trübe,
adj. ,
turbidus, obscurus, caliginosus, tristis. herkunft und form. 11)
nur wgerm. bezeugtes wort, ahd. truobi,
mhd. trüebe,
as. drôbi,
mnd. drȫve (
geschrieben drove),
afries. drēve,
schwed. dröf
aus nd. drȫve
entlehnt, mnl. droeve,
nl. droef,
die sämtlich altes *droBja-
voraussetzen; ags. drōf
und gedrōf
gehen auf *drōBa-
zurück. nach Kluge
nom. stammbildungslehre3 § 181
liegt letzlich ein urgerm. u-
stamm zugrunde. ob aber got. drobjan
ταράσσειν,
ἀναστατοῦν,
das sich von dem wgerm. verbum (
s.trüben)
nicht trennen läszt, die existenz auch des adj. über das wgerm. hinaus sichern kann, ist doch sehr zweifelhaft, da trübe
seiner ältesten bedeutung nach leichter als rückbildung aus dem vb. zu verstehen ist. trübe
stellt sich wie trub (
s. dort)
und treber (
s. teil 11, 1, 1,
sp. 1568)
zur wurzel idg. *dh(e)rābh-,
die eine der konsonantischen erweiterungen von idg. *dher-, dherā-
ist (
s. auch trester
teil 11, 1, 2,
sp. 178)
und auch auszergerm. in mir. drab (
ir. drabh) '
treber, hefe'
und vielleicht russ. dial. drobъ, drobá '
bodensatz, bierhefe, treber, schlempe'
auftritt, vgl. Walde-Pokorny 1, 854
u. 856.
germ. entsprechen mit anderer ablautstufe aisl. draf '
berme, hefe',
engl. draff,
mnl. mnd. schwed. draf,
dtsch. treber (
ahd. trebir,
pl. zu *trab)
und wohl auch anord. drafli '
frischer käse'.
grundbedeutung der ganzen sippe ist '
bodensatz einer flüssigkeit',
vgl. oben trub,
schwed. dial. drōv <
germ. *drōBa-,
von dem sich trüben (
got. drobjan,
ags. drēfan,
ahd. truoben)
im sinne '
den bodensatz aufrühren, schlamm aufwühlen',
dann übertragen '
verwirren, beunruhigen, betrüben'
ableitet; da sowohl ahd. truobi
wie ags. drōf —
vgl. etwa lat. turbidus —
zunächst '
aufgewühlt (
von gewässern)
und daher unklar, schlammig'
bedeutet und die aktionsvorstellung noch bis ins mhd. hinein sichtbar bleibt (
s. unten I A 1),
ist es wahrscheinlicher, dasz das adj. vom vb. ausgeht, nicht unmittelbar vom subst. (
wie schwed. dial. drōvugur '
trübe, unklar'
von drōv),
vgl. auch trübe,
f., 1 a. 22)
dialektische formen sind treub Mechtel
Limburger chron. 176
Knetsch; trieb (
Luzerner hs. v. 1494) Mone
schausp. d. mittelalters 1, 202, Geiler v. Keisersberg
narrenschiff (1520) 102
a.
umlautlos selten, vgl. truobe (: gruobe)
Dietrichs flucht 4288, trub (: grub) Joh. v. Schwarzenberg
trostspr. 636
ndr.; die heutigen maa. kennen trübe
fast ausnahmslos mit umlaut, doch vereinzelt auch drûf ten Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 344
a.
bedeutung und gebrauch. die grundbedeutung '
aufgewühlt (
von gewässern),
aufgerührt (
von flüssigkeiten mit bodensatz)'
erweitert sich einerseits früh zu der vorstellung '
nicht oder kaum durchsichtig, [] unklar, unrein, dunkel',
die schon in ahd. zeit auch auf andere gegenstände angewendet wird; anderseits zeigt sich schon as. und ahd. wie im ags. die übertragung auf den '
verwirrten, unruhigen, verstörten'
zustand des gemüts, wobei zunächst das dynamische element der grundbedeutung noch stark im vordergrunde steht. II. '
undurchsichtig, unklar; unrein, schmutzig'; '
dunkel, lichtarm, glanzlos'
von dingen, die auf ihr verhältnis zum licht (
lichtdurchlässigkeit, leuchtkraft oder grad der helligkeit)
beurteilt werden. I@AA.
von flüssigen körpern. I@A@11)
von gewässern, wobei bis ins mhd. die vorstellung '
aufgewühlt'
neben der bald überwiegenden '
unrein, schmutzig'
erkennbar bleiben kann; vgl. truopaz
turbidus (
glosse d. 9.
jhs.)
bei Graff 5, 488
und ebenso ags. flôd drôf
a turbid flood, drôf wæter
disturbed water Bosworth-Toller 214
a und suppl. 158
a;
hierzu sieh den bachnamen Truobaha Graff 5, 489. I@A@1@aa)
ohne deutliche begriffstrennung: eina wila ist ter mere stille unde lutterer, andera wila tuarot er truober (...
sepe concitat aquilo ferventes procellas verso equore) Notker 1, 78
P.; ginge ich uber ein wazzir und were ez gemengit und trube, so inmochte ich min antlitze dar inne nicht gesehin meister Eckhart in:
paradisus an. intell. 130, 30
Strauch; der wagte sich hin zuo im in das trb stúrmig wasser (
des Rheines) Seuse
dtsche schr. 81, 11
Bihlmeyer; wenner dat meer drove wert effte wlomich van grotem unwedder
garde der suntheit cap. 40 (
v. 1540)
bei Schiller-Lübben 1, 586; von dem trúben (
d. i. aufgewühlten und schlammigen) flosz (
a fluvio turbido), der do feuchtet Egipt
erste dtsche bibel 4, 295
Kurr.; summers zeit ist (
der flusz) grosz und trüb, so der firn und schnee schmiltzt Stumpf
Schweizerchron. (1606) 658
a;
feste wendung ist das wasser trübe machen
durch aufrühren trüben, vgl. das wasser trüb machen
aquam turbare nomencl. lat.-germ. (1634) 33; trüb machen, rühren
turbidare Hulsius
dict. (1618) 2, 415
b und den bildlichen gebrauch unter f: das schaff hatt dem wolff das wasser trub gemacht Luther 7, 679
W. I@A@1@bb)
ausschlieszlicher im sinne '
unklar, unrein, schmutzig, dunkel',
vgl.daz truoba wazer (
sordida unda) Notker 1, 50
P.; das trüb mer
mare atrum Frisius
dict. (1556) 132; trüb, leimächtig, kätig, unsauber
faeculanta aqua 540;
besonders neben kontrastbegriffen oder durch synonyma näher bestimmt: dat kammele hefft seer leef de droven unde unreynen watere
de seven dodsunde 20 (
v. j. 1490)
bei Schiller-Lübben 1, 586; ein sauber wasser ist dein nutz, ein trübs wischt dir nit ab den schmutz Schkit
Grobianus v. 3600
ndr.; die rossz ... söllend mer lust zuo trbem wasser haben ... dann zuo lauterem Herold-Forer
Gesners thierbuch (1563) 133
a; wäszrige zeichen (
der pest) seynd ... die bronnen, wann sie in laimichte und trübe schleiffwasser sich verkehren Abr. a
s. Clara
mercks Wien (1680) 21; die see aber war ringsum sehr trübe und dick, weil eine menge verschiedener materien aus dem grunde hervorquoll Gottsched
d. neueste 1, 92; diese gegend ..., wo der Mayn erst einsam flieszt, und hernach sein trübes wasser in den reinen Rhein ergieszt Triller
poet. betr. (1750) 6, 216; aber nicht im trüben schlamm der bäche, der von wilden regengüssen schwillt, auf des stillen baches ebner fläche spiegelt sich das sonnenbild Schiller 11, 364
G.; obwohl nun dieses wasser trübe und schlammig, so ist es in der hier ganz dürren Campagna ein wahrer segen Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 179. I@A@1@cc)
besonderer nachdruck liegt auf der bedeutung '
unrein, schmutzig'
bei der anwendung auf stehende gewässer: alle fisch ... in trüben masigen sümpffen und wüstem wasser geend Ryff
spiegel d. gesundth. (1544) 56
a;
[] zuhand fand sich der trüb unflat (
schmutzpfütze) an dem boden, der sich auff liesz Hans Sachs 9, 196
K.; die häufige verbindung mit dieser begriffsgruppe zeigt sich in sprichwörtern und redensarten: si (
die schweine) wârent ie für das golt der vil trüeben lachen holt, da bewellent si sich inne Wirnt v. Gravenberg
Wigalois 7, 19
Pfeiffer; ausz trüben mistlachen schöpfft man nit lauter wasser Seb. Franck
sprüchw. (1545) 1, 72
b (
zugrunde liegt: nunquam sincerum ex turbido, vgl. sprichw. [1548] 154
b); wenn der brunnen trüb ist worden, musz man warten, bisz er sich erleutert Lehman
flor. polit. (1662) 1, 8; in trübem wasser kan sich einer nicht spiegeln Kramer
teutsch-ital. (1702) 2, 1153
c. I@A@1@dd)
bildlich in besonders ausgebreitetem gebrauch seit dem 17.
jh. von literarischen erzeugnissen, namentlich der geschichtsschreibung, in verbindungen wie trübe quelle
und ähnl., immer in der abschätzigen bedeutung '
gefärbt, wenig glaubwürdig, zweifelhaft'
; noch im kontrastierten bilde: und zwar aus den königlichen schwedischen archivis: in deren klaren und lautern brunnen ich die warheit ehe zufinden verhoffet als in anderer gemeiner scribenten sumpffichten und trüben lachen v. Chemnitz
schwed. krieg 1 (1648) 2; (
Hahn) rühmt, dasz er sich nicht mit mageren compendien und gemeinen büchern beholfen, auch nicht aus trüben pfützen, sondern aus den lautersten quellen der historischen wahrheit geschöpft habe Justi
Winckelmann (1866) 1, 168;
meist abstrakter verwendet: ein zeugnisz also, jahrhunderte nachher, aus einer so trüben quelle, oder vielmehr aus dem so weit geleiteten abflusse einer so trüben quelle gilt nicht Herder 3, 314
S.; eine der trübsten quellen für die kenntnisz des indischen alterthums ist daher der Oupnekhat Fr. Schlegel
s. w. (1846) 1, 148;
ähnlich: gib (
gott), dasz kein irrthum uns die brünnlein (
des gotteswortes) trübe mache (
verfälsche) Schmolcke
s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 338; von übrigens anständigen schriftstellern, die sich nur von den trüben gewässern der tagesmeinung fortreiszen lieszen Strausz
ges. schr. 6, 189;
hierher, absolut: dazu kommt ... ein ... verdorbener text, wodurch sein (
Pausanias) werk noch trüber (
unzuverlässiger) vor unsern augen erscheint Göthe 48, 117
W. I@A@1@ee) trübes wasser
in sinnbildlichem gebrauch; für '
uneinigkeit, zwietracht': es werden auf beiden seiten solche sein, denen die concordia nicht gefallig, sondern verdechtig sein wird, aber so wir zu beiden teilen ... werden vleiszig anhalten, wird ... gott wol seine gnade geben, das es bey den andern ... auch zu tode blute, und das trübe wasser sich widerumb setze Luther 6 (1578) 507
a; der alte widerwille, 'das trübe wasser' (
die spannung zwischen Luther und Zwingli) schien sich wieder regen zu wollen Ranke
s. w. 4, 58;
für eine unlautere, unehrenhafte sache: genug, mein freund, ich merke seine absicht. schmeicheleien sind trübes wasser, und im trüben ist gut fischen Kotzebue
s. dram. w. (1827) 1, 212; und alle machten sie so unschuldige gesichter, als wäre auf dem ganzen erdboden kein trübes wässerlein Stifter
s. w. 1, 78
S.; für einen unerfreulichen, beklagenswerten, betrübnis verursachenden zustand: dasz nichts mehr dan das trübe wasser des elends, jammers und der euszersten noth am boden übrig bleiben thete v. Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 61; in dem trüben wasser des unglücks Chr. Weise
polit. redner (1677) 493; jetzt sind auch diese trüben gewässer abgelaufen (
ist die krankheit überstanden) und der grund fängt an wieder hell zu werden Görres
ges. br. 3, 246;
mit besonderem gefühlsgehalt unter dem einflusz von trübe II D
in religiöser sprache: gute nacht, o welt, sambt allen die noch wallen hie auff deinem trüben meer!
Königsb. dichterkr. 77
ndr.; ewge liebe! führe du fort mich aus dem meer, dem trüben J. Kerner
s. poet. w. 2, 170
G. [] I@A@1@ff)
in der sprichwörtlichen redensart im trüben wasser fischen '
aus verworrenen verhältnissen seinen vorteil ziehen',
näheres s. unter trübe IV D (
sp. 1186): es ist gar gut fischen, wan das wasser trüb ist Seb. Münster
cosmogr. (1550) 213; ich wolte ihm anschläg geben, wie er in diesem trüben wasser fischen und auch einmal ein fürst werden könnte B. Schupp
freund in d. not 36
ndr.; denn, welches sonderlich zu bedauern, nicht wenig stände in trübem wasser fischen Leibniz
dtsche schr. 1, 159;
erhalten in der form im trüben fischen,
s. sp. 1186.
dazu stellt sich ein wasser trübe machen '
verwirrung, unheil hervorrufen, böses tun',
vgl. umgekehrtes kein wasser trüben (
sp. 1194): mynr boszheit wil ich syn geert und gtar mich rmen myner schand, das ich beschissen hab vil land und hab gemacht vil wasser tryeb Seb. Brant
narrenschiff 8
Z.; ähnlich: gute köpfe mit bösen absichten, denen es daran liegen wird euer helles wasser trübe zu machen (
euch unrecht begehen zu lassen) U. Hegner
ges. schr. (1828) 3, 40. I@A@22)
vielfach, besonders auch in technischer terminologie, vom wasser und anderen flüssigkeiten zur bezeichnung dessen, dasz in der flüssigkeit fremdkörper enthalten sind, die die durchsichtigkeit oder das klare durchscheinen verhindern, '
ungeklärt, undurchsichtig'. I@A@2@aa)
in verschiedener, auch halb technischer verwendung: ist er (
der tau) aber unlauter und trb, so werden die perlen auch heszlich und bleich Heyden
Plinius (1565) 376; diese trübe und spulichte sole Hondorff
d. saltzwerk zu Halle (1670) 3;
bergbautechnisch seit dem 16.
jh. vom wasser bei der erzaufbereitung: weil das wasser noch sehr trb ist, so geusz es ab L. Ercker
mineralerzt (1580) 9
b; trübe wird in pochwercken das dicke wasser genannt, darinnen noch etwas von dem gekleineten ertz ist, so sich allmählich setzet Herttwig
bergbuch (1734) 396
a,
vgl. Bechhold
handlex. d. naturwiss. u. medizin (1919) 2, 674. I@A@2@bb)
in der physik und chemie: wird fixe lufft in kalckwasser geschüttelt, so wird es trübe Lichtenberg
br. 2, 115
Leitzm.; auch mit der reduktionsflamme lassen sich ... (
bei der lötrohranalyse) verbindungen trübe flattern Muspratt
chemie (1896) 5, 832. I@A@2@cc)
besonders in der medizin von krankhafter trübung der an sich klaren körpersäfte; schon im älteren nhd. bezeugt: ist es (
der urin) trüb und dicke, so ists in renibus Paracelsus
opera (1616) 1, 747
Huser; der sieht gelassen zu, ... ... wie aus trübem harn der doctor prophezeyet Triller
poet. betr. (1750) 1, 314; derhalben (
infolge der wässerigen beschaffenheit des spermas) beschicht dasz der frauwen kranckheiten sich darzu schlahen und alles zu letzt zu einer trben und dnnen wasserechten materi wirt und ein wassersucht folget J. Ruoff
hebammenbuch (1580) 95; der krebssaft ist eine ziemlich dickliche, milchicht aussehende, trübe flüssigkeit Virchow in:
archiv f. pathol. anatomie u. physiologie (1847) 1, 101; unter der bezeichnung 'trübe schwellung' verstehen wir eine akut eintretende schwellung und körnige trübung des protoplasmas, welche wahrscheinlich auf einer ausscheidung gewisser, im safte des protoplasmas gelöster eiweiszkörper beruht Rindfleisch
lehrbuch d. pathol. gewebelehre3 (1873) 16;
von hier aus zu verstehen: aber der trüben (
mit einer trübung der säfte verbundenen?) fäulnisz des ersten (
toten körpers) gegenüber ist das leben eine organisirte zersetzung Lotze
mikrokosmus (1856) 1, 57.
in älterer medizinischer sprache dann auch ohne das moment des sichtbaren, '
unrein': die naturliche melancolia di ist eine gerwe des blutes unde ist trube also die wingerwe
Breslauer arzneibuch 4; ir solt lützel essen und alles vermeiden was trübe flegma (
unreines geblüt) gibt
M. Herr
schachtafelen der gesuntheyt (1533) r 3
a.
[] I@A@2@dd)
gärungstechnisch schon in älterer sprache vom wein (
s. teil 14, 837
ff.),
der hefeteile enthält und unklar ist, daher an geschmack und wert gering, s. Heyne
hausaltertümer 2 (1901) 367; trüber wein
kann einmal den noch nicht geklärten jungen wein bezeichnen, namentlich aber den beim abfüllen zurückbleibenden hefigen rest, den nachwein, vgl. druove win
feculentum (
vinum)
ahd. gl. 3, 373, 19 (13.
jh.), drube win
turbidum vinum 3, 214, 18 (13./14.
jh.), trüber wein, sackwein
faecatum vinum Calepinus
XI ling. (1598) 542
a,
s. dazu trub,
m., und trübwein,
endlich auch einen infolge falscher behandlung miszratenen, unklaren wein: daz was recht als wer da neme guoten klaren wein und menget den mit heffen das er trub wurd Tauler
sermones (1508) 209
b; ein ieglicher huber hat recht newen trüeben wein zu geben bis
s. Martinsnacht, an
s. Martinstag soll er newen, lutern wein geben und keinen trüeben (
v. j. 1529)
weisth. 1, 724; der wein was treub und wolte auch um oster und pfingsten die lauterkeit nit annemen J. Mechtel
Limburger chron. 176
Knetsch; den andern kruog fült er da mit dem andern wein, der tauget nit, trb, kanecht, abgefallen, feiszt Casp. Scheit
fröl. heimf. 3305
Strauch; gläser aber habe man nicht gebrauchet, damit man nicht sehen konte, ob trüb oder klar eingeschenket were
Reinicke fuchs (1650) 282; wie der wein zuletzt in dem vasz lauter trübes gläger (
wird) Conlin
d. christl. weltweise 5 (1709) 76;
hierher in bildlicher verwendung: dachte Judäa daran, dasz da gott den trübgewordenen trank von seinen hefen abzog und in ein ander gefäsz zwang, wo er neue, noch trübere hefen holte, dasz die gährung den saft des lebens hervorbringen sollte? Herder 7, 354
S.; die kleine trübe neige leben ist er in seinem gott gemeynt, der geistlichen beschauung zu ergeben Lessing 11, 37
M.; der trank, den sie trinken sollen (
das leben), ist ihnen bitter oder trübe (
d. h. '
schal') und unschmackhaft gemacht Herder 15, 260
S.; vergleichbar, vom ungegorenen traubensaft: dann der kelter trübes flieszen abgewartet, hellen most, jahresgabe zu genieszen Göthe 4, 302
W.; vom gemischten wein: der wein schien rötlich violett in den gläsern, trüb wegen der wassermischung H. v. Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 107. I@A@2@ee)
jünger und weniger häufig auch von anderen getränken, besonders vom bier, vgl. trübe bier
cerevisia feculenta nomencl. lat. germ. (1634) 414,
das gegenüber dem wein als weniger klar erscheint: in gemein aber halt man diese, das es scharpffere ingenia geb bei denen, so wein trincken dann das trübe bier lassen in sich gehn Joh. Grassäus
d. kl. baur (1618) 125; die schenke dröhnt, und an dem langen tisch ragt kopf an kopf verkommener gesellen. man pfeift, man lacht; geschrei, fluch und gezisch ertönte an des bieres trüben wellen G. Keller
s. w. 15, 1, 194
Fränkel; da trink, aber so trübes melancholiegschlader kriegst keins Nestroy
ges. w. (1890) 2, 23; die drei stieszen an mit ihren dicken, vom trüben gebräu erfüllten gläsern Holtei
erz. schr. 18, 52; aber freudig aus der schale schöpfen wir die trübe fluth (
des punsches) Schiller 11, 388
G.; die kelle winkt und ringsher funkelt in gläsern trübe glut J. H. Voss
s. ged. (1802) 4, 192. I@A@2@ff)
seltener von mehr dickflüssigen substanzen, die nur eine geringe durchsichtigkeit besitzen: wann das baumöle trüb und unsauber ist Sebiz
feldbau (1579) 386; dein prei würd schir vom rüren trüb, pringt dir katrütler schir den schnuppen Fischart
glückh. schiff, kehrab 872
ndr.; [] trübe mählsuppe nennen unsere bauern eine mählsuppe, wozu sie milch anstatt des wassers nemen
Alemannia 15, 223. I@BB.
als kontrastbegriff zu klar, hell
ist trübe
schon ahd. in anwendung auf atmosphärische erscheinungen und das wetter allgemein bezeugt und so bis heute gebräuchlich; die vorstellung '
wenig durchsichtig, dunstig'
nähert sich früh dem sinne '
infolge von nebel oder wolken lichtarm, dunkel' (
s. unten 4 a),
vgl. trübe, gewölckig, dunckel von wolcken
nubilis Decimator
thes. (1615). I@B@11)
von der verdichtung der atmosphäre zu wolken und nebel. trübe wolke: truobiu wolchen
nubibus atris (
condita sidera) Notker 1, 49
P.; das (
wetter) den himel mit trübem gewülcken ... betrübet Arigo
decam. 316
Keller; quacksen doch auch die grünhosende frösch ... den himmel an, so sie nur ein trübes wölckel daran ergaffen Abr. a
s. Clara
mercks Wien (1680) 41;
adverbiell gewendet: trüb an dem fernen Olymp sammeln sich sturmwolken Klopstock
oden 1, 154
M.-P. oft in bildlicher verwendung: ein trüebez wolken unde dic bedaht im sîner sunnen blic Hartmann v. Aue
arme Heinr. 155; nu gie diu minneclîchealsô der morgenrôt tuot ûz trüeben wolken
Nibelungen 280, 2
L.; die rotprünstige morgenröt her durch die trüben wolcken göt H. Sachs 6, 368
K.; nun widerumb auff Ottonem kommend hat sich bey ihme das hölle wetter gar bald mit trüben wolcken verhüllet Frz. A. v. Brandis
ehrenkräntzel (1678) 101; die trüben wolcken lauffen bey dem herrn sehr umb (
er ist trüber stimmung)
schauspiele engl. com. 286, 1
Creizenach; trübe wolken des unbehagens zogen an Norwegens klippen auf Dahlmann
gesch. v. Dännemark 3, 150; woher diese trübe wolke, die dein holdes auge umziehet Lessing 10, 25
M. trüber nebel, dunst u. ähnl.: wolchen unde nebel sint truobe Notker
bei Graff 5, 488; sam sô den heiteren luft der trüebe nebel irret
Servatius 647
in: ztschr. f. dtsch. altert. 5, 97; die gegend deckte mir ein trüber flor Göthe 1, 3
W.; ein trüber herbstnebel ligt wie ein bahrtuch über dem ausgestorbnen gefilde Schiller 4, 33
G.; das feuchte, kalte blau der nacht ... schneidet mit trübem und undurchsichtigem dunste den eigentlichen glanz der kuppel des himmels Stifter 3, 208
S.; bildlich: ... durch jahrhunderte blick ich, durch trübe ferne nebel hoch übern horizont Gerstenberg
ged. e. skalden 2, 360
lit.-denkm. gefühlsbetont im sinne '
unerfreulich, bedauerlich'
unter einwirkung von trübe II D
bildlich: lerne steigen aus dem dürren erdensand, aus dem trüben nebelstaube E.
M. Arndt 5, 261
R.-M.; (
Gaius Gracchus und Drusus) waren ... nicht unwerth über dem trüben nebel des befangenen parteitreibens in reineren und höheren anschauungen sich mit dem kern ihrer patriotischen bestrebungen zu begegnen Mommsen
röm. gesch.4 2, 218. I@B@22)
von der luft und dem himmel; trübe luft '
dunstige, neblige luft': ain ieglich tier fräut sich des lichten lautern luftes mêr denn des trüeben Konrad v. Megenberg
buch d. natur 207
Pf.; gleich als wann von dem erdtereich die dämpff auffsteigen mit gewalt und machen trüb desz luffts gestalt Spreng
Ilias (1610) 69
a;
[] die luft ist so schwer, so neblicht und trübe, dasz man mit den besten augen unrichtig sieht Jung-Stilling
s. schr. 2, 297;
bildlich: der in der noth mich kennt, nicht aus dem spiel sich drähet, so bald ein unglükssturm und trübes lüftlein wehet J. Rachel
satyr. ged. 85
ndr.; deine worte sind wie schneeflocken, unnütz, und machen die luft nur trüber Hölderlin 2, 145
Litzm. trüber himmel '
wolkiger, grauer, dunkel verhangener himmel': es wird heute ungewitter sein, denn der himel ist rot und trübe
Matth. 16, 3
Bindseil-Niem.; dahär es kummet, das sye (
die perlen) bey eim trüben hymmel dunckel ... sehen (
ex eo quippe constare ... inde nubilum trahi colorem [
caeli] Eppendorff
Plinius (1543) 122; so folgen wir billich hierinnen dem beyspiel des himmels, der bald trübe, bald klar ... zu seyn ... pfleget Lohenstein
Arminius (1689) 1, 23; der himmel verschleiert sich trüber und trüber, bald decket nun dämmrung das ganze gefild Schiller 4, 350
G.; bildlich: der himmel ist sehr trüb, die sonn will uns nicht scheinen Neukirch
anfangsgründe (1724) 46; nun werd der himmel nie ob eurem haupte trübe Lenz
ged. 15
W.; von himmelsstrichen mit regnerischer, rauher witterung: die trübe strenge seines vaterländischen himmels hatte die zarten spitzen der edelsten pflanze in ihm verdorben Novalis 4, 225
M.; da wo ihn (
Göthe) der glanz des helleren äthers umleuchtete, rief Phöbus formen und farben hervor, ganz anders, als da er unter dem trüben himmel über sich brütete Gervinus
gesch. d. dtsch. dichtung (1853) 5, 73. I@B@33)
bei der witterung überhaupt bezeichnet trübe
das wolkige, dunstige, neblige, dunkle wetter; oft als vorstufe zum eigentlich regnerischen wetter empfunden, doch auch dieses einbegreifend: näblächtig, tunckel, und trüb wätter seyn
adnubilo Frisius
dict. (1556) 40
a; aber wenn es dunckel ist und trübe wetter, so ist der mensch trauriger, dann so schön wetter ist Luther 19, 316
W.; begab sichs dann, dasz das wetter nicht getemperiert, unfrisch, trüb und tropffig war Fischart
Gargantua 291
ndr.; nun ward aber das wetter so trübe, dasz wir das land kaum sehen konnten O. v. Kotzebue
neue reise (1830) 2, 13; wegen trüber witterung muszte an einzelnen tagen die beschieszung ermäszigt oder selbst eingestellt werden Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 3, 354;
vergleichbar: auch die witterungsverhältnisse gestalteten sich trüber und trüber H. v. Barth
Kalkalpen (1874) 460.
bildlich für etwas unerfreuliches, vgl.: es ist ein trübes wetter obhanden
magna calamitas imminet Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 291
b; (
alle kunstliebenden wurden) als nach einem trüben wetter von der freudenreichen sonnen erquicket Hutten
opera 1, 448
Böcking; es wird sich freud und gute zeit nach trübem wetter finden P. Gerhardt
bei Fischfr-Tümpel
kirchenlied 3, 395
b; dann ihre (
der Dominikaner) apostolische stimm alle trübe wetter ... vertrieben Abr. a
s. Clara
mercks Wien (1680) 35; hier im hause ist das wetter trübe geworden Kotzebue
s. dram. w. 1, 81;
sprichwörtlich: nach einem trüben wetter scheinet die sonne Luther 14, 349, 21
W.; der reich hat allezeit doppele freund, aber der arm musz allezeit desz trüben wetters gewertig seyn Lehman
floril. polit. (1662) 2, 707.
vielfach prädikativ in unpersönlicher form es ist (wird) trübe
das wetter ist (
wird)
unfreundlich: da es trübe und finster war
Hesekiel 34, 12; wanns trüb wirdt, regnts bald Gilhusius
grammatica (1597) 96; wir sehen doch für augen, dasz es nicht ist teglich trüb und nasz Fischart 2, 25
Hauffen; hierhauszen ist es wild und trüb, die wolcken liegen der erde und dem geiste schweer auf Göthe IV 5, 4
W.; dann wurde es trüber, der himmel hing sich ein ...,
[] bald dunkelte es schwer im osten Hans Grimm
volk ohne raum (1926) 1, 493; '
unklar, diesig': es ist sehr trübe, groszer lehrer, kaum dasz hie und da ein sternchen durchblinkt Göthe 17, 132
W.; im älteren nhd. in der formel es geht trübe her (-ab): (
wie ein vogel sich) in hole bäum verstecket, wenns trüb hergeht, die lufft unstet
bei Fischer-Tümpel 1, 40;
bildlich: gieng es nun in dem hertzen der königin Erato ... trübe her, so schien in ... Siegemunds hertze nicht die sonne Lohenstein
Arminius (1689) 2, 161
b; wann wir neben dieser gerechtigkeit des gesetzes nicht noch auch ein andere gerechtigkeit hetten ..., würde es gar trüb herab gehen (
schlecht um uns bestellt sein) Gretter
ep. Pauli an d. Römer (1566) 638. I@B@44)
schon in alter sprache (
as.)
wie in heutiger von der atmosphärischen erscheinung auf die zeitspanne übertragen, die durch das trübe wetter ihren charakter erhält, und erweitert zu der bedeutung '
wolkig, sonnenlos, neblig, regnerisch'
und daher '
lichtarm, dunkel',
also trübe I D
sich nähernd; besonders bei bildlichem und übertragenem gebrauch mischt sich in verschiedenem grade das gefühlsbetonte trübe II C
hinein, so dasz die grenzen verflieszen können. I@B@4@aa) trüber tag,
ein tag mit trübem himmel, mit unfreundlichem wetter, ein sonnenloser, dunkler tag; mit besonderer beziehung auf die verfinsterung des himmels beim tode Jesu: thuo warð it kûð oBar al, hwô thiu sunna warð gisworkan,ni mahta swigli lioht skôni giskînan.ak sia skado farfêng thim endi thiustri,endi sô githrismôd wedar, allaro dagô druoBôst,dunkar swîðo oBar thesa wîdun weruld
Heliand 5630
Heyne, vgl. 5717; der lasztag (
tag des aderlasses) soll klor und lyecht sein, ... nitt zuo truob Gersdorff
wundarzney (1517) 17
a; trüber tag. feld Göthe 14, 225
W.; man kann sich ... überzeugen ..., indem man den versuch an einem grauen trüben tag ... anstellen kann II 1, 33; die witterung hat ... abgewechselt, ... ein trüber, zwey bis drey regentage, ... dann wieder schöne IV 8, 75; er blickte ... in den trüben tag hinaus Storm
s. w. (1897) 1, 160;
vielfach bildlich gebraucht für eine leidvolle, schwere, betrübnis erregende zeit: auff ihn will harren fäst, wan mich bey trüben tagen schon liecht und glantz verläst Spee
güld. tugendbuch (1649) 146; seis trüber tag, seis heitrer sonnenschein ich bin ein Preusze, will ein Preusze sein Böhme
volksthüml. lieder d. Deutschen 17. I@B@4@bb)
von tages- und jahreszeiten: grau und trübe kam der morgen Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 110
bildlich: es bricht ein morgen, rot und trübe, im weiten land der christen an Novalis
schr. 4, 102
Minor; (
der abend) war trüb und neblicht Miller
Siegwart (1777) 1, 48; es ist ein trüber, dämmernder abend Büchner
nachgel. schr. 214; bisz ... der trüb winter mit seinen dicken unnd schwartztrüben wolcken doherfür Wickram
w. 2, 280
Bolte; mit trübe II C
vermengt: der trübe winter ist fürbey Spee
trutznachtigall (1649) 35,
vgl. 96; ist aber die zeitt trübe und kalt, so sol man nemen hünrsmaltz Mynsinger
v. d. falken 43
lit. ver.; fällt er (
der neujahrstag) auf einem sonnabend, so wird ein rauher winter, ... ein trüber frühling ... folgen v. Hohberg
georg. cur. aucta (1715) 95
a; ich freue mich schon zum voraus auf das vergnügen, welches sie uns für die nächste trübe jahreszeit versprechen Göthe IV 28, 195
W. I@B@4@cc)
weniger typisch von anderen erscheinungen der natur gebraucht, die von der witterung abhängen und von ihr aus gekennzeichnet werden: wenn unter wegens auch ein trüber regen fleust Günther
ged. (1735) 665;
[] als sich drauszen ein trüber wind, wie von dem herannahenden gewitter, erhob Eichendorff
s. w. (1863) 3, 142; es ist die trübe schwüle vor einem gewittersturm fürst Pückler
briefw. u. tageb. 1, 99;
ähnlich von der natur selbst und der landschaft: schwarze wasserlachen füllten die vertiefungen des weges und spiegelten die trübe natur noch trüber wieder G. Hauptmann
bahnwärter Thiel (1892) 18;
auch sonnenärmere himmelsstriche, die helleren, freundlicheren gegenübergestellt werden, heiszen trübe,
vgl. oben 2
ende: doch wie, Hafis, kommt dein Schiras auf des nordens trübe gauen? Göthe 6, 18
W. I@CC.
seit dem frühmhd. auch von festen körpern, die zwar lichtdurchlässig sind, aber keine genügend klare durchsicht gestatten, wobei übertragung von der unreinen flüssigkeit her besonders nahe liegt. I@C@11)
von glas, spiegeln, fenstern und edelsteinen und ähnlichen dingen; bildlich: ir sît läien spîegelglas ... in iu ersehent si sich alle ... sît ir danne vinster unt truobe sô läitet der blinde den blinden in die gruobe Heinr. v. Melk
priesterl. 131
Heinzel; sô hât sich manic frouwe ersehn in trüeberm glase dan wær sin munt Wolfram
Parzival 311, 17; die bunten scheiben sind, so dünkt mich, trüber, die spinneweben haben sich vermehrt Göthe 15, 90
W. (
Faust 6572); nun schlich ein magisches helldunkel durch die trüben fenster E. T. A. Hoffmann
s. w. 6, 143
Gr.; so viel man durch das trübe glas erkennen mochte, war der gang ... mit riesenhaften waben bebaut Stifter
s. w. 2, 65
S.; halb technisch von undurchsichtigen fenstern aus mattem glas oder bemaltem glas: eine thür, ... fenster mit trüben oder bemalten glasscheiben — alles dieses bezeichnet ... die einsiedeley Hirschfeld
gartenkunst (1779) 3, 103; trübe fensterscheiben, wundersam gefügt, deuteten auf erfreuliche farbenpracht von innen Göthe 24, 221
W.; wann der stain hett di art: von wesz gesichte er trube wart, der solte lenger peytten, desz selben dags nit streytten Heinrich v. Neustadt
Apollonius 13915
Singer; nun sehet den marmel, der ist dunckel, trüb, dasz niemands dardurch sieht Paracelsus
opera (1616) 1, 213; denn der milchfarbene trübe achat, den wir itzt chalcedon nennen, hiesz in spätern zeiten weiszer onyx Lessing 10, 398
M.; wasserhaltiger quarz gibt beim glühen wasser aus und wird dabei matt und trübe Oken
allg. naturgesch. (1839) 1, 146. I@C@22)
schon ahd. vom auge, das infolge von tränen, seelischen leiden oder krankheit nicht mehr klar erscheint und daher an sehkraft einbüszt; die verschiedenartigen ursachen und ihre auswirkungen führen zu einer groszen mannigfaltigkeit der sonderbedeutungen, wobei häufig andere bedeutungen von trübe
herein kreuzen oder das übergewicht gewinnen können. von trübe II
beeinfluszt: min ouga ist truobe fore dinemo zorne (
turbatus est pre ira oculus meus) Notker 2, 15, 19 (
ps. 6, 8)
P. I@C@2@aa)
physiologisch verändert, getrübt und daher schlecht sehend, vgl. auch all slangen habent trübz gesiht (
schwache sehkraft) Konrad v. Megenberg
b. d. natur 261, 34
Pf.: so du vil arbaitst, so gewinnstu trübe augen Albr. v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) h 5
a; wenn nur ein stäublein ins aug fällt, so wirds trüb Lehman
floril. polit. (1662) 1, 379; ich sehe in die ferne richtig und gesund: mein gesicht aber ermüdet leicht bey der anstrengung und wird trübe J. J. Chr. Bode
Montaignes ged. (1793) 4, 238; bei dem anhaltenden, starren hinsehen auf die nämliche fläche kann es nicht anders kommen, als dasz die augen auch des schärfsten beobachters anfangen trübe zu werden Schiller 5, 1
G.; bildlich: sein auge war gewisz nicht trüber organisirt als andere Justi
Winckelmann (1866) 2, 281.
spezifisch für bestimmte krankheitserscheinungen des [] auges: ein wasser für trübe augen O. Gäbelkover
artzneybuch (1594) 1, 108; wann ein pferd trüebe augen hat, ja auch von flüssen, so nimb fenchelwasser Seutter
hippiatria (1599) 150; man musz dem möhnischen pferd, in währender zeit des trüben augs und wann der flusz würcklich darinn ist, auf keinerley weise glatt futter geben v. Hohberg
georg. cur. aucta (1715) 2, 199
a;
vom erblindeten auge: das eine auge (
Miltons) war bereits trübe geworden Treitschke
hist. u. polit. aufs. 1, 22;
auf die schwindende sehkraft bei sterbenden zielend: owe du liepster herre min, wie sind so trieb die augen din (
Luzerner hs. v. 1494) Mone
schausp. d. mittelalt. 1, 202; sein herz pocht schon verwirrt, sein trübes auge bricht Haller
ged. 47
Hirzel; willst du nicht ... mehr winken, auge, so starr und trübe? maler Müller
w. (1811) 1, 102;
so auch bildlich im sinne von '
starr, leblos': das alte waldland (
die altdeutschen sagen) wird aus andern augen sehen, als das trübe, blinde, gläserne, das ihm unsere hölzerne herren eingesetzt Görres
ges. briefe 3, 25. I@C@2@bb)
besonders häufig von den durch tränen verschleierten augen eines weinenden: sî wurden dicke schamrôt ... diu ougen trüebe und naz Hartmann v. Aue
Iwein 6301; sus getâner nôt kan diu minne wunder machen trüebiu ougen nâch der trüebe rôt Neidhart 72, 21
Wieszner; namentlich seit dem 17.
jh., dem zeitalter des religiösen gefühlsüberschwangs, reich belegt (
s. weinen
teil 14, 895
u. 900): mein auge wacht und weint sich kranck und trübe Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
kirchenl. 3, 392
a; wonnevolle zähre flieszt von meinem trüben auge nieder Göthe 38, 59
W.; ihr trüben augen, die vor thränen ihr nicht des frühlings blüten seht Geibel
ges. w. (1883) 2, 93;
entsprechend in verbaler fügung: mir wird ganz trübe vor den augen Gerstenberg
Ugolino iv, 1
in: dtsche nationallit. 48, 256; wir sahen einander in die augen, und mir ward vor dem auge so trüb Göthe 1, 268
W.; bildlich: der herr braucht klare augen zum zahlen, aber ich glaub, es werden dem herrn Jakob ziemlich trieb werden (
die augen tränen) Ph. Hafner
ges. w. (1812) 2, 174;
von hier aus poetisch auf die tränen selbst übertragen: Claros flieszet nimmer klar, sich mit trüben thränen füllt Neumark
neuspr. t. palmb. (1668) 369; dein süszes bild, Edone, schwebt stets vor meinem blick; allein in trüben zähren Klopstock
oden 1, 212
M.-P. I@C@2@cc)
mehr auf die äuszere erscheinungsform des auges bezogen, in mischung mit trübe I D,
im sinne '
glanzlos, matt, stumpf'
; als kennzeichen der trunkenheit angesehen: seine augen sind trübe von wein
1. Mose 49, 12; din ougen sind trüb, rot und rünnen. das ists, das ir am wyn gewünnen! H. R. Manuel
weinspiel 3222
ndr.; redensarten, womit die Deutschen die trunkenheit einer person andeuten ...: er hat trübe augen Lichtenberg
verm. schr. 3, 36.
anders bedingt: ihre augen, vormals glänzend von liebe, waren nun eingefallen, dunkel und trübe Kortum
Jobsiade (1799) 3, 117; sein (
des knaben) auge ist beynah trübe gegen des vaters glänzend schwarzes A. W. Schlegel
Athenäum 2, 71 (
von Holbeins gemälde der madonna mit der familie des bürgermeisters Meyer);
ähnlich: der hund sah mit (
vom schlafe) trüben augen zu ihm auf Storm
s. w. (1904) 2, 182;
ebenso auch trüber blick
für den unklaren, durch [] tränen und trauer verschleierten blick, wobei die grenze zu trübe II B 1
verflieszt: erheitre nun die trüben blicke, wisch ab das salz der bittern thränenfluth Gottsched
ged. (1751) 1, 4; und aus den hallen schleichen schmerzensbleiche bethränte dirnen trüben blicks hervor A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 211;
verbal gewendet: in noht und jammer sehen trübe: hieran erkennt man wahre liebe, die mit in freuden lustig war, traurt nu bey meines bettes bahr Stieler
geharnschte Venus 52
ndr. I@C@2@dd)
von der mangelnden fähigkeit des sehens auf die mangelnde geistige fähigkeit des erkennens übertragen, wobei blick
das typische begleitwort darstellt: doch wenn erfahrung kömmt, wenn diese nebel fliehen, die noch den trüben blick der jugend überziehen Cronegk
schr. (1766) 2, 110; weich ungeweihter! deinem zu trüben blick ist überschleiert schönheit im anbeginn Klopstock
oden 1, 161
M.-P.; ihr naht euch wieder, schwankende gestalten, die früh sich einst dem trüben blick gezeigt Göthe 14, 5
W.; adverbial: liebe und hasz sind gar nah verwandt, und beyde machen uns trüb sehen Göthe IV 1, 244
W. I@DD.
als gegensatzbegriff zu hell, leuchtend, glänzend
auf farben, auf das licht und auf geringe leuchtkraft, schwache beleuchtung oder mangelnden glanz zeigende objekte übertragen, eine wohl von B
ausgehende entwicklung; mhd. bereits ähnlich von waffen, die durch beflecken ihren glanz einbüszen, sonst erst nhd. bezeugt: des wâren den von Tronjeir schilte trüebe und bluotes naz
Nibelungen 1559, 4
L.; der iwer helmschîn muoz vil trüebe werdenvon der mînen hant 2207, 2
L.; anders, in direkter übertragung von A
her, vom feuerhimmel: umb den luft ist feur und daz feur ist lauter und niht trb, dar mb gibt ez kainen schein Konrad v. Megenberg
dtsche sphaera 7, 20
Matthaei. I@D@11)
von farben und farbigen gegenständen, die dunkel wirken, keine leuchtkraft haben, stumpf erscheinen, glanzlos aussehen; als '
dunkel'
nur im älteren nhd. gebräuchlich: wiewol ... die einen ein helle, die andern ein trübe kapp antragen, ein rauchfarb vom fegfewr geräuchert Fischart
binenkorb (1588) 26
a: ... ich so manche kutt beschrieb, die eine hell, die ander trüb Fischart
s. dicht. 1, 151
Kurz; es war ein trübes tuch ihr um den schlaff gebunden Hoffmannswaldau-Neukirch
ged. (1697) 2, 14;
von trübe II D
her bestimmt, von der dunklen trauerfarbe: ... eine ehrwürdige matrone, schon in völliger tiefer trauer um die gestorbene herrin (
die königin Luise), während die beiden töchter ... unter thränen noch an dem trüben schmucke für sich arbeiteten Fouqué
gefühle, bilder u. ansichten (1819) 1, 6;
anders, '
befleckt und deshalb unrein, dunkel erscheinend',
von der hautfarbe: und doch der gute kerle sieht selbst wie eine perle, die auf dem miste liegt, und ist so trüb und dunckel, ach wie ein schwartz carfunckel Stranitzky
ollapatrida 44
ndr.; vom kolorit eines gemäldes '
ohne leuchtkraft, stumpf': zwei bauern, einer mit dem bierkrug. Brouver. geistreich, aber etwas trüb (
oder '
melancholisch'?) Göthe 47, 384
W.; sonst ist er (
Lebrun) trüb in der farbe Justi
Winckelmann (1866) 1, 279;
neben farbbezeichnungen zur angabe, dasz die farbe nicht rein wirkt, sondern infolge einer mischung unklar oder dunkel aussieht: am fernen horizont schimmerte ein dunkles roth, ein trübes gelb
[] Bettine
tagebuch 122; blattstiele und fiedern haben durch die ... behaarung ein trübes grün (
Schweizer heckenkerbel) Schlechtendal
flora (1880) 27, 333; die Tiroler berge schatteten sich zu trübem grau grafen Stolberg
ges. w. 6, 79;
absolut: bei jener trüben farbe ... sind die australischen bäume selten im stande, dichte, schattige wälder zu bilden Ratzel
völkerkde (1885) 2, 9. I@D@22)
vom licht und leuchtenden körpern im sinne '
nicht klar und hell strahlend, schwach leuchtend, dunkel brennend'
; seit dem 18.
jh. bezeugt. I@D@2@aa)
von dem natürlichen licht und seinen trägern und erscheinungsformen: die trübere sonne spornte schon ihren lauf, verlängerte die nächte, kürtzte den tag Ramler
einl. in d. schönen wissensch. (1758) 1, 390; weh! steck ich in dem kerker noch? verfluchtes dumpfes mauerloch, wo selbst das liebe himmelslicht trüb durch gemahlte scheiben bricht! Göthe 14, 28
W. (
Faust 401); ein trüber mond war drauszen aufgegangen und sah herein Storm
s. w. (1897) 1, 310; des pöbels schrecken, ein komet, mit seinem ungeheuren schwanze, was ist er in dem trüben glanze? Gottsched
ged. (1751) 1, 118; George ... erblickte drüben im spiegelglas seinen schatten von einem trüben abendrot umflossen I. Seidel
das labyrinth (1922) 198;
adverbiell: in den trüb und verworren beleuchteten seitlichen theilen (
des sehfeldes) Sömmerring
vom baue d. menschl. körpers (1839) 6, 746;
den indifferenten charakter des begriffes zeigen besonders folgende belege, in denen trübe
ein zusammenwirken von hell und dunkel ausdrückt: ein trübes regenlicht um sie her Heinse
s. w. 4, 342
Sch.; im tiefsten hintergrunde aber sasz jederzeit eine ... frau ... in einem trüben helldunkel G. Keller
ges. w. (1889) 1, 59; ich hatte in der trüben dämmerung ... das gefühl bekommen, als ob ich eigentlich keine jugend erlebt hätte 3, 59; durch die scheiben drang nur ein trübes zwielicht, sodasz eine brennende lampe das beste thun muszte, um den raum zu erhellen G. Freytag
ges. w. 9, 10. I@D@2@bb)
von künstlichem licht und leuchtkörpern: des thurmes flamme war trüber, doch war ihr lodern noch da Kretschmann
s. w. (1784) 1, 240; aber der gottknabe (
Dionysos) wirft sich aus dem feuer heraus, und leuchtender als ein stern verdunkelt er die gluth, dasz sie finster und trüb erscheint Göthe 49, 110
W.; trübe flackert das verglimmende feuer im kamin fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 1, 456;
oft von lichtquellen, die ihrer art nach nur eine schwache beleuchtung geben, so der lampe und kerze und ihrem licht: du alte rolle, du wirst angeraucht, so lang an diesem pult die trübe lampe schmauchte Göthe 14, 39
W. (
Faust 679); da steckte es (
Aschenputtel) sein trübes öllämpchen an
kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 98; Hans Unwirrsch ... sah auf die trübe kerze W. Raabe
hungerpastor (1864) 2, 71; wie lange soll auf den altären das trübe licht der kerzen währen, das aller welt des irrthums leitstern war? Gottsched
ged. (1751) 1, 295; im trüben schimmer des flurlämpchens Storm
s. w. (1899) 1, 302;
adverbiell: die lichter brannten trüber Fontane
ges. w. I 5, 50. I@D@2@cc)
von hier aus erklärt sich bildlicher gebrauch in formeln wie etwas in trübem lichte (
in ungünstiger beleuchtung) sehen
u. ähnl.: alles stellt sich mir in trübem lichte dar Knigge
roman m. lebens (1781) 3, 17; Schubart (
sah) aus dem kerkerqualm und pietistischen nebel heraus ... sein früheres leben in einem allzu trüben lichte D. Fr. Strausz
Schubarts leben 1, xv;
auf anderer linie liegen [] fälle, wo trüber schein
eine in ihrer kraft geschwächte oder noch nicht entwickelte erscheinung bezeichnet: das reinste licht der lautersten erkenntnisz (
der göttlichen offenbarung) musz sich zuvor in einem körperlichen gegenstande brechen, damit es nur im reflex, und im gefärbten, wenn auch trüberen schein, auf das ungeübte auge falle Creuzer
symbolik (1810) 1, 4; es (
das tier) hat selber nur erst den trüben schein einer seele Hegel
w. (1832) 10, 1, 171;
vergleichbar: nur mühsam und anfangs trübe konnte sich das reine licht der wiedererwachten erkenntnisz (
der katholische glaube) aus dem strudel der bewegten zeit ... emporarbeiten Fr. Schlegel
s. w. (1846) 2, 199. I@D@33)
von dingen, die infolge geringer beleuchtung fast dunkel erscheinen, aber doch eine gewisse menge licht empfangen; doch gilt in älterer poetischer sprache trübe
vielfach hyperbolisch als synonym für dunkel, finster;
auch hier ist ein einschlag von trübe II
oft mehr oder weniger deutlich fühlbar. I@D@3@aa)
von dunklen tageszeiten, besonders der nacht: ir klâren ougen wart der tac trüeb unde vinster als diu naht Gottfried v. Straszburg
Tristan 1301
Bechst.; man saget in (
den blinden) vil manichvalt von truber naht, von lichtem tage
passional 341, 51
Hahn; des morgens, do der tag uff brach und die trübe nacht vergangen was
historienbibeln 825
Merzdorf; er (
der himmel) birgt hergegen auch die schwartze trübe nacht Opitz
opera (1690) 3, 284; bey trüber nacht A. G. Kästner
verm. schr. (1755) 1, 164;
bei bildlichem gebrauch oft mit dem beisinn '
leidvoll, betrübnis bringend': ist unser oberhaupt, und lest die seinen nicht ... in dieser trüben nacht Opitz
teutsche poem. 242
ndr.; denn heimgekehrt ist, euch und diesen allen licht nach trüber nacht zu bringen Agamemnons macht Droysen
Äschylus w. (1841) 60; bey trüber abendzeit König
ged. (1745) 193; so winkt gott manchem am trüben abend seines lebens, manchem am heitern morgen Hippel
lebensläufe (1778) 2, 535;
anders als bei dunkel
ist bei trübe
die abstraktion schon früh so weit fortgeschritten, dasz verbindungen wie trübe zeiten, stunden
u. s. w. nicht mehr als bildlich gelten können, zumal trübe II
bereits der ältesten deutschen sprachstufe angehört. I@D@3@bb)
von dunklen oder schlecht beleuchteten und daher als unfreundlich empfundenen räumen, oft mit beiklang von trübe II D: da manches tiefe thal der eingang scheint zu seyn zu Plutons trübem sal Rompler v. Löwenhalt
erstes gebüsch (1647) 55; der vetter sah sich ängstlich in dem trüben zimmer um A. v. Arnim
sämtl. w. 2, 206; in meinem trüben kerker Tieck
schr. (1828) 1, 85; in den niedrigen, engen und trüben räumen von Holywoodhouse Ranke
s. w. 14, 262;
bildlich in freierem gebrauch mit abschätzigem ton wie '
obskur': wie grosz ist die schwachheit, am erhabensten orte der welt ... noch immer des mürrischen inspectors in dem winkel des trüben Seehausen nicht vergessen zu können! Justi
Winckelmann (1866) 1, 122;
ähnlich, '
leidvoll': es liegt noch ein weg vor mir, trüb und dunkel maler Müller
w. (1811) 2, 86. I@EE.
von A-C
ausgehend als technischer terminus, besonders in Göthes
optik und farbenlehre; zur sache vgl. Boucke
wort u. bed. in Göthes sprache (1901) 167
ff., R. Magnus
Göthe als naturforscher (1906) 223
ff., M. Morris
jubiläumsausg. 40, 28
ff. und H. Wohlbold
jahrb. d. Götheges. 13 (1927) 31
ff. alle mehr oder weniger durchsichtige materie, an der man farbenerscheinungen bei durchfallendem oder auffallendem licht beobachtet, gasförmige (
dunstige luft und rauch),
flüssige (
wasser),
feste (
mineralien und glas),
bezeichnet Göthe
als trübe mittel; trübe
ist die indifferente zwischenstufe von hell und dunkel: (
der rauch ist)
[] als ein trübes mittel anzusehen, das uns vor einem hellen grunde gelb oder röthlich, vor einem dunklen aber blau erscheint II 1, 66
W,; der grund des meeres erscheint den tauchern bei hellem sonnenschein purpurfarb, wobei das meerwasser als ein trübes und tiefes mittel wirkt 1, 67; unter den festen mitteln begegnet uns ... der opal, dessen farben wenigstens zum theil daraus zu erklären sind, dasz er eigentlich ein trübes mittel sei, wodurch bald helle, bald dunkle unterlagen sichtbar werden 1, 67;
bildlich: die priester lieszen sie (
die gläubigen) die erkannte wahrheit nur durch ein trübes medium sehen W. v. Humboldt
br. an Welcker 73;
vergleichbar: wenn ich die aus der ferne herangekommenen freunde nur durch den trüben schleyer einer verdüsterten gegenwart begrüszen konnte Göthe IV 38, 3
W. IIII.
die anwendung von trübe
auf den traurigen zustand des gemüts ist bereits as., ahd. und ags. bezeugt und offenbar im westgerm. erfolgt, vermutlich in direktem anschlusz an trüben,
das ja bereits got. im übertragenen sinne '
verwirren, irre machen'
überliefert ist. sowohl ahd. wie ags. übersetzt trübe
das lat. turbatus, conturbatus und zeigt deutlich noch die bedeutung '
verwirrt, verstört, aufgeregt, unruhig und daher kummervoll',
die im as. nicht mehr so klar heraustritt, doch vgl. hugi drôBi
in parallele mit môd gihrôrid
Heliand 4750
f. Heyne. mhd. wird trübe
im sinne '
bekümmert, traurig, betrübt, leidvoll'
wie schon im as. als bildlicher gebrauch von trübe I
empfunden und verliert das dynamische element der grundbedeutung. schon mhd. findet sich das wort auch auf die ursache der gemütsbewegung übertragen; im nhd. erweitert es seinen geltungsbereich auf alle dinge, die betrübnis erregen oder enthalten, wird aber in der neueren umgangssprache durch betrübt
und betrüblich
teilweise wieder zurückgedrängt. für heutiges sprachgefühl drückt trübe
im allgemeinen einen schwächeren grad trauriger gefühle von mehr unbestimmtem charakter aus, namentlich schwermut, pessimismus, niedergeschlagenheit u. s. w., vgl. trübsinn 3. II@AA.
zufrühest von den geistigen organen wie herz, gemüt, sinn und ihren äuszerungen, vom menschen selbst und seinen affekten; in den ahd. belegen (Notker)
noch dynamisch empfunden (
s. oben),
vgl. ags. swŷðe drôf môd ('
a very troubled mind') Bosworth-Toller 214
a und môd ûre drêfende
mentes nostras turbidas 211
a. II@A@11) lose mih, wanda ih turftig unde arm bin ... min herza ist truobe in mir (
cor meum conturbatum est) Notker 2, 473
P. (
ps. 108, 22); min sela ist truobe worden unde min buch, min zorn ringet in minemo herzen 2, 98 (
ps. 30, 10); taz muot ist truobe (
mens nubila est) 1, 50; die sint truobes muotes fone iro bruodero unrehte 2, 98 (
ps. 30, 11); ... sô warð imu is hugi drôB, warð imu gisworkan seBo ...
Heliand 4572
Heyne, vgl. 4750, 4997; wizzet, daz ir guoter lip mannes truebez herze schœnet
minnesinger 1, 361
a v. d. Hagen; swaz ir der künic seite,doch hete si trüeben muot
Nibelungen 578, 1
L., vgl. 787, 3; (
die apostel) verhalen iren truben mut in ir herzen tougen
passional 126, 69
Hahn; zun sternen auf ... ich schau mit trüben sinnen Fr. v. Spee
trutznacht. (1649) 83; in solcher süszen ruh empfand er neue sachen, welch ihm sein trübes hertz bald konten munter machen J. Rist
Parnasz (1652) 281; was drückt den trüben geist und dämpft die neue lust? A. Gryphius
trauersp. 217
Palm; wil ihm was schwerer werden, ... macht ihm den muth zu trübe S. Dach 102
Österley; es gibt so bange zeiten, es gibt so trüben mut Novalis
schr. 1, 77
Minor; unwill und schmerz ringt mir in trüber seele Tieck
schr. (1828) 1, 242;
[] doch spät erst naht der schlaf den trüben sinnen A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 229; wer hat des königs trüben sinn erheitert? Göthe 10, 8
W., vgl. auch trübsinn; trübes gemüt
animo torbido, turbato Kramer
t.-ital. 2, 1153
c. II@A@22)
von personen, oft mit dem beiklang des schwermütigen, vgl. droef
vultuosus (
nl., 1500) Diefenbach
nov. gl. 387
b: 'gi sind nu sô druoBia',quað hie, 'nu gi minun dôð witun'
Heliand 4725
Heyne; anders: die (
feinde) sin scameg unde truobe ('
verwirrt') (
erubescant et conturbentur) Notker 2, 346
P. (
ps. 82, 18); '
verdrieszlich, betrübt': sie (
die frau) soll nicht unter der zucht schein dem mann darumb vertrüszlich sein, noch durch anmutige sachen den man trüb und unlustig machen Fischart 3, 150
Hauffen; wan liebe trübe macht, dem hertzen giebet schmertzen Zesen
verm. Helikon (1656) 1, 141; der gedanke, an einem fremden orte zu winterszeit einstand geben zu müssen, machte mich nicht trübe Göthe 27, 44
W.; seit dem tage ward dem könige trüb und weh E.
M. Arndt
w. 6, 221
R.-M.; weshalb wirst du dabei so trübe? Grabbe
w. 1, 355
Bl.; ich bin so krank, ich bin so trübe Overbeck
verm. ged. (1794) 38; da sie uns wieder froh hatte, warnte sie uns hinterher noch einmal: nicht, sagte sie, vor dem betrübt, sondern vor dem trübe seyn (
schwermütigen anwandlungen) Fr. H. Jacoby
w. (1812) 1, 102;
ähnlich '
pessimistisch veranlagt': es liegt tief in der trüben natur des menschen, in einer ernsterfüllten ansicht der dinge, dasz das unerwartete, auszerordentliche (
das plötzliche auftreten groszer kometen) flur furcht, nicht freude oder hoffnung erregt A. v. Humboldt
kosmos 1, 119;
schwächer '
mutlos, niedergeschlagen': (
Johannes:) ich habe wirklich nicht recht zu was lust mehr. (
Anna:) ... herr doktor! ... wer wird gleich so trübe sein! G. Hauptmann
eins. menschen (1891) 1, 53; '
grämlich, mürrisch, verdrossen': er (
Karl XI. v. Schweden) sieht nicht aus wie ein freundlicher, fröhlicher, gutmüthiger bauer, sondern wie ein strenger, ernster, mühseliger und trüber bauer, der sein tagewerk tüchtig thut, aber wenig freude daran hat E.
M. Arndt
schr. an s. l. Deutschen 1, 220;
in adverbieller fassung '
mit trauriger stimmung': mit der kranken geht es gestern und heute noch nicht besonders und wir beschlieszen das jahr trüb und sorgenvoll
briefw. zwischen J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 1, 294; als der marquis de Brézé erschien ..., sprach Ludwig trübe und tonlos ... Dahlmann
gesch. d. franz. rev. (1845) 216; doch nimmer konnt es (
das herz) eigne ruhe finden, kehrt trübe in die auszenwelt zurück Bettine
Cl. Brentanos frühlingskr. (1844) 387; '
melancholisch': den fröhlich der wein macht, den machts auch die lieb, und wer beim trunk weint, der liebt schwärmrisch und trüb Nestroy
ges. w. 1, 30;
bildlich von der natur: die Elbe liegt noch trüb und mürrisch in ihren eisbanden Bismarck
br. an s. braut u. gattin (1900) 8. II@A@33)
von affekten und gemütszuständen; noch stark bildlich empfunden: ein trüebez leit hât uns benomen der vil liehten freuden schîn Konrad v. Würzburg
Engelhard 3118; verlasz die trübe wollüst, die so schwerlich auff zu heben seind (
demitte istas voluptates turbidas, magno luendas)
M. Herr
sittl. zuchtb. (1536) 73
a; der zorn ... ist ein wütigkeit, der da viel trübe bewegnussen im gemüt erwecket Äg. Albertinus
zeitkürtzer (1603) 24
b; spiele, kind, in der mutter schoosz! auf der heiligen insel findet der trübe gram, findet die sorge dich nicht Schiller 11, 43
G.; [] man kann sich nicht vorstellen, mit welcher trüben sehnsucht wir diesen booten vom schiffe aus nachsahen! J. G. Forster
s. schr. 2, 312; ists nicht schrecklich, seiner trüben laune so freien lauf zu lassen? Herder 10, 386
S.; unsere trübe stimmung über diesen todesfall ward durch die neblichte naszkalte witterung noch vermehrt O. v. Kotzebue
neue reise (1830) 2, 15; zwischen trüben oder niederdrükkenden und erhebenden oder freudigen gefühlen Schleiermacher
s. w. I 3, 17; er (
Unwirrsch) verfiel (
durch die trennung von seinem freunde) in einen trüben ungesunden zustand Raabe
hungerp. (1864) 221. —
gern übertragen auf die stimmung, die sich in einem kunstwerke ausdrückt; bildlich: jedes seiner (
Shakespeares) stücke hat seine eigne hellere oder trübere atmosphäre O. Ludwig
ges. schr. 5, 73
Schm.-St.; nie wurde mir die öde meines daseins deutlicher als in solchen augenblicken, bis ich dann ein buch ergriff, von denen mir keines trüb genug war Bismarck
briefe an s. braut u. gattin 49; sehr schön ist auch das kleine adagio in h-moll ... von ernstem, gehaltenem ausdruck, der durch eine beimischung trüber empfindung seine eigenthümliche farbe erhält O. Jahn
Mozart 4, 15. II@BB.
seit dem 17.
jh. vom ausdruck der gemütslage in gebärde, gedanke und wort bezeugt. II@B@11)
von mienen und gebärden, die eine traurige, bekümmerte, schmerzliche stimmung andeuten: doch schleust des kerckers grufft mein trübes angesicht A. Gryphius
trauersp. 159
Palm; (
wie kommt es, dasz du) die trübe stirne rümpfst und tiefe seufzer sendest J. Grob
dichter. versuchg. (1678) 23; warum ist deine stirn so trüb? Göthe 16, 128
W.; halb aus ungeschick und verlegenheit würde ich ein trüb gesicht machen fürst Pückler
briefwechsel u. tageb. 1, 111; (
ich) glaubte das tiefliegende miszvergnügen seines herzens aus einigen trüben zügen seines antlitzes herunterlesen zu können Schubart
leben u. ges. (1791) 1, 247; die trüben mienen verriethen, dasz nicht jeder hoffnung hatte Alexis
ruhe ist die erste bürgerpflicht 1, 78; mann, mit der stirne trüben falten A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 1 (1877) 55;
vielfach in verbaler verbindung: trübe (aus)sehen
u. ä. (
sieh sehen
teil 10, 1, 133
ff.): guten tag herr Nausicles, wie stehts, wie gehts, wie seht ir so trübe aus?
engl. comed. u. traged. (1624) z 2
b; trüb aussehen
haver' una' ciera torbida, accigliata Kramer
teutsch-ital. (1702) 2, 1153
c; (
Adelheid:) du siehst so trüb, mein bester! Göthe 13, 2, 313
W.; (
Richard:) Mylord von Surrey, warum seht ihr trübe?
Shakespeare (1797) 9, 188; er schaut ma vil z trüab (
er sieht mir zu verdrieszlich aus) Hartmann
volksschauspiele in Bayern u. Österr. 263; dein auge lächelt trübe? Zach. Werner
das kreuz an der Ostsee (1806) 49; Apollonius lächelte trüb O. Ludwig
ges. schr. 1, 357
Schm.-St. II@B@22)
von gedanken, vorstellungen, erinnerungen, betrachtungen, meinungen, äuszerungen; seit dem 18.
jh. mit wachsender häufigkeit, vgl. trübe gedancken
pensieri torbidi, neri, foschi Kramer
teutsch-ital. (1702) 2, 1153
c;
bildlich: Ebert, mich scheucht ein trüber gedanke vom blinkenden tief in die melancholey! weine Klopstock
oden 1, 38
M.-P.; selig ist der, dessen seele durch keine trübe gedanken verfinstert Geszner
schr. (1777) 1, 113; jeder trübe gedanke ist ein irdischer, vorübergehender gedanke der angst Novalis 2, 106
M.; nur eine schwache hoffnung (
dasz er Natalie antreffen werde,) konnte manchmal durch die trüben vorstellungen durchblicken Göthe 23, 153
W.; die erst so trüben vorstellungen verlieren nach und nach ihr schreckendes Melch. Meyr
erzähl. a. d. Ries 1, 36;
[] da tönt ein seufzer bang und schwer gar trüber erinnerung geweiht an jüngst entschwundne seligkeit Gaudy
s. w. 4, 7; das erste kriegsjahr ..., militärisch wie politisch trübe erinnerungen ... hinterlassend Mommsen
röm. gesch.4 2, 237; wenn trübe mahnung noch einmal uns peinigt und schreck in unsre goldnen lande streut — du sprichst in zuversicht: mit mir vereinigt befürchte nicht was flüchtig sich erneut stefan George
jahr d. seele 41
ges.-ausg.; ferner erzählt er (
Rochlitz), wie Mozart ... dann in tiefernsten, häufig trüben und bittern betrachtungen sich erging O. Jahn
Mozart 3, 236
anm. 126; wem gelingt es? trübe frage, der das schicksal sich vermummt, wenn am unglückseligsten tage blutend alles volk verstummt Göthe 15, 1, 238
W.; wohl eine trübe wahrheit! A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 195; (
Grimhildis:) sprich nicht so trübe worte Fouqué
held d. nordens (1810) 1, 143; '
bitter': miszdeute nicht ein trübes wort, das nicht, du gute, dir galt Chamisso
w. (1836) 3, 151; '
freudlos': es galt durch das ganze mittelalter, bei der trüben, einseitigen weltansicht der priester und laien, das tanzen als etwas sündliches Böhme
gesch. d. tanzes (1886) 91. II@B@33)
vielfach im hinblick auf eine not und leid bringende zukunft von ahnungen, befürchtungen u. dgl., '
pessimistisch': auf die festliche rückkehr Agamemnons wirft Cassandra neben ihm auf der quadrige einen schatten trüber ahndung A. W. Schlegel in:
Athenäum 2, 244; ich habe mich auch nie der trüben historischen ahnungen entschlagen können Laube
ges. schr. 8, 6; infolge der verschärften maszregeln gegen die ketzer (
i. j. 1559) herrschten denn unter den anhängern des bekenntnisses die trübsten erwartungen vor Ranke
s. w. 8, 139; auch der erste (
feldzug) begann mit trüben befürchtungen 16, 181; wir haben unsern Viktor unter lauter trüben vermuthungen stehen lassen Jean Paul 7/10, 364
H.; viele trübe vorhersagungen seitens der gegner unserer verfassung Bismarck
polit. reden 1, 14
Kohl; vergleichbar: das schwedische volk selbst war in einem ähnlichen zustande kalter gleichgültigkeit und trüben hinstarrens in die zukunft E.
M. Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen (1845) 1, 191. II@CC.
bereits mhd. von zeiträumen gebraucht, die als '
bedrückend, unerfreulich, elend, leidvoll, traurig, freudlos'
empfunden werden, wobei nicht selten die subjektive bedeutung hinter einer mehr objektiven anwendung im sinne '
böse, schlimm, schwer'
zurücktreten kann; der von trübe I B 4
ausgehende bildliche gebrauch (
s. sp. 1172)
kreuzt sich hier mit abstraktem trübe II. II@C@11)
am nächsten mit trübe I B 4
berührt sich die verbindung trüber tag: soll ich noch kummervoll des trüben tages denken Gottsched
dtsche schaubühne (1741) 2, 20; aus den armen der freude, die sich ihrer nach langen trüben tagen bemächtigte Göthe 21, 70
W., vgl. auch IV 31, 201; junger mensch! du fängst an mir trübe tage zu machen Lenz 1, 293
Tieck; es war mir gestern trüb der tag, eine tiefe schwermuth auf mir lag Brentano
ges. schr. 2, 70;
ähnlich gebraucht: ein trüber winter lag hinter mir zum gröszten theil überstanden; dauerndes krankheitsgefühl hatte mich nach Italien getrieben Gutzkow
ges. w. (1872) 7, 449. II@C@22)
abstrakter beim bezug auf unbestimmte zeiträume wie zeit, vergangenheit, zukunft
u. ähnl.; mhd. noch im bilde: nach trüber zit ain liechten tag
bei Laszberg
liedersaal 1, 184;
[] ein wunderwerk ..., das weder frost, noch glut, noch trüber zeiten lauf nicht könte reiszen hin P. Fleming
dtsche ged. 1, 44
Lappenberg; adverbiell: unterweiln die zeiten sich etwas trüb anlieszen Sigm. v. Birken
ostländ. lorbeerhayn (1657) 241; denn selbst aus der trüben zeit stammet eine fröhlichkeit Brockes
ird. vergnügen (1721) 2, 178; in dieser trüben, trostlosen zeit des zwischenreichs ... I. v. Döllinger
akad. vorträge (1888) 1, 27; aber Therese ... bat, die trübe vergangenheit ganz zu vergessen Langbein
s. schr. 31, 21; man rettet gern aus trüber gegenwart sich in das heitere gebiet der kunst Uhland
ged. 1, 83
Schm.-H.; stille! du verklärst der trüben zukunft nebelgraun Matthisson
schr. (1825) 1, 21; er (
Leop. Mozart) sah in eine trübe zukunft O. Jahn
Mozart (1858) 1, 231. II@C@33)
ebenso in anwendung auf kleinere zeitabschnitte, stunde, augenblick u. s. w.: (
Apollo,) der trübe stunden gern durch sie (
die musen) sich heitrer macht Löwen
schr. (1765) 1, 49; lasz uns ein unglück nicht trübe stunden machen Geszner
schr. (1777) 2, 114;
stehende wendung ist jemandem eine trübe stunde machen, bereiten '
kummer verursachen': dasz er ihm manche trübe stunde machte Lenz
schr. 3, 122
Tieck; er hat mir manche trübe stunde gemacht Pfeffel
pros. vers. (1810) 5, 80; dasz ihr sohn ihr im leben nie eine trübe stunde bereitet habe
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 4, 428; nur wenig unbrauchbare trübe minuten Eschenburg
beispielsammlung (1788) 4, 62; sie werden es kaum glauben, dasz ich die muthwilligsten stellen in meinen schnurren oft in sehr trüben augenblicken geschrieben habe Lessing 18, 269
M.; mein anblik könnte ihm einen trüben augenblik machen Schiller 3, 12
G. II@DD.
von handlungen, ereignissen, erfahrungen, nachrichten, zuständen allgemeinerer art, '
unerfreulich, schmerzlich, betrüblich',
oft schon mehr objektiv '
widrig, schlimm'
; in älterem nhd. noch vereinzelt konkreter gefärbt: wie wohl etlich meiner miszgünstigen durch radt und trübe sachung (
dunkle umtriebe) mich verjagt haben Eberlin v. Günzburg
s. schr. 2, 173
ndr.; o so musz für trübem kräncken (
infolge schlimmer schädigung) blosz der mensch die stirne sencken! Logau
sinnged. 148
Eitner; so nimm die krohn, o musensohn, ... die nicht der neid, nicht leid noch zeit, nicht trüber unfall kränket Morhof
unterricht (1682) 2, 51; (
ich habe) erfahrn manch unglück trübe Theob. Höck
blumenfeld 13
ndr.; Ebert, was sind wir alsdann, wir verlassenen beyde! läszt uns ein trüberes schicksal länger, als alle sie, hier? Klopstock
oden 1, 40
M.-P.; ungewisz, zu welcher stunde sie von ihrer aus so trüber veranlassung (
trauerfall) unternommenen reise zurückkehren Bismarck
ged. u. erinn. 1, 352
volksausg.; herzog Albrecht (
von Preuszen) wurde von den trübsten ereignissen betroffen Ranke
s. w. 25, 171; das herz verschlang die trüben erfahrungen des verstandes Klinger
w. (1809) 5, 154; da trat in des alten sängers thurm der knab mit trüber kunde Geibel
ges. w. (1883) 1, 64; dieses trübe gemälde (
der politischen zustände in England) hat nichts von seiner wahrheit verloren Gentz
schr. 2, 102; die trübsten abschnitte der nächstfolgenden geschichte L. Häuszer
dtsche gesch. (1854) 1, 241; verliesz sich auch Paula auf die wahrheit dieser worte, so war doch schon lange ein trüber stillstand in des grafen
[] leben eingetreten Gutzkow
zauberer v. Rom (1858) 9, 154; '
unangenehm, fatal': er hatte die trübe gabe ..., künftiges unheil voraus zu sehn Fouqué
altsächs. bildersaal (1818) 2, 14; '
armselig': o sammle mir in köstliches gefäsz der asche, der gebeine trüben rest Göthe 10, 319
W.; subjektiv, '
kummervoll, freudlos': verlassener, was zagest du in trüber einsamkeit? Herder 16, 271
S.; am besten gefiel er sich in einer trüben einsamkeit Wackenroder
herzensergiesz. (1797) 144; genug damit! dein liebchen sitzt dadrinne und alles wird ihr eng und trüb Göthe 14, 166
W.; von der armen Adele habe ich einen recht trüben brief A. v. Droste-Hülshoff
briefe an L. Schücking 158. IIIIII.
aus bildlicher verwendung von trübe I
haben sich einige übertragene bedeutungen entwickelt und verselbständigt, die gesondert darzustellen sind. III@AA. trübe I A
im sinne '
aufgewühlt, unklar'
bildet die bedeutungsgrundlage für trübe
als '
durcheinander gemengt, verworren, chaotisch', '
verwirrt, unklar im geiste',
auch aktivisch '
verwirrend'. III@A@11)
von erscheinungen und zuständen, namentlich der geschichtlichen welt, '
vermischt, chaotisch'
; noch im bilde: sechzehn jahre der verwüstung, des raubs, des elends sind dahin geflohn, in trüben massen gäret noch die welt Schiller 12, 8
G.; im mittelalter klären sich die neuen nationalitäten ... aus jenem trüben gemisch, zu welchem die völkerwanderung die alten stämme zusammengegossen hatte W. H. Riehl
d. dtsche arbeit (1861) 65; unter dem erschütternden eindruck dieses ... gottesgerichts (
des kreuzzuges Konrads III.) schwand eine welt von vorstellungen und erwartungen ... zu einem trüben chaos zusammen Nitzsch
dtsche studien (1878) 17; er sieht, wie er gealtet im trüben weltgewühl Uhland
ged. 1, 239
Schm.-H.; abstrakter von dingen und problemen, die sich der erkenntnis nioht ohne weiteres erschlieszen, '
verworren, verzwickt, heikel': (
an einen rechtsgelehrten gerichtet:) nicht nur die einsicht trüber sachen, auch ein durch ernst gemäszigt lachen, auch witz und dichtkunst steht dir an Ramler
fabellese (1783) 1, 200; übrigens scheinen zwischen beiden verhältnisse obzuwalten, wodurch die sache trübe wird Göthe IV 29, 72
W. III@A@22)
von mangelhaftem denkvermögen und seinen erzeugnissen '
verwirrt, geistig unklar'
; vgl. bildlich schon mhd.: ir sin alsô verdecket lît mit trüeber ungewizzenheit (
unverstand) daz diu vil hôhe tugent breit noch der wârheite schîn ze keiner hande zît dar în mac geliuhten noch gegân Konrad v. Würzburg
Silvester 2093
Ger.; ... also (
gleich einem an sich geraden ruder, das unter wasser krumm erscheint) ist offt ein regent oder mensch richtig und gut, aber in den trüben köpffen scheinet er krumb Lehman
floril. polit. (1662) 2, 533; zu einem religionsfrieden von dieser natur waren jene zeiten noch nicht reif, und die köpfe noch zu trübe Schiller 8, 18
G.; wir beschäftigen ihn aus mitleid als kopisten, denn sein geist erscheint so trübe wie seine vergangenheit Fr. Jacobsen
waldmoder in: daheim 31, 341
a;
anders, '
der natur nicht genügend zugänglich': die rätselhaften zeichen (
unter den schmetterlingsflügeln), eine schrift unlesbar dem trüben sinn Carossa
doktor Bürger (1930) 57; '
verworren': auch die recension über Kants pädagogik liegt
[] bey. vielleicht helfen sie den trüben eingangsperioden zur klarheit Göthe IV 17, 15
W.; so irrt in phantasien trüb und wild A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 228; und trüb und wunderbar wirds ihm zu sinne 2, 239; sein scharfes auge sieht durch unsre nebel hin, kein trübes vorurtheil schwärzt seinen hellen sinn Wieland I 1, 45
akad.; aktivisch, '
verwirrend': Heerdegen hatte in seiner trüben fiebergluth alles herausgesagt, von wessen faust er die wunde trage und warum Fouqué
zauberring (1812) 1, 88; nach tafel, wenn der trübe geist des weins das herz nun öffnet und die augen schlieszt, läszt man ein unterschobnes blatt ... zur unterschrift herumgehn Schiller 12, 128
G. in Göthes sprachgebrauch im hinblick auf die nur halb bewuszten, nicht klar beherrschten triebe und strebungen des menschen; der wortsinn nähert sich vielfach dem von dumpf (
vgl. Boucke
wort u. bed. in Göthes sprache 156
ff.): (
Arkas:) wo trüb und wild ein neues volk, voll leben, muth und kraft, sich selbst und banger ahnung überlassen, des menschenlebens schwere bürden trägt Göthe 10, 64
W.; vgl. auch: in dunkelm genusz und trüben schmerzen 2, 60;
hierher: und so lang du das nicht hast, dieses: stirb und werde! bist du nur ein trüber gast auf der dunklen erde 6, 28. III@A@33)
auf das sittliche leben bezogen '
unrein, unlauter, sittlich verworren',
meist noch im bilde; trübe machen '
beflecken': (
vernehmt,) wie ein lûter gemüete fremder valsch gefrumte trüebe Wolfram
Parzival 402, 2,
vgl. 414, 3
u. 427, 15; der des nächsten ehr macht trüber Hartmann
volksschausp. in Bayern u. Österr. 213;
allgemeiner: fröude trüebe unde tumbe nimet schiere ein ende Konrad Fleck
Flore u. Blancheflur 5726
Sommer; und wirt keinem helfen sin sagen, er sig luter oder trüeb (
tugendlos) so wirt er gricht nach sim gmüet
N. Manuel 253
Bächt.; konkreter, '
unsauber'
im gegensatz zur göttlichen reinheit: daz got truc priesterlichen rok, daz dutet menschlich gezok und des truben vleisches cleit, daz got uber die gotheit zoch als einen gewebenen rok Heinrich v. Hesler
apok. 1835
Helm, vgl. 14701
ff.; die beicht ... ein trübes gewissen in ein ... helles verwandelt Abr. a
s. Clara
etwas für alle (1699) 2, 63;
in mischung mit trübe I D 2: du, der du ... das herz nur höchstens von der trüben lohe der leidenschaft ergreifen lieszest Stifter
s. w. 3, 253
Sauer; was für flaue, trübe, verlogene beziehungen! Carossa
d. arzt Gion 250. III@BB.
von trübe I D
ausgehend hat trübe
in der konfessionellen polemik der reformationszeit als '
im dunkel verharrend, unerleuchtet'
auf die gegner der reformatorischen lehre besondere anwendung gefunden: doch hat die truoeben stet verdrossen, dasz die dri stet Costenz, Lindow und S. Gallen so wol ains warend und das best ansechen hattend J. v. Watt
dtsche histor. schr. 3, 263; es schelten in (
Luther) die trieben, die wölff in gottes stal
bei Clemen
reformationsflugschr. 3, 284. III@CC.
an trübe I D
anknüpfend überträgt sich trübe
vom optischen eindruck auf den akustischen, zugleich vermengt mit einem aus trübe II
stammenden gefühlsgehalt, und wird für dunkle, dumpfe klänge und geräusche gebraucht, die eine traurige stimmung kennzeichnen oder hervorrufen; die bedeutungsanteile verschieben sich vielfältig: [] der trüben hörner klang, der hencker mordgepränge, schreckt geister sonder witz A. Gryphius
trauersp. 162, 53
Palm; der trommler trommelt so trübe Schneckenburger
dtsche lieder (1870) 31;
von der menschlichen stimme: wenn dort ein trübes stöhnen den busen hat geschwellt Rückert
w. (1867) 1, 76; '
undeutlich': mein ruf dämpfte sich drin zu einem trüben gemurmel Watzlik
d. pfarrer v. Dornloh (1930) 87;
von naturgeräuschen: kalt tropft der nebel von der bäume grün ... und lauter wird die tropfmusik und trüber A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 244. IVIV.
substantivischer gebrauch, das trübe, trübes. IV@AA.
entsprechend I A
von flüssigkeiten, '
die trübstoffe, auch der dickliche bodensatz'
; vorwiegend in technischer verwendung (
vgl. bes. I A 2): dann so giesze man es (
das wasser) hüpschlich ab, in andere geschirr, also das das trüb am boden bleibe sitzen Michael Herr
feldbau (1551) 34
a,
vgl.das trübe absitzen lassen
lasciare che si posi, sieda il torbido ò la feccia Kramer
teutsch-ital. (1702) 2, 1153
c; nim silberglöt und essig und rosenwasser und salz, ... lasz jetlichs einsieden ... und lasz erkalten und stehen, bisz das trüb am boden felt Osw. Gäbelkover
artzneybuch (1595) 1, 358; wird aber der harn trüb, und setzet sich das trübe an den boden, so wisse, dasz die natur mit der kranckheit streite Hohberg
georg. cur. aucta (1715) 217
a; 'das trübe,
der durch blutbeimischung nicht mehr lautere, helle, sondern trübe harn (
von rindern)' Höfler
krankheitnamenbuch 754; bey flüssigen fossilien (
naphtha und dergleichen) hat man zwischen durchsichtig und undurchsichtig das trübe ... angenommen Zappe
mineral. handlex. (1817) 1, 263; man übergieszt ... die bohnen (
des kaffees) ... mit wasser, rührt sie kräftig um und gieszt das trübe rasch ab Muspratt
chemie4 6, 286;
allgemeiner: sein getränk schöpfte er mit einem alten topfe, ... von welchem er rühmte, dasz er ... wegen seines eingebognen randes jegliches trübe und unreine vom munde abhalte Immermann
w. 1, 78
Boxb. IV@BB.
im sinne von I D 4
für die durchsichtige, aber getrübte materie, das trübe mittel,
die zwischenstufe von hell und dunkel in Göthes
optik: ich brauche zu meiner construction hell, dunkel und das vermittelnde trübe IV 28, 247
W., vgl. da erschuf er morgenröthe, die erbarmte sich der qual; sie entwickelte dem trüben ein erklingend farbenspiel, und nun konnte wieder lieben, was erst auseinanderfiel I 3, 76; will licht einem körper sich vermählen, es wird den ganz durchsichtgen wählen. du aber halte dich mit liebe an das durchscheinende, das trübe 2, 219; wenn das gelbe dadurch entsteht, dasz ich durch ein erhelltes trübes auf das licht hindurchblicke Vischer
ästhetik (1846) 2, 38;
anders, in anwendung auf atmosphärische erscheinungen nach I B 2: ich seh ins reine blau der luft sich schon was trübes mischen Rückert
w. 1, 252. IV@CC.
in bildlicher und übertragener verwendung entsprechend II
und III
auf geistig-seelisches bezogen: wann einer fleiszig acht hat, so hat keine lügen einen so klaren schein, dasz nicht was trübes (
unlauteres) darunter könne vermerket werden
Reinicke fuchs (1650) 170; das metaphorische wort hat ... immer etwas trübes (
unbestimmtes, vieldeutiges) Göthe 40, 257
W.; es erinnert mich an alles trübe (
unerfreulichen dinge) des lebens Hippel
lebensläufe (1778) 1, 475; den gegensatz des trüben (
melancholischen), gedrückten ... und des hellen, strebenden ... (
in Mozarts c-dur-quartett) empfindet jeder unmittelbar
[] O. Jahn
Mozart 4, 74; nicht etwa nur die angenehmen und freundlichen bilder sind es, die er (
der philosoph) mit jener allverständlichkeit an sich erfährt: auch das ernste, trübe, traurige, finstere, die plötzlichen hemmungen, die neckereien des zufalls Nietzsche
w. (1895) 1, 21. IV@DD.
in präpositionalen wendungen; im trüben,
ausgehend von der konkreten bedeutung '
unklar, unrein, schmutzig'
von gewässern; bildlich entsprechend I A 1 f: er hat ein rechten namen, Luther, wann er will eüch grossen pfaffen zu vil lütern, wil glauben ... ir liessens lieber im trieben bleiben
Karsthans bei Clemen
reformationsflugschr. 4, 1, 111.
besonders in der redensart im trüben fischen,
daneben im älteren nhd. im trüben wasser fischen (
vgl.wasser
teil 13, 2337
und oben sp. 1168) '
in (
durch die elemente oder eignes zutun)
aufgewühltem, schlammigem gewässer mit gewinn fischen',
d. h. '
sich einer verworrenen, unübersichtlichen, schwierigen lage zum eignen vorteil bedienen'
; seit dem humanismus in sprichwörtlicher verwendung beliebt. die redensart ist nicht aus frz. pêcher en eau troublée
entlehnt (
so Seiler
lehnsprichwort 1 [1921] 81),
sondern beruht auf Äsops fabel vom fischer, der das wasser peitscht, um die fische in seine netze zu jagen, und auf die frage, warum er den flusz verunreinige, antwortet: nisi ... flumen ita turbetur, me fame enectum mori oportebit; darauf die moral: haec fabula docet urbium quoque rectores tunc maxime ditescere, quum eas in seditionem induxerint (
vgl. fabulae Aesopicae ed. Furia nr. 241
u. anh. s. 74,
die griech. fassung bei Halm nr. 25).
im sprichwort: im trüben ist gut fischen Cöber
cabinetprediger (1783) 1, 93,
vgl. ebenso Schellhorn (1797) 11, Binder (1873) 197, Fischer
schwäb. 2, 408, Lüpkes
seemannsspr. 161, 4,
entsprechend im auszerdeutschen schrifttum Wander 4, 1339
f.; meist auf vorgänge des öffentlichen lebens bezogen: unbetracht, dasz er (
Coriolan) ... von den burgern ... ausz Rom gejagd ward, als einer der nur im trüben fischen, und in auffrhüren seinen vortheil suchen wolt Fischart
binenkorb (1588) 238
a;
variiert: viel hatten fremdes land im trüben aufgefischt Besser
schr. (1732) 1, 30; man glaubt, dasz (
bei dem aufstand auf den Philippinen) einige Spanier ... die eigentlichen unruhestifter gewesen sind und das volk ... aufgewiegelt haben, um im trüben zu fischen O. v. Kotzebue
neue reise (1830) 2, 162;
in freierer anwendung: wer wolte sich auch in die welt verlieben, die nur ein lazareth, wo lauter kranckheit in dem schwange geht? da fischt der tod im trüben Schmolcke
trost- u. geistr. schr. (1740) 2, 380 wenn ihr (
theologen) euch in den haaren liegt, so fische ich im trüben Lessing 2, 58
M.; in dem klaren mag ich gern und auch im trüben fischen; darum seht ihr den frommen herrn sich auch mit teufeln mischen Göthe 14, 219
W. (
Faust 4324); wonach hat denn die kleine menschenfischerin hier im trüben geangelt? Spielhagen
s. w. (1877) 1, 194.