treber,
n. und m., rückstand bei der wein- und bierbereitung; abfall, schweinefutter. AA.
form. ahd. trebir (
auch treiber) Graff 5, 481;
mhd. treber, traber, trober;
mnd. drever, draver;
nhd. treber, tröber, träber, traber;
daneben formen mit anl. d-.
wie das bedeutungsgleiche trester
dürfte das wort als plurale tantum der alten s-
stämme aufzufassen sein, vgl. Braune ahd. gr. § 197
anm. 1;
der im hochdeutschen nicht belegte sing. erscheint in aisl. draf '
abfall'
; norw. dän. drav,
schwed. draf '
treber, spülicht, hefe';
ags. dræf,
mengl. draf,
engl. draff '
berme, hefe'
; mnd., mnl. draf '
treber'
; nl. draf '
grundsuppe eines gebräus',
auch deutsch dialektisch traff '
treber' Hupel
Lief- u. Ehstl. 240.
früh aus dem germ. entlehnt: finn. rapa '
treber'
finn.-ugr. forsch. 13, 436.
eine l-
ableitung und ihre german. entsprechungen s. unter trefel.
mit intensivgemination (Wissmann
nom. postverb. 166)
ags. und nl. drabbe '
berme, bodensatz' (drabbe
faex Kilian 119);
engl. drab '
schmutziges weib, schmutzfleck'
nnd. drabbe '
spülicht, schmutz, bodensatz' Doornkaat-Koolman 1, 324, '
treber' Woeste-
N. (
s. unten). auf anderer ablautstufe vergleicht sich schwed. drōv,
n., '
bodensatz',
sowie trübe Walde-Pokorny 1, 856; Kluge
et. wb. 11627.
auszergerm. ist nächstverwandt russ. drob,
m., drobá,
f., '
bodensatz, bierhefe, treber' Kluge
a. a. o., wo weiteres zur etymologie. die wurzel des wortes (
*dhrebh-)
steht in variation mit *dhregh-,
*drahst-
in trester (
s. d.). A@11)
die flexion von treber ist regulär die eines starken neutr. plur.: nom., acc. treber
ahd. gl. 3, 695, 6;
Wiener hs. von Notkers
psalmen 8, 1
Heinzel-Scherer; wintreiber
ahd. gl. 3, 580, 37,
so auch mhd. und nhd., z. b. diu treber
Trudpert. hoh. lied. 141, 4
Haupt; trebir Joh. Rothe
passion v. 1875
Heinrich; chron. d. dtsch. städte 10, 318, 22; Diefenbach
gloss. 82
c; 480
c; Guarinonius
grewel (1610) 637; Hohberg
georg. curios. (1682) 125; Karmarsch-Heeren 1, 484;
gen. pl. der treber Knebel
chron. v. Kaisheim 431
lit. ver. wie bei trester (
teil 11, 1, 2, 178)
wird jedoch der plur. oft, und gewisz häufiger als zu erkennen, als st. sing. verstanden, sichere belege für den sing. s. unter 2,
ferner dat. treber Hennenberger
preusz. landtaffel (1595) 105; Micraelius
Pommerl. (1640) 5, 241.
seit dem 14.
jh. erscheint im plural auch schwache flexion: nom. trebern Suchenwirt 45, 78
Primisser; Luther 28, 457
W.; theatr. diabol. (1569) 511
b; tröbern Sperling
Nicodem. quaer. (1719) 2, 100; trabern Oken 3, 1868,
vgl. auch draveren Schueren
Teuthon. 85
a Verdam. —
nicht selten sind schwache r-
lose pluralformen mit und ohne umlaut, z. b. traben Diefenbach
gloss. 82
c (15.
jh., wohl obd.); Herr
feldbau (1551) 213
a; draben oder dräber Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 424; 1072; träber, traben
allgem. öcon. lex. (1731) 2450; draben Schumann
Lüb. 251; treben C. Finck
centur. tertia (1563) l 8
a; trewen, treben Critiphilus
martyr. hordei (
ca. 1600) 30; treben
viehbüchl. 9.
zu ihnen steht ein seltener sg. trabe: trabe muste seine speyse sein Georg Schober
reimbuch 234 (
Kassel, ms. poet. fol. 17); trabe und klei ist ...
ebda 307,
vgl. vereinzeltes mnd. drave Diefenbach 534
a.
diese formen machen auch für das hochdeutsche einen alten sg. *trab
wahrscheinlich. als contaminationserscheinung ist das fehlen des umlauts bei r-
pluralien aufzufassen, s. vereinzelt oben und ferner noch: trabern Sebiz
feldbau (1579) 521; weintraber
ebda 511;
verdumpft trober Diefenbach
gloss. 534
a (15.
jh., md.). A@22)
das geschlecht ist ursprünglich neutral, auch für den sg. draf,
s. Schiller-Lübben 1, 567
mit vereinzeltem masculinum. wo treber
als sing. aufgefaszt wird, ist neutr. u. masc. geschlecht selten klar zu scheiden. als deutliches masc. tritt hervor: der treber
viehbüchlein (1667) 29;
acc. den treber
engl. comed. u. traged. (1624) k 5
b; Fischer
schwäb. 2, 337; Martin-Lienhart 2, 737.
doch schwankt es gelegentlich, und sogar in ein und derselben quelle, auch ins fem.: doch ist ihnen (
den kühen) die treber besser dann daz schrott, dann der treber ... schlägt ihnen zur milch
viehbüchl. 29;
fem. auch: zu der treber Fischart
Eulenspiegel 457
Hauffen. A@33)
anzumerken ist für schwäbische quellen dissimilation des ausl. r
zu l (Jutz
alemann. maa. § 108) Fischer
schwäb. 2, 337,
s. auch treberwein. A@44)
die verbreitung des wortes geht nach ausweis der belege über das ganze sprachgebiet, wenn es auch nicht durchgängig notiert wird. wo es dabei auf den bereich von trester (
s. d.)
trifft, herrscht heute oft die bed. 2 (
malzrest)
vor. es notieren als trebern
hülsen vom ausgebrauten malz Schmeller-Fr. 1, 640; tröbe
kühfutter Lexer
kärnt. 71; trebel
rest des malzes, der weintrauben Fischer
schwäb. 2, 337; treber
ausgepreszte trauben; schnaps davon Seiler
Basel 84; traberen, träberen
trester; treberbranntwein Martin-Lienhart
els. 2, 737; trawe
treber Follmann
lothr. 100
b; draven
treber Schumann
Lübeck 25; triawa
treber Nassl
Tepler ma. 13; traff '
biertrebern' Hupel
Lief- u. Ehstl. 240.
zur verbreitung in der umgangssprache hat vor allem die bibelstelle Luc. 15, 16
beigetragen, s. B 4
und 5. BB.
bedeutung und gebrauch. B@11)
wo die bedeutung sich klar abhebt, bezeichnet treber
das abfallprodukt bei der herstellung des weines oder des bieres. B@1@aa)
schlauben und kerne, d. h. der feste rest der gekelterten weintrauben: vinacia wintreiber
ahd. gl. 3, 580, 37;
senecie treber
ebda 3, 695, 6; also in torcula werdent geskeiden win unde treber Notker
ps., Wiener hs., 8, 1
Heinzel-Scherer; bubastus traben, treber von winber (15.
jh.)
bei Diefenbach
gloss. 82
c;
acinarium draveren van wyndruwen Schueren
Teuthonista 85
a Verdam; brisae getretten trauben, tröber Frischlin
nomencl. (1591) 271; das marck von den mit füss getrettenen trabern ... soltu zu der trotten lassen tragen Sebiz
feldbau (1579) 521; die zerstossenen weinbeer und träber Guarinonius
grewel (1610) 637; hie tragen (
bei der weinlese) andre schon die tröber (
d. h. die zu kelternden trauben) in die tret ... da man sie zwinget dan, gleichsamb auf dem todtbett, mit allem saft und kraft ihr letztes auszuweinen Weckherlin
ged. 2, 385
Fischer; bildlich: eine glatte kahle erzählung, ein wenig labender vierter aufgusz auf die trebern des alten mosts J. Grimm
Reinh. fuchs vorr. xv.
gelegentlich auch für den durch wasseraufgusz aus trebern
hergestellten geringwertigen wein (
s. treberwein): treber '
vinacia, der wein oder leyren, so man davon macht, lora, lorea, vinum acinacium' Weiszmann
lex. bipartit. (1698) 2, 378: was bauwt man dann neuw todtengräber und braucht neuw fässer zu der treber Fischart
Eulensp. 457
Hauffen; so auch: trebern und glawrn (
nachwein) sind pezzer vil denn chriechisch wein Suchenwirt 45, 78
Primisser. B@1@bb)
bei der bierbereitung das feste sediment des zerkleinerten und in der hitze aufgeschwemmten malzes: draben
oder dräber
ist das überbleibsel des von hopffen und gerstenmaltz gekochten und gebraueten bieres, so auf dem grund liegen bleibet Amaranthes (1715) 424;
siliqua treber, dreber, traber, trober
aus meist md. vocabularen bei Diefenbach
gloss. 534
a; treber, im brewen,
siliquae frumenti, quisquilae polentaceae, hordei decocti faeces Schönsleder
prompt. (1647) J i i 5
b: ez sol auch nieman (
beim bierbrauen) mit trebern lonen (
lohn bezahlen), weder ehalten noch preuwen noch niemanne
lebensmittelordnung um 1400
aus Nürnberg. polizeiordn. 211
lit. ver.; da wird das maltz ganz über gar also gekocht und ausgesogen, das nichts übrig bleibt als dürre, ausgetrocknete, saft- und kraftlose trewen oder suw, wie es die Sachsen nennen J. Critiphilus
martyrolog. hordei 30; etliche haben der weid die schuld (
an der viehkrankheit) geben, ... etliche aber den trebern von dem bier, welliche den rossen in der jugent das hirn zerbrechen Seuter
roszartzney (1588) 73;
so auch der nd. singular: van dem korne kumpt dat kaf unde van dem molte (
malz) kumpt dat draf
quelle d. ausg. 15. jh. bei Schiller-Lübben 1, 567. B@1@cc)
ähnliche rückstände bei der branntweinherstellung: (
man soll) das wurmstichich obst aufklauben und brandwein daraus brennen; die treber kan man den schweinen geben v. Hohberg
georg. curios. 1 (1682) 125. B@22)
auszerhalb solcher technisch durchsichtigen verwendungen ist die bedeutung sachlich nicht immer eindeutig festzulegen. ganz allgemein bedeutet treber '
geringwertiges, abfall': der hungir wart also gross dar czu, das sy frossin (
fraszen) er aldin schu, spru, trebir, unde waz sy mochtin gehan Joh. Rothe
passion v. 1875
Heinrich; specieller '
gemenge von zerkleinerter, bröckeliger (
abfall-)
substanz',
auch '
speisereste': ein anderer hat noch ein halbes futter im maul, fangt anbey an zu lachen, dasz die treber wie ein schauer oder kiesel über den tisch fallen, als wäre sein maul zu einer spritzkandel worden Stranitzky
ollapotr. 138
Wiener ndr.; ähnlich Tölpel
baurenmoral (1752) 27,
vgl. tröiberer
der beim essen theile von speisen auf den tisch fallen läszt Schöpf
tirol. id. 753;
anders: der auswurf der tiere durch den darmkanal besteht nur zu einem theil aus den träbern und den unzersetzten fasern der nahrungsmittel Thaer
grundz. d. ration. landwirtsch. (1809) 2, 177;
vgl. auch noch die ableitung: trebrach
feste substanz, die beym absieden des käswassers von saurer milch zu boden fällt Schmeller-Fr. 1, 640; Schöpf 753. B@33)
in dem allgemeinen sinne eines gemenges von abfällen ist treber
vor allem '
viehfutter': tröbe
kühfutter, bestehend aus feinem heu, das abgebrüht und mit kleien untermischt wird Lexer
kärnt. wb. 71;
meist '
schweinefutter', '
trank'
; siliqua, cibus porcorum treber
handschriftl. quelle a. d. 15.
jh. bei Schmeller-Fr. 1, 640: der des tages fur diu swin geworfen wirt, so daz er gehaizen wirt diu treber
Trudperter hoh. lied 141, 4
Haupt; die pauren ... hettend desz wüsten so vil fressen alsz die sau der treber Knebel
chron. v. Kaisheim 431
lit. ver.; sprichwörtlich: wer sich unter die treber menget, den fressen die säw Strigenicius
Jonas (1595) 120
b; Jung-Stilling
sämtl. schr. 4 (1835) 101;
danach: weil wir müssen unter den trebern wonen, müssen wir wogen, ob uns die sew fressen Luther 50, 414
W. B@44)
in diesem sinne ist literarisch ungeheuer fruchtbar geworden das vorkommen des wortes an der bibelstelle Luc. 15, 16: und er (
der verlorne sohn) begert ze satten seinen bauch von den trebern (
griech.: ἐκ τῶν κερατίων [
eig. '
johannisbrot']
; vulgata: de siliquis) die die schwein assen
erste deutsche bibel 1, 280
lit. ver.; und er begerte seinen bauch zu füllen mit trebern Luther.
der gesamte gebrauch des wortes in der nhd. literatur, auch auszerhalb der biblisch-kirchlichen sphäre (
s. 5),
steht unter der einwirkung dieser stelle: der verthan sun, der sein substantz in wollust verzert, darnach sovil not geliten, daz er nit trebern ze essen gehabt (1528) Berth. v. Chiemsee
tewtsche theologey 222
Reithm.; und mit in (
den schweinen) aus dem kübel frasz träber und des groben grasz (1582)
Ambraser liederb. 147
Bergmann; geht, leute dieser zeit, und füllt mit trebern euern bauch, löscht euren durst aus pfützen voller sünden B. Schmolck
trost- u. geistr. schr. (1740) 2, 346; da aber das geld verzehrt war, da jagten ihn seine sauffbrüder aus dem haus hinaus und hatten nit so viel mitleiden mit ihm, dasz sie ihm ein wenig treber hätten zu fressen geben B. Schupp
freund in der not 15
ndr. in vermischung mit einer anderen bibelstelle (
Matth. 7, 6): stelle dich nicht gleich denen schweinen, denen die tröber lieber sind als die köstlichen perlen Sperling
Nicodemus quaerens (1719) 2, 100; er (
der adlige) liesz es seinem (
bürgerlichen) weibe empfinden, dasz sie ihn bis zu trebern erniedriget hatte, wie er sich, weil sie pastorstochter war, biblisch ausdrückte Hippel
lebensläufe (1778) 3, 1, 115; haben ihn ... seine angehörigen wie den verlornen sohn angesehen, der es verdiene, zu den schweinen und trebern verwiesen zu werden D. Fr. Strausz
ges. w. 7, 72. B@55)
bildlicher und übertragener gebrauch, auch er völlig beherrscht von der bibelstelle, versteht treber
als schlechte, schädliche speise: der leib überfüllet sich leicht mit den trebern der erde Lohenstein
Arminius (1689) 2, 543
b; anstatt der trebern seinen verstand mit vernünftigen speisen nehren Thomasius
kl. dtsch. schr. (1894) 96; von lauter träbern philosophisch-theologischer spitzfindigkeiten gespeist J. v. Müller
sämtl. w. (1810) 10, 20; nähren sie sich alle von den träbern der phrase P. de Lagarde
dtsche schr. (1886) 177;
anders, nach 2
hin reichend: wie denn der sathan zu allen zeiten sein dreber, trester, kleyen, sprew, schmiere und böse zusetz unter die reine lere brewet und menget Mathesius
Sarepta (1571) 121
b. B@66)
zusammensetzungen mit treber(n)-
sind seit dem 16.
jh. belegt; sie beziehen sich meist auf die technische verarbeitung der treber, s. z. b. treberbier, -branntwein, -grube, -wein;
für die biblische sphäre vgl. treberfresser, -sau: