ungeschaffen (
i. ä. spr. oft unschaffen),
part.-adj. adv. zu schaffen, geschaffen,
gegenstück zu geschaffen
th. 4, 1, 2, 3814;
th. 8, 2017.
ags. ungesceapen;
ahd. ungiscaffan;
mhd. ungeschaffen;
mnd. ungeschapen;
mnl. ongescapen;
nl. ongeschapen.
zur st. u. schw. form vgl. th. 8, 2017, Staub-Tobler 8, 323
ff. u. unten ungeschafft.
in der bed. deformis (Zarncke
narrensch. 207
a)
noch im 18.
jh. in den wbb. (
z. b. bei Kramer, Rädlein, Dentzler, Castelli, Frisch, Steinbach, Kramer-Moerbeek)
verzeichnet, letzter schriftsprachlicher beleg unten 1748 (
von lit. halbmundart abgesehen); Adelung
erklärt 3, 1326
diese bed. für oberdeutsch, Campe
die bed. '
unverständig'
für veraltet, während er '
miszgeschaffen, häszlich'
für brauchbar hält und als z. th. von neueren gebraucht bezeichnet. dann bleiben diese bedd. i. a. nur mundartlich lebendig; z. b. Staub-Tobler
a. a. o.; Schmidt
els. 379
a;
schwäb. wb. 451; Birlinger 421
b; Schmeller 2, 378; Schöpf 586; Hügel
Wien 176; Unger - Khull 610
a;
vgl. Rosegger.
aus berufsspr. Kindleben
stud. 197
ndr.; Höfler 551
b.
s. a. unbeschaffen, unerschaffen, miszgeschaffen, miszschaffen, wahn(ge)schaffen
und bes. ungeschafft.
ohne zu schaffen Staub-Tobler 325, 2 b;
ohne etwas ausgerichtet zu haben ebd. 2 a; Aventin 4, 458, 21; ungeschaffener sachen Fischart
ehzb. 134, 8
H. ungeschaffne wat (
gth. geschaffnes kleid) Grimm
rechtsalt. 2, 154.
increatus Alberus m 4
a,
unerschaffen als eigenschaft der gottheit, unbeschaffen 1,
überirdisch (
mnl. wb. 5, 671),
ewig, uranfänglich, chaotisch: ahd., mhd., mnl., nl.; Folz
meisterl. 35, 28
ff. M. vgl. ungesachet 33, 8; ungeschöpft
betb. 1518, 206
b; dann dieweil das ungeschaffen, das ist das unbeschaffen in dem beschaffenen ist, so ist billich von beyden zu reden Parac. 2, 213
B; disem wesentlichen, increato und ungeschaffenen oder ungemachten liecht Mathesius
Sar. 79
a; des ewigen und ongeschaffenen bildes 179
a; Wackernagel
kirchl. 4, 441; ins ungeschaffne meer der bloszen gottheit A. Silesius
wand. 14
ndr.; gütte
seel. 19
ndr.; wüsten 221
ndr.; dem ungeschaffenen menschen,
der nicht wie das thier '
geschöpf'
ist allg. d. bibl. 10, 103; ungeschaffene oder halbgeschaffene menschen Herder 17, 107; die ungeschaffne schöpfung
chaos 6, 5; diese ungeschaffne nacht 6, 137; Droysen
Alex. 2; urbild alles seins Hebbel I 6, 246.
gestaltlos (
vgl. ahd. scafalôs): hat zum ersten das geringste gemacht, hymel und erden, also das es noch ungeschaffen, wüst und lere gewesen ist Luther 24, 25, 28
W.; der ungeschaffne wust Gottsched
d. neueste 7, 713;
allg. d. bibl. 6, 2, 288.
in der hauptbed. deformis gth. v. geschaffen (
th. 4, 1, 2, 3814) 1,
von wohl-, schöngeschaffen,
also miszförmig, unförmlich, miszgestaltet, häszlich, garstig, scheuszlich u. dgl., syn. übelgeschaffen, ungeschlacht, ungestalt, ungethan, unflätig, ungehäbe, wüst
u. dgl., wie im mhd., mnd., mnl., nl.: die weitten schuoch, die langen, die sind ungeschaffen Hätzlerin 151
b, 110; der ungeschaffenst man, der ye warde Arigo 547, 6
K.; so ist das krut ellend, gel und dür worden, falw und unschaffen (
so oft) Keisersberg
bilgersch. 182
b; ain ... erschröcklich ungeschaffens ungeheur Schaidenreiszer
Od. 37
a; jung, alt, schön und ungschaffen Sachs 5, 290, 1
K.; u. von leyb 9, 284, 5; Kreckwitz
lustw. 586; am leib Spreng
gürtel 37
b; ungeschaffenes angesicht, ungeschaffene (
s. u.) sitten Gartner
dicteria (1598) 71
a; farb, rouch, anblick
u. dgl. Frisius 1226
b; Staub-Tobler 324; gräszlicher und ungeschaffener als der wüste unflätige Thersites Moscherosch 1, 148; gestalt Abr. a St. Clara
etwas f. alle 1, 374; dergleichen ungeschaffen leib ist dieser zeiten ziemlich teuer Lichtwer
fabeln (1748) 167;
adv.: ir ungestalt ... die fürware kein maler ungeschaffner het malen mügen Arigo 397, 2
K.; Opel-Cohn 94; auff das aller ungeschaffest
selen wurtzg. (1515)
L 5
b. der ungeschaffene tag (wenn er nach Schwaben führ' auf Cannstatt, zum ungeschaffenen tag Mörike
volksausg. 2, 140, 157),
auch rasttag verstanden (Memminger
Canstatt 149),
geht auf Suntheims
landesbeschreibung zurück; der hs. urtext (da ist alle jar ain tag, haist der ungeschaffenn tag vonn mannen, jungen gesellen weiber und jungfraw, und welcher der ungestältest ist, der gewindt ain rogkh und ander ding darzu, und welche die ungeschäfnest ist, die gewindt ain gürttl, pewttel, handschuh und ander ding
Württ. jahrb. f. st. u. landesk. 1884, 2, 127)
läszt die auffassung des gen. plur. zu (
in abschriften erscheint das flectierte adj.).
unansehnlich, unscheinbar, grob: es würd in kurzer frist ein schön lustlich hus ufgericht an ort und end, da vormaln ein u. hus ist gestanden Schade
sat. 3, 68;
von leder, garn, gut, pfennigen u. dgl. Staub - Tobler 324, 325.
als krankheitsbezeichnung (
ebd. 324, Höfler 551
b): und werdent die finger krumm und knodecht und würt die gestalt u. Gersdorff
wundarzney 73, 2
b; so magstu nichts an jhm sehen, das dir (
für deine diagnose) nützlich sey, als allein, dasz er u. ist, kranck ist Paracelsus 1, 586 b;
bes. v. flecken und narben: ungeschaffne mertzen fläcken Gesner - Herold-Forer 59
a; Gäbelkover 2, 91; die abscheulichen ungeschaffnen muttermähler Hohberg 1, 548
a.
von übler bewandtnisz, regelwidrig, unziemlich (Staub - Tobler 324 b,
vgl.übelgeschaffen u. geschaffen 2): daz ist ein ungeschaffen ding (
laide chose), daz ein kunig so grosz leid füert ... der sol vernunftig sin Morgant 101, 25
B; es ist auch nit unschaffen gesprochen Adelphus
ench. h 4
a; wann ein kertz den gantzen tag hell brennt, nicht schmiltzt, krümpt oder zerbricht, haben sies für ein sehr gut augurium ... wo aber die kertz sich ungeschaffen helt, haben sies für ein bösz zeichen Franck
weltb. (1567) 152
a; ist die meinung, dasz Venus ungeschaffen jhres manns Vulcani unwüstig mit Marte die ehe getrennt und gebrochen Kornmann
mons Ven. (1614) 147,
zur sittlichen bed. überleitend, die heute in ma. (
s. Schmeller, Unger - Khull
a. a. o.)
zu überwiegen scheint: schnöde, üppige, unschaffne und sündliche ding Keisersberg
irrig schaf h 2
a; orten, die ungschaffen zuo reden seind (1514) 19
b; was du unschaffens und wiestes findest an deinen sitten 50
a; was unschaffens am menschen ist (
turpia naturalia)
post. 4, 21
b:
von unkeuschheitssünden s. th. 5, 641; wüste, grob, ungeschaffen narren
narrensch. 142
b; Luther 31, 1, 396
W. u. unadel II A
sp. 109; u. an sitten und tugend Sachs 4, 311, 13
K.: linkisch, grob, ungeschlacht Staub-Tobler
a. a. o.; unverträglich, unfreundlich Schöpf 586;
unverlässig Westenrieder 602;
v. geberde, gefert, schimpf
u. dgl. Staub-Tobler 324, 1 b; ein schändlich und u. leben Fronsperger
kr. 3, 183
a;
gern von rede, wort, betragen, in ä. spr. stärker tadelnd (Staub-Tobler 325;
turpiloquia Keisersberg
narrensch. 43
c; kumpt es dick, das in einer sproch ein unschaffen wort nit unschaffenlich lutet
post. 3, 106),
in der n. spr. bedeutend schwächer (
vgl.uneben,
unrecht,
aber auch u.
in der schelte): jetzt wird dir im hof kein ungeschaffen wörtel mehr gesagt Rosegger 12, 86; Hügel
Wien 176; Unger-Khull 610
a.
als schelte: du wuester, ungschaffner stumen
Sterzinger sp. 10, 256; du ungeschaffne person Ayrer 1937, 20
K.; wie haist der ungeschaffene limmel Abr. a St. Clara
Judas 4, 502; du bist mir zu u. (
gering, unansehnlich, scheuszlich, nd. minne, lege)
sagt man mit der absicht der beleidigung Staub-Tobler 324; mach jn u., sags der sammlung Keisersberg
post. 2, 61
a;
vgl. Hügel
Wien 176.
als eigenname (1381) Staub-Tobler 325;
vgl.ungeschueff, unschueff, unschaffel 393, 307.
das adv. nähert sich der blosz steigernden bed. von ungeschaffenlich (Staub-Tobler 326 a;
vgl. ahd. unscaf
enormis, ingens zu scaf
modus): haben sie gar ongeschaffen gewütet Münster
cosm. 879;
immodice Sachs 4, 242, 5
K.; Thurneisser
archid. 55.
schweiz. ungeschueffen
miszgestaltet, plump, ungeschlacht, ungelenk, durch kreuzung von ungeschaffen
und ungeschueff
entstanden Staub - Tobler 8, 393. —