stief ,
erstes glied in zusammensetzungen mit den namen der nächsten verwandten, um zu bezeichnen, dasz das verwandtschaftsverhältnis nicht leiblich ist, sondern erst durch wiederverheiratung eines elternteils entstand. herkunft und form. gemeingermanisch, doch für das got. nicht bezeugt: ahd. steof-, stiuf-,
mhd. stief-;
altnd. stief-, stēf-,
mnd. stēf-,
mndl. ndl. stief-;
afries. stiap-, stiep-;
ags. stéop-,
engl. step-;
altnord. stjúp-,
auch stýp-,
norw. dial. styv-,
altschwed. stiup-, stiuf-,
schwed. styf-.
älter dän. stef-,
dän. stif
beruhen auf entlehnung aus dem mnd. bzw. nhd. häufiger ist jetzt die volksetymologisch von stef-
aus gebildete form sted- (
zu sted '
stelle'),
s. Falk-Torp 2, 1161. —
dazu, in selbständigem gebrauch, altnord. stjúpr,
m., '
stiefsohn', stjúpa,
f., '
stiefmutter'. —
in verbindung mit den gewöhnlichen verwandtschaftsbezeichnungen des eltern-, kind- und geschwisterverhältnisses ist stief-
in obd., md. und nd. mundarten allgemein. eine ursprüngliche bedeutung '
beraubt, verwaist',
eigentlich '
abgestumpft'
ist noch überliefert in ags. stéopbearn, stéopcild, '
elternloses, verwaistes kind' (Bosworth-Toller 916
a),
sowie in den verbalen ableitungen ags. ástíped, bestíped '
der eltern, der söhne, des himmlischen reiches beraubt' (
ebda suppl. 53
a, 85
a),
ahd. stiufen, ar-, bistiufen (
liberis, filio)
orbare, (
urbem civibus)
viduare' (
ahd. gl. 1, 286, 13; 316, 64; 2, 663, 42
u. ö.),
frühmhd. dann auch '
der eltern berauben'
in werden chint siniu weisen — bestiuftiu '
fiant filii eius orphani'
Windberger psalmen 108, 8
Graff. damit stellt sich das urgerm. *steupa- zur wurzel *(s)teub-, *steup- 'schlagen, stoszen', dann 'abhauen, abstoszen, abstumpfen', vgl. altnord. stúfr 'stumpf', stýfa 'abstumpfen, abhauen', mhd. stouf 'becher', eigentlich 'stutzbecher', s. Ehrismann in:
beitr. 18, 218
ff., Walde-Pokorny 2, 619
, Fick
idg. wb.4 497, Falk-Torp 2, 1161
. die besondere anwendung von *steupa- auf das verhältnis zwischen dem halbverwaisten kind und seinem durch die wiederverheiratung der mutter oder des vaters neu erworbenen elternteil und die verbindung sowohl mit -kind etc. wie mit -vater etc. gehört dem urgerm. an (s. Schrader
reallex. 2
2, 484
); weniger allgemein ist die unter den altgerm. dialekten nur für das ahd. bezeugte übertragung auf das verhältnis zwischen geschwistern aus verschiedenen ehen. hier gelten (im sinne der halben, auf die abkunft von einem gemeinsamen elternteil beschränkten geschwisterschaft) auszerhalb des hd. zunächst nur zss. mit halb-, vgl. altnord. halfbróðir; altfries. halfbroder; mnd. halfsusken; mndl. halfbroeder (neben seltenem stief-), halfsuster; mengl. halfbrōþer (ca. 1300), halfsüster (ca. 1205). über die verbreitung von stief- in entsprechenden verbindungen vgl. s. v. stiefbruder und stiefschwester. das im nd. und ndl. seit ältester zeit im auslaut herrschende -f an stelle des zu erwartenden -p ist wohl nicht als entlehnung aus dem hd. (Sarauw
nd. forschungen 1
, 362) zu erklären, sondern beruht auf assimilation des ursprünglichen -p an den anlautenden spiranten in -vader und übertragung auf die übrigen fälle, vgl. Lasch
mnd. gr. (1914) 153
; über ähnliche assimilationsvorgänge in den skand. sprachen vgl. Falk-Torp 2, 1161
, Torp 739
b, Hellquist 894
a. nur ganz vereinzelt erscheint im mnd. -p: stiepkindere (ca. 1310) gesch.-qu. d. prov. Sachsen 14, 357 Hertel; über entsprechende formen im mndl. vgl. Verwijs-Verdam 7, 2124
. auch die modernen nd. maa. haben durchweg -f, darunter z. b. auch ostfries. stēf- Doornkaat-Koolm. 3, 304
b; vgl. dagegen nordfries. stjipp- Schmidt-Petersen 128
a, stjap- Jensen 575
; westfries. stiep- Hettema
id. fris. 471
. — an stelle des inlautenden diphthongs erscheint spätahd. bisweilen ū, das wohl ü meint, s. Braune
ahd. gr. § 49
anm. 1, und auch uo: stufsun ahd. gl. 3, 66, 15 (13. jh.); stuufsun 2, 467, 32 (11. jh.); stuphsun 3, 426, 16 (13. jh.); stuofmuoter 4, 81, 46 (12. jh.). selten später: stuffbruder bei Diefenbach 383
c; stufsun ebda 235a. — seit der mhd. zeit ist ie gewöhnlich, doch finden sich bis ins 17. jh. dem altobd. iu entsprechende ausweichungen. als ü (vgl. Paul-Gierach
mhd. gr. 40
) besonders schwäb. und alem., vgl. z. b. stiuftochter (schwäb. 14. jh.) schauspiele d. mittelalt. 1, 152 Mone; stiufsun (1342) urkdb. d. st. Augsburg 1, 376 Meyer; stúffmuotter Elsbeth Stagel 101
V.; stffkind Tschudi
chron. Helv. (1734) 1, 115
; stüffbrüöderen eidgen. absch. von 1655 bei Staub-Tobler 5, 422
. neben gewöhnlichem stief- auch bei Lehman
: stüffmütterlein flor. polit. (1662) 3, 161; und bei Luther
: stfmuoter 10, 3, 253 W. — als eu, bes. im bair., mundartl. oi, ui entsprechend (s. Schmeller-Fr. 2, 737
), z. b. steufmuoter Heinrich v.
d. Türlin
crone 11600
hs. V; stewfmueter Ulr. Füetrer
bayer. chron. 164
Spiller; steufchind Erlauer spiele 104 Kummer (daneben auch stefchinder ebda 103); steufmueter (16. jh.) österr. weist. 9, 786, 42. seltener im schwäb.: steufmuoter (1332) Hohenl. urkdb. 2, 333 Weller; steuffvatter (Augsb. 1516) städtechron. 25, 49. — seltener als ui: stuiff muoter, stuiff vatter bei Diefenbach 624
a. im schwäb. (vgl. Jutz
alem. maa. [1931] 104
): stuifsun (Augsb. 15. jh.) städtechron. 22, 1; stuifvatter ebda 22, 151. vereinzelt auch als ei: schwäb. steifbruder Zimmer. chron. 12, 119 B. vgl. steifdochter oberd. vocab. 1462 bei Diefenbach
gloss. 235
a. — nd. steifsun, steifdochter (15. jh.) ebda. stief- erscheint zunächst ganz auf die function als compositionsglied beschränkt. in: anus i. stiuf ahd. gl. 2, 470, 31 (zu Prudentius contra Symm. 2, 177) ist als zweites compositionsglied wohl muoter aus matrem (ebda 2, 176) zu ergänzen, vgl. Steinmeyer
a. a. o. — erst im älternhd. zeigen sich ansätze, stief- aus sonst festen verbindungen zu lösen. so durch anfügung einer flexionsendung: eyn styeffe dochter Diefenbach 235
a; meyne ... stiffe muter stadtb. v. Brüx 129 Schlesinger; meyns stieffs sonsz ... kind Luther 10, 2, 281
W.; ebenso 10, 2, 266 W. — in einigen kaum voneinander abhängigen fällen hat die formelhafte verbindung frau mutter (s. teil 6, 2807) die alte zusammensetzung stiefmutter gesprengt: bei seiner stief fraw muetter Zimmer. chr. 32, 55 B.; zu meiner stief fraumutter A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 3, 529
; eine stieff fraw mutter Elis.-Charl. v. Orleans
br. 400
Menzel. — über den vollkommen selbständigen gebrauch von stief als adj. s. unten 4. bedeutung und gebrauch. 11)
dem deutschen stief-
kommt von anfang an die auf das besondere verwandtschaftsverhältnis gerichtete bedeutung als hauptbedeutung zu. 1@aa)
zu den schon ahd. bezeugten zss. stiefvater, -mutter, -sohn, -tochter, -kind, -bruder, -schwester
kommt mhd. nur das vereinzelte stiufkneht '
stiefsohn'
wahtelmaere 126
bei Wackernagel
altdt. leseb. (1859) 973.
synonyme nhd. bezeichnungen sind stiefmama, -papa;
ferner mundartlich stiefjunge '
stiefsohn', -mädchen '
stieftochter' Hertel
Thür. 235; stiefätti '
stiefvater' Staub-Tobler 1, 586,
vgl. Frisius
dict. (1556) 1394
a.
gleichfalls nhd. sind die zusammenfassenden bildungen stiefeltern, stiefgeschwister. —
nd. ist stēfmōme, -mōne '
stiefmutter' Schiller-Lübben 4, 396,
heute gewöhnlich von stēfmōder
verdrängt, s. Schambach
Göttingen 208
b,
vgl. u. stiefmühmchen. 1@bb)
seit dem älternhd. auch auf auszerhalb des eltern-, kind- und geschwisterverhältnisses liegende verwandtschaftsgrade angewandt, vgl. z. b. stiefgroszvater, -base, -schwieger, -eidam;
doch bleibt der gebrauch im verhältnis zu a
stets beschränkt. 1@cc)
selten ist die beziehung auf das kebsverhältnis: stif und käbs
loco illigitimi quod est Schottel 436; stieff, stiff
illegitimus, spurius Aler
dict. (1727) 2, 1837
a. 22)
in allen verwendungen zeigt stief-
sehr häufig den pejorativen beisinn des lieblos, hart, ungerecht behandelnden bzw. behandelten, bei übertragener verwendung auch mit verallgemeinerung des falschen, bösen, dem rechten entgegengesetzten überhaupt. dieser beisinn ergibt sich sachlich aus der besonderen art des verwandtschaftsverhältnisses; ob er letztlich auf der ursprünglichen bedeutung von *steupa- '
beraubt, verwaist' (
s. o. sp. 2767)
beruht, ist nicht zu erweisen. ausgehend von dem pejorativen beisinn erscheint stief-
nhd., besonders seit dem 17.
jh., in poetischer sprache bildlich oder übertragen in freien, auszerhalb der verwandtschaftssphäre stehenden verbindungen mit der bedeutung zunächst '
einem stiefvater u. s. w. im schlechten sinne vergleichbar oder angemessen',
häufiger allgemein '
böse, schlecht'. 2@aa)
mit personenbezeichnungen und personificierten abstracten, vgl. z. b. stiefbeherrscher, -glück;
ferner: stiefcollege J. B. Michaelis
poet. w. (1783) 116; stiefkönig Varnhagen v. Ense
tageb. 5, 131;
auch stief-Shakespeares '
unwürdige nachfolger Shakespeares' Jean Paul 42 -43, 70
H. 2@bb)
mit abstracten, vgl. z. b. stiefgemüt. 2@cc)
selten mit sachbezeichnungen, vgl. stiefgewächs, -groschen. 33)
in neuerer zeit erscheint stief
hin und wieder collectivisch oder abkürzend, als mehr oder weniger selbständiges wort in adject. oder adverb. function, s. auch oben 1 c. 3@aa)
im sinne von stiefverwandt.
sprichwörtlich im nd.: ock secht men: steef ys selden leef Nic. Gryse
leienbibel (1604) 3, 14
b;
so noch Frischbier
preusz. wb. 2, 371
a.
prädicativ neben dem hilfsverbum sein: (
meine tochter) die mir zwar nur stief ist, aber — das weisz die ganze stadt — geliebt wie eine eigne Bauernfeld
ges. schr. 1, 167.
so auch in der mundart: vom vater sind wir stief ('
halbverschwistert'), von der mutter ist sie stief mit mir Spiesz
henneberg. 243; dat is man steef '
nicht leiblich' Dähnert
pomm. 458
b.
selten flectiert in attrib. gebrauch: wie gold und silber dort zum spiel mich riefe, ich hörte wenig nur darauf, ich achtete sie als geschwister, aber nur als stiefe Rückert 3, 146. 3@bb) stiefmütterlich 2
entsprechend, '
hart, grausam': böses glück, o wehe, wie behandelst du mich stief, nicht als kind aus rechter ehe! Rückert 2, 195; wie meine mutter lieb ich dich, o Mark! mag mich die welt mit meinem lieben necken, du lachst mir hell mit deinen haidestrecken, die selbst der lenz so stief bedenkt und karg
M. A. Niendorf
die Hegler mühle (1861) 30.
vgl. hierzu die zss. stiefgeliebt, -gesinnt, -geworden.