Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
liet stN.
2 ‘mehrstrophiges Lied’ (vgl. auch M. Baldzuhn, Vom Sangspruch zum Meisterlied, Tübingen 2002, S. 127-136 mit einem weiteren Beleg des 14. Jhs.; meist nicht eindeutig von 1 zu unterscheiden)
3 Gesamtheit eines (strophischen oder unstrophischen) dichterischen Werks größeren Umfangs, ‘Dichtung, Erzählung, Lied’ (vgl. auch Düwel, Werkbez., S. 203-205)
4 ‘Gesang’
5 phras.: jmds. ~ singen ‘jmdm. nach dem Mund reden, sich jmdm. anpassen’ (vgl. Friedrich, PhrasWB, S. 273)
1 ‘Strophe, einstrophiges Lied’ in diser wîse [in diesem Ton] daz êrste liet / sing ich dem hoehsten herren Höllefeuer 1:1,1; ditz buch hebet sich an mit dryn liedern und sprechen also: [es folgen die drei Strophen des lyrischen Prologs] Minneb Inh. 10; mit rimen schon zwigenge sint disiu lieder worden / gemezzen rechter lenge, dar in ein don nach meister sanges orden JTit 499A,1; Rumelant (K) 11:1,5. 6:10,13; SM:UvS 23: 4,1. – überhaupt von (gesungenen, gereimten) Versen: dô wart gemerzîet / wunder von der hovediet. / si triben niwan daz eine liet: / ‘Tristan, Tristan li Parmenois / cum est bêâs et cum cûrtois!’ Tr 3362; Aleke bat Cunzen dem ein friunt gab hechte / in Kreken lant man nam of pant quam rechte / schalkes tat vur Xristofer ym zuͦ selbe sprach. / diz liet aller buͦche buͦchstabe besliuzet Meissner 2:18,4. 2:18,7. – im Pl. auch i.S.v. ‘mehrstrophiges Lied’ (vgl. 2): er videlte süeze dœne und sanc ir sîniu liet NibB 1705,3; niemer mê gesinge ich liet MF:Reinm 13: 6,9; sú singend lieder und sprechent schoͤnú gediht Seuse 26,5; KLD:UvL 46: 1,1; KvWTroj 19723 2 ‘mehrstrophiges Lied’ (vgl. auch M. Baldzuhn, Vom Sangspruch zum Meisterlied, Tübingen 2002, S. 127-136 mit einem weiteren Beleg des 14. Jhs.; meist nicht eindeutig von 1 zu unterscheiden): daz sint die siben frawde, ein liet daz der Rotten sang [Überschrift vor dem siebenstrophigen Lied] Kirchenl 486(App.). – hierher oder zu 1: ir getwerc huop ûf unde sanc / ein liet sô wünniclîche / daz si alle gelîche / ir selber vergâzen / die in dem sale sâzen Wig 1728; Ysengrin da trvnken wart. / in sines vater wise / hvb er vil lise / an, vnde sanc er ein liͤt ReinFu K,511b; MF:Mor 7: 2,3; SM:Te 6: 3,8; bildl.: der vröuden liet mir singet / min herze, wan ez ist gar vro RuprvWü 845; sin herze sang des jamers liet / nach siner vil lieben tohter Rennew 7646. 26316; JTit 4032,4 3 Gesamtheit eines (strophischen oder unstrophischen) dichterischen Werks größeren Umfangs, ‘Dichtung, Erzählung, Lied’ (vgl. auch Düwel, Werkbez., S. 203-205): daz liet, daz wir hie wirken, / daz sult ir rehte merken. / [...] / iz tihte der paffe Lamprecht / unde saget uns ze mêre, / wer Alexander wêre SAlex 1; der guote biscoph Guntere vone Babenberch, / der hiez machen ein vil guot werch: / er hiez di sine phaphen / ein guot liet machen VEzzo 4; ich spreche [erzähle] von Troyge daz lieht Herb 98; hie welle wir enden ditz liet Erinn 447. 437; TrSilv 2; UvZLanz 23. – für einen größeren Abschnitt eines Werks: daz ander lieth hat ende, / an daz dritte ich wende / min sinne Wernh D 2827 u.ö. 4 ‘Gesang’ – von Vögeln: dô diu amsel kamfte / mit der nahtegal, do hôrte man süezziu liet SM:Had 18: 5,10; disiu liet iu hât gesungen / vor dem walde ein vogellîn KLD: Wildon 3:3,6. – vom Sirenengesang: só sí [die Sirenen] gesehînt man ándemo mére varin. so sinen [singen] sio vílo scôno. unzin si [ihre Opfer] des wnnisamin lîdes so gelustigot werdin. dazsîn inslafin ÄPhys 5,6 5 phras.: jmds. ~ singen ‘jmdm. nach dem Mund reden, sich jmdm. anpassen’ (vgl. Friedrich, PhrasWB, S. 273): wellest aber von bœser diet / ungehazzet sîn, sô sing ir liet / und wis mit in ein bœse wiht, / sône hazzent si dich niht Tr 8412; vgl. ähnl.: swie du des pris enprises, / so wizze daz die kristen diet / gar singet dines willen liet Rennew 15250; im Sprichwort: die alten spruche kunden uns: wes brot man ezzen wil, / des liet sol man nu singen Stolle (Z) 101:J.32.2,14
MWB 3,3 1146,52; Bearbeiter: Hansen