zunder,
m. ,
ahd. zunder,
m., zuntra,
f. Graff 5, 688,
mhd. zunder,
m. und n. mhd. wb. 3, 897
a; Lexer 3, 1176,
selten zunt
mhd. wb. 3, 896
a; Lexer 3, 1180,
mnd. tunder Schiller-Lübben 4, 630
b,
nd. tunner Danneil 229
a; tumber, tumwer Schambach 236,
mnl. tonder Verwijs-Verdam 8, 536,
nl. tonder,
ags. tynder Bosworth-Toller 1029
b,
neufries. tennər Schmidt-Petersen 135,
Sylt töner B. P. Möller 273
a,
me. tender, tinder, tunder Stratmann 605
b; 609
b; 623
b,
neuengl. tinder,
an. tundr,
n. Fritzner 730
a,
schwed. tunder,
dän. tønder
norw. ma. tunder J. Aasen 844
a,
ins afranz. (
altnorm.)
übernommen tondre Meyer-Lübke
rom. etym. wb. 683
a,
nr. 8984.
mit l-
suffix s. zundel.
in anderem ablaut ahd. zantaro,
m. Graff 5, 686,
mhd. zander
mhd. wb. 3, 895
b; Lexer 3, 1026.
unsicher überliefert ist ahd. zintra Graff 5, 688,
ungewisz der zusammenhang mit zinsilo, zinselod
fomes, zinsera
rauchfasz ebda., und mit an. tinna,
f. Fritzner 3, 705
a,
neunorw. tinnerstein J. Aasen 817
a.
das germ. grundwort, das nur im got. fehlt, wo kein anlasz zur verwendung vorliegt, bezeichnete, nach der übereinstimmung aller germ. sprachen, eine lockere, pulverige masse aus pflanzlichen stoffen, welche durch den am stein geschlagenen funken zum glimmen gebracht wird. seit alter zeit wird dieser zunder
aus gewissen baumschwämmen, polyporus, siehe zundelschwamm,
zunderschwamm durch kochen in lauge, dann auch aus verkohlter leinwand hergestellt. noch älter aber, und bis heute bei einfachen völkern üblich, ist dafür die verwendung von mulmigem holze, worauf auch spuren in den maa. hinweisen. zunder
als '
faules buchenholz'
erwähnt Schmeller 2
2, 1134,
s. auch zunderasche, zunderholz,
sowie die stellen bei Diefenbach
n. gl. und W. Brack
zu zundel.
so wird dies die ursprüngliche bedeutung sein. die undeutlichen glossierungen zundel
arbor und das tirol. zunder,
f., legföhre, latsche, auch alpenrose, s. u., auch zundelstaude,
können zu der vermuthung führen, als ob das grundwort, das sich zu δένδρον beziehen liesze, ursprünglich eine baumart bezeichnet hätte, von der man den zunder
holte. doch kann zunder '
latsche', '
alpenrose'
auch eine jüngere volksthümliche übertragung sein. andere möglichkeiten vermuthet J. Löwenthal
ark. f. nord. fil. 32, 273; 289.
lautliche nebenformen im deutschen: zunter
in oberd. quellen Gombert
bem. und ergänz. 5 (1882), 6; zünder,
selten Hutten 1, 395
Böcking; nomencl. Hamburg. (1634) 388; zinder
chr. dtscher st. 25, 30 (
Augsburg); zünner Joh. Dietenberger
wider Martin Luther von d. miszbr. d. messe (1526) e 3.
neben herschendem m. einzeln n., wie im mhd., jüngst erbawete schäfferey (1641) h 2
a.
im deutschen ist zunder 11)
der zunderschwamm,
der zunder gebende baumschwamm, löcherschwamm, boletus igniarius oder chirurgorum, polyporus igniarius oder fomentarius Brockhaus 13
14, 255; Eulenburg
realencycl. 1
4, 247; Nemnich 672.
ältere belege: fomes lignum aridum vel fungus zunder
voc. ex quo (1472); swamen oder zundter der ausz den paymen wechst
voc. theut. (1482) 4
a;
tubera zunder Gersdorff
wundarznei (1517) 95
a (
voc. herbarum); vil findt man, die ire narung aus disen schwemmen und zunder suochen Tr. H. Bock
kreuterb. (1539) 33
b. 22)
der funkenfangende bestandtheil des alten feuerzeugs vor einführung der zündhölzer, der aus dem zunderschwamm hergestellt wurde Jacobsson 4, 715
b; Oken 3, 127; Delitzsch
pflanzenb.5 238;
schwammenzunder Kramer 2, 1484
c.
oder aus leinenlumpen gebrannt Karmarsch-Heeren 11
3, 521;
lumpenzunder Kramer: nimb gebranten zunder und lösch in in baumöl ab Seutter
hippiatria 69; von weiberhembden ist ein alter weiberaberglaube, so da vorgeben, es glimmete kein zunder an, der aus weiberhembden gebrennet würde Amaranthes 2170 (
ähnl. J. G. Schmidt
rockenphilos. 1, 293).
von anders bereiteten zündmitteln fremder völker Ritter
erdk. 2, 963; 14, 271.
früher auch zum blutstillen verwandt Gäbelkover
arzneib. (1595) 2, 218; P. J. Marperger
beschr. d. hanfs u. flachs (1710) 10,
s. auch den beleg aus Seutter. 2@aa)
regelmäszig mit stein, stahl, schwefel
zusammen genannt: (
er) seinen stahel und zunder zuohanden nam, das feuer schluoge Arigo
dekam. 173
K.; hätte gern für zwei pfennig schwefel und zunder Göthe 16, 60
W.; er nimmt feuerstein, zunder und stahl, schlägt licht und zündet eine öllampe an Börne
ges. schr. 2, 16; er war der letzte, bei dem ich stahl, stein und zunder als feuerzeug in thätigkeit gesehen habe Langewiesche
jugend u. heimat 107
bücher der rose. das gehört zur lebensnothwendigen ausrüstung: we dar stilt in deme scepe, den scal men setten uppe eyn wuste werder myt spise drier daghe unde myt tunder unde myt eyneme gloyendighen iseren Schiller-Lübben 4, 630
b (
Schlesw. stadtr.); schwebel, zundter und feuerzeug H. Sachs 4, 340
K. (
der ganz hausrat); ein wullen deck hab ich, ein paar stiefeln, und zunder und schwefel Göthe 8, 153
W. 2@bb)
der zunder fängt feuer: der zunder will nicht fangen Kramer; dieser staub ist der zunder, der feuer fängt Chamisso 2, 323.
sprichwörtlich: es musz guter zunder seyn, der da fangen soll Petri 2, cc 4
a; jugend fahet wie zunder Lehmann (1662) 1, 443; truckener zunder fängt bald Kramer.
der zunder glimmt: euer glaub ist zwar schwach und gleich einem füncklein, das in dem zunder glimmet Harsdörfer
t. secretarius 2, 110.
der glimmende zunder
wird angeblasen: die liebe wuste mich recht künstlich zu besiegen, so bald Anacreon in meinen zunder bliesz Günther (1735) 701. dürrer zunder
u. ä.: als ... dem satan ... der zaubermantel und die kappe wie mürber zunder abfielen Immermann 19, 128
H.; wie morscher zunder Heine 2, 91
E. dafür auch einfach wie zunder: etwas brennt wie zunder; sie (
die leiter) fing im nu an zu rauchen und zu brennen wie zunder G. Freytag 3, 62; schiedsverträge werden brennen wie zunder Bethmann-Hollweg im
reichstag 30. 3. 1911 (
südd. monatsh. 1916, 313). nasser zunder: oder war sein gehirn wie nasser zunder, dasz kein funken fangen wollte Bode
Tristram Schandi (1774) 3, 195; alle meine bitten fielen auf wie feuerfunken in einen feuchten zunder A. G. Meissner
Alcibiades (1781) 4, 237. 33)
in weiterem sinne, 3@aa)
was feuer fängt: und auch ein armer rauchender brand, der vom fewer zu Bern ist uberblieben, bey uns yn eim winckel seinen zunder sucht Luther 26, 560
W.; es darf nur ein eintziger funcken in den zunder fallen, so kan ein gantzes gebäude darvon in die asche geleget werden J. D. Ernst
liebesgesch. (1693) 53; alsdann könnten aus der asche Napoleons einige funken hervorsprühen, ganz in der nähe des stuhls, der mit rotem zunder bedeckt ist Heine 6, 171
E. sprichw.: das feuer nahe beim zunder thut nicht gut Düringsfeld 1, 253
a. 3@bb)
was feuer erregt: verbande er haimlich ainen gelügenden zunder in das wercke, darvon es bald enzündet gantz anhuob zebrinnen Nicl. v. Wyle
translat. 269
K.; alles was eine schürze trug .., wurde ferngehalten wie ein zunder L. v. François
Reckenburgerin 1, 27; er .. kletterte hinauf und steckte in die dachschindeln einen zunder P. Rosegger I 2, 266. 3@cc)
was morsch wie zunder
ist, vgl. 2
am ende: auch den zunder von dem verbrannten gedichte kehrte sie sauber bei seite Immermann 4, 44
H.; die bauern überhaupt sind der einzige heile stoff in dem ganzen plunder und zunder der civilisation! Bog. Goltz
jugendleben 1, 226. 44)
auf das menschliche gemüt angewandt, das aufglühen einer erregung oder was es in erregung versetzt. 4@aa)
von der erweckung des glaubens: ouch schein an alliz struoben in gesteltnis einer tuoben der geist, ir czweir czunder (
bei Christi taufe) Tilo v. Kulm
siben ingesigel 3043
Kochendörffer; aber die glaubigen wissen ausz ubung und erfahrung, dasz die inbrunst des gebets verlesche, es sei dann, dasz sie newe zünder herfür suchen
Calvins institutio christ. rel. (1572) 551; dein wort und sacrament sind immer neuer zunder, dasz licht und recht noch brennt B. Schmolcke
trost- u. geistr. schr. 1, 455. 4@bb)
von der liebesgluth: der minnen zunder,
eine lieblingswendung späterer mhd. dichter, wie Konrad v. Würzburg, Frauenlob, Heinrich v. Neustadt, Hugo v. Trimberg,
glüht wieder als zunder der liebe
in der barockliteratur auf, verlischt aber später: zunder ist sie (
die liebe) bei der glut, bei der flut triebsand, der die feuchte trinket P. Fleming
dtsche ged. 1, 317
Lappenberg; zeigt, dasz euer heiszes blut stündlich neuen zunder spüret Gottsched
ged. (1751) 276; der zunder heiszer brunst Lohenstein
Ibrahim Sultan 15, meines verliebten leibes
jungfer Robinsone 78, innerlicher triebe Günther
ged. (1735) 199, der liebe Schubart
sämtl. ged. (1825) 2, 248; Immermann 19, 193
H.; ja, schon als ich mit ihr vor den altar trat, trug ich den zunder zu der glühendsten leidenschaft für die zweyte ... in meinem herzen Bürger
an Elise Hahn 4, 26
Strodtmann; hoffst du mich zu erhalten, da müszte meine weibliche seele weniger zunder, keine treue und mehr stolz besitzen Novalis 1, 277
Minor. 4@cc)
allgemeiner von gefährlichen, leidenschaftlichen zuständen und ihrem ausbruch: den bricht man ausz ir bösz gedancken, irn unwiln und rachselig hertz, irn unsinnig, wütigen schmertz, irn zornigen, grimmigen zunter H. Sachs 3, 601
K.; darin er .. beweiset, das Luther ein zunder und ursprung sey allerley thumult Joh. Nas
antipap. eins u. hundert 5, 412
b; kein bürgerkrieg entzündet Schottlands städte, zu dem der Britte nicht den zunder trug Schiller 12, 433
G.; zunder groszes neides P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 321, der leidenschaft Pfeffel
pros. versuche 6, 125, des hasses und der feindschaft
discourse der mahlern 2, 31, der alten eifersucht Winckelmann 7, 192, der unzufriedenheit Alexis
Roland v. Berlin 1, 174, der süszen rache Lohenstein
Armin. (1689) 1, 60
b, des zwyspalts Abr. a St. Clara
Judas 1, 58, des aufruhrs Klinger
w. 1, 331, zu neuem krieg Hebbel 9, 81.
überhaupt des bösen: die obgenante ubrige sund nach der tauff ... heisset man zunder, darumb das sie leichtlich empfahet Luther 7, 345
W.; der zunder der erbsunde 6, 623
W.; 7, 345
W.; ceremonien sind zunder des aberglaubens Petri 1, e 1
a; hoffart und ehrgeitz ist ein zunder alles ubels 2, j i 2
b; der müssiggang ein zunder aller laster ist Guarinonius
greuel 1183; sein argwohn, dasz die in Rom noch befindlichen Deutschen und Gallier der zunder dieses unheils wären Lohenstein
Armin. (1689) 2, 10
b; der sündliche zunder, sündenzunder Kramer; dabei war ihm nicht unbewuszt, dasz ein zunder in ihm liege, der das böse leicht fangen könte A. G. Spangenberg
leben Zinzendorfs (1772) 97; zunder der geilheit Lohenstein
Arminius (1689) 2, 91
a, geiler lust
Agrippina (1690) 40, böser lust Zesen
verm. Helikon (1656) 1, 5
b, der wollust Klinger
w. 3, 281, der eitelkeit G. Forster 4, 115. 4@dd)
umgekehrt, was den geist wohlthätig entflammt, vgl. a und zünden 2 b
β: wäre ihr unvergleichliches beyspiel für den zunder zu halten, welcher seinen geist zu behertzten entschlüszungen angesteckt hätte Lohenstein
Arminius (1689) 1, 430
a; der funke könnte ... nicht zünden, wenn im gemüth der lesenden nicht schon der zunder bereit läge Herder 23, 176
S.; und die gereinigte glut der begeisterung lodert fort an einem innern unsterblichen zunder Schiller 6, 307
G. 55)
anregung, keim, nährboden. 5@aa)
von ansteckenden krankheiten Höfler 860
b: böse feuchtigkeit, welche ein zunder sindt fast aller kranckheiten Joach. Struppius
notw. underricht. (1564) b 8
a; wer am bette eines blatternden gewesen ist und auch blattert, hat schon den heimlichen zunder aus der beschaffenheit der luft mit ans bett gebracht
allg. dtsche bibl. 4, 2, 179. 5@bb)
allgemeiner: diese lehre findet einen guten zunder in mir Luther 33, 87
W.; es muosz vor ein sämlein und zunder der weiszheyt in im sein Seb. Franck
sprüchw. (1541) 2, 172
b;
schöne weise klugr. (1548) 104
b; Christi menschheit war .. ohne allen saamen, wurtzel und zunder des todes J.
F. Thierbach
diar. Herrnhuth. (1750) 2, 276. 5@cc)
eigenthümlich ist die anwendung auf die empfängnis, nur im späteren mhd.: zuhant an der stunde, do sie uz irm munde daz seldenriche wort geliez, der heilige geist sin zunder stiez Heinrich v. Neustadt
gottes zukunft 1396
Singer; ane vaters zunder 1307.
ähnl. Oswald v. Wolkenstein 53, 45
Schatz (
Marienlied). 66)
beim hämmern absprühende eisentheile Hübner-Rüder 4, 1037
b;
bairisch schmidzundel, schmidzunder Schmeller 2
2, 1134. 77)
der hammerschlag,
die auf dem erhitzten eisen, auch anderen metallen, sich bildende oxydschicht Lueger 8
2, 1040,
wofür auch sinter Muspratt 6, 543, walzsinter Lueger, glühspan Karmarsch-Heeren 1
3, 1: diese methode des glühens verhindere das ansetzen des zunders Töpfer
orgelbauk. 326. 88)
in der soldatensprache: in der regel kommen die aus der garnison ins feld gesandten jungen mannschaften bald rasch dahin, wo es pfeffer, dunst oder zunder gibt Th. Imme 126. 99)
pflanzenname, volksthümliche übertragung oder rest einer alten bedeutung. in einigen gegenden von Tirol, Vorarlberg, dem Allgäu sind zundern, zuntern
die zwergkiefern, legföhren, sonst latschen
genannt (
vgl. zunderbaum) Schmeller 2
2, 1134; Egger 953
a; K. Reiser
sagen, gebräuche, sprichwörter d. Allgäus 2, 746;
zschr. f. dtsche wortf. 9, 63: es (
das seil) war droben um den krummen ast einer zunder geschlungen Pichler
allerlei gesch. aus Tirol 1, 187; seitdem ... sieht man oft einen schimmel in den zundern herumsteigen Laistner
nebelsagen 44.
auch für die alpenrose rhododendrum ferrugineum Nemnich 672; Schmeller.
als baumname angeführt in einem alten glossar Germ. 8, 48.