schmähen,
verb. ,
mhd. smæhen, smâhen
mhd. wb. 2, 2, 421
a. Lexer
mhd. handwb. 2, 998,
ahd. smâhen (
aus smâhjan),
humiliare, infirmare Graff 6, 822.
das verbum ist abgeleitet vom adj. ahd. smâhi,
mhd. smæhe,
gering, verächtlich; weiteres s. bei schmach,
f. (
über das dem sinne nach entsprechende nd. nld. smaden, smadden
vergl. oben schmadden,
verb., daneben nd. smaen, versmaen,
verschmähen Schütze 4, 126).
zur schreibung: schmähen,
laedere, violare, calumniari Dasypodius,
ebenso Maaler 357
b. Henisch 1524, 65. Hulsius
diction. (1616) 285
a. Schottel 1403, schmähen Stieler 1859, schmähen,
quod etiam schmächen,
olim efferebatur 1862.
im älteren nhd. ist die gutturale spirans vielfach noch in der schreibung bezeichnet, besonders im auslaut und vor t.
statt ä
findet sich oft e: welcher ainen gehorsamen von wegen hilf und beistant schmechen wiert.
tir. weisth. 1, 24, 2; und waren sie viel geschmechter denn er.
buch der liebe 290
c; andre, die da schmechten.
Rein. Fuchs (1650) 410; ich fluch und schmech hienein den hauffen. H. Sachs
fastn. sp. 2, 56, 227
neudruck; sag an, wer hat den dich geschmecht. 133, 94; der spottet, hönt, veracht und schmecht den allerheiligsten gottes knecht. Ringwaldt
treuer Eckart M 8
b.
tirol. schmächen
nach Schöpf 626.
vgl. dagegen: es sein .. witwen êweiber geschmäht worden. Aventinus
chron. 1, 829, 20; heimlich jemand im rücken schmehen, ist nichts, den unglück auff jhn seen. Petri 2 (1605), Hh 7
a;
andere beispiele s. unten unter den belegen. gebrauch. während schmach
im ausgebildeten nhd. die ältere anwendung im sinne '
herabsetzung, verhöhnung durch worte'
völlig verloren hat, ist bei schmähen
grade die beziehung auf dies gebiet in der neueren sprache ausschlieszlich erhalten, eine anwendung, die in älterer sprache zurücktritt. 11)
die ursprüngliche bedeutung ist '
klein, gering, verächtlich machen, verachten, verächtlich behandeln, erniedrigen' (
vgl. verschmähen): ich wæn, mich smæhet dirre man (
verschmäht, verachtet mich) durch daʒ mîn lîp vertwâlet ist.
Parz. 188, 26; ist, daʒ ich genzlich ervar, daʒ dû mîn swester smêhen wilt (
indem du sie nicht als deine gattin behandelst). H. v. Freiberg
Trist. 3857; ein vederspil daʒ vâhet, unt kleine vogelîn smâhet, daʒ hât man lieber vil, danne einʒ, daʒ kleiner vogelin gert.
minnes. 2, 98
a Hagen; wi tûstu sus, waʒ werrit dir, daʒ du mich nicht enphêhis? ich wên daʒ dû mich smêhis adir bist vil starke sîch. Bartsch
md. ged. 67, 965;
mit unpersönlichem objecte, ganz wie unser verschmähen: daʒ dich ein lügenære mit lüge an sich betrogen hât, und durch den smæhest mînen rât. R. v. Ems
Barl. u. Jos. 206, 26; sît daʒ dîn herze smâhet vorht unde zagelichen sin, sô tuo wîplîche sorge hin. K. v. Würzburg
troj. krieg 29430; daʒ si alle irdenslich geschaft nach sîme lobe smehete.
Elisabeth 6699; sô sul wir smæhn daʒ ertrîche durch sîne valsche unstætekeit. Lampr. von Regensburg
S. Francisken leben 145; swer sînem leben ein guot ende wil geben, der sol ditz ellende durch unsers herren liebe smêhen (: sehen). H. v. Trimberg
renner 8667.
verächtlich, unansehnlich machen: daʒ si (
die heidnischen priester) durch willen ires spotes die temple unsers herren gotes smêten unde swachten.
pass. 70, 77
Köpke (
vorher wird von der Peterskirche gesagt, sie sei ein vertorben palas
gewesen).
schädigen: niemand wurde an leib und gut geschmähet. J. v. Müller
gesch. der schweiz. eidgenossenschaft 2, 457.
schwächen, hilflos machen, zu grunde richten, vernichten: (
er) wolt die von Reutlingen überfallen, und sie geschmecht han.
d. städtechron. 5, 18, 17; he belach Venedigen lange ind dreif wunder dae ind schmachte si. 13, 538, 24;
demütigen: fleuch, fleuch, du stoltz frischer lantzknecht, das du durch Venus nit werst geschmecht. H. Sachs
fastn. sp. 1, 16, 96
neudruck; manig vernunfftig mensch ist durch frawen betrogen und geschmecht worden.
Fierabras C 5; die den bobest gesmehet (
ihm die augen ausgestochen) hettent.
d. städtechron. 8, 403, 27;
besonders aber an ehre, ansehen herabsetzen, erniedrigen, beleidigen, verächtlich machen, entehren: sie hetten das g'lait zerprochen, die ganzen teutschen nation geschmecht und geschendet. Aventin. 2, 350, 11; das er weg sucht, wie er sie schmehen möcht, domit sie ir gut lob verlüre.
Livius (1546) 21; die vier sün Aymonts, haben uns durch hülff des dieps Magis geschmecht.
Aimon t 3
b; thu ich den ersten streich, so werde ich dardurch geschmähet und entehrt.
buch d. liebe 290
c; dasz er solch leben unterlasz, sich und sein vater doch bedächt, den er mit diesem wesen schmecht. Fischart 1, 58, 2182
Kurz; ähnlich: wenn aber eine seele aus frevel etwas thut, es sey ein einheimischer oder frembdlinger, der hat den herrn geschmecht. 4
Mos. 15, 30;
mit unpersönlichem objecte: ich main, die iren adel schmehen mit epruch, spil und gelt entlehen.
fastn. sp. 381, 8;
anders gewendet: swer sich von got nu kêrte, des ende wurde gesmæhet (
zu einem schmachvollen gemacht) und diu sêle der helle genæhet.
Willehalm 303, 21;
mit ächten
verbunden: menklich schrey daʒ man sy pann. smach sy, æcht sy in der schrann. Wackernagel
leseb.2 972, 16.
in beziehung auf die weibliche ehre: der fürst ward fast zornig und sprach zuo im, er het sein dochter geschmecht vor aller welt (
indem er sie auf öffentlicher strasze geküszt hätte). Pauli
schimpf u. ernst 89
Österley. dann aber der jungfräulichen ehre berauben, stuprare, schänden: item, ob ainer aim sein kint, muem oder diern schmächt und sie beschlief.
tirol. weisth. 4, 200, 28; von eines êbruchs wegen, damit sein sun die frummen frauen Lucretiam schmächt. Aventin.
chron. 1, 287, 5; es war schad, das sy nit all gehenckt wurden, sy hetten an frauen und junckfrauen, so sy geschmecht heten
etc. verdintt.
d. städtechron. 15, 97, 27; als Atrydes strafften mit recht do jn jr wiber worent gschmäht. Brant
narrensch. 33, 22 (
s. Zarnckes
anmerk. zu 13, 65); do schmecht man weiber, und junckfrawen, do nöt man dmenner zu zeschowen. Thurneisser
archid. (1575) 23
b;
ohne object: syn meynung ist, er wolt gern schmehen. Brant
narrensch. 110
b, 18. 22)
schon in alter sprache wird schmähen
auch in der uns geläufigen anwendung gebraucht, doch liegt das hauptgewicht nicht auf dem herabwürdiger, wie in neuerer sprache, sondern auf der erfolgenden herabsetzung, herabwürdigung; noch Maaler
erklärt: schmAehen, zeschanden bringen, mit worten oder sunst. 357
b; daʒ smæhen daʒ vrou Lûnete dem herren Îweine tete.
Iwein 3201; (
an Mahomed) sie ensin nicht tzu dienste dir, noch sie enâhten diner werdicheit, si smehen dine heilicheit.
Ludwigs kreuzf. 3825; gesmæhet und gehônt hât er (
der sultan) die kristenheit genuoc. Ottokar
reimchron. 52652; den priester ich smAech, mein ee zerbrich. O. v. Wolkenstein 105, 4, 5; dein braudt thut man an ehren schmehen, sie sey an haudt und har entwicht. H. Sachs
fastn. sp. 4, 17, 459
neudruck; mein frau? ach got, wo kumt das her, das sie wirt gschmecht an irer er? (
durch die falsche anklage).
schausp. a. d. 16. jh. 1, 72, 166
Tittmann. andere stellen (
sieh unten)
leiten von dieser anwendung zur neueren über. 2@aa) schmähen
mit abhängigem acc.: ein oberkeit schmähen und schedigen,
imminuere majestatem vel minuere; mit worten einen schmähen und beleydigen, übel vertragen unnd verschwätzen. Maaler 357
c; die leute frech schmähen,
petulanter hominibus maledicere Steinbach 2, 456; (
es soll) kain nation die andern beleidigen oder schmechen.
d. städtechron. 23, 296, 24; wer den anderen schmecht, der muosz vil schmach hören. Keisersberg
narrensch. 138
d; alle die, szo Christum schmechten am creutz. Luther 6, 241, 25
Weim. ausgabe; wer mit seiner zungen nicht verleumbdet, und seinem nehesten kein arges thut, und seinen nehesten nicht schmehet.
ps. 15, 3; selig seid jr, wenn euch die menschen umb meinen willen schmehen und verfolgen.
Matth. 5, 11; meister, mit den worten schmehestu uns auch.
Luc. 11, 45; die schmache dere, die dich schmehen, sind uber mich gefallen.
Röm. 15, 3; der predicant rüeft den umbstender zu mit einer protestation, er wer vom doctor geschmecht.
Zimm. chron.2 3, 630, 30; darmit behelt sie seinen frieden, und wirdt weder geschmächt noch geschlagen.
buch der liebe 298
b; sie alle bayd, haben mich geschmecht und geschend, des mir die leut all zeugen send, als sey ich gantz und gar entwicht. H. Sachs
fastn. sp. 1, 43, 202
neudruck; (
eine alte hexe) die jungfraw vor jn schmecht und schent mit liegen. 4, 2, 40; was bedeut das jr also schmecht das tugentsam weiblich geschlecht.
werke 2, 1, 29
c; jn wider dafür höhnt und schmecht, gleich wie der hencker lohnt seim knecht. B. Waldis
Esop. 3, 47, 33
Kurz; der schmäht die götter selbst, der ihre priester schmäht. Cronegk (1765) 1, 322; so stürzen die gäste geschmäht und geschändet in nächtliche tiefen. Göthe 9, 78; denn so liebt er mich, wie er mich schmähte, so durchglüht' ich ihn, wie er verwünschte. 40, 399; schmähst du ihn als einen schlechten wirth? Grillparzer 5, 88;
mit acc. der person und gen. der sache: jne seiner eeren geschmecht.
quelle von 1528
bei Kehrein
gramm. 3, § 175
s. 119.
mit unpersönlichem object: das sie geschmecht haben ewern guten wandel in Christo. 1
Petr. 3, 16; die miszgunst nur kann unsre spiele schmähen. Gotter 1, 79; mein dienst (aus irrthum schmähst du ihn; lern' ihn von nun an besser fassen!). 461; ich bin so sehr nicht aus der art geschlagen, dasz ich der liebe herrschaft sollte schmähn. Schiller
jungfr. von Orl. 1, 2; es schmähe nicht den ruhm, wer ihn besitzt. Grillparzer 3, 163.
in gemilderter bedeutung wie tadeln, verwerfen: hört was noch mehr zu schmähn. A. Gryphius 1, 52.
frei, wie beleidigen: was schmähst du mein ohr und deinen mund mit solch unheilgen lauten? Ludwig (1891) 3, 333. 2@bb) auf einen, auf etwas schmähen: auf seine eltern schmähen,
probra in parentes ingerere Steinbach 2, 456; auf einen schänden und schmähen. Frisch 2, 204
c; ich hörte sie sprechen, auf mich schmähen. Grillparzer 11, 292; soll ich der flucht von meinen tagen schelten? soll ich auf sie und ihre trägheit schmähn? Göckingk
lieder zweier liebenden (1779) 147; wenn das volk hier auf den Amphitryon dich schmähen hörte. H. von Kleist
Amphitr. 1, 4. 2@cc)
ohne object, absolut stehend: ein böses gerücht machen, schmähen, schelten, böses nachsagen. Henisch 1524, 65; ah gott, wie lange sol der widerwertige schmehen.
ps. 74, 10; wer sich gewehnet zu schmehen, der bessert sich sein lebtage nicht.
Sir. 23, 20; darumb unser schelten kein schmehen ist, sondern die lauter warheit. Luther 6, 14
a; schmähen und schmach anthun (mit ehrenrührigen wörtern angreiffen, um sich schlagen) ist der bösewichter. Comenius
sprachenth. übers. von Docemius (1657) 917; trieb mich von im mit tro und schmehen. H. Sachs 14, 162, 14
Götze; schmäch immer was du kanst, du kind der Plutoninnen, mein Opitz bleibet wol. Fleming 567; und weiber schmähen gern'! Schiller 6, 130; sein grimmig hassen, sein hohn, sein schmähn, sie reden laut genug. Chamisso 2, 48
Koch. prägnant, schmähend sagen, in schmähendem ton vorbringen: sein Jesus, schmäht er, würde nun des tempels dienst zerstören. Bürger 45
b. 33)
besonderes. vereinzelt, mit dichterischer freiheit, wie verschmähen,
mit abhängigem infinitiv: du, treuer liebe, inniger dankbarkeit gespielin, stille, welche zu sprechen schmäht, sey mir gegrüszt. C.
F. Cramer
Göttinger musenalm. 1775, 36; des sumpfes schreier schmäht der leu zu zerstampfen; wandelt durch wälder und herrscht. Voss
ebenda 1777, 93.