grütze,
f., m. ,
geschrotetes getreide. herkunft und form. ahd. gruzzi, gruzze, grutze,
mhd. grütze,
ags. grytt,
n., pollis, grytta, gryttan (
pl. f.)
furfur, engl. grit,
mnd. grutte,
f., gehören wie grausz, griesz, grosz,
an. grautr,
m., grütze, ags. grot,
n., pollis, particula, grotan,
engl. groats
grütze zur idg. wurzel ghrēud-
zerreiben, zermalmen, die im germ. im st. v. ahd. fergrozziniu
excollocta (=
exculta)
gl. 2, 207, 67; 211, 77
und gigrozzan broth
panis cretinus (=
χριθινός)
gl. 3, 507, 6
sowie in mhd. griezen
zerkleinern, zermalmen, streuen fortlebt. die bei einer schweren wurzel zu erwartende langvokalische form der schwundstufe begegnet wie in ags. grūt,
mhd. grûz
in lit. grū
das korn, grūdiẽne
grützbrei. dagegen geht ksl. gruda
erdscholle auf *grōudā
zurück. weiteres bei Walde-Pokorny 1, 649
f.; Trautmann
bsl. wb. 99; Berneker 357.
das geschlecht ist ahd. und mhd. unklar, nhd. erscheint neben dem fem. auch das masc. und neutr.: da schmissen die mönche ... den grütze mit der schüssel auf den ofen Herberger
herzpost. (1613) 1, 263; hat die köchinne aufsicht auf ihre mütz, ... so hat sie nicht sonderliche gedancken auf den grütz Prätorius
philosophia colus (1662) 128; brennt euch der kalte grütze auch sehr aufs hertze? Chr. Weise
grünende jugend 183
ndr.; die liebe brennt wie heiszer grütze und würcket tausend bangigkeit Henrici
ernst-scherzh. u. sat. ged. 2, 403.
weitere belege s. unten. das nd. wechselt zwischen gört(e), Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 665; Wöste 82
b; Müller-Weitz
Aachener ma. 70, gööt Hönig
Köln 67
und grüt(te) Hönig 69; Mi
mecklenb. 29; Schambach
Göttingen 70,
fast nur als fem., doch vgl. das masc. bei Frischbier
preusz. 1, 258; Hupel
Lief. u. Esthl. 83.
auch das md. (grütz, gritz, grötz, gretz)
bevorzugt das fem., doch vgl. Crecelius
oberhess. 442; Hofmann
niederhess. 111
a und die historischen belege bei Müller-Fraureuth 1, 448.
auf obd. boden ist das wort seit je wenig verbreitet oder unbekannt gewesen. Augsburger und Züricher bibelübertragungen meiden es, s. Byland
wortschatz des Züricher alten testamentes von 1525
und 1531,
s. 46;
Fischer schwäb. 3, 889
anm. die bayrisch-österreichischen dialektwbb. verzeichnen grütze
überhaupt nicht, während das schwäbische das wort heute nur in der bedeutung '
verstand'
kennt. es steht aber nicht fest, ob grütze '
verstand'
und grütze '
getreidekörner, brei'
ursprünglich gleiche wörter waren. die verbindung der erstgenannten bedeutung mit kritz (
s. u. teil 5, 2341)
ist möglich und es könnte die uneinheitlichkeit im geschlecht auf alter entstehungsverschiedenheit beruhen. allerdings scheinen von der idg. wurzel *ghrēud-
auch wörter, die sich auf das seelische gebiet erstrecken, gebildet worden zu sein wie russ. grustъ
kummer, lit. graudùs '
brüchig, rührend, wehmütig; vgl. auch ahd. grūsōn
schrecken empfinden' Walde-P. 1, 648
f. eine klärung des sachverhalts scheint nicht mehr möglich. bedeutung. 11)
mehr oder weniger grob geschrotete und enthülste körner von gerste, hafer, buchweizen, hirse oder der daraus gekochte brei. 1@aa)
getreidekörner, geschrotet oder gestampft: pabulum grosz, grutz als die swein essen, mancherlei korn gemenget
vocab. theuton. (1482)
nach Diefenbach
gl. 405
a,
vgl. 226
a,
s. v. farrago; gritze
alica Aler
dict. 1, 983
a; grütz (der)
est far comminutum, polenta, farrago, granea ptisana Stieler 712: da wird brimel, grütze daz ist auch gar nütze, und den pferden fuoter König v. Odenwald 5, 39
Schröder; item 4½
f. vor 2 tunne grucze
handelsrechn. d. deutschen ordens 4
Sattler; item 1 firdung 1 sch. vor grucze, pottir, böten, dorsch zu schiffe zu brengen
Marienb. treszlerbuch 175
Joachim, häufig im groszen ämterbuch, auch als grocze,
s. register; und das weib nam und breitet eine decke uber des brunnen loch und breitet grütze drüber, das man es nicht mercket 2.
Samuel 17, 19; der erbar mann ... dörret sein gerstene graupen oder weitzene grützen Mathesius 2, 130
Lösche; wie bei den nidern Sachsen der brauch (
ist), ... den grütz oder bauchweitzen mit milch zu sieden Ryff
spiegel u. regiment d. gesundth. (1544) 38
a;
appenda die hülse vom hirtz oder grütz
nomencl. lat. germ. (
Hamburg 1634) 103; nachdem dann linsen, bonen, hirse, heide, habern, gärsten, grütz, auch erbeiszen, sehr gute speiszen, zum krieg dienstlich S. Wolder
türck. untergang (1664) e 4
b; mit erbsen, gritz und bohnen kompt (
der bauer) auf den marck gar schone Agyrtas
grillenvertreiber (1670) 97; man richtet daraus (
aus dem heidekorn) wenn es auf der mühle zurecht gemacht und ausgehülset, den grützen zu v. Rohr
obersächs. hauswirtschaftsb. (1722) 205; sie waren ehmals rüstige gesellen, der eine, der den mais gemahlen, dieser, der graupen und auch deutsche grütze machte Tieck 10, 185; was die niedern bedürfnisse betrifft, bitte ich zur grütze
noch von jeder nudelsorte ein pfund packen zu lassen Göthe IV, 10, 196
W.; von der Dresdner grütze so viel, dasz ich mir alle morgen kann in den bouillon das nöthige einrühren lassen
ebda IV 21, 81; eine habersuppe, worin man wasser und grütze, butter und salz ... unterscheiden kann J. Möser
s. w. 2, 304; der mann hatte gritze gehabt da drinnen in dieser beinbüchse Rosegger II 15, 17; er trug grütze und hirse aus Reichenberg im zwerchsack Musäus
volksmärchen 1, 38; Luther
s übertragung von sprüche 27, 22 wenn du den narren im mörser zustieszest mit dem stempfel wie grütze, so liesze doch seine narrheit nicht von im (
si contuderis stultum in pila quasi ptisanas feriente desuper pilo, non auferetur ab eo stultitia eius)
wurde sprichwörtliche redewendung, vgl. noch ob man uns gleich im mörser zerstiesze wie ein grütze Luther 15, 253
W.: wenn du in dem mörser den narren zerstieszest mit seim zanck und schnarren mit dem stempffel klein wie den grütz, so wer es im doch wenig nütz Hans Sachs 19, 350
lit. ver.; ja, wenn man sie (
die toren) im mörser stiesz, und so, wie grütze, stampfen liesz, so würden sie doch wahrheit hassen Triller
poet. betrachtungen (1750) 2, 644; noch laszt die torheit nit von ihm, wann du ihn gleich wie ein gritz in einem mörser zerstieszest S. Franck
sprichw. 1, 141
b,
vgl. 2, 172
a;
doch vgl. schon drum ist allzeit an den toren hopfen und auch malz verlohren, stieszt du ihn wie grütz so klein S. Brant
narrenschiff 24
Z. (
interpol.). 1@bb)
gekochte grütze, brei; puls grutz, gratz, grutte, grütte, gurt, gorte Diefenbach
gl. 472
b;
puls, pulmentum ... weiche speis, brei, soppen, grötz, mus E. Alberus
dict. f f 2
b;
polenta grütte, dicke gerstenbrüh Orsäus
nomencl. methodicus (1623) 89;
über die mannigfache art der zubereitung vgl. Mensing
schlesw. holstein. wb. 2, 504: und ein brot und ein kuchen und grutze nichten esst von der sate (
panem et polentam et pultes non comeditis ex segete) 1.
deutsche bibel 3, 439
lit. ver.; dar umbe solche schwacheit ein wenig zu geringern, nutzte si gekorner und grotze mit bir gesotten
Hedwigslegende (1504) d 1
a; ihre kinder ... speck und grütz, kohl, schincken, ... und dergleichen sieben sachen satt zu fressen haben B. Schupp
schriften (1663) 188; ein anders wäre es, so es solche bratwürste sollen werden, als in Salfeld bei uns in der Marck von den bauren verschluckt werden, dann diese sind voll grütze gestopft Prätorius
Blockesberg (1668) 457,
vgl. grützwurst; weil noch der ehrsucht nessel im angeflammten blut wie heiszer gritze brennt
M. Wiedemann
gefangensch. (1668)
aug. 68; kocht weder grütz noch kraut, der greuel kommt ihr an, wenn sie ein spinnrad schaut J. Rachel
sat. gedichte 18
ndr.; setzt ihm grütze oder andere hiesige speisen vor Gottsched
schaubühne 2, 434; meinst du, man soll süsze grütze fressen, ehe man zum examen geht?
L. Holberg dän. schaubühne 3, 15; dicke grütze, rindfleisch und sauerkraut ... Göthe IV 23, 328
W.; ihre nahrung ist ... fast nur gerste ... unter mancherlei formen, als grütze oder geröstet Ritter
erdkunde 1 (1822) 903; Botta soll gesagt haben, er wolle machen, dasz man von der grütze essen könne, ohne sich den mund zu verbrennen Ranke
s. w. 29, 78; ein schönes altes dithmarisches gericht hat deine mutter mir oft gekocht ...: grütze in buttermilch Hebbel
briefe 2, 84
Werner. übertragen: hastu in deiner lutherischen grütz und in deiner wittenbergischen suppen nicht mügen finden, was Ezechiel ... weissagt
bei Luther 18, 371
W. als kärgliche speise hervorgehoben: weil ich sonst all tag in mein haut musz essen grützen, rube vnd kraut H. Sachs 21, 211
lit. ver.; hat mich und die kinder lassen därben, grütz und wassersuppen fressen Cochläus
ein heimlich gespräch 24
ndr.; bei pasteten, austern, fisch kont er grütz und wurst vergessen H. Chr. Boie
bei Weinhold
Boie 347.
in sprichwörtern und redensarten: es sind nicht alle köche, die gern grütz essen Petri
d. Teutschen weish. 2, C c 6
b,
auch mnd.: et sinth nicht alle kuken, de gherne grutte eten Schiller-Lübben 2, 161; in den bauern gehört grütze, in den ochsen gehört stroh Düringsfeld
sprichw. 1, 80
b; arme leute kochen dünne grütze Körte
sprichw. 277; dai het ōk all mär dn as görte eten Wöste 82.
weitere zahlreiche belege Wander 2, 163; Mensing 2, 505. 22)
verstand, in dieser bedeutung mundartlich weit verbreitet, vgl. Fischer
schwäb. 3, 888; Staub-Tobler 2, 839; Vilmar 138; Crecelius 442; Bauer-Collitz 146; Frisch bier 1, 258; Stürenburg 73.
die literarischen belege sind jung: einen honneten mann kann man aus jedem weidenstozen (
weidenstumpf) formen, aber zu einem spitzbuben wills grüz Schiller 2, 82
G.; der eine, scheints, hat nicht viel grütze Platen 2, 33
H.; sie glauben, (
wir) hätten selbst nicht grütze genug, die zu verstehen Bettine
dies buch gehört dem könig 1, 190; der hat mehr grütze als alle anderen Laube 10, 173.
wie kritz und witz
stehen auch grütz und witz
in verbindung: ab hoc et ab hac, confus, ohne ordnung, durch einander, ohne witz und gritz Sperander (1727) 2
b; habt ihr witz und gritz im kopf, habt ihr ein herz im leib, so lasset heute eure fäuste unsern feinden solches zu fühlen geben S. v. Birken
Androfilo 70; maszen er denn solches zu thun alle seine witz und gritz zusammenraspelt
schefflerischer Protheus (1664) b 1
a; wolt voll euch zeigen meinen witz, möchts aber nehmen vor grütz Göthe III 1, 2
W. grütze
steht in diesem sinne am häufigsten in der redewendung grütze im kopf haben
u. ä. erst seit dem 17.
jh. literarisch zu belegen, vgl. auch grützkopf: dasz dir das gehirn zu leicht ist, denn du hast keinen gritz in kopfe Filidor
Ernelinde (1665) 103; ein kopf, der spreu vor grütze führet Günther
ged. 374; ihr habt nicht allein den grütze, der scharf dencken kan
ebda 426; es kan einer zum verstaunen gescheut sein und gleichwol nit so viel grütz im kopf haben Schwabe
tintenfäszl (1745) 18; ihr seid in der gröszten gefahr, in die ein tüchtiger junger kerl ..., der grütz im kopfe hat und stärke in den gliedern, nur geraten kann E. Th. A. Hoffmann 10, 197
Grisebach; er hats hinter den ohren, hat grütz im kopf, der teufelskerl! Tieck 5, 21; und wer sein bischen grütze im kopf hat, der bringt sein schäfchen ins trockne Alexis
ruhe ist die erste bürgerpflicht (1852) 3, 138; wie du ein geschickter arbeiter gewesen, wie du grütz und gaben hättest, dich den ersten meistern in deinem fache gleichzustellen Mörike 4, 86; er habe grütze im kopf und sei ein gar braver junge Rosegger I 13, 25; denn er ... hat mehr grütz im kleinen finger als wir beide im ganzen leib Immermann 3, 115
Boxb. nur selten erscheint grütze
in dieser verbindung auch in seinem eigentlichen sinne. grütze im kopf haben
nimmt dann die gegenteilige bedeutung an, nämlich '
dumm, töricht sein'.
die entstehung ist durch die gedankenverbindung '
grütze statt gehirn im kopf haben'
verständlich, vgl. he heft statt marcks grött öm kopp Frischbier
preusz. 1, 258
b: der kopf sei mit gritze angefüllet oder habe doch zum wenigsten kein gehirn mehr Thomasius
vernunftlehre (1691) 32; denn die wenigsten wissen ... die magern einfälle vieler mit grütze angefüllten köpfe recht zu beurteilen J. B. Mencke
charlatanerie 36; ich haa ooch fünf sinne und ooch gehern im kupp, es stäckt kee grütze drinne
curiosa Saxonica (1752) 37.
vgl.grütz im kopf
grillen, seltsame einfälle Staub-Tobler 2, 839
und grützkopf. 33)
besondere bedeutungen, besonders des obd. sprachgebietes. hier ist nicht immer sicher, ob es sich stets um dasselbe wort handelt. die etymologische verwandtschaft jedoch steht auszer frage. grütze
im sinne von etwas zerkleinertem, zerbröckeltem, vgl. gritz (
l. grütz)
bruchstein, farrago Harsdörffer
poetisch. trichter (1647) 2, 146; grüetz
kalkscherben und dergleichen, steingemüsel, bruchstein von verfallenen gebewen Henisch (1616) 1760;
sed grütz
etiam dicuntur rudera sive lapidum frusta Stieler 712; gruts,
m., zerbröckeltes, kleine stücke Bauer-Collitz 41
b.
vgl. auch das nd. grott,
m. und n. (
teil 4, 1, 6, 594), gruuts
zerbröckeltes (
neumärkisch)
zeitschrift f. dtsche maa. 1910, 44
und weiterhin das bedeutungsfeld '
kleinigkeit', '
etwas unscheinbares',
in mannigfacher anwendung, s. grütz(e) Staub-Tobler 2, 840;
luxemb. mundart 157; grotzen, grutzen Crecelius
oberhess. 438.
im sinne von '
körnchen, häufchen, prise': ein grützen saltz
grumus salis Frisius
dict. 1174
a,
dazu das deminutivum grützel (
s. d.)
und grützet (
s. d.). 44)
zusammensetzungen.