unchristlich ,
bis ins 16.
jh. und mundartlich unchristenlich,
adj. adv., gegentheil, einschränkung und steigerung von christlich.
mhd. unkristenlîch;
mnd. unkristlik;
mnl. onkerstijnlijc;
nl. onchristelijk, onkerstelijk;
dän. uchristelig;
schwed. okristlig;
engl. unchristian, -ly; Schmeller 1, 1384; unchristenlich, unchristlich Staub - Tobler 3, 868; ongkröschtlech
lux. 316
b.
die kurze form uncristlich
schon bei Stolle
th. chr. 17; unchristenlich
neben unchristlich Luther.
in der bedeutung wird heidnisch
als steigerung empfunden Agricola
musica instr. 6; Göthe 29, 136, 15
Weim. auch unmenschlich
steigert, wenigstens in der schriftsprache. J. A. Schlegel
verm. ged. 1, 336. 11)
nichtchristlich: türcken .. und ander verfluocht unchristenlich geslächt Riederer
m iii
a; muoss ietz christen faren lassen, unchristlich juden, die uns hassen, umb herberg biten
Endinger judensp. 35
neudr.; vgl. 2; namen, so unchristlich lauteten
Garg. 164
neudr.; aller christlichen und unchristlichen staaten S.
Brunner erz. 1, 163.
wohl auch ohne beziehung auf christliche sittlichkeit: es herrschte damals unter liebhabern und künstlern noch ein akatholischer, .. um nicht zu sagen unchristlicher sinn Göthe 49, 26, 21
Weim. 22)
ketzerisch, gotteslästerlich, gottlos: des teuffels gottlosse, unchristliche priesterthum Luther 8, 506
Weim.; ein unchristliches bild 6, 262
Weim.; der vermeint, mein predigen und leer gethon unchristenlich oder ketzerisch ze syn Zwingli
d. schr. 1, 120;
comp. 1, 313; lerer, irrung Berthold v. Chiemsee 3, 22; das es ist cristen nam ein schand mit dem unchristlichen gots-lestern Sachs 1, 190, 29
K.; das unchristliche fluchen Gaudy 24, 95.
zauberisch: mit teuffel-bannen, wettermachen und dergleich unchristlich sachen Sachs 11, 430, 28
K.; unchristlich (
zu zauber) prauchen Schwarzenberg
Cic. 124; unchristliche zäuberkunst Buchholtz
Herk. 18.
unnatürlich, sodomitisch, bestialisch u. s. w., ketzerisch im engeren sinne; th. 5, 640, 2; Schmeller
u. Staub-Tobler
a. a. o.: new ungewonlich uncristenlich ding
städtechr. 2, 143; beschuldigten sie unchristlicher und unnatürlicher dingen Stumpf
chr. 745
b.
lebendiger im sinne des wucherischen, betrügerischen, wenn auch oft mit komisch - familiärem anflug; Kramer (1700) 1, 191
c: der unchristliche wucher
act. p. 5, 73
Palm; diese christlichen juden fordern so unchristlich Forster 7, 309; mit einem sehr unchristlichen kornwucher Holtei
vierzig j. 1, 38; verschreibungen Bäuerle 3, 20; preise Freytag 10, 143.
vgl. 3.
grausam, unmenschlich, hart; heute weniger in der schrift-, als in der umgangssprache: heyst das nicht unchristlich und unmenschlich gehandelt Luther 15, 295, 13
Weim.; sy werden mit unchristlichen, unmenschlichen, schwOeren statuten beladen Eberlin v. Günzburg 1, 91
neudr.; eure un-christliche grausamkeit
Simpl. 38
Kögel; sie würden ja so unchristlich nicht seyn und würden schieszen lassen Chr. Weise
k. l. 72; das ist nicht schön, Michel, eure frau so unchristlich zu schlagen Miller
Siegw. 1, 52; unchristlich seyd ihr mit mir umgegangen A. W. Schlegel
Shakespeare 9, 44 (
Richard III. 1, 3); sie fand es barbarisch und unchristlich Seidel
Leb. Hühnchen 294; ich möchte gegen
M. P. nicht unchristlich sein Heer
könig d. Bernina 67; Kramer (1700) 1, 191
c.
mit der sittlichen vertiefung christlicher auffassung erhält unchristlich
vom 18.
jh. ab vornehmlich die bed. der christlichen liebe ermangelnd, ihr widerstreitend u. dgl. natürlich ist sittliche auffassung auch der älteren sprache nicht fremd: unkristenlîcher dinge ist al diu kristenheit sô vol. swâ kristentuom ze siechhûs lît, dâ tuot man im niht wol Walther 6, 30; unchristliches christentum Stieler 267; als .. Spener auf eine ganz unerhörte unchristliche weise verdammet wurde Weichmann
poes. d. Nieders. 3, 301; mit ihrer unchristlichen christlichen liebe Lessing 10, 45; streitsucht Schubart
leb. 2, 18; das etwas unchristliche vergnügen Lichtenberg
br. 1, 27; hasz und rache sind sehr unchristliche empfindungen Spielhagen 2, 249; gesinnung Ebner - Eschenbach 2, 229.
im wortspiel: der unchristliche Christian Göthe IV 27, 195
Weim. vgl. Lessing
ob. anderseits ist oft auch nur die äuszere kirchengemeinschaft und die von ihr vertretenen anschauungen gemeint: eine undeutsche, unchristliche .. tischgesellschaft Brentano 5, 381; ungeachtet ihres unchristlichen todes Keller 1, 94.
vgl. profanus Stieler. 33)
schon in manchen der angeführten beispiele schwindet die beziehung auf die religion, wie sich ja auch sonst (
vgl. th. 2, 620; Staub-Tobler 3, 867 christ
mensch überhaupt)
der begriff christ
abschwächt, und unchristlich
gewinnt die allgemeinere bed. übermäszig, gewaltig, auszerordentlich; am deutlichsten in der ma.: en unchristenlicher fetzen, unchristleher brocken, unchristelich wachsen Staub-Tobler 3, 868; unchristlich schön, reich Reinwald
Henneb. id. 2, 130.
es berührt sich also mit christlich
adv. th. 2, 625, heidenmäszig
u. s. f. er ist unchristlich dumm
kann auch heiszen: er kennt die necessaria fidei nicht. die lit. belege sind regelmäszig zweideutig: absurdum, ein ungeburt ding, das da unchristlich lut und we thut in oren Melber
a 3
a; unchristliche liebe der Aeltern Ambach
zusauffen F 4 b; tapfferkeit Harsdörffer
secr. 1, c c v
b; ich mache es ja so unhöfflich und unchristlich nicht C. Weise
erzn. 4
neudr.; Joli war ein so unverständiges, ja, ich darf sagen, so unchristliches geschöpf (
der hund benimmt sich bei der christfeier respectlos) Göthe
gespr. 1, 11; nicht gerechnet, dasz es eine unchristliche zumuthung wäre, sich .. den kopf zu zerbrechen A. W. Schlegel
Ath. 3, 147; als wüszte er nichts mehr von der wüsten, unchristlichen nacht Laube 8, 88; unchristlich sinnlich 2, 54.
vgl. 2
und die verdunkelte nl. redensart onchristelijk of onmogelijk
wb. 10, 1178
f. —