spille,
spill,
f. fusus. wie das heute geläufigere spindel (
s. dies unten)
auf ahd. spinnala, spinala, spinnila, spinnela, spinela Graff 6, 345,
mhd. spinnel, spinel, spinele, spinle,
zurückgehend, von denen die letztgenannte form spinle,
fusus Dief. 245
b die spille
nächst vorausgehende entwicklungsstufe darstellt; der vorgang der assimilation gehört aber schon ahd. zeit an: (spilla),
acc. sing. spillun, spille Graff 6, 346.
einzelheiten der geschichte und verbreitung der wortbildung s. unter spindel.
vgl. auch die im formalen theile ähnliche geschichte von spendel, spelle (
oben sp. 2147). 11)
gewöhnlich ist die form spille: spille
fusus Dief. 245
b,
fusus instrumentum mulierum. Dasypodius,
fuso da filare. Hulsius (1618) 235
b,
fusus Schottel 1418. Stieler 2089,
fuso, lat. fusus, fuso, cioè maschio del torchio ò della vide. Kramer
dict. 2 (1702), 869
c,
plur. spillen,
fusus Steinbach 2, 629,
fusus Frisch 2, 302
a. Wachter 1565.
alle eben aufgeführten belege haben neben sich die form spindel. spillen (die)
fusus hujus fusi, fusum (
ohne spindel)
verzeichnet Maaler 380
c,
wie das wort sonst nur ausschlieszlich alle niederdeutschen belege kennen: spille,
fusus, fusa. vocab. bei Schiller-Lübben 4, 326
b. Dief.-Wülcker 859. Strodtmann 224.
brem. wb. 4, 950. Dähnert 448
a. Schambach 204
b. Woeste 250
a.
vgl. Sallmann 2, 8
a.
liefländ. idiot. 222
und holl. spille,
fusus instrumentum quo lanificia tenuantur in fila. Kilian.
mit rücksicht hierauf, dasz unsere form sich in neuerer zeit immer mehr auf niederdeutsches gebiet beschränkt hat und dort auch von jeher ausschlieszlich geherrscht zu haben scheint, hebt Frisch 2, 302
a die niederländisch-niedersächsische heimat der form hervor. Adelung
bemerkt dazu: '
ein in den gemeinen sprecharten für spindel
sehr gangbares wort.'
neben spille
findet sich vereinzelt ein verkürztes spill: spindel, spill,
fuseau Hulsius (1616) 303
b.
vgl. auch unten die belege Keisersberg
postille 61
a. Frey
gartengesellschaft 119, 23
und Spangenberg
ganskönig 352
b.
nd. spill
in der Dormunnder willkür (
s. den beleg unter 2,
a);
versteinert in der schiffersprache in gangspill (
s. auch theil 4, 1, 1, 1254), ankerspill
u. s. w. ten Doornkaat Koolman 3, 274 (
vgl.spell,
plur. spellen. Gangler 424
und engl. spill).
über das für diese besondere verwendung des wortes vorkommende neutrale geschlecht s. unten 3,
c. für das folgende ist das entsprechende spindel
zu vergleichen. 22) spille,
wie das heute gewöhnlichere spindel 1 (
s. unten),
das gerät zum spinnen. 2@aa)
als arbeitsgerät der frau: dar nerede siu sich mit der nat und mit der spille, oc moste siu dicke ermlike bidden.
d. chroniken 2, 94, 5; (
in Egypten) betruog sich Maria mit jre nolen und jre spillen. Villinger
predigt bei Schmidt
elsäss. wb. 332; se (
die heilige Elisabeth) generde sik der spille.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 326
b; wocken, warvel un spylle, de hören to der vrowen warke.
quelle ebenda; sus lange hebbe ik mi erneret mit der spillen, dârto hebbe ik geknuttet unde gewracht unde mit klenen sorgen min levent hengebracht.
des dodes danz 1210
Bäthcke; als stickgerät: gût was ir wille. ir spûle unde ir spille durch die netze drâte sigen. Albrecht v. Halberstadt 15, 104.
als den frauen zu zahlende busze: und sollen da rugen und vor bringen allen ufflofft und gezcoge, dy in den dorffen und dorfmarken geschijt; ... vrowen geschelt eyn sag von dren ellen, und eyn kazce von dren manden, und eyn
spiln, und eyn rocken. Grimm
weisth. 3, 325 (
Hessen, 14.
jahrh.).
als aussteuergegenstand: welck junckfrow syck selves beredet buten vulbort der oelderen ... de eyget nycht mer dan eer schapen kleeder und eyn spill und eyn rocken.
Dortmunder willkür 803, 88
bei Schiller-Lübben 4, 327
a.
vgl.: op wagen führten sie ihr gôd, all die gerêden ovvendrop, di frauen und die kenger lêf met spill, gezau und rockelskopp.
rheinfränk. lied in Frommanns
zeitschr. 5, 519, 16.
in beziehung zu geforderter arbeitsleistung, vgl. spille,
pensum Dief.-Wülcker 859: wie Sardanapalus erstochen was, do er uff syden küssen sasz und zalt den zarten frouwlin syn die spillen in den spillkorb yn. und gab jn wider morn zu spynnen, das jm nit lynwadt möcht zerrynnen. Murner
gäuchmatt 1804
Uhl; von frauen stets bei sich geführt: die alt vettel wolt sich bucken (es was ir ein spill empfallen) und die spill wieder auffheben, so kracht ihr das gesäsz. Frey
gartengesellschaft 119, 23
Bolte; und nimpt die alt hexen sampt der kunckelen und spillen, würfft sie zuor thüren aus und jagt sie bey eytler nacht für tausent teuffel hienweg. 120, 3; so kumet die liebe sant Gertrut, die do entslief in gotteswillen und stolent die ratten und müse ir spillen und truogent sü in ir müseloch. Dangkrotzheim
heiliges namenbuch 106; sanct Gerdrut trat zum ersten ein; und bracht mit jhr zwei mäuszlein klein: und klagt, sie hetten sich vermessen, und das garn von der spill gefressen. Spangenberg
ganskönig 3, 352
Martin. als handelsgegenstand: wer gît mir spillen und nâdeln? ein krêmer wolte ich gerne wesen.
Salman und Morolf 708
Voigt. in bestimmten wendungen: hiernechst die spinnerinnen, wenn sie das anlegels an den rocken angeleget, spinnen sie entweder mit dem spinrad, oder mit der spillen sambt dem werffel. Comenius
sprachenth. (1657) 498; ere vingere ummegrepen de spillen.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 326
b; die spillen träyen, anschlahen oder spinnen,
torquere fusos. Maaler 380
d; sie drehete die leichte spille,
teretem versabat pollice fusum. Stieler 2089; die spille drehen,
fusum versare. Steinbach 2, 629. 2@bb)
als gerät der schicksalsgöttinnen (
vgl. spindel 1,
f): ihr Parzen, die ihr uns den lebensfaden spinnet, wie kommt's, dasz einem gold von eurem rocken rinnet? dasz ihr dem silber dreht, dem andern stahl und blei? dem reist die spille bald, dem andern spät' entzwei. Lohenstein
Cleopatra 70. 2@cc)
mit weiterem zusatze: 1 haspel mit spille garns.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 326
b; 8 spille garns.
ebenda; vgl.: goltdrat unde sulverdrat ne scal neman min vorkopen denne vif unde twintich spillen, dar uppe iowelker spillen twe hundert eine si.
Goslarer statut 103, 27
ebenda; goltdradt und sulverdradt sal nymant mynre
noch weyniger vorkopen wens XV spillen, dar II c ellen ane synt.
quelle ebenda. 2@dd)
als rechtssymbol (
vgl. spindel 1,
g): it is schande, dat de vrouwe helt dat swert unde de man de spille.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 326
b; ein menlich wîb, ein wîplich man, er habe die spille und sie daʒ swert, der schande sie im vil wol gan.
minnesinger 3, 37
a Hagen; vgl.: wie sullen wir sie gestillen. mit nalden unde mit spillen solden wîp umme
gen. Herbort v. Fritzlar 14776.
dann direct bezeichnung der frau und ihrer sippe: das nechste bludt vom schwerdt geboren erbet, und da kein schwerdt vorhanden erbett die spille.
quelle bei Scherz - Obellin 1536; undt dadt frawes personen, alsz de spille, solcher guder nicht vehig sin noch erven mogen.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 327
a; darinne den schwertmagen die gütter afgetheilet, undt up de spille tho fallende erkandt. 327
b; dasz die stambgueter vom vatter nicht auf die tochtere, als die spille, sondern auf die agnatos oder schwerdmagen fallen.
ebenda. vgl. auch: die spille musz der hacken folgen. Wander 4, 715,
d. h. wenn der mann arbeitet, darf das weib nicht feiern. 2@ee)
in sprichwörtlichen redewendungen: von einem schlottrig gekleideten wird in Schlesien gesagt man könnt ihms kleid mit der spille zuschütteln. Weinhold 92
a,
ein gebrauch, der in zusammenhang steht mit: und ir frouwen, wederʒ wære iu lieber: der iu einen guoten niuwen mantel gæbe, der schœne liehte varwe hæte, oder einen alten hadern, den man mit einer spineln zerschüten möhte? Berthold v. Regensburg 1, 383, 9
Pfeiffer, wo wol von dem auflösen des gewandes in seine fäden die rede ist; man spricht gemeynlich und ist wor ein spill im sack und das meytlin im husz, und strow in bottschuohen, mögen sich nit verbergen. ein spill sticht allwegen durch den sack hAerusz und mag nit verborgen bliben. Keisersberg
postille 61
a; der gouch muosz synen angang han und laszt sich weniger hynder tryben, denn die spillen in dem sack belyben. Murner
gäuchmatt 1183
Uhl. mit der silbernen spille spinnen,
d. h. wie eine vornehme frau nur wenig und lässig spinnen: vele vrouwen de schuwet oren wocken un spynt myt der silveren spylle.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 326
b,
deshalb mit der silbernen spillen ist gut spinnen,
aber es giebt ein theures gewebe. Wander 4, 716. 2@ff)
in bildlicher verwendung: sintemal hoffnung und furcht an der spille der liebe die zwey wirtel sind, mit denen sich das gemüthe der liebhaber herumb drehet. Lohenstein
Armin. 1, 386
a. 33)
in fester übertragung als bezeichnung anderer der spille in bewegung oder form gleichenden gegenstände (
entsprechend spindel 2). 3@aa)
am spinnrade die kleine eiserne achse, welche die drehung des fadens besorgt. Schambach 204
b. Bauer-Collitz 97
a.
korrespondenzbl. f. nd. sprachf. 1, 77
und von der darauf sitzenden garnspule ausdrücklich unterschieden. ebenda. vgl. liefländ. idiot. 222,
wo spille
und spule
synonym gebraucht werden. vgl. unten spindel 2,
a. bei den steinschneidern bezeichnung des die scheibe in drehung versetzenden stäbchens. Adelung.
die sich drehende achse des Göttinger pfluges. Jacobsson 7, 401
b;
vgl. Schambach 204
b. 3@bb)
der kern eines schraubengewindes, vgl. spindel 2,
d: schraubenspille Kramer
dict. 2 (1702), 869
b; (
neben spindel:) ein schraubengewinde, welches um seine spille von der linken gegen die rechte geführt ist, wird in eine solche mutter niemals passen, deren gänge von der rechten gegen die linke laufen; obgleich die dicke der spindel und die zahl der schraubengänge in gleicher höhe einstimmig waren. Kant 3, 120;
dann auch die schraube selbst: spille an einer presse, schraube, pressenspindel. Kramer
dict. 2 (1702), 869
b.
vgl. noch in weiterer übertragung spille van den wendtel-trap,
scapus, truncus scalarum cochlidum. Kilian. 3@cc)
als theil des göpels: die spille hat am undern teil ein scheiben, die aus dicken brettern zusammengefügt ist, an dem obern theil ein kammrad. Agricola-Bechius
vom bergkwerk 124.
auf den schiffen eine senkrecht stehende winde zum aufziehen der taue beim ankerlichten, zum bugsieren und ähnlichen schweren arbeiten. Bobrik 649
a. Adelung
und Campe
verzeichnen das wort noch als spille,
f., doch führt letzterer daneben spill,
n. an. diese form mit neutralem geschlecht ist dann bei bezeichnung dieses gerätes die herrschende geworden, besonders in den zusammensetzungen bratspill, gangspill (
s. theil 4, 1, 1, 1253);
der wechsel des geschlechtes beruht wol auf analogie zu spiel,
ludus, das in den niederdeutschen küstengegenden als spill
erscheint. brem. wb. 4, 940,
s. auch oben spiel
sp. 2275.
als erdspill
findet sich das gerät dann auch auf dem lande, doch vor allem auf den schiffswerften. Bobrik 649
a.
vgl. spille, wind-aes,
succula. Kilian.
auch in sprichwörtlicher übertragung: dat is de spil, waarop alles draait. Wander 4, 716; das ist die spille, um die sich alles dreht.
ebenda. in der turnersprache eine art wendesprung über das pferd, so dasz im gegensatz zur schraube
die beine über die rechte seite des pferdes geworfen werden. Jahn 2, 46. 3@dd)
mit rücksicht auf die ähnlichkeit in der gestalt werden dem gerät verglichen (
entsprechend unten spindel 2)
der das gestell zusammenhaltende stecknagel an einem wagen oder pfluge. Adelung. thurmspille,
die spitz zulaufende stange auf einem thurme, welche knopf, fahne und stern trägt. Weinhold 92
b;
dem entsprechend bei den schiffen die stangen auf den masten, welche die flaggen und wimpel tragen. Adelung; spille in einem schiffe,
antenna superior. Steinbach 2, 629;
auch von der spitze eines schlank gewachsenen baumes baumspille,
arboris vertex, cacumen, turio et flagella. Stieler 2089;
vgl. dazu unten spindeln,
verb. und spindlicht.
im bergwerk bezeichnung der das stangenwerk eines kunstgestänges verbindenden eisenstäbe. Adelung;
weiterhin auch die griffe an den eine welle in drehung versetzenden haspelhörnern. Veith 454. 3@ee)
entsprechend spindel 2
in der sprache der anatomie bezeichnung der kleinen elbogenröhre, radius, focile minus. Nemnich 2, 1110. 44) spille,
f. bezeichnung von prunus insitiva, einer frühreifen gelben pflanzenart, nach einer quelle bei Frischbier 2, 351
a auch schlehenpflaume
genannt (
s. theil 9, 559),
gewöhnlicher spilling (
s. unten),
wie dieses wol ursprünglich benennung des schlehdornstrauches, zu ahd. spenula, spinula '
kleiner dorn' (
über die geschichte dieser ganzen wortbildungsgruppe s. auch spendel,
fibula sp. 2147)
wegen der dornigen beschaffenheit seines holzes, die wol auch den grund abgab für die übertragung auf den pflaumenbaum, wie denn im mittelalter die schlehe überhaupt als eine art wilde pflaume angesehen wurde. s. theil 9, 557: spille,
sommerpflaume Frischbier 2, 351
a;
plur. spillen
Elbinger mundart 38; spile Bauer-Collitz 97
a.
in der naturwissenschaft bezeichnung einer ganzen klasse von baumartigen sträuchern, der terebinthaceae. Oken 3, 1748,
darunter die pechspille 1752; weihrauchspille 1762; birkenspille 1763; schweinspille 1764; weinspille 1772; dintenspille 1773; korbspille 1774; firniszspille 1775; tollspille 1776; berenspille 1779;
dann auch die apfelspille 1781
und die zwetschenspille 1777.