miene,
f. gesichtszug, gesichtsausdruck, gebärde. 11)
das wort, auf franz. mine
zurückgehend, wurde ins hd. vor dem 17.
jahrh. nicht aufgenommen, drang auch in andere germ. sprachen ein, wo es zum theil älter ist (
niederl. mijne,
vena, et natura, ingenium, et vultus, species, status Kilian;
engl. mien;
schwed. dän. mine).
franz. mine aber wird auf menare betreiben, prov. mena, betreibung, geschäft, beschaffenheit zurückgeführt, indem es die äuszere führung oder haltung, etwa wie gestus von gerere, ausdrücke (Diez
wb. d. rom. spr. 2, 277);
ohne völlige sicherheit indes, da das franz. mine in der angegebenen bedeutung (
im gegensatz zu mine schacht, erzgrube, vgl. unten mine)
im franz. ganz allein steht, und auch da erst seit dem 15.
jahrh. nachgewiesen werden kann (Littré 2, 565
a). 22)
das wort erscheint in der ersten zeit seiner aufnahme noch in fremdem, sogar gelehrt-lateinischem gewande und in der bedeutung der gebärden im allgemeinsten sinne: ich sahe wohl ihre (
der tanzenden) seltzame minas, ich wuste aber den ursprung ihres zustandes nicht.
Simpl. 1, 102
Kurz; eine bedeutung, die auch noch später, nachdem das wort in der schreibung schon eingebürgert, vorkommt: davon aber wuste Solande gar nichts, bisz er endlich die schwachheit merkte, wann er sahe, dasz die dienstmagd gegenüber stets in den fenster lage und als eine närrin sich endlich mit allerhand mienen sehen liesz.
polit. stockf. 82;
gewöhnlich aber ist miene
nur auf das gesicht bezogen, anfänglich noch in der dem franz. gleichen schreibung mine,
die auch noch Frisch
vertritt: mine,
gestus, signum oris, vultus formatio 1, 664
b,
dann aber mit dehnungs-ie: die miene,
plur. mienen,
signum oris, vultus formatio Steinbach 2, 62,
was seit Adelung
allgemeine schreibung geworden ist. 33) Kant
erklärt: mienen sind ins spiel gesetzte gesichtszüge. 10, 335; miene
von gebärde
unterschieden: sind denn worte, töne, mienen, geberden, womit ihm andre ihre achtung zu erkennen geben, sichre beweise einer innerlichen hochachtung? Gellert 7, 62; ohne miene und gebehrde punkt für punkt von der natur selbst abzukonterfeyen. Heinse
Ardingh. 1, 375;
und gesetzt: 3@aa)
im singular, die ins spiel gesetzten gesichtszüge als ganzes bezeichnend. es heiszt eine heitere, ernste, feierliche, stolze, höhnische, düstere miene; als ich ihr dieses nun so mit einer überaus artigen mine zur antwort gab.
Schelmuffsky 34; so schielte er mich von der seite mit einer höhnschen mine recht sauer hinterrücks
an. 38; eine frohe miene hält er für leichtsinn. Gellert 7, 263; mit eben der feierlichen miene.
ebenda; eine achtsame und ehrerbietige miene. 290; der mann hatte eine aufrichtige beherzte miene, ein gutes ansehen. 9, 87; darauf liesz er mich mit einer verächtlichen miene los. Rabener
sat. 2, 247; ich weisz, dasz du eine hand voll geld mit einer ziemlich verächtlichen miene hinwerfen kannst. Lessing 1, 515; ich kenne sie, jene stolze höhnische mine, die auch das gesicht einer grazie entstellen würde! 2, 118; und du kommst mit einer miene, so kalt, als wäre ein altes weib gestorben! Klinger
Otto 25, 7; ich soll noch etwas schlimmes von euch hören; schon lange les ich es in dieser unglückbringenden miene. Schiller
hist.-krit. ausg. 5, 63 (
dom Carlos, prosabearbeitung 3, 4); die feste haltung und die stolze miene. Freytag
ahnen 1, 4; göttinnen, glaub es dem Merkur, sind eine gute art von frauen; ihr hoher stolz sitzt in der miene nur. Wieland 10, 173; wenn du (
mond), rosen ums haar, deine grotte verläszt, und den östlichen himmel, mit der miene voll lächeln, besteigst. Hölty 67
Halm; auch Luis und Amalia nippten jüngferlich, beide verschämt, mit gekünstelter miene der einfalt. Voss
Luise 3, 2, 122; eine miene ziehen, geben, machen, verändern: als .. die andern ihm mit einer tiefen reverenz begegneten, that er nichts dargegen, als dasz er eine gnädige mine über die achsel schieszen liesz. Chr. Weise
erzn. 112
Braune; diser gab ihm eine hönische mine, und sagte nichts mehr als: monsieur, kan er warten? 19; sie lernen die miene, den ton, die stellung des gesitteten und höflichen und dienstfertigen annehmen. Gellert 7, 165; langbärtige weise, welche .. wenn sie vielleicht gerade am wenigsten dachten, eine so wichtige miene zogen, als ob der geringste unter ihnen mit nichts kleinerm umginge, als die beste gesetzgebung zu erfinden. Wieland 2, 318; ohne die miene zu verändern, hatte sie ihn (
den brief) gelesen. Göthe 17, 388; wenn sie sprach, war sie angenehm und natürlich, .. hingegen wenn sie schwieg, schien sie etwas bedeuten zu wollen, und machte mit der oberlippe eine fatale miene. 27, 15; und vor mir gieng ein reicher reicher mann, der, seiner miene nach, die eingelaufnen schulden .. in schweren ziffern übersann. Gellert 1, 142;
sprichwörtlich gute miene zum bösen spiele machen,
nach dem franz. faire bonne mine à mauvais jeu. 3@bb)
im plural, das mannigfaltige und lebendige in dem bewegten gesichte hervorhebend: wenn er solch freundlich ansinnen durch rauhe und unbarmherzige minen von sich gestoszen hätte. Chr. Weise
erzn. 16
Braune; mit drohenden mienen und worten. Gellert 7, 134; wenn blicke reden, mienen schreiben und händedrücke siegeln können, so sind die ehepacten fertig. H. v. Kleist
Käthchen v. Heilbronn 3, 3; so dasz die herren mit düsteren mienen zuhörten. Freytag
ahnen 4, 160; die mienen spielen, sprechen,
vergl. unten mienenspiel, -sprache; die empfindungen der unschuld, der heiterkeit und güte des herzens, die sich in den mienen abdrücken und uns die verborgene seele malen. Gellert 6, 231; ihre mienen zu bemerken, womit sie dasjenige begleiten, was sie uns freundschaftliches zu sagen haben. 9, 101; sitten, minen, wort und blicke zeigen sanftmuth, witz und kunst. Günther 176; sie warf dir hier und dar geneigte minen zu. 599; zum affen sprach er drauf: du halbmensch, deine minen, dein ganzes wesen kann zu nichts als kurzweil dienen. Hagedorn 2, 115; wenn dir ein mann, den du nicht kennst, begegnet, der lächelnd schleicht, und dich durch minen segnet. 1, 126; es (
das kind) schwang die hand vor schmerzen, und sahe nach der wunde, und machte saure minen. E. v. Kleist (1765) 67; der seemann liest in ihren stolzen mienen, dasz einem mann wie er hier keine myrten grünen. Wieland 10, 230; da erschienen, mit des mitleids trüben mienen, knappen, ihrer frau zu dienen. Stolberg 1, 165; was wollen diese mienen sagen? Schiller
don Carlos 2, 2; beherrsche deine mienen gut! 2, 4; als ihm des königs buhlerische absicht verrathen war — da jauchzten seine mienen, frohlockt er wie ein glücklicher. 2, 9; die Tiefenbacher machen böse mienen.
Wallenst. tod 3, 7; und dieser fromme ernst, die sanften mienen, des auges blick, sind wieder mir erschienen. Tieck
Octavian. s. 445. 3@cc)
im vereinzelnden sing.: er verrieth es auch nicht mit einer miene, wie sehr ihn das schmerzte; er verzog keine miene bei der nachricht; es ist schwer den eindruck eines affects durch keine miene zu verrathen. Kant 10, 335. 44) miene,
das aussehen eines menschen, mit besonderer betonung seines gesichts, auch hier nach der französischen bedeutung des worts (
mine, apparence de la personne et principalement du visage Littré 2, 564
a);
selten hier im plur.: wenn ich nicht gewisz wüste, dasz du ein vornehmer herr wärest: so schätzte ich dich ausz deinen minen vor einen tabakpfeifenkrämer. Chr. Weise
erzn. 115
Braune; die frömmste frau in unsrer stadt, in kleidern fromm, und fromm in mienen. Gellert 1, 32;
gewöhnlicher im sing.: Adrast ... sucht sich ... freunde und beförderer zu erwerben. seine gute miene empfiehlt ihn. Gellert 7, 283; ein andrer hat zwar viel geschicke; doch weil die miene nichts verspricht: so schlieszt man bei dem ersten blicke, aus dem gesicht, aus der perücke, dasz ihm verstand und witz gebricht. 1, 6; so sehr er sich beim ersten blick des mädchens gunst erwarb, so musz man doch gestehen, dasz seine mien ihm dieses schnelle glück vermuthlich nicht verschafft; denn herr Amfibolis war in der that bei weitem kein Narciss. Wieland 10, 227;
in der formel miene machen,
sich das aussehen geben, erscheinen, nach franz. faire mine: und also hat Pope auch aus dem Schaftesbury die wenigsten seiner metaphysischen larven entlehnt. wo mag er sie wohl sonst her haben? wo mag er besonders die her haben, die eine leibnitzische mine machen? Lessing 5, 33; miene machen zu etwas: wofern ihr nicht etwa mine macht euch zur wehre zu stellen.
cavalier im irrg. 201; wer die freiheit zu stürzen mine macht. Schiller
Fiesko 3, 5; marquis (macht miene sich zu entfernen).
don Carlos 1, 8; die miene haben (
franz. avoir la mine): gut, gut, rief der sultan: er hat die miene noch sehr viel gemacht zu haben (
sieht so aus). Wieland 7, 296; Koxkox bemerkte weiter nichts, als dasz sie (
eine herkulische frau) sich selber glich, und die miene hatte es in allen arten von zweikampf nicht wohlfeil zu geben. 14, 130; doch Chloe weisz vermuthlich was sie thut; sie hat die miene nicht, ihn unbelohnt zu quälen. 9, 79,
in ähnlichen formeln: ich sage: auch der nordische aufseher hat ein ganzes stück (
eine ganze nummer des blattes) dazu angewandt, sich diese mine der neumodischen rechtgläubigkeit zu geben. ist denn dieses eben so viel, als wenn ich gesagt hätte: auch der nordische aufseher ist einer von diesen rechtgläubigen? ich rede ja nur von einer mine, die er sich geben will. ich sage ja nicht, dasz er sich diese mine aus eben der ursache geben will, aus welcher sie jene führen. jene führen sie, um ihre freidenkerei damit zu maskiren; und er will sie annehmen, vielleicht, weil er glaubt, dasz sie gut läszt. Lessing 6, 257; denn da wir nur für andere arbeiten, so müssen wir auch die miene an uns tragen, als wären wir nur um ihrentwillen da. Klinger 9, 269; miene machen
sich stellen in übelm sinne, sich böse geberden (
vergl. franz. faire la mine, faire la grimace, témoigner du mécontentement Littré 2, 564
c): possen! wollten Ulrich und Bernhard ihres bruders wegen auch miene machen, haben wir auch noch hülfe zur hand. Fr. Müller 3, 309.