stirn,
f. ,
frons. ein im wesentlichen hd. wort: mhd. stirn(e),
ahd. stirna,
s. auch gestirn '
frons'
teil 4, 1, 2, 4236.
as. unbezeugt, mnd. gelegentlich im 15.
u. 16.
jh. als sterne Schiller-Lübben 4, 391
b,
in nd. mundarten s. u.; mnl. stern(e) Verwijs-Verdam 7, 2095.
im ags. nur in dem adj. steornede '
frontalis vel calidus' Bosworth-Toller 918
a (
vgl. stirnig).
ins schwed. dringt das wort aus dem nd. in dem eigennamen Oxenstierna,
s. Hellquist 558
b;
das nord. simplex stjärna
ist '
stern',
s. oben sp. 2459
u. Hellquist 872
b.
unklarer herkunft, vielleicht verwandt mit gr. στέρνον '
brust'
; mit diesem wird stirn (
germ. *sternô)
als ursprünglich '
breit'
zu idg. sterə '
streuen'
gestellt, vgl. ai. stīrṇá- '
ausgebreitet',
lat. sternere,
gr. στόρνυμι,
στρώννυμι,
abulg. stьr, strěti '
strecken', strana '
fläche, gegend, seite',
kymr. sarn '
stratum, pavimentum',
vielleicht auch strand Fick 3
4, 485, Walde-Pokorny 2, 639, Franck-van Wijk 674.
eine verbindung von stirne
mit stern
als '
stern',
d. h. '
glatze', '
kahle, dann hohe stirne',
sowie mit sterilis
als ursprünglich '
sternig',
d. h. '
kahl',
dann '
unfruchtbar' (E. Leumann in:
unters. z. idg. sprachw. 7, 142)
ist weniger wahrscheinlich. ursprünglich ist die zweisilbige form: stirna (
gloss. Junii)
ahd. gll. 3, 362, 19, stirne (
hs. d. 13.
jhs.)
ebda 3, 353, 48, Konrad v. Würzburg
troj. krieg 36576, Egranus
pred. 147
Buchw., Moscherosch
ges. (1650) 2, 74, Bodmer
schr. (1741) 1, 78, Wieland
Agathon (1766) 1, 14, Immermann
w. 1, 112
Boxb.; im lauf d. 19.
jhs. schränkt sich die form stirne
mehr auf die rhythmisch und reimmäszig bedingte anwendung in gebundener sprache ein (
z. b. stirne: gestirne Storm
s. w. [1898] 8, 215),
nur Stifter
und G. Keller
wenden stirne
auch in der prosa regelmäsziger an, z. b. A. Stifter
s. w. (1901) 1, 214; 3, 84; 3, 192; 3, 299; G. Keller
w. 1, 132; 2, 79; 3, 12; 4, 256; 5, 25; 6, 22.
gerade Schweizer mundarten bewahren die zweisilbigkeit, z. b. stirnə Hotzenköcherle
Mutten 94, stirna Stucki
Jaun. 130. —
apokopiertes stirn
begegnet zuerst im späteren mhd.: stirn (
Heinrici summ.)
ahd. gll. 3, 69, 63 (
hs. 15.
jh.),
passional 287, 65
H., schweizer Wernher
Marienleben 5850
P., Luther 10, 2, 107
W., Spee
trutznachtig. (1649) 91, Herder 16, 144
S.; im 19.
jh. wird stirn
die herrschende form der prosa. aus den schwach flektierten formen (
s. u.)
entsteht gelegentlich ein nom. sing. stirnen,
seit dem frühnhd.: Altenstaig
voc. (1516) 31
b;
N. Manuel 24
B.; W. Heinse
s. w. 4, 337
Sch. —
mit sekundärvokal im frühnhd. stiren (
hd.-böhm. v. j. 1470) Dieffenbach
gloss. 248
c; Osw. v. Wolkenstein 187
Sch.; styren Berthold v. Chiemsee
teutsch theolog. 434
R.; stiren
bei Baumann
bauernkr. in Oberschwab. 257;
dazu mundartl. štirə
n Fischer schwäb. 5, 1777.
ein abfall des n
ist mundartl. rhein. u. md. verbreitet: štir Follmann
dt.-lothr. 500
a, Rovenhagen
Aachen 140,
lux. ma. 425, Kisch
Nösen 217
a, stär, stör Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 566.
der älteren schreibung mit ie: stierne Heinrich v. Neustadt
Apoll. 13205
S., stiern
fastnachtsp. 69
K., Voigtländer
oden u. lieder (1642) 108
entspricht in den mundarten sekundäre diphthongierung: stian Leithäuser
Barmer ma. 151, šteənnə, štirə(r)nnə Berger
St. Galler Rheintal 38
u. 74. —
rundung stürn(e) Stephan Fridolin
dt. pred. 103
Schmidt, zimmer. chron. 3, 253
B., Voigtländer
oden u. lieder 82, stürnen (
v. j. 1774)
bei Fischer
schwäb. nachtr. 3213,
vgl. mundartl. sturn
ebda 5, 1777. — e
im stammvokal ist md. und hauptsächlich nd., vgl. oben Schiller-Lübben
und das mnl., dazu steyrn (15.
jh. md.) Diefenbach
gloss. 248
c, steyrne (
md. >
nd., 15.
jh.)
ebda 536
a, sterne (
nd. v. j. 1425)
ebda 248
c, sternen (
acc.) Moritz v. Sachsen
pol. korr. 1, 600, stern Lauremberg
scherzged. 2, 23
lit. ver. in moderner mundart steern
brem.-nds. wb. 4, 1030, stern, stiern Mensing
schlesw.-holst. 4, 850, steern Dähnert
plattdt. 459, stern Mi
mecklenb. 87
a, stärn Danneil
altmärk. 209
b;
aber auch štern(ə) Fischer
schwäb. 5, 1777, stern Martin-Lienhart
elsäss. 2, 615, šternə Berger
St. Galler Rheintal 41.
seit der ersten bezeugung obliquer formen steht starke und schwache beugung nebeneinander, z. b. stark: in sîne stirne Konrad v. Würzburg
troj. krieg 20743;
plur. die stirne
minnes. 2, 287
b v. d. Hagen; im nhd. ist nur mehr der sing. stark bezeugt: an der stirn H. R. Manuel
weinspiel 2812, Opitz
t. poem. 43
ndr.; auf seiner stirn Lessing 3, 166
L.-M.; der stirn Göthe IV 41, 121
W.; über die ... stirne G. Keller
ges. w. 2, 79; über stirn und augen Fontane
ges. w. I 5, 155. —
schwache beugung im sing. begegnet bis ins 18.
jh.: an der stirnen K. Fleck
Flore 2751; durch sin stiernen K. v. Helmsdorf 2620; auf der stirnen Paracelsus
op. (1616) 2, 522
Huser; J. Grob
dicht. versuchg. (1678) 21; mit krauser stirnen Gottsched
crit. dichtk. (1751) 21; der stirnen falte Dusch
verm. w. (1754) 318.
der schwache plur. wird die norm: Tauler 195, 30
V.; an den stirnen
volksb. v. dr. Faust 77
ndr.; die stirnen Stieler (1691) 2172; maler Müller
w. (1811) 2, 215; solchen stirnen Justi
Winckelmann (1866) 2, 1, 143.
wie im simplex starke und schwache flexion nebeneinander, so stehen in älterer sprache auch im compositum formen mit stirnen-
neben solchen mit stirn-.
seit dem 19.
jh. kommen die stirnen-
formen nur noch in obd. mundart (
s. stirnband 1
schlusz, stirnjoch)
und aus rhythmischen gründen in der poesie (
s. stirnader)
vor. bedeutung und gebrauch. stirn
ist hauptsächlich ein wort der schriftsprache. mundartl. verbreiteter ist es nur in rhein. gegend, im elsäss. Martin-Lienhart 2, 615
a und in einigen nd. gebieten. im schwäb.-bair. ist es wenig gebräuchlich geworden, s. Fischer 5, 1777
und Schmeller-Fr. 2, 784. 11) stirn
als teil des kopfes, des gesichtes. 1@aa)
allgemein: zu disem wirt auch ... das euszerlich haupt in sechs stück getheilet: die erste statt ist frons stirn, die facht an ob den augbrauwen, steigt in die höhe, bisz da das haar wachset Chph. Wirsung
artzneybuch (1588) 58;
ähnlich Calepinus
XI ling. (1598) 617
a.
hierher gehören die spärlichen zeugnisse aus dem späten ahd., die sich auf die glossierung von frons durch stirna
ahd. gll. 3, 69, 63; 3, 362, 19; stirne 3, 353, 48
beschränken. vgl. aus frühnhd. zeit: frons stiren;
glabella eyn kale stiren Diefenbach
gloss. 248
c; 264
a (
v. j. 1470);
sinciput styrne, steyrne (15.
jh.)
ebda 536
a.
literarisch begegnet stirn
erst seit dem klassischen mhd.: ir hâr, ir stirne, ir tinne Gottfried v. Straszburg
Tristan 923
B.; diu stirne wart im und der schopf sô gar verschrôten über al, daz helmes boden und diu schal des hirnes vielen ûf daz gras Konrad v. Würzburg
troj. krieg 36576; die stirnen halbe er (
der schleier) verdakt schweizer Wernher
Marienleben 12901
P.; des wirbels höhe ... ist mitten zwischen scheitel und stirn A. Dürer
menschl. proportion (1528) a 3
b; ein kopffwehe, so von den haaren ein fingers lang auff der stirn bisz an dasz rechte augbraun Elis.-Charlotte v.
d. Pfalz
briefe 2, 118
Holland; drumb schleuderte er ihm den stein wieder die stirne Chr. Weise
die drey klügsten leut (1675) 41; und einen rosenzweig um seine stirne krümmet Ph. Zesen
hel. rosentahl (1669) 103; wollt ich die lorbern selbst um stirn und scheitel flechten Gottsched
dt. schaubühme 1 (1741) 27; als Wilhelm mit einem ... pudermesser seine stirne gereinigt hatte Göthe 21, 147
W.; wo die männer die beulen an die stirn kriegen Weigand
Löffelstelze (1919) 123. —
ebenso vom vorderschädel des tieres: wan ein bechswarzer strich an der stirnen (
des pferdes) ane vie Konrad Fleck
Flore 2751; recht dick als ochsen stirnen Tauler 195, 30
V.; ein schuss im streifts ross an d stirn sein
Teuerdank 204
Göd.; ein wenig haare von der stirne des ochsen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 10
b; die schön gehörnte stirn ist an den meisten (
kühen) weisz Brockes
ird. vergnügen (1721) 2, 170; legt ihre hand auf der rehmutter stirne maler Müller
w. (1811), 1, 19; in der lenzzeit schmückt der kibiz seine stirn mit neuem kamm Freiligrath
ges. dicht. (1870) 5, 186; dasz er (
der walfisch) ein bein auf der stirn hat Wimmer
gesch. d. dt. bodens (1905) 411.
auch anthropomorph in bildlicher anwendung, vgl. 3: die reine stirn der morgenröth war nie so fast gezieret Spee
trutznachtigall (1649) 5; ein kranz von gold, purpur und violet flocht sich rund um die stirn des himmels L. Tieck
schr. (1828) 8, 47; (
bei einer ballonfahrt) taumelte sie (
die erde) gleichsam zurück, an ihrer äuszersten stirn das Mittelmeer wie ein schmales, gleiszendes band tragend A. Stifter
s. w. (1901) 1, 21; das osterfest knüpfte den kranz, welchen das fest der freude, ... pfingsten, dem jungen jahr auf die stirn drückte W. Raabe
hungerpastor (1864) 1, 42; und felsen mit der stirn bis in die wolken gehn Gottsched
neueste ged. (1750) 59; nur stand noch die erhabenste stirn eines berges aus den fluten empor, ... nur der oberste gipfel noch aus der verwüstung S. Gessner
s. schr. (1787) 2, 263; von dem steilen Wiggis, dessen stirne mit wolken bedeckt war U. Bräker
s. schr. (1789) 2, 258; doch hoch nun steht er (
der baum) auf des berges stirn Müllner
dram. w. (1828) 3, 133; die stirn der von süden her streichenden hochfläche bildend scheint er (
der felsen) seine kante zum tummelplatz für wind- und nebelspiele vorzustrecken L. Laistner
nebelsagen (1879) 109. 1@bb)
in geläufigen wendungen: dasz ihm der schweisz vor der stirne steht Abr. a
s. Clara
etwas für alle 2 (1711) 68; (
er) trocknete den schweisz, der ihm in groszen tropfen vor der stirne stand Musäus
volksmärchen 1, 50
Hempel; der schweisz trat ihm auf die stirn G. Freytag
verl. handschr. (1905) 2, 373; dasz mir das wasser die stirn herunter läuft maler Müller
w. (1811) 1, 325; von der stirne heisz rinnen musz der schweisz, soll das werk den meister loben Schiller 11, 305
G. kalt tritt der todesschweisz ihm vor die stirn J. D. Falk
satiren (1800) 1, 33. stehit von dussem Hammon geschreben, wie das he hornere an der stirn gehabt habe Wigand Gerstenberg
chronik 392
Diemar; zway klaine horn, spizig, wol als ains schuochs brait von ainander an der stirnen U. v. Richenthal
Constanzer concil 100
lit. ver.; macht er einen jegklichen ... ein hirschhorn an die stiren Mich. Lindener
rastbüchlein 92
lit. ver.; da seynd ihm auff dem stiern zwey hörner herfür geschossen Abr. a
s. Clara
Judas der ertzschelm 1 (1686) 117; sorgfältiger kann nicht ein freund bedacht seyn, seinem freunde die hörner von der stirne wegzuschaffen Herder
s. w. 3, 64
S. 1@cc)
durch beiwörter näher gekennzeichnet: heisz und kalt: wenn ein wackrer mann mit heiszer stirn von saurer arbeit kommt Göthe 10, 186
W. (
Tasso 3, 4); wie der fieberkranke ..., der nach der kühlen, kalten hand greift, um sie an seine heisze stirn zu legen fürst Pückler
briefw. u. tageb. 1 (1873) 319; die heisze stirn des denkers über seinem buche W. Raabe
chron. d. sperlingsgasse (1894) 16; die stirn wird mir so schwer und warm W. Müller
ged. 1 (1868) 68; meine stirne, sonst so warm, fühl! ist auf einmahl eis Lessing 3, 16
L.-M. (
Nathan 1, 2); die stirne ist ihm kalt, — er ist verschieden Grabbe
w. 1, 316
Blumenthal; sie küszt ihn. aber kalt seine stirne, erloschen sein aug maler Müller
w. (1811) 1, 264.
hoch und breit: ir stierne hoch, ir prä prawn Heinrich v. Neustadt
Apollonius 13205
S.; ir stirne was getranges frî und doch nit ze breit dâbî Walther v. Rheinau
Marienleben 26, 50
K. ir stirn was hoch
N. v. Wyle
translationen 22
K.; deiner hohen stirne prangen ... ist mein hoffen und verlangen Ph. Zesen
verm. Helikon (1656) 2, 85; so drück ich meinen vollen frohen kranz dem meister Ludwig auf die hohe stirne Göthe 10, 106
W. (
Tasso 1, 1);
vgl. dazu die umgangssprachliche wendung eine hohe stirne haben '
klug sein',
s. a. hauge steren '
viel verstand'
für Westfalen bei Wander
sprichw. 4, 867. — eine breite stirn
fronte larga Kramer
t.-ital. 2 (1702) 979
a; die breite stirn Cleanths Gottsched
neuest. a. d. anm. gelehrsamkeit (1751) 3, 240; mit ... ihrer prächtigen breiten stirn E.
M. Arndt
s. w. 1, 9
R.-M. daneben die bezeichnungen des gegenteils. kurz
u. ä.: sy hat ein hübsche stirnen dy ist smal als ein risterpret Mich. Behaim
bei Schmeller-Fr. 2, 784;
frons brevis ein kleine oder kurtze stirn Frisius
dict. (1556) 165
a; schmale, enge, nidrige ... stirn Kramer
t.-ital. 2 (1702) 979
a; die Mexicanerinnen loben eine schmale stirne
d. discourse d. mahlern (1721) 2, 157; was man bisher von ... kurzen stirnen ... gesagt hat Lichtenberg
nachlasz (1899) 76; dieser junge mensch mit der engen stirn T. Kröger
leute eigner art (1904) 205; weil die niedrige stirn (
des affen) bis auf die augenbrauenbogen verkümmert ist Brehm
tierleben (1890) 1, 103.
seit neuerer zeit erst erscheint gewölbt;
vgl. stirngewölbe
und stirnwölbung: sieh! eine stirn, so oder so gewölbt Lessing 3, 14
L.-M. (
Nathan 1, 2); aller unmuth verschwand von seiner gewölbeten stirne Zach. Werner
ged. (1789) 70; er nahm sich mit seiner gewölbten stirne ... vortrefflich aus G. Keller
ges. w. 5, 25.
auch fliehende stirne '
nach rückwärts gerichtete, hohe, ansteigende stirne' Höfler
krankheitsnamenb. 688.
schön: sin stirne schoen Boner
edelstein 38, 5
Pf.; ein schöne stirnen zu machen O. Gäbelkover
artzneyb. (1595) 2, 105; schön an stirne Logau
sinnged. 382
Eitner; der die goldne binde ihr um die schöne stirne flechten wird Schiller 14, 39
G.; inmitten der schönen stirn des weibes war eine falte Storm
s. w. (1898) 6, 301.
weisz: dieser weiszen stirne schein Simon Dach 127
Öst.; an einer blendend weiszen stirne zeigten sich zarte, dunkle, sanftgebogene augenbrauen Göthe 22, 85
W.; vgl. dazu die freieren poetischen verbindungen: also verwundert er sich auch ... der schneeweiszen ebene ihrer milchfarben stirn
buch d. liebe (1587) 113
a; der glieder zier, die hyacinthnen locken, die stirn von elfenbein, die daubenaugen Wieland
s. w. (1794)
suppl. 2, 131; der stirne lilienschimmer Fr. Kind
ged. (1817) 1, 129.
glatt, gerunzelt u. ä.: für den begriff '
glatt'
hat das mhd. eben: ir stirne was ... schœn eben und frœlich Walther v. Rheinau
Marienleben 26, 50
K., und schlecht: sin (
Jesu) stirn wunneklich und schlecht schweizer Wernher
Marienleben 5850
P. glatt
selbst ist nhd., vgl. d. teil 4, 1, 4, 7711,
s. dazu noch: ir glatte stirn so wol formiert Scheit
Grobianus 2135
ndr.; ist die stirne rund und glat Voigtländer
oden u. lieder (1642) 67;
mit wendung ins seelische: was du grübelst, thu es unter einer glatten stirn W. Alexis
Roland v. Berlin (1840) 1, 34.
weitere beispiele hierfür unter glatt.
für die bezeichnung der faltigen stirne erscheinen als alte stehende wendungen ausdrücke mit rümpfen
und runzeln (
vb. u. subst.): sein rück ist im gepogen ... hat runtzel an der stirnen, am leyb ist er ungesund
bergreihen 106
ndr.; das ist ouch also ze lesen mit gerympfter nasen und gerüntzleter stirnen
Terenz deutsch (1499) 47
a; das alter macht geruntzelte oder gerümpffte stirnen Frisius
dict. (1556) 493
a.
insofern das faltenspiel der stirn ausdruck und gradmesser innerer vorgänge ist, s. unten 2 b
α.
ohne diesen beiklang: seine stirn war faltenlos Just. Kerner
bilderbuch (1849) 76; matt das auge, kraus die stirne, schwach der arm und grau das haar Hoffmann v. Fallersleben
ged.9 (1887) 59. 1@dd)
typische gesten mit stirn. sich vor, an die stirn
schlagen, vgl. latein. frontem ferire: da wart er als zornig daz er im selber eynen streych an die stirn tet
d. heyl. leben, summerteil (1472) 49
a; oft musz ich mich vor die stirne schlagen, dasz ich nicht lieben kann wie sie U. Bräker
s. schr. (1789) 2, 193; 'ich unglückseliger!' rief Wilhelm, indem er sich vor die stirne schlug Göthe 22, 244
W.; da schlug er sich plötzlich vor die stirn, jetzt wuszt er auf einmal das lied Eichendorff
s. w. (1864) 3, 425; sieht sich ungläubig um, ... schlägt sich vor die stirn G. Hauptmann
d. weber (1892) 90. die stirn
reiben: es ist der brauch deren, die mit schaam etwas thuond, dasz sy das angesicht oder die stirnen streychend oder reybend Frisius
dict. (1556) 979
b; erseufftzeten sie ab desz ... gleichsnerischen fürgeben inmaszen, dasz sie die stirnen reiben C. Wurstisen
Pauli Ämilii historien (1572) 2, 20; 'das heiszt', erinnerte der baron und rieb sich die stirn Immermann 1, 10
Boxb.; auch du hast einmal gedacht und dir die stirne gerieben A. v. Arnim
trösteinsamkeit 7
Pfaff. die
hand an, vor die stirn legen, die stirne
stützen u. ä.: stand er etwa da, als wenn er vor den kopf geschlagen wäre? ... legte er etwa die hand an die stirne? Lessing 1, 298
L.-M.; und der neuentthronte kaiser stützte seine stirne mit der tapfern hand Platen
w. 1, 3
R.; Sappho legt, in gedanken versunken, die stirn in die hand Grillparzer
s. w. 4, 154
S.; er ... legte die hand über stirn und augen Fontane
ges. w. I 5, 155.
heben und
senken der stirn,
vgl.das haupt erheben, hochtragen
teil 4, 2, 600, den kopf heben, hoch tragen
teil 5, 1753,
s. auch teil 11, 1, 1, 1069: richt auff die stirne und bisz frölich A. v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) bb 2
a;
bildlich: ain yeder hoffartiger ist unleidenlich ... mit ainer auffgeworffen stiren in worten und wercken
ebda a 7
b.
modern die stirne hoch tragen,
vgl. ital. tener alta la fronte '
stolz sein',
frz. marcher le front levé '
sicher auftreten': die stirne hoch tragen '
stolz seyn, thun' Hübner
zeitungslex. (1824) 4, 419
b; unter den sich jetzt mancher schmiegen musz, der sonst die stirn hoch getragen Ranke
s. w. 2, 200; sie (
die verräter) tragen die stirn hoch, sie finden öffentlich verteidiger Bismarck
polit. reden 4, 131. — die stirne senken
für traurig, demütig sein (
vgl. ital. a bassa fronte '
scham-, reuevoll'): o so musz für trübem kräncken blosz der mensch die stirne sencken Logau
sinnged. 148
Eitner; alle meine gespielen senkten traurig die stirnen maler Müller
w. (1811) 2, 215. 22)
die stirn
wird als spiegel geistiger und seelischer anlagen und vorgänge angesehen, ihr aussehen wird dementsprechend physiognomisch interpretiert: das ander, welches den menschen zieret, ist die stirn, zumaln wann sie hoch, brait und glatt ist. eine solche stirn ist ein anzaig eines guten hohen verstandts und sanfftmütigen geists Äg. Albertinus
hirnschleiffer (1618) 50; der stirnen ist nicht zu glauben B. Schupp
schr. (1663) 763; solte jeder christ ... die wahrsagungen aus denen liniamenten der stirne, händen und füszen ... vermeiden
Leipziger avanturieur (1756) 1, 14; der gedanke dieser stirn, blick des auges, ... wie alles spricht Lavater
physiognom. fragm. (1775) 1, 5; nun gibts freilich schwache und träge menschen mit groszen, hohen stirnen, aber nicht alle hohe und grosze stirnen sind zeichen der schwachheit und trägheit
ders. handbiblioth. f. freunde 5 (1793) 176; aus den augen, aus den falten der stirn, ... aus jedem zuge stralte hoher genius Müller v. Itzehoe
Siegfr. v. Lindenberg (1779) 91; auf stirn, nase und in den augen konnten götter wohnen E.
M. Arndt
s. w. 1, 111
R.-M.; dicht über den augenbrauen springt die schnelligkeit der conception hervor, ... aber darüber fehlt die stirn, in welcher die phrenologen die besonnenheit suchen Bismarck
ged. u. erinn. 1, 236
volksausg. diese grundanschauung von der ausdrucksfähigkeit der stirn führt zu einer groszen anzahl fester wendungen mit stirn,
die überwiegend gemeingut der abendländischen sprachen sind, wobei es offen bleiben musz, wieweit sie aus dem bereits ausgebildeten, fast alle geläufigen ausdrücke und wendungen umfassenden schatz des lateinischen stammen, wieweit sie gegenseitige entlehungen der modernen sprachen oder jeweils unabhängig aus gleichen vorstellungen erwachsen sind. im deutschen begegnen derartige verwendungen seit dem mhd.; reicher setzt dieser gebrauch aber erst seit dem humanismus des 15. und 16. jhs. ein, und zwar zunächst in form bestimmter, starrer verbindungen, während freiere redensarten im wesentlichen erst seit dem 18.
jh., dafür aber in bunter fülle, gängig werden. 2@aa)
wesen und innere vorgänge sind von der stirn
abzulesen: 2@a@aα) an der stirne
stehen, gegraben, geschrieben stehen oder sein: ich wolt und das mit pustabin eines yden trawe wær wol begrabin do an sein stiren voren Caspar v.
d. Rhön
heldenbuch 2, 108
v. d. Hagen-Primisser; daz in alle ir boszheit an der stürnen wer gestanden Stephan Fridolin
dt. pred. 103
Schm.; ists yhm (
die auferstehung) an der styrn gemalet? Luther 18, 195
W.; ja, stündts ihr an der stirn geschrieben, was sie für ehebruch hat gethan J. Ayrer
dramen 1318
K.; wie könt ihr mir dasjenige läugnen, dasz ich an euren stirnen angeschrieben sihe Grimmelshausen 2, 819
Keller; und steht nicht iedweden seine kunst an der stirne Schoch
studentenleben (1657) b 1
b; es ist niemanden an die stirne geschrieben, wer er ist Lessing 2, 164
L.-M.; wo zwang und verwünschung unsrer peinlichen lage auf unsrer stirne gemalt stehen Knigge
umgang mit menschen (1796) 1, 18; es steht ihm an der stirn geschrieben, dasz er nicht mag eine seele lieben Göthe 14, 176
W. (
Faust 3489); was vornehm ist, dem steht es auf der stirne Bauernfeld
ges. schr. 5, 20; etwas von der eigenheit stand Michael Denier auf die kurze, starke stirn geschrieben E. Zahn
die da kommen u. gehen (1909) 37.
dazu die korrespondierende wendung an der stirne (an)
sehen, erkennen: wir könnens doch niemand an der stirne gemalt sehen, wer heilig ist Luther 28, 177
W.; ich sihe dirs an in der stirn, du habest weder kopff noch hirn Fröreisen
gr. dramen 2, 234
Dähnhardt; wie jeder ist und was er kan, sieht man im an der stirnen an Eyering
prov. copia (1601) 3, 564; man soll ja einen ehrlichen mann an der stirne erkennen Moscherosch
gesichte (1650) 2, 74; jeder müszte ihm seine schande an der stirn ansehen Eichendorff
s. w. (1864) 3, 311.
das dem geschrieben sein
entsprechende an der stirne
lesen tritt erst im laufe des 17.
jhs. auf: wer kunt ihr nicht an der stirn ädle zucht und keuschheit lesen? Neumark
fortgepfl. lustw. (1657) 2, 41; auf der stirne und in den augen kan man die briefe des hertzens lesen P. Winckler 2000
gute ged. (1685) g 6
b; ich konnt an deiner stirn die innre reue lesen Gottsched
dt. schaubühne (1741) 2, 146; er sah gewisz recht wacker aus und ist aus einem edlen haus. das konnt ich ihm an der stirne lesen Göthe 14, 132
W. (
Faust 2682); es gäbe keine geselligkeit, ... wenn die gedanken der menschen auf ihrer stirn zu lesen wären
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 1, 46; jedem sind seine neigungen von der stirn zu lesen Fontane
ges. w. I 5, 29. 2@a@bβ)
zeichen an der stirn.
ursprünglich konkret: ein zeichen macht der valant den sinen an die rehten hant und vornen an die stirne Heinrich v. Neustadt
gottes zukunft 5692
S.; (
der priester) macht dem kinde das zceichen des kreutzes an die stirne Egranus
pred. 147
Buchw. dann übertragen: er hat ein brantmal auff der stirn Seb. Franck
sprüchw. (1545) 1, 19
b; das ist vom zeichen oder sigel, so an der auszerwelten stirnen getruckt ward Fischart
binenkorb (1588) 194
b; und trage das maalzeichen Christi an meiner stirne Jac. Böhme
theos. sendbr. (1682) 240; diese allein sollten den heiligen namen der rezensenten tragen, der ... an so unzähligen stirnen schon ein brandmal geworden ist Lenz
vertheidigung (1776) 15; dasz Dante sich zu so grober schmeichelei erniedrigt und damit seinem werk das brandmal auf die stirne gedrückt habe? I. v. Döllinger
akad. vortr. (1888) 1, 98; einige (
gedichte) ..., welche das kennzeichen ihres alters selbst an der stirne führen Morhof
unterr. v. d. dt. spr. (1682) 2, 3; kurz, (
es trägt) das siegel eines Klopstoks auf der stirne Schubart
br. bei Strausz
w. 8, 41; was ... das ächte gepräge des genies an der stirn trägt, gleicht einem eigenen wesen W. v. Humboldt
ges. schr. 1, 317; wozu machte er (
gott) den menschen und drückte ihm das siegel der majestät und freiheit auf die stirn? E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 1, 254; männer ..., die den stempel langjähriger ernster gedankenarbeit auf der stirn trugen Storm
w. (1899) 1, 157; meine schriften (
tragen) das gepräge der redlichkeit auf der stirn Schopenhauer
w. 1, 19
Gr.; da ... derselbe (
rat) ... alle spuren der unvernunft an der stirne trug A. Stifter
s. w. (1901) 3, 84.
schlieszlich braucht zeichen
nicht mehr ausdrücklich gesagt zu werden: die das heilige wort frei mit unrecht an ihrer stirne tragen Schubart
leb. u. gesinnungen 1, 119; nichts ..., was die unsterblichkeit an der stirne trägt Hölty
ged. (1869) 222
Halm; eine sache ..., die ihre ungerechtigkeit an der stirne trug W. Hauff
w. (1890) 1, 44; ein haus, ... das den hasz seiner beiden besitzer offen auf der stirne trug O. Ludwig
ges. schr. 2, 305. 2@a@gγ) auf der stirn
sitzen, ruhen u. ä.: was für eine weise erfahrenheit sitzt auf seiner stirne! Dusch
verm. krit. u. sat. schr. (1758) 141; ein furchtbarer, zurückschreckender ernst sasz auf seiner stirne Schiller 8, 144
G.; von jener trauer, die auf seiner stirne sitzen sollte A. Stifter
s. w. (1901) 3, 194; zucht losieret auff ihrer stirn Weckherlin
ged. 1, 116
Fischer; auf seiner stirn lag eine imponierende würde E. T. A. Hoffmann
s. w. 10, 45
Gr.; dasz auf seiner stirne eine artt rauer wohne A. Stifter
s. w. (1901) 3, 192; aber mein verzeihen ruht ja auf deiner stirne
bei Erlach
volksl. d. Deutschen 3, 123; mit einem male lag etwas leuchtendes um seine stirn Fontane
ges. w. I 4, 347. 2@bb)
wesen und innere vorgänge werden durch beiworte zu stirn
gekennzeichnet. 2@b@aα) die gerunzelte stirn
als ausdruck des unwillens, von kummer, ernst, gedankenarbeit (
vgl. oben 1 c
schlusz): mit geruntzleter stirnen, das ist unwirsch, traurigklich, mit unwillen Frisius
dict. (1556) 586
b; sie verstellen ihr angesichte, sie rümpffen die stirn, gehen traurig herein und hengen den kopff (
zu Math. 6, 16)
biblia (
Nürnberg, Endter 1662); wer murrt und runzelt denn die stirn, wenn Amor singt und Venus schlägt die zither Kasp. Stieler
geh. Venus 137
ndr.; diese vermeynten weisen runzeln ihre ernsthaften stirnen und schaudern schon bey dem worte lust Gottschedin
br. (1771) 1, 197; würdiger freund, du runzelst die stirne; dir scheinen die nicht am rechten orte zu sein scherze Göthe 1, 302
W.; sobald Friedrich die pferde erblickte, runzelte er die stirne
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 4, 62. die stirn rümpfen
lebt nur bis ins 17.
jh.; vgl. die stirnen entrümpffen, das ist sich frölich erzeigen und guter dingen seyn Frisius
dict. (1556) 586
b; verker die augen, rümpff die stirn, das zeigt in dir ein fräches hirn Scheit
Grobianus v. 209
ndr.; (
die löwin) förcht ihre widersacher nit ... und rümpfft die stirnen unerschröckt Spreng
Äneis (1610) 240
a; man rumpfe die stirn
Reinicke fuchs (1650) 265.
die neuzeit kennt dafür die stirn falten (
vgl. stirnfalte): ja, die alten entfalteten selbst die stirn und empfanden Wieland I 1, 159
ak.-ausg.; du hassest die gefaltnen stirnen J. A. Schlegel
verm. ged. (1787) 1, 5; und ob es unserm herzen zu trauern ziemte und dem ganzen reich in eine stirn des grames sich zu falten
Shakespeare (1797) 3, 149 (
Hamlet 1, 2); über den grauen, hellblickenden augen faltete sich seine stirn wie in beginnender geistiger arbeit Storm
s. w. (1898) 4, 215.
dazu die stirn in falten ziehn, falten (auf) der stirn
u. ä.: solte das mich heimlich kränken und die stirn in falten ziehn? v. Göckingk
ged. (1780) 1, 78; leise falten waren über ihre stirn gezogen Göthe 23, 82
W.; der herr Leonhard schien verdrieszlich zu sein, er hatte zwei zornige falten auf der stirn Eichendorff
s. w. (1864) 3, 39; immer drohender zogen die falten auf seiner stirn sich zusammen
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 4, 19.
dazu: mit ... faltiger stirne spricht der mörder maler Müller
w. (1811), 1, 108; der scherz spricht frech und geil, der ernst mit krauser stirnen Gottsched
vers. e. crit. dichtk. (1751) 21; ein strenger mann, von stirne kraus Göthe 5, 184
W. 2@b@bβ) offne und freie stirn.
zunächst rein anschaulich: Helena gar schone was ... ir stirne was offenbar, ir ougen luter und clar Herbort v. Fritzlar
liet v. Troye 2493;
dann in widerspiegelung inneren lebens: wie solt ir yetz (
nach aufdeckung der verderbtheit) mit freier, öffentlicher stirnen im gericht mögen erscheinen J. Sleidanus
reden 116
lit. ver.; ihre offenbare stirn zeugete zugleich von redlichkeit und majestet A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 144; ein offenes herz zeigt eine offene stirn Schiller 3, 95
G.; frei und offen wie meine stirne trag ich mein gemüth
ebda 2, 69; verkehrten und verderblichen ansichten ... der zeit mit offener stirn entgegentreten
allg. lit. zeitung (1843) 561.
auch frei
zunächst soviel wie glatt: mein wissen runtzelt nicht die immer freie stirn Wieland
s. w. (1794)
suppl. 1, 581; mit starkem goldenen haar, welches man immer über die freie stirne zurückgestrichen ... zu sehen glaubte G. Keller
ges. w. 2, 79. '
freimütig': ich spreche mit freyer stirn: ich erkenne sie dafür Lichtenberg
verm. schr. (1800) 1, 73.
ähnlich bei klar: der kopf der madonna ist einer der schönsten ... köpfe. wie klar die stirnen, wie reizend das lichte kastanienhaar W. Heinse
s. w. 4, 337
Sch.; nun öffnet sich die stirne klar, dein herz damit zu glätten Göthe 6, 44
W. 2@b@gγ)
dem gesellen sich, wesentlich seit dem 18.
jh., adjektiva und verba für den stimmungsgehalt der stirn hinzu (heiter, erheitern, aufheitern; trüb, finster, düster, trüben),
die sämtlich zugleich auch die beschaffenheit des firmamentes stimmungsmäszig ausdeuten. für trauer, unmut, unfreundlichkeit trübe stirne: (
dasz du) die trübe stirne rümpfst und tiefe seufzer sendest J. Grob
dicht. versuchgabe (1678) 23; und deine stirne, wie es scheint, wird alle tage trüber Becker
Mildheim. liederb. (1799) 103; es faltet sich trüb und trüber die stirne meines teuern herrn A. v. Chamisso
w. (1864) 1, 230; die du jede wolke der schwermuth von gramtrüber stirne mir lächelnd hinwegscheuchst
bei Arent
mod. dichtercharaktere (1885) 15.
dazu: es ist nicht eigensinn, der seine stirne trübt Göthe 9, 5
W. finster: mit finstrer stirne sprach sie: nein! Gellert
s. schr. (1839) 1, 80; so machte mein sanftes Hannchen eine dermaszen finstere stirne, dasz ich mich ... weit weg wünschte Laukhard
leben u. schicks. 5, 23; die gewalt der öffentlichen meinung, die heute mit finsterer stirn auf die handlungen der fürsten und völker herabblickt Herman Grimm
Michelangelo (1890) 1, 26.
dazu düster, umdüstert: und Suffolks düstre stirn (
verrät) den stürmschen hasz
Shakespeare (1797) 8, 80; mit umdüsterter stirn wandelt die stunde her, die mich fernet von meinem freund Hölty
ged. (1869) 92
Halm. für frohe stimmung: heitere stirn: ich seh der heitern stirne pracht in finstern trauerflor verhüllet Gottsched
ged. (1751) 1, 115; so erzählte der mann, und heiter waren die stirnen aller hörer geworden Göthe 1, 301
W.; blicke mich mit heitrer stirn und fröhlichen augen an Bismarck
br. an s. braut u. gattin 43; das leben, das dem höchsten auch und besten nicht immer seine heitre stirne zeigt W. Müller
ged. (1868) 1, 118; leere stirn ist immer heiter
bei Wander
sprichw. 4, 867. —
dazu das verbum: nun heiterte sich des alten satyrs stirne auf maler Müller
w. (1811) 1, 162; des frühlings lächeln erheitre deine stirne nie Göthe 4, 185
W.; vielleicht erheitern sich die stirnen der damen nach und nach Göthe IV 10, 239
W. der ausdruck der stirn
wird bildhaft als wetterstimmung gesehen: als er ... die finstre wolke gewahr ward, die dessen bekümmerte stirn umgab J. J. Schwabe
belustigungen (1741) 1, 61; entrunzelt die bewölkten stirnen!
ebda 1, 237; dasz ein gewitter sich um seine stirne ziehet Wieland
s. w. (1794) 18, 190; die stirn von wolken frei Göthe 4, 159
W.; frevlern deiner stirne wetter, uns ein gnädig angesicht
ebda 16, 100
W.; eine unbehagliche wolke auf der stirne des jünglings Mörike
w. (1905) 3, 19
Göschen; vier wochen kämpfte der freiherr mit unentschlossenheit, oft war seine stirn umwölkt G. Freytag
ges. w. 4, 334; wo stets die freude mir, sokratisch mild, die unbewölkte stirn mit epheu kränzte Matthisson
schr. (1825) 1, 77.
vgl. auch stirnwölkend.
ebenso dann auch: ein gewisser trübsinn hing über ihrer stirn Musäus
volksmärchen 1, 11
Hempel: nun sieht er totenbläss auf meinen wangen und schwermut meine stirn umziehn J.
M. Miller
ged. (1783) 22; als überschattete seine jugendliche stirn eine ahnung Herman Grimm
Michelangelo (1890) 1, 16. 2@b@dδ)
aus der sprache der bibel stammt eherne, eiserne stirn.
ausgangspunkt ist Jes. 48, 4:
frons tua aerea ich wuste wol, das ... dine stirne eryn ist Claus Cranc 59
Ziesemer; und deine stirn ist eherne
Jes. 48, 4; bisz das ewr eyszern styrn und ehren halsz ... gebrochen werde Luther 10, 2, 107
W.; wer so harte stirn hat, dasz er von solchen grausamen ... drauen gottes nit erschrickt Luther
sprichw. 397
Thiele; müszte ich nicht eine eiserne stirne haben, wenn ich es der unglücklichen misz selbst vorschlagen sollte? Lessing 2, 291
L.-M.; ich habe mit eiserner stirne, mit unbewegtem geist den verdammungsspruch des höchsten angehört
M. Klinger
w. (1809) 10, 232; wo sie gerechtes mir befehlen, finden gehorsam die Atriden mich; die stirne von erzt, wo sie unbilliges gebiethen Schiller 6, 200
G. z. t. nähert sich der sinn dem begriff '
unverschämtheit, frechheit': sollte man glauben, dasz ein mensch eine so eiserne stirne haben könne, ... seinen könig zu hintergehen? Gerstenberg
schlesw. literaturbr. 264
lit.-denkm.; wider alle treue der geschichte sagt er ... die katholische religion sey ärger verfolgt worden ... hierzu gehört eine eiserne stirne A. v. Haller
tageb. (1787) 1, 275; dieser man hat eine eiserne stirne, ich habe ihm selbst lange geglaubt. da ist es kein wunder, dasz sich auch andere täuschen lassen Ludwig Thoma
Andreas Vöst (1920) 150. 2@b@eε) stirn
in verbindung mit beiwörtern, die unmittelbar geistig-seelisches bezeichnen, so dasz die vorstellung der damit verbundenen physischen beschaffenheit der stirn (
α-
δ)
ganz zurücktritt. den übergang vom physischen bereich bilden heisz, hitzig für '
jähzornig', '
unbeherrscht' (
also in anderer bedeutung als oben 1 c): wie man solcher viel findet, die da heisz sein für der stirn und nichts leiden können Luther
sprichw. 397
Thiele; so du nur so unversunnen und hitziger stirn gewest Luther 15, 343
W.; fervor aetatis mentis die jugend, die heisz vor der stirnen ist Bas. Faber
thes. (1587) 316
a; mancher aber ist vor der stirn hitzig und denket: ey, ich musz meinen hasser und feind dämpfen J. G. Schottel
ethica (1669) 162; polternde (
worte) aber erhitzen die stirnen Butschky
Pathmos (1677) 109; leute, die so hitzig vor der stirne sind, nennet man auffahrend, jachzornig, und unleidsam Gottsched
beob. (1758) 439; ich bin ein offizier, der seine klinge führet, der geschwind warm vor der stirne wird Sonnenfels
ges. schr. (1783) 2, 84.
seitdem verliert sich die wendung. fröhliche stirn
u. ä., vgl. im klass. latein frons laeta: sin stirn wunneklich und schlecht ... ân rúncellen frOelich allú zit schweizer Wernher
Marienleben 5850
P.; e. k. g. wollen es gnediglich und mit frölicher stirnen empfahen H. Gholtz
leb. bilder (1557)
vorr. 2
b;
vgl. auch fröliche stirn
fronte serena Kramer
t.-ital. 2 (1702) 979
a; wer? wer ist würdig zum altar des herrn mit froher stirn zu kommen? Herder
s. w. 28, 9
S. dazu anderes im einzelgebrauch: mit drohender stirne Klopstock
Messias (1780) 93; mit ernster stirn, mit düstrem blick Göthe 15, 298
W.; der ruhe sanftes lächeln erhellet die traurige stirne wieder maler Müller
w. (1811) 1, 7; jene höchsten kreise ..., welchen sorgenvolle stirnen ein gräuel sind Dahlmann
frz. revolution (1845) 94.
zur kennzeichnung des nachdenklichen: mit tiefsinniger stirn Klopstock
w. (1798) 3, 159; seine ernste, gedankenvolle stirne
M. Klinger
w. (1809) 8, 111; auf der sinnenden stirne (
der toten) ruht der friede besiegter leiden Cl. Brentano
ges. schr. (1850) 5, 221.
aufrichtige stirn
u. ä., vgl. lat. verissima fronte: dein unbelarfftes gemüth, welches mich iederzeit mit aufrichtiger stirn angesehen Jan Rebhu
Spiridon (1679)
vorr. a 2
b; kein mann von ehrbarer stirn Herder
s. w. 16, 304
S.; denen seine gerade stirn und keiner hofluft achtender wahrheitssinn gar nicht gefalle Frz. v. Kleist
verm. schr. (1797) 57. —
dazu einzelnes: mit hochmütiger stirn
con fronte altiera Kramer
t.-ital. 2 (1702) 979
a; Euripides ... trat mit kühner stirn vor die bühne hin Gerstenberg
recensionen 167
lit.-denkm.; eine eigensinnige stirne, die sie ein wenig hinaufwärts zog Göthe III 1, 157
W. unverschämte stirne
seit dem frühnhd., vgl. lat. proterva frons, ital. con fronte ardita '
unverschämt': die jüden haben eine harte unverschampte stirn Luther
sprichw. 398
Thiele; und du wilt doch wider mich fechten mit einer unverschambten stirn? Hans Sachs 3, 7
K.; ich musz mich ... verwundern ... über seine unverschämte stirne, dasz er ... solche unglaubliche sachen ... mag fürbringen J. Rist
d. friedej. Teutschl. (1653) 95; und ich seh am arm des weisen hier mit unverschämter stirne ... eine sündlich bunte dirne Cl. Brentano
ges. schr. (1850) 3, 543.
dazu: der kühnste minister, der ... mit schamloser stirne der nation schädliche entwürfe vorträgt Archenholz
Engl. u. Ital. (1785) 1, 1, 9; sie schwebt vor seiner schamentblöszten stirn Grillparzer
s. w. (1890) 4, 177
S. seit dem 18.
jh. vor allem als freche stirne: der jüngst mit frecher stirn dein kind zur eh begehrte Lessing 5, 105
L.-M.; wer treulos sich des dankes will entschlagen, dem fehlt des lügners freche stirne nicht Schiller 13, 230
G.; habt ihr von gott, der welt, und was sich drin bewegt, ... definitionen nicht mit groszer kraft gegeben? mit frecher stirne, kühner brust? Göthe 14, 151
W.; dieser richter Adam, wie er sich fest lügt mit frecher stirn Treitschke
hist. u. polit. aufsätze (1886) 1, 93. —
ebenso dreiste stirn: ihr stelltet mit dreister stirne eure schmach zur schau Schiller 12, 414
G.; es wäre tollheit, wenn ich mit dreister stirn ihm sagte: ... ihr seid ein grobian Novalis
schr. 1, 270
Minor; ein geschlecht ... das jedoch, mit dreister stirne, jeden gleich zu meistern denkt Platen
s. w. 10, 70
K.-P.; auch: ich will ... ihr mit kecker stirn den gröbsten weihrauch streun Th. Körner
w. 4, 16
Hempel. 2@cc) stirn
allein als bezeichnung des inneren lebens. 2@c@aα) stirn
gleich '
schamlosigkeit', '
frechheit'.
zunächst scheint einfach das kennzeichnende beiwort zu fehlen: mit was stirn (
qua fronte) und gewissen wilt du truncken sein? Ambach
v. zusauffen (1544) f 1
b; was hastu für ein stirn, du nachtrabe, dasz du so kühnlich leugest und wirst nit roth? G. Nigrinus
anticalvinismus (1595) 276; welche stirne gehöret dazu, sogleich ein buch davon zu schreiben
br. d. neueste litt. betr. (1759
ff.) 14, 326; mit was für einer stirne wird er mir noch unter die augen treten können?
samml. v. schausp. (1764) 1, 96; und das sagen sie mir? ... mit dieser stirne? Schiller 5, 2, 346
G. seit dem 18.
jh. festigt sich dann die wendung die stirne haben '
die frechheit, kühnheit, unverschämtheit besitzen',
vgl. ebenso im frz. avoir le front: was ist so arg, das nicht, um sich genug zu thun, ein weib die stirne hat zu wagen? Wieland
s. w. (1794) 22, 293; von einem verworfenen menschen, der die stirn hat, ... seinen strafbaren eigennutz zu zeigen Archenholz
Engl. u. Ital. (1785) 1, 2, 534; sollte er wohl die stirne haben, sich in meiner gegenwart für den verfasser auszugeben? Schiller 14, 239
G.; der treulose ... hatte die stirn, seine gemahlin öffentlich der untreue anzuklagen Treitschke
dt. gesch. (1897) 3, 146; dabei hatte der Habsburger die stirn, seine bundestreue zu betonen W. Beumelburg
sperrfeuer um Deutschland (1929) 342.
anders die frühnhd. wendung ohne stirn, keine stirn haben,
vgl. stirn
frons oder scham
voc. theut. (
Nbg. 1482) ff 3
a,
mlat. sine fronte '
ohne scham' Habel 160,
frz. n'avoir point de front '
weder scham noch scheu haben' (
vgl. auch stirnlos):
infrunitus der kein stirn
vel scham hat
vel stirnloszer (15.
jh.) Diefenbach
gl. 298
a; daher seind dise sprichwörter von den alten zeiten hergebracht, kein stirnen haben, ein härts maul ... und desgleichen Chr. Bruno
de instit. christ. foeminae (1566) 24
a; diese abgötterey ... hat sich ... so unverschampt herfür gethan, dasz ein ... scribent ... sich ohne stirn und scheu vernehmen lassen Dannhawer
catechismusmilch (1657) 1, 147; kein fürst wäre ... so frech, die menge aber hätte keine stirne und keine schamröthe Lohenstein
Arminius (1689) 2, 1258
b. 2@c@bβ) stirn
gleich '
geistige kraft', '
verstand', '
denkfähigkeit',
ähnlich wie hirn.
der ausgang vom konkreten (stirn 1)
ist deutlich: sô viel der minne tobesuht sô starke in sîne stirne, daz im herze unde hirne von hitze wurden wüetic Konrad v. Würzburg
troj. krieg 20743; stirn
völlig als denkendes organ gefaszt: welche stirn, welche stim kan verstehen, kan singen, was wunderwerck er that, sünd und höll zu bezwingen Weckherlin
ged. 1, 407
Fischer; und wo vieler hirn und stirn nicht weisz zu helffen Abr. a
s. Clara
mercks Wien (1680) 85; die stirne denkt, sie denkt gewisz Ramler
bei Gerstenberg
recensionen 82
lit.-dkm.; im sprachgebrauch der gegenwart arbeiter der stirn und der faust.
vgl. stirnarbeiter. 33)
von der bedeutung 1
her übertragen bezeichnet stirn
das vordere, entgegenstehende überhaupt. 3@aa)
der ausgangsbedeutung nahe in wendungen, in denen stirn
mit kopf, haupt, gesicht, augen
synonym gebraucht wird, bzw. diese die üblicheren sind. so einen vor die stirne stoszen: die ständ thät es für die stirne stoszen (
das bilderstürmen)
bei Opel-Cohn
dreiszigj. kr. 109; er (
Joseph II.) stiesz aber dabei auch das volk ... so vor die stirn ..., dasz der arme haufe ... sich ... ins netz jagen liesz Herder
s. w. 17, 58
S. —
ähnlich gegen die stirne laufen, fahren '
unangenehm, unerwünscht kommen': welche stücke alle stracks wider die stirne dem Günther laufen J. Kraus
irrgeister (1714) 80; der hohen geistlichkeit ... fuhren diese artikel gegen die stirn Herder 23, 133
S.; Fritz ... faszt sich bald, wenn ihm etwas gegen die stirne läufft Göthe IV 6, 195
W. — mit der stirne durchwollen,
vgl. stirnstöszel 1: überall mit der stirn durchwollen, das ist: alles mit äuszerster gewalt anfangen Treuer
dt. Dädalus (1675) 1086; mit der stirn kommt man nicht durch die wand Wander
sprichw. 4, 867;
dazu: er rannt die stirn entzwey an unserm lincken flügel J. v. Besser
schr. (1732) 1, 36;
vgl. sich den kopf einrennen. vor die stirne rücken, stellen, vor der stirn schweben,
womit meist vor (die) augen rücken
u. s. w. oder einem vorschweben
gemeint ist: sie hatte ... keine vor- und miteifrer, die ihr das wahre ziel ... vor die stirn rückte Herder
s. w. 23, 102
S.; das ... mädchen stand lebhaft vor seiner stirne maler Müller
w. (1811) 1, 221; was im nebel der erinnrung ... unbestimmt, in sich verflieszend, meine stirn vorüberschwebt Grillparzer
s. w. (1890) 4, 50
S. in die stirne
für ins gesicht: lasz sehn, ob sie auch in des vaters stirn der dreisten lüge gaukelspiel behauptet Schiller 13, 305
G.; um so entschlossener sah ihm Raphael in die stirne
M. Klinger
w. (1809) 4, 161. 3@bb)
dagegen ist stirn
allein oder herrschend im gebrauch, wo es sich um ein entgegentreten, front machen gegen etwas handelt. so stirn gegen stirn,
im eigentlichen sinn eines persönlichen gegenüberstehens, vgl. lat. adversis frontibus, dazu: befihlt er sie beyde eine für des andern augen zu foltern. ... (welches wir mehr mit einem angenomenen dann lateinischen wort nennen confrontationem, als von stirn zu stirn) G. Nigrinus
v. zäuberern (1592) 396; stirn gegen stirn stehen
fronte à fronte Kramer
t.-ital. 2 (1702) 979
b; warum eilte man so sehr, ihn aus der welt zu fördern, eh man ihn mir, stirne gegen stirne, vorgeführt? Schiller 12, 436
G.; sie können stirn gegen stirn ihren widerwärtigkeiten entgegentreten Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 4, 42; eilte selbst nach hause, um stirn gegen stirn die sache abzuthun Kürnberger
novellen (1861) 1, 69;
dazu: zum offenen bruch, stirn gegen stirn, war man jedoch von keiner seite (
der feindlichen staaten) geneigt Ranke
s. w. 14, 281.
die stirne bieten '
jemandem, etwas entgegentreten' (
ähnlich ital. mostrar la fronte, tener fronte).
die eigentliche bedeutung des sich persönlich entgegenstellens blick toft noch durch: Thorismund und Harald hielten zwar diesem ungewitter eine ziemliche weile aus ... aber es ist ... verstockung ... dem hagel die stirne bieten ... wollen Lohenstein
Arminius (1689) 2, 893
a; und ich werde es endlich über mein gewissen bringen können, einem wunderlichen vater die stirne zu bieten Lessing
w. 2, 14
L.-M.; sie rieth ..., wenn Johanna (
die königin) in schlaf versinke, die leiche ... fortbringen zu lassen, sie wolle dem ersten zorne der königin muthig die stirne bieten A. v. Arnim
w. 9, 17
Grimm. dann uneigentlich für sich entgegenstellen, widerstand leisten: durch anmuth lassen wir auch die vernunft bestechen, wenn jener (
der schönheit) storrigkeit und zorn die stirne beut Hoffmannswaldau
u. a. Deutschen ged. (1697) 3, 16
Neuk. was noch den fortgang hemmt und ihm die stirne beut, ist Buddens treue hut und tapfre wachsamkeit
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 46; wer würde es auch sonst wagen, gebilligten meinungen die stirne zu biethen? Lessing 6, 397
L.-M.; diesmal aber fand sich doch ein mann (
Luther), der es wagte, ihnen (
den ablaszkrämern) die stirn zu bieten Ranke
s. w. 1, 208; er erschrak vor dem gedanken, einem krieg mit Ruszland und einer revolution ... die stirn bieten zu müssen Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 133.
besonders auf militärischem gebiet dem feind sich angreifend oder verteidigend stellen: so both er ihnen doch mit weniger macht so hertzhaft die stirne, dasz kein theil sich des sieges zu rühmen hatte Lohenstein
Arminius (1689) 2, 35
a; die vereinigung (
der heere) geschah bei Gieszen, und jetzt fühlte man sich mächtig genug, dem feinde die stirne zu bieten. er war den Schweden bis Hessen nachgeeilt Schiller 8, 405
G.; herr, herr, die Franken bieten uns die stirn ... vereint mit einer Jeanne la pucelle ... führt grosze macht der dauphin zum entsatz
Shakespeare (1797) 7, 227; dem feind die stirne bieten, er thats wohl hundert mal Th. Fontane
ged. (1898) 259.
gern in verbindung mit können '
einem gewachsen, ebenbürtig, überlegen sein': zweytens ist es auch ganz falsch, dasz wir uns den Atheniensern mit recht an die seite setzen oder ihnen gar die stirne biethen könnten Gottsched
vers. e. crit. dichtk. (1751) 133; dieses heer muszte mit fuszvolk ... versehen seyn, wenn es den Jenjitscheri die stirn bieten sollte A. v. Haller
Usong (1771) 126; möge sich nur ihre körperliche lage befestigen, damit sie so manchen anforderungen die stirne bieten können Göthe IV 41, 234
W.; in diesem werke sind die ... versuche so gestellt, dasz sie allen einwendungen die stirn bieten sollen
ders. II 4, 29; (
dasz) jeder sich gut mit taschengeld zu versehen hätte, um den berühmten nachbarn auf jede weise die stirne zu bieten G. Keller
ges. w. 1, 132; dasz sie ... sich in ein sklavendasein geflüchtet hätten, weil sie sich nicht zutrauten, dem freien leben die stirn zu bieten Hans Pförtner
d. grosze freude (1938) 58. 3@cc) stirn
als militärischer fachausdruck gleich '
front oder spitze des heeres',
für lat. frons und frz. front. spärlich im älteren nhd. die bibelübersetzung des 15. u. 16. jhs. verwendet stirn
so noch nicht, vgl. für in fronte exercitus Jos. 8, 10 in dem haubt des heres
erste dt. bibel 4, 275, fur dem volck her Luther;
zuerst in wörtlicher übersetzung: du solt deinen reysigen zeug ... ordnen ... so vil es müglich ist, solt du sie also stellen wie die spitzen (
acies) pflegen in die hörner (
cornua) geordent zu werden, damit sie zu der stiern und von der seitten (
ad frontem et ex lateribus) die weitte vor ihnen haben
Onesander bei Frontinus von d. guten räthen (1532) 36
b; alle hilfsvölcker an die spitze, die leicht gerüsteten an die stirne der legionen ... zu ordnen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 37
a; achtzig elephanten stunden vor der stirne des heeres A. v. Haller
Fabius u. Cato (1774) 126; hat er sie (
die krieger) soweit ausgedehnet, dasz er dem feinde eine eben so breite stirne biethen können, als die seinige gewesen Gottsched
anmuth. gelehrsamk. (1751) 6, 455; (
jünglinge) hatten sich an die stirne des wartenden heeres gedränget Wieland
s. w. (1794) 16, 160. 3@dd)
bei gebäuden und ihren teilen die vordere oder dem beschauer zugekehrte seite. vereinzelt früh als wörtliche übersetzung: also das du das vi. duoch zwiveltigst an der stirn des dachs (
in fronte tecti, vgl. vorn an der hütte Luther
exod. 26, 9)
erste dt. bibel 3, 305.
in der modernen sprache verbindet sich hier mit der rein technischen bezeichnung (stirn =
front =
vorderseite Otte
arch. wb. 238)
gern die bildlich-anthropomorphe vorstellung der '
stirine': es ist wohl klar ..., dasz die rotunda (
das Pantheon) anfangs einen theil der bäder des Agrippa ausmachte, gleichsam die strahlende stirn derselben W. Heinse
s. w. 4, 270
Sch. sachlich wird stirn
dabei meist auf den giebel bezogen (
vgl. stirnfeld)
und gewinnt dadurch gegenüber front
eine umgrenztere bedeutung: wie einfach und grosz thut sich die halle auf! acht gelbe säulen tragen ihre stirn Jean Paul
w. 15/18, 484
H.; wir ... kamen in ein heimliches thal, aus welchem alte gemäuer mit verwitterten stirnen uns entgegentraten H. Laube
ges. schr. (1875) 9, 78; gleichsam der stirne (
dem giebelfeld) des geweiheten gebäudes ... das gepräge ... des inwohnenden gottes aufzudrücken
F. G. Welcker
alte denkm. (1849) 1, 20; einem weiszen schönen häuschen, welches ... nur mit der stirne über die ... niedern gebüsche des gartens auf die strasze ... hinaussah Stifter
s. w. (1901) 3, 152; (
über dem balken) erhebt sich sodann ... das giebeldreieck und endlich ganz oben an der stirne des firstes schaut man das ... schwanenzeichen H. Allmers
marschenb. (1900) 375. 3@ee)
jung erst ist stirn
für titelblatt oder erste seite eines buches, vgl. ital. fronte d'un libro '
titelblatt, einleitung',
lat. frons librorum, '
i. q. margines superior atque inferior voluminum, i. q. initium'
thes. ling. lat. 6, 1, 1362,
mlat. '
überschrift, anrede',
s. ferner stirnblatt 3: ich dachte ... für meinen nahmen, an der stirn eines buches von dir ein recht lautes lebenszeichen von mir zu geben
M. Klinger
w. (1809) 9, 73; das portrait ..., welches die stirne des dritten bandes hätte zieren sollen Göthe IV 7, 51
W.; jenes fantastische buch, das ... als warnungszeichen den teufel an der stirn trägt E. T. A. Hoffmann
s. w. 6, 28
Gr.; ein büchlein ..., das die jahreszahl 1845 an der stirn trägt Hebbel
w. 11, 277
Werner; es ist nicht die folge einseitiger vorliebe, wenn dies buch ... Michelangelos namen an der stirn trägt Herman Grimm
Michelangelo (1890) 1, 55. 3@ff)
mit früher einengung der bedeutung für die bekleidung der stirn. 3@f@aα)
bei den pferden, entsprechend lat. frontale, das stirnblatt (
s. u. stirnband, -gerät)
zu schmuck und schutz, besonders in kampf und turnier: item 3 mandel rymen zcu gerwen, item stirnen und leder zcu leyme (
v. j. 1437)
Marienb. ämterbuch 9
Ziesemer; was eur. g. (
vom stechzeug) zwifach het von gerüsten, hinterhacken und schrauffen, stirn, brechscheiben (
v. j. 1484)
bei Steinhausen
dt. privatbr. d. ma. 1, 239; harnisch und etliche stirnen auf die pferd mit fünffhundert par kniebuckeln den reisigen L. Fronsperger
kriegsb. (1578) 1, n 6
b. 3@f@bβ)
in der frauenkleidung des 17. u. 18. jhs. eine art kappe, vgl. '
eine kappe, wohl die in Züricher mandaten des 17. u. 18. jhs. häufig genannten stirnen' Staub-Tobler
schweiz. id. 3, 396; 8 schleyerköpfflein, 8 schlayerstirnen, 5 grober stirnen (
unter weiberkleider,
v. j. 1661)
bei Fischer
schwäb. nachtr. 2980; die jungfern trugen hier etwas, das stirne hiesz, vorn gieng es spitzig zu, wos an die nase stiesz, seitwerts wars ausgeschweift, an allen beiden seiten sah man ein büschel band bein ohren sich ausbreiten J. G. Eccard
poet. nebenstunden (1721) 35; 1 stürnen (
v. j. 1774) Fischer
schwäb. nachtr. 3213; (
als brautkranz) ein myrtenkranz mit schleier oder künstlichen blumen, oder ... die in St. Georgen bei Freiburg umhergeliehene stirne E. H. Meyer
dt. volksk. (1898) 175. 44)
als fester ausdruck in fachtechnischem gebrauch hat sich das simplex stirn
im wesentlichen nur im bereich der zimmerei und maurerei ausgebildet (
in zusammensetzungen umfaszt stirn
weitere sachgebiete, bes. der modernen technik).
es bezeichnet die vorder- oder schmalseite eines gegenstandes oder bauteils, spezieller eine fugenstelle als aussparung oder erhöhung zur verbindung von teilen. hierhin gehört: s. Paulus ... versetzet die lebendigen steine nach dem bleyscheid und richtschnur der apostel und zeilet fein an, was gute haupter, stirn, bahn oder lager hat und verbindet sie mit dem rechten naphtha J. Mathesius
Sarepta (1571) 58
a. 4@aa)
in der zimmerei: oben (
beim turmbau) werden die streben vermög gemachten stirnen in die hängesäulen eingestreifet Casp. Walter
zimmerkunst (1769) 38.
für die schmale auszenseite eines rades: (
das stirnrad) welches mit seiner stirn oder kamm in die spindeln des wellbaums eingreiffet v. Hohberg
georg. curiosa (1682) 1, 71; dasz sie (
die räder) in andere ... räder oder wellen ... eingreiffen, und zwar entweder an der stirne oder an der seite ohnweit der peripherie
onomatologia curiosa (1764) 1262;
frons ... rotae stirn,
d. i. äuszerer umfang eines rades Rode
Vitruvius (1800)
anh. 33;
vgl. auch stirnrad. —
in kriegstechnischer zimmerei am geschütz: 'stirn,
tête de l'affût, wird in der artillerie der vordertheil der laffetenwand genennet' Eggers
kriegslex. (1757) 2, 1008; Jacobsson
techn. wb. (1781) 4, 300
a; Hoyer-Kreuter
techn. wb. (1902) 734;
vgl. stirnblech, stirnriegel. 4@bb)
besonders beim schachtbau im bergwerk: 'stirn ...
bei der zimmerung die querschnittsfläche am ende eines stückes holz' Gätzschmann
s. bergm. ausdr. (1881) 92; '
fläche des an dem obern ende eines thürstockes behufs aufnahme der kappe (
d. i. querbalken quer über den stollen)
hergestellten ausschnittes, welche senkrecht gegen die holzfaser steht' Veith
bergm. wb. 464.
ebenda bei der mauerung '
die freie dem beschauer zugekehrte fläche einer scheibenmauer'
ebda; auszerdem '
der kopf eines steines' (
d. h. '
der vordere, in die stirn
einer mauer fallende theil eines steines')
ebda. auf der schachtsohle selbst die vertikale fläche eines absatzes (first-
oder strossenstirn)
ebda, ebenso frz. front für die vordere seite der strossen. im bergmännischen noch '
derjenige ort von der schicht, dahin die letzten schlacken zur erlangung der nase gestürzt werden und davon deswegen zuerst im ofen ... aufgetragen wird' Jacobsson
techn. wb. (1793) 7, 456
a; '
bei der aufbereitung von dem auf einem wäschherde abgelagerten gereinigten schliche der oberste, reinste theil' Gätzschmann
s. bergm. ausdr. (1881) 92. 4@cc)
in der architektur beim gewölbebau die nicht gewölbten beiden schmalseiten, vgl. 'stirn,
tête, heyszt bey einem gewölbebogen die vordere seite des gewölbes, worinnen man die decke des gewölbebogens ... sehen kann' Eggers
kriegslex. (1757) 2, 1008: an den enden oder stirnen des gewölbes Jacobsson
techn. wb. (1781) 2, 85
b; die beiden anderen seiten (
des tonnengewölbes), die stirnen, erhalten keinen schub Schönermark-Stüber
hochbaulex. (1902) 895;
s. auch stirnbogen, stirnseite.