Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
grüene Adj.
1.1 ‘treibend, im Saft stehend, frisch, jung’ , häufig im Ggs. zu dürre
1.2 mit Betonung der Farbe;
2 von jungen Früchten: zum Verzehr ungeeignet, ‘unreif’
3 von nicht-pflanzlichen Nahrungsmitteln ‘frisch, roh, unverarbeitet’
4 übertr.
5 als reine Farbbezeichnung für Nichtpflanzliches
5.1 allg.
5.2 von natürlich Grünem
5.3 von der Haut-, Gesichtsfarbe als Ausdruck von körperlicher Schwäche, Krankheit, Gefühlen
5.4 von grün Gefärbtem, Bemaltem;
6 der grüene donerstac ‘Gründonnerstag’ (s.a. grüendonerstac ; Motivierung unklar, s. LexMA 4,1752f. u. Jeske, 82-88, Wanzeck, Farbwortverbindungen, 104-110)
1 von pflanzlichem Grün, bes. jungem, sprossendem Pflanzenwuchs, wobei Frische, Lebenskraft einerseits und Farbe andererseits mehr oder weniger stark akzentuiert sein können 1.1 ‘treibend, im Saft stehend, frisch, jung’, häufig im Ggs. zu dürre: [Gott] heizzet die durren boͮme bloͮn, die goͮten unde die groͮnen dorren Spec 144,8; [der Baum] dunchet uzzen gruͦne, / so ist er innen duͦrre Rol 1964; so ist lîhte allez dürre, daz nu grüene lît SM: UvS 3: 3,4; [Getreide] si getroͮzschin oder vngetroͮzschin, es si grvͤne oder dúrre UrkCorp (WMU) 1653,47; diu heide und ouwe wirt grüene SM:St 6: 1,1; zerstôz die grüenen rôsen BdN 345,20; dîn heilec tou wart uns gesant, / daz grüene machet unser höu KvWLd 1,168. – vom Wagen, der mit frisch geschlagenem Holz beladen ist: [jede Hufe soll] zu ieder wochin hauwin und holen [...] einen grünen wagen vol holzis und einen dorren WeistGr 6,398 (a. 1338). – mit Bezug auf das Anfangsstadium des Wachstums: wann kain frucht volkomen kan, / si heb denn mit gruͤn an MinneR 433 120 1.2 mit Betonung der Farbe; von Pflanzen(teilen): manic scône blûme / gele unde grûne SAlex 6772; hie sprich van den gruͦnen bladeren der lilien Lilie 7,27; dô ich daz grüene loup ersach, / dô liez ich vil der swaere mîn MF:Reinm 34a: 2,1; er uant einen povm uil gruͦnen VMos 30,28; sô mac der wirt wol singen von dem grüenen klê Walth 28,9; Tr 4674. – subst.: man sol paizzelbaum [Sauerdorn] nemen vnd die obern rinde abschaben; dar nach sol man abschaben daz grün vnd sol daz sieden in alunwazzer [zur Herstellung gelber Farbe] BairFärb 10,2. – von bewachsenen Flächen: si giengen an daz gras gruone Gen 2027; Herb 5347; er gâhte [...] über den grüenen anger breit Parz 536,16; du zierest rehte wol die grüenen owe SM: Go 2a: 2,4. 1a: 1,5; ih und mîne helede balt / wâren in dem grûnen walt SAlex 5334; KLD:GvN 45: 1,1; Walth 122,33; NibB 928,1 2 von jungen Früchten: zum Verzehr ungeeignet, ‘unreif’ suͤde gruͤne bonen, biz daz sie weich werden BvgSp 31; das [Getreide] verwsten si do sa / und sluͦgens dicke gruͤne abe RvEWchr 18170; [die Kirschen] wâren halp harte. / [...] sie wâren nie sô grüene, / sie bræche ir vol einen huot. / doch wâren sie niht ze guot, / ze mâze [gar nicht] rôt unde weich Eracl 3472 3 von nicht-pflanzlichen Nahrungsmitteln ‘frisch, roh, unverarbeitet’ ein guͦt warmuͦz [warme Speise] mit gruͦnem unde veistem swinen wleischz gesoten Macer 49,9; grüenez fleisch ist iu verboten Eracl 3587; gruͤnen speckes gesniten genuͦc BvgSp 90. 91; WüP 24,2; dreu stuch gueter gesaltzener vissch, oder ain gueten schuzzel mit gruenen visschen StiftZwettl 663; jtem nim grunen kese vnde lege in win vber nacht SalArz 29,56; di sure milch ist kelder di grun ist trucken ebd. 18,41. 36,45 4 übertr. – ‘(jugendlich) kräftig, frisch, blühend’ horet von eime rittere, / [...] an sime namen was er groz / und an der iugende grune MarLegPass 20,15; doch enwirde ich nimmer grune Herb 8234 (vgl. Anm.z.St.); PfJud 29; mein hertz das wirt gruene, / ob ir mir zu hilffe kompt HvNstAp 3031; dâ von mîn grüeniu freude ist val Parz 330,20; mîn fröude grüene wirt gederret KvWLd 15,51; KvWHerzm 251; [der Glaube,] de der luͥde sel macht gruͤn ind schone MarlbRh 126,4. – ‘freundlich’ [Heuchler,] die under den grunen worden die suarcen hercen dragen. die denkent bosheit, inde sprechent wale, dat si ire bosheit bedecken, inde dat si di einveldige hercen bedrigen mugen Lilie 8,4; die gote grune sint, / der werlde tummer dan ein kint HeslApk 21983 (zur Wendung jmdm. nicht grün ‘wohlgesonnen’ sein, die unverneint aber kaum bezeugt ist [vgl. DWB 4,1,6,649]?) – als das wisse gruͤne [anbrechende] morgenrot vúr sich tribet die spilende sunne Mechth 4: 3,48 (zu farbsymbolischer Deutungsmöglichkeit s. Vollmann-Profe, Mechth. z.St. [242,12f.]). 5 als reine Farbbezeichnung für Nichtpflanzliches 5.1 allg.: diu welt ist ûzen schœne, wîz, grüen und rôt, / und innan swarzer varwe, vinster sam der tôt Walth 124,37; [die Farbe] grüen anevanges meine [hat die Bedeutung des Anfangs] Hadam 243,1 5.2 von natürlich Grünem: die gruͤne varue het er [Regenbogen] uon dem wassere, die blawe uon dem lufte Lucid 58,13. – grune eudechsen SalArz 27,4; der kroten der dâ ir vel / ist beide grüene unde gel Volmar 458; der heuschrecke grüene ist PrBerth 1:560,10. – smaragde die gruͦnen Rol 1554; MarlbRh 118,1; [die Farbe des Steins geracîte ] ist manecvalt: / gel grüene rôt wîz / blâ swarz in alle wîs Volmar 483; PrüllS 3,1; Parz 306,30; [Jaspis] ist grune sam ain gras HimmlJer 137; unden was der esterîch [...] von grüenem marmel alse gras Tr 16715; NibB 404,3. – mediz., von Körpersäften und -ausscheidungen, übertr. auch in Krankheitsnamen: der swarze harn der e grune ist gewesen SalArz 111,44; sô daz harn grüene ist in dem vieber, sô gewinnet er lîhte daz vergiht Barth 131,1; [die gelbe Farbe des Harns,] so si hat grunen iest [Schaum] , so bezeichent si di grunen gelsucht SalArz 114,58 u.ö.; di dritte [ colera, Gallensaft] is grune ebd. 4,8 u.ö. 5.3 von der Haut-, Gesichtsfarbe als Ausdruck von körperlicher Schwäche, Krankheit, Gefühlen: dô diu frouwe daz vernam, / ein schreck ir an daz herze kam, / [...] si wart noch grüener dan ein gras / und dar nâch als ein kirse HBirne 453; dez libes craft ir gar entweich: / sie wart gruͤn und bleich HvNstGZ 3396; [Menelaus] wart dâ grüene sam ein louch KvWTroj 34316; welhes menschen varb grüen ist oder swarz, der ist pœser site BdN 43,15; [wer Schmerzen in der Brust hat,] ist lîht grüene under den ougen Barth 157,11; dc du [...] gruͤn werdest vor hunger PrSchw (St) 2,227 5.4 von grün Gefärbtem, Bemaltem; von Kleidung, Stoffen, Waffenteilen u.a.: ein huot ûf sîme houbte was. / von samît grüene als ein gras Parz 605,10; KvWSchwanr 424; rôt unde gel, grüen unde blâ / ir wâpencleider glizzen KvWTurn 806; Roth 4590; Parz 36,27 u.ö.; mange decke [Pferdedecke] snêwîze, / gel, brûn, rôt, grüen unde blâ Tr 667; nim ein grunen uilz vnde netze in in ezzige SalArz 56,43; man sach da die schilde rot, / grune vnde wizze Herb 6271 u.ö.; Rol 8179; UvZLanz 3026. – Salbe: diz ungentum [Salbe] heizit latineschvn grvͦne [ vnguentum uiride, mit Grünspan gefärbt] Ipocr 303; grone salbe OvBaierl 95,8; – subst., bezogen auf Kleidung ‘Grünes’ swer brûn, gel treit, grüen oder rôt / mit sünden biz an sînen tôt, / der möhte vil lieber einen groben sac / an im tragen naht und tac Renner 2491; dar na [...] / heis der busschoff dat men sy cleide / mit scharlaichen ind gronen beide HagenChr (G) 4322. 4329. – vom Ritter, nach der Farbe seines Wappenrocks, Wappens usw.: dô liez aber schînen / der grüene ritter, wer er was UvZLanz 2961. 2978 u.ö.; subst.: der wîze [Diepalt] dô niht enbeit, / er nam dem grüenen gar daz wort UvZLanz 3109. – vom grünen Farbstoff selbst: swer grün varb welle machen, der nem grünspat vnd siede daz in harn BairFärb 8,1. 13,2 6 der grüene donerstac ‘Gründonnerstag’ (s.a. grüendonerstac ; Motivierung unklar, s. LexMA 4,1752f. u. Jeske, 82-88, Wanzeck, Farbwortverbindungen, 104-110): an deme gruͦnen doners tage Albert 534; von dem gruͦnen dunresdage [Überschrift] Lucid (H) 51,6; ElsLA 308,25; so ist er [der Landfriedensbrecher] in der ahte vnd in des pabstes banne, den er iarlich kundet an dem grunen donrstage UrkCorp (WMU) 879L,10. 1565,39; StatDtOrd 123,33; EvBerl 46,22.
MWB 2 960,26; Bearbeiterin: Herbers