unbändig,
adj. adv. ;
mhd. unbendec
mhd. wb. 1, 134
b;
mnl. onbandich, onbandelijk
mnl. wb. 5, 207;
nl. onbandig
nl. wb. 10, 920;
dän. ubændig;
schwed. obändig.
vereinzelt ohne umlaut unbandig El. Charl. v. Orleans 1, 442. unbendissch Luther 33, 370, 4
Weim.; in der Wetterau ûñbensch Crecelius 1, 89. unbändiglich Stieler 155; unbändlich Martin-Lienhart 2, 57; unbenelsk Bauer-Collitz 107
b; unpändig Staub-Tobler 4, 1339; unbench Göpfert 64; onbännech
Luxemb. 313
b;
unbandîg ten Doornkaat - Koolman 3, 467
a; unbennich Schambach 242
a; unbändige
adv., unbänsk Woeste 280
b; ŭnbĕndəg Schmidt-Petersen 147
a; Leihener 89
a. unbändig
und unbännig
verflieszen vielfach mundartlich ineinander Staub-Tobler 4, 1339. 1283.
ebenso unbändig
und bändig, bannig Schütze 1, 64; unbändig
und bännig Schmeller 1, 243.
vgl. unbannig, unbännig, unwanbandig.
für unbAendig Fischart
ehzuchtb. 292, 16
erwartet man unbindig, unbündig (
s. d.).
vom gegentheil des mhd. bendec
ausgehend, das erst um die mitte des 18.
jhs. in der litteratursprache abstirbt, wächst unbändig
über bändig
weit hinaus. beide entstammen der weidmannssprache Kluge
standesspr. 45.
das sprachgefühl knüpft heute unrichtig an das neuere verb. bändigen
an; wohl auch Herder,
wenn er den dativ des log. subjects hinzufügt: ihre rasereien sollten jeder beschränkenden ordnung der natur unbändig seyn? 16, 48.
anders mhd. bendec
m. dat. mhd. wb. 1, 134
b.
die ursprüngliche vorstellung des von der koppel oder dem leitseil (bant)
befreiten und nun losschieszenden hundes geht verblassend schlieszlich in eine allgemeine, allerdings starke bezeichnung der grösze, stärke, bedeutung u. s. w. über. s. auch kurz angebunden
th. 5, 2830.
etwas naturhaftes hat unbändig,
seiner herkunft entsprechend, immer behalten, so dasz es das geistige und sittliche gern ausschaltet. als steigerung empfindet man es: dasz der, der sich gegen den richter solcher unanständigkeiten erfrecht, gegen die parthey unbändig seyn müsse Göthe 38, 266, 18
Weim. während unband
schwächer als unart
ist, kann unbändig
sehr wohl die begriffsstärke von unartig
erreichen; vgl. Schupp unter D. AA.
das adj. A@II.
der grundvorstellung entsprechend: A@I@11)
von thieren: incicur Dentzler 322
a;
wild Maaler 456
b;
indomitus, ungezäumbt Corvinus 279;
störrisch Staub-Tobler 4, 1339.
gegentheil bändig,
funambulus, zahm, lenksam, fromm, noch mundartlich lebendig; z. b. Staub-Tobler
a. a. o.: es ist ein grosze torheit, .. so einer iagen will mit unwilligen und unpendigen hunden Albr. v. Eyb
d. schr. 1, 49, 10; es het ein bawr ein jungen stier, ein gar frech und unbendig thier Burkard Waldis 1, 165
Kurz; die unbändigen gämbssböck Guarinonius
gr. 86; insonderheit war der starcke geruch der elefanten den pferden zu wider und machte sie unbändig Lohenstein
Arm. 1, 918
b; die pferde, die den Phaeton nicht litten, erscheinen auch allhier im bild, unbändig, zaumlosz, frech und wild Triller
betr. 2, 14; als einst Mazeppa sich ... auf ein unbändig rosz geschnürt sah Geibel 8, 54.
wenn von Rückert 1, 316
der kiebitz der unbändige schreier
genannt wird, ist an bedeutung 3 b
anzuknüpfen. A@I@22)
auf menschen übertragen: ihr menschen, seyd verständig und nicht so gar unbendig gleich wie das tumme vieh Fischer-Tümpel 3, 26; wegen dieses unbändigen thiers, wegen dieser rasenden Catharinen
kunst über alle k. 14, 26.
die vorstellung versittlicht sich zu: zügellos, zuchtlos, rücksichtslos, effraenatus Schönsleder e 4
b; muotwillig, wild, unzüchtig,
protervus, lascivus Maaler 454
b;
exlex Frisius 510
a;
perditus, dissolutus 431
a;
halsstarrig, unbequem Staub-Tobler
a. a. o. wird es von kindern und jungen leuten gebraucht, so nähert es sich ausgelassen
und unartig;
doch setzt dieses nach der heutigen bedeutung eher mangel an erziehlicher beeinflussung, unbändig
einen überschusz an kraft voraus: umb der bösen, muthwilligen, unbendigen und ungezogenen jugendt willen Sandrub
kurzw. 138
neudr.; in seiner kindheit ist er ... sehr ... unbändig gewesen Happel
ak. rom. 939; wenn man kindern die wollust zum gespielen giebt, so macht dieser camerade sie unmäszig und unbändig
vern. tadl. 2, 339; junge, unbändige genies K. Fr. Cramer
Neseggab 2, xi; und düster wild an heitern tagen, unbändig ohne froh zu sein, schläft er, an seel' und leib verwundet und zerschlagen, auf einem harten lager ein Göthe 2, 146
Weim. (
Ilmenau 149); es war ein wilder knabe? — unbändig, wild, verwegen, kurz ein satan Bauernfeld 4, 205.
übertragen von einem erstlingswerk: ein unbändiges kind glühender liebe zur muse Holtei
erz. schr. 24, 149.
vgl.unband,
bännig Schmeller 1, 243; unbännig Staub - Tobler 4, 1283, 2.
bei erwachsenen verschiebt sich die bedeutung etwas, der begriff der zucht fällt meist weg, es heiszt mehr widerspenstig, zügellos, roh, maszlos, ungestüm, rasend, ausschweifend, übermüthig u. dgl.: da begegent jm ein weib im hurnschmuck, listig, wild und unbendig
sprüche Sal. 7, 12;
vgl. Luther 8, 147
Weim.; du unbändiger Belial Fischart
jes. 231, 45
Hauffen; stellte sie sich so unbändig und grausam Grimmelshausen 4, 523
Keller; die unbändigen .. gottverachtenden .. weltliebenden, goldliebenden ... verfluchten gottlosen Treuer
Däd. 1, 183; ein unzählbarer schwarm unbändiger rebellen
theater d. Deutschen 9, 259; der umgang mit dem frauenzimmer .. muszte .. die sitten manches unbändigen ritters etwas geschlachter machen Schmidt
gesch. d. Deutschen 3, 100; die hitzigen morgenländer .. waren auch in bildern dieser art beinahe unbändig Herder 3, 294; von unbändigen läufern Sonnenfels 6, 78; du nennest uns unbändig, roh, gefühllos? Göthe
Tasso 1023; unbändige (
ὑπερφίαλος) männer Voss
Od. 3, 314
Bernays; wer bey eines braven mannes heillosem untergang nicht unbändig wird, ist ein schlechter kerl Iffland 5, 223; du thust ja unbändig Meisl
quodl. 1, 228; der .. fast unbändige patient Holtei
erz. schr. 8, 173; sänger 19, 260; so schön und unbeständig so hold ist und unbändig mein liebster Rückert 2, 280.
auch in umschreibungen der person: ob wol das fleisch unbendig bleibt Wackernagel
kirchenl. 3, 199: hohe unbendige köpff (
generosos spiritus) Heyden
Plin. 116; er ist aber ein sehr unbändiger geist Bahrdt
gesch. s. lebens 1, 191.
gern von massen: wie denn die welt jetzt allenthalben vol ist hallstarriger, unbendiger leute Luther 28, 752, 31
Weim.; der freygirigen unbändigen mannschafft
Garg. 97
neudr.; dem volke, diesem unbändigen klumpen Meiszner
Alc. 2, 267; ein unbändiges publikum Göthe IV 8, 122
Weim.; das volk wird unbändig, eh' es reif wird Bauernfeld 6, 132; eine unbändige rotte wilder mörder Treitschke
aufs. 1, 20.
von persönlich vorgestelltem: der unbändige sturmgeist des gewitters Lindenborn
Diogenes 1, 51; das unbändige Rom Heinse 4, 166; dem unbändigen tode wehren Mastalier
ged. 132. A@I@33)
von begriffen und sachen, und zwar A@I@3@aa)
von menschlichen eigenschaften: die unbendissche und denissche natur kan es nicht lassen Luther 33, 370, 4
Weim.; so unbändig ist dein hochmut
griech. dram. 1, 146
Dähnhardt; die unbändigen sitten Lohenstein
lobschrift j 2 a; einbildung Gottsched
d. neueste 2, 35; frechheit
theater d. Deutschen 1, 187; Voss
Od. 1, 228 (
ὑπερφιάλως); 16, 86 (
ἀτάσθαλον ὕβριν ἔχουσιν); sein unbändiger stolz
Il. 1, 205 (
ᾗς ὑπεροπλίησι); ihr verdient mit eurem unbändigen wesen, dasz ihr gar nichts bekommt
allg. d. bibl. anh. 13—24, 1343; gemüthsart Göthe IV 19, 168, 19
Weim.; selbstgelassenheit
th. 10, 1, 472; unbändig-heil'ge wuth
Iphigenie 1188; wiz Schiller 2, 344; laune 4, 145; sinnlichkeit Jacobi 1, 202; enthusiasmus Nitzsch
d. stud. 62.
auch in umschreibungen der eigenschaft: unbändiges herzens (
οὐκ ἐχέθυμος) Voss
Od. 8, 320; von sehr unbändiger zunge Lichtenberg 5, 232; der vorher unbändige geist des barons Laroche
frl. v. Sternheim 1, 2; unbändige seele Göthe 8, 67, 8
Weim. A@I@3@bb)
von bethätigungen und thätigkeit aller art: auff die unbändige klag Fischart
flöhh. 27
neudr.; ein unbändiges beginnen Moscherosch
ges. 103; die unbändige begierde Olearius
verm. reisebeschr. 32; es ist die freude .. so unbändig Liscow 131; äuszerung Gottsched
d. neueste 7, 351; grundsätze 6, 320; entwürfe Lessing 3, 15; fleischeslust Zimmermann
einsamk. 1, 264; gedränge 3, 285; den unbändigen flug dieser zärtlichsten ... aller leidenschaften Bode
Jones 3, 446; unvermuthet erschollen die pforten von unbändigem lärm Herder 27, 237, 90; das unbändige schlagen meines herzens versetzt mir die luft Göthe 11, 112, 6
Weim.; schnarchen 33, 97; gelächter 43, 1, 82, 19
Weim.; der leser wird freilich noch von keiner so unbändigen liebhaberei gehört haben J. Paul 1, 23; und ein unbändig gefühl hob ihr den busen empor Platen 1, 486; den unbändigen ruf nach freiheit Gervinus
gesch. d. d. dicht. 5, 123; die unbändige aufregung der viehherden bei gewitter Laistner
nebelsagen 345; ein unbändiges füszescharren .. entstand Viebig
schlaf. heer 2, 248. A@I@3@cc)
auch auf sinnfällige erscheinungen der natur und concrete dinge finden die unter 2
entwickelten bedeutungen anwendung: das grosze unbändige meer Lohenstein
Arm. 2, 204
b; mit unbändigen flammen Bodmer
Noah 287; dieser .. unbändigen schrifft Lichtenberg
briefe 1, 285; wie an der nordischen Elb' obwalt' unbändiger winter Voss
ged. 3, 142; der unbändige vers
zeitm. 165; die grosze gigantische unbändige natur Heinse 7, 267; eine prächtige brücke über den unbändigen waldstrom Hirzel
Eug. br. 2, 30; in so unbändigen .. massen J. Paul 7, 499; dies dumpfe brausen eines unbändigen elementes Ranke 1, 143; das unbändige (
zerflatternde) papier Eichendorff 2, 23; mit .. unbändigen haaren Keller 2, 148. A@IIII.
aus dem kreise der grundvorstellung heraustretend: A@II@11)
grosz, stark, gewaltig, nachdrücklich, ungefüge, auszerordentlich u. dgl. zum ausdruck einer allgemeinen steigerung. mehr beim adv. als beim adj. und mehr in den mundarten als in der schriftsprache ausgebildet; in dieser nicht von personen. Staub-Tobler 4, 1339, 2;
mnd. nd. unbannig, bannig. Heynatz
antib. 2, 511.
der unter I 3
entwickelte gebrauch und gelegentlich auch die anknüpfung an das verb. bändigen
erleichterten den bedeutungsübergang: ein unbändig klotz und stein Neumark (1657) 2, 182; einer krankheit wegen nahm er .. eine unbändige menge opium Zimmermann
eins. 2, 216; die last unbändiger karste ist ein unförmlicher ausdruck
allg. d. bibl. 111, 349; der porphyr kann wegen seiner unbändigen härte nicht .. bearbeitet werden Winckelmann 3, 245; trotz der unbändigen schwierigkeiten Bürger
br. 1, 269; da bleibt mir schon nix übrig, als .. einen unbändigen segen auszusprechen über diesen bund Nestroy 5, 188.
redet Hackländer
im wortwitz von einem unbändigen (
vielbändigen) roman (Sanders
erg. 39
b),
so spielt die hier sonst ganz ausscheidende bedeutung volumen und un
intensivum hinein. A@II@22)
wie schwer zu bearbeitendes erdreich unbännig (Staub-Tobler 4, 1283)
heiszt, so nennt Hohberg
ein nicht verbesserungsfähiges und zur anlage eines baumgartens untaugliches land unbändig: wann man gar ein zu unbändiges land sollte finden
georg. aucta 3, 309
b.
vielleicht wirkt neben der vorstellung des zauberns (Staub-Tobler
a. a. o.)
die des bändigens, zähmens (
terra indomita)
nach. vgl. unbännig.
auf vermischung von unbändig
und unbännig
dürfte auch der gebrauch des Prätorius
beruhen, der unbändig
mit örtern und wegen verbindet: als sie sich verirret und .. eitel unbändige und unwegsahme örter gehen müssen
Rübezahl (1683) 255; und seynd auff ihren unbändigen und unwegsamen wege fortgegangen 257.
es wäre eine zu äuszerliche erklärung, wollte man unbändig
hier nur als syn. ersatz für wild (
vgl. unfreundlich für unartig
im bergbau)
auffassen. BB.
steigerungsformen: denn nichts ist unbändiger (
κύντερον) als der zürnende hunger Voss
Od. 7, 216; die sonst unbändigsten politici Arnold
kirchen u. ketzerhist. 261
a; bis zu den unbändigsten ausgelassenheiten Wieland
Agathon 2, 74; ein waldhorn raste in den unbändigsten falschesten tönen Eichendorff 2, 27. CC.
adv. C@11)
in der bedeutung A 1,
bisweilen dem adj. nahestehend: denn mit vorsatz zu bösen stücken kern wir im immerdar den rücken böser denn bösz und sehr unbendig Kirchhof
wend. 2, 46; die freche jugend pflegt unbändig auszureiszen Gryphius
Pap. (1698) 1, 387; unbändig schwelgt ein geist in ihrer mitten Göthe 2, 143
Weim. (
Ilmenau 57); mit wildem klopfen unbändig quoll mein herz empor Geibel
werke 2, 68; unbändig herauslachend Hauptmann
weber 61. C@22)
zum ausdruck eines sehr hohen grades und auszerordentlicher steigerung. vgl. A II 1.
wohl zunächst als kraftausdruck in den mundarten (Staub-Tobler 4, 1399
und wieder mit unbännig
zusammenflieszend 1283; Martin-Lienhart 2, 57; unbändi Arnold
pfingstmontag 5, 2. 5; Kehrein 1, 416; Crecelius 1, 89; Göpfert 64; Schmitz
Eifel 1, 232
a; Schütze 1, 64
wie bannig, bändig; Schambach 242
a; Woeste 280
a [unbändige?]
u. s. w.),
von Heynatz 2, 511
getadelt, hat es immerhin einen vertraulichen oder gewöhnlichen beiklang behalten: dasz ich .. unbändig verliebt war Schnabel
Felsenb. 32, 24
Ullrich; der vater erwischt mich .. und beutelt mich unbändig Nestroy 3, 219; er hat .. sie unbändig gelobt Ebner-Eschenbach 4, 397.
meist als steigerung vor adj.: ein unbändig groszes felsenstück Schnabel
Felsenb. 1 (1751) 160; unbändig schön Caroline Schlegel 1, 194; weitläufig Grimm
briefe an Benecke 76; grob J.
an W. Grimm 216; es friszt unbändig viel Holtei
erz. schr. 5, 131; unbändig guten willen Ruge
tageb. 2, 139; es macht die gefühle unbändig zart Nestroy 2, 139; ist witzig sehr und klug unbändig Ludwig 3, 562; das ist ja ein unbändig ehrenwerther mann Freytag 4, 63 (
journ. 2, 2); dies wort (
hexameter) kommt von hexenmeister, weil gute so unbändig schwer sind Moltke
schr. 4, 55. DD.
substantivierung: bey den Römern hat ein lorbeerzweig .. das vermocht .., was bey unbendigen und unartigen nicht kan und vermag schwerdt, rad und galgen Schupp
schr. 556; der unbändige schadet, so lange ein glied an ihm ganz ist Lessing 8, 58, 7; wie das unbändige, unüberwindliche oft besser durch liebe und frömmigkeit als durch gewalt bezwungen werde Göthe
gespr. 6, 23. —