zugehen,
v. ,
ahd. zuogân, zuogangan Graff 4, 95,
mhd. zuogân, zuogên
mhd. wb. 1, 468
b; Lexer 3, 1181,
mnd. togan Schiller-Lübben 4, 560
b.
früher, nur mitteld., gelegentlich mit haben: es hat zu viel wasser zugegangen S. Hüttel
chr. d. st. Trautenau 35; er weisz, es hab' in dieser welt nie besser zugegangen
Königsberger dichterkreis 205
ndr. II.
aus seiner entstehung ergeben sich verschiedene anwendungen. I@11)
räumlich in lockerer verbindung, auf ein haus, eine person zugehen,
s. sp. 145,
formelhaft in bühnenanweisungen. gelegentlich übertragen: ein fuchs (
pferd), der an der farb auf angebrannt zugeht, eh todt verbleibt als müd, sein muth so dapffer steht Hohberg
georg. cur. 2, 130.
von der zeit unpersönlich: es wyrdt nicht uff eyn ebentewer zugehen Luther 34, 2, 9
W.; es geht auf den sommer zu. I@22)
enger ist die verbindung, wenn das ziel durch den dat. bezeichnet ist. im räumlichen sinne ist das veraltet: und hiesz alle die wind, so gegen ihm giengen, Eurus, und was ihm am rücken zugieng, Zephyrum Paracelsus
op. (1616) 2, 102
a; lauf du, und ich wil zugehn dir, da wird man sehen wer da siget Fischart
ehezuchtbüchl. 162
Hauffen; der abend kommt heran, ich geh dem tode zu Logau 375
Eitner. heute allgemein nur übertragen: geh du holder, geh im pfad der sonne freudig weiter der vollendung zu Schiller 1, 108
G. es geht dem sommer, dem tode, dem ende zu. I@33)
allgemein üblich ist die verbindung mit dem dat., wenn irgend eine nähere beziehung hergestellt wird. I@3@aa)
von personen, wenn ein inneres verhältnis entsteht: sie behauptete: ihr Adolar bedürfe meiner; niemandem ginge das kind so willig zu, als mir Holtei 5, 167; sie (
zwei hunde) lieben das mädchen sehr, gehen ihm immer zu und sind viel ruhiger, wenn Margarita in unserer gesellschaft ist Stifter 2, 302. I@3@bb)
von dingen bezeichnet es mehrung an besitz, vortheil irgendwelcher art, auch umgekehrt, schon ahd. und mhd. das gegentheil ist abgehn: (
sie) lagen zwen monat in allem überflusz an eim ort, da in alle gnuog von Constantinopel zuogieng S. Franck
chron. Germ. (1538) 133
b; gott ist ein vollkommen guot dem weder zu noch abgehen mag
paradoxa (1558) 21
a; drausz mag mir wol ein trost zugehn Fischart
Eulenspiegel 89
Hauffen; die seinem bezirk ... zugegangenen groszen vortheile Göthe 25, 287
W. I@3@cc)
in älterer sprache besonders von körperlichen und seelischen zuständen: mir gieng ain solcher schreck zuo Schaidenreiszer
Odyssea 46
a; die artzt so auff die vögel besoldet waren, so yn etwas zuogieng S. Franck
weltbuch 232
a; es könnt ihr eine üblichkeit zugehn K. Meisl
dram. quodlibet 4, 83.
neuerdings in der sprache des geschäfts und der geschichtl. darstellung: nun ist mir von dort her noch keine nachricht zugegangen, ob die bereitliegenden 300 gulden silber abverlangt worden Göthe IV 23, 53
W.; weil ihm die irrthümliche meldung zuging Moltke 3, 74; eine willenserklärung, die einem andern gegenüber abzugeben ist, wird, wenn sie in dessen abwesenheit abgegeben wird, wirksam, wenn sie ihm zugeht
bgb. § 130. I@44)
enger wird die begriffliche einheit, wenn ein ziel nicht angegeben wird. in allgemein örtlicher anwendung veraltet: wo man isset, soll man zugeen, wo man gelt zelet, soll man vongehen J. Agricola
sprichw. a a 5
a (
ähnlich in anderen sprichwörtersamml.); denn irer war vil, die ab und zugiengen
Marc. 6, 31; im ab und zuogehen der fluot Eppendorf
Plinius 105 (
vgl. Heyden 321).
in besonderer anwendung '
zum abendmahl gehn': und das man feyn ordenlich und zuchtig zugehe Luther 19, 99
W.; es was ein arme fraw die ward bestochen von den juden mit gelt das sie inen das sacrament solt bringen, wan sie zuo wer gangen Pauli
schimpf u. ernst 318
Österley. noch gelegentlich volksthümlich A. Birlinger
kirchensprache 22, 60; Hentrich
Eichsfeld 95; Vilmar 473.
in der umgangssprache allgemein '
den dienst antreten',
nd. togan Richey 69; Schütze 2, 3; Bauer-Collitz 104,
in Basel dagegen '
bei einem einsprechen' Seiler 328
a.
vereinzelt, wie im mhd., von gestirnen '
untergehen' (
anders zugang 4 c): wir Solomander, almächtiger von Cartago, ... ein herre do die sunn und der mon auffgett und zugett vom höchsten zum pesten Schiltberger
reiseb. 67
lit. ver. lebendig geblieben ist spitz zugehen
u. ä.: angulus rectus ein tieffer winckel, der spitz oder scharpff zugehet.
angulus obtusus ein seichter winckel, der flach zugehet Corvinus (1646) 56; in fremdartig geformter, spitz zugehender stahlkappe kam er geritten Scheffel 2, 13. I@55)
ebenso in der bedeutung '
sich schlieszen': wann das dor hinter im zugeet
weisth. 6, 68; wolan ich neme den bosen deudschen fluch, gott musse diese lugen und grewel schenden, ehe meine augen zugehen Luther 30, 2, 444
W.; über all den löchern, die wir in anderer leute körper machen, ist noch kein einziges in unsern hosen zugegangen G. Büchner
nachgel. schr. 102; die
thür geht leicht, schwer zu.
veraltet für '
zufrieren': die Seine ist schon 2 mahl auff- und zugegangen Elisabeth Charlotte 3, 7
Holland. I@66)
auch das verstärkende zu
verbindet sich enger und bezeichnet die art u. weise eines vorgehens: umbschweiffige rede und anschlege, damit man nicht gleich zugehet, rencke Bas. Faber 473
b; das laut wol, wenn man gerade zugehet Petri 2 m 5
a; legen sie (
anrede) das schüchterne ab, und gehen kecker zu Klinger 1, 442; geh zu, wie kann sich ein mannsbild und ein weibsbild gleichschauen? Anzengruber 2, 89 (
wie das abweisende geh!).
in älterer sprache von vorgängen: so der turnier zugehet (
beginnt) und man aufbläst B. S. v. Stosch
trauerreden (1674) 309 (
s.aufblasen th. 1, 623); dies werck (
bau eines thurms) ging schnell zu Sigmund Meisterlin
chr. d. st. 3, 165.
ähnl. ahd.: nu habest tu fernomen, uuaz nu zugange Graff 4, 95. I@77)
anschlieszend daran bezeichnet es schon mhd. auszer dem schnellen und kräftigen überhaupt die art u. weise eines vorganges: und dasz alle vorgeschr. sachen, stück und artikul also zugangen und in einem offenen gericht ertheilt und geschehen seind, des zu urkund
weisth. 6, 83 (1396); und yhr kunst heyst magia und geht durch teuffels geschefft tzu Luther 10, 1, 1, 560
W.; wenn einer (
ochse) gieng, so stund der ander; zogen gantz ungleich mit einander. des gieng gar langsam zu ihr fuhr H. Sachs 9, 136
K.; dann unser gespräch halb zu latein, halb zu teutsch zugieng H. Guarinonius
greuel 205; weil diese arbeit nicht so hurtig zugehen möchte Schnabel
insel Felsenburg 110
ndr. heute nur noch mit allgemeinem subject ding, sache
u. ä.: die sach geet recht zuo Albrecht v. Eyb
d. schr. 2, 95; wann ein ding verkert zuogehet, das der wag die rosz sol ziehen S. Franck
sprüchw. (1541) 1, 2
a (
ebenso sch. w. klugreden 136
a); wie die sache zugegangen ist ... weis ich bis diesen augenblick nicht Bahrdt
gesch. s. lebens 4, 282; betrachten wir zunächst, wie ... die dinge indessen in Deutschland selbst zugegangen waren Ranke 3, 101. IIII.
aus I 6
u. 7
ergiebt sich die seit ende des 17.
jhs. vorherrschende unpersönliche verwendung Stieler 629.
für das mhd. ist sie in den wbb. nicht belegt, erscheint aber gelegentlich z. b. Ottokar
österr. reimchr. 63 164; 95 566.
es bezieht sich immer, wie das nahestehende hergehn,
s. th. 4, 2, 1100,
auch abgehn
th. 1, 45,
auf die art und weise von vorgängen. wir empfinden heute als fehlerhaft: er wuszte nicht, was da zuginge (
aus einem schüleraufsatz),
doch bezeichnete es früher den vorgang schlechthin in der verbindung zugehen lassen: warlich, es gschicht nit! ich lasz es nit zuogeen, ich wil es deinem vater offenbaren Albrecht v. Eyb
d. schr. 2, 11 (
ähnl. 2, 23). II@11)
in allgemeiner verwendung ältere belege: es gadt geradt also zuo wie du sagst Frisius 500
a (
ähnlich 46
b; 266
b; 737
b); es gehet bald zu, wenn man abbricht ein alt gebäu, aber das neue zu bauen gehet nicht sobald zu Luther
briefe 4, 308; gleich wie es on erbeit nicht zugehet, der eine malzeit zurichten und den gesten gütlich thun wil 2.
Macc. 2, 28; ihrer vil lassen das sieb lauffen, welches auff nachfolgende weise soll her- und zugehen Prätorius
glückstopf 58; hieraus sieht man nun, das alles mathematisch, das ist ohnfehlbar zugehe in der ganzen weiten welt Leibniz
d. schr. 2, 49.
neuere belege: doch wie das alles zugegangen, erzähl' ich euch zur andern zeit Göthe 2, 88
W.; jede alte schachtel im dorf weisz bescheid, wenn es recht geheim zugehen soll Droste-Hülshoff 2, 300; wie es mit den briefen zugegangen sei G. Keller 5, 134. II@22)
eine eigenthümliche bedeutung hat es in gewissen verwendungen bekommen. II@2@aa)
von den äuszeren zuständen, der lebensweise, lebenshaltung in einem hause, einer menschlichen gemeinschaft oder klasse: ein nachtmal der reychen und herrlichen leuten, da es kostlich, prachtlich und reychlich zuogadt Frisius 238
a; wie es .. yetz gemeinlich an höfen zuogat 143
a; also das es kummerlich zuogadt 56
b; dann ungetruncken gehts bei Gurgelgrossa .. nicht zu Fischart
geschichtklitt. 209
ndr.; endlich .. fehlt ihm noch .. der begriff, wie es bei hof, im gefecht, bei der armee zugehe Göthe 7, 194
W.; bei der hofhaltung des landgrafen ging es nach der sitte der damaligen zeiten einfach und still zu Novalis 4, 64
Minor. II@2@bb)
von dem was der äuszeren, der gesetzlichen, sittlichen oder schicklichen ordnung entspricht oder widerspricht: müntzmeister, die auf die müntz und wächsel acht hattend, das es recht und ordenlich zuogienge Frisius 1332
b; ich wölt das es gleych geschehe oder zuogienge 948
a; nichts deste weniger sollen beyde, yhr und ewre prediger, allen vleys furwenden, das eyntrechtig zugehe Luther 18, 421
W.; lassets alles ehrlich und ördentlich zugehen
1. Cor. 14, 40 (
vgl. Göthe 8, 7
W.); es geht wild, wüst, bunt zu; es geht zu wie an könig Artus hof, wie im himmelreich Eyring 2, 479; wie auf einer hundshochzeit H. Sachs 21, 10
G.; wie auf dem polnischen reichstage, wie in einer judenschule, wie auf Matzens hochzeit O. Weise
synt. der Altenburger ma. 161.
die tadelnde bedeutung hat es auch ohne zusatz: da gehts zu!; o, herr nachbar, ihr glaubt nicht wie es zugegangen ist (
wie schrecklich es war) Harsdörfer
gesprächsp. 2, 295; man weisz, wie es unter dem vorigen minister zugieng Schiller 14, 196
G. II@2@cc)
von dem was der natürlichen ordnung der welt zu widersprechen scheint: wie sol das zugehen? sintemal ich von keinem manne weis
Luc. 1, 34 (
ähnlich 5. Mos. 32, 30;
Richter 20, 3;
1. Sam. 4, 16;
Luc. 24, 12;
Joh. 3, 9); so wirstu dich wundern, wie es zugehe, das noch ein heller in Teutschland seye Moscherosch
ges. 2, 105; er treybet tewffel aus und wyr konnens nicht . es gehet durch den tewffel zu Luther 21, 29
W.; es sey allhier nichts ... mit künsten zugegangen Lohenstein
Arm. 1, 166
a (
ähnlich mit kräutern 1, 528
b); der himmel weisz, wie das zugeht J. Möser 1, 294; das müszte wunderlich zugehen, versetzte der graf — nur ganz natürlich, erwiderte der dolmetscher Göthe 26, 163
W.; wer konnte nur die beiden kästchen bringen? es geht nicht zu mit rechten dingen! 14, 142 (
Faust 2894,
ähnlich Faust 4942; 11 114). es müszte doch mit dem teufel, mit dem bösen, mit dem gottseibeiuns, mit dem henker zugehn!