Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
kamere stswF.
1.1 allg.
1.2 mit Hinweis auf verschiedene Funktionen
1.3 häufig bezogen auf den Aufbewahrungsort für herrscherl. Einkünfte, die Schatzkammer und das Vermögen selbst (nicht immer klar zu trennen von 3.1 , vgl. auch )
2 selten als separate Konstruktion, Zelt (als privater Rückzugsort)
3 in rechtl. Zusammenhängen
3.1 bezogen auf die in der Kammer stattfindende zentrale (Finanz- und Abgaben-)Verwaltung eines weltl. oder geistl. Herrschers (nicht immer klar zu trennen von 1.3 )
3.2 bezogen auf ein Gericht
4 bezogen auf den Himmel, das Paradies
5 bezogen auf den menschl. Körper (z.T. bildl.)
5.1 in seiner Gesamtheit
5.2 auf einzelne Körperteile wie Gebärmutter oder Herz
6 Einzelnes
6.1 übertr.
6.2 umschlossenes Areal, hier in einem Weinberg
1 in einem Bauwerk (meist mit Bezug auf die Privatheit des Raums) 1.1 allg.: ir findent mich in der schönsten kamern die in dißem sal [Palasgebäude] ist Lanc 350,12; alse vil wonungen und kammeren sint in eime huse, also sint in dem menschen vil krefte und sinne unde wúrckunge Tauler 104,16; erlpleter habent die art, wâ man si sträut in ain kamern, dâ tœtent si die flœch BdN 315,8. – übertr. (von der Seele als Braut): so gat dú allerliebeste zuͦ dem allerschoͤnesten in die verholnen kammeren der unsúnlichen gotheit Mechth 1: 44,78 1.2 mit Hinweis auf verschiedene Funktionen: der künic ze der vürstîn urloup nam er volget dem Lutringaere, / der wîst in in ein kamer wît, / diu mit rîchen tepchen schône was beleit, / dar inne stuont ein bette kostebaere Loheng 858; die maget wolgêtan / mit dem künige ist gegân / ze kamern und ze reste ErnstD 2841; in der kamern lac Hector, / vnz er wol gesunt wart Herb 9375; do was bi Priamis trone / ein kamere vil schone: / [...] / Priamvs hiez in daz gaden / sine ratgeben laden ebd. 7216; vnde so si dv nvwin [Kleider] impfant so svns dv altin zehant widir gebin zir chamra [ in vestiario ] BrEng 55; darnach kamen sie in ein kamern, da stunden zwenczig habich und valcken off eim rick. darnach kamen sie in ein ander kamern, da stunden zwenczig der schonsten roß Lanc 428,13. – ‘Abtritt, Toilette’ wir sollen och iewederhalp des baches vber den selben bach machen zwo offene kameren mit vier sessen, zvͦ den maneglich moͤge gan von iewederre strasse, vmbe sin gemach da ze habende UrkCorp (WMU) N714,33,34; von deme swîgene zu haldene in den heimelichen cameren [ in locis nature necessariis ‘Toiletten’ ] . / in den stûlen unde in den cameren der privoisen [ ante sedes et in sedibus ‘Toiletten’ ] sulen die brûdere zu allen cîten ir swigen vesteclîche halden StatDtOrd 71,24; itwanne dunket enem, wo he gerne to stole ginge vnde et krimmet en sere in den lif; wan he vf dy kammeren kommet, so wyl nych von eme OvBaierl 25,2. – Lager und Verkaufsstätte eines Kaufmanns (vgl. koufkamer ): wer zu kamern stet, der sal zu cynse geben eyne halbe mark UrkBresl 103 (a. 1324); alle [...] sullen geben uz der kameren vumf virdunge alle iar StRFreiberg 251,29. – in der Wendung ~ unde këller: da sie in der burg da waren und die kelre und die kamern besuchten Lanc 478,33; jch sol auch dem capitel ze Salzburch mit cheller vnd mit chamer vnd mit allem gemach warten UrkCorp (WMU) 1436,31; daz si [...] antwürten [...] sullent [...] vnser heilgen sant Felix vnd sant Regeln fünff mütt kernen in die kamer vnd in den keler WeistGr 1,9 (a. 1338). – hierher oder Kompositum ‘Zimmer im Untergeschoß’ (vgl. Steinhoff, Lanc., S. 989): ein ander bot kam und sagte das ers durch got dete und durch synen willen und zu im keme, zu Bertelac in die nieder kamer, er were so siech das er yczu sterben wönde Lanc 539,27. – wohl Verschreibung: die wile daz got in ertriche was. do erquickete er dri totin. einen in der kartuͦrn PrLpz (L) 70,29 (vgl. der in der kamirn ligt bezlozzin ebd. 71,1 ) 1.3 häufig bezogen auf den Aufbewahrungsort für herrscherl. Einkünfte, die Schatzkammer und das Vermögen selbst (nicht immer klar zu trennen von 3.1, vgl. auch ): nu vore golt vnde schaz / des ein michil mancraft / indiner kameren / is gelegit zo samene Roth 598; Frúoté der küene der kamere er dô phlac, / dâ golt und gesteine und vil dínges inne lac Kudr 280,1; ist daz ein christe eim iuden ein wunden slecht, [...] der selbt geit dem chunich oder herczogee czwelf marck goldes in sein chamer StRBrünn 369; PKchr 209,42; Hawich 4518; lât mich pflegen der kamere. belîben ûf der fluot / wil ich bî den frouwen, behüeten ir gewant NibB 531,2; silber, gesteine, pfellor vnd golt / vnd al der kvͥneginne kamer, / ahzek soͮmer, die nam er, / die gar die kamer trvͦgen TürlArabel *A 255,3; chumt ein wcherære dar, / [...], / swaz si [Menschen, Einwohner] habent, daz wirt sin. / er ist ir chamer und ir schrin, / dar in ir gut allez muͦz StrKD 138,8. – Engellant ze ainer kamere [ ‘Vorratskammer, Einnahmequelle’ oder ‘Gebiet eines Staatsgebildes’ (vgl. 6.2)] / eruacht ich dem chunc Karle / unt andriu uil manigiu riche Rol 6855 2 selten als separate Konstruktion, Zelt (als privater Rückzugsort): er schuof den rittern ir gemach, / und gienc da er sîne kamern sach, / ein kleine gezelt von samît Parz 93,8. 800,16; einen helfant zôch ein knappe kluoc / der des küniges kamer truoc Wig 10688; das werde helffant was perait, / der frauwen kamer dar auff gelait HvNstAp 17910 3 in rechtl. Zusammenhängen 3.1 bezogen auf die in der Kammer stattfindende zentrale (Finanz- und Abgaben-)Verwaltung eines weltl. oder geistl. Herrschers (nicht immer klar zu trennen von 1.3): alle di, di gehoren in ains bischof von Wirtzburg camer unn hof WüP 104,9; wan diu munzze in in sine [des Bischofs] kamer hoeret StRAugsb 18,8; die selben [Juden] gap der künic Tytus in des rômischen küniges kamer ze eigen SchwSp (W) 214,15; SchöffIglau 178; er sulle im senden hin / die juden in Francrîch / und die sullen eigenlich / in des rîches kamer gehôren Ottok 91327 (vgl. kamerknëht ); swer avch in vnser [des Hzgs. von Bayern] chamer ist oder chvmt, wír meinen in di mvͤnz vnd an den wehsel [ in camera nostra, hoc est in loco monete vel concambij (2273A,42)] , dem pannen vnd gebieten wir frid UrkCorp (WMU) 2237B,18; ist 1 lêhen, daz hoͤrt in der abtassinne chamer [ pertinet ad cameram abbatisse ] UrbSonnenb 80 3.2 bezogen auf ein Gericht: aber jst, daz vf der hofmarch vor dem rihter iht ze chrieg chumpt, daz an des voites reht gêt, daz sol er [der Richter] an den voit bringen, so der denne in sin hvͦs zv chamer chumt UrkCorp (WMU) 1100AB,21,20; er sal zu der schepphen cameren nicht gehen RbMagdeb 251,15. 252,54 4 bezogen auf den Himmel, das Paradies: daz wir gerne unsen scaz / beginnen hine samenen / in di himelischen cameren Glaub 2601; kuͤnginne, gammer [Maria, gehen wir] ! / wis mich zu der kammer / mit diner wishait sluͤzzel, / daz mir gnaden schuͤzzel / dar inne gefuͤllet werde WhvÖst 14410 5 bezogen auf den menschl. Körper (z.T. bildl.) 5.1 in seiner Gesamtheit: [die Heiligen, die] uz dem chamer disses broden libes in diu himelischen wunne zv der genozzeschefte der heiligen engel fuͤr das antluz des almehtigen gotes chomen sint Konr 19,5. 22,93 5.2 auf einzelne Körperteile wie Gebärmutter oder Herz: vzer dez wibes leberen gant zuo vil enge aderen in die kameren, da daz kint inne lit Lucid 62,16. 62,2 u.ö; min lieber sun spilt harte fruͦ / in des leibes kamere Wernh A 2409 u.ö.; daz hirne ist geteilt in drie cameren Lucid 63,7; kæme ich in ir herzen kamer, / ob si daz mit willen lieze, / dâ wont ich KLD:BvH 16: 4,7. – übertr.: niht an der an gebornen wât, / diu von des herzen kamere gât, / die si dâ heizent edelen muot Tr 4994; mins herzen grunt, mins sinnes kamer Frl 3:29,7 6 Einzelnes 6.1 übertr.: unschuldic ist der zungen hamer. / ez [ daz getiht ] muoz kumen von des herzen künste kamer Loheng 7645; wez sleht diner bosen zungen hamer / muntz falsch in truwen kamer? Minneb 4006; nv hvͦp sich manger hande spil, / der ich nv niht sagen wil. / floytirn tambvren vnd tschalmin, / in dem kle muos ir kamer [Aufenthalt] sin TürlArabel F 497 6.2 umschlossenes Areal, hier in einem Weinberg: das [sie] [...] verkoufet han ir wingarten [...] eine halbe juchert rebon [...], siben kamer rebon UrkZürich 7,142 (a. 1300); 15 kamern reben und 1 steg SchweizId 3,250 (ZUrk; a. 1335)
MWB 3,1 122,12; Bearbeiter: Diehl