wunderlichkeit,
f. ,
abstraktbildung zu wunderlich,
seit dem mhd.; zunächst neben dem vorigen; älternhd. auch wunderlickeit (
md. 15.
jh.) Diefenbach
gl. 367
b s. v. monstruositas. vor der zweiten hälfte des 18.
jhs. nur in gelegentlicher verwendung. noch nach Adelung
versuch 5 (1786) 302
ist das wort '
wenig gebräuchlich'. 11)
in später nicht mehr möglicher religiöser beziehung: dirre heilige Augustînus ist zu lobene umme vil stucke. zu dem êrsten umme di wunderlichkeit sîner bekêrunge
dt. mystiker 1, 186, 18
Pf.; (
mein kind,) das gott selb darzu erkose das er (
gott) sin grosz wunderlichkeit mit im erzeiget
Lancelot 1, 43
Kluge. 22)
vereinzelt als der übernatürlichen vorgängen anhaftende charakter: allmählich nimmt ... doch die wunderlichkeit der abenteuer ab. die prunkenden begebenheiten werden in den kreis gewöhnlicher ereignisse herabgezogen Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 2, 220. 33)
auch zur kennzeichnung des auszerordentlichen, ungewöhnlichen nur selten: das man ... fro solt syn umb die groszen wunderlichkeit das ein ritter alleyn getan hett
Lancelot 1, 166
Kluge; vom klima wird gehandelt, von landesart, menschen, thieren und gewächsen, wir stoszen auf manche wunderlichkeiten Göthe I 41, 1, 359
W. 44)
erst in der zweiten hälfte des 18.
jhs. wird das wort lebendig, und dies in entschiedenem anschlusz an wunderlich A 4 '
sonderbar, merkwürdig'.
bestimmte gebrauchsweisen des adjektivs in dieser bedeutung kehren deutlich wieder; neben dem singularischen, zusammenfassenden gebrauch steht der plural mit vereinzelnder funktion. 4@aa)
in gelegentlicher, wunderlich A 4 a
γ entsprechender beziehung auf sonderbare geschehnisse und vorgänge: dergleichen romantische wunderlichkeiten können nur in Meersburg passiren (
ein etwas abenteuerliches theater mit z. t. hervorragenden schauspielern) (1844) A. v. Droste-Hülshoff
an Louise Schücking (1893) 281; Oswald, welcher jetzt ... die wunderlichkeit der situation wohl erkannte, fand Franz' rath zu vernünftig Spielhagen
s. w. (1872) 2, 23. 4@bb)
häufiger für die sonderbarkeit, die bestimmten geistigen äuszerungen und gebilden nach form oder inhalt eignet; künstliches, verschrobenes, abwegiges, ausgefallenes kennzeichnend, s. wunderlich A 4 b
α;
β: zugleich habe von den modernen religiositäten in Frankreich und Teutschland manche wunderlichkeiten vernommen Göthe IV 36, 93
W.; die wunderlichkeiten der englischen aussprache Göthe I 27, 27
W.; überhaupt scheint Wolfram mir oft der treueste bewahrer des volksmäszigen, wo man gerade an künstlichkeit und wunderlichkeit denken möchte (1820) Lachmann
an Jacob Grimm in: briefw. 1, 119
Leitzmann; welch unerschöpflicher brunnen respectwidriger lust war uns ... die wunderlichkeit seiner sprache Holtei
vierzig jahre (1843) 1, 23; die erste Kasseler periode (
Jac. Grimms) ist durch einige annoncen vertreten, die um ihrer wunderlichkeit willen (
in seinen aufzeichnungen) aufbewahrt scheinen Scherer
kl. schr. (1893) 1, 24. 4@cc)
vor allem als charakterisierendes urteil über die wesensart und die eigenschaften eines menschen, vgl. wunderlich A 4 c. 4@c@aα)
die bei wunderlich A 4 c
α besonders im älteren gebrauch stark ausgeprägte beziehung auf schwierige, eigensinnige, unleidliche menschen schimmert hier nur noch gelegentlich durch: die hindernisse kämen blos von der wunderlichkeit ihrer mutter Miller
briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 379; alsdann wird seine (
des aus dem wirtshaus kommenden mannes) wunderlichkeit nie mehr in zorn ausbrechen, und er wird euch (
der frau) keine schläge mehr geben können Hebel
w. 2, 324
Behaghel. 4@c@bβ)
im übrigen, wie unter wunderlich A 4 c
β,
das sonderbare, verschrobene, skurrile an bestimmten menschen bezeichnend, wenn auch die grenze zu α nicht immer scharf zu ziehen ist. als zusammenfassendes urteil: die ... anerkennung ... des seltsamen freundes schien das misbehagen, das uns andern bey seiner wunderlichkeit befiel, völlig in der edlen seele zu überwiegen Göthe IV 38, 263
W.; dasz eine frau, der man die 'wunderlichkeit' um ihres genies und ihrer gesellschaftlichen stellung willen nachsieht, aufsteht und eine kritik ... der religion und gesellschaft veröffentlicht Gutzkow
ges. w. (1872) 9, 235; seine (
des alten Cézanne) abgesonderte wunderlichkeit Rilke
br. 1906 —1907 (1930) 379
inselverl. ebenso pluralisch: manches über die wunderlichkeiten des herzogs von Gotha Göthe III 4, 13
W.; vgl. IV 19, 179; ich setzte mir aus der menge von wunderlichkeiten, die man über die arme zu berichten hatte, das bild einer originalität zusammen Gutzkow
ges. w. (1872) 2, 373.
als charakteristikum alter menschen: du liebst mich alten mann mit allen seinen wunderlichkeiten und grillen mehr, als den jungen kräftigen gleichsam himmel und erde stürmenden Stifter
briefw. 6 (1931) 35; der reiche Melchisedech, in der wunderlichkeit des hohen alters, hatte seinen mitbürgern, söhnen und enkeln einen befremdlichen vorschlag gemacht Rilke
ges. w. (1927) 4, 124.
gern für eine bestimmte eigenschaft, eine schrulle, marotte u. dgl.: wenn euer gnaden gleich die wunderlichkeit an sich hat und nicht leiden kann, dasz man sage sie träumen wie andere ehrliche leute Wieland
s. w. (1794) 11, 197; es mag eine wunderlichkeit von mir sein, ... sowie ein fremder mit der brille auf der nase zu mir hereintritt, kommt sogleich eine verstimmung über mich Göthe
gespr. 7, 289
W. v. Biedermann; so war sie (
Mozarts frau) auch stets bereit ihm bei tisch das fleisch zu zerschneiden ..., weil er sich ... zu beschädigen fürchtete; eine wunderlichkeit O. Jahn
Mozart (1856) 3, 170.