frühling,
m. ,
ein von dem adj. früh
abgeleitetes wort, dessen l, da die ableitungssilbe ursprünglich -ing
lautet, unorganisch ist. 11)
die auf den winter zunächst folgende jahreszeit. der greis des silberhaares, der winter, sank ins grab: der jünglingstraum des jahres, der frühling, löst ihn ab. Tiedge
eleg. 1, 137; vom eise befreit sind strom und bäche durch des frühlings holden belebenden blick; im thale grünet hoffnungsglück, der alte winter, in seiner schwäche, zog sich in rauhe berge zurück. von dorther sendet er, fliehend, nur ohnmächtige schauer körnigen eises in streifen über die grünende flur: aber die sonne duldet kein weiszes, überall regt sich bildung und streben, alles will sie mit farben beleben. Göthe 12, 52. zu solchen betrachtungen ward unser gehülfe aufgefordert, als er an einem der schönen tage, an welchen der scheidende winter den frühling zu lügen pflegt, durch den groszen alten schloszgarten gegangen war 17, 294.
anfang und ende nimmt man im gewöhnlichen leben nach den erscheinungen in der natur (
vgl. frühlingsmonat);
nach den bestimmungen in unsern kalendern sind beide bei frühjahr
angegeben, wo auch die unterscheidung von diesem ausdrucke berührt wurde. frühling
aber bezeichnet hier im besondern 1@aa)
blosz jene angegebene jahreszeit. in diesem sinne taucht das wort zuerst auf und zwar im 15.
jh., aus dessen zweiter hälfte sich anführen läszt: aber esz würde uff den künftigen frieling ain treffenlicher zug von den sant Johansern hern gen Rodisz geschehen. Ehingen
s. 11. also uff den selbigen frieling zoch ich allain uff mein aigen kosten mit den cumittern (
commenthuren) sant Johans orden usz.
s. 12.
es trat neben die alten benennungen lenz, glenz,
und wenn Dasypodius 294
d ver, das glentz oder der früling, 488
d glentz oder früling,
ver, und darnach Serranus cc 1
a ver, der glentz oder früling, Frisius (1556) 1359
b ver, früling, oder das glentz
und darnach Maaler 144
d früling (der) oder das glentz,
dann Ölinger in seiner
gramm. 36 der früeling,
vel glentz
vel lentz,
und Henisch 1265, 62 früling, lentz, glentz, glänsz
noch nebeneinander anführen, so wurde doch glenz
ganz aus der schriftsprache verdrängt, lenz
aber mehr und mehr der gewöhnlichen sprache entfremdet und auf die höhere und dichterische beschränkt, der es auch bereits in der zweiten hälfte des 18.
jh. vorzugsweise angehört. hiernach wohnt dem auch die andern bedeutungen hier unter 1)
umfassenden lenz
etwas edleres bei, ohne dasz darum das jüngere frühling
für unedler gehalten würde. das ist auch der einzige unterschied zwischen beiden wörtern, und wenn Henisch 1266, 4
f. sagt: etliche machen ein unterschid zwischen früling und lentz. der früling ist ein anfang desz lentzens
und gleich in den zeilen 23
und 24
anführt im früling gemacht honig ist weisser, lieblicher und köstlicher, als dasz (
das) im lentz gemacht wirdt,
so ist diese unterscheidung weder begründet noch in der sprache durchgedrungen, sondern, wie es scheint, aus dem gefühle hervorgegangen, dasz die beiden wörter nicht völlig gleichbedeutend sein könnten und frühling
neben dem in seinem ursprunge dem volke dunkel gewordenen lenz
die frühe zeit d. h. die anfangszeit des lenzes bedeuten müsse. von der oben bezeichneten jahreszeit blosz als solcher ist frühling
schon im 16.
jh. ganz geläufig, wenn es auch in diesem sinne bei Alberus
und Luther
nicht vorkommt, welcher letzte hohel. 2, 12
und Sir. 50, 8 lentz
setzt. so hat z. b. Herr in seiner
zu Straszburg 1538
gedruckten verdeutschung des Columella (1, lxxvii) früling
oft genug. dann lesen wir im 17.
jh. z. b. bei Henisch der feuchte früling,
ver udum 1266, 11; ein truckner früling,
ver sudum. 12; zu eingehendem früling,
primo vere. 16; wenn der winter nasz ist, so ist der früling trocken, ist aber der winter trocken, so ist der früling nasz. 13
f.; ein schwalb macht kein früeling, ein tag macht keinen weisz (
weise) oder unweisz (
unweise). 25
f., vgl. schwalbe; er musz viel schwalben sehen, bisz dasz er glaubt, dasz der früeling sei. 29
f., vgl. sommer.
eben so in dem 18.
jh. und heute trotz dem im 17.
jh. noch hinzugekommenen ausdrucke frühjahr (
s. d.): Klopstock las mir diesen frühling in Hamburg einige fragmente des siebenjährigen krieges vor. schöne, edle sprache, nur etwas dunkel (im vorlesen wenigstens). Voss
br. 2, 288; doch sollte bei eintretendem frühling eine anständige ländliche freiheit dergleichen verhältnisse enger knüpfen. Göthe 48, 42; ich bitte euch, wendet alle mühe an, dasz sie diesen frühling zu uns herüber kommt und mich in meinem witwenstande ein weilchen besucht. Fr. Müller 3, 52. 1@bb)
jene angegebene jahreszeit als die zeit des wiedererwachens, der verjüngung der natur, der entfaltung der blätter und blüten, des neuen lebens in der thierwelt. frühzeitiger frühling. Göthe 1, 90 (
vgl. frühzeitig). ein später frühling. frühling zumal schaft grüne den pflanzungen, frühling den wäldern, frühling schwellet die erd', und zeugende samen verlangt sie. Voss
Virgils landb. 2, 323
f.; der frühling webt schon in den birken und selbst die fichte fühlt ihn schon: sollt er nicht auch auf unsre glieder wirken? Göthe 12, 202; und saht ihr in der nähe je des frühlings durchbruch, saht das streben der blüten. Thümmel
der heil. Kilian 23; hier bin ich, dem geräusch entwichen! sei mir gegrüszt, würzreicher hain (
Paphos)! ein ganzer frühling von gerüchen lädt mich in deine schatten ein, er hüpft daher auf schwanken ästen, der lenz, in blüten eingehüllt. Gerstenberg
verm. schrift. 2, 195; der frühling kommt. auf wiesen und auf feldern streut die natur den bunten teppich hin, die blumen kleiden sich in angenehmes grün, die lerche singt, es lebt in allen wäldern. Schiller 26
b; es öffnet sich (
im berg) schwarz ein schauriges thor, du glaubst dich im reiche der schatten, da thut sich ein lachend gelände hervor, wo der herbst und der frühling sich gatten. 50
a.
hiernach bezeichnet dann das wort durch übertragung 1@cc)
was der frühling bringt, die blütenfülle, das neue frische leben des frühlings. ich will hieher (
spricht der liebende zur geliebten von dem orte, wo diese ihn zuerst geküsst hatte) den ganzen frühling sammeln: die schöne saatrose will ich hier bei der lilie pflanzen. Geszner (1789) 3, 64; rund um uns her war alles frühling. die nachtigall sang, die tauben girrten, die hühner lockten, von ferne liesz sich eine schaar knaben auf weidenflöten hören, und die apfelblüten regneten so auf uns herab, dasz Hölty sie von seinem buche wegblasen muszte. Voss
br. 1, 219; der garten war lauter frühling, paradies und reiz. Heinse
schriften (
Leipzig 1838) 3, 40; Hildegard kam bald nachher in einem kleide von grüner seide, das haar leicht gelegt und gelockt, und brachte in einem körbchen voll blumen den schönsten frühling zur tischverzierung. 53. 1@dd)
was, wie die blüten, das neue frische leben, die anmuth des frühlings ist, sich ihnen vergleichen läszt. das erdenstockwerk hat éin zimmer und éinen stall — fuszboden und mauern sind mit sang- und girrvögeln bedeckt und behangen — ein ganzer frühling schreiet durch einander, und der vogler singt als gegenchor dazwischen und gibt pfeifstunden — und im schnee drauszen stehen schlagwände und meisenkästchen offen, um das vogelodeum stärker zu besetzen. Jean Paul
leben Fibels 15; welch einen schweren kummer trug er aus der druckerei in sein stübchen zurück! auf den ganzen frühling seiner zukunft war ein tiefer schnee gefallen, so bald sein freudiger bruder die freudigen augen verloren, die er an seiner seite darauf werfen sollte.
flegelj. 1, 131. wenn ich in den umarmungen eines jünglings sie seh, der die beredsamkeit dieser augen und euch fühlet, ihr frühlinge dieser lächelnden mienen, und den geist, der diesz alles schuf! Klopstock 1, 46 =
oden (1771)
s. 107; frühling wohnt auf ihrem antlitz, aber winter in der brust. Dusch
schoszhund 14; ach! ein mädchen gieng vorbei! frühling war der wange malerei, zauber war ihr freundlich nicken. Kl. Schmidt
im alm. d. d. mus. 1774
s. 12; wenn uns, was Doris (
Christiane Dorothee Gärtner, die auch Rost eine Doris feiert) spricht, entzücket: so fühlt man euern (
ihrer blühenden lippen) frühling nicht, vergiszt die anmuth, die euch schmücket, und fühlt nur, was sie spricht. J. A. Schlegel
verm. ged. 1, 293.
so auch von gestickten blumen: sie (
Selimors weste) stammt aus Lyon her, von golde starrt' ihr grund, worauf in buntem flor ein ganzer frühling stund. Uz (1768) 2, 169. 1@ee)
die erste zeit des tages, der morgen: leih auch meinem gesange vom holden frühling des tages (=
dem morgen) ein gefälliges ohr. Zachariä
tageszeiten 4.
die frühe zeit, die blütenzeit des lebens, die jugend: disz ist des hauses benedeien, des alters früling, glenz und meien. Fischart
geistl. lied. 91; also liesz unser prinz sich in des alters frühling lehren. Weckherlin 359; wie tapfer und wie weis ihr euch in ewrem frühling gleich erwisen. 440; thu, was dir noch vergünt der früling deiner jahre. Fleming (1660) 71; in der jahre blüth und frühling. Rompler 110; bei mädchen und bei wein, mit blumen um die haare, will ich euch dankbar sein im frühling meiner jahre. Uz (1768) 1, 29; andre augen, andre wangen, ungetreuer, fesseln dich und mein frühling ist vergangen. Dusch
schoszhund 20; die gränzen des frühlings des lebens und der jünglingschaft. Winkelmann 4, 89; hast du, leser! irgend einen frühling deines lebens gehabt? Jean Paul
unsichtb. loge 1, 137; ich habe lang genug gelebt! mein frühling sank bald ins welken hin, in gelbes laub, und was das hohe alter schmücken sollte, gehorsam, liebe, ehre, freundestreu, an alles das ist nun gar nicht zu denken! Schiller 579
a.
aber auch die volle blüte in der jugend: manch mädchen prangt mit scheuer tugend, das ingeheim zu Amorn fleht, wann itzt im frühling muntrer jugend ihr busen in der fülle steht. Uz (1768) 1, 110.
dann noch die erste zeit, die erste blüte einer aufstrebenden thätigkeit. so sagt Tscherning
in der widmung von deutscher getichte früling: im übrigen lebe ich der gänzlichen zuversicht, es werde mich der titul des büchleins schon voran entschuldiget haben, dasz es meiner poesie früling ist.
ebenso Göthe 44, 75: es wäre anmuthig, näher und ausführlicher zu schildern, wie er (
Philipp baron von Stosch) in den frühling einer geschichtlichen kunstkenntnisz glücklicherweise eingetreten. es regt sich ein frisches beschauen alterthümlicher gegenstände
u. s. w. Des minnesangs frühling herausgegeben von Karl Lachmann und Moriz Haupt.
auch die blütenzeit einer neigung: freund meiner seele! lasz uns leben! sei Nanten hold, sei ihr getreu! der liebe frühling sei vorbei, die freundschaft soll uns
sommer geben. Ferdinande (Nantchen) Vopel
in Göckingk
lieder zweier liebenden 11.
hierher die eigenthümliche anwendung des wortes bei Jean Paul
Titan 3, 19: fliegender frühling (ich meine die liebe, so wie man den nachsommer einen fliegenden sommer nennt), du eilest selber pfeilschnell über uns dahin, warum eilen autoren wieder über dich? 1@ff)
das lebensjahr, zumal in der jugendzeit. Damon: izt hab ich sechzehn frühlinge gesehn, doch, liebste Phillis! noch keiner war so schön wie der ...
Phillis: und ich, ich hab izt dreizehn frühlinge gesehn. Geszner (1789) 3, 49. schon der sechzehnte frühling hatte Wilhelminens wangen mit einer höhern röthe bemahlt, ihre augen funkelnder gemacht und ihr haar schwärzer gefärbt. Thümmel
Wilhelmine 6 = (1769) 29. 22)
ein lamm, ein zicklein, das im frühlinge geboren wird, vgl. frühjahrslamm.
gegensatz ist spätling.
zuerst nachweisbar bei Luther: wenn aber der lauft der früelinge herde war, legte er diese stebe in die rinnen fur die augen der herde, das sie uber den steben empfiengen, aber in der spetlinger lauft, leget er sie nicht hinein. also wurden die spetlinge des Labans, aber die früelinge des Jacobs.
1 Mos. 30, 41
f.; von den erstlingen oder früelingen.
werke 4, 33
b. auch lämmer und zicklein waren gedrängt in den ställen, und jegliche gattung besonders eingesperrt: wie die frühling' allein, so allein auch die mittlern, und auch die spätling' allein. Voss
Odyssee 9, 221. 33)
ein zu früh nach der trauung gebornes, also vor dieser gezeugtes kind. eine, wie es scheint, aus der vorhergehenden bedeutung hervorgegangene; denn bei Henisch 1265 »frülingen, früe kinder,
verni foetus«
deutet auf solche kinder, die im frühlinge, also früh im jahre, hier in gedanken an das erste jahr der ehe, zur welt kommen, und Stieler 572
stellt wenigstens zusammen: »frülinge,
etiam dicuntur agni verni, pecora verna. sic dicitur ein früling
et frülinchen,
spurius aut propr. infans statim post nuptias editus.«
bei Steinbach 1, 516
fehlt diese letzte bedeutung und Frisch 1, 301
c läszt sie nur im scherz gelten, aber Adelung
hat sie mit recht ohne diesen beisatz, doch fügt er hinzu, dasz besonders bei den handwerkern ein solches kind frühling
genannt werde. vgl. auch frühlingen.
eine andere benennung ist der frühauf (
s. d.).
s. auch frühpeter. 44)
einer der sich früh einer lehre zuwendet, der früh in der religion belehrung und trost sucht. eine ganz ungewöhnliche bedeutung, die aus folgender stelle hervorzugehn scheint: da Judas lange schon ein apostel war, war Nicodemus noch ein angehender neuling, gleichwol ward er der erste und Judas der letzte. darum wie ein erster frühling sich vor übermut zu hüten hat, also soll auch ein letzter spätling nicht zu kleinmütig sein. Otho 261,
der bildungen auf -ling,
wie dörfling, kränkling, stölzling
u. s. w., liebt. Zusammensetzungen mit frühling,
in welchen dieses zuletzt steht, besitzen wir nicht gerade reichlich: blütenfrühling, geistesfrühling, jugendfrühling, lebensfrühling, spätfrühling, vorfrühling, weihefrühling, weltfrühling.
desto zahlreicher sind die, in welchen das wort zuerst steht, wie sie hernach angeführt werden. dem anscheine nach herscht fast durchweg genitivische, also uneigentliche zusammensetzung, der auch frühlingbrütend
als accusativische angehören würde, aber jene genitivische ist, wie die älteren frühlingblume, frühlingmonat
zeigen, statt eigentlicher zusammensetzung eingetreten. übrigens darf man als solche nicht Jean Pauls frühlingathem, frühlingblut, frühlingerde
u. s. w. ansehen, denn diese bildungen beruhen auf einer Jean Paul
eignen grille, das ihm übellautende -s
des genitivs in zusammensetzungen auszustoszen, selbst wo es berechtigt ist.