weichling,
m. mhd. weichelinc Lexer 3, 737,
nnl. weekeling Kramer (1759) 2, 571.
wie dümm-, finster-, klüg-, wüst-, zärtling
aus adj. und -ling
zur bez. einer person und mit verächtlichem sinn, den bereits Schottel
haubtspr. 95 § 44
bemerkt und den Ramler
einl. in die schönen wiss. 4
3 364
aus der demin. bed. des suffixes erklärt. zuerst beim Meissner: her Weichelinc, ir sît ein man mit wîbes muot
minnesinger 3, 90
a v. d. Hagen, der ersonnene eigenname angelehnt an die vielen patronymen bildungen auf -ing.
unabhängig davon tritt das wort 250
jahre später bei Luther 7, 405. 8, 14. 10 i 1, 299. 19, 556. 558
Weim. und schon im 16./17.
jahrh. im ganzen sprachgebiet auf: Fischart
ehzuchtb. 241
Hauffen; W. Spangenberg
ausg. dicht. 231; Xylander
Polybius 169; Franck
chron. Germ. 24
a; Guarinonius
grewel d. verw. 854; Ayrer 3, 2052
Keller; Lohenstein
Ibr., lobschr. E 5
a; Zinkgref
auserl. ged. 64
neudr.; Prätorius
anthr. plut. 1, 267; Rotmann
rest. 85
neudr.; Bucholtz
Herkuliskus 29.
seit 1540
regelmäszig in den wb. n: Alberus 83
b; Maaler 487
c; Reyher
thes. o 4
b; Stieler 2472; Dentzler (1697) 2, 345
b.
seitdem schriftsprachl. allgemein beliebt, von Adelung,
der wol das alter der bildung überschätzt, als gutes altes wort
empfohlen, sicher nicht, weil das wort zu seiner zeit veraltet war, wie Max Müller
wortkritik und sprachbereicherung in Adelungs wb. (1903) 73
meint, auch nicht durch ihn neubelebt, sondern stets lebendig. wenn im 19.
jahrh. weichling
seltener geworden ist, so liegt das am aufkommen moderner lieblingswörter. wir würden statt: der weichling flieht den geilen scherz, wird karg und nennt sich fromm und klüger Schwabe
belust. 2, 102
vom alternden lebemann
sprechen, statt: er machte den weichling in der academie Schiller
briefe 2, 95
Jonas vom blasierten jüngling.
auch sentimental
und empfindsam
haben dem weichling
ein theil seines alten gebiets abgenommen: ich bin kein solcher weichling, und man glaube nur nicht, dasz es mich reuen werde, so sehr auch andere darüber klagen Zend. a Zendoriis
t. wintern. 489.
echter mundart scheint weichling
fremd geblieben; waiΧlen Martin-Lienhart 2, 783
b spiegelt nur die städt. halbmundart von Colmar. 11)
im objectiven bereich bleibt weichling
als naturwiss. name. so nennt Muralt
eidg. lustg. (1715) 16
die baumwipfel: turiones, der jahrwachs, sind die gipfel oder oberste dolder, welche jedes jahr in ihrer zärte aufwachsen und gleichsam die wäichlinge sind.
festgeworden ist weichling
als name der pflanze mollugo Linn., die nach Adelung
ihrer weichen blätter wegen so heiszt; haariger weichling
und vier weitere arten Dietrich
vollst. lex. d. gärtnerei 6, 231
f. mollugo meint wol: die traurenden (
pflanzen) nahten der stäte bald, wo die welkende (
rose) lag. grübling (
omphalandria) eilte voran, und mit erzitterndem blatte folgte weichling von fern Klopstock
oden 2, 111,
doch könnte auch die orchidee malaxis gemeint sein, die neben weichkraut (
s. d.)
auch weichling
heiszt: wovon sie jene namen führt, leuchtet nicht ein Grassmann
pflanzenn. 224.
eine pfirsichart nennt weichling Oken
allg. nat.-gesch. 3, 2063,
den gartenlaubvogel Naumann
nat.-gesch. der vögel 2 ii 547. 22)
nach dem vorbild des griech. euphemismus μαλακός gibt Luther
dem worte die bed. '
onanist': lasset euch nicht verführen, weder die hurer, noch die abgöttischen, noch die ehebrecher, noch die weichlingen, noch die knabenschender
1. Kor. 6, 9,
ein versuch, der auszer in citaten des Lutherworts (Ambach
vom zusaufen F 2
a; Friederich
saufteufel B 2
b; Musculus
theatr. diab. 1, 108
a; Albertinus
Lucifers königr. 132
Liliencron; Dannhawer
cat.-milch 6, 187)
und in Tellers
vollst. darst. d. d. sprache in Luthers bibelübers. 1, 167
auch bei selbst. schriftstellern nachklingt: (
sünde ist) so yummant ein weecklinck ys, unde yn sick gebrant woert offte durch den slaep sick verunreiniget Rotmann
rest. 78
neudr.; die weichling, sodomitisch knaben von dem altar die narung haben
Z. Müntzer
bepstl. gesch. (1566) 220; von stummen sündern und weichlingen J. Ellinger
hexencoppel (1629) 47; Rädlein 1, 1040. 33)
in allen andern fällen ist weichling
subjectiver tadel des mannes. der versuch, das wort begriffsmäszig von zärtling
abzugrenzen (Weigand
wb. d. d. synonymen 3
2 1106)
ist miszlungen. die beiden können sich vollständig decken und sind, wo sie gemeinsam auftreten, nicht fähig, einander zu ergänzen: (
die pfaffen sind) von frawen art ... sind rechte zärtling und weichling Fischart
binenk. (1588) 261
b.
wol aber zeigen eigene farbe die attribute, die unserm wort gegeben werden. es sind: forchtsam, verzagt Moscherosch
ges. 2, 96; unwehrbar Lohenstein
Arm. 2, 1192
b; elend
neuestes a. d. anm. gelehrsamk. 4, 765; feig 7, 108; schnöd Brawe
Brutus 5, 3; verwöhnt Lessing 1, 266; müszig Wieland I 3, 7; weibisch
Lucian 2, 44; entnervt Herder 19, 290; krank 23, 93; empfindsam Schiller 3, 524; verzärtelt Engel 3, 64; verführerisch
Athenäum 2, 237; glückverzogen J. Frey
ges. dicht. 128.
diese reihe verfeinert sich durch 200
jahre, dagegen bleiben die synonyma, neben die weichling
gestellt erscheint, stets gleich grob: wendehut Schütz
theatr. diab. 2, 260
b; epicurer Ringwaldt
laut. warh. 21; memmen Hollonius
somn. 71
neudr.; weibische leute Harsdörffer
t. secr. 2, 687; bauchdiener
Leipz. aventurier 1, 6; stutzer Petrasch
lustsp. 1, 18; elender wicht Voss
Od. 9, 515; faulpelz Jahn 2, 419; schwelger Immermann 1, 19
Hempel; mädchenjäger 16, 381; feinthuer G. Keller 1, 140; schleicher Frenssen
Hilligenlei 562.
die gegenworte, die neben weichling
gestellt werden, sind held J. A. Ebert
episteln 171; mann Bürger 256
b Bohtz; besieger Sonnenfels 4, 306; waghals Baggesen 1, 199; märtyrer O. Ludwig 5, 442.
bezeichnend für den begriff ist endlich: ich wollte nur ... einen weichling, nicht bösewicht H. Beck
verirrung ohne laster (1793)
vorr. 3@aa)
positiv wird der weichling
aus seinen neigungen charakterisiert. er führt ein verweichlichtes leben: ich kenne 80 jährige personen, die in wetter und nebel ... ihre zeiten zugebracht ... da hergegen solche weichlinge ... kaum das 40. bis 50. jahr erreichet haben Ettner
unw. doctor 440,
lebt im luxus: den weichling drücken leere stunden: die ruhe flieht sein marmorn haus Uz 112 neudr.,
pflegt kostspielige liebhabereien: ein weichling, dessen amt viel grobe laster deckt, und dessen witz und geld in theuren bänden steckt Günther 419,
putzt sich: am leibe aber zierten sie sich mit allerhand farben, deswegen sie Apulejus auch weichlinge betitult Gottsched
beytr. z. crit. hist. 7, 94,
iszt gern gut: was Alexanders schwert den Persern abgepocht, das wünscht ein weichling sich für seinen leib und magen Hanke
ged. 1 (1731) 417,
sitzt und liegt weich: fünf reiter sprengen das thal herauf! die weichlinge mit dem kissen auf den rossen Klopstock 8, 75; ein weichling, der auf daunen ruht Pfeffel
poet. vers. 4, 151,
schläft in den tag hinein: wann weichlinge noch nichts vom tage wähnen Mastalier
ged. 2, 5,
ist weich in jeder lebensäuszerung: sein (
des kriegers) rauher handschlag war mir theurer, als des weichlings sammtner händedruck Schubart
s. ged. 2, 316,
liebt wein und weib: ein weichling, der am weiberkusz und wein sich nur ergötzet Arndt
lieder f. Teutsche 92,
und wird darüber zum weiberknecht: were offt besser er were man im hausz, nit ein solcher weichling Petrarca
trostb. 60
b; Omphale, bey welcher Herkules die rolle eines helden in die rolle eines weichlings verwandelte Lessing 6, 176; er ist ein weichling, ist ein weiberknecht Platen 2, 234
Hempel. von hier aus verinnerlicht sich die charakteristik, greift über auf gefühlsleben, nam. auf überfeinertes gefühl und sentimentalität: er ist ein weichling ... Julius hat die weichlichkeit zuerst in unser haus eingeführt Leisewitz
Julius v. Tarent 18, 8
neudr.; wir sind weichlinge und halten das für überschweres unglück, was ein mädchen ... ohne murren trägt J.
M. Miller
briefw. dreier akad. fr. 1, 384; ich bin kein weichling, der sich gefühle vorlügt Stifter 1, 61.
damit ist der punkt erreicht, an dem die charakteristik des weichlings
ins negative umschlägt. 3@bb)
auch die charakteristik nach negativen wesenszügen kann wider vom äuszerlichen ausgehen. der weichling
ist körperlicher anstrengung feind: darumb werden sie nicht müszige, faule bäpst und weichlinge gewesen sein Nigrinus
pap. inquis. 35; dem weichlinge (
sind) leibesübungen eine marter Bode
Montaigne 2, 258,
er scheut rauhe wege: macht ich die strasze wild und unbekannt dem weichling Herder 29, 606,
ist unfähig schmerzen zu dulden: ein weichling wird an der peinlichen frage sich eines mords schuldig geben, welchen er nicht gethan hat Harsdörffer
frauenz.-gespr. 8, 591;
entspr. Schiller 12, 213,
kälte verträgt er nicht: ein übelgekleidter bettler ward in winterzeit von einem erfrornen weichling gefragt: warumb jhn nit friere? der antwortet: dieweil ich alle meine kleider anhabe Zinkgref
apophth. 274;
von da Lehman
flor. pol. 4, 19; weichlingen ... miszfällt die offene brust (
der kindertracht)
allg. d. biblioth. 72, 174.
er ist untüchtig zum kampf: da hätt' ich ihn erschlagen, floh mich der weichling nicht Kretschmann 1, 83; weichlinge kriechen ins kloster Göthe I 39, 70
Weim.; welch ein unterschied zwischen den söhnen der wüste und den persischen weichlingen Droysen
gesch. Alexanders 318.
dabei kann sich der gedanke an weichen
swv. einstellen: ha, feige memme! weichling! armer ritter (
th. 8, 1055) aus milchgetränktem brod mit eigelb Raupach
kom. 1, 182,
er ist untüchtig auch zum kampf der meinungen: der weichling ... ist auch für offene, kräftige polemik zu abgespannt Schelling I 8, 134.
er hat keinen muth, ist also feig in gefahr seines lebens: ja, weichling! seufze nur! dein seufzen ist zu spät, da der gefaszte schlusz nun einmal feste steht Pitschel
Darius 4, 8; er (
der mann) schreitet fest, wenn feig der weichling bebt Seume
ged. 75,
zumal im kriege: ich spotte dieser weichlinge! wir haben sie vor uns her gescheucht in zwanzig schlachten Schiller 13, 326,
aber auch schon im kampf der worte: wan ein solcher weychling gegen niemand seine meynung und die warheit mit ernst und mannlich reden darff Moscherosch
ges. 2, 96,
und in seinen gedanken: der stolze weichling denkt sich sterblich und erzittert Uz 267
neudr. er ist als schwacher charakter nicht fest gegen versuchung: er sey kein weichling der geschenck nemme Ayrer
hist. proc. 662,
kann nicht keusch leben: weichlinge brennt der keuschheit nessel zwar Lohenstein
Agr. 19,
ist als weltmensch ohne glauben: der freygeist, der sich lernt, und mehr als andre denket, der weichling, dem ein gott zu nah zur straffe scheint, sind, aus verschiednem grund, doch wider gott vereint Haller
vers. schweiz. ged. 63,
und seelisch nicht widerstandsfähig: ich bin kein weichling, aber ich bin noch schwach von der krankheit Frenssen
Hilligenlei 604,
nicht durch vererbung und erziehung gestählt: geh nun selbst es vollendend, und zeige dem kommenden enkel, dasz dich zum weichling nicht zeugt ein entartet geschlecht W. v. Humboldt 1, 383.