stöhnen,
verb. fulcire; niti, inniti. form und verwandtschaft: zu oben stöhne
f. gehörig (
s. dort weiteres)
; das wort ist aus dem niederd. in das mitteldeutsche gedrungen und von Luther
aufgenommen (
doch schon vorher in einer besonderen bedeutungsentwicklung als stunen
bei Nicolaus von Jeroschin,
vgl. unten 3 b);
mndd. stonen,
holl. stonen, steunen, stuenen;
auch Luther
hat noch vereinzelt die form stonen,
bevorzugt aber durchaus die umgelautete form stönen;
ein seltenes stenen
gehört wohl nur dem drucker (
s. die belege unten).
Oberdeutschland hat das wort nicht aufgenommen, vgl. als bezeichnend Luther
s sermon von der bereitung zum sterben (1519),
wo es im Wittenberger druck heiszt: wer also pocht und sich auff die sacrament stonet (
saeramentis fidenter innixus), des erwelung und vorsehung wirt sich selb an seyn sorg und muhe woll finden (2, 693
Weim.),
der Leipziger druck hat stenet,
Augsburg aber: sich auff die sacrament verlasst. —
in der frage der etymologischen verwandtschaft spricht vieles dafür, unser wort von dem folgenden, heute noch allein in der schriftsprache lebendigen 2stöhnen
verb. nicht zu trennen; wie denn hier die begriffliche voraussetzung für jenes beschlossen liegt: die arbeit, sich gegen einen gegenstand zu stemmen, ja ihn vorwärts zu stemmen, und in ihrem gefolge die seelische äuszerung über diese körperliche anstrengung. das wort ist sehr altertümlich und reicht durchaus in urzeitliche sphäre; als ähnlich vgl. in arbeit
die entwicklung von der '
knechtsarbeit'
zum begriff der '
mühsal'.
für diese bedeutungsentwicklung unseres wortes zu 2stöhnen
verb. gemere, ingemiscere vgl. noch den merkwürdigen beleg bei Gottfried von Straszburg der sin stunt im her unde hin
Tristan 5650 (stǒnt
hs. M.)
zur weiteren sprachlichen verwandtschaft s. unter 2stöhnen
verb. bedeutung: 11)
transitiv nur selten '
einen gegenstand worauf stützen, ihm eine stütze geben'
vgl. holl. van 2 metalen polleyen te ghieten, van bloke en stellinghe, die bussen an te stuenen
quelle von 1420
bei Verwijs-Verdam 7, 2209.
und ostfriesisch de mr, dat hûs, de bôm, de balke mut stnd worden, dat hê nêt fald (umfald
oder brekt) ten Doornkaat Koolman 3, 327
b.
im folgenden bildlich: darumb wenn er (
der teufel) dich am sterben finden wirt, das du deyn gewissen auff menschen gepot stönest und wilt sagen: alszo haben myr gepotten der bapst, kirche, fursten ... Luther 10, 2, 22
Weim. (
von beider gestalt des sakraments zu nehmen 1522). 22)
gewöhnlich (
und bezeichnend genug)
reflex.: 2@aa) sich gegen einen gegenstand stöhnen
sich dagegen stemmen: vgl. holl. dayr sych wat tegen stoent
pontellus, theuton. bei Verwijs-Verdam 7, 2209.
zur abwehr: aber gleichwohl stöszet er mit einem arm den obersten von mitternacht auff den bauch, und stönet sich allsus mit der brust und kin so gewaltig und starck wider seine brust und angesicht, das er jn so hinterrück gestoszen ... J. Fincelius
wunderzeichen (1566)
D 1
a. —
bildlich '
sich weigern': (
senior zu den beiden studenten, welche geld zur schmauserei hergeben sollen und sich dessen weigern:) wie hefftig konnt ihr euch doch darwieder stöhnen, da wir doch wohl wissen, dasz ihr nicht nur dieses, sondern
auch ein mehrers gar wohl, ohne euern schaden, thun könnet Schoch
studentenleben 66, 22
neudr. 2@bb) sich auf eines stöhnen
sich darauf stemmen, stützen; besonders in der letzteren bedeutung bildlich verwendet und so in den belegen allein hervortretend '
sich darauf stützen, berufen, auch darauf pochen, sich verlassen',
vgl. niederd. he stönet sik up mi (
er verläszt sich auf mich)
bremischnieders. wb. 4, 1047: dan das die Behem sich stönen auff den spruch Johann 6 ..., schleusst nichts, dan der herr sagt nichts vom sacrament an dem ort Luther 6, 80
Weim. (
verklärung etlicher artikel in seinem sermon von dem heiligen sacrament 1520); (
der mit gott ringende Jakob) hat nichts gefület ynn leib und leben, denn das er sich hat gestönt auff die warheit, di nicht trigen kunde 24, 575
Weim. (ich stön mich uff die warheyt
nitor veritati Alberus 00 4
b); wenn du das gefasset hast, kanstu dich drauff stonen (
niteris eo firmiter) 12, 361
Weim.; aber weil sich
d. Caspar ... auf unsere bewilligung stohnet
briefe 5, 219; sie wissen, uff wes schirm sie sich stönen sollen Michael Risch
paraphrasis Erasmi über das evangelium Johannis (1524) 00 4
a; wenn nur das er (
Moses) sich recht besönn, und auff Messias gnade sich stön, so bliebe er wol vor mir und allen Hayneccius
Hans Pfriem 82
neudr. deutlicher: sol es aber frid haben, so musz sichs auff eyn einfelichen grund stoenen, das ist auff den glauben Luther 9, 626
Weim. vgl. ostfries. sük stnen up wat
sich stützen oder lehnen auf etwas, halt suchen (
eigentlich und bildlich) ten Doornkaat Koolman 3, 327
b. 2@b@aα)
neben sich verlassen: darauff wir uns stönen und verlassen Luther 17, 1, 292
Weim. gott ... wil nicht leiden, das das hertz einen bodem habe, darauff es sich verlasse und stöne 24, 651
Weim.;
durch oder
verbunden: denn er beweyszet nichts, sondern sagts nur daher, wie man eyn meerlin sagt, furet keynen grund, noch schrifft, noch ursache, das sich keyn gewissen kan drauff stonen odder verlassen 18, 181
Weim. —
neben sich trösten: er (
gott) will nicht haben, das wir uns stönen und trosten auff yrgen eyns menschen wort und lere 12, 418
Weim. —
neben pochen: gott hat es gesagt, gott mag nit ligen. noch mit worten noch mit wercken, und wer also pocht und sich auff die sacrament stonet, des erwelung und vorsehung wirt sich selb an seyn sorg und mühe woll finden 2, 693
Weim. 2@b@bβ)
besonders hervorzuheben neben sich aufrichten,
wodurch die sich stemmende bewegung deutlicher hervortritt: auff das jr ... euch auff mich stönen, und auffrichten möget 8, 192
a. 2@b@gγ) (
weiter verblaszend)
kurzweg sich stöhnen,
in dem sinn von '
vertrauen, zuversichtlich glauben und hoffen, sich trösten': es wird wol eyner komen, der wird uns rechen, also sollen wyr uns stönen, so werden wyr erlost 17, 1, 227
Weim.; zweifelhaft: also müssen wir darauff bleiben und uns stönen, das wir jmer sagen, das sie nichts gethan haben 4, 79
a,
d. h. (
dabei)
beharren. 33)
merkwürdig sind noch intransitive begriffserweiterungen 3@aa) '
auf eines gestützt schreiten, gehen': Jhesus is eyn trost des lewendes unde eyn staff des olders, dar wy scholen by stonen in deme weghe, de geyt to deme hemele Ravenstein
prophecien 164
c (
vgl. Schiller-Lübben 4, 413
a). —
auch das zweifelhafte, in der gleichen quelle wie der beleg unter 4
erscheinende stenen
stare Diefenbach
gloss. 550
c in der bedeutung '(
fest)
wie an einer stütze stehen'
hierher zu rücken, darf erlaubt sein (
oben ist es als ein vereinzelter fall zu stehen
verb. gestellt, th. 10, 2
sp. 1417
unter I, B 2, f,
α hh.).
vgl. als ausgangspunkt: die ander ... hadden cruiskens in hoor handen, daer sy op steenden, als sy moede waren
ndl. quelle v. 1519
bei Verwijs-Verdam 7, 2209. 3@bb) an eines '
dagegen anrennen, anstürmen' (
vgl. dazu den gebrauch bei Schambach
unter 2stöhnen
verb. form und verwandtsch. e)
eigentl. '
mit gewalt sich dawider stemmen',
bezeichnender weise ausschließlich bei Nicolaus von Jeroschin (
s. auch oben stöhne
fem.): (
er zoch) zu Junigêden vor daʒ huis und daran mit sturmis pruis vîentlîchin stuntte(!) 20062; dî burgêre wol nâch menlîchin sittin in dâ widirstrittin und mit wer kegn in stuntin. mit weginin sî vorruntin und mit holze al dî pfat, dî zu der burc und zu der stat gebin mochtin den zûganc, und stundin (!) werlîch âne wanc 13617; 22 (
hier zuletzt ohne jeden localen hinweis) — dannen sî sich wantin zu dem Clement vor daʒ hûs und mit hertis sturmis prûs allumme daran stunttin. zu jungist sî inzunttin unde legetin vûer an 16664.
übertragen, aber mit der präposition auf
und so in deutlicher beziehung zu der gruppe unter 2 b (
bei dem einsturz der mauer) darzû der steine manic vûdr des pâbstis pfert berunten und ûf den pâbist stunten 25329 3@cc)
stemmend arbeiten (
s. den beleg unter form und verwandtschaft von 2stöhnen verb. e)
und von einem werkzeug s. unten stönfeder
f. 44)
substant. im anschlusz an 2 b '
vertrauen, unerschütterliche hoffnung': vera praedicatio in substantia est ein hertzlich sthenen, begir von gott etwas zu betten Luther 34, 1, 386
Weim., vgl. dazu das in niederfränk. (?)
quelle des 15.
jhs. erscheinende ich stene
inhio Diefenbach
gloss. 299
a,
doch wohl '
ich verlange begierig' (
doch vgl. unter 3).