wunderlich,
adj. ,
ahd. wuntarlîh,
mhd. wunderlich,
as. wundarlic,
mnl. wonderlijc,
nl. wonderlijk,
ags. wundorlîc,
engl. wonderly,
an. undrligr,
schwed. dän. underlig.
älteste adjektivableitung zu wunder,
mehrfach bereits im abrogans, vgl. dictum mirabile quiti uuntarlih (
gl. K)
ahd. gl. 1, 210, 35
St.-S.; mirabilis vundarlih (
gl. K) 1, 234, 1.
zur glosse alternis uoundarlihem 1, 40, 35
s. im kopf von wunder,
n. spätmhd. und älternhd. häufig wonderlich
und besonders umgelautet wünderlich,
daneben entrundetes winderlich,
z. b. (15.
jh., md.) Diefenbach
gl. 362
c; 367
b; winerlich 362
c.
erst seit dem mhd., stärker seit dem 16.
jh., konkurriert wunderbar (
s. d.),
das seit etwa 1700 wunderlich
aus seinen meisten älteren gebrauchsweisen nahezu verdrängt und ihm nur in der bedeutung '
sonderbar' (
s. u. A 4)
entschiedenen vorrang läszt. AA. wunderlich
bedeutet fast ausschlieszlich, wunder II
entsprechend, '
verwunderung, staunen erregend',
prägt sich aber in den verschiedensten richtungen selbständig aus. A@11)
in religiöser, wunder II A
entsprechender anwendung vom ahd. bis zur wende des 17. u. 18. jhs., jünger selten (
doch s. unten e)
und von wunderbar (
s. d. 1)
abgelöst. A@1@aa)
spezifisch kennzeichnend für das wesen, die eigenschaften und das handeln gottes oder, sehr viel seltener, Christi: endi uuirdit siin namo chinemnit uundarliih chirado (
et vocabitur nomen eius admirabilis)
Isidor 22, 11
Hench. formelhaft der wunderliche gott (
anders s. u. e): daz dû (
gott) von schulden bist genant der vil wunderlîche got Hartmann v. Aue
Erec 8298; der wunderlich gott (
mirabilis deus) Johann Hartlieb
dial. miraculor. 305
Drescher; denn der allmächtige vnd wünderliche gott hat
auch seine göttliche krafft in dem höchsten leiden Jesu Christi ... wollen beweisen Binhardus
thuring. chron. (1613) 5.
von den eigenschaften gottes: lob und ere der grundlosen wunderlichen ungemessenheit, dú in dir (
gott) ist Seuse
dt. schr. 173, 1
Bihlm.; erhöre vns nach der wünderlichen gerechtigkeit, gott vnser heil
ps. 65, 6; in allen creaturen hat gott sein wunderliche weiszheit zu erkennen geben Schweigger
reyszbeschr. (1619) 275.
göttliches handeln kennzeichnend: got der is wunderlîch in allen sînen werken der arme Hartmann
rede v. glouven 338
v. d. Leyen; (
der mensch) laufft mit seiner betrachtung in der hohen gothait. da nimpt er war siner wunderlichen werck Keisersberg
pred. teütsch (1508) 104
c; von den wunderlichen thatten Jesu Christi Hedio
chron. d. christl. kirchen (1530) 8
b.
in zahlreichen festen oder okkasionellen verbalverbindungen: hette nicht gott wünderlich und so unversehens uns geholffen, so solten wir erst ein rechten iamer ynn deudschen landen erfaren haben Luther 30, 2, 160
W.; aus wie viel weh, aus wie viel herbem leid, hast du (
gott) biszher mich wunderlich geführet? Gryphius
teutsche ged. (1698) 2, 128; wer nur den lieben gott läst walten, ... der wird ihn wunderlich erhalten, in aller noht Neumark
fortgepfl. lustwald (1657) 1, 29; erhielt dich doch ihr (
der vorsehung) arm so wunderlich beym leben Günther
ged. (1735) 420.
hierher auch: mirabilis deus in sanctis suis deus Israhel danne uuirt uuunderlih an sînen heîlegon got Israhelis Notker 2, 262, 17
P. (
ps. 67, 36); got ist wunderlich an sînen heiligen (
ps. 67, 36). alsô sprichet man hiute in dem heiligen amte, wan aller der wunder groeste, diu got ie gewunderte, daz ist daz wunder, swenne got einen sünder bekêret Berthold v. Regensburg
pred. 1, 79
Pfeiffer; vgl. 81; wanner he wort kommen herlich tho wesen in sinenn hilligen, vnd wunderlick yn allen gelöuigen Rotmann
restitution 99
ndr. A@1@bb)
spezieller in heilsgeschichtlicher sicht. auf Christi erlösungswerk bezogen: er (
Christus) ist giweltig filu fram joh hera in worolt zi uns quam, wuntarlichen thingon (
unter wunderbaren umständen) Otfrid I 3, 44;
vgl. V 12, 18; das uns das wunderlich geschicht (
in Bethlehem) ... werd bericht (1541) H. Knaust
spiel v. d. geburt Jesu Christi v. 783
Bolte; vom vatter ist er wunderlich von ewigkeit entsprossen Spee
güld. tugendbuch (1649) 47.
hierher: der wunderliche tabernackel deiner glory: welcher neun monat lang dich getragen hat Martinus v. Cochem
d. gr. baumgarten (1706) 149.
auch von den inneren heilsgütern und -wirkungen, die der erlöste empfängt: induô mîniu oûgen ... so gelirnen ih fone dînero gescribenun êo uuunderlîchiû mysteria, unde gelirnen mîne fienda minnôn; nieht neist uuunderlichera Notker 2, 503, 20
P. (
ps. 100, 18);
vgl. 279, 24 (
ps. 70, 18)
u. ö.; da mir Christi leib zur speise, sein blut zum tranck gleicher weise wird gereichet wunderlich David v. Schweinitz
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenlied 1, 376. A@1@cc)
seltener das walten gottes in der schöpfung charakterisierend: durch sein wort fellt ein grosser schnee, vnd er lesset es wünderlich durch einander blitzen
Jesus Sirach 43, 14; die dritte zierd desz houpts seynd die augen: gott hat nichts schöners,
noch wunderlichers ... erschaffen Albertinus
hirnschleiffer (1664) 50; du grosser gott, der du die welt hast wunderlich erbauet J. Rist
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenlied 2, 276. A@1@dd)
während die obigen gebrauchsweisen durchaus nicht auf die vorstellung übernatürlichen geschehens oder vermögens beschränkt bleiben, sondern eher die wertsphäre gottes und den bereich seines wirkens kennzeichnen, bezeichnet wunderlich
im religiösen gebrauch gelegentlich doch das eigentlich mirakelhafte in engerem sinne: an im (
dem zum tode durch ertränken verurteilten) ein wunderlichez dinc von sîner (
Christi) helfe dô geschach. der stein im ab der kelen brach: von dem wart er enbunden Konrad v. Würzburg
Pantaleon 1386
Gereke; die irrent gern die da vil vonn den wunderlichen dingen fragent
d. ew. wiszh. betbüchlin (1518) 142
a.
als später reflex, aber vielleicht doch von dem jünger vorherrschenden wortgebrauch (
s. u. 4)
abhängig: dasz sie (
anrede) im stande sind, auch das wunderliche ernsthaft zu nehmen, wenn es auf einem ernsthaften grunde beruht. diese geistliche anstalt ... war ... als wallfahrt wegen mancher wunder berühmt Göthe I 24, 19
W. adverbial '
durch ein mirakel, auf wunderbare weise': (
in Rhodus) sol man gefunden haben das haubt sant Johannes des tauffers und wasser sol do wunderlichen entsprungen sein
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 69; die drey weisen sind wunderlich zusammen kommen, wie sie das christkindlein haben besuchen wollen Prätorius
saturnalia (1663) 360.
vereinzelt in persönlicher beziehung, '
wunder wirkend': ehr ist ein wunderlich man gewest, hatt ehr andere vom tode auffgewecktt, vielleucht wirt ehr sich auch haben auffgewecktt (1522) Egranus
ungedr. pred. 117
Buchwald; vgl. (1536) Luther 50, 42
W. A@1@ee)
die bei wunderlich
schon früh erkennbare, rasch vordringende und schlieszlich vorherrschende bedeutung '
verwunderlich, seltsam, sonderbar' (
s. u. 4)
findet im religiösen gebrauch ihren besonderen niederschlag. sie kennzeichnet das geheimnisvolle, unverständliche, fremdartige, absolut souveräne am wesen und handeln gottes: er (
gott) git dem argen mere danne dem der minnet ere. daz ist ein wunderliche tat, da von er den namen hat: got wunderlicher heizzet er Ulrich v. Türheim
Rennewart 36326
Hübner; got kummet mit gruwelichen bekorungen und in wunderlichen und sunderlichen wisen Tauler
pred. 19, 8
Vetter; so wil ich auch mit diesem volck wünderlich vmbgehen, auffs wünderlichst vnd seltzamst, das die weisheit seiner weisen vntergehe
Jes. 29, 14; gott ist in seinen gaben, zumahlen mit dem dono inventionis, wunderlich, und siehet damit die person nicht an J. J. Becher
närr. weisheit (
31707) 84.
stark ausgeprägt im denk- und sprachgebrauch Luther
s der hier auf das scheinbar widersprüchliche, das paradoxe im wesen und handeln gottes reflektiert: das got alszo eyn wunderlicher wergkmeister ist, das er am meisten dye guthen regirt durch bose regenten Luther 9, 151
W.; gottis wort mus das wünderlichst ding seyn ynn hymel und erden. darumb mus es zu gleych beydes thun, auffs höhest erleuchten und ehren, die es glewben, und auffs höhist blenden und schenden, die yhm nicht glewben (
folgen weitere gegensätzliche aussagen) (
var.: wunderbarlichst)
ebda 12, 235; er (
Christus) machs wunderlich und seltzam, das alle vernunfft, natur und klugheit ubertrifft und nicht zubegreiffen ist ... war es nicht ein wunderlich ding, da er wolt yns ewige leben gehen, gieng er ynn den tod?
ebda 19, 153;
vgl. 30, 2, 575; 37, 440.
gleiches gilt für die Luther
sche auslegung von ps. 4, 4
und den hier anschlieszenden, bis heute mehr oder minder formelhaften sprachgebrauch: erkennet doch, das der herr seine heiligen wünderlich füret
ps. 4, 4;
vgl. dazu: wenn man wenet, er wolle sie lassen verderben, so hilfft er yhnen. ir wolt aber gern, das er euch hulffe non mirificando sondern wie yhrs beschlossen habt ... econtra affligit suos, so scheint es denn, als were er ihn feind. aber es heist 'mirificat', das er sich so seltzsam machet (
d. h.: so unverständlich stellt), das einer dencket, es sey der teufel und nicht gott. das thut er seinen heiligen, die er lieb hat Luther 31, 273
W.; 41, 674; so ist nun Christus nicht allein für sich, sondern auch in seinen heiligen noch eben so wunderlich, verborgen und ärgerlich, ... in dem er sie eben den wunderlichen und für der welt verkehrten weg führet Breckling
Christus triumphans (1661) 41; gott führt öffters wunderlich, er führt aber seliglich Schmolck
sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 116; und wenn auch die noth am gröszten, eben recht, so dient's am besten: wenn die wege wunderlich, gehn sie immer seliglich Lenz
ged. 12
Weinhold. säkularisiert, vgl. dazu noch unten 4 c
γ γγ wunderlicher heiliger: das vergnügen, das mir die genaue bemerkung eines fehlers an mir machte, war oft gröszer, als der verdrusz, den der fehler selbst bey mir erweckte. so sehr viel mehr galt bey mir der professor, als der mensch. der himmel führt seine heiligen wunderlich Lichtenberg
verm. schr. (1800) 1, 38. A@22)
auch auszerhalb des religiösen gebrauchs begegnet das wort in dem höheren, gesteigerten sinne des übernatürlichen oder doch unbegreiflichen, auch hier jünger im ganzen hinter wunderbar (
s. d. 2, 3)
zurücktretend. A@2@aa)
für die verschiedenen formen, vorgänge und gegenstände des übernatürlichen und übersinnlichen. auf dem gebiete des zaubers und der magie, vgl. wunderlicher ding vber die natur (
Augsb. 1512) Diefenbach
gl. 462
c s. v. prodigiosus: dô si dô an geleiten ir wunderlîch gewant (
die meerfrauen ihre schwanenhemden)
Nibelungenlied 1538, 3
B.; Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 11 056; lebens-beschreibung eines ... soldaten samt seiner wunderlichen gauckeltasche Grimmelshausen 2, 3
Keller; ist's wahr, dasz unten tief im Mohrenland ein wunderlicher brunnen sich befindet, in dem das holz wie eisen untersinkt? Platen
w. 2, 161
Redlich. von träumen, visionen, geisterwesen: er sagt manch wunderlich ding, das darnach war wart
Lanzelot 1, 19, 34
Kluge; Danieli wurden ... getzaygt von got ... wunderliche gesicht der haimlichait Albrecht v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) F 5
a; es trägt sich ein wunderlicher casus zu, maszen sich allhier alle viertelstunde ein geist sehn läszt
schausp. engl. comödianten 153, 36
Creizenach; mit den trümmern einer alten burg, worum gespenster und hexen und allerlei wunderliches gesindel ihr wesen trieben E.
M. Arndt
w. 1, 61
R.-M.; sollte die wunderliche erscheinung, die Hermann nur mit offenen augen geträumt zu haben glaubte, des bruders unerwartet raschen tod bedeutet und verkündiget haben? Holtei
erz. schr. (1861) 8, 78.
die welt des märchens kennzeichnend: wohlwollende konnte ich sehr glücklich machen, wenn ich ihnen mährchen erzählte, und besonders liebten sie, wenn ich in eigner person sprach, und hatten eine grosze freude, dasz mir als ihrem gespielen so wunderliche dinge könnten begegnet sein Göthe I 26, 76
W. A@2@bb)
in der anwendung auf vorgänge und gegenstände aus dem bereich der schöpfung, des kosmos und der organischen natur ist das moment des staunens über etwas unbegreifliches oft fühlbar mitgegeben, vgl. wunder II D: aber dero genamdôn drîo (
grösze, stärke u. schnelligkeit) neist er (
der himmel) nîeht sô uuunderlîh (
est mirandum) sô dero redo diu in trîbet Notker 1, 165, 14
P.; die dritten (
blitze und donner) haizt man clâr oder behend dönr, die sint aller selzcinst und aller wunderleichst und gar haimleicheu dinch der nâtûr Konrad v. Megenberg
buch d. natur 95, 8
Pf.; vgl. 97, 31; 100, 28; den leib ... wunderlich aws den elementen zesamgefuegt Berthold v. Chiemsee
teutsche theol. 290
Reithm.; wie wunderlich all zeichen gon, am himel, sternen, sonn vnd mon Scheit
Grobianus v. 731
ndr. jünger tritt wohl auch das ästhetische bedeutungsmoment (
s. u. 3 d
α)
hinzu, entspr. wunder II D 2: vnd (
die sonne) wirckt auf berg und thalen mit wunderlichen strahlen Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenlied 3, 400
a.
anatomisch-fachsprachlich für rete mirabile (
s. wundernetz): (
innerhalb des schädels) seind dura mater vnd pia mater, daz sind zwey fell. darnoch die substantz des hirns. darnoch vnder dem hirn aber dura mater vnd pia mater. zuo dem hindersten daz wunderlich netz. darnoch daz beyn das des hirns fundament ist Gersdorff
wundartzney (1523) 3
b. A@2@cc)
seltener allgemeiner, von dem, was sich der erkenntnis entzieht: mirificata est scientia tua ex me fone mînen sculden ist mir uuunderlîh unde unsemfte uuorden din bechenneda Notker 2, 577, 6
P. (
ps. 138, 6). A@33)
der in dem ganz allgemeinen sinne von '
auszerordentlich, erstaunlich'
an wunder II E
anschlieszende gebrauch zeigt oft unbestimmte konturen und flieszende grenzen. er bezeichnet nicht nur verschiedene intensitätsstufen innerhalb dieser vorstellung, sondern gleitet selbst unmerklich in eine blosze gradbestimmung hinüber; andererseits bilden sich prägnante gebrauchsweisen mit positivem oder negativem wertakzent heraus, und gelegentlich wird auch die grenze zu 4 '
merkwürdig, sonderbar'
unscharf. nach 1700
nur noch in ganz spezifischen anwendungen (
s. u.b
β; c). A@3@aa) '
ungewöhnlich, bemerkenswert, interessant, verwunderlich, erstaunlich',
in verschiedenartigster sachbeziehung: (
Lancelot) bat die jungfrauwen das sies durch got thete und wiszte sie irgent da sie starck abenture funden und wunderliche
Lancelot 1, 564
Kluge; von den offenbaren vnd verborgenlichen naturen, arten vnd eigenschafften allerhandt wunderlicher erdtgewechssen, als ertzen, metallen, mineren, erdsäfften, schwefeln Thurneysser
magna alchymia (1583)
titel; (
der star) ist ein wunderlicher und kurtzweiliger vogel Aitinger
jagd- u. weidbüchl. (1681) 87; was wunderlicher ebentheur dieser theure ritter ausgestanden
volksb. v. geh. Siegfried 60
ndr.; ein wunderliches ereignisz musz ich auch noch melden: ein junger porzellanmahler ... hatte mir durch vorzeigen von seinen arbeiten soviel vertrauen und neigung eingeflöszt, dasz ich ... ihm mehrere stunden gewährte Göthe IV 41, 121
W. mhd. gesteigert '
unerhört, kaum glaublich': ich bring dir guote mere und die wunderlichsten die ye me in dinen hoff kamen
Lancelot 1, 167, 11
Kluge; vgl. 166, 36; 491, 25.
hierher vielleicht auch ein mhd. adverbialgebrauch '
auf unerhörte, unerklärliche, absonderliche weise' (
gelegentlich vielleicht auch '
auf abenteuerliche weise'
bzw. '
durch abenteuer')
in der stehenden verbindung wunderlich verliesen: mich (
Berther) ruvvent uil sere mine sne wol getan, die ich wunderliche virloren han
könig Rother 537
de Vries; Hartmann v. Aue
Iwein 1383; sus hân ich iuwer hulde verloren wunderlîche Reinfrid v. Braunschweig 6737
B.; vgl. 5607; 5627; 9318; ich bin ze grôzen nœten kon wunderlîch, ich weiz niht wie Reinfrid v. Braunschweig 9603
B.; vgl. 9567; 9615
ff. als '
unerklärlich, unbemerkt, heimlich'
noch auf dieser linie?: von disem (
racheschwur) ward bewegt das capitel, und der (
bedrohte) ertzbischof und der thumbropst mit andern thumhern quemen wunderlich wegk (
var.: wunderlicher weise) S. Grunau
pr. chron. 1, 505
Perlbach. A@3@bb)
andere gebrauchsweisen führen auf einen durch wunder II E 4
vorgezeichneten und der vorstellung '
auszerordentlich'
naheliegenden bloszen intensitätsbegriff. A@3@b@aα)
in attributiver verwendung: unde selbûn dîa speram diu den ûzerosten bifang machôt, sueibônta mit vuunderlichero drâti (
miris raptibus incitatam) Notker 1, 839, 16
P.; mit also wunderlicher craft, dasz (
die von der minne gebundenen) unrelœset waren in allen ir jaren Gottfried v. Straszburg
Tristan 12 180
R.; dergleichen körperlein die alten atomos genennet haben, weil sie ihrer natur nach zwar divisibiles, doch aber wegen ihrer wunderlichen zärtlichkeit von uns nicht können getheilet werden Leibniz
dt. schr. (1838) 2, 332.
die beziehung auf positiv oder negativ gewertete begriffe tastet den neutralen charakter des wortes in dieser funktion nicht an: daz sich die engel ze hýmelriche wundertent ob ir (
Marias) wunderlichen schOeni
St. Georgener pred. 329, 11
u. 13
Rieder; von stund an fing si an wunderlich in gotes libe und wunderlicher andacht czu brennen
d. buch geistl. gnaden (1503) 2
b; (
der papagei) seiner jungen nest, mit wunderlicher klugheit, auf die höchsten ... äste der beume hanget Butschky
Pathmos (1677) 760; wiltu des nicht tun (
mich anbeten), sô wil ich dir wunderlîche pîne bereiten
dt. mystiker 1, 256
Pf.; dasz er sich kains lasters schemet noch boszhait scheuchet, wunderliche hochfart, geitz und übermt fueret (
Augsburg, mitte d. 16.
jhs.)
städtechron. 32, 427. A@3@b@bβ)
als adverb vor adjektiven und adverbien, soviel wie '
auszerordentlich, ausnehmend, sehr'
; seit dem frühmhd. äuszerst häufig, vgl. zum mhd. gebrauch zs. f. dt. altert. 14, 448;
PBB 47, 141: vil wunderlîchen balde
Straszburger Alexander 1130
Kinzel; daz diu tier wunderleichen stark sein Konrad v. Megenberg
buch d. natur 241, 5
Pf.; vgl. 323, 3; 374, 18; ein wein ... zu stärckung des haupts ... ist wunderlich kräfftig, in ausztrücknung aller feuchtigkeit des haupts Gäbelkover
artzneyb. (1595) 1, 15; er (
Apollo) reget die glieder, spielt wunderlich süsz Rist
Parnasz (1668) 666.
an dieser stelle bis heute lebendig, wenn auch leicht preziös: der platz hier hat etwas wunderlich zuthunliches Stifter
s. w. 1 (1904) 244; und da war doch ein kleines glück, eine wunderlich schöne perle Ina Seidel
labyrinth (1922) 312.
in adverbialer zuordnung zu verben seltener: dô kam ein wint geflogen dar, ... er schutte den boum sân zehant sô rehte wunderlîche (
Frkft. druck dafür: grausamliche) Hugo v. Trimberg
d. renner 83
Ehrismann; ja, antwortete sie, ich ward dadurch wunderlich erfreuet Bucholtz
Herkuliskus (1665) 414. A@3@cc)
in der bezeichnung dessen, was norm, masz und ordnung überschreitet, gewinnt wunderlich
prägnant negative bedeutungen, wunder II E 3
ziemlich genau entsprechend, aber den verwandten anwendungen unter 4 b
δ,
ε gegenüber anders herzuleiten. soviel wie '
unangenehm': so ir dass nit dunt (
für verhandlungen einen dolmetscher nehmen), ir werdent mhue und arbeyt haibenn und werdent wonderliche dinge shene vonn dene, die nit dene heydenn woillent cortasyenn aiber geschencke geben (1483)
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 139. '
aufrührerisch, unruhig': es weren einer oder zwei aus denen vom tale, die hetten fast wunderliche rede auff diese dinge gehabt, die wolden sie auch beschuldigen (1474)
denkwürd. d. ratsmeisters Spittendorf 18;
vgl. 374; zu dissen schweren, wunderlichen zeitten, da das gantze deutsche land ynn auffrur steht Luther 17, 1, 200
W.; vgl. 18, 361; die zeiten seyn so wunderlich, dasz niemand wissen kan, ob du ohne verlust deines lebens wieder herausz (
aus der narrenkappe) kommest Grimmelshausen
Simpl. 114
Scholte. '
schrecklich': dise wünderliche that (
Lucretias selbstmord) Schöferlin
Livius (1514) 20
a.
moralisch abwertend, dies besonders nd.: als er aber in die marck Brandenburgk kam, ... hatten beide Sachssen und Anhalt wünderliche practiken (1579) Entzelt
altmärk. chron. 191
Bohm; vgl. S. Grunau
pr. chron. 1, 505
Perlbach. wie bei wunder
dauert als '
unberechenbar, unbeständig, wechselvoll'
ein leicht negativer gebrauch bis in junge sprache fort: denn das glück ist wünderlich Voigtländer
oden u. lieder (1642) 89; wie kann das glück so wunderlich doch schalten (
in unglücklicher liebe)
Shakespeare 1 (1797) 188 (
sommernachtstraum I 1). A@3@dd)
prägnant positive bedeutungen, denen die vorstellung '
auszerordentlich'
im sinne des bewundernswerten oder wertvollen zu grunde liegt, eignen dem worte vornehmlich im mhd.; schon älternhd. kann es sich hier gegen wunderbar
nur mit mühe behaupten, und etwa seit der mitte des 17.
jhs. zieht es sich aus dieser anwendung ganz zurück. A@3@d@aα)
als '
schön, kostbar, wertvoll'
meist materielle werte oder sinnliche eindrücke charakterisierend: wunderlîcher baniere kôs er dâ mange schiere Wolfram v. Eschenbach
Parzival 350, 27; da was ein sargk off gemacht von metalle, der was grosz und schwere und wunderlich gewurckt mit golde und mit herlichem gesteyn
Lancelot 1, 165
Kluge; salve, schöne veldesbluome, — die mit hohem schin und ruome — uffgast so gar wunderlich (
von Maria) Seb. Brant
bei Schmidt
elsäss. 431
b; gottes lob wird auszgesungen, von den vögeln wunderlich Voigtländer
oden u. lieder (1642) 59.
aber auch künstlerischen rang und inneren wert bestimmend: si (
die lieder) wârn getihtet wunderlîch, die rîme gesetzet meisterlîch Ulrich v. Lichtenstein 444, 12
L.; ach minn, du wunderlich frucht meister Altswert 117
Holland-Keller; die liebe (
zu Christus) brennet ewiglich, sie brennet süsz und wunderlich Rinckart
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenlied 1, 476
b; zu Loretto in Welschland, in dero wunderlichen kirchen unser lieben frauen E. Buchner
d. neueste v. gestern 1, 89. A@3@d@bβ)
als persönlich auszeichnendes attribut. vereinzelt '
wunderschön': wer ist disú wunderlichú schonú vrowe, die so gewalteklich hie uf vert? (
Maria)
St. Georgener pred. 329
R. meist für eine in irgendeiner beziehung bedeutende persönlichkeit: daz si nie gesæhen nehainen man sô wunderlîchen. duo sprâchen arm und rîche: er solt von in iemer mêre baide lop unde êre von rehte dâ ze Rôme haben
kaiserchronik 5077
Schr.; der vil wunderliche gotis degin, der appet sante Brandan Rudolf v. Ems
weltchron. 3059
Ehrismann; daselbst ist auch der wunderlich mahler Apelles geborn Schweigger
reyszbeschr. (1619) 247; (
der) so viel wegen persuadierung wunderliche Bernardus Schupp
schr. (1663) 724.
mhd. der wunderlîche Alexander
ist komplexer zu fassen, mindestens kreuzt die vorstellung '
an wunderbaren erlebnissen reich'
hinein: duo sah der wunderlîche man (
Alexander auf d. meeresgrund) ein tier vur sich gân ... daz was ein grôz wunder
kaiserchronik 549
Schr.; vgl. 328; Konrad
Rolandslied 3974
Maurer; der wunderliche Alexander so getan wunder nie gesach Ulrich v. Türheim
Rennewart 8154
Hübner; man lieset, dasz die Sachsen weiland männer des wunderlichen Alexanders waren, der die welt in zwölf jahren bis an ihr ende erfuhr br. Grimm
dt. sagen (1891) 2, 41. A@44)
die bedeutung '
seltsam, sonderbar, merkwürdig'
steht, nach einem vereinzelten vorgriff bereits im as. (
s. u.b
δ),
seit dem mhd. zunächst neben den übrigen, tritt aber seit etwa 1700
so in den vordergrund, dasz diese neben ihr fast völlig verkümmern, um vor allem von dem wort wunderbar
übernommen zu werden, das aber seinerseits gleichwohl auch die bedeutung '
sonderbar'
noch festhält (
s. wunderbar 5).
typisch für diesen differenziertesten wortgebrauch ist das moment '
verwunderlich'
im sinne von '
befremdend',
wodurch häufig negative wertakzente auftreten, besonders in der charakterisierung von personen (
s. u.c). wunderbar
und wunderlich
in synonymem gebrauch: es giebt überall wunderliche köpfe mit wunderbaren gesinnungen
Holston u. Augusta (1780) 65; noch von dem wunderlichen und befremdlichen des traumerlebnisses durchdrungen, empfand er nun, überreizt wie er war, die fremde und wogende ödenei des weltmeers nicht minder wunderbar Gerhart Hauptmann
ausgew. prosa (1956) 2, 103.
öfter in ausdrücklicher scheidung: das seltene wesen ..., das sich auf eine wunderbare und auch wohl wunderliche weise auf diesen blättern hervorthut Göthe IV 38, 217
W.; vgl. I 41, 2, 112; aus Eberhards synonymik muszt du wissen, dasz wunderlich alle äuszerungen der erkenntnis und des begehrens genannt werden, die sich durch keinen vernünftigen grund rechtfertigen lassen, wunderbar aber dasjenige heiszt, was man für unmöglich, für unbegreiflich hält, was die bekannten kräfte der natur zu übersteigen, oder, wie ich hinzufüge, ihrem gewöhnlichen gange entgegen zu sein scheint ... gewisz ist es, dasz das anscheinend wunderliche aus dem wunderbaren sproszt E. T. A. Hoffmann
s. w. 3, 134
Gr.; vgl. 11, 98; alle abstufungen vom wunderbaren bis zum wunderlichen
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 1, 174. A@4@aa)
auf gebilde oder gegenstände, sinnliche eindrücke und objektive vorgänge bezogen. A@4@a@aα)
in spezifischer, aber bei wunder (
s. d. II E 1 e
α)
deutlich vorgebildeter anwendung soviel wie '
monströs, miszgebildet',
bes. älter, vgl. monstrose wunderlich (
md. 15.
jh.) Diefenbach
gl. 367
b;
ders., nov. gl. 256
b; wunderlich ...
monstrueusement, contre nature Hulsius-Ravellus (1616) 421
b: wa von wunderliche lúte wurdent (
vom essen einer bestimmten wurzel)
Lucidarius 12
Heidlauf; von wundirlichin luytin mit hundis houbtin
md. Marco Polo 57, 23
Tscharner; vgl. 55, 4; 66, 10; weil er wie Janus wunderlich zwey angesicht het an eym kopff Fischart
w. 1, 237
Hauffen; wunderliche geburt
parto strano, mostruoso Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1403
a. A@4@a@bβ)
sehr gebräuchlich und unterschiedlich getönt in der kennzeichnung dessen, was nach form, gestalt und aussehen ungewöhnlich ist, auffällt, aus dem rahmen fällt. noch in dem naturhaften bereich wie α,
aber ohne den beisinn des eigentlich monströsen: dess jars ... sah man ein grossen sternen, der war wunderlich und seltsam (
vor 1572) Tschudi
chron. Helvet. (1734) 1, 493; von einem wunderlichen citronenbaum ... also dasz nicht, wie bey andern bäumen gebräuchlich, der stamm mit der wurtzel in die erde befestiget, sondern gar hoch über dem erdreiche schwebend gesehen wird Chr. Weise
polit. redner (1677) 482; jenen niederen organismen, wunderlichen tierchen und pflanzensamen, die durch luft und wasser an die zufällige stätte ihres gedeihens getragen worden G. Keller
ges. w. (1889) 4, 222.
und sonst gegenständlich: in sînem (
des Feirefiz) wît gesamenten her was manc wunderlîchiu wer (
seltsame waffe) Wolfram v. Eschenbach
Parzival 737, 6.
mit dem beisinn des komischen, lächerlichen: ihre toilettegeräthschaften waren in einem wunderlichen korbe beherbergt, dessen erscheinen ... gelächter hervorruft. es ist ein drahtgeflochtener bienenhelm Gutzkow
zauberer v. Rom (1858) 1, 9.
in der beziehung auf gegenstände der bildenden kunst und auf bauwerke ist der nebensinn '(
geschmacklich)
ausgefallen, skurril'
oft, aber nicht notwendig mitgegeben: die wunderliche verzierung an den beiden eingängen der residenz in Passau ist unschicklich Nicolai
reise d. Deutschl. u. d. Schweiz (1783) 2, 457; wunderliche vasen ... die ich zu meinem vergnügen erfunden hatte; sie waren ganz verschieden von allem, was bis dahin gesehen worden war Göthe I 43, 75
W.; und oben drauf an zinnenwand die wunderlichsten steingestalten A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1879) 2, 63; neben der wunderlichen, alten, hohen burg des Robert Courthose Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 6, 227.
von landschaftsformen '
bizarr': auf welcher (
höhe) sich dem gesichte die wunderlichsten gestalten von bergen eröffneten
discourse d. mahlern (1721) 2, 3; wunderliche klippen überragten und überhingen uns Barth
Kalkalpen (1874) 160;
vgl. 293.
gern das aussehen oder die kleidung von menschen charakterisierend, meist mit dem leicht negativen akzent des befremdlichen, des komischlächerlichen, des grotesken oder des exotischen: ich wölt euch wärlich den wunderlichesten quasimodeo weisen ... do weiset Maso seinen gesellen dem richter mit der weiten bruoch (
hose) des sy von ferren ernstlich anhuoben ze lachen Arigo
decameron 487
Keller; bey dem steifen gange der akteurs, bey ihrer wunderlichen tracht Lessing 10, 146
L.-M.; staunend betrachten unsere Altbayern ... die schwarzen selbst, die so grotesk und wunderlich erscheinen
Liller kr.-ztg., auslese (1914/15) 1, 235.
ähnlich dort, wo bewegung und äuszeres gebaren als absonderlich gekennzeichnet werden: die kamphgesellen beide ... si suochten wilde crümbe und wunderlîche creize Konrad v. Würzburg
schwanritter 1155
E. Schröder; (
die häsin) machet allerhand wunderliche wendungen vor den hunden Heppe
aufricht. lehrprinz (1751) 105; von jenen wunderlichen sprüngen der mohren und mohrinnen, schäfer und schäferinnen (
im ballett eines puppentheaters) Göthe I 21, 16
W. seltener auf ungewöhnliche, fremd anmutende akustische eindrücke bezogen: der gesang der laut so wünderleich vnd rüfften alle 'vlereich'
bergreihen 68
ndr.; der hohepriester Samuel erschien mit Jonathan (
in einem puppenspiel), und ihre wechselnden wunderlichen stimmen kamen mir höchst ehrwürdig vor Göthe I 21, 9
W.; das kind schrie mit seiner kleinen stimme, von der mutter kamen wunderlich klagende töne. mutter und kind starben noch an demselben tage Paul Ernst 10
geschichten (
o. j.) 12
Potthoff. von krankhaften störungen, '
merkwürdig, sonderbar': den 2. april wurde ich von einem wunderlichen ... rheumatischen übel befallen Göthe IV 27, 5
W. A@4@a@gγ)
zur bezeichnung von vorgängen und geschehnissen, die als sonderbar empfunden werden: sô wunderlicher dinge wart selten ie geschouwet iht, sô daz man einen vogel siht ûf wazzer füeren liute Konrad v. Würzburg
schwanritter 306
E. Schröder; vgl. 937; hättet ihr ein weib, so würd ich wunderliche dinge glauben (
nämlich dasz sie dich verprügelt hätte) H. v. Kleist
w. 1, 401
E. Schmidt. '
ausgefallen': und sy (
die zigeuner) doynt anders nyet, dan smeden, dan van haynt sy eyn sunderlich wonderlich manyere (1492)
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 251; als ich auff ein zeit im winter bey jhm war, sahe ich ein wunderlich einheitzen in seinem gemach (
eine art offenen kamins, dessen rauch sich im ganzen raum ausbreitet) Schweigger
reyszbeschr. (1619) 121; bei der auslösung der pfänder suchte sich die lustige gesellschaft in wunderlichen aufgaben zu überbieten Langbein
s. schr. (1835) 31, 91.
redensartlichem gebrauch nahe es musz, es müszte wunderlich zugehen, es geht mir wunderlich mit etwas
u. ä.: der graff sprach: das mus wunderlich zugehn, das er da sietzt, glaub ich. dis ist mir ein sehr seltzam ding Thym
Thedel v. Wallmoden v. 1169
Zimmermann; es muste sich wunderlich schicken, dasz mich gleich zu der zeit herr Leszing aus Wittenberg besuchte Lessing 17, 9
L.-M.; es müszte wunderlich zugehen, wenn die Franzosen je anders würden H. Laube
ges. schr. (1875) 5, 49; mit Kügelgen geht es mir recht wunderlich, wie es mir mit mehrern ergangen ist Göthe IV 22, 50
W. A@4@a@dδ) wunderlich
ist, im rahmen der obigen anwendungen, insbesondere und ausdrücklich alles das, was gegensätzliches in sich vereinigt, fremdartiges mischt: (
Maria) tet och ain wunderlich und ain vrOemd ding ... des mag sich enkain maget germen daz si die e und den magtuom mit enander hab behalten
St. Georgener pred. 82, 4
R.; sihe wilch eyn wunderlich ding will ausz der beycht werden, das sie tzu gleych sey gepotten und vorpotten Luther 8, 351
W.; wohin, freund, mit dem wunderlichen paare? (
ochse u. pferd am pflug) Schiller 11, 21
G. von daher in festen verbindungen: unsere ... cuirassiere machten einen wunderlichen contrast Göthe I 33, 278
W.; eine symbolische darstellung der nothwehr, umgeben mit einer wunderlichen mischung von emblemen der grausamkeit und barmherzigkeit
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 1, 110. A@4@bb)
in der kennzeichnung abstrakter vorgänge und gegebenheiten; wie unter a
seit dem mhd., vereinzelt (
s. u.δ)
schon früher. A@4@b@aα)
von geistigen äuszerungen und gebilden, die nach form oder gehalt als sonderbar empfunden werden, wobei aber die grenze neutraler wertung kaum überschritten wird: 'ir herren von Galylea, wes stant ir und wartent?' diz waz ain wunderlichú frage, war umb sú dem wartetent nach der ir trOester und ir behalter waz. ez waz wol billich daz sú im nach lgetind
St. Georgener pred. 288, 19
Rieder; vgl. 230, 19; ein seltzame wunderliche rede ist aber, das sünde nimpt sunde weg, sünde verdampt sunde. were es nicht feiner gesagt: gerechtigkeit nimpt sunde weg? Luther 23, 711
W.; vgl. 8, 384; ich musz doch sehen, ob ich aus dem wunderlichen einfall meiner jungfer etwas machen kann Lessing 1, 292
L.-M.; sie scheinen sehr belesen im 'Faust'. hat das wunderliche gedicht auch sie so stark angezogen? Göthe
gespr. 2, 43
W. v. Biederm. mit dem nebensinn '
komisch, schnurrig': wiewohl die alten wunderliche händel und verse offt gemachet (
komische grabverse)
Reinicke fuchs (1650) 53; (
die freiwilligen von 1813) erzählen wunderliche spottgeschichten vom Norweger (
einem sonderling) H. Laube
ges. schr. (1875) 8, 21.
mit dem gleichen ton in der speziellen anwendung auf lautklang und lautform von wörtern: lauter grichische, lateinische vnnd weisz nicht was für wunderliche nahmen Schill
teutscher sprach ehrenkranz (1644) 10; das andere mädchen führte den wunderlichen namen Tippelskirch Winnig
frührot (1926) 105. A@4@b@bβ)
im gleichen anwendungsbereich in mehr oder weniger stark abwertendem sinne, wobei die vorstellung '
sonderbar'
von '
befremdlich, ausgefallen'
bis zu '
abwegig, verschroben, abstrus, unsinnig'
reicht: glosziren ... (
die papisten), daz angesicht heisz ein gewissen. ist das nit eyn wunderlich latin und deutsch? angesicht heyst das hertz, und erkennen heyst beycht horen Luther 8, 154
W.; mit solcher eigensinniger neugierigkeit, und von allen sprachverständigen bisz auf den tod verhasseten wunderlichen schreibahrt Neumark
neuspr. palmbaum (1668) 52; ein abgrund von ... wunderlichem aberglauben Herder 23, 225
S.; sein geschmack wurde immer wunderlicher. starb wer junges im dorf ..., so liesz er ein groszes begräbnis anrichten, vorausgesetzt, dasz die leidtragenden ihre zustimmung gaben, die leiche zu schminken und in einem mit vielen lichtern geschmückten flur aufzubahren Fontane
ges. w. (1905) I 1, 179.
die häufige beziehung auf vorstellungen, ansichten, grundsätze u. dgl. schlieszt die bedeutung '
falsch, unzutreffend'
ein, oft auch die von '
voreingenommen, ungerecht': was hat man nicht vor wunderliche einfälle hievon (
v. d. ableitung v. lat. homo) Morhof
unterr. v. d. dt. spr. (1682) 1, 123;
ihre (
Lipperts, Hagedorns, Oesers usw.) zwecke waren beschränkt, ihre maximen einseitig, ja öfters wunderlich Göthe I 46, 35
W.; über Österreich haben die deutschen kleinstädter die wunderlichsten vorstellungen ... ein Franzose oder Engländer würde unserem Wien gewisz mehr gerechtigkeit widerfahren lassen (1845) Bauernfeld in:
jahrb. d. Grillparzerges. 5, 120; diese wunderlichen ansichten Peschel
völkerkunde (1874) 13. A@4@b@gγ)
im bereich von gefühl und empfindung vorwiegend jünger und meist an feste wendungen gebunden. mir ist, wird wunderlich (zu sinn, zu mut),
zunächst körperliches unbehagen, körperliche übelkeit umschreibend: och wo rechte wunderliken is mi to sinne! ... ... ik vole den dôt, dat en mach anders nicht gesîn, wente he lecht mi an grote pîn (1489)
des dodes danz 233
lit. ver.; 'unmöglich', rief sie, 'kann ich's (
ein glas wein) ganz leeren, mir wird schon so wunderlich!' Hebbel
w. 8, 163
Werner; noch Doornkaat-Koolman
ostfries. 3, 581
b.
dann auch und vor allem innere, seelische zustände als betroffen, verwirrt oder verwirrend charakterisierend: ach seele was betrübst du dich, warum ist dir so wunderlich Chr. Weise
d. grün. jugend überfl. ged. 83
ndr.; dem dichter ist wunderlich zu muthe, wenn er erfährt, dasz man ihm mitspielt wie dem alten herrn vor drittehalb tausend jahren Göthe IV 35, 139
W.; ist es die nachwirkung der seltsamen zigeunerwirthschaft, oder die vorahnung dessen, was mir hier ... begegnen soll — aber mir ist wunderlich zu muthe Spielhagen
s. w. (1872) 1, 72. wunderlich sein, werden
scheint gelegentlich auch wohlbefinden auszudrücken: ich bin wohl und wunderlich (1788) Göthe IV 9, 22
W.; mir ward ganz wunderlich, ganz wohl und lieblich, anbeten wollt ich schon das frauenbild, doch es zerrann
Z. Werner
Martin Luther (1807) 312.
auszerhalb verbaler bindung in der kennzeichnung nicht erklärbarer, unbegründbarer empfindungen: mir ist's immer eine wunderliche empfindung nachts durch die stadt zu gehen Göthe I 9, 134
W.; eine wunderliche sehnsucht, an land zu gehen, durchströmte ihn magnetisch Ina Seidel
labyrinth (1922) 110. A@4@b@dδ)
menschliches handeln und verhalten kritisch wertend, meist im ton der befremdung. bereits in einem sehr frühen zeugnis: than habas thu nu uunderlico uuerdskepi thinan gemarcod far thesero menigi (
sonderbar hast du dein gastmahl [
hochzeit zu Kana]
angeordnet)
Heliand 2056; 'herr Ywan', sprach der konig, 'hatt der knapp den ritter erlöszt von den glenenstucken?' ... 'das mag uch werlich leyt syn', sprach der konig, 'ir datet auch wunderlich das irs gestattet'
Lancelot 1, 136
Kluge; Hagen hat sich, nachdem er Schlegels aufsatz gelesen, wunderlich genug angestellt
br. d. br. Grimm
an Benecke 49
W. Müller. von komischem, lächerlichem gebaren: sie (
die frau des custos) habe so eine wunderliche handlung (
die anbetung einer antiken statue durch eine kunstbegeisterte Engländerin) nicht ohne lachen ansehen können Göthe IV 8, 130
W. tu nicht wunderlich '
stell dich nicht an': gesundheit, mach aus, will dir ein neues einschenken. seh, tue nit wunderlich! eine wie du, die das ganze jahr sich die finger vor abarbeitet ..., so eine darf herzhaft eins nehmen, wenn man es ihr gönnt Jer. Gotthelf
s. w. 14, 18
Hunziker-Bl. als (nicht) wunderlich sein
auf ein sonderbares verhalten in einer bestimmten situation bezogen: wie seyd ihr (
kapuziner) so wunderlich? (
dasz ihr meine einladung zu einem imbisz ausschlagt) Grimmelshausen 2, 353
Keller; Götz: ... indem ich schreibe, was ich gethan, ärger' ich mich über den verlust der zeit, in der ich etwas thun könnte.
Elisabeth: sei nicht wunderlich Göthe I 8, 136
W. in der nuance '
sich anstellen, schüchtern, zimperlich sein': so bin ich (
als liebhaber) doch so wunderlich ich armes kind, und fürchte mich Chr. Weise
d. grün. jugend überfl. ged. 44
ndr.; für diess geschenk begehr ich dann von ihr, ach! einen süszen kusz; sie ist nicht wunderlich, den giebt sie wohl S. Gessner
schr. (1777) 1, 95.
aber auch moralisch abwertend für ein nicht einwandfreies, anrüchiges verhalten, hier dem gebrauch oben 3 c
nahe, wo aber ein anderer ansatzpunkt vorliegt: es (
die wahl könig Wenzels) was ein wunderlicher sete, do lief der gulden tapfer mete (
um 1385)
histor. volkslieder 1, 100
Liliencron; was wunderlicher seltzamer kauffmannschafft hat er (
der papst) getriben, und noch, mit genanten geystlichen gütern und prebenden? Sleidanus
reden 41
lit. ver.; vors dritte klaget Reinke gar sehr, wie es so wunderlich am hofe dahergehe, dasz man denen schmeichlern glaube, dasz man nicht gedenke an wohlthat der väter ... insonderheit beklaget er sich über den eigennutz
Reinicke fuchs (1650) 360; in der that ein wunderliches betragen, dasz eben die bischöfe ... selbst von fremden ... geld aufnahmen
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 3, 115. A@4@b@eε)
als kritisches urteil über welt und zeit, mit anderem ausgangspunkt und wohl geringerem gewicht als der in seiner beziehung verwandte, prägnant negative gebrauch oben 3 c: diu werlt stat wunderliche, so vil manic künicriche besetzet ist mit swacher art, daz ime der einez niht enwart Gottfried v. Straszburg
Tristan 10023
R.; wie es in derselbigen (
der welt) so wunderlich, so seltzam, ... ja so gantz teufelisch daher gehet
Reinicke fuchs (1650) 263; wir leben in einer wunderlichen zeit; zu ihren wunderlichsten früchten aber gehören die ehrenrettungen, in denen sie sich gefällt Hebbel
w. 12, 334
Werner; dasz in dieser wunderlichen zeit der starke schwach ist durch seine bedenklichkeit, der schwache stark durch seine dreistigkeit Bismarck
reden 1, 110
Kohl. A@4@cc)
als persönliche eigenschaft eines menschen oder einer menschengruppe; meist in der bezeichnung einer angeborenen oder erworbenen charaktereigenschaft, seltener für eine vorübergehende gemütsverfassung. A@4@c@aα)
besonders ausgeprägt in der kennzeichnung innerlich schwieriger menschen, soviel wie '
eigensinnig, widerspenstig, launisch, reizbar, unbeherrscht, mürrisch, unleidlich'.
in den wbb. des 16. u. 17. jhs. vielfach als die einzige bedeutung des wortes herausgestellt, vgl. z. b. Er. Alberus
dict. (1540) p 1
b (
lat. morosus), Zehner
nomencl. (1645) 68 (
ebenso), Henisch (1616) 1487 (
lat. importunus, submorosus, fastidiosus, irritabilis, difficilis, querulus, non tractabilis)
u. a.; von Steinbach
bis Campe
als für das wort bes. bezeichnende bedeutung aufgeführt. auch die maa. halten vielfach an dieser anwendung als der eigentlichen fest, vgl. z. b. Seiler
Basel 319
b; Sartorius
Würzburg 135; Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 681
b; Rother
schles. sprichw. 380
a. A@4@c@a@aaαα)
schon mhd. deutlich so, wenn auch noch mehr vereinzelt: ze vrouwen Ênîten er dô sprach: 'wie nû, ir wunderlîchez wîp? jâ verbôt ich iu an den lîp daz ir iht soldet sprechen: wer hiez iuch daz brechen?' Hartmann v. Aue
Erec 3238; ich wæne ez guot wære: Isengrîn, ê er wirt zeslagen, er sol ez sînem vater sagen, der ist vil lîhte wunderlich
d. wolf i. d. schule 1293
in: Reinhart fuchs 338
Jac. Grimm. am stärksten im 16.
jh. ausgeprägt. so bei Luther: wir wöllen ymer gerne bey heiligen leuten sein, die nicht wünderlich sein, sondern sich fein nach uns lencken 24, 178
W.; Esau aber hatte zwey weiben, die waren wünderlich und widderspenstig 24, 490
W.; vgl. 45, 8
u. ö. vor allem scheint die übersetzung von 1.
Petr. 2, 18
weiterzuwirken: ir knechte seid vnterthan ... den herren, nicht allein den gütigen vnd gelinden, sondern auch den wünderlichen;
vgl. noch: der dienstbott seiner seltzamen und wunderlichen herrschafft ... dienet Dannhawer
catech.-milch (1657) 1, 341.
im übrigen: ein fraw mit groszem heyratgut ist wunderlich vnd vnleidenlich, will nit gestrafft sein vnd allzeit recht haben Albrecht v. Eyb
dt. schr. 1, 31
Herrmann; (
teufel:) ich hab gehabt ein altes weib, die hat hart geplagt meinen leib ... (
arzt:) mein freund, du solt gwist habn vorhin, dasz die weiber sind alle wünderlich Hans Sachs 21, 25
lit. ver.; starck und keck nennt das gemein volck den, der da grimm ist und wunderlich, sein selbs nicht gewaltig
Erasmus herrenzucht (1566) c 5
a.
die bedeutung hält sich bis ins 19.
jh., wird aber durch den immer stärker hervortretenden gebrauch β zurückgedrängt und verliert offensichtlich an schärfe: besser ein wunderlicher lebendiger mann, denn ein frommer der todt ist Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) K 5
b;
vgl.Z 2
b; eine obrigkeit, ... die nicht wunderlich, sondern gelinde und gütig ist Zinzendorf
bedencken u. bes. sendschrb. (1734) 48; es giebt eine art menschen, die man wunderliche (difficiles) leute nennt Knigge
umgang m. menschen (1796) 1, 190; sind doch ein wunderlich volk die weiber, so wie die kinder! jedes lebet so gern nach seinem eignen belieben, und man sollte hernach nur immer loben und streicheln Göthe I 50, 210
W. (
Hermann u. Dorothea 3, 62);
vgl. IV 1, 10;
schr. d. Goetheges. 18, 28; 21, 265; auszerdem sollen die vorsteher der bibl(iothek) wunderliche leute sein (1817) Jac. Grimm
an Savigny 261
Schoof. bis in jungen gebrauch geläufig in der pars pro toto-verbindung wunderlicher kopf: die man auff deutsch nennet wunderliche kopff und seltzam, die da leychtlich tzornenn oder szonst geprechen an yhn haben, derhalben schweer mit yhn ist umbtzugehen, wie sich denn das szonderlich begibt tzwischen man und weyb, tzwischen herrn und knecht, tzwischen ubirkeytt und unterthanen (1522) Luther 10, 1, 2, 67
W.; es ist unter blossen natürlichen menschen ein groszer unterschied, indem einige sind gütige und gelinde, andere wunderliche köpfe von unschlachtiger art Chr. Starke
synopsis 3 (1737) 1089; beschreibt mich als einen wunderlichen kopf oder lieber gleich als einen bären ... und wenn ich dann nur niemand fresse, so bin ich ein artiger mensch (1790) Schiller
br. 3, 51
Jonas. A@4@c@a@bbββ)
über αα hinaus kann das wort, wenn auch eher gelegentlich, zu anderen bedeutungen im bereich des moralischen und persönlichen gelangen. mit bezug auf den lebenswandel '
fragwürdig, locker': ain priester ..., der was gar ain wunderlich man und gancz genaygt zu der frasserey (
homo satis mirabilis) Joh. Hartlieb
dial. miraculorum 312
Drescher; ein edelmann von guotem geschlecht, der sein tag ein wünderlicher vogel, wie man pfleget zuo sagen Kirchhof
wendunmuth 1, 86
Öst. '
nicht zu fassen, undurchsichtig, zwielichtig': Erasmus est anguilla. niemand kan yhn ergreiffen denn Christus allein. est vir duplex ... es ist ein wunderlichs mendlin! man ways nit, wo man sein gewarten kan
bei Luther
tischr. 1, 55
W.; wunderliche menschen sind um ihn (
den fürsten) herum, die ich gar nicht begreife. sie scheinen keine schelmen und haben doch auch nicht das ansehen von ehrlichen leuten Göthe I 19, 110
W. '
unruhig, unbequem': war er (
Sokrates) nicht immer ein unruhiger bürger ... war er nicht ein kühner und wunderlicher mann, und seid ihr nicht ganz nah an einem geständnisz, das den männern von genie wenig günstig ist? Göthe I 45, 14
W. in dieser schattierung auch positiv wertend, '
unternehmend, aktiv': dawider nun regten sich männer und kunstfreunde in Mailand ... lebhafte wunderliche geister schürten zu, und die gährung ward allgemein (
gegen eine dilettantische restaurierung von Leonardos abendmahlsbild) Göthe I 49, 219
W.; es ist das freundlichste, liebste fräulein von der welt. dabei hat sie so ein wunderlich wesen, man musz respect vor ihr haben. mit einem wort: es ist ein frauenzimmer, das für einen soldaten paszt Bauernfeld
ges. schr. (1871) 2, 119. A@4@c@a@ggγγ)
nicht sehr häufig in der wendung wunderlich sein (gegen jemanden) '
sich unfreundlich verhalten': beweis dich (
verhalte dich) nyemantz wunderlich
liederbuch d. Hätzlerin 251
Haltaus; das ich (
der ehemann) jr (
der ehefrau) pflege, neere und warte, und nicht bitter noch wünderlich gegen jr sey Luther 41, 561
W.; seine frau ist freilich bisweilen ein bischen wunderlich, aber mags ... wir zanken uns einmal herum, und dann lasz ich sie laufen Lenz
ges. schr. 1, 23
Tieck. A@4@c@a@ddδδ)
auch die kennzeichnung einer augenblicklichen gemütsverfassung im sinne von '
zornig, ungehalten'
bleibt auf mehr gelegentlichen gebrauch beschränkt: und das übrig korn lies er tails verkaffen, und lies ains tail malen und gab das mel und gelt hausarmen leutten. aber die becken warden wunderlich, dasz ims ain ratt lies verbachen, sie hetten hernach gewelt, sie hetten es selb gebachen (
Augsburg 1517)
städtechron. 25, 74; wenn herr Esau auch wunderlich wird, so dürffen wir nichts mehr wünschen, als dasz wir nur lauffen können ... wenn wir aber dem verdamten Jacob das licht ausblasen, so wird der herr (
Esau) wieder gut Chr. Weise
comödienprobe (1696) 160. A@4@c@bβ)
seit dem mhd. steht neben α eine anwendung, die einen menschen in seinem wesen und benehmen als '
sonderbar, befremdend, unberechenbar, verschroben'
kennzeichnet, ohne damit ein moralisches urteil auszusprechen. A@4@c@b@aaαα)
meist als ein gutmütig spottendes, gleichsam kopfschüttelndes, achselzuckendes urteil: ich bin ein wunderlîcher man, daz ich mich selben niht enkan verstân und mich sô vil an frömde liute lâze Walther v.
d. Vogelweide 104, 26; dann wie er (
Eulenspiegel) war bey lebenszeit sehr wunderlich in sonderheit Fischart
w. 2, 459
Hauffen. seit der mitte des 18.
jhs. tritt diese anwendung α gegenüber immer stärker in den vordergrund: sie sind ein wunderlicher mann; sie wollen immer gründe wissen Dusch
verm. schr. (1758) 4; wir mädchen sind doch eine wunderliche nation: kaum heben wir den kopf nur ein wenig wieder, so ist gleich putz und band was uns beschäftigt Göthe I 11, 108
W.; vgl. 14, 20; 37, 165; 'ich sehe hieraus, junger herr, dasz ihr ein wunderlicher christ seid.' 'wie das, meister?' versetzte ich. 'wunderlich ist nicht übel gemeint', fuhr er fort, 'man nennt jemand so, der sich nicht gleich ist, und ich nenne sie einen wunderlichen christen, weil sie sich in einem stück als den nachfolger des herrn bekennen, in dem andern aber nicht'
derselbe 27, 169; geizig is er und ein biszchen wunderlich. — aber eigentlich doch ein guter mann Fontane
ges. w. (1905) I 5, 129; gedanken stürmen auf mich ein, so viele, so heftig; aber ich kann sie nicht denken, selbst dazu fehlt die ruhe, die zeit. — ich glaube manchmal, ich bin etwas wunderlich geworden
kriegsbr. gefallener studenten (1928) 53. A@4@c@b@bbββ)
seit je auch etwas schärfer, im sinne von '
töricht, lächerlich, ein wenig verrückt, kauzig, närrisch',
ohne aber den vollsinn von '
verrückt'
zu erreichen: du (
der abt) leszt ausz dir ein narren machen, das macht dein wunderlicher sin, ... werd des koniges hofenarre (
ca. 1385)
hist. volkslieder 1, 106
Liliencron; ja wohl ich bin wunderlich, warum nicht gar närrisch? Chr. Weise
d. grün. jugend überfl. gedanken 202
ndr.; ich glaube, sie hat den verstand verloren, und will mich auch wunderlich machen Lenz
ges. schr. 1, 287
Tieck; nur ein wenig wunderlich war er geblieben; er hatte, wie Christian sagte, sich eine ganz glückselige dummheit zugelegt Th. Storm
s. w. (1900) 4, 330;
vgl. Doornkaat-Koolman
ostfries. 5, 581
b. A@4@c@gγ)
in besonderen beziehungen. A@4@c@g@aaαα)
das wesen alter menschen kennzeichnend, sowohl im sinne von α wie (
besonders jünger)
von β: wer altet, der wird mein geleich, vast vngestalt vnd wunderleich
liederbuch d. Hätzlerin 42
Haltaus; (
Greger:) ihr wüst wul, alde leute seen wünderlich unde gämlich (
verdrieszlich). (
Jockel:) is ha wünderlich, ie su bi ich seltzem. eis ims ander Gryphius
lustspiele 265
Palm; nach einigen wochen aber wurde hie und da erzählt, der alte Daniel Basch sei so was wunderlich geworden Th. Storm
s. w. (1900) 7, 38;
vgl. Mensing
schlesw.-holst. 5, 739. A@4@c@g@bbββ) wunderlicher kauz
in fester verbindung. nur älter in einer an den moralisch abwertenden gebrauch α anknüpfenden verwendung: summa, die welt ist ein wünderlicher kauz, gott wolle ihr bald ein ende machen Luther
tischr. 4, 194
W.; Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) R 6
a.
jünger durchaus im sinne von β als bezeichnung eines sonderlings: (
studiosus:) du bist ein wunderlicher kautz, du bist gewisz noch nicht viel unter leuten gewesen Schoch
comoedia v. studentenleben 44
Fabricius; wo bist du, du wunderlicher, komischer kauz, alter direktor Carl Mayer? Brunner
erz. u. schr. (1864) 1, 172. A@4@c@g@ggγγ)
die verbindung wunderlicher heiliger
wurzelt in religiösem sprachgebrauch, vgl. dazu Luther
s übersetzung von ps. 4, 4
oben 1 e
und eine noch eigentliche, paradox gemeinte anwendung wie: das ist myr yhe fur war eyn wunderlicher, seltzamer heylige, der da zurnet, das gott den sundern gnedig ist, und gonnet yhn keyn guts, sondern eyttel unglück (
vom propheten Jona) Luther 19, 239
W. auch jünger ist religiöser gebrauch noch möglich: die welt sagts im spott von einem frommen: er sey ein wunderlicher heiliger. nimme du es im ernst an; dörffst dich dessen nicht beschämen, ein solcher wunderlicher heiliger war Abraham, Joseph, Moses Frisch
neukling. harpfe Davids (1719) 18; nur leider war der alternde dichter doch einer der wunderlichen heiligen (das wort scheint recht eigentlich für die puritaner geschaffen) Treitschke
hist. u. pol. aufs. 1 (1886) 41.
in betont religiöser, auf ps. 4, 4
anspielender formulierung mit säkularisierter bedeutung: ich bleibe immer der wunderliche heilige gottes, der wunderlich geführt wird Göthe IV 9, 41
W. im übrigen jünger meist in rein weltlicher bezeichnung für einen sonderling, vgl. schon Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1403
a: der wunderliche heilige (
der junge gelehrte)! du (
der diener) bist aber nun schon so lange um ihn; solltest du nicht sein gemüth, seine art zu denken, ein wenig kennen? Lessing 1, 296
L.-M.; Amos (
ein schneiderssohn) sey der wunderlichste heilige; geschick habe er zu jedem dinge, fleisz zu gar keinem. all sein lernen sey laune Riehl
gesch. a. alter zeit (1863) 1, 242. A@55)
im rahmen mehrerer der obigen bedeutungen und anwendungen erscheint wunderlich
in einer reihe formelhafter wendungen und verbindungen meist verbaler art. A@5@aa) es, das ist wunderlich,
objektiv feststellend: salamandrâ spîset sich mit fiure, daz ist wunderlich Freidank 109, 17
Bezz.; ey, dacht ich dan, ist wunderlich: ruff ich, rufft er mir wider (
vom echo) Spee
trutznachtigall (1649) 12; das ist in der that wunderlich, herr major! Ayrenhoff
s. w. (1814) 3, 67.
vor allem mit abhängiger aussage. meist mit untergeordnetem dasz-
satz: waz daz nit wunderlich gnuoc daz man dich (
Christus) nach der alten e besneit? Ulrich v. Türheim
Rennewart 60
Hübner; es ist wohl recht wunderlich, dass ein mahler ... uns eines menschen angesicht ... abmahlen ... kan Zesen
rosenmând (1651) 60; ist es wunderlich, dasz über die menschen, welche dieses gedicht sangen, eine hast hereinbrach? Rilke
ges. w. (1927) 4, 183.
seltener mit abhängigem infinitivsatz: und ist unsen ougen sin (
des steines) vorborgen tougen wunderlich zu sene Heinrich v. Hesler
apokalypse 6247
Helm; das ist wunderlich von jme zuvernemmen Ayrer
hist. proc. juris (1600) 376.
vereinzelt mit abhängigem indirektem fragesatz, und dann soviel wie '
es ist unbekannt': wers her glegt hat (
ein findelkind) auff den morgen, ist wunderlich und mir verborgen Hans Sachs 8, 34
lit. ver. es wäre wunderlich, würde wunderlich sein
in konditionalem sinne: es wäre wunderlich genug, wenn ich auch noch in dieser provinz triumphirte Göthe IV 35, 146
W.; es würde wunderlich seyn, ihr (
der stadt) ein vergehen vorzuwerfen Heilmann
gesch. d. pelop. krieges (1760) 394.
hierher vielleicht eine persönliche konstruktion wie mhd. ich were wunderlich komen =
es wäre verwunderlich gewesen, wenn ich gekommen wäre: 'wust ichs nit, herre konig (
dasz ihr der edelste könig seid)', sprach sie, 'so were ich wunderlich in uwern hof komen'
Lancelot 1, 491
Kluge. A@5@bb) mir ist etwas wunderlich
als ausdrücklich subjektives urteil, vgl. schon: fon truhtine ist thaz gitân, inti ist vvuntarlîh in unsaren ougun (
mirabilis)
Tatian 124, 5 (
Mt. 21, 42); das (
Christi worte von dem neu geboren werden im gespräch mit Nikodemus) ist yhm aber noch viel wunderlicher, wird ye lenger ye yrrer und toller Luther 20, 418
W.; meine traurigkeit ist mir selber wunderlich Varnhagen v. Ense
tageb. (1861) 1, 182. A@5@cc)
in der verbindung mit dünken, vorkommen, erscheinen
ebenfalls ein subjektives urteilen oder empfinden ausdrückend: daz endunke niman wunderlich
kl. mhd. erz. III 82, 159
Rosenhagen; wirt euch mein guoter will vnd neigung gegen euch weder frembd noch wunderlich beduncken Scheit
Grobianus 3
ndr.; den edlen ritter dünkt die kunde wunderlich Scherer
lit.-gesch. 80; und kamen also mit dem tage gegen den Brieg, welches ifg. herzog Jorgen wunderlichen vorkam Schweinichen
denkw. 51
Ö.; A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1879) 2, 267; nun mag es wunderlich erscheinen, bei der 'arbeit' ... in lieder- und sagenbüchern umfrage zu halten Riehl
d. dt. arbeit (1861) 111. A@5@dd)
als aus a
verkürzter ausruf: hm! hm! — wunderlich! — wie ist mir denn? — was will der sultan? was? Lessing 3, 88
L.-M.; wunderlich! ein altes märchen däucht es mir, gehört im traume Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 282. A@5@ee)
als glied adverbialer wendungen. auf wunderliche weise;
selten '
auf wunderbare weise': einen ring von vier metallen für den hertzkrampff im beutel, auff die wunderlichst weisz, die einem je zu gesicht kommen mag, zugericht, dann der stahel verzeret, schwechet vnnd schändet nicht das gold, noch das silber das kupffer Fischart
Garg. 183
ndr. meist '
auf sonderbare weise': alle auff so wunderlich- vnd vnterschiedliche art vnd weiss verkleidet ..., dass, der solches betrachtet, sich dess lachens schwerlich enthalten kan Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, F 4
b; das gröszere (
bild) stellt auf eine wunderliche weise das manna des wüstenzuges vor Göthe IV 35, 285
W. wunderlicher weise.
älter vereinzelt '
auf wunderbare weise': und rühme gott, der dich gespeist so wunderlicher weise J. S.
Mitternacht bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenlied 2, 99
a.
sonst durchweg '
auf sonderbare weise'
oder '
sonderbarerweise' (
s. auch unten wunderlicherweise): von dem jüngsten tage wird von vielen seltsam und wunderlicher weise judicirt Schweinichen
denkw. (1878) 5; durch diese beschäftigung war ich wunderlicher weise im süden weit mehr heimisch geworden, als in meinem vaterlande G. Keller
ges. w. (1889) 2, 27. BB.
eine wunder I
entsprechende bedeutung '
verwundert, erstaunt',
auch '
neugierig',
als bezeichnung eines inneren zustandes, reicht in schmaler, aber deutlicher bezeugung vom mhd. bis in modernen sprachgebrauch. B@11)
in formelhaften verbalwendungen, wie sie unter wunder I 2 b
vorgeprägt sind. so besonders mhd. und mnd., in der bedeutung '
verwundert, erstaunt sein': daz nymt mich wunderlich und muss auch ymmer wundern mich
minneburg 3255
Pyritz; disse bedde hot mich gar wonderlich, dasz du judde des biddest mich, sint ich bin ein heidin
Alsfelder passionsspiel 1311
Gr.; diss hatte viel leute wunderlich und gar seltzam, das der rath meinen herren von Magdeburg baten, das seine gnade in die gebrechen wolte verzeichnet geben (1478)
denkw. d. ratsmeisters Spittendorf 330; hir was deme kokemester wunderliken to (
er wunderte sich darüber) (
Lübeck 15.
jh.)
bei Schiller-Lübben 5, 788
b. B@22)
auch sonst meist in verbaler bindung. wunderlich sein: er sei daruber woll als wunderlich gewest als der andern einer (1523) v.
d. Planitz
berichte 355
Wülcker. sich wunderlich stellen, wunderlich tun '
erstaunt tun': do kam der würt vnd stalt sich gar wunderlich (1509)
Fortunatus 52
ndr.; Apollonius überliesz dem bruder die überweisung der arbeit. Fritz Nettenmair that erst wunderlich, indem er zu verstehen gab, er meine, Apollonius sei gekommen, hier den herrn zu spielen und nicht den diener O. Ludwig
ges. schr. (1891) 1, 198.
anderes: Peterschin (siehet sich wunderlich vmb) (
bühnenanweisung)
schausp. engl. comödianten 220
Creizenach; viel fragen wunderlich, was mit dir zu beginnen? geschencke nimmst du nicht; wie kommet man dir bey? Besser
schr. 1, 74
König; der (
freund) sah ihn erst sehr wunderlich mit seinen grauen augen an und wuszte keine rechte antwort R. Dehmel
ges. w. (1906) 6, 170.
auch in der wunder I 1 b
entsprechenden bedeutung '
neugierig, wiszbegierig': das das volck so irre war und lieffen so wunderlich in grossen hauffen zu der Wilsenach (1475)
denkw. d. ratsmeisters Spittendorf 67; du schüler Howards, wunderlich siehst morgens um und über dich, ob nebel fallen, ob sie steigen, und was sich für gewölke zeigen Göthe I 4, 30
W.; noch mundartlich, vgl. Martin-Lienhart
elsäss. 2, 839. B@33)
ungewöhnlich in attributivem gebrauch, vgl. torpidus verschricklich
vel wonderlich (
Köln 1507) Diefenbach
gl. 589
a: man erführe in der stadt davon, und wenn sie zurückkehrten, sähe man sie mit wunderlichen augen an Heyse
ges. w. (1872) 4, 216.