schlummern,
verb. dormitare, bildung zu schlummen (
sp. 813),
das in der nhd. periode durch schlummern
verdrängt wird; schlummern,
wie auch schlummer
und schlummen
scheinen aus dem md. nd. in das eigentliche hochd. eingedrungen zu sein: soporare slummern
voc. Vrat. von 1422,
dormitare slommeren, schlomeren Dief. 190
c,
sopire slumeren 542
b,
dormitare, slomern, en luttik slapen
nov. gl. 141
a;
vgl. mhd. wb. 2, 2, 416
a. Lexer
mhd. handwb. 2, 991;
mndl. sluymeren Kilian,
holländ. sluimeren,
mittelengl. slumeren,
engl. to slumber,
dän. slumre,
schwed. slumra.
die dieser wortsippe zu grunde liegende bedeutung tritt noch hervor in schlummerig,
schlottrig, schlumpig (
s. unter schlummerechtig
den beleg aus Tabernaemontanus);
eigenthümlich weicht isl. sluma,
schweigen in der bedeutung aus. B. Haldorson 2, 297
a;
s. weiteres bei Rietz
svenskt dial. lex. 628
b. Franck
etym. woordenb. 901
a.
beitr. 8, 526. 11, 557 (
hier wird für ags. sluma
nach nordengl. sloom
länge der stammsilbe gefordert). Stieler 1805
führt als dialektisch die form schlamern
an. zunächst bedeutet schlummern
leise schlafen, dormitare, obdormitare, incipere domire, auch leviter dormire (Frisch 2, 202
b),
dann aber wird es, besonders in gewählter sprache, völlig in dem gleichen sinne wie schlafen
gebraucht. 11)
im eigentlichen sinne, absolut, ohne zusatz, von menschen: mein haupt lag auf deinen knien, ich schlief nicht, ich schlummerte. Göthe 17, 369; leise, leise! er schlummert. Schiller
räuber 2, 2
schauspiel; over nacht do lach ik unde slomerde, wo rechte selsen dat mi do dromede.
dodes danz 1303; im frühlingsschatten fand ich sie; da band ich sie mit rosenblättern: sie fühlt' es nicht, und schlummerte. Klopstock 1, 105.
an stelle der person werden auch theile des leibes genannt, auge und ohr: las deine augen nicht schlaffen, noch deine augenlied schlummern.
spr. Sal. 6, 4; denn dieses volcks hertz ist verstockt, und jre ohren hören ubel, und jre augen schlummern.
Matth. 13, 15; die gute mutter schlosz die immer leise schlummernden augen langsam auf. J. Paul
Titan 2, 57; küszt mir die augen, die schlummernden. Kleist
Käthch. v. Heilbr. 1, 1; plözlich traf ein ungeheurer donner mein schlummerndes ohr. Schiller
räuber 5, 1
schausp.; mit modalen zusätzen, sanft, süsz, ruhig, sorglos schlummern: schlummre sanft, wache froh auf, ich allein will hingehn und leiden. 2, 2; die feinde .. überfielen nachts die .. sorglos schlummernden Deutschen. J. Grimm
kl. schr. 5, 418; ihm schmeckt sein mahl; er schlummert süsz bei federleichtem sinn. Bürger 4
b; ach! es (
das kind) schlummert so süsz, und unschuld und himmlischer friede säuselnd im athem des munds, ruhn auf der silbernen stirn. Grillparzer 2, 3.
mit localem zusatz: nur der ist ein liebling des himmels, der, fern vom getümmel der thoren, am bache schlummert, erwachet und singt. Chr. E. v. Kleist (1760) 2, 20; rosen knospen dir auf, dasz sie mit süszem duft dich umströmen! dort schlummerst du! Klopstock 1, 104;
in übertragener bedeutung: ein fehler risz mich aus dem gleichgültigen zustande, in welchem ich sonst zwischen tugend und laster schlummerte. Göthe 14, 207; gestern sah ich noch gefangen dich als goldnes püppchen hangen, schlummernd in dem engen haus. Rückert
ged. (1841) 23.
mit temporalen zusätzen: eine ganze stunde schlummern;
mit acc. der thätigkeit: helle diese wankenden blumen, wo mein mädchen abendschlummer schlummerte. Hölty 100
Halm; indesz ich unter dem breitbeblätterten ahorn schlummere süszen schlaf, und höre die murmelnde quelle. Herder 26, 154
Suphan; so schlummert er den tiefen schlummer. Uhland (1864) 244.
mit sinnverwandten ausdrücken: du wilt ein wenig schlaffen und ein wenig schlummern.
spr. Sal. 24, 33; keiner schlummert noch schlefft.
Jes. 5, 27;
mit dem gegensatze wachen
verbunden: das heiszet nicht gewachet, noch gewehret, sondern geschlumert und den köpff gehengt, ja geschnarcket. Luther 6, 253
a. 22)
freier und übertragener gebrauch. 2@aa)
auf die natur und mit ihr im zusammenhange stehende dinge bezogen: ein tiefer busen, wo das meer schlummert und das walros seine ruhe findet. Petermann
mittheil. erg. 4,
nr. 16,
s. 42; tief schlummert die natur in süszen träumen, und still und düster wogt die kühle nacht. Körner 67
Streckfusz; selbst Echo schlummernd schweigt in bergesklüften und am gestad leis' athmend schläft Neptun. Rückert (1882) 5, 82; und das weltmeer athmet leise, dasz es auch zu schlummern scheine. 5, 246; in tiefen schatten schlummernd eingehüllet berg, thal und flur. Schiller 1, 288; mitternacht sank indessen auf den schlummernden eichenhain. Hölty 69
Halm; trunken wandl' ich mit ihr, strömet das abendroth, durch die schlummernden blumen hin. 118. 2@bb)
so auch sonst in bildlicher anwendung: denn neben sich sieht der beglückte sein sanftathmendes weib, in schlummernden reizen der jugend. Stolberg 1, 197; wenn der silberne mond durch die gesträuche blickt und sein schlummerndes licht über den rasen geuszt. Hölty 102
Halm. in bezug auf krieg: friede beascht jetzt schlummernde glut, doch erobrung wird nicht verziehn! Klopstock 2, 75; seitdem entsagt' ich aller mitwissenschaft um ferne schlachten und den erzwungenen vertrag, der oft mit feuchtem ölzweig schlummernde gluten verbarg, nicht löschte. Stolberg 1, 3.
auf unsinnliches gebiet übertragen: die keineswegs aufgehobene, sondern nur schlummernde verfassung des landes. Schlosser
weltgesch. 13, 419; noch schlummerten die neugierde und einbildungskraft der Circassierinnen tief. Klinger 10, 98; der trotz gegen die Heiterethei, gegen die leute schlummert. Ludwig 2, 121; sie (
die charaktere) sind gewissermaszen moralische warnungsbilder, in denen die in ihrer eigennatur schlummernde gefahr .. aufsteht. 5, 240; nur ihr allein besänftigt meinen schmerz, nur ihr vermögt den kummer in schlummerndes vergessen einzuwiegen! Wieland
suppl. 4, 235. etwas schlummert in einem, in eines brust
u. a.: die stunde, .. da du die schlummernde liebe in meinem busen wecktest, war der anfang meines lebens. Wieland 16, 380; das bewusztsein ihrer verschuldung .. weckte vertiefend die innere welt, die bis jetzt in dem handfertigen mädchen .. geschlummert hatte. Ludwig 2, 193; nein, nein, das edle ist nicht ganz erstickt in euch! es schlummert nur, ich will es wecken. Schiller
Tell 3, 2; da erwachten alte lieder, die in mir geschlummert lang, die liebeslieder, die ich ihrer mutter sang. Rückert (1882) 1, 636. 2@cc) schlummern
vom todesschlummer; vielfach mit erläuternden zusätzen: todesschlummer, bald wird dich mein leib dort schlummern. Klopstock
Mess. 10, 36; schlummre sanft, o schwester, im kühlen duftenden bette! schlummre, geliebte, sanft, auf dasz du rosig erwachest! Stolberg 1, 204; flittergold und rothe bänder rauschen von den schwarzen kreuzen, welche gräber zeichnen, wo ein jüngling, wo ein mädchen schlummert. Hölty 50
Halm; auch des edlen schlummernde gebeine hüllt das dunkel der vergangenheit. Matthisson 1, 43; ruhig schlummerst du nun beim stilleren rauschen der urne, bis dich stürmende fluth wieder zu thaten erweckt. Göthe 2, 127; dort schlummern, die den heldentod erwarben. Tiedge (1841) 7, 62; lasz in deinem abendwinde rosen säuseln über eines jeden, der dir sang, nun schlummernde gebeine. Rückert (1882) 7, 75; Saon, des Dikon sohn, der Akanthier, schlummert den heil'gen schlaf hier: nenn' es nicht tod, ging der gerechte zur ruh. Geibel 5, 141. 33)
substantiviertes part. präs.: und bricht dem todten, wie dem schlummernden ein neuer morgen an? Herder
zerstr. bl. 6, 93; schlummernde necket sie (
die gelegenheit) stets, wachende fliegt sie vorbei. Göthe 1, 264.
von den toten. leicht sei euch die erd', ihr schlummernden! ruhet und schwebt ein traum um das schattige grab, sei es ein freundlicher traum. Stolberg 1, 429; weil ich denn lebe, so will ich euch (
die gestirne) loben, frühe bescheint ihr des schlummernden grab. Arndt (1860) 5. 44)
substantivierter infinitiv: schlummern,
dormitatio Stieler 1806; allhie ist nicht zeit schlaffens noch schlummerns. Kirchhof
milit. discipl. 144; wacht ich? oder hatte der schmerz sein fürchterlich schlummern über mich ausgebreitet? Klopstock
Mess. 11, 1420. 55)
eigenthümlich verwendet Klopstock
einmal schlummern
als schlummernd oder wie im schlummer gehen, ziehen: Cidli, du weinest, und ich schlummre sicher wo im sande der weg verzogen fortschleicht; auch wenn stille nacht ihn umschattend decket, schlummr' ich ihn sicher. 1, 111.