gipfel,
m. ,
apex, cacumen, culmen. herkunft und form. das wort ist zufrühest bei Oswald von Wolkenstein 17, 24
Schatz bezeugt, im 15.
jh. vorwiegend fürs obd., seit dem 16.
jh. allgemein schriftsprachlich. der heutige mundartliche befund läszt das wort in lebendiger verwendung nur im obd. erscheinen, in einzelbedeutungen aber auch im westl. md. bis zur Mosellinie (
s. rhein. wb. 2, 1240)
und im hessennassauischen (
s. Kehrein 1, 165; v. Pfister 79; Diefenbach-Wülcker 638).
an gelegentlichen von der form gipfel
abweichenden lautungen sind schriftsprachlich bezeugt: gippel G. Nigrinus
Daniel (1594) 267; Lehman
floril. polit. (1630) 159;
haushalt in vorwerken 126
Ermisch-W.; giffel C. Löw
meer- oder seehanenbuch (1598) 50;
J. de Acosta America (1605) 46; Zinkgref
apophth. (1653) 1, 297; Fischer-Tümpel
dt. evangel. kirchenlied des 17.
jh. 3, 286; giepfel
schauplatz der liebe (1662) 2; Lehman
floril. polit. (1662) 3, 149.
häufiger begegnet die form güpfel,
zufrühest in einer obersächs. Griseldishandschrift des 15.
jh., s. mitteilungen d. Leipziger dt. gesellsch. 5, viii,
und im schweizerischen des 15.
jh., s. Staub-Tobler 2, 392;
öfter in alem. denkmälern und drucken, so bei M. Herr (
s. u.); Betuleius
v. d. newen Hispanien (1550) 3
b; S. Münster
cosm. (
Basel 1550) a 3
b; Weckherlin 1, 369
lit. ver.; S. Franck
und in einer quelle von 1616
bei Fischer
schwäb. 3, 661;
ferner österr. weist. 1, 251
neben gipfel
ebda; Zesen
verm. Helikon (1656) 1, a 6
b;
derselbe gekrönte majestät (1661) 222;
der sorgfältige bienenhalter (
Osnabrück 1674) 3
neben gipfel 16;
sendschreiben der Teresa von Jesu (
Köln 1732) 4
b.
gemeinhin wird gipfel
als entrundete form eines aus gupf
abgeleiteten güpfel
gefaszt, so etwa bei Kluge-Götze 207
b,
s. auch teil 4, 1, 6, 1141
s. v. gupf.
angesichts des selbständigen gipf(e),
m., f. (
s. d.),
ist aber mit Staub-Tobler
auch an herleitung aus diesem im gleichen mundartlichen raum und im gleichen anwendungsbereich bezeugten worte zu denken. was das nebeneinander von gipfel
und güpfel
anlangt, liegt es bei der rundungstendenz vor affricata näher, das überlieferte güpfel
auf gipfel
zurückzuführen, statt umgekehrt, s. Behaghel
gesch. der dt. sprache5 § 264
und insbesondere für die alem. druckersprache Wilmanns
gramm. 1
3 § 231.
wie der zusammenhang von gipf(e)
und kipp(e)
noch ungeklärt ist (
s. unter gipf),
so auch der von gipfel
und gelegentlichem md. nd. kippel, küppel,
m., als bezeichnung einer anhöhe, s. unter kuppe 1 a
β teil 5, 2771;
dazu kibfl Gerbet
Vogtland 183;
wohl auch kiplen '
pflanzenspitzen'
bei Mathesius,
s. teil 5, 789
s. v. kipplein;
vgl. ferner schweizer. kipfel '
wipfel' (1537) Staub-Tobler 2, 340
und mundartliches elsäss. kipfel, kipl, khepfl Martin-Lienhart 1, 228.
bedeutung und gebrauch. die bedeutung von gipfel
deckt sich mit der des wesentlich mundartlichen gipf.
übereinstimmend mit gupf(e)
zeigt gipfel
ursprünglich breite allgemeinere verwendung, unterscheidet sich aber durch die herausbildung fester umgrenzter anwendungsbereiche und durch seine literarische geltung. während gupf(e)
gern gegenstände mit runder spitze bezeichnet, neigt gipfel
im allgemeinen eher dazu, einen ausgesprochen spitzzulaufenden gegenstand zu bezeichnen. eine bestimmte gestaltvorstellung ist aber ursprünglich nicht mit dem wort verbunden; auch in der bedeutung '
berggipfel'
kann es flache und breite formen meinen (
s. unter 2).
von hauptsächlich md. kuppe, koppe,
mit denen es die vorzügliche bedeutung '
bergspitze'
teilt, unterscheidet es sich gerade durch den allgemeineren begriff '
oberste erhebung',
während jene vorwiegend an runde berggestalt denken lassen. eine bedeutungsvermischung mit 1giebel
ist in der bautechnischen bedeutung 4 b
eingetreten wie umgekehrt von 1giebel 6. 7
mit gipfel 2. 3
im sinne von '
bergspitze'
und '
baum- und pflanzenspitze',
s. d. sp. 7331
f. in der letzten bedeutung kann gipfel
synonym mit wipfel verwendet werden, das in übertragener verwendung wiederum auch gipfel '
cacumen'
bezeichnen kann, s. wipfel 2.
zum verhältnis von kipfel,
n., '
backwerk'
und gipfel
sieh unter 6.
die allgemeine verwendung (1)
ist der ausgangspunkt für den gebrauch des wortes und liegt auch der übertragenen verwendung (5)
zugrunde. in concretem verstande stellt gipfel 2 '
bergspitze'
den hauptanwendungsbereich dar. deminutiver gebrauch ist selten belegt: gipffelein v. Hohberg (
s. unter 3 b); gipfelchen Lessing 3, 62
M.; Rosegger II 12, 31;
fraglich älteres, vielleicht zu gupf
gehöriges güpffelin
J. B. Porta physiognomie (1605) 344. 11)
in allgemeiner verwendung. 1@aa) gipfel
cacumen, idem quasi summitas alicuius rei voc. inc. teut. (1471) i 7
b;
apex der gipffel, spitze oder höhe eins iedlichen dings Dasypodius (1537) 11
b;
cacumen das alleroberest an einem yetlichen ding, der gipffel Frisius (1556) 167
b; des segels last zeuch an dem mast hoch auff den gipfel O. v. Wolkenstein 17, 24
Schatz; so einer drei spitzen oder güpffel von granaten asz
M. Herr
schachtafelen der gesuntheit (1533) a 4
a; (
wenn von der grundfläche eines kegels) recht lini zogen werden durch die superficii (
oberfläche) des conus bis zu dem gipfel A. Dürer
nachlasz 325
Lange; (
die nacktheit des übrigen körpers will) dem haupt als dem öbersten gipffel nit zimmen Ryff
anatomie (1541) a 3
b; ihr öberstes güpffelin, durch welches die milch herauszrinnet, wird papilla ... genennet
J. B. Porta physiognomy (1605) 344; eine pyramidem, auf derer gipffel der mond (
gezeichnet) G. Treuer
d. deutsche Dädalus (1675) 1, 502; drey strauszenfedern mit den gipffeln abhangende Spener
op. herald. (1680)
pars spec. 301;
auch von der von innen her gesehenen höchsten wölbung eines gegenstandes: merckt mans, das sie (
die bienen) in den gipfel des korbs grobe honigwaben beginnen zu richten, so ists ein zeigen, dasz sie sich zum schwärmen rüsten
der sorgfältige bienenhalter (1674) 16.
auch in horizontaler vorstellung: cheniscus (
schiffsende) der hinderst gipfel Alberus (1540) z 2
a.
mit dem 18.
jh. geht der allgemeine gebrauch von gipfel
stark zurück. er findet sich gewöhnlich in abgezogenerer verwendung in verbindung mit mathematischen vorstellungen: (
der) gipfel des dreiecks Voss
krit. blätter 1, 140; gipfel eines kegelförmigen läppchens Sömmerring
menschl. körper (1839) 6, 918;
insonderheit von den scheitelpunkten irgendwelcher kurven: (
die klangfiguren Chladnis sind) parabolische linien, welche mit ihren gipfeln gegeneinander streben Göthe II 5, 1, 295
W.; der strich der wohlgebildeten völker (
liegt) weder auf dem gipfel der erdhöhe (
d. h. dem äquator) noch auf dem abhange zum pol hin Herder 13, 226
S.; die zeit im jahre, wo die sonne ihren höchsten gipfel erlangt hat und wieder herabsinken musz Böhme
gesch. d. tanzes 159.
terminologisch in der heraldik '
ein schmales schildeshaupt',
s. v. Querfurth 54. 1@bb)
sonst erscheint das allgemeine gipfel
in jüngerer zeit schriftsprachlich nur bei gewählter ausdrucksweise, teilweise mit dem charakter einer übertragung von gipfel '
berggipfel': und wenn die glut mit tausend gipfeln sich zum himmel hob Göthe 10, 319
W.; nach und nach senkten die wellen ihre berghohen gipfel Holtei
erz. schr. 20, 98; bald so niedrige ebbe, wie der fusz der leiter, bald so hohe flut wie der gipfel des galgen
Shakespeare 6, 14; (
der gekreuzigte,) der auf dem gipfel der säule prangte Stifter
sämtl. w. 5, 1, 43; der gipfel des springstrahles 14, 169;
öfter gipfel des himmels: (
er sah) zum arkturus empor, der noch unter dem gipfel des himmels hing Jean Paul 7, 195
H.; ähnlich Stifter
sämtl. w. 5, 1, 163; Grabbe 2, 21
Blumenthal. 1@cc)
niederer sprechweise gehört die scherzhafte übertragung von gipfel
auf den kopf des menschen an: wer mit dem kopff versetzt, dem schlägt man auff den gipffel Lehman
floril. polit. (1662) 1, 464; wenn er mich gar auf die füsze klopfte, schosz mir das blut in den gipfel U. Bräker
s. schr. (1789) 1, 126;
vgl. dieselbe übertragung bei giebel 4 c.
mundartlich ist der gipfel von der nas Martin-Lienhart
elsäss. 1, 228; der gipfel, das gipfelein am finger '
fingerspitze' Fischer
schwäb. 3, 661. 22)
am häufigsten und heute fast ausschlieszlich findet sich gipfel
von den spitzen, auch scheiteln von bergen oder gebirgen verwendet. neben spitze:
jugum ein spitz oder gipffel eins bergs Dasypodius (1536) 103
b; (
der Vesuv ist im jahre 82) im gipfel oder spitz aufgerissen S. Franck
chronik (1531) 270
a.
die bezeugung setzt im 15.
jh. fürs obd. wie md. (
obersächs.)
ein: uff dem höchsten felsen und den herten gipfeln der berg (
collibus fortibus) Steinhöwel
Esop 190
lit. ver.; in dem land Italia ... lüt ain überhoher berg ..., des güpfel raichet über alle wolken
Griseldis (15.
jh.)
in: mitteil. d. Leipz. dt. gesellsch. 5, viii.
von niedrigeren erhebungen im ganzen selten gebraucht: alle gipfel der ümligenden hügel S. v. Birken
Pegnitzschäferei (1645) 14; gipfel einer anhöhe G. Keller
ges. w. 1, 155.
die gewöhnliche vorstellung einer beträchtlichen höhe kommt häufig durch das attribut hoch
zu sinnfälligem ausdruck: als sich nu die sonn ... hinder die hohen gipffel der berg verbergen that Wickram
w. 1, 24
lit. ver.; Brockes
ird. vergnügen (1721) 4, 156; ruinen, die man von den hohen gipfeln emporragen sieht Pückler
briefwechsel u. tageb. 2, 5.
bei mehreren erhebungen eines höhenbereichs spricht man auch von verschiedenen gipfeln: ein zweigipffliger hoher bühel ... an der sitten eins fast grossen berges, inn des gipffeln zwo burg ... gebuwet sint
M. v. Kemnat
chron. Friedr. I. 7
Hofmann; Mercurius fuor nie gemach, biss er den berg Parnassum sach mit zweyen hohen gipfflen schon C. Scheit
d. frölich heimfart 2441
Str.; bes. von gebirgen: (
die) straalen der sonnen erleuchteten bereits die mit ... schnee bedeckte weisze giepffel und spitzen der höchsten gebirg
schauplatz der liebe (1626) 2; die abspiegelung der beschneyten gipfel dieses gebirges Klinger 7, 36;
in neuerer zeit vor allem von hochgebirgsgipfeln, bes. im gegensatz zu bergstock, kamm: es ist bekannt, dasz der kamm der Pyrenäen ... nicht die ansicht von reihen hochaufstrebender gipfel (
gewährt) Oken
naturgesch. (1839) 1, 549; der Monte Rosa (
besteht) aus einer reihe von neun gipfeln, welche durch einen langen ... kamm vereinigt sind Tschudi
tierl. (1858) 464; das ganze gebirge (
ruft) mehr den eindruck eines breitscheiteligen stockes mit vereinzelt auf ihm sich erhebenden gipfeln als den einer verästelten kette hervor H. v. Barth
nördl. Kalkalpen 3; gipfel '
der über den kamm emporsteigende teil eines berges' Kende
geograph. wb. (1928) 71
b.
oft wird bei mehrgipfligen erhebungen von den höchsten gipfeln
gesprochen: (
wir wurden) auf den höchsten gipffelen (
des gebirges) zweyer creutzen gewar Grimmelshausen
Simpl. 572
Kögel; vor allem singularisch: sie gelangten ebenfalls nicht auf den höchsten gipfel des Monte Rosa Tschudi
tierl. 462; auf dem höchsten gipfel der Schneekoppe Moltke
ges. schr. 4, 12.
aber auch ohne dies attribut kann gipfel
in solchen fällen die höchste erhebung einer gipfelgruppe meinen: wo der wahre gipfel steht, läszt sich von hier noch nicht wohl entscheiden H. v. Barth
nördl. Kalkalpen 376;
s. auch gipfelpunkt.
von der höchsten höhenlage eines gebirges in seiner gesamtheit: (
da) ersach ich ein spitzigen fels im gipffel des gebirges Hans Sachs 3, 149
lit. ver.; von dem in wolken verborgenen gipfel der Sudeten bis zum strande der Ostsee Fr. L. Jahn
w. 1, 20
E.; (
der firnschnee ist) der mantel, den die Hochalpen von ihrem gipfel bis 8000' absoluter höhe herab um haupt und schultern geschlagen haben Tschudi
tierl. 479.
eine bestimmte gestaltvorstellung ist mit gipfel '
bergspitze'
nicht notwendig verbunden. so spricht man von einem flachen
oder breiten gipfel: der ... berg hat einen flachen ebnen gipffel Xylander
Polybius (1574) 44; ein hoher berg, der seines flachen gipfels wegen dem Tafelberg ... ähnlich sieht G. Forster
s. schr. (1843) 2, 9; wo langsam alpe auf alpe steigt zum breiten gipfel H. Laube
ges. schr. 5, 24;
vgl. auch gipfelfläche;
doch öfter erscheinen auszer hoch, höchste (
s. o.) zackig, steil
u. ä. als typische epitheta: (
Odysseus) kletterte ... auf den zackichten weitumschauenden gipfel Voss
Odüssee 174, 97
Bernays; auch von des höchsten gebirgs beeisten zackigen gipfeln schwindet purpur und glanz scheidender sonne hinweg Göthe 1, 281
W.; bald ist der steile gipfel kühn erklommen Geibel
w. (1888) 1, 9; G. Keller 1, 155 (
s. u.); die ragenden gipfel Schiller 14, 26
G. von andern attributen begegnen waldig: (
der kyklop) glich dem waldichten gipfel hoher kettengebirge Voss
Odüssee 157, 191
Bernays; den waldigen und steilen gipfel einer anhöhe besetzen G. Keller 1, 155; kahl
oder öde: wir erklimmten die höhe ... und fanden oben den kahlen gipfel Herder 22, 235
S.; einsam, auf des berges ödem gipfel S. Mereau
gedichte (1800) 1, 49;
ferner beschneit, umwölkt
u. ä.: auf dem beschneyten gipfel des kalten Olympus Bodmer
sammlg. crit. poet. schr. (1741) 1, 31; Klinger (
s. o.); Musäus
volksmärchen 1, 6
H.; den 2. märz bestieg ich den Vesuv, obgleich bei trübem wetter und umwölktem gipfel Göthe 31, 21
W.; Jacobi
s. w. 3, 4; die wolkigen gipfel Mörike 1, 79
Göschen. an verbalen verbindungen kehren öfter wieder einen gipfel besteigen, ersteigen, erklimmen
u. ä.: ehe man dessen (
des Brockens) gipffel bestiegen v. Fleming
vollk. teutscher jäger (1719) 1, 4; ich erstieg gipfel, deren namen man in umliegenden tälern nicht kennt H. v. Barth
nördl. Kalkalpen vorr. 20; in der dämmrung des morgens den höchsten gipfel erklimmen Göthe 1, 328
W.; mir ward kein gipfel zum erstürmen Strachwitz
gedichte (1850) 41; (
die augen) fliegen zurück zu dem zackigen gipfel, den wir gestern bezwangen G. Kinkel
ged. (1868) 2, 76.
das wort findet sich gern im bereich dichterischer vorstellungen, zuerst im 17.
jh., dann häufiger seit der klassischen periode: über allen gipfeln ist ruh, in allen wipfeln spürest du kaum einen hauch Göthe 1, 98
W.; vgl. auch eine reihe von belegen in den beiden vorigen abschnitten. die beliebteste vorstellung ist die vom ersten morgenlicht oder vom abendglanz, die auf den gipfeln
liegen: (
der morgen hatte) allbereit alle gipfel der ümligenden hügel und bäume mit gold betreuffelt S. v. Birken
fortsetz. der Pegnitzschäferei (1645) 14; gleich früh wan zarter morgenschein all gipffel hoch vergüldet Spee
trutznachtigall (1649) 89; sei mir gegrüszt, mein berg, mit dem rötlich strahlenden gipfel Schiller 11, 83
G.; der abend röthete die gipfel schon
bei Eschenburg
beispielsammlung (1788) 1, 112.
in bildlicher verwendung begegnet in früherer zeit wiederholt gipfel der welt
und gipfel der zeit: aber der fürsten einsame häupter glänzen erhellt ... als die ragenden gipfel der welt Schiller 14, 26
G.; wo ein begeisterter steht, ist der gipfel der welt Eichendorff
s. w. (1864) 2, 208; ... von der zeiten gipfeln nieder, den unbetretnen, die der himmel ewig in wolkenduft geheimnisvoll verhüllt H. v. Kleist 2, 111
E. Schmidt; wollt ein fürst sich auf den gipfel seiner zeit stellen ..., den blick hinaus ... nach der zukunft richten Bettine
d. buch gehört d. könig (1843) 1, 304. 33)
die verwendung von gipfel
zur bezeichnung von spitzen an bäumen, sträuchern und kräutern ist in früherer zeit ganz geläufig, geht aber schriftsprachlich gegenüber dem vorherrschenden gebrauch von gipfel '
bergspitze'
in jüngerer zeit immer mehr zurück. vgl. auch giebel 7. 3@aa)
im sinne von '
baumspitze'
dasselbe wie wipfel,
vgl. den synonymen gebrauch: das äuserste spitzlein des gipffels oder wipffels Bapst von Rochlitz
wacholdergarten (1605) 2.
seit dem 15.
jh. bezeugt: der pawm
l'albore ... der gipfel
la zima (=
cima)
in einem sachlich anordnenden it.-deutsch. sprachb. (
um 1423)
in Bayerns maa. 2, 407
a; (
er) hiesz einen baum neygen und hiesz im seyn hend an den gipfel binden
der heyl. leben, summerteil (1472) 44
a;
in der Züricher bibel von 1531
gegenüber Lutherischem wipfel: wenn du hören wirst dasz rauschen auff den gipfflen der byrböumen eynhergon 2.
kön. (
Sam.) 5, 24; die baume, so dieselbe im gipffel verdorren Mathesius
Sarepta (1571) 37
a; v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 78; ich ... hole die birnen aus dem gipfel Göthe IV 19, 79
W.; cocospalmen, die ihre stolzen gipfel weit über die andern bäume hinausstreckten G. Forster
s. schr. (1843) 2, 133; (
die besten kletterer stiegen) in den gipfel der beiden alten linden Storm (1899) 1, 83.
so auch heute noch mundartlich, z. b. Staub-Tobler 2, 390; Martin-Lienhart 1, 228;
rhein. wb. 2, 1240; Schöpf
tirol. 191.
eine eigentümliche verwendung zeigt gipfel
in dem forstkundlichen ausdruck für die einzelnen jährlich über sich hinauswachsenden gipfeltriebe (
s. d.): der schlag stehet im 2. 3. 4. 10. gipfel ... er hat so und so viel jahre auf sich C. v. Heppe
aufrichtiger lehrprinz (1751) 137. 3@bb)
als bezeichnung von zweigspitzen, spitzen an stauden, kräutern u. dergl. ist gipfel
reichlicher nur bis ins 18.
jh. hinein bezeugt: so nym rohweiden vorn die gipffel
versehung leibs, seel, er und gut (1489); (
die blüte ist) zu zart, daz du dar für wol nemen magst die obern gipffel und dolden Braunschweig
kunst zu distilieren (1500) 40
b; eichenlaub ... die schosz oder gipffel eines elenbogen lang Gäbelkover
arzneibuch (1595) 1, 411; (
baumwolle) träget oben auf den gipffeln der stengel köpfe als grosze runde walnüsse Olearius
pers. reisebeschr. (1696) 297; die gipffel ... sind die obersten spitzen der gestengelten kräuteren Blancard
med. wb. (1710) 524; gipffelein von wacholderstauden v. Hohberg
georg. cur. aucta 3 (1715) 247
a.
aus jüngerer zeit: kätzchen oben am gipfel der zweige v. Schlechtendal-Hallier
flora v. Deutschland 10, 112;
s. auch unten sp. 7530 gipfel-
als erstes compositionsglied. mundartlich: wenn die heiden blühen bis in gipfel naus, nach gibts einen langen winter Fischer
schwäb. 3, 661; Staub-Tobler 2, 390;
in der winzersprache: gippel '
spitze junger triebe' v. Pfister
nachtrag zu Vilmar 79; Kehrein
Nassau 1, 165. 44)
in anwendung auf bauwerke bezeichnet gipfel 4@aa)
allgemein die spitze oder den oberen teil: auf den gipffel des thurns stalt er den trachen
herzog Aymont (1535) l 4
b; hast du den gipffel des thurns erlangt, so gedenck nit uber den knopff Fischart
Garg. 341
ndr.; wie das schöne liecht der sonnen ... die gipfel der berge und hohen schlösser ... zu bescheinen pfleget Opitz
teutsche poemata 199
ndr.; schnell dann befestigt er wohlgegründeter häuser hocherhabne gipfel Göthe 4, 316
W. (
θαλάμων ὑψίγυιον ἄλσος Pindars 5.
olymp. ode); aus den orangen- und olivenwäldern blicken die gipfel von dörfern und städten hervor W. v. Humboldt in:
dt. lit.-denkm. 58, 110. 4@bb)
in anwendung auf häuser mit satteldächern fällt gipfel
mit der eigentlichen sachbezeichnung 1giebel
zusammen, und zwar bereits seit dem 15.
jh. (
s. unter α);
bezeugt ist dieser gebrauch allgemeiner bis ins ausgehende 18.
jh.; vereinzelte ähnliche verwendung im 19.
jh. ist eher als gewählter gebrauch von gipfel 1 b
zu deuten wie bei dem dies wort bevorzugenden Stifter (
s. sp. 7524): auf dem gipfel des gebäudes hing die schwere, grosze schützenfahne nieder
sämtl. w. 2, 336.
in älterer zeit dagegen ist gipfel
regelrecht sachbezeichnung und gilt seit anbeginn als synonymon von 1giebel. 4@b@aα)
im sinne von 1giebel 2:
frontispicium gipfel, gevel, voorgevel Junius (1567) 233
b; gipfel
facciata avanti la casa Hulsius
ital.-dt. (1618) 143
a neben gebel
frontispicio dt.-ital. 124
a;
hierher gehört auch gipfel
ortoganus aus einem obd. voc. d. 15.
jh. bei Diefenbach
n. gl. 274
a s. v. ortogonium, zu dem zu vergleichen ist ortogonum ghefel
unter 1giebel 2,
sp. 7327
und ortoganum gipf
unter gipf;
fraglich ist die zugehörigkeit von gipel, gippel
orthogonium, s. zu 1giebel
sp. 7324.
bei den literarischen belegen ist in erster linie an den schmuckgiebel zu denken (
s. 1giebel 2 b): ein solcher erdpidem, ... der erstlich camin, gipffel und knöpff von den heusern warf S. Franck
Germ. chron. (1538
im august) 303; nächst diesem läszt der schöne gipfel des gartenhauses oben her ... in netter symmetrie sich sehn Brockes
ird. vergnügen (1721) 8, 99; ich sah (
in Leiden) die gipfel einiger prächtigen gebäude gegen den hellen himmel Lichtenberg
briefe 1, 9
Leitzmann-Sch. 4@b@bβ)
in synonymem gebrauch mit first,
vgl. 1giebel 3,
sp. 7329:
culmen der gipffel oder die first eines hauses Frisius (1556) 349
b; gipfel
fastigium, culmen, die fürst am gebew Golius (1588) 340;
neben gebel:
fastigium domus gipffel, gebel Schöpper
syn. (1550) e 8
b;
fastigium gipfel, gebel Dasypodius (1537) 71
a;
so bis ins 18.
jh. verzeichnet: gipfel '
fastigium, an einem hause bedeutet es den first'
Chomel (1750) 4, 1101. 4@b@gγ)
seltener ist anderer mit 1giebel
synonymer gebrauch, so bei Winckelmann
im sinne von giebel 1 d: der gipfel hiesz bei den Griechen
ἀετός oder ἀέτωμα w. 1, 387
Fernow; an dem tempel der Pallas zu Athen war an dem vorderen gipfel die geburt der göttin ... vorgestellet 1, 412
u. öfter. Chomel a. a. o. verzeichnet gipfel
auch im sinne von '
giebelzinne oder dachspitze'
; dazu mag gehören: pinnaculum der gipffel oder spitz eines gebews Calepinus
XI ling. (1598) 1094
a;
vgl. 1giebel 1 a
und giebelzinne (
s. d.).
zu giebel 4 b,
sp. 7330
stellt sich die redensartliche wendung: da er mit der nasen an gipffel stöszt Lehman
floril. polit. (1662) 2, 770;
ähnlich Schottel
haubtspr. (1663) 119
und L. v. Hörnigk
bei Fischer-Tümpel 3, 286;
vgl. aber auch die anführung einer gegiffelter laden
unter gipfeln 1. 55) gipfel
ist in übertragenem gebrauch im sinne von '
höhepunkt, höchster grad'
zuerst in Wetzels
übersetzung der reise der söhne Giaffers (1583)
belegt (
s. u.).
in geläufiger verwendung seit dem 17.
jh., bes. reichlich seit der klassischen periode. die übertragung geht von der allgemeinen, ursprünglichen bedeutung des wortes aus (1).
erst später findet sich gipfel
secundär gelegentlich mit bildlichen vorstellungen verbunden, hauptsächlich in der bedeutung '
berggipfel': er war bestimmt in seiner gaben fülle mich von der dichtkunst wolkennahen gipfeln in dieses lebens heitere blütenthäler mit sanft bezwingender gewalt herabzuziehn Grillparzer (1892) 4, 143
S.; vgl. auch einzelnes unter c.
vereinzelt kann auch die vorstellung von gipfel
als culminationspunkt eines gestirns mitspielen: er meinte noch, sein gegner stehe in dem gipfel seiner macht Ranke (1867) 40, 50; vielleicht blinzelte man ... nach der ehre eines hohen staatlichen amtes, das macht und ansehen gab und der stolze gipfel der eignen lebensbahn sein sollte Aug. Winnig
d. weite weg (1932) 322;
vgl. dazu dieselbe verwendung bei gipfelpunkt (
s. d.). 5@aa) gipfel
findet sich in der vorliegenden verwendung gern in bestimmten wiederkehrenden fügungen. öfter wird der sinngehalt noch unterstrichen durch superlativische attribute wie gröszter, äuszerster, letzter
u. ä., vor allem höchster.
an verbalen verbindungen begegnen häufig solche mit steigen, ersteigen,
auch mit klimmen, erklimmen (
s. unter b);
ferner mit stellen: (
sie haben) mich in dieser stunde auf den höchsten gipffel des angenehmsten glückes gestellet Ziegler
asiat. Banise (1689) 306; ich wollt ihn stellen auf der menschheit gipfel Grillparzer (1892) 4, 190
S.; erheben: (
fremde völker haben ihre) sprachen zu einem so hohen gipfel herrlichen ansehens ... erhoben Stieler
stammbaum vorr. 1
b; (
die gewiszheit) wird auf den höchsten gipfel der überzeugung erhoben Kant 8, 354
Hartenstein; ähnlich Göthe 36, 100
W.; Eichhorn (
s. u.);
bes. häufig mit erreichen (
s. u.),
insonderheit neben vollkommenheit: (
es) scheinet, es habe der hochmuth den höchsten gipfel seiner vollkommenheit erreichet Ziegler
asiat. Banise (1689) 93; (
leute, die) in allem den grösten gipffel der vollkommenheit erreichet zu haben vermeinen Chr. Wolff
gedanken v. d. mensch. thun u. lassen (1720) 148.
das beziehungswort von gipfel
tritt in der regel als sein genitivisches attribut auf. andere fügungen sind in etwas den gipfel erreichen: in der gelehrsamkeit den gipfel zu erreichen Joh. Chr. Günther
ged. (1735) 229;
s. auch das eben genannte beispiel von Chr. Wolff.
mit dem beziehungswort im object: (
die eifersucht) bis auf den gipfel gedeihen ... lassen Nicolai
literaturbriefe (1759) 7, 131; wenn die natur die allgemeinen gaben in einem einzelnen zum gipfel steigert, musz sie ein groszes ziel vor augen haben Hebbel
w. 7, 213
W.; Lorenz Sterne brachte den humoristischen roman auf seinen gipfel Scherer
gesch. d. dt. lit. (1885) 671.
mit dem beziehungswort als subject: nun erst habe die kunst den gipfel erreicht O. Jahn
Mozart 463;
bes. von not, gefahr, krankheit
mit wendungen wie zum (höchsten) gipfel steigen, den (höchsten) gipfel erreichen,
s. unter b
γ. 5@bb)
der anwendungsbereich ist ziemlich breit. ein bestimmter wertaccent liegt dem wort an sich nicht bei (
s. bes. β und γ);
es begegnet aber vorwiegend in positiv wertenden zusammenhängen (
s. unter α).
in erster linie erstreckt sich der übertragene gebrauch von gipfel
auf abstracte vorstellungen; selten tritt es in so realen bezügen auf wie: die durch ein prisma auf den höchsten gipfel geführte farbenerscheinung Göthe II 2, 294
W.; oder bei bildlicher anspielung: er gelangte durch die stafflen seiner verdiensten nach und nach zum güpffel der vornehmsten ämtern
sendschreiben der Teresa von Jesu (1732) 4
b.
in einer reihe von vorstellungsbereichen ist die verwendung besonders häufig: 5@b@aα)
bei gewöhnlich positiver wertung von begriffen wie hoheit, grösze, ansehen, ruhm, ehre, macht
u. ä.: damit er zu demjenigen gipffel der hochheit, wohin ihn sein hochmuth und stoltz treibet, gelangen mag
M. Opitz
Sidney Arcadia (1638) 264; (
eine nation) auf dem äuszersten gipfel ihrer historischen, moralischen und künstlerischen grösze Bettine
Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 452; gipfel herrlichen ansehens Stieler (
s. unter a): unter eines groszen königs regiment hätten wir rasch den gipfel des ruhmes erklommen Fontane I 2, 172; Schiller 2, 36
G.; zum gipfel der ehre emporsteigen
M. Meyr
erz. aus d. Ries (1868) 2, 97; (
durch Karl den groszen) wird das fränkische reich auf den gipfel der macht emporgehoben Eichhorn
staats- u. rechtsgesch. (1821) 1, 312. glück, freude
u. ä.: je höher jemand auff den gipffel der menschlichen glückseligkeit gestiegen, je neher ist er dem fall Schupp
schr. (1663) 560; Gottsched
ged. (1751) 57; mir schwindelte vor dem gipfel des glücks Göthe III 1, 114
W.; Ranke
s. w. 9, 282; A. Winnig
frührot (1926) 81; und vermied nicht umarmung und kusz, den gipfel der freude Göthe 50, 264
W.; Shakespeare 1, 74. weisheit, gelehrsamkeit, kunst
u. ä.: auff das sie ... zum gipffel der weisheit kommen könten J. Wetzel
reise d. söhne Giaffers 14
lit. ver.; Joh. Chr. Günther (
s. unter a); (
die statuen der alten) bleiben grund und gipfel aller kunstkenntnis Justi
Winckelmann 1, 350; Schiller hätte im Wallenstein den gipfel der dramatischen technik erstiegen? Ludwig
ges. schr. 5, 279.
in mehr objectiver vorstellung: (
es hat viel mühe gekostet,) den gipfel der annoch wehrenden schönheit (
der Augusteischen latinität) der welt vorzeigen zu können Schottel
haubtspr. (1663) 40; geist und kunst, auf ihrem höchsten gipfel, muthen alle menschen an Göthe 3, 118
W.; O. Jahn
Mozart 463 (
s. unter a). kultur, zivilisation
u. ä.: die ehe ist der anfang und gipfel aller kultur Göthe 20, 107
W.; auf dem gipfel der civilisation Hebbel
w. 11, 68
W.; der menschheit gipfel Grillparzer (
s. a). leben, dasein,
von der zeit der vollkraft des menschlichen lebens: der gipfel des menschlichen lebens ist ohngefehr das alter von 50 jahren Ramler
einl. in d. sch. wissensch. (1758) 3, 277; mich aus der kindheit fabelhaften tagen schnell auf des lebens gipfel hinzutragen Schiller 12, 359
G.; H. v. Kleist 3, 82
E. Schmidt; von höhepunkten im leben des einzelnen: kein Frankfurter ..., der nicht diese beiden ereignisse für den gipfel seines lebens gehalten hätte Göthe 26, 29
W.; (
dasz) ein räuschchen an heiterer pfaffentafel mir als der gipfel des daseins erschien G. Keller
ges. w. 2, 260. 5@b@bβ)
graduell als höchste stufe von etwas in sich sich steigerndem, wie anwachsender not, gefahr, krankheit, leidenschaft, verwirrung
u. ä.: jedoch, gleich da die noth zum höchsten gipfel stieg Triller
poet. betrachtungen (1750) 3, 614; die gefahr hatte den letzten gipfel erreicht Allmers
marschenbuch 51; (
die) krankheit stieg schnell bis auf den äuszersten gipfel Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 1, 63; gipfel der leidenschaft Schiller 3, 449
G.; vor dem letzten gipfel unfreier und pedantischer sprachverirrung haben sich alle romanischen zungen bewahrt und ... (
in der anrede) die zweite person festgehalten J. Grimm
kl. schr. (1864) 3, 250; der gipfel der verwirrung W. Raabe
alte nester2 30; bis zu welchem gipfel der zerrissenheit deutsche zersplitterung es zu bringen vermag K. A. v. Müller
aufsätze u. vorträge (1926) 33. 5@b@gγ)
bei abschätziger wertung von begriffen wie tollheit, frechheit, arglist
u. ä.: in seinem alter so radical zu sein, ist der gipfel aller tollheit Göthe
gespräche 7, 266
Biedermann; (
antike lyrik) in plattdeutscher übersetzung (
ist) der gipfel des monströs lächerlichen A. v. Droste-Hülshoff
briefe (1893) 133
Schücking; diese verstellung, diese scheinbare gleichgültigkeit, schien ihm der gipfel der frechheit und arglist H. v. Kleist 3, 367
E. Schmidt. weit verbreitet ist heute: gipfel der gemeinheit. 66) gipfel
als mascl. zur bezeichnung eines halbmondförmigen oder an den enden zugespitzten gebäcks findet sich im schweizer. und schwäb. (Staub-Tobler 2, 390; Fischer 3, 661),
im tirol. mit danebenstehendem kipfel,
das zu bair.-österr. neutrum kipfel
überleitet (
s. teil 5, 781),
neben dem aber auch gipfel, güpfel,
n., bezeugt ist, s. Schmeller-Fr. 1, 928.
da die gebäckform im westen alteinheimisch ist und damit die bezeichnung es auch sein kann (
s. Staub-Tobler
a. a. o. und Kretschmer
wortgeogr. 238),
ist das verhältnis des als deminutivum von kipf
erklärbaren kipfel,
n., und des masculinen gipfel
nicht eindeutig zu bestimmen.