ungerad, ungerade,
adj. adv., gth. von gerad,
gerade.
ahd. ungerad;
mhd. ungerat, ungerade;
mnd. ungerade, ungerât; Staub-Tobler 6, 511; Fischer
schwäb. 3, 380;
els. 2, 232:
obers. 2, 598
b; Spiesz
Henneb. 263;
lux. 316
b; Leihener 88
a; Dähnert 506
b.
zur beurtheilung der frage, welchen antheil idg. *reth '
laufen' (Falk-Torp 870)
und die got. raþjô
zu grunde liegende wurzel an der geschichte von gerad (
s. th. 4, 1, 2, 3542, 3552)
gehabt haben, liefert ungerade
keinen anhaltspunkt; es ist mit früher vermischung, gemeinsamer geschichte, mit entwicklung des einen aus dem andern zu rechnen; im ahd. war das gth. von 2gerad,
wie ungiredirun
tardioris (
ahd. gl. 1, 326, 42)
lehrt, vorhanden, doch schon im mhd. (
wb. 2, 558
b)
erloschen; 'ungerad
nicht wol zu fusz' Hulsius-Ravellus 376
b kann für 2gerad
nicht in anspruch genommen werden, sondern gehört zu 1gerade 3.
unechte erweiterung der endung: mit ungeradener zahl Fronsperger
kr. 1, s 2
r; Sebiz 138 (Weinhold
bair. gr. 358).
im übrigen s. zu den formen gerade.
vgl.uneben,
ungleich,
unpaar,
ungerecht, unrecht, schief,
krumm; odde Falk-Torp 787; odd Murray 7, 58
b.
gth. von gerade 1 (
s. d.; Staub-Tobler 6, 513, 2; Fischer, Martin-Lienhart
a. a. o.;
vgl. odd 2 Murray 7, 58
c),
von zahlen, durch 2
nicht theilbar: Notker 1, 776, 20, 30;
mhd. wb. 2, 558
a; Schirmer
math. 27; ich setz hernach etwan zweyerley .. zal zusamen, gerad oder ungerad Dürer
prop. A iij i tl; ungerade ... ist eine zahl von der form 2n + 1 Mothes
baul. 4, 394; ungerad - gerade
numerus impariter par, ungerad-ungerade zahl
impariter impar Wolf
math. lex. 1372; Zedler 49, 1443; die anzahl
der richter musz eine ungerade sein
gerichtsverf.-ges. 17, 2; teyl Stifel
coss. 11
a; gleichungen ... von einem ungeraden grad, ungeradhohe gleichungen Mothes 2, 471; potenz, funktion Scheffers
lehrb. (1911) 394; monate J. v. Müller 3, 148; jahr, tag, rechnung, geld Staub-Tobler
a. a. o.; das gerade und ungerade Schleiermacher
Plat. 6, 358; aus gerad und ungerade Schiller
unter gerad 1; Müllner 2, 153; ungrademal Schleiermacher
Plat. 2, 137; ungerad
eine ungerade anzahl (
in ungerader anzahl): zuo allen zeyten sollen der hefften ungerad sein Braunschweig
chir. 13
b;
zur constr. Grimm
gr. 4, 759; 907; Wilmanns 3, 598, 8; Eppendorff
Plin. 10, 169; Stumpf 610
a; Fischart 1, 415, 148
H.; Simpl. 405
Kögel; Staub-Tobler 513; Grimm
sag. 1, 38. es geht u. auf Staub-Tobler
a. a. o. ra. sieben für u. zählen können (
gth. sieben gerade sein lassen):
einem junker, der 2
frauen verlangt, ward eine verheurat, die auch sieben vor ungerad zelen kondte (
ihm genug zu schaffen machte, so dasz er sich gern mit einer begnügte und 2
für die gröszte strafe erklärte) Kirchhof
wend. 1, 91;
von einer unverträglichen Staub-Tobler
ebd.; wer sieben vor ungerad kan zehlen (
wer klug ist, wers recht genau nimmt), der schneid die port am dünsten ort und läst die grobe port den zimmermann boren Lehman 1, 49.
es giebt junge leute, die nichts gelernt haben und doch gescheit sein wollen, die können bescheidentlich fünff vor ungerad zehlen 2, 905 (
vgl.fünf zählen können
th. 4, 1, 1, 549, fünf fünf sein lassen 556).
mit vermischung von gerad 1
und 3: was ist ungrad und doch grad?
die fünf gestreckten finger der hand Staub-Tobler 6, 513, 2 a.
im zahlaberglauben geht die unglücksbedeutung von gerade 3 (
s. u.)
aus, die bed., die in der ungeraden eine heilige zahl sieht, von gerad 1 (Staub-Tobler 512, 1 b; 513, 2 a):
th. 10, 40; warumb helt man die ungerade zal zu allen dingen krefftiger?
theatr. diab. 215
a; Fischart
Eulensp. 11935; Moscherosch 2, 686; J. A. Cramer
aufs. 1, 160; Solger
nachgel. schr. 2, 550; eine jede ehe solle nur auf fünf jahre geschlossen werden; es sei, sagte er, diesz eine schöne ungrade heilige zahl Göthe 20, 112
W.; vgl. odd numbers Murray 7, 58
c.
vom grad- oder ungradspiel (Hauffen
Gottschee 39, hoch- oder niederspiel
ebd.; s. gerade 1 b;
par impar; vgl. uneben 2; Staub-Tobler 6, 499
f.): heist das nicht hogges und pogges, geschwind wie der wind, schwartz und weisz, und gerad mit ungerad zu spielen? Abele
gerichtsh. 404; kinder ziehen heiszt gerade oder ungerade spielen Hippel
lebensl. 1, 319.
bei sonstigem spiel: es ist ungrad
beim ballspiel, noduli sunt Duez
nomenclat. 166;
würfel Hauff 3, 99, 27.
im volksreim (
auch zu gerade 3
gezogen): ungrad ist nicht gleich, gleich ist nicht ungrad Erlach
volksl. 2, 49; Staub-Tobler 6, 161.
wie gerade 1 c
technisch: zur verwendung in der mathem. s. oben; tripel
i. e. ungeraden tact J. G. Walther
lex. (1732) 616;
vgl.taktart,
singart Zedler 49, 1443; rhythmus
allg. d. bibl. 109, 137; ungerade (
rechtsstehende) columnen Jacobsson 8, 52
b (
vgl.the odd page); keyn thyer hat an der zal ungerade fssz Eppendorff
Plin. 11, 227;
vom hirschgehörn Hartig
lex. 556; vor jagdbar wird der hirsch ... angesprochen, wenn derselbe ... im 6. jahre mit 10 enden, gerade oder ungerade, aufgesetzt hat Heppe
lehrpr. 54; ender Brehm
tierl. 3, 464; sechzehnender Bismarck
br. a. s. braut 357; mit ungradgefiederten blättern Oken
natg. 3, 3, 1671; ungradgliedrige käfer 5, 1631, ungeradzählig
u. a. wie ungepaart,
περιττός beim auslosen Wieland
Luc. 5, 54;
mundartlich '
unpaarig' ein u. handschuh, strumpf, schuh, ochs, messer und gabel, der ungerade
beim kartenspiel, schwarze Peter Staub-Tobler 513
f. im alten rechtsleben der ungerade
der obmann (
s.obmann 2),
dessen stimme entscheidet Haltaus 1935.
überschieszend, was über eine runde oder ganze zahl hinausgeht, bruchtheile ausmacht, sich aus ungeraden posten zusammensetzt: gelt (1432), rappen, batzen, rechnung; es macht 4 franken und ungerade rappen (und ungerads)
der preis stellt sich auf etwas mehr als 4
fr.; 10 000 franken und u. zalen Staub-Tobler 514;
als südd. und österr. bei Sachs-Villatte;
vgl.ten pounds odd money; 's het mi sechs gulde g'chost und ungradi chrutzer Hebel 1, 3, 6
B. (
vgl. unten '
vereinzelt, einzeln, verschiedene, etliche'); am sechsi und u. fart der zug; es war einmal, 1700 und u., dasz
ebd.; vgl. engl. and odd;
von maasz, gewicht, gefäszen ebd.; ez sol auch niemant kein ungerade gelOet haben uber ein pfunt
Nürnb. polizeiordn. 155
B.; von einem ongeraden schaf
weisth. 6, 262; dasz hier die mänlichen überschiessen,
d. i. an wortgliedern oder an tritten ungerade seind Zesen
verm. helikon 1, 157; ich sende dir, was ich zusammenbringen kann, siebenzig und ungerade in postanweisungen,
aus dem briefe eines Engländers, Fr. Klauer
der blitzstrahl (
hausbl. v. Hackländer
u. Höfer 1) 244;
veraltet, mundartlich und in schriften, die von der ma. abhängig sind. schweiz. auch ungrades plunder
vereinzelte wäschestücke, ein ungrader,
einzelner tag, es ungrads mal
ein einziges mal, ausnahmsweise, gelegentlich einmal, z' ungradem
auszergewöhnlich, ausnahmsweise Staub-Tobler 514
f. gth. von gerade 3,
von personen (ungerad, krum, ungeschlacht Frisius 1052
b; nicht strack Wiederhold 388
a;
vgl.ungerecht,
unrecht,
krumm, schief): ain solicher verdachter ... msz schweren .. ob er vor grad oder ungrad gewesen ist Braunschweig
chir. 9
a; nichtgerade ist so viel wie ungerade (
vom wuchs) Arnim 8, 339; die ungeradegewachsenen leut' Rosegger 6, 51; der gerade und der ungerade
wie der ewen und der
uneben (
s.uneben 2) Fischer 3, 381.
die sp. 26, 3
erläuterte ra. der deibel nimmt die graden und die ungraden,
die meister Grünebaum in Raabes
hungerpastor (1896 28, 52, 66, 83, 87, 290)
im munde führt, entspricht sowohl dem mhd. der slehte unt der krumbe (krumm II 1 a
α,
β, 3 b
β)
als dem engl. even and odd; mein sohn wird weder grad noch ungrad (
gar nicht) mit dem teufel zu thun haben Raabe
hungerp. 66;
von nichtpersönlichem: ich mach im ungerad sein pain
fastnachtsp. 415, 2; 453, 22
K.; durch ungerade überschrenckte weg Lehman 2, 586; tausend ungerade und ungeheure züge und lineamente
disc. d. mahlern 2, 132; strich Triller
betr. 1, 395; gassen Nicolai
reise 2, 339; den kirchenbaw nicht ungerad auffüren Mathesius
Sar. 98
b; hincken .. ungerade gehen Harsdörffer
secr. 1, j ii iii
a; wie ein bach schnell ungerade läuffet Treuer
Däd. 1, 673; ein pferd gerad und ungerad tummeln Kramer (1700) 1, 511
c; die geraden oder ungeraden gänge
des thieres Göchhausen
notab. 10,
vgl.gerechter gang
u. gerecht 2 e,
wohl in übertragener bed.; mathematisch: wie man ... gleych ecket figuren, gerad oder ungerad ... sol machen Dürer
messung e iii
a; A. Riese
rechenb. 11
b; flächen
onom. curiosa (1664) 1519; winckel Kramer (1702) 2, 1349
c; linie
linea obliqua, inaequalis Zedler 49, 1442; eine linie ist immer ungerader als die andere Campe;
musikal. ungerades (
concertirendes) Mattheson
unter gerade 3 f
κ; für obliquus (
casus),
gs. rectus zs. f. d. wortf. 13, 81 (1619);
für indirecte (
rede)
s.gerade 3 g
ζ; ungerade folge
inversion Naumann
syntax (1915) 57
u. ä. im geistig-sittlichen sinne (
die übertragung ist nachdenkendem sprachbewusztsein noch gegenwärtig; z. b. wenn alle leute, die was ungrades gethan haben, krumm gingen, da könnt' sich ein aufrechter ums geld sehen lassen Auerbach 12, 58; 15, 206) '
schlimm, böse, übel, ungerecht, unehrlich, unfreundlich, verletzend, beleidigend, ungebührlich, uneben, störend, schädigend, unrichtig, unheimlich, spukhaft, unrecht, bedenklich, schief, unglücklich'
u. dgl. mit verschiedenster ausprägung in den einzelnen verbindungen und redensarten: das menschliche hertz ist krump, oder wie ichs deudschen sol, böse und ungerade Luther 10, 3, 34, 17
W.; einen falschen, ungeraden, stoltzen, lügenhafftigen menschen Mathesius
ep. a. d. Corinther 2, 10
b;
Luther 98
a; wie schwer kompt es einen an, ... wer mit krummen, schlimmen, schlipfferigen, ungeraden ... leuten über land solle reisen Schupp
schr. 835; solcher höfflinge ungrades vorgeben Butschky
Pathm. 6; ungrade gerichte Voss
bei Campe; alles zum besten kehren, auch wo etwas ungleich und ungrad ist E.
M. Arndt 1, 267;
in der n. schriftspr. fast nur vom sittlichen charakter und dessen äuszerungen; nicht ehrlich, offen, unparteiisch, nicht ohne zu kriechen Campe; nie fand ich, dasz er unredlich oder ungerade gewesen wäre Mörike
bei H. Fischer
beitr. z. litg. Schwabens 1, 164;
auch auf ungeradem wege Ranke 39, 211
anh.; mundartlich schwächer und allgemeiner: er ist nicht ungrad, der Bartli, ... sein vater .. ist ein rechter mann Zahn
helden d. allt. 263;
vgl.uneben; er ist nüd u., nid en ungrader, kein ungrader man
recht, billig denkend und handelnd, gönnt jedem das seine, läszt mit sich reden, nicht hartnäckig, unzugänglich u. a. Staub-Tobler 511. ein ungerades (
unpassendes, böses, verletzendes, unfreundliches) wort (
vgl.krummes,
krumm II 3, unwort, Staub-Tobler 511
f., els. 2, 232,
straszb. stud. 2, 174): die menschen sind so boszhafftig, dasz sie sich öffters durch ein ungerades wörtlein erbittern H. Müller
thränen und trostquelle (1675) 675; habe ich dir noch ein einziges ungerades wort gesagt? Auerbach 11, 76;
nicht mehr allgemein schriftsprachlich; ebenso wenig die folgenden verwendungen: einen ungeraden ... furtz
Garg. 12
neudr. (
vgl. einen verkrümmten ebd. 254); eine ungerade ubellautende pfeiff Zinkgref
ap. 228; fleisch Staub-Tobler 511; in der ungraden (
unpassenden) zeit 512; ungrade tage
unglückstage, bes. mittwoch und freitag ebd.; els. 2, 232;
straszb. stud. a. a. o.; vgl. mnd. adv. ungerade
unglücklich und den krummen mittwoch (krumm II 3 e
α), schiefen dienstag (schief 5);
gs. gerade 3 f
ι dexter: durch ungerahte tag wird nur die liebe new Venator
bei Zinkgref
auserl. ged. 31
neudr. subst.: in guotem verstan und zuo kainem ungraden annemen J. v. Watt 3, 180; sonst wurde in der kirch vil ungerats ersteen B. v. Chiemsee 119;
vgl.ungeratens; darausz es (
das gold) ein ungrad (
miszverhältnis) empffecht Paracelsus 2, 135 a; viel ungerads lassen für über gehen Boccalini
probierstein (1717) 98; besser ist ein ungerades lassen gerad sein (
mit deutlichem anklang an fünf gerade sein lassen,
also zu gerade 1) als alles beantworten Lehman 1, 45; Moser
bei Fischer 3, 381; alles ungerade, das ihnen über den weg läuft Gotthelf 2, 23; der hund ... merkt, hier sei etwas ungerades vorgefallen Hebel 2, 202, 13
B.; E.
M. Arndt 1, 6; nischt u'gerods
unrechtes obers. 2, 598
b;
was nicht in ordnung, ungereimtes, ungehöriges, unlauteres, zerwürfnis, zwietracht, miszgeschick, unglück, geisterspuk Staub-Tobler 512
f.; ein ungrads über das ander anfahen
scelus sceleri ingerere (Staub-Tobler 512)
noch bei Dentzler
und Aler; den ungeraden machen: wiewol es einige mühe kostete, den zunftmeister Pfriem dahin zu bringen, dasz er nicht den ungeraden ('
friedensstörer' Pröhle) machte Wieland I 10, 242, 4; in ungraden kommen mit jem.
mit jem. zerfallen, ein ungraden geben
abweichende meinung äuszern (
hierher Frauenlob 175, 4 ?), einen in ungraden bringen
ins unglück bringen, benachtheiligen, in ungraden kommen
zu schaden kommen Staub-Tobler 513.
adv.: auf umwegen, verstohlen (
gth. gerade 3 g (
δ): unnkrat kan ich werffen zuo der quest
ref. flugschr. 3, 241
Clemen; das ist ... so ungerade nicht getroffen Moscherosch
ges. 2, 288; u. faren, tOeupelen, irren, in die aberwitz gon, torechtig und unbesinnt thuon Frisius 384
b; Schönsleder t 7
a; Dentzler 327
b; mit dem stets ungerad
Rein. Fuchs (1650) 272; gehets gleich biszweilen ungerad her Dannhawer
cat. 1, 241; wenn man sie etwa ein wenig ungrad (
vgl. krumm, schief) angesehen hatte Lindenborn
Diog. 2, 733; wann alles ungrad geht E.
M. Arndt 1, 188; in der Türkei, wo es bisweilen etwas ungerade hergehen soll Hebel 2, 6, 16
B. bes. es ist ihr (
einer schwangeren) u. gegangen
sie ist zu frühe niedergekommen, sie hat eine fehlgeburt gehabt Spiesz
Henneb. 263; Dähnert 506
b: aber es ward ein unreiff und tod kind draus ... das es jr mit mir ist ungerade gangen Luther 6, 219
a (
Jena); davon .. es viel schwangern weibern ungerade gangen Spangenberg
Mansf. chr. 244
a; Güthen
beschr. d. st. Meiningen (1676) 142. —