tröpfeln,
vb. ,
seit dem spätmhd. oezeugte deminutiv- und iterativbildung zum verbum tropfen:
stranguria das droppeln (
vor 1419) Diefenbach
nov. gl. 349
b;
guttare trepfflen Brack
voc. rer. (1495)
bei Diefenbach
gl. 271
c;
in den dialekten allgemein verbreitet. das nd. hat daneben in drüppeln, drippeln
eine entsprechende ableitung zu druppen, drüppen, drippen,
s. unter tropfen,
vb., herk. u. form 2;
vereinzelt findet sie sich auch md.: (
es) trüpffelt J. Menius
auslegung über d. spruch Salomo (1526) 83
b; tripfeln Wachter
gloss. (1737) 1712; trippeln Jungandreas
schles. zeitw. 75.
mundartliche entrundung von tröpfeln
ist belegt schon bei Brack (
s. o.);
heute als: treppeln Müller-Fraureuth
obersächs.-erzgeb. 1, 253
a; drebbeln Crecelius
oberhess. 301;
hierher auch trepele Bettine
Günderode 2, 37;
vereinzelt begegnet die spirans ff: tröfletend J. v. Watt (
s. u.); getröffelt J. Prätorius
anthrop. pluton. (1666) 1, 195; tröflen Sperander (1727) 683
a.
bedeutung und gebrauch. tröpfeln '
guttatim cadere, frequentative vel diminutive' Wachter
gloss. (1737) 1712
betont gegenüber triefen, träufen, träufeln, tropfen
stärker das auch in diesen liegende iterative moment; gegenüber dem gleichfalls deminutiven träufeln
erscheint die verwendung von tröpfeln
gebräuchlicher. AA.
intransitiv. A@11)
subject ist die herabträufelnde flüssigkeit. A@1@aa)
eigentlich. allgemein vom wasser: mit eim drächter, darausz das wasser tröpfflet Eppendorff
Plinius (1543) 39; sie ... distilliren es so lange, bis alles wasser heraus getröpffelt Butschky
Pathmos (1677) 382; wie es sich mit dem röhrwasser zu eräugnen pflegt, dasz es einmal ganz reichlich flieszt, sodann aber unversehens tröpfelt, ja wohl gar ausbleibt Göthe IV 39, 218
W.; häufig vom regen: ... des himmels gnadenregen der tröpfle heuffig ab und feucht euch jeder zeit Neumark
musik.-poet. lustw. (1657) 242; wie das tröpfeln von dem regen dürre saaten heilsam tränkt Stoppe
Parnasz (1735) 359; ein regen tröpfelte herab, dessen ruhiger und langsamer fall fortdauerndes schlechtes wetter anzukündigen schien Tieck
schr. (1828) 5, 159; (
er sah) aus dem fenster in den tröpfelnden regen Storm
w. 5, 228;
gern wird das sachte einsetzen des regens durch tröpfeln
bezeichnet: der regen, der schon zu tröpfeln anfieng, erweckte uns aus unserm staunen Nicolai
reise durch Deutschland (1783) 1, 62; ich hörte dies plätschern ... mit dem entzücken, mit dem der landmann auf das erste tröpfeln des nach langer entbehrung endlich erfolgenden gewitterregens lauscht Hauff
s. w. (1890) 3, 242.
von den tränen, häufiger bezeugt [] seit dem zeitalter der empfindsamkeit wie bei träufeln,
teil 11, 1, 1, 1412: mir selbst tröpfelten die thränen nicht, sondern ergossen sich wie in strömen herunter
M. Mendelssohn
ges. schr. (1843) 2, 189; seine thränen tröpfelten in das zittern der wellen des bachs Jung-Stilling
s. schr. (1835) 5, 135; fürst Irenäus habe der kleinen Julia wirklich die hand geküszt, und dabei wären ihm ein paar thränen aus den augen getröpfelt E. T. A. Hoffmann
s. w. 10, 121
Gr.; Stasia ... wischte zierlich die tränen, die ihr über die wangen tröpfelten Cl. Viebig
schlaf. heer (1904) 1, 196.
vom blut: (
das blut) zerflosz zu der erden, als tröpfelte es herunter C. Holtwurm
wunderzeichen (1567) 63
a; ich sähe lieber mein herzblut vielfach strömen, als einen tropfen des zarten purpurs ... aus diesen weiszen blumenfingern tröpfeln Fouqué
zauberring (1812) 1, 61; blaue lippen, über die schwarzes blut tröpfelt G. Hauptmann
bahnwärter Thiel (1892) 47.
von andern flüssigkeiten: das bier oder wein nicht seinen rechten und gewöhnlichen gang fleust, sondern durch die nasenlöcher wiederum herab in die kanne tröpffelt (1616)
jus potandi 46
Oberbreyer; die gradirte soole tröpfelt ... auf das steinsalz Muspratt
chemie (1898) 6, 570; der urin ein andere natur von diesem accidens an sich nimpt und empfahet und mag in virtute expulsiva nicht vollkommenlich wirken: darumb so tröpfflet es heraus Paracelsus
opera (1616) 1, 768
c Huser. im frühnhd. insonderheit für stranguria das druppeln, droppeln (
vor 1419) Diefenbach
nov. gl. 349
b; schoszwurtzwasser ... vertreibt das tröpfeln des harn, genant die harnwind H. Braunschweig
kunst zu distilieren (1500) 105
a. A@1@bb)
der bildliche gebrauch von tröpfeln
ist zwar schon alt, gewinnt aber niemals solche häufigkeit wie bei träufeln,
s. teil 11, 1, 1, 1413.
nach biblischem vorbilde wie bei triefen
sp. 472
f.: wenn ihre sawre erbeit vergeben ist und gottes segen über sie nicht tröpfflen und sich niemand irer not annemen wil A. Pape
bettelteufel (1586); sei heute nur getrost, dir tröpffelt nichts als lust Hoffmannswaldau
u. anderer auserles. ged. 4, 181
Neukirch; A@1@cc)
übertragen. vom licht: durch marmorwolken aber tröpfelt sonne H. Carossa
ged. (1912) 58.
von einer spärlichen, durch pausen unterbrochenen folge: an frischen einwanderern aus Deutschland tröpfelte es nur noch E. v. Hesse-Wartegg
zw. Anden u. Amazonas 226; aus dem Iahnschen fleischerladen stiegen in endloser, wenn auch tröpfelnder reihe frauen und mädchen H. Stehr
drei nächte (1909) 256.
sieh auch tropfen,
vb., A 1 b. A@22)
subject ist der ort oder der gegenstand, von dem eine flüssigkeit herabträufelt; bei nennung der flüssigkeit steht tröpfeln von,
älter auch mit: der eimer trieff und tröpfel mit silber, glanszertz, knospen
M. Rinckhart
christl. ritter 67
ndr.; ... Susanna, die an dem brunnenschwengel den tröpfelnden eimer heraufzog J. H. Voss
sämtl. ged. (1802) 1, 100; die marmorbrüche sind ... mit weiten, stillen tröpfelnden höhlen durchbrochen Rode
Vitruv (1796) 2, 255; dort hat vom tröpfelnden gestein das dunkle nasz sich durchgesogen A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 1, 106
Schücking. gern von regenfeuchten gegenständen: dann gleichwie die tächer noch lang hernach tröpffeln und trieffen, wann ein groszer platzregen ist fürübergegangen H. Creidius
nuptialia (1652) 11, 9; s isch no nit lang, dasz s gregnet hat, die läubli tröpfle no
Schweizer volkslieder 1, 214
Tobler; der tröpfelnde wald und das erfrischte feld umher Göthe I 19, 37
W.; Hölderlin 2, 70
Litzm.; die bäume tröpfelten in tausend farben blitzend Eichendorff
s. w. (1864) 2, 242;
vom himmel oder den wolken, gewöhnlich in gewählterer sprache: [] (
der morgen,) verhüllt in tröpfelnde wolken Zachariä
poet. schr. (1722) 2, 180; Herder 25, 252
S.; der graue novemberhimmel tröpfelte Gutzkow
ritter vom geiste (1850) 8, 333; indem sie ... zum wieder bedeckten himmel aufsah, der schon zu tröpfeln begann H. Carossa
verwandl. einer jugend (1928) 152.
vom langsamen auslaufen fast leerer gefäsze: und wenn die krüge tröpfeln, wenn jeder kelch geleert Freiligrath
ges. dicht. (1870) 1, 72; s fässel tröpfelt als noch '
es ist noch etwas wein drinn' Martin-Lienhart
elsäss. 2, 763
b.
seltener ist der sonstige gebrauch von tröpfeln: den federbusch steckt er dabey, der noch vom blutschweisz tropfflet frey W. Spangenberg
anm. weiszh. lustg. (1621) 101; wann ein pferd die fessel hat ... birst ihm die haut auff, ... tröpfflet und greinet immer fort
M. Böhme
roszartzney (1618) 83; eine nase ..., die immerzu tröpffelte Stranitzky
ollapatrida 24
Wiener ndr.; die augen fallen ein, die stirne tröpfelt immer vom kalten todesschweisz Triller
poet. betracht. (1750) 1, 284; das tröpflende schwerdt Schubart
leben u. gesinng. 1, 284;
so auch bildlich schon bei Luther: meyne seele tropffelt für gremen
ps. 119, 28
lesarten bei Bindseil 3, 1273. BB.
transitiv. B@11)
flüssigkeiten in tropfen nacheinander fallen machen; neben ganz gewöhnlichem gebrauch auch gern in gewählterer verwendung: so man ... mit wasser darauff tröpffelt, so fehrt aus dem magneten ein grosz fewer L. Ercker
beschr. aller mineral. ertzt (1580) 125
a; du machest berg und thäler nasz du tröplest süszen thau J. Rist
himl. lieder (1651) 27; ... sein trübes auge tröpfelt unzälige tränen in das blut seiner wunde Lenz
ged. 27
Weinhold; dieses wasser tröpfelte Italicus in seinen stall Zimmermann
einsamkeit 1, 231; (
sie) tröpfelten drei blutstropfen, einen vors bett, einen in die küche und einen auf die treppe
kinder- und hausmärchen (1812) 1, 256;
von der neige: wie der wein in dieser flasche erst schwach, dann tropfenweise rinnt (tröpfelt das letzte in sein glas) Göthe I 8, 114
W.; nach verlauf einer stunde hatte er die neige der flasche ins glas getröpfelt Gaudy
s. w. (1844) 4, 68;
wie tropfen, träufen
und namentlich träufeln
oft im bereich der medizin, aber erst seit der mitte des 17.
jh. bezeugt: so wird uns gleichsam ein kräftiger stärkbalsam in das verwundete hertz getröpfelt Neumark
musik.-poet. lustw. (1657) 2, 99; so man den (
saft) in die ohren tröpfflet, machet er das gehör wieder gut v. Hohberg
georg. cur. 3 (1715) 385
a; befehlt ihr, dasz ich euch lebensbalsam auf zucker tröpfle? Schiller 2, 176
Gödeke; während sie noch die medizin in ein weinglas tröpfelte W. v. Polenz
Grabenhäger 1, 389. B@22)
gelegentlich auch in bildlicher verwendung; mit abstractem object: nach dem der satan diese jetzt gehörte hoffahrt ... in unsere ersten eltern getröpfflet ... hat
theatr. diabol. (1569) 436
b; (
die pharisäer) tröpffleten, ja gossen ... einen bitteren hasz wider die apostel L. Rabus
hist. d. martyrer (1571) 1, 165
a; ... sie tröpffelt euch das nasz der edlen weiszheit in eur hertz ohn unterlasz J. Rist
Parnasz (1652) 570; Dora Amborn tröpfelte milde vorbehalte und zweifel in die schäumende begeisterung A. Winnig
heimkehr (1935) 323.
ähnlich wie unter A 1 c: derselben tagen ... hatten die von Schwitz etlich verorndt, die harnasch und panzer under den röken trugend und sich von Hurden über die prugg inhar nach und nach in die stat tröfletend, bisz ir bei 53 inhar komend J. v. Watt
dt. hist. schr. 3, 291
Götzinger. eine sonst nicht bezeugte bildliche verwendung von tröpfeln
begegnet wiederholt bei Luther: yhe mer du bittest, yhe lieber er (
gott) dich höret; schütte nur reyn und alles eraus, tröpffle und zipple (
in dünnen strahlen flieszen machen) nicht. denn er wird auch nicht tröpfflen
[] noch zippeln, sondern mit sindflut dich überschütten 19, 578
W.; die papisten, die da viel von wercken geiffern ... und doch nichts wissen davon zu sagen, wie man gleuben ... solle, on das sie hie ein werck und da ein werck stückeln und tröpfeln 36, 453; 24, 187; 36, 357. B@33)
bei einzelnen lexikographen des 17.
jh. für üblicheres geträuft (
s.träufen A 2 b
β teil 11, 1, 1, 1418
f.),
als übersetzung von guttatus: guttatus getreuft, hin und her getröpfflet, geflecket, gesprengt Decimator
thes. (1608) 576
a;
guttatus getröpffelt, gesprengt Reyher
lex. (1686) 1126. CC.
in unpersönlichem gebrauch: es tröpfflet
guttae cadunt Maaler 409
a;
vom regen: in Assahid tröpfflet es kaum in 20 jahren einmal H. J. v. Breuning
orient. reisz (
Straszb. 1612) 155; allein es tröpfelte unerschütterlich fort L. Steub
wanderungen (1862) 134;
so auch mundartlich. oft für das allmähliche einsetzen des regens: es tröpfelt so lang, bisz es regnet und ein wasserflut wird Petri
weiszheit (1604) 2, D d 2
a; die schwüle luft war kül; es fing zu tröpfeln an Weichmann
poesie d. Nieders. 2, 319; es fängt schon an zu trepele. es wird gleich e dichtiger schitel komme Bettine v. Arnim
die Günderode 2, 37; H. Watzlik
der alp (1923) 275;
ebenso für das nachlassen des regens: substillum feucht wetter, für oder nach dem regen, wann es noch ein wenig tröpffelt Alberus (1540) J i 1
a; jetzt tröpfelte es nicht mehr Alexis
ruhe ist die erste bürgerpflicht (1852) 1, 193.
öfter im sprichwort: wo es immerzu tröpflet, da würts nimmer trucken Seb. Franck
sprüchw. (1545) 1, 87
b; so lang es tröpffelt, verseigt es nicht Petri
weiszheit (1604) 2, S s 7
b; wanns net regnt, so tröpfelts do '
etwas ist immer zu erwarten' Jacob
Wiener dial. 196
a;
vgl. ferner Binder 148, 160; Wander 4, 1335.