sprossen,
verb. zu sprosse, sprosz
oder unmittelbar zu sprieszen
gebildet, erst nhd. bezeugt, herfür sprossen,
germinare, vernare, pubere, pubescere, metaph. pullulare. Dasypodius
deutschlat. theil, germino, ich sprosz herfür,
egermino &
progermino, ich wachs, oder sprosz
weiter heraus.
lat.-deutscher theil, sprossen, härfür sprossen, vil kleiner schossen und esten geben, dick in einandern von einer wurtzen auff härfür sprossen,
fruticare. Maaler 382
b, sprossen, herfür spreussen, auszschlagen,
germer, bourgeonner. Hulsius (1616) 304
d,
fruticescere Schottel 1420, sproszen, gesproszet,
id. quod sprieszen,
excrescere, in herbam pubescere, germen emittere. Stieler 2098, sprossen,
germinare, germogliare, buttare, pullulare, it. broccolare. v. sprieszen,
it. auszschlagen. Kramer
deutsch-it. dict. 2 (1702), 896
b, ich sprosse, ich habe gesprosset,
pullulo, pullulasco, germino, progermino. Steinbach 2, 644, sprossen,
mit seyn
in gleichem sinne wie sprieszen, '
aber mehr in der dichteri chen schreibart',
mit haben
im sinne von sprossen treiben. Adelung (
das von ihm angeführte part. gesprossen,
das üblicher sein soll als gesprosset,
gehört natürlich zu sprieszen). Campe,
entstehend hervorwachsen, sprosz sein und sprossen treiben. Weigand
4 2, 782,
mundartlich schprussen,
emporsprieszen. Liesenberg
Stieger mundart 202.
vgl. mnd. spruten,
sprieszen in schwacher flexion, die neben der starken begegnet. Schiller-Lübben 4, 348
b,
nnd. (
neben stark flectierendem spruten.
brem. wb. 4, 976. Woeste 252
a. ten Doornkaat Koolman 3, 291
a,
s. oben sprieszen) sprôten,
sprossen. Schambach 206
b. Bauer-Collitz 98
a,
mit schwacher flexion, sprotten,
sprossen. brem. wb. 4, 976,
in besonderem sinne verzeichnet bei Danneil 207
b (
s. unten 4). 11)
entstehend, als sprosz, in sprossen hervorkommen, wachsen (
mit sein. Adelung). 1@aa)
von pflanzen: das gstüd sprosset von der ärd auszhin,
arbusta saliunt è terra. Maaler 382
b; aus dem alten stocke sprossen,
ex trunco veteri pullulare. Steinbach 2, 644; es sproszt aus einem neuen reben,
ex novo palmite pullulascit. ebenda; die bültze sprossen aus der erde,
fungi ex terra progerminant. ebenda; keime, blumen, pflanzen, welche aus der erde hervor sprossen. Adelung; eine lilie sproszte zwischen beiden aus dem boden. Göthe 21, 15; lustig schien die sonne über das helle grün und das sprossende laub. Freytag 8, 158; wenn itzt die augen (
des weinstocks) sprossen. Albinus
Salomons gartenlied C
a; ein blümchen sprosze, wann wir gestorben sind, aus jedem rasen, welchen ihr fusz betrat. Hölty 99, 13
Halm; alles musz sich, wo sie wandelt, heitern! blumen sprossen und der west erwacht. 159 (
nr. 91), 6; gott sah herab; es schmolz das eis; seht, unsre ähren sprossen. Stolberg 2, 7; einigen gräbern schattete schon der gepflanzte baum, es sproszte das gräschen auf dem lockern boden der andern. 3, 303; ein blumenglöckchen vom boden hervor war früh gesprosset im lieblichen flor. Göthe 1, 28; nicht ferne lag ein halb versunkner stein, wo kräuter, reich an tugend, sproszten, in jedem mai drei hohe lilien schoszten. Kind 1, 156; still in die gruft musz es (
das korn) sich senken, eh es zum lichte die spitze kann lenken, sprossen und reifen in himmlischer luft. Rückert (1841) 216; am saume (
des sees) bins' und weide heimlich flüstern, und sanftgewiegte wasserblumen sprossen. Lenau 2, 147
Koch; wenn ich satt am sonnentrank mich im süd getrunnen habe, eine lilie weisz und schlank sprosset dann aus meinem grabe. Isolde Kurz
ged.2 78.
eigenartig: auch Daphne flohe, zu keusch! den jungen Apoll, und stand, und fühlte nicht mehr, und sprosste zum baum. Ramler (1772) 20. Klopstock
gebraucht sprossen
gern von zweigen, laub als siegespreis, wobei es sich zum theil um ausgeführte bilder handelt: dann hebt mein geist sich, dürstet nach ewigkeit, nicht jener kurzen, die auf der erde bleibt; nach palmen ringt er, die im himmel für der unsterblichen rechte sprossen. 1, 88; trunken lieben sie sich (
der genius und die kunst, personificiert)! neben den glücklichen sprosset der künftige kranz. 2, 58; doch wenn du aller streite verwünschter bist, die hohe todeslanze nicht nehmen magst: so flieh! der flucht sproszt sonst kein lorber; aber nach dieser, wirst du gekrönet! 155; da, da ist kein tempel des ruhms, da sprosset kein lorber, eures hauptes krone zu werden. 6, 154 (
Mess. 18, 818).
ebenso: hoch aus den wolken strahlet das ziel des geweiheten köchers, jedem siegenden pfeil sproszet die palme des lohns. Stolberg 2, 328; des dichters lorbeer sproszt auf steiler höh'. 5, 77;
ähnlich: die myrthe sproszt im tritte der wohlfahrt leicht hervor, doch um des elends hütte schieszt unkraut nur empor. Novalis 1, 231
Meiszner. vom barte, meist beginnenden bartwuchs bezeichnend: das goldgelbe haar bewegt sich um das gesicht (
Jasons), und die feine wolle sproszt um die wange. Göthe 39, 39; der schmucke und wohlgebildete jüngling, über dessen lippen schon der erste flaum sproszte. C.
F. Meyer
nov. 2, 178; da sproszt' ihm (
Max Piccolomini) kaum der erste flaum um's kinn. Schiller
Picc. 1, 1; jugendlich sprosste der bart. Voss
Ovids verw. 52, 189; um der lippe feinen saum, wie am rand der quelle, sproszt ein weicher frühlingsflaum aus der jugend welle. Rückert (1841) 360.
von sommerflecken: Blondine ... ein wort, mein herr! ihr seht ein klar gesicht, jedoch so ist's im leidigen sommer nicht! da sprossen hundert bräunlich rothe flecken. die zum verdrusz die weisze haut bedecken. Göthe 41, 78.
auch sonst gelegentlich in unpersönlicher sinnlicher anwendung von dem, was gleich pflanzen, pflanzentrieben wächst oder hervorkommt, rein dichterisch vom aufgehenden monde: auf dem berg sproszte der mond wie eine geschlossene lilienglocke heraus. J. Paul
Fixl. 30;
blasz visionär: sah er vielleicht allein nicht vorher, was vor aller aug in der fern unverhüllt lag, der erobrung jammererndte? nicht hundertfältig sprossen gebein aus gebein? Klopstock 2, 75. 1@bb)
von personen. zur bezeichnung körperlichen wachsthums und jugendlicher entwicklung überhaupt, meist mit verdeutlichung des unmittelbaren anschlusses an den gebrauch von pflanzen durch einen vergleich oder sonstige zusammenstellung damit: wie empfand ich sie einst, sprossend ich selbst, jene maye! Klopstock 2, 168; frühlingsbirke, du stehst hier über dem grabe der schwester herbstlich einsam, und streust blätter und thränen darauf. deiner unschuldigen brust will ichs vertrauen: sie sproszte dir gleich, leise vom hauch himmlischer lüfte bewegt, ach und vermochte nicht zu bestehn dem sturme des winters. Herder 29, 126
Suphan; denn er gedeiht und sproszt empor, wie auf der wies' ein schlankes rohr; und lebt und webt, der gottheit voll, an kraft und schönheit ein Apoll. Bürger 51
b; sproszt ihr (
damen) wie des frühlings junge triebe, ahmt die wange seiner rosen glut, soll das herz auch ahmen seine liebe, wie das herz des frühlings mild und gut. Lenau 1, 417, 1
Koch. vom körper selbst, ohne solche zusammenstellung, auf die frühste kindheit gehend: auch die seelen, die zarten, nur sprossenden leibern entflohen, sammelten sich um den seraph herum. sie flohen noch sprachlos, mit der kindheit zärtlichem weinen. Klopstock 3, 45 (
Mess. 1, 670).
vgl. Schönaich
neol. wb. 257, 34
Köster. abstammung bezeichnend (
vgl. die schöne oben theil 4, 2, 1200
unter hervorsprossen
angeführte stelle Göthe 32, 41),
in wunderlichem bilde: was aus dem zepter sproszt, das soll kein knecht entführen. Hoffmannswaldau
bei Steinbach 2, 644.
klarer: welcher der siebente sproszte vom stamm des alternden Belus. Voss
bei Campe
und frei in folgender art: aus ehlichem beiseyn sproszte dann Hermione. Göthe 41, 194. 1@cc)
in freierer unpersönlicherer anwendung. bei Klopstock
heiszt es mit bezug auf das frühlingsjunge grün: die luft ist heiter, mein vater, und verschönt in dem weiten gefilde den sprossenden frühling. 5, 98 (
Mess. 11, 1477),
wo sprossen
kaum, wie Campe
will, im sinne von sprieszen machen aufzufassen ist (
vgl. unten 2).
so auch: so vergiszt sie (
die natur), dasz sie einen frühling voll blüthenherrlichkeit hat sprossen lassen. Vischer
auch einer 1 (1900), 90; wo dir sieben und zwanzig lenze sproszten, sieben und zwanzig winter dich umschloszten, sieben und zwanzig mal der herbst dein haupt umflog. Kosegarten
rhaps. 1, 146.
in der folgenden stelle sind die jugendjahre des menschen gemeint: tief in der überwinder schaar ... stand ein jüngling. die todesblässe der sprossenden jahre, und die geduld, in der blüthe sich langsam sterben zu sehen, war mit anderer schöne belohnt, als jene, die vormals den noch sterblichen schmückte. Klopstock 6, 118 (
Mess. 18, 263).
in sonstiger bildlicher anwendung, mit engerem oder loserem anschlusz an den gebrauch von pflanzen: die freundschaft sprosset, nährt sich und wächst blos durch den genusz, weil sie geistig ist. Bode
Montaigne 2, 11; wohin nur ein saamenkorn des vergnügens fiel, sprossen schon tausend keime des jammers. Schiller 2, 353; die persönliche tapferkeit, die den helden auszeichnet, ist die base, auf der sein ganzes wesen ruht, der grund und boden, aus dem es hervorsproszt. Göthe 48, 177; als ich war in Hagraljemame, — sproszte mir des übelbefindens same. Rückert 11 (1882), 529; wenig freuden sproszen auf den ufern des lebens! Hölty 112, 15
Halm; die blumen der gesundheit sprossen auf ihrem schönen angesicht. Bürger 26
b; sage (
bruder), sproszte dir je, keimte mir je ein gedank', dessen hülle nicht du hobest, nicht ich? Stolberg 1, 221; diese tugend, ich fürchte sehr, ich kenne sie — wie wenig reicht sie empor zu jenem ideale das aus der seele mütterlichem boden in stolzer schöner grazie empfangen freiwillig sproszt und ohne gärtners hilfe verschwenderische blüthen treibt. Sdhiller
dom Karlos 3, 2; es sproszten dir viel schöne blüthen der geselligkeit. Hölderlin (1843) 109; lange todt und tiefverschlossen, grüszt mein herz die schöne welt, seine zweige blüh'n und sprossen, neu von lebenskraft geschwellt. 1, 147
Köstlin. blasser: all unsere thätigkeit, all unser vergnügen sproszt aus der geselligkeit. Schiller 1, 32; ruhm, der ihm sogar aus diesem rückzug sproszte. Hauff 11, 140. 22)
rein activisch, sprossen ansetzen, treiben (
mit haben. Adelung): die bäume sprossen schön,
gli alberi buttano. Kramer
deutsch-ital. dict. 2 (1702), 896
b. Adelung; der kohl sprosset wieder,
il cavolo broccola, ributta. Kramer
a. a. o. Adelung; bräunlich sprosst die eiche am umgrünten teiche. Voss 4 (1802), 165;
emphatisch: (
du, Fr. Stolberg) trinkst aus jeder blum' im thal, aus jeder knosp' am sprossenden haupte des hains, heiligen nektar des gesangs! Schönborn
bei Stolberg 1, 196.
in freier bildlicher anwendung: so scheine hingegen Johann Bunkels erhabene sonderbarkeit die frucht eines genies und einer einbildungskraft zu seyn, die durch romantisches wesen und religiösen eifer wie in einem treibhause erhitzt und zum sprossen getrieben worden. Wieland
suppl. 5, 284; den schmuck der zweige habt ihr abgehauen, da steh' ich, ein entlaubter stamm! doch innen im marke lebt die schaffende gewalt, die sprossend eine welt aus sich geboren. Schiller
Wallensteins tod 3, 13.
auch transitiv, sprossend entstehen lassen, hervorbringen, von pflanzen: sieh der veraltete stumpf, im siedenden kessel gequirlet, grünt voll saftes zuerst, und es währt nicht lange, so sprosst er laub, und plözlich erscheint er umhängt mit vollen oliven. Voss
Ovids verw. 32, 280,
im bilde: aus Deutschlands sümpfen ringt sich eine zwote Tiber, und ähren sprosst der lorbeer des Apoll! J. B. Michaelis (1780) 177.
und von der erde: es sprosse die erde allerlei sprossen. Mendelssohn
1 Mos. 1, 11 (
bei Luther: lasse aufgehen); gott sprach: sprosze die erde zartes jungfräuliches kraut. Herder 6, 141
Suphan; und zum Okeanos sank des Helios leuchtende fackel, ziehend die dunkele nacht auf die nahrungsprossende erde. Voss
Il. 8, 486; völlig ein meer von blut ward die flur, die erde schien tulpen zu sprossen nur. Rückert
Firdosi 1, 118.
auch in andern verbindungen: die waag' in ihren händen sprossete rosen, sproszte lilien. Herder 27, 121
Suphan; freier: ihr knospen sproszt der mühe süsses streben. 25, 519. 33)
als technischer ausdruck in der naturwissenschaft im sinne von 1
und 2: sprossende blumen, '
wenn aus einer blume eine andere hervor wächst'. Adelung;
prolifer, sprossend, hervortreibend. —
prolifer flos, '
wenn eine blume in einer anderen blume enthalten ist, wie sich dergleichen misgestalten bey gefüllten blumen zu zeigen pflegen',
auch von stengeln, wurzeln, gliedern der korallen. Nemnich 2, 1065, sprossender stamm,
prolifer, '
der nur aus dem mittelpunkte des gipfels äste treibt'. Jacobsson 7, 415
a;
vgl. weiter: beschauen wir das wachsthum (
einer pflanze) näher, so sehen wir, dasz, indem die pflanze sich von knoten zu knoten, von blatt zu blatt fortsetzt, indem sie sproszt, gleichfalls eine fortpflanzung geschehe, die sich von der fortpflanzung durch blüthe und frucht, welche auf einmal geschieht, darin unterscheidet, dasz sie successiv ist, dasz sie sich in einer folge einzelner entwicklungen zeigt. diese sprossende, nach und nach sich äuszernde kraft ist mit jener, welche auf einmal eine grosze fortpflanzung entwickelt, auf das genaueste verwandt. Göthe 58, 76; eine pflanze welche sproszt, dehnt sich mehr oder weniger aus, sie entwickelt einen stiel oder stengel. 77;
auch auf thiere bezogen: diese fortpflanzung ist wieder, wie die einzelne reproduction doppelt; 1) entweder geschieht sie ohne besonders dazu eingerichtete organe, und dann heiszt sie sprossen. so wächst plötzlich aus einer rinde einer pflanze eine knospe hervor. ... bey vielen niederen thieren kommt dasselbe vor. Oken 4, 296; wir haben also hier sogleich viererley entstehungsarten, durch ursprüngliche bildung, durch eyer, durch sprossen (
oder plur. zu sprosse) und durch theilung. 314. 44)
nd. (
in der Altmark) sprott'n,
den weizen zurückschneiden, wenn er im frühjahr zu üppig wächst. Dähnert 207
b,
ein gebrauch, der zweifellos unmittelbar an das nomen anknüpft (
die sprossen abschneiden. vgl. köpfen,
den kopf abschneiden u. ähnl.).