strömen,
vb. ,
denominativ zu 1strom.
in der neueren zeit gemeingerm.: ndl. stroomen,
engl. stream,
norw. strøyma,
dän. strømme,
schw. strömma.
in den älteren stufen nur belegt me. stre(a)men,
mndl. stro(o)men,
an. streyma.
im nhd. finden sich lexikalisch die ersten notierungen bei Stieler (1691) 2213; Kramer 2 (1702) 1015
c.
litterarisch ältester beleg 1548
bei Stumpf
gemeiner eydgenossenschaft chr. (
s.A 1 a)
als strumen;
wirklich geläufig erst seit dem 18.
jahrh., stets in der form strömen.
bis zur gegenwart specifisch hochsprachlicher ausdruck, der in die maa. kaum eingang gefunden hat; ihn buchen ten Doornkaat-Koolman 3, 341
a; Gilow
de planten 3068; Fischer
ma. d. Samlandes 156
a;
mit entrundung Christa
wb. d. Trierer ma. 2, 202
a;
als strûme Jensen
wb. d. nordfries. spr. d. Wiedingharde 592.
litterarisch ist der umlaut selten unbezeichnet: wasser in solchem uberflusz ..., das, wann es stromete, mächtig genug wäre, eine wassermühle zu treiben Krämer
leben u. tapfere taten (1681) 535; einige flüsse strohmen mitten durch stehende seen Lindenborn
beleucht. Diogenes (1742) 2, 446.
die verwendung des dehnungs-h
in strömen
entspricht dem bei 1strom I 5,
sp. 2
gesagten. bedeutung und gebrauch. strömen
bezeichnet im unterschied zu dem eng sinnverwandten flieszen
die schnelle, mit unwiderstehlicher kraft und meist in verhältnismäsziger breitenausdehnung erfolgende, einseitig gerichtete bewegung concreter wie abstracter medien. den anliegenden begriff auf der anderen seite bildet stürzen: an den hochgebirgen stürzen die wasser weit mehr als dasz sie strömen Ritter
erdk. 1, 81. AA.
intransitiv. A@11)
eigentlich. A@1@aa)
von der bewegung flieszender gewässer: '
mit groszer schnelligkeit, ungestüm flieszen',
seit dem frühnhd. in anknüpfung an die ursprüngliche bedeutung von 1strom '
strömung'
vornehmlich von bächen und quellen: und ist gläublich, dasz es von alter her die Zitter geheiszen habe, von wegen des rauhen und strumenden laufs durch die stein und velsen Stumpf
gem. eydgenossensch. chr. (1548) 5, 88
b; als ein bronnen, der wie strömend kommt geronnen A. Silesius
heil. seelenl. 245
neudr.; und da ich mich nahe des baches steg, da hat ihn der strömende gieszbach hinweg im strudel der wellen gerissen Schiller 11, 384
G.; mit seltsamem geräusch strömt (
die quelle) aus einer felsspalte Moltke
ges. schr. u. denkw. 1, 126;
von solchen stellen in gröszeren gewässern, an denen das wasser reiszend dahinschieszt: an der (
Saale-) brücke, über dem durch die bogen gewaltsam strömenden, eisbelasteten wasser Göthe IV 29, 54
W.; dasz sich die ströme unter starkem wellenschlag und vielen strudeln vermischten, um dann in ein schmales bette zusammengedrängt mit ungestüm weiter zu strömen Droysen
gesch. Alexanders 430, 21.
daher gelegentlich auch für die wasserbewegung von oben nach unten, fast = '
fallen, stürzen': strömt von der hohen steilen felswand der reine strahl Göthe I 2, 56
W.; die zweite (
schale) gibt, sie wird zu reich, der dritten wallend ihre flut, und jede nimmt und gibt zugleich und strömt und ruht C.
F. Meyer
der römische brunnen. in verbindung mit der bedeutungsentwicklung von 1strom
zu '
groszer flusz'
von dessen bewegung: '
breit, majestätisch dahinflieszen': bis wo die Wolge strömm't und Oby sich ergeust Lohenstein
Ibr. sultan (1680) 8, 141;
[] dort strömt aus fernen norischen gebieten die Donau her, der flüsse königin (
bei Wien) Mastalier
gedichte (1774) 4; wo mächtige flüsse ... unaufhaltsam dahin strömen Göthe IV 34, 237
W.; auch die Weser hatte einst deltaländer, und erst mit dem ... 15. und 16. jahrh. ... strömt sie durch einen einzigen ausweg in die Nordsee Allmers
marschenbuch 1, 9.
daher in neuerer zeit sogar '
langsam, gemächlich flieszen': zwischen zwey felsigen ufern ... strömt ein flusz erst rauschend, dann sanft zu uns heran Göthe IV 35, 302
W.; die ufer der langsam strömenden flüsse Naumann
naturgesch. d. vögel 9, 204; wie sie fürbasz strebten, strömten gemächlicher die bergentronnenen wasser Watzlick
phönix (1916) 22.
in der beiden vorstellungen gemeinsamen indifferenten bedeutung '
flieszen'
besonders häufig dort, wo der gleichklang mit '
flusz'
ein synonymon fordert: wo der flusz Garumna strömt Lohenstein
Sophonisbe (1680) 82, 153; die flüsse strömten unter mir Göthe I 19, 74
W.; aber auch sonst: Europa ... nach allen seiten von strömenden wassern und tälern aufgeschlossen Ritter
erdk. 1, 63.
durchaus synonym zu '
flieszendes'
wasser: Hegner
ges. schr. 135; ein röhrensystem, welches durch strömendes wasser kalt gehalten wird Muspratt
chemie (1898) 6, 1070. A@1@bb)
von der starken bewegung geschlossener wassermassen; dabei ist die einseitige richtung der bewegung meist zeitlich begrenzt. vom meer: es bildet nämlich das meer einen tiefen und breiten busen, wohinein die Ostsee bei nord- und nordoststürmen gewaltig zurückschlagend strömt E.
M. Arndt
s. w. 1, 25
R.-M.; noch lag der frühnebel in den tälern, schwer, unbeweglich, zusammengeballt, als hätte überall ein gewaltiges meer geströmt und wäre ... versteinert worden Scheffel
ges. werke (1907) 2, 146.
von wassermassen, die über die ufer getreten sind: immer über schutt und lockere steine, die von den durchhin strömenden fluten irgendwo losgerissen waren Forster
sämtl. schr. 3, 415; der see drohte über die einschlieszenden berge zu strömen Niebuhr
röm. gesch. 2, 228.
anlehnung an das griech. vorbild führt in classizistischer dichtung zur verwendung des part. präs. in allgemeiner bedeutung '
bewegtes, auf und ab wogendes wasser': eingeschifft, durchsegelten sie die strömenden pfade (
ὑγρὰ κέλευθα) Bürger
werke 189, 312
Bohtz; den namen Okeanosstrom beschränkt mein witz auf die strömende meerenge Voss
antisymb. (1824) 2, 10; dich ergriff mit gewalt der alte herrscher des flusses, hält dich und teilet mit dir ewig sein strömendes reich Göthe I 2, 123
W. A@22)
bildlich von anderen beweglichen concretis. A@2@aa)
von flüssigkeiten. die verwendung dieses bildes mit der ihm innewohnenden starken übertreibung beginnt im barock, charakteristischer weise zunächst für blut (
vgl. 1strom II B 1 a
α): was die flamme verschonte, das wurde von den unbarmherzigen Bramanern mit mord und totschlag dermaszen erfüllet, dasz das blut durch die trockenen gassen gleichsam strömte Ziegler
asiat. Banise 649.
im 18.
jahrh. hauptsächlich poetisch, beschränkt auf werke barock übersteigerter diction: er ficht, es strömet blut Zachariae ('
renommist')
poet. schr. 1, 66; blut strömt vom gewaltigen bisz seiner lippen! Gerstenberg
Ugolino 249, 37
dt. nat.-lit. 48.
endlich, seit dem ausgang des 18.
jahrh., allgemein für raschen, fast unaufhörlichen blutverlust: gefährlich sah es aus, weil das blut sehr stark aus der wunde strömte Göthe I 43, 200
W.; dasz die armwunde aufs neue zu strömen begann Fouqué
altsächsischer bildersaal 2, 70,
und, bildmäszig noch verschwommener, für ungewöhnliches blutvergieszen: in der verwirrung hieben die cohorten ein tor auf und das blut strömte bis zum anbruch des tages Niebuhr
röm. gesch. 3, 281; auf denen (
feldern) stockte keine kanone und strömte es wie bei Quatrebras! Luise v. François
letzte Reckenburgerin (1871) 1, 54.
in anderer weise wird das bild des strömens
als eines raschen, unwiderstehlichen [] flieszens in einem bett seit dem beginn des 19.
jahrh. wieder aufgenommen zur bezeichnung des (
meist beschleunigt gedachten)
kreislaufs des blutes in den adern: fragt ehrbegier'ge liebe nach geburt: wes blut strömt edler als der fräulein Blanka?
Shakespeare 1, 36.
meist zum ausdruck einer starken gefühlserregung: Peregrinus, dem das blut glühendheisz durch die adern strömte E. Th. A. Hoffmann
sämtl. werke 12, 29
Grisebach; sein blut strömt wild zum herzen Kind
gedichte (1817
ff.) 3, 120; heiszer zum herzen strömt dir das blut W. Arent
aus tiefster seele (1885) 61.
schlieszlich ohne besondere beziehung auf das blut für die körperliche reaction von gefühlswallungen: da strömte mir's kalt von der scheitel, da pochte mir das herz mit macht Kretschmann
sämtl. werke 1, 159; nun setzt es an und trinkt und trinkt, durch alle adern strömt das heil Droste-Hülshoff
werke (1879) 2, 42; ich glaubte es zu fühlen, wie die lebenswärme durch ihre jungen glieder strömte Storm
werke (1899) 1, 88.
ebenso beliebt für heftigen, meist durch gefühlserschütterungen verursachten thränenergusz: die tränen strömten von den wangen Lichtwer
äsop. fabeln (1748) 54; freylich schmerzt es; freylich strömte von dem aug' ein tränenbach Schönaich
Heinrich d. vogler (1757) 61; die hellen tränen strömten ihm über die wangen E.
M. Arndt
sämtl. werke 1, 185; sie trocknet sich plötzlich die augen, welche ihr längst schon strömten, und spricht Hebbel
mutter und kind 114.
im part. präs. gern innerhalb einer adverbialen bestimmung: die reisende netzte die kissen ihrer lohnkutsche mit reichlich strömenden zähren Holtei
erz. schr. 2, 218; unter strömenden tränen Treitschke
dt. gesch. im 19.
jahrh. 4, 131; Raabe
Horacker (1876) 90; und hält mit strömendem auge das bleiche weib umfaszt Gaudy
sämtl. werke 8, 52 (die augen strömen
in anderer bedeutung s. 3 e,
sp. 57).
seltener von anderen flüssigkeiten: begeisternder, belebter wein! du ... sollt gleich, (brüder! schenket ein!) dich strömend jetzt in mich ergieszen Hagedorn
vers. einiger ged. 34, 314
neudr.; ein freudentag sei heute! ... ... es soll nicht blut, nur wein soll heute strömen! Stolberg
ges. werke 4, 58; die milch in bächen fleuszt, und honig aus der gespaltenen eiche strömet Ramler
lyr. gedichte (1772) 178; wenn ich des morgens unter einem berge von decken curgemäsz in strömenden schweisz gelangt war Laube
ges. schr. 1, 235; sie drehte den hahn und liesz sich das klare wasser über die kleinen gebräunten hände strömen G. Keller
ges. werke 1, 182.
von sehr langsamer bewegung: dasz die bahn des abwärts strömenden bildungssaftes unterbrochen werde Roszmäszler
d. wald (1863) 172;
bereits ins geistige übertragen: nachdem auf diese weise die peripherie des kreises beschrieben war, strömte eine zeit lang das mark der deutschen literatur nach dem mittelpunkte hin und sammelte sich in Weimar und Jena Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 4, 13. A@2@bb)
das ursprüngliche bild ist völlig zerstört bei der übertragung auf den regen; strömen
hier lediglich zur bezeichnung für die ungewöhnliche menge und dichtigkeit des regenfalls: verschwunden vom himmel sind wolken voll nacht: den seen und den flüssen in strömenden güssen zum opfer gebracht! Matthisson
schr. (1825) 1, 22;
[] als es auf unerhörte weise, und gleich einem wolkenbruch, vom himmel herab zu strömen begann Pückler
tutti frutti 2, 236; vierzig tage lang strömte der regen und vierzig nächte auf die sündige welt Mörike
werke 1, 79
Göschen; drauszen strömte unablässig noch der regen Storm
werke (1899) 4, 140.
wie bei thränen
gern im part. präs. innerhalb einer adverbialen bestimmung in, bei, unter strömendem regen: Nietzsche
werke 1, 501; Moltke
ges. schr. u. denkw. 3, 67.
selten abgeschwächt für den ruhigen, gleichmäszigen, nicht sonderlich starken regenfall: bald wird ... der ruhig strömende regen kommen de Lagarde
dt. schr. 491; ein regen strömt mild und erquickend durch die heisze luft Tieck
schr. (1828) 1, 95. A@2@cc)
von der bewegung nicht-flüssiger concreter stoffe und medien. von dem spürbaren zuge der luft: der wind ist eine strömende luft, welche auf eine ungewisse art ebbet und flutet Rode
Vitruvius' baukunst (1796) 1, 43; sie behauptete, es ströme ihr eine gesunde luft entgegen A. v. Arnim
werke 9, 183
Grimm; wie strömender hauch des nachtwindes E. Th. A. Hoffmann
sämtl. werke 4, 25
Grisebach; in kleineren verhältnissen: holde düfte strömten von den blüten Körner
werke 2, 22
Hempel; ihr heiszer atem strömte in mein ohr G. Keller
ges. werke 2, 201; wir lassen wasserstoffgas auf platinschwamm strömen Liebig
chem. br. 98.
ungewöhnlich: der rasende lauf war den tieren (
pferden) natur; ebenmäszig schlugen die herzen, ebenmäszig strömten die lungen Schaeffer
d. prisma 509.
von dem in scharf begrenzter bahn daherfluthenden licht: um seinen thron her strömt ein licht J. A. Cramer
sämtl. gedichte 1, 31; wenn itzo der mond in den dunkeln ... kreuzgang einen langen strahl von strömendem lichte hineinwirft
briefe d. neueste litt. betr. 11 (1761), 106; er zog die vorhänge zurück, so dasz das mondlicht voll ins zimmer strömte Storm
werke (1899) 3, 68.
unschärfer vom feuer, meist poetisch: deine fackel leuchtet hoch, wehet strömender von neuem Overbeck
samml. verm. ged. (1794) 16; da strömte feuer aus über die wälder maler Müller
werke 1, 39;
bildlich: wütend glüht sein gesicht. feuer strömt aus den augen Göthe I 49, 102
W. sonstiges: und leiser, leiser wiegt sich die najade, beginnt ihr strömend flockenhaar zu breiten Droste-Hülshoff
werke (1879) 1, 194; im weste strömt sein friedenskleid noch weiszer, als der jüngste schnee Denis
lieder Sineds (1772) 96, 6.
bereits stark in abstraction hinübergleitend: das geld strömt aus allen cassen und winkeln hervor Haller
restaur. d. staatswiss. (1816
ff.) 2, 92; die reichtümer, die nach Rom strömten Mommsen
röm. gesch. 1, 277;
noch wirklichkeitsferner: heute speiste ich an der strömenden tafel eines groszen Schubart
leben u. gesinn. 1, 283; bald strömten täler voll blumen um ihn, bald erhoben ihn heisze, leere hügelufer Jean Paul
werke 7—10, 173
Hempel. A@2@dd)
von der fortpflanzung der elektrizität: die materie ströhmte so stark aus, dasz es sauste wie ein starker blasebalg, gegen abend leuchtete die schnur umher Lichtenberg
briefe 2, 122; mit ketten werd ich dann in verbindung gebracht, und die elektricität strömt durch mich W. Grimm
an Jacob, briefw. (1881) 125; Fontane
s. unter 1strom C 2 (
sp. 36).
zum vergleich für die auswirkung geistig-seelischer vorgänge: und welche nicht geteilte lust ist wohl dem häuslichen ergetzen, das immerfort von brust zu brust elektrisch strömet, gleich zu schätzen? Ebert
episteln u. verm. ged. (1789) 134;
[] diese nur scheinbare offenheit ... strömt ihren stoff aus ins weite ... wie eine elektrische spitze Schleiermacher im
Athenäum 1, 98. A@2@ee)
von menschenmassen, die sich '
wie ein strom'
unwiderstehlich in einer richtung mehr oder weniger schnell vorwärts bewegen. weitaus am häufigsten ist dabei die angabe des ziels: nun strömen ihre cohorten ins blachfeld weit und breit Kretschmann
sämtl. werke 1, 94; gedränge der emigrirten, die nun diesseits nach Deutschland strömten Göthe I 33, 206
W.; der ganze adel strömt nach dem rathaus Schiller 3, 35
G.; seit Metell der consul die elephanten aus Sicilien dort in verwahrung hält, strömt alles hin Collin
Regulus (1802) 21.
so fast formelhaft: zu den waffen Schleiermacher
sämtl. werke II 4, 45; ins theater Kerner
bilderbuch 108; Hebbel
briefe 4, 400; nach der kirche Schiller 4, 35
G.; zu der predigt strömen Ranke
sämtl. werke 2, 252.
ungleich seltener ist die angabe des ausgangspunktes, von dem aus eine menschenmenge wie aus einer stromenge sich ergieszt: aus dörfern und aus städten wimmelnd strömt ein jauchzend volk Schiller 12, 89
G.; gerade so strömten die geputzten aus der stadt Ludwig
ges. schr. 2, 399.
beides vereinigt: eine menge volks strömte nun von allen seiten zum jungen freistaat Allmers
marschenbuch 1, 397; nach Wittenberg strömten die schüler von allen gegenden her Scherer
litter. gesch.7 285.
die ursprünglich wesenhafte einseitigkeit der bewegung wird verallgemeinert zur vorstellung der bloszen unruhigen hin- und herbewegung von massen: der prinz wurde mit jubel empfangen, und die menge strömte überall um ihn Heinse
sämtl. werke 5, 266
Schüddekopf; die menschheit trödelt und strömt lachend und sicher Laube
ges. schr. 4, 4; ich betrat das universitätsgebäude, auf dessen treppen und flüren die eigentliche staatsjugend der verschiedensten länder durcheinander strömte G. Keller
ges. werke 3, 14. A@33)
übertragen von abstracten, zumeist geistig-seelischen vorgängen. genau entsprechend verbreitet und angewendet wie 1strom II B 3 (
s. sp. 25
ff.).
in dieser verwendung am reichsten entfaltet. A@3@aa)
von akustischen vorgängen, bei denen die klänge in langer, ununterbrochener, meist sehr schneller reihe aufeinander folgen. nur selten noch als bild empfunden: indessen strömt sein mund von rauschendem geschwätze Hagedorn
poet. werke (1769) 1, 90; endloser noch aber strömte der redeflusz v.
d. Steinen
naturvölker Zentralbrasiliens 466.
meist ganz unbildhaft zur charakterisierung einer ununterbrochenen, raschen, meist aus seelischer erregung geborenen klangfolge: himmlische worte strömeten ihr! Klopstock
oden (1889) 2, 149, 32; und ich war fern, und hört' es nicht, nicht der saiten silbertöne strömen
ebd. 1, 230, 6; da strömte durch den eichengang im walde wonniger gesang Kretschmann
sämtl. werke 1, 40; ja, ich verlor's! so strömt ihr klagen denn! Göthe I 10, 309
W.; vgl. I 9, 74, 489; wenn die klänge der orgel brausend strömen Gutzkow
ritter vom geiste 9, 422; der unumwundene, strömende ergusz des gesanges Vischer
ästhetik 3
4, 928; in strömendem ergusz der rede Scheffel
ges. werke (1907) 3, 20.
daher geradezu formelhaft strömende beredsamkeit
eines menschen Klinger
werke 10, 79; Chr. Fr. Schulz
reise eines Livländers 4, 52;
ähnlich strömende rhetorik A. W. Schlegel im
Athenäum 1, 154; strömende rede Laube
ges. schr. 1, 281; 2, 230.
in der umgangssprache vornehmlich mit angabe des ausgangspunktes; am üblichsten und fast redensartlich worte, gedanken, lehren, flüche strömen, ein gefühl, gebet strömt
[] von den lippen: Zimmermann
von d. nationalstolze 232; Archenholz
England u. Italien 1, 2, 548; 2, 166; Knigge
umgang mit menschen (1796) 3, 93; über die lippen: Pfeffel
poet. versuche 2, 201; Alexis
erste bürgerpflicht 1, 1;
seltener aus dem munde: Klinger
werke 3, 157; Göthe I 43, 124, 6
W.; Schiller 12, 454
G.; Treitschke
hist. u. polit. aufsätze 1, 138.
entfernter und wesentlich poetisch mit anderen angaben: (
die) stimme Fiordimonens, die, möcht ich sagen, wie ein arm so stark aus ihrer kehle strömt Heinse
sämtl. werke 4, 371
Schüddekopf; jene leicht verfliegende (
schande) wohl, die von der zunge des pöbels strömt Lessing 2, 361, 30
L.-M. A@3@bb)
von dem ununterbrochenen, gleichmäszigen und gleichgerichteten ablauf der zeit: allverwandelnd strömet die zeit hin über das weltall Bode
Montaignes ged. u. mein. 4, 587; in dieser anschauung scheint der mensch die ewige zeit zu fassen, die ... aus dem reichen füllhorn der natur strömt Fr. Schlegel
pros. jugendschr. 1, 24/5
Minor. speciell dann, wenn ihr verlauf in gesteigertem lebensgefühl als besonders rasch und unhemmbar empfunden wird: hier war die zeit strömend, fordernd und tätig, aber nicht betrachtend und sich selbst genugtuend Göthe I 29, 83
W.; strömen und verrinnen lasz die alte zeit Scheffel
ges. werke (1907) 2, 156. A@3@cc)
von dem '
strom des lebens',
fast ausschlieszlich in dichterisch erhöhter sprache. bildhaft: voller strömte seines lebens born Schubart
sämtl. ged. 1, 110; drum wird der lebensstrom auch nur ganz langsam flieszen ... er strömt so voll so selbstgefühlig in diesem reinen edlen bett Bettine
Brentanos frühlingskranz 84;
meist abgeblaszter: dahin ströme all mein leben! Jacobi
werke 5, 120; laszt jedem bürger geben den raum zu wort und tat, und strömen wird das leben vom bürger in den rat Schenkendorf
gedichte (1815) 176; es strömte neues leben ins kranke herz hinein Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. 1, 114; die welt strömt immer fort, wie ein unendliches meer Pückler
tutti frutti 4, 70. A@3@dd)
von dem ununterbrochenen flusz dichterischer eingebung: seine poetische ader strömt mit gleicher stärke vom anfange bis zum ende Ramler
einl. in d. sch. wiss. 3, 64; beym dritten kapitel ... ströhmts von einfällen der überschriften! Gerstenberg
recensionen 329
lit.-denkm.; kein wunder, dasz ich mich erregt fühlte, und dasz sogar die verse strömten Hebbel
briefe 6, 163;
stärker bildhaft: in dem überreich strömenden quell des kunstlosen volksliedes W. H. Riehl
dt. arbeit 67; der quell der poesie in uns kann wohl zu zeiten weniger voll strömen Spielhagen
sämtl. werke 1, 60.
ebenso von dem glatten, ebenmäszigen flusz der dichterischen form und darstellung: seine sonst so strömenden griechischen sylbenmaasze Herder 5, 175
S.; die fabel strömt in ruhiger, unbewuszter breite J. Grimm
Reinhart fuchs (1834) xi; du hast sicher schon das licht der welt mit lateinischem vers begrüszt; das klingt und strömt ja, als wäre Virgil aus dem grabe gestiegen Scheffel
ges. werke (1907) 2, 101. A@3@ee)
von einer anhaltenden, starken gemüthsbewegung, empfindung, die gleichsinnig, ebenmäszig die seele durchzieht. seit dem 18.
jahrh. beliebt. zuerst oft in anschaulichem bild, veranlaszt wohl meist durch eine metapher derselben sphäre: unerschöpfter quell des segens! ströme, fliesze täglich breiter Stoppe
Parnasz (1735) 405;
barock empfunden: dort (
im himmel) strömt ein freudenmeer, das immer überläuft Triller
poet. betracht. 1, 120.
zumal seit dem 19.
jahrh. unbildhaft. mit angabe des punktes, von dem die empfindung ausstrahlt: entzücken strömt
[] aus seinen strahlenden augen maler Müller
werke (1811) 1, 14; seele strömt aus jedem ihrer blicke, aus jeder ihrer bewegungen Pückler
briefw. u. tageb. 1, 459; strömt dir aus dem buch der bücher kraft und trost im kampfgewühle Fr. W. Weber
Dreizehnlinden136 15;
oft ganz abstract: wollust strömt aus allen sinnen Gotter
gedichte 1, 180; die heiligsprechung des toten kaisers strömt aus allen edlen herzen Heine
werke 3, 454
Elster. ebenso häufig mit angabe des ziels, zu dem das gefühl strömt: die freude strömt von allen seiten in mein herz Pfeffel
pros. vers. 5, 131; entzückung strömt in mein gebein! Hölderlin
ges. dicht. 1, 97
Litzm.; auf sein haus strömt voller segen Brentano
ges. schr. (1852) 3, 236.
dichterisch für den stark gefühlsbestimmten blick des auges: ... ringsum strömte der erwartung blick auf Jesus Klopstock
Messias 6, 418; aber vergebens strömt sein räub'rischer blick in höhlen der bäume Lenz
gedichte 35
Weinhold; wer ihn so gesehen hätte, wie er in selbstvergessenheit die augen über die gemalte landschaft strömen liesz Stifter
sämtl. werke 1, 24 (
vgl. dagegen die gewöhnliche bedeutung '
weinen' 2 a,
sp. 53).
ohne angabe von ausgangs- oder zielpunkt erscheint die bewegung unruhiger und löst sich damit von der grundvorstellung los: wann sie in ihrer flur als sanfte schatten liegen, so ströhmet um sie her ein himmlisches vergnügen Neukirch
anfangsgründe z. teutschen poes. 766; dich hab' ich erzogen; doch weh mir, du bist nicht die meine! das strömt oft, wie wogen, durchs herz mir — dann geh' ich und weine Gotter
gedichte 3, lxxvii.
besonders deutlich wird diese ablösung bei absolutem gebrauch: ... mir strömet das herz! und ich weine vor wonne Klopstock
werke 6, 293; mir ist von jenen kein gedicht bekannt, wo sanfte empfindung ströme Herder 5, 165
S.;
so gern im part. präs.: seine nachmittage übergab er bald einer strömenden laune Jean Paul
werke 7—10, 103
Hempel; felsen mögen widerhallen euer strömendes gefühl! Novalis
schr. 1, 90
Minor; sie fanden musze genug, ihre herzen immer klarer und strömender zu machen Gutzkow
ges. werke 4, 28; aus tiefer, strömender hingegebenheit redete ... seine untergetauchte seele zu sich Stehr
drei nächte (1925) 55. A@3@ff)
mannigfach sonst mit abstractem regens, meist ohne jede bildhafte vorstellung: wer ist, dem ... nicht noch andre gedanken ... in die seele strömen? Herder 17, 184
S.; wo aus ernster, tiefer brust weisheit strömt und sangeslust Böhme
lieder d. Deutschen im 18. u. 19. jahrh. 7; er, der geliebte heiland, der mittelpunkt des lebens und der liebe, strömte durch alle adern der natur, sprach durch jede form zu mir Steffens
was ich erlebte 1, 159; die lebensdata, die taten, wo sich denkart äuszert, sind bei ihm wenig oder nichts — mit einmal strömt seiten herab ein charakter Herder 3, 455
S.; die gute arbeit strömt von ihren fleisz'gen händen Brentano
ges. schr. 2, 569; diese stille, die ... mir wie einen schlummer durch den kopf strömte Bettine
Günderode 1, 318; rauschende wälder, flüsternde quellen, strömender ahnung spielende wellen mit mir o klaget! E. Th. A. Hoffmann
sämtl. werke 10, 164
Grisebach; über alle wipfel der dunklen tannen hin ergieszt sich dir nach jeder richtung eine unermesz'ne aussicht, strömend in deine augen und sie fast mit glanz erdrückend Stifter
sämtl. werke 1, 216.
[] BB.
transitiv. B@11)
nur in rhetorisch-gesteigertem, priesterlich-erhöhtem sprachstil, hauptsächlich in versen, kaum in rhythmischer prosa; der gebrauchsprosa und umgangssprache zu allen zeiten fremd. in allen fällen des intransitiven gebrauchs in bildlicher wie übertragener bedeutung (A 2
und 3)
verwendet. gelegentlich im barock: des sultans seele schwimmt in einer wüsten see, die flammen auf die brust strömmt, in die glieder schnee Lohenstein
Ibr. sultan (1680) 22; es ströhmte neben ihm die liebliche sirene durch ihre silberflut ein jauchzendes getöne Hoffmannswaldau
u. a. ged. 2, 224
Neukirch. zu einem in bewuszt künstlerischer absicht gern angewendeten stilmittel wird diese construction bei Klopstock: ... lichtglanz strömten die sterne aus den meeren, und von den gebirgen
Messias 16, 574; ... von dem hohen, treffenden auge strömet er rache
ebd. 13, 967; ... dasz mein geweihter arm ... flammen ins herz der erlösten ströme
werke 1, 89;
vgl. Messias 4, 102; 17, 705;
werke 1, 18; 7, 30; 7, 230.
das übt nachhaltigen einflusz (
vgl. dazu Paul
dt. gr. 4, § 215);
noch wenig auf die zeitgenossen: ein feuer ..., das wollust strömt und wollust fodert Pfeffel
poet. versuche 2, 164; da strömt ihr silberstrom unsterblichkeit! Gerstenberg
Ugolino 257, 10
nat.-lit. 48;
stark auf die sprachlich verwandten zielen wie Klopstock zustrebenden dichter der beiden folgenden litterarischen generationen. im sturm und drang: eine schale hielt selbst in der rechten die reizende Dido, strömte sie einer weiszlichen kuh hoch zwischen die hörner Bürger
werke 245, 70
Bohtz; senkrecht strömet die sonne feuer auf fluren und hayden Lenz
ged. 33
Weinhold; darauf strömte er seine gefühle in die saiten Heinse
sämtl. werke 5, 8
Schüddekopf; sogar neuer tag, wie strömst du neues leben in alle meine glieder U. Bräker
sämtl. schr. 2, 87.
in der classik, zumal in den dem einflusz Klopstocks und des sturms und drangs besonders offenen jugendwerken: nur dem stillen genusz ström' ich erquickenden trank Herder 26, 12
S.; Jupiter pluvius! dich, dich strömt mein lied Göthe I 2, 69
W.; ein blick, der mich an jenes meer entrückte, das flutend strömt gesteigerte gestalten
ebd. 3, 93; heldenmut und unerschrockenheit ströhmen leben und kraft durch adern und muskeln Schiller 1, 170
G. zurückhaltender bereits in der romantik: auch hast du ... uns ermahnt, zu strömen unsre zorn'ge racheglut auf dies barbarenvolk Fouqué
altsächsischer bildersaal 1, 73; strömt die natur nicht leben? Bettine
dies buch gehört dem könig 2, 370.
später nur in formstrenger classizistischer dichtung: des berges schatz ström' erzreich quell auf quell Droysen
Aischylos3 160; ich bin nur wasser, das nichts kann als flieszen; doch geb ich gleich den welken blättern saft, wenn sie (
die wirtin) mich drüber strömt Rückert
werke (1867
ff.) 3, 121,
und bei sprachlichen eigentönern: der schmerz strömte seinen regen über die wange Ludwig
ges. schr. 1, 226; milchwarme weisheit, süszen tau der liebe ströme ich über das land Nietzsche
werke 8, 361. B@22)
in nautischer fachsprache: die ankerboje strömen,
d. h. sie auswerfen Röding
allg. wb. d. marine 2, 750; Bobrik
see-wb. 674
b; Hoyer-Kreuter
technol. wb. 1, 746.