verschmähen,
verb. schmähend zurückweisen. mhd. versmâhen, versmân,
mnd. vorsmân,
ahd. farsmâhjan Graff 6, 822;
dieses früh schwindende j
der endsilbe hat doch noch einen umlaut erzeugt, der zeitweilig im ahd. (Graff 6, 823),
öfters im mhd. und endlich nhd. die umlautlose form gänzlich verdrängt. die bedeutung ist durch ver
nicht geändert, nur verstärkt worden. schmähen
heiszt etwas gemein, niedrig machen, verschmähen
ist dasselbe. in der übergangszeit zum nhd. finden sich oft in den glossarien die verschiedensten formen: versmaen, versmahen,
confutare Dief. 142
a,
obprobriari 388
c,
abhorrere 2
c,
nd. versmahin,
aspernare 54
c,
levi pendere 326
a, versmaen, vorsmaen,
refutare 490
a,
nov. gl. 315
b, versmachen,
recusare nov. gloss. 314
b, versmehen,
abjicere 2
c, virsmehin,
despicere 176
b,
nd. verschmachen,
contemnere 146
a, versmegen,
confutare 142
a, versmohen,
despicere 176
c, virsmogen,
abominare 2
c, verschmähen,
renuere 492
b. 146
a; versmahen Dief.-Wülcker 565. 11)
schmähend zurückweisen. 1@aa)
object persönlich: je boszhafftiger er ist, je mehr er sie veracht, verspott, verschmecht, verspricht, versagt. Luther 2, 287; wer ist jemals von jm verschmehet, der jn angerufen hat?
Sir. 2, 12; ob zwar mir dieser posse, so mir widerfahren, grandige grillen in kopff brachte, so war ich doch so närrisch nicht, meine braut zu verschmähen.
Simpl. 1, 338, 12
Kurz; gott gibt nicht alles allen, sondern theilet seine gaben ausz nach gefallen, auf dasz nicht einer den andern verschmähe, sondern ihm in nöthen beystehe. Schuppius 316; sihest du jemanden in ehren und erhaben, wirst aber verschmähet und ernidriget, so nim dich dessen nicht an, sondern richte dein herz zu gott auf. Butschky
hochd. kanzl. 729; ir habt villeicht gesetzt euren wan auf ainn burger oder auf ainn edelman, darumb wolt ir den Hainzen hie verschmehen.
fastnachtssp. 569, 20; wenn die köngin ligt in irer rhu, .. so wil ich ir den kleinen zwerg schlaffent an ihren arm legen .. so hab ich mich denn wol gerochen an der königin, die mich verschmecht und mich gern in unglück brecht. H. Sachs 2, 3, 15 (8, 58, 2
Keller); aber ir schwester obgenennt wardten hernach veracht in schandt, ganz verschmecht in dem Griechenlandt. weil sie ausz ungetrewem mut ir eygen ehgemahel blut so mörderisch hetten vergossen. 2, 3, 183 (8, 31); so sag ich dir bey mein ungnaden: weil du ie stet bleibst an deim weib und verschmechst meinen werden leib von königlichem stamm geborn, so .. 2, 3, 29 (8, 111, 28); nun der graf von niderm geschlecht, hat mich, ein keyserin verschmecht, das mir vormals nie ist geschechen. 2, 3, 30 (8, 112, 25); in dieser zuversicht lasz du mich nicht verschmähen, sondern ein tieffes leyd (barmhertzig) wirst ansehen. Weckherlin 332; ich (
das glück) werde stets verschmächt, kan keinen recht vergnügen, ich mach es, wie ich wil, so mag ich keinem tü
gen. Logau 1, 185, 75 (179
Eitner); das glück mit seinen flittergaben erkühnte sich einmal die weisheit zu verschmähn, und stolz auf sie herab zu sehn. Burmann
fabeln 43; so musz an jeglichem, der uns verschmäht, geschehen! J. E. Schlegel 1, 31; wenn du mir sagst, du habest als kind, geliebte, den menschen nicht gefallen, und dich habe die mutter verschmäht, bis du gröszer geworden und still dich entwickelt; ich glaub es, gerne denk ich mir dich als ein besonderes kind. Göthe 1, 271; bin ich nicht werth, dasz man das wort mir gönne? ... doch mich verschmäht man nicht umsonst. Gotter 1, 170;
partic.: verschmecht, ausgestoszen, in armut verlassen. Kirchhof
wendunm. 55
a; so bin ich ein verschmechter knecht. Murner
schelmenz. 73
b. 1@bb)
object eine sache: mhd. dem tôren sint al die gelîch, die wîsheit, kunst, êr unde guot versmâhent durch ir tumben muot: die nützet nicht der edel stein. Boner
edelstein 1, 27
Pfeiffer; nhd. ein demütiges gebrochens hertz verschmechstu nicht. Luther 1, 18; ich bitte .. das jr diese meine schrift nicht verachten wöllet .. damit nicht zu uns gesagt werde, das wir verschmecht haben die guten rete von wegen das dieselben uns durch geringe personen von gott geben sind. 2, 72; denn er hat nicht veracht noch verschmecht das elend des armen, und sein andlitz fur jm nicht verborgen.
ps. 22, 25; darumb soll keines sein joch verschmehen. Fischart
ehez. 58; gegen dieses alles musten die bawren dem junckern, dessen beystand sie verschmähet, die busze .. bezahlen. Kirchhof 4, 206
Österley; meynet ihr nicht, dasz es gott verdriesz, so der mensch sein gab verschmähet? 139; fande, das ein bauerndirne dasjenige verschmähet, was etwan vor diesem von andern gewünschet.
Simpl. 2, 33, 26
Kurz; sein geistlicher sinn und widerwertige begegnissen hemmeten endlich den lauff seiner weltlichen glückseligkeit, so dasz er seinen adel und ansehnliche güter .. verschmähete und hindan setzte. 1, 74, 25; damit brachte ich zuwege, wo ich etwan ein paar heller verschmähete, dasz mir hingegen beydes an speise und tranck mehrers geben ward. 2, 172, 20; bat mich derowegen, dasz ich ja bei ihm vorlieb nehmen und das freywillige almosen ... nicht verschmähen ... wollte. 212, 1; du magst mir wol ein stoltzer bettler seyn, wenn du das geld verschmähest. 198, 19; man siehet und fühlt, dasz er vom mark der alten genährt, sich von keinem süszern naschwerk verführen lasse und dieses dreist verschmähe. Herder
philosophie und geschichte 2, 171 (1820); die bunte seide waltete vor, doch war auch das gold nicht verschmäht, genug, man wuszte nicht, ob man pracht oder geschmack mehr bewundern sollte. Göthe 22, 65; so fängt denn alle menschliche erkenntnisz mit anschauungen an, geht von da zu begriffen und endigt mit ideen. ob sie zwar in ansehung aller dreien elemente erkenntniszquellen a priori hat, die beim ersten anblicke die grenzen aller erfahrung zu verschmähen scheinen, so .. Kant 10, 531; er verschmähte das belastete leben und in dieser hitze ... suchte die innere lava einen ausbruch in irgend einem wagstück. J. Paul 10, 94; die geister der wahrheit verschmähen sogar die lüge nicht, um ihn (
Louis Philipp) damit zu befehden. H. Heine 8, 62; der staat hat es mit dem leben der arbeit zu thun, welches nicht ohne zwang abgeht, die kunst mit dem leben der musze, welches allen zwang verschmäht. Heinr. Ritter
Gött. gel. anz. (1840) 62, 610; der jungfrau leib nicht hast verschmecht, zu lösen das menschlich geschlecht. Luther
bei Wackernagel
kirchenl. 3, 19 (
nr. 31); also mein bruder, thust im recht, dasz du es Jovi befilhst schlecht, der würd dein bitt gwis nicht verschmehen, weil er kaim unrecht laszt geschehen. Fischart
dicht. 2, 66, 2453
Kurz; das auszerpreszte flehn hört er .. verschmäht nicht was du ihm in deiner noth trägst für. Fleming 24; die (
meine gaben) wirst du nicht verschmähen. P. Gerhardt 59, 25
Gödeke; gott wird dein flehen und abbitten nicht verschmähen. 62, 15; nun schau! das stoltz verlauffen weib verschmehet meinen edlen leib, das mir in meinen jungen jaren von keim weibszbild ist widerfaren. H. Sachs 2, 3, 38 (8, 144, 10
Keller); mein schenk wirstu verschmehen nicht. 1, 23 (1, 106, 17); was ehr und pflicht gebietet und was sie auch als ein williges geschenk verschmäh'
n. Herder 6, 6; des herrn gebot verschmähn, ihn und sein wort verachten. Hagedorn 2, 6; sie konnten nicht, voll muth, gefahr und tod verschmähn, nicht folgsam ihrem wink senate zittern sehn. Gotter 1, 138;
object ein infinitiv: laszt euch nicht verschmehen der jungfraw mon trippelknecht zu sein. Fischart
groszm. 95; ich musz ihn ansehnlich belohnen, sagte der groszmüthige fürst, man forsche an ihm, ob ihm irgend ein kleinod vergnügen macht, oder ob er es nicht verschmäht, geld anzunehmen. Göthe 19, 8; damals, vor der zeit meiner geburt, wurden zu diesen leuten lauter geehrte handwerker genommen ... daher verschmähte mein vater nicht, sich zu ihnen zu gesellen. 34, 22; sie verschmähte nicht, sich als alte frau zu verkleiden. 13, 236; sie (
die schnitter) haben des Römers ernte vollendet, der für Ceres den kranz selber zu flechten verschmäht. 1, 275. 22)
die bedeutung geht aus der ursprünglichen '
mit schmach behandeln, bedecken'
in die '
ärgern'
über: dise fabel warnet die mechtigen, daz sie die armen nit verschmähen zu den ziten, so sie in gelücklichem stant und wesen synt, das sie nicht verspottet werden, wa daz gelückrad umbeschlüge. Steinhöwel
Esop 4, 144
Österley; es musz den teufel sehr verschmachen, dasz er den gemeinen menschen nicht uberwinden kann. Luther
tischr. 215; ich habe vor diesem vermeynet, mein bruder sey euch lieber als ich, die weil ihr allezeit jhm freundlich zugesprochen, welches dann mich nicht wenig verschmähet hat. Lehmann 2, 289; als die keyserin ein solches hefftig verschmecht. Zinkgref
apophth. 43, 30; wer wil dem helffen, der verschmecht einen, der ihm was heylsams reht. Kirchhof
wendunm. 4, 140
Österley; das merckt, jhr kinder, halt euch recht, und ewer älter nit verschmecht. Schwartzenberg 101, 1; ein esel hat das liedt gedicht, das thet den hasen verschmehen. J. Ayrer
dramen O 108
d (1, 550
Keller); er hat uns auch vil sach geführt und offt gwunnen die recht, ja recht, wenn uns die schon nit hat gebürt; mit seim juristengfecht hat er ander verschmecht. F 141
c (3044
Keller); kamen an jn die baurenhund, die jn schier für ein wolff zerrissen, han jm die kutt gar fast zerbissen welchs jn dann zwar thet hoch verschmehen. Fischart
dicht. 1, 180, 1890
Kurz. 33)
intransitiv, etwas verschmäht einem,
eine sache ärgert einen, im 17.
jahrh. abgekommen: und als dr. Carlstad also von seiner und dr. Ludders meinung fiel (das wol etlichen Wittenbergern verschmacht) lies ich das sein. Eck
bei Luther 1, 163
a; darumb sind sie werd, das jnen das viele und gros nicht wird, weil jnen das kleine und wenige verschmahet. 1, 485
b; wem das wenige verschmahet, dem wird das gröszer nicht, wer zu viel haben wil, der behelt zu letzt nichts. 5, 271; die hefen, die andern Israeliten, die woltens nicht annemen, verschmahet jnen solch gering ding, haben also das essen verzürnet und die freude vermeulet aus groszem hohmut und steifsinnigkeit. 8, 124
a; welches dem cardinall vast ubell verschmahet.
Ernest. ges.-arch. 1522; das dem könig Theodorico mit disem mackel behafft, nit ein wenig verschmahet und darumb Boecium ... in das ellend verschickt. S. Franck
chron. 158
b; es verdreuset jhn und verschmächt jm. Paracelsus
opp. 2, 358 A (
Straszburg 1616); lieben herren, lassent euch nit verschmahen und weichent ausz diesem gezelt.
Aimon bog. m 2; wer den wein nicht vermag, wird sich das wasser zu trincken nicht verschmähen lassen. Fischart
groszm. 79; es wirt sunst jedermann verschmähen. Schmelzl
lobspr. 65; dannach wart sie gefreyt zu handt von zweyen kauffmanen, waren reicher habe, sie waren all beyd wol erkant, ir keiner wolt vor dem andern lassen abe. der man sprach zu seiner frawen here: 'ist es sach, das ichs dem einen gib, dem andern wirtz verschmahen also sere.' Wackernagel
kirchenl. 2, 860, 3; den frawen in dem kloster verschmacht die red gar sehr, du redst gar unverdrossen, reist uns an unsere ehr. 2, 917, 18; ain fürst der welt bin ich erkent, als mich dann Christus selbest nennt. und wer nit etwo ist mein knecht, mir und den mein wärt er verschmecht. Schwartzenberg 128, 2; wie? wenn er (
der könig) aber sollichs thut, das er mir also ubel trawt? wer das, so sag ich uberlaut, das es mir verschmahet sehr hart. H. Sachs 3, 1, 172 (11, 135, 6
Keller); herr köng, als ich an dich thet werben, du soltest nicht eylen mit ir, da verschmacht es dir hoch von mir, ich dacht wol, es wühr also gahn. 3, 1, 174 (11, 142, 21); wie musz ich verstehn diese sach, dasz du mir, könig, thust die schmach, lest mit gewalt herführen mich? das verschmacht mir gar hertziglich. 4, 1, 21
c (15, 95, 19); nun wollauff in den thuren wider! .. eur geschwetz tribt ir leicht tag und nacht, das meinem herren sehr verschmacht. 2, 3, 24 (8, 91, 22); das verschmahet uber die masz der königin, thet ir weh und zorn. 2, 3, 177 (8, 191, 28).