
b;
alle miteinander, allesamptlich Stoer (1650) 495
a;
sämmtlich Kramer (1678) 1066
b;
heute ungebräuchlich. item an nuwer schult obirall 550
m. Marienb. treszlerbuch 46, 27; also hette man überal fünf stück der gantzen christlichen lere Luther 30
1, 132
Weim.; diser vier angelwind hat jeder noch zwen nebenwind, machen also überal zwölff Sebiz
feldbau 6; es sind aber in dieser collection überall hundert und etliche dreiszig stücke zu finden Leibniz
deutsche schrift. 2, 390; ir sein doch überall nit mer dann sechs, die wellen in bestan
Teuerdank 99, 30; hört, ir herren überall!
fastn. 468, 14; Abner du treuer diener mein, gehe zu den frembden juden hin. der seindt noch hie ein zimblich zahl, ihr namen weist du überal
Endinger judenspiel 26
neudr.; der menner waren überall fünf tausent und nicht minder Ringwalt
evangelia M 4
b. 44)
im allgemeinen, überhaupt; allgemeinklich Maaler (1561) 441
d;
generatim Calepinus
undecim ling. 610
b;
gehört nach Heynatz
antibarb. 2, 486
schon im 18.
jahrh. nicht mehr zum guten gebrauch, findet sich aber noch im 19.
jahrhundert. Paul (
wb.2 566)
bezeugt landschaftlichen gebrauch bei negativen fügungen, frage- und bedingungssätzen. doch überall ist das affenhaar dicker und rauher dann anderer thier Gesner
thierbuch 1; sie mögen vielleicht überall in zweifel ziehen, ob sie weiber seelen haben Wieland
Agathon 2, 344; wenn überall etwas dabei zu denken übrig bleiben soll Kant 5, 430
Hartenstein; es entstand schon vorher die frage, ob überall ein christ das theater besuchen dürfe Göthe 40, 175, 26
Weim.; Newton behauptet, in dem weiszen farblosen lichte überall, besonders aber in dem sonnenlicht, seien mehrere farbige lichter wirklich enthalten II 2, 8
Weim.; geiz stand ihm gleichfalls ferne, wenn er überall einen fehler hatte, so war es ein wenig adelstolz Höfer
aus der weiten welt (1861) 152; herr, ich beschwöre dich, wenn's überall dein wille ist, den prinzen zu begnadigen: tu's, eh' ein höchstverhaszter schritt geschehn! Heinr. v. Kleist 3, 106. 55)
in negativen sätzen häufig, wo überall
zur bloszen verstärkung der negation dient. schon mhd.: lât einen ûz dem hûse nicht komen überal
Nib. 2109, 1;
nequaquam, keinsfalls, überall nit Schöpper
syn. (1550)
h 6
a; du solt kein mitlyden oder erbermd haben über den tüfel, nein, überal nit Keisersberg
bilgersch. 46
d; es ist bemerkenswerth, dasz da, wo diese begrüszungen seltner, oder überall nicht üblich sind, im ganzen genommen, weniger religion und menschenliebe herrschend zu seyn scheint Lavater
Philemon (1785) 1, 32; er dachte auch überall nicht mehr daran Storm 6, 155; überall nirgend,
nusquam gentium Garthius 501
a; ain schwein ist überal nyenar zu gut, die weil es lebet Keisersberg
schiff der penitenz 69
d; du solst mir nichts überal geben
1 Mos. 30, 31; aber solch gespöt der gottlosen gefellet gott nichts überall
Sirach 34, 22; nichts überal ist die gestalt verendert Kirchhof
wendunmuth 138
b; verspotten den geist gotes, und glauben gar überall nichts Thomas Müntzer
schutzrede (1524) 21; und, damit wir ia unser seits überall nichts unterlaszen, damit der liebe friede dem verderblichen kriege vorgezogen werden möchte
acta publica verhandl. d. schles. fürsten u. stände 2, 11; was haben aber wir catholische damit gewonnen: nichts überal
postreuter (1620) 48; lasset den kriegs-leuten keinen mangel, nach dem andern allen fraget nichts überall Moscherosch
ges. 2 (1666), 562; nun mag der todt kommen zu mir und in mich schieszen seinen stral! ich fürcht in nichts mehr überal Hans Sachs 6, 181, 19
Keller; Xanthus fragt: »was kanstu wol?« er sprach: »ich kan nichts überal« Waldis
Esopus 1, 12
Kurz; was von döchterlin geboren wurdent, die solte man lebendig lossen, und der knaben keinen überal
historienbibel 702
Merzdorf; findend wir je, dasz keiner überall so grecht ist in der ganzen menge Zwingli
deutsche schr. 1, 88; so (
ist) es gantz still, und überall kein wind Aitinger
jagd u. weidbüchlein (1681) 91; mir ist überall kein schriftsteller aus dem fache dieser kenntnisse vorgekommen Lessing 11, 53; ohne das würden sie überall keine dichter seyn Schiller 10, 468, 22; es gibt überall kein dauerndes, weder auszer mir, noch in mir Fichte 2, 245; ist auch yemands, der heut glücklicher leb dann ich? bey Hercle niemands überal Boltz
Terenz deutsch 58
a und was ghört in des tüffels zal, das nimbt im nieman überal Brant
narrenschiff 14, 34; kein thier lebet überall es hat seinen feind und unfall Rollenhagen
froschmeuseler D 7
a; ist dann kein hoffnung überal, dasz sie genesen möcht disz mahl? Dähnhardt
griechische dramen 1, 81. 66)
ubique Diefenbach 608
a;
in ogni luogo Hulsius 143
a;
ubivis, quolibet loco Garthius 776
b;
ubicunque terrarum Schönsleder
prompt. (1647)
kkk 5
b;
an allen orten und enden Stoer 495
a.
der übergang aus dem richtungsadverb in das adv. der ruhe, die im heutigen schrift-deutsch alleinherrschende bedeutung, dürfte erst im 15.
jahrh. begonnen haben. mittelhochdeutsche construction (
s. o. 1)
liegt noch vor in allen fällen wie: nun was in derselben gegendt ein könig, welches lob weit und überal erschalle Montanus
schwankbücher 19.
vom 16.
jahrh. ab gewinnt die verwendung als adv. der ruhe rasch boden. 6@aa)
als adv. der ruhe: also bistu gern überal, uszgenummen bei dir selber Keisersberg
brösamlin 1, 40
d; ja so es in dorffen, merckten und etlich steten müglich ist ... warumb solt es nit überal müglich sein? Luther 6, 262
Weim.; das man dir zu spott überall davon werde sagen und singen Eberlin von Günzburg 3, 133
neudr.; weil ich ihr überall nachschliche Grimmelshausen
vogelnest 363, 4
Keller; Ellenbogen besuchte ich zweymal, Schlackenwerth, Engelhaus, Aich waren nicht versäumt; überall steine geklopft Göthe IV 32, 51, 17
Weim.; der himmel ist uns überall gleich nahe Reinsberg-Düringsfeld 1, 732;
häufig in gegensatz zu nirgends
gestellt: wo sind die schwestern, fragte Fabel. — überall und nirgends, gab die sphinx zur antwort Novalis 4, 194; jenes genuszes ..., den ich nirgend fand, und überall doch ahnete und suchte Bettine
Günderode 1, 100; dieses volk (
die zigeuner) ist überall und nirgends Riehl
kult. nov. 367;
in weitester verwendung, local und übertragen: der glaube ..., dasz dort wie überall die erste bevölkerung dem boden entsproszen sei Mommsen
röm. gesch. 1, 8; die gegensätze von natur und kunst, ... begegnen uns in Heinse's schriften überall Gervinus
gesch. d. deutschen dichtung 5, 4; bei aller anerkennung und billigkeit fühle ich jederzeit und überall, dasz ich fortan auf vermissen ... angewiesen bin Pückler
briefwechsel u. tageb. 3, 205; wie überall und stets im leben Holtei 40
jahre 5, 186; der diener hat er überal in aller welt ein grosze zal Scheit
frölich heimfart D 4
b; bald dort, bald da, ja überall ist krieg, aufruhr und grosz trübsal Opel-Cohn
dreiszigjähr. krieg 18; ich fürcht mich nichts im finstern thal, denn got ist bei mir überall, auf allen meinen wegen Ringwalt
handbüchlin B 10
b; ein zelt, das man von orte rückt um überall zu wohnen Göthe 6, 12
Weim. 6@bb)
prägnant: allgegenwärtig: gott ist überall Keisersberg
brösamlin 2, 34
a; ich hebe mein aug' auf, und seh, und siehe, der herr ist überall! Klopstock
oden 1, 124, 58. 6@cc)
substantiviert: es ist Wagners genie der wolkenbildung, sein greifen, schweifen und streifen durch die lüfte, sein überall und nirgendswo Nietzsche 8, 34; während sonst ... sich alles wie ortlos in einem überall und nirgends wüst anhäuft Hildebrand
sprachunterricht 212;
als personenname und appellativ: der verleumbder sey wie der Überall ... halte sich fast bey jederman auf und habe ihn niemand ungerne Christstein
weltmann (1675) 60; dasz, bey der erscheinung des Jon, der parteigeist des herrn Überall seine flügel regen dürfte, war vorauszusehen Göthe IV 16, 4, 14; bald war's (
das erbtheil) auch wieder vergeudet und ich heimathlos, ... ein überall und nirgend Holtei
erzähl. schr. 20, 190; man weisz ja wohl, frau Überall (
sonne), warum sie diesen (
den mond) zum gemahl vor allen auserlesen — weil er stockblind gewesen Blumauer
ged. (1782) 68; gott ist der Überall, gott ist der Ohnegrund Arndt
werke 5, 30; 6@dd) oeverall
für überrock nach dem franz. surtout Müller
Aachen. ma. 174;
vgl. auch nl. overal
woordenboek 11, 1613
und engl. overall Murray 7
1. 290
b. 77)
immer. überall
schlieszt in die locale zugleich auch temporale bedeutung ein: er hat sich überall als ein zuverlässiger mensch bewiesen
heiszt zu allen zeiten und an allen orten Rumpf 347; die gelehrsamkeit findet überall, so wohl in kriegs- als friedens- zeiten seinen wehrmann
mediz. maulaffe (1719) 61; wahrheit ist und bleibt überall wahrheit Herder 22, 12; der winter folgt ihm bald, scheint hart, als ein tyrann der überall verheert, nie glücklich machen kann Giseke
poet. werke 6. 88)
determiniert: überallher, undique, ex omni parte Hederich (1729) 2397; du hast grosze anfechtung von dem tüffel, von der welt, von deim eignen fleisch, überalher Keisersberg
brösamlin 2, 63
c; ein pandämonium überallher zusammengehäufter mythen und superstitionen Nietzsche 1, 163;
in der neueren sprache häufiger von überallher: von überallher nur gute und wohlwollende zeugnisse für ihn einliefen Keller 5, 61.
überallhin, quoquoversus Kirsch (1723) 298
a; (
die tabakpflanzen sind) in unsern landen so gemein, dasz sie überall hin verführet werden
mediz. maulaffe 85; leider kommen die zeitungen überallhin Göthe IV 10, 6
Weim.; überallhin waren laub- und blumengirlanden gezogen Fontane I 6, 205. 99)
mundartlich durch -ig-
ableitung in die adjectivgruppe übergeführt: überallig,
vgl. zeitschr. f. d. alt. 36, 28; Wunderlich
sprachleben i. d. ma., wissensch. beihefte 12, 58.